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Auf hoher See

Zum Buch

Ernste und heitere Geschichten aus dem Leben deutscher Seeleute, Band 1.

Inhalt:

Im „Passat“

Der beherzte deutsche Schiffsjunge

Das gestörte Sedanfest

Bestrafung eines Mörders

Der jugendliche Leichtsinn rächt sich bitter

Mit einem Kriegsboot auf der Lauer

Gott beugt den Starrsinn

Peter Fretwurst

In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

Im „Passat“

Es war um Weihnachten 1889, als ich am späten Nachmittag einen Spaziergang um die Stadt machte und dabei auch an den Hafen gelangte. Für den Augenblick schneite es nicht; aber der scharfe Frost ließ den während der letzten Tage ununterbrochen gefallenen Schnee unter meinen Füßen knirschen und ein eisiger Ostwind pfiff durch das stehengebliebene Gut der zahlreichen Schiffe, welche mit gestrichenen Bramstengen und getoppten großen Rahen am Bollwerk befestigt waren.

Beinahe schauerlich war der Eindruck dieser vom Eise umschlossenen, unbenutzt daliegenden Segler und Dampfer. Vom Felde heimkehrende Krähen nahmen eine kurze Rast auf den mit Schnee bedeckten Stagen und Spieren, kreischten ihr unangenehmes Nachtlied und schwebten dann den Kirchendächern zu, um ihr gewohntes Obdach aufzusuchen. Der Mond schien hell auf weißbekleidete Winterlandschaft und auf die mit einer festen Eisdecke belegte Warnow, auf welcher sich trotz der vorgerückten Stunde noch manche Schlittschuhläufer auf und ab bewegten.

Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich auf zwischen den wie ausgestorben daliegenden Schiffen, welche der Frost an die Heimat bannte, und den mit leuchtenden Segeln behängten flinken Klippern, welche sonst alle Meere durchkreuzen. Auch diese Barken und Briggs hatten Gegenden besucht, wo man den Winter nicht kennt, und waren glücklich wieder in die raue Heimat zurückgekehrt. Was hatte ihre Mannschaft inzwischen gesehen und erlebt? Wohl häufig Not und Sorge. Lebhaft versetzte ich mich in einzelne der möglichen Lagen hinein und bedauerte dabei, dass die Zeugen jener sicherlich vorhandenen Erlebnisse einer Landratte gegenüber den Mund verschlossen zu halten pflegen.

Aus manchen Wirtschaften am Strande tönte laute Fröhlichkeit bis auf die Straße hinaus. Es sind dies die Stätten, wo die zur Matrosenklasse gehörigen Seeleute einige Abendstunden miteinander verleben und wo sie Entschädigung suchen für all die Mühe und Arbeit, welche die oft mehrere Jahre dauernde letzte Abwesenheit von der Heimat mit sich brachte. Manche schwieligen Hände drücken sich da nach langer Trennung. Seit dem Verlassen der Schulbank haben sich Fritz und Daniel, Gottlieb und Christel kaum wiedergesehen, vielleicht zufällig einmal in fremden Häfen; hier in der Heimat treffen sie sich endlich wieder und finden in der Zwischenzeit reichlich Stoff, um monatelang miteinander zu plaudern.

Ich stand vor einem der besseren Gasthäuser still, welches ich schon manchmal besucht hatte. Es nennt sich Im Passat, ist eine durchaus anständige Wirtschaft und wegen der vortrefflichen Getränke, nicht minder auch wegen der Drolligkeit ihres Inhabers in der ganzen Stadt vorteilhaft bekannt. Die Kapitäne und Steuerleute der im Winterhafen liegenden Schiffe, die Verkäufer von Schiffsbedürfnissen, die Inhaber der großen Werkstätten, welche die Ausrüstung der Schiffe beschaffen, Kaufleute aus überseeischen Geschäften, Studenten und höhere Zollbeamte machen die Kundschaft dieser Bierstube aus. Der Name ist recht passend gewählt. Wie der Seemann während der langen Schläge im Passat kaum Prassen und Schoten zu rühren braucht und fast ohne Ausnahme von gleichmäßig schönem Wetter begleitet wird, so ruhen hier die Seeleute in der rauen Jahreszeit von all dem Schaukeln und Stampfen, von Sturm und Nässe, von Hitze und Kälte an ihrem großen runden Tische aus.

Halb zog es mich in die Gaststube hinein, weil ich es für möglich hielt, dass ich einige Seegeschichten belauschte, welche ich meinen jugendlichen Lesern wiedererzählen könnte, halb verzweifelte ich an dem Erfolg, weil ich diesen Raum so oft vergeblich besucht hatte. Der Seemann scherzt und plaudert gern mit seinesgleichen, erzählt aber nicht von seinen Erlebnissen, wenigstens nicht das, wonach ich Verlangen trug, und ist sehr wählerisch mit seinen Zuhörern. Ihn stört die Anwesenheit eines Laien, wenn er wirklich einmal zum Berichten außergewöhnlicher Abenteuer aufgelegt ist, und er bricht beim Hinzutreten eines nicht zünftigen Gastes nicht selten seine begonnene Erzählung ab.

Schon auf der Heimkehr begriffen, traf ich einen mir befreundeten Herrn namens Reinhold, einen Lehrer an der Navigationsschule, welcher als Stammgast im Passat verkehrt. Aus der Seemannslaufbahn hervorgegangen, wird er von den alten Seebären als zu ihnen gehörig betrachtet.

„Woher? Wohin? Wie kommen Sie in diese Gegend?“

Die Fragen waren bald beantwortet, und mein Freund drehte mich lächelnd mit den Worten um: „Treten Sie nur einmal mit mir zugleich an den runden Tisch! Ich will versuchen, die alten Blaujacken zum Reden zu bringen; aber verraten Sie Ihre Absicht nicht!“

Wir schritten geradewegs auf den Stammtisch zu, an welchem bereits mehrere ernst aussehende Kapitäne saßen. Als Herr Reinhold, welcher mehrere Jahre auf der Bark des einen von ihnen als Steuermann gefahren hatte, mich vorstellte, verstatteten sie mir gern einen Platz in ihrer Mitte. Beim Glase Bier fand sich bald Stoff zu lebhafter Unterhaltung, und mein Freund wusste dieselbe allmählich auf ferne Meeresgegenden hinzulenken. Er berichtete selber, was er an Bord der Sturmvogel erlebt hätte, und sein früherer Kapitän ergänzte hier und da die absichtlich lückenhaft gelassene Erzählung. Andere Seeleute kamen hinzu, hörten, worüber gesprochen wurde, sahen dadurch auch in ihrer Erinnerung die spannendsten Begebenheiten wieder aufleben und nahmen anfangs durch eingeworfene Bemerkungen, darauf durch vollständige Beiträge an der Unterhaltung der Gesellschaft teil.

Mit einem Male hatte ich alles, was ich wünschte, zog Papier und Bleifeder aus der Tasche und suchte in der Eile von dem Erzählten so viel festzuhalten, als zur späteren Wiedergabe wünschenswert war. Scherz und Ernst, drollige und aufregende Begebenheiten lösten einander ab, eine wahre Mustersammlung von Vorkommnissen, welche dem deutschen Seemann in allen Zonen beschieden sind.

Nachdem ich so erfolgreich in die Gesellschaft dieser biederen Männer eingeführt worden war, besuchte ich das Gasthaus selbstverständlich noch häufiger; und wenn ich auch von einigen Vätern bald als Verfasser von Jugendschriften aus dem Bereich der Seefahrt erkannt wurde, so entfremdete mir dieser Umstand die Erzähler doch nicht mehr. Im Gegenteil, mancher von ihnen sah es unverkennbar gern, dass der von ihm berichtete Vorfall Aussicht hatte, veröffentlicht zu werden, bat höchstens, dass ich seinen und des Schiffes Namen ändern möchte.

Aus dem nun, was ich an dem runden Tisch dieser deutschen Seeleute erfuhr, habe ich dasjenige ausgewählt, was die heranwachsende Jugend voraussichtlich mit Vergnügen lesen wird.

Möge dieser Band seinen Zweck erfüllen, nämlich den, der munteren Knabenwelt anregende Unterhaltung und Aufklärung über mache Fragen zu bieten, welche mit dem erfreulichen Anwachsen der deutschen Seemacht und dem Wetteifer unserer Handelsflotte mit den bedeutendsten seefahrenden Völkern täglich an Wichtigkeit gewinnen!

Der beherzte deutsche Schiffsjunge

Auf der Schiffergesellschaft hängt in Öl gemalt das lebensgroße Brustbild eines jungen Seemannes, von welchem der Volksmund nachstehende rühmenswerte Tat zu erzählen weiß.

Es war am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Gibraltar war noch im Besitze der Spanier und das Mittelländische Meer von den seeräuberischen Barbaresken unsicher gemacht, als die Brigg Juno, Kapitän Treu, durch die Säulen des Herkules nach Osten steuerte, um Südfrüchte von Livorno zu holen. Die Brigg führte eine Besatzung von zwölf Mann, darunter drei kaum dem Knabenalter entwachsene Jünglinge. Die Bewaffnung des deutschen Schiffes war mangelhaft genug; doch glaubte Kapitän Treu auf die zwischen den norddeutschen Seestädten und den Beherrschern von Tunis, Tripolis und Algier abgeschlossenen Verträge rechnen zu können und hielt sich vor einem Überfall durch die Seeräuber sicher.

Von den obengenannten Schiffsjungen zeichnete sich Hans Pinnow, der Sohn eines Ratsherrn, durch Keckheit und Lust zu gewagten Streichen aus. Es ist dasselbe, dessen Bildnis noch heute mit Achtung betrachtet wird. Hatte Hans Pinnow sich auf der Schule auch manches zuschulden kommen lassen, so machte er sich auf der Juno umso besser, begriff bald die schwierigsten Arbeiten und ersetzte das fehlende Schulwissen durch seinen klaren Verstand.

Kaum sechsunddreißig Stunden waren seit dem Verlassen der Meerenge verflossen und die Juno mühte sich gegen Strom und Wind nach Osten hinauf, da erblickte man plötzlich oberhalb des Windes zwei verdächtige Fahrzeuge, welche ohne Frage den Kurs der deutschen Brigg kreuzen wollten. Auch der Laie hätte sofort bemerkt, dass diese beiden Schiffe mit dem weißen Halbmond im roten Felde viel schneller wären als die schwerfällige Juno. An Flucht war deshalb nicht zu denken.

Je näher die beiden Raubschiffe kamen, desto mehr schwand die Zuversicht des deutschen Kapitäns. Vergeblich zeigte er die Flagge seines Landes und seines Heimathafens; die Seeräuber hielten in geradester Richtung auf ihn zu und gaben ihm, als sie nahe genug herangekommen waren, durch eine vor seinem Auge vorbeipfeifende Kugel die Weisung, dass er beidrehen, das heißt sein Segel so stellen solle, dass die Brigg sich nicht von der Stelle bewege.

„Hole an Segeln herunter, Steuermann, was irgend entbehrt werden kann und uns beim Kampfe hinderlich ist!“, befahl Kapitän Treu, welcher über den Vertragsbruch erbittert und zur Verteidigung seines Schiffes entschlossen war. „Ihr Jungen, bringt Pistolen und Entermesser herauf, und sehe dann jeder zu, wie er Leben und Freihält behält! Fangen sie uns lebendig, so werden wir auf dem Markte von Algier als Sklaven verkauft, sehen unsere Heimat niemals wieder.“

Einige Minuten später war die deutsche Brigg, so gut wie das bei der spärlichen Besatzung möglich war, zur Abwehr der überlegenen Seeräuber gerüstet. Mit den Waffen in der Hand suchten die Matrosen Deckung vor den jeden Augenblick zu erwartenden feindlichen Kugeln, förmlich darauf erpicht, die schändlichen Barbaresken niederzuschießen, sobald sie das Schiff entern sollten.

Kapitän Treu stieg auf das Dach des Mannschaftsraumes, welches über das Deck hervorragte, und rief den Räubern durch das Sprachrohr zu, er wäre in die Verträge mit dem protestantischen Norden eingeschlossen, verlange deshalb, dass sie ihn ungehindert segeln ließen. Als Antwort aber schallte ein Wutgebrüll aus wenigstens fünfzig Kehlen von dem Verdeck der beiden Raubschiffe nach der Juno herüber und eine zweite, diesmal wohlgezielte Kugel zersplitterte den Fockmast der trotzigen Brigg.

Ehe sich noch die deutschen Seeleute, welche von den herabstürzenden Spieren nicht erschlagen oder schwer verwundet worden waren, aus dem Gewirr von Segeln und Tauen befreien konnten, hatten die Barbaresken ihre Schiffe an den Seiten der Juno festgelegt, sprangen mit wildem Kriegsgeschrei auf deren Deck hinüber und hieben unbarmherzig nieder, was sich zur Wehr setzte. Der Steuermann lag, von der Marsrah getroffen, tot auf dem Verdeck, unweit von ihm der Bootsmann und ein Matrose mit zerschmetterten Knochen, aber noch lebend. Zwei Matrosen fielen im Handgemenge. Der Kapitän, der Koch, zwei Matrosen und die drei Jungen wurden mehr oder weniger schwer verwundet und nach tapferster Gegenwehr in Fesseln gelegt. Dieser Überfall geschah im Jahre 1702, kaum dreißig Seemeilen von den Küsten Spaniens entfernt, welches die Räuber unablässig bekriegte.

Als die Mannschaft des deutschen Schiffes überwältigt worden war, luden die Barbaresken von der aus Weizen bestehenden Ladung so viel auf ihre Schiffe hinüber, als diese aufzunehmen vermochten. Auch alles, was sich an Wertsachen, Instrumenten, Uhren, Lebensmitteln, Segeln, Tauen und Schiffsgeräten auf der Juno befand, wurde auf die beiden Raubschiffe verteilt.

Noch lagen die Gefangenen in ohnmächtiger Wut und von ihren schmerzhaften Wunden geplagt, auf dem Verdeck der Brigg, als diese schon von den Bösewichten angebohrt wurde und merklich tiefer in das Wasser hineintauchte. Sollten die Seeräuber wirklich so unmenschlich sein, uns lebendig zu versenken?, fragte sich jeder von ihnen. Die Entscheidung über Tod und Leben hing von den arabischen Schiffsoffizieren ab, welche eine sehr stürmische Beratung pflogen. Endlich – schon spülten die nur flach laufenden Wellen auf das Verdeck hinauf – wurden die unglücklichen Männer aus ihrer Todesangst befreit. Um gegen Auflehnung möglichst gesichert zu sein, teilten sich die Führer der beiden Raubschiffe in die sieben Gefangenen, und zwar so, dass der Kapitän, der Koch und ein Matrose auf das eine, der zweite Matrose und die drei Schiffsjungen auf das andere Raubschiff hinübergeworfen wurden.

Hans Pinnow hätte sich das große Verdienst, von welchem wir erzählen wollen, nicht erwerben können, wenn die Seeräuber sofort nach Algier gesteuert wären. Aber sie zogen es vor, das Getreide erst in Kleinasien zu verkaufen. So hatten die Wunden der deutschen Seeleute Zeit zu heilen; ihre Kräfte kehrten wieder, und sie wussten sich das Vertrauen ihrer Peiniger wenigstens so weit zu erwerben, dass man sie frei auf dem Verdeck herumgehen ließ, auch zur Hilfe bei den Arbeiten heranzog.

Hans war fest entschlossen, sein Leben für die Freiheit einzusetzen. Durch unermüdliche Überredung und anschauliches Ausmalen der traurigen Lage, welcher sie als Sklaven entgegengingen, gewann er auf der Rückfahrt Julius und Robert, die beiden anderen Jungen, für seinen Plan, während der ältere Matrose Michel vor der kühnen Tat zurückschreckte. Vergeblich erinnerte ihn Hans an Weib und Kinder daheim, an sein Häuschen, an das stille Glück, welches er in seinen alten Tagen genießen könnte – Michel weigerte sich entschieden, etwas gegen die Räuber zu unternehmen.

„So handle meinetwegen, wie es deine Feigheit zulässt!“, rief ihm Hans verächtlich zu. „Es tut mir leid, dass ich die Aufforderung zu einer braven Tat an einen so unwürdigen Menschen richtete. Du bist fürwahr ein geborener Knecht, Michel, und erlebst keine Verschlimmerung, wenn man dich als Sklaven verkauft, da du dein Schicksal von dem unsrigen getrennt. Wundere dich also nicht, wenn ich nach glücklicher Ausführung unseres Vorhabens dafür Sorge trage, dass du in dem ersten besten spanischen Hafen wegen Verrats gegen einen Teil der Mannschaft an den Galgen gehängt wirst!“

 

Wohl fünf Tage waren seit dieser letzten Unterredung vergangen, als sich ein schweres Wetter erhob und die beiden Raubschiffe voneinander trennte. Zwei volle Tage und Nächte kämpften die arabischen und deutschen Seeleute gemeinsam gegen die entfesselte Wut von Luft und Wasser, waren müde und kraftlos, als der Sturm sich endlich legte und die Oberfläche des Meeres wieder ihr heiteres Aussehen annahm.

Die Gelegenheit zur Ausführung eines Handstreichs konnte nicht günstiger sein. Die Mauren, viel weniger widerstandsfähig als unsere nordischen Seefahrer, streckten sich träge auf ihre Teppiche unter Deck und suchten die aufgewendeten Kräfte im Schlafe wiederzugewinnen.

Dem Matrosen Michel war recht schwer ums Herz; die Drohungen, welche Hans Pinnow gegen ihn ausgestoßen hatte, ängstigten ihn gewaltig. War Hans auch noch ein sehr junger Bursche, so besaß er doch den festesten Willen, und Michel fürchtete, dass jener seine Drohung wahr machen würde. Überwältigten sie die Barbaresken nicht, so erwartete ihn in Afrika die Sklaverei, in Europa der Tod. Das war eine grausame Vorstellung für Michels ängstliches Herz. Vielleicht – sagte er sich – wäre es für mich doch besser, wenn ich gemeinsame Sache mit den drei Schiffsjungen machte, die Freiheit erkämpfen hülfe und dann zu meinen Lieben heimkehrte. Wahrscheinlich hatte auch die Entfernung des anderen Schiffes einen Einfluss auf seine Willensänderung gehabt: Kurz, Michel trat an dem auf den Sturm folgenden Morgen an Hans Pinnow heran und versicherte ihm, dass er auf seine Mitwirkung rechnen könne.

„Das freut mich, Michel“, antwortete Hans versöhnt und reichte dem noch kurz vorher so arg verschmähten Matrosen die Hand. „Glaube mir, der Tod ist schöner als ein Leben in Schande und Knechtschaft! Verlassen wir uns selber nicht, so hilft uns Gott. Ich hoffe, dass deine starken Arme unser Vorhaben bedeutend erleichtern werden. Robert und Julius haben sich unter meinen Befehl gestellt, weil sie glauben, ich besäße mehr Geistesgegenwart als sie. Bist du auch bereit, dich mir unterzuordnen, bis wir die Herren dieses Fahrzeugs sind?“

„Von Herzen gern!“, versetzte Michel. „Ich tauge auch nicht dazu, den Befehl zu führen.“

„So gib Acht auf jeden Wink! Wir dürfen nicht säumen.“

Vor einem frischen Winde lief das Raubschiff nach Westen hin. Der Kapitän Hussein Ali führte selbst den Befehl auf Deck; einer seiner Leute stand am Ruder, zwei andere und die vier deutschen Seeleute saßen oder lagen hier und da. Kein Ende brauchte gerührt zu werden, weil der Ostwind regelmäßig blies. Hans kam von vorn nach hinten und flüsterte dabei den Mitverschworenen zu, wenn er an ihnen vorbeiging: „Hussein Ali muss sterben! Ich weiß keinen anderen Ausweg, als dass wir ihn über Bord werfen. Sobald ich huste, stürzt ihr euch auf ihn!“

Auf diesem Wege nach hinten bemerkte Hans, dass die beiden wachhabenden Räuber eingenickt waren. Er winkte Robert, welcher ihm am nächsten stand. Beide bemächtigten sich der neben den Räubern liegenden Säbel und schoben dieselben hinter ihrem eigenen Rücken in den Ledergurt.

Ahnungslos lehnte Hussein Ali an der Bordwand im Hinterschiff und blickte in das schäumende Meer hinab, als Hans sich räusperte und die Genossen herbeieilten. Bevor noch der am Ruder stehende Araber einen warnenden Ruf ausstoßen konnte, hatte Michel den überraschten Kapitän mit seinen riesigen Fäusten gepackt, hob den dürren, leichten Mann wie ein Spielzeug empor und fragte: „Soll ich, Hans?“

„Wir müssen leider“, erwiderte dieser und riss noch schnell eine Doppelpistole aus der seidenen Schärpe, welche Hussein Ali um seinen Leib gewunden hatte. Ein Plätschern im Wasser – und das Raubschiff segelte ohne Hauptmann weiter.

Nun aber galt es, hurtig zu sein. Der Mann am Ruder schrie aus Leibeskräften, um die beiden Genossen an Deck zu wecken und die unter Deck befindliche Mannschaft heraufzurufen. Doch Michel bedurfte nur eines Hinweises; mit einem derben Faustschlage streckte er den Knirps zu Boden, dass er betäubt liegen blieb. Wohl erwachten jetzt die beiden Schläfer, sprangen empor und versuchten, durch die Luke in den Schiffsraum zu entkommen; doch hier stand Michel mit geballten Fäusten, und sie besaßen keine Waffe, um ihn von dort zu vertreiben.

„Wir müssen die Luke schleunigst schließen, Freunde!“, rief Hans. „Der Sieg ist unser. Um jene beiden Kerle quält euch nicht! Mit denen rechnen wir später ab.“

Mit Säbeln und Pistolen wehrten die vier Genossen die von unten Andringenden ab, schlossen die Kappe und legten die Schienen darüber.

„Gefangen in der eigenen Grube!“, jubelte Hans. „Die sollen schon bleiben. Geh ans Ruder, Robert und steuere nach Nordwest!“

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