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Auf dem Christmarkt

Margarete Lenk

Auf dem Christmarkt

Weihnachtserzählung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Auf dem Christmarkt

„Fröhlich soll mein Herze springen

Dieser Zeit, da voll Freud

Alle Engel singen.

Hört, hört, wie mit vollen Chören

Alle Luft laut ruft:

Christus ist geboren!“

 

So sang eine helle Knabenstimme auf der stillen Straße in der Vorstadt.

Der gute Junge kam etwas zu früh mit seiner Weihnachtsfreude, denn es war erst Anfang November. Der Himmel war grau und trübe und die ersten Schneeflocken wirbelten in der Luft. Leichtfüßig sprang er dahin, das Schulränzchen auf dem Rücken, ein großes Zeichenbrett unter dem Arm.

Man musste ihm gut sein, wenn man ihn nur ansah. Aus den hellen Augen, der hohen, offenen Stirn und dem freundlichen Mund sprach ein frisches, liebreiches Herz. Eben fing er den zweiten Vers seines Liedes an:

„Heute geht aus –“

„Rudolf, Rudolf!“, rief eine Stimme hinter ihm, „sing doch nicht auf der Straße, schäme dich doch!“

Es war seine Schwester, die ihn eilig laufend einholte.

„Wie kannst du nur so laut singen, wo alle Leute es hören? Und noch dazu dieses Lied, jetzt, wo nach lange nicht Weihnachten ist?“

„Ja, siehst du, Hannchen, ich freue mich eben so sehr auf Weihnachten, und da fing ich an zu singen und zu springen, ohne dass ich’s recht wusste.“

„Wie kannst du dich nur freuen?“, tadelte die Schwester. „Du bist doch recht leichtsinnig. Siehst du nicht, wie traurig die Mutter immer noch ist? Denke nur, wie schrecklich es am letzten Christabend war; diesmal wird’s auch nicht viel besser werden.“

„Ja, voriges Jahr“, sagte Rudolf, „da war ja der Vater erst vor vier Wochen gestorben; da haben wir ja alle sehr geweint am Weihnachtsabend. Aber diesmal muss es wieder schön werden, sonst kann ich’s nicht aushalten.

Ich denke immer, dem Vater wird’s im Himmel sehr gut gefallen. Da ist er nie mehr krank, muss nicht husten, nicht bis in die Nacht hinein arbeiten.

Und weißt du, er hatte doch nichts lieber als schöne Bilder. Wenn ich mit ihm ging, haben wir oft so lange vor dem Laden gestanden, wo die großen Bilder aushängen. Da konnte er gar nicht wieder weg, besonders nicht von den schönen Christusbildern.

Wie froh wird er nun sein, wenn er den Heiland selber sieht und den lieben Gott und alle die schönen, glänzenden Engel.“

„Das ist wohl wahr“, entgegnete das Mädchen nachdenklich, „aber uns hilft das nichts. Wir bleiben doch arm und verlassen und haben keinen Vater mehr.“

»Aber Hannchen, wir haben ja den lieben Gott, der sorgt für uns! Und es ist so hübsch auf der Welt, und alle Leute sind so gut! Und zuletzt kommen wir ja auch in den Himmel, dann sind wir wieder beisammen.“

„Es ist doch wahr, was die Mutter sagt“, meinte Hannchen kopfschüttelnd, „du bist eben leichtsinnig!“

Unter diesem Gespräch waren die Kinder in ein großes Haus eingetreten und vier Treppen hinaufgestiegen. Sie öffneten eine der vielen Türen, die sich auf dem Flur befanden, und traten in eine freundliche Dachstube.

Hübsche weiße Vorhänge schmückten die hellen Fenster, die Möbel waren einfach, aber wohlerhalten, und an den Wänden hingen viele kleine Bilder.

Auf einem Tritt am Fenster saß eine ernste, blasse Frau, eifrig mit Sticken beschäftigt. Sie sah nur wenig von ihrem Rahmen auf, als die Kinder eintraten.

Rudolf aber sprang auf sie zu, umfasste sie mit beiden Armen und rief:

„Guten Tag, Mutterle; ich freu mich so, dass ich dich wiedersehe! Weißt du auch, was der Zeichenlehrer heute gesagt hat? Er hat gesagt, ich wär’ ein ganzer Kerl! Das ist sein allerhöchstes Lob.

Und, Mutterle, in sieben Wochen ist Weihnachten; wir haben’s uns in der Schule ausgerechnet. Nicht wahr, diesmal weinst du nicht mehr?“

Die Mutter duldete die Liebkosung des Knaben, jedoch ohne sie zu erwidern; dann aber sagte sie ernst:

„Rudolf, ich sage dir’s ein für allemal, sprich nicht vom Weihnachtsabend. Ich kann euch nichts bescheren; ich kann kaum genug verdienen, um Nahrung und Kleidung zu beschaffen. Seit der Vater tot ist, ist’s mit solchen Freuden für euch aus.“

Betrübt wandte sich der Knabe ab, wurde aber sogleich wieder erheitert durch den Anblick des Tisches, auf den Hannchen drei Tassen, Brot und ein Töpfchen mit Sirup gestellt hatte.

Eben nahm sie die tönerne Kaffeekanne aus der Ofenröhre, und alle drei setzten sich zum Vesperbrot nieder. Aber nur Rudolf genoss es mit sichtlichem Wohlbehagen; Hannchens Gesicht trug schon den sorgenvollen Ausdruck, der auf den Zügen der Mutter lag und doch so gar nicht für ein Kindergesicht passte. Fast vorwurfsvoll ruhten die Blicke der Mutter und Schwester auf dem fröhlichen, munteren Knaben, der es jedoch gar nicht zu bemerken schien.

Als das Mahl beendet und die Lampe angezündet war, holte die Mutter ihren Stickrahmen und Hannchen ihr Strickzeug herbei; Rudolf aber fing an zutraulich zu plaudern:

„Weißt du auch, Hannchen, warum ich vorhin ein Weihnachtslied sang?“

„Warum denn?“

„Wir hatten in der Schule so viel von Weihnachten geredet. Viele Jungen wollen nämlich Sachen machen und sie auf dem Christmarkt verkaufen. Du weißt doch, wie viele Kinder da immer an den Straßen sitzen mit kleinen Tischen vor sich und allerhand Sächelchen drauf, und abends ein buntes Laternchen dabei. 0, das hat mir immer so gefallen!

Und da dachte ich“, fuhr er zögernd fort, „ob wir das nicht dies Jahr auch machen könnten?

0, liebste Mutter, bitte, bitte, lass uns doch!“, rief er aufspringend, ganz begeistert für seine Idee.

Die Mutter antwortete nicht; sie blickte mit traurigen Augen auf die Kinder, und ein Kampf schien in ihrer Seele vorzugehen.

Diesmal aber unterstützte Hannchen den Bruder:

„Es ist auch wahr. Mutter, das solltest du uns tun lassen; wir könnten da gewiss viel Geld verdienen.“

Geld verdienen! Ach, das war das Zauberwort, um das sich alle Gedanken der Witwe drehten.

„So mögt ihr’s versuchen“, sagte sie mit einem Seufzer; „aber es wird euch schwerer ankommen, als ihr denkt. Ihr werdet frieren. Und wer weiß, ob es euch gelingen wird, Käufer anzulocken; ihr seid so etwas nicht gewöhnt.“

„O Mutter“, meinte Hannchen, „ich will schon hübsche Sachen machen: ...

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