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Aschenputtel

Prolog

Ein kaum wahrnehmbares Knistern bahnt den Weg vom Traum in die Wirklichkeit. Der fremde Geruch ist plötzlich überall. Tarek setzt sich auf. Zuerst sieht er nur vage den Widerschein eines flackernden Lichts durch den Türspalt zum angrenzenden Atelier. Ob er vergessen hatte, das Licht auszumachen? Auf einmal weiss er, was er beim Aufwachen gerochen hat: Terpentin. Oder ist es Benzin? Tarek springt mit einem Satz aus dem Bett. Er erreicht die Türe, bleibt jedoch unvermittelt davor stehen. Aus dem Raum hört er ein Knacken und Prasseln, das ihn an einen Kamin erinnert. Früher hatte Dedecek, sein Grossvater in Bratislava, Holzscheite in den Herd geschoben, alte Zeitungen zerknittert und eingefüllt, damit das Feuer genug Nahrung fand.

Feuer! Auf einmal sind seine Gedanken so klar, als hätte jemand den Schleier seiner Schlaftrunkenheit von seinen Augen gerissen.

In seinem Atelier brennt es!

Er versucht, sich zu erinnern, ob er vor dem Schlafengehen eine Kerze angezündet und sie nicht wieder ausgelöscht hat. Eine Weile steht er vor der Tür und lauscht. Er muss sie öffnen, um sicher zu gehen, dass er sich nicht täuscht. Die Türfalle ist heiss, der Rauch beissend, der durch die Türritze dringt. Tarek stösst die Türe auf. Bleibt erstarrt stehen. Die gegenüber liegende Wand scheint es nicht mehr zu geben. Die Flammen fressen sich wie tausend rote Zungen allmählich durch den Raum, die Bilder in sich verschlingend. Die Monde verschwinden im Zickzack glühender Spiralen. Die düsteren Landschaften verwandeln sich in höllische. Augen brechen auseinander, Gesichter zerfliessen in Purpur.

Kunst entsteht oft im Ereignis der Gegenwart, schiesst es Tarek durch den Kopf. Er müsste diesen Augenblick festhalten, der sich ihm wie ein Gemälde offenbart.

Die Farben! Er muss die Farbkübel entfernen. Tarek macht einen Schritt vorwärts, hinein ins Inferno. Die Hitze ist unerträglich. Er bückt sich, kriecht über den Boden und erreicht an der hinteren Wand das Regal mit den Acrylfarben. Die Kübel sind verschlossen, ihre Aussenwände heiss. Geistesgegenwärtig trägt Tarek sie durch den beissenden Qualm in sein Schlafzimmer. Stellt sie hin, kehrt zurück und rettet, was noch zu retten ist. Ein paar Bilder sind unversehrt. Er könnte schreien.

Von weit her vernimmt er das Horn der Feuerwehr, der tiefe Zweiklang, der sich unwesentlich vom Martinshorn unterscheidet. Ein aufheulendes Motorengeräusch, das stotternd erstirbt. Irgendwo draussen. Vielleicht vor dem Haus. Tarek öffnet das Fenster.

In diesem Moment schlagen ihm die Flammen aus dem Atelier wie eine Faust entgegen. Einem Riesenwurm gleich schnellen sie gegen seinen Körper. Tarek springt zur Seite, überrollt sich und hangelt geistesgegenwärtig nach dem alten Teppich vor seinem Bett. Benommen bleibt er liegen.

Die Wohnungstür fällt nach innen. Zwei behelmte Gestalten nähern sich ihm.

Das Zischen des Wassers hat etwas Beruhigendes. Der Strahl trifft mitten in sein Gesicht.

„Sind Sie verletzt?“ Einer der Männer zieht ihn aus dem Zimmer ins kühle Treppenhaus. Dort steht  die alte Dame von nebenan. Signora Vasallo. Sie sieht gespenstisch aus in ihrem langen grauen Nachtgewand. Tarek nimmt sich vor, sie zu malen. Wenn er überhaupt jemals wieder malen würde. Was ist aus seinen Bildern geworden? Er setzt sich auf den untersten Treppenabsatz und legt den Kopf in die verschränkten Arme. Er weiss nicht, wie das alles hat geschehen können. Irgendjemand muss in sein Atelier eingedrungen sein und das Feuer gelegt haben. Er fühlt sich zu müde, um darüber nachzudenken. Aber er weiss, dass er wieder Feinde hat. Solche, die ihm sogar nach dem Leben trachten. Der Überfall neulich in Zürich hat vielleicht einen Zusammenhang mit dem Brand. Er hätte das nicht auf die leichte Schulter nehmen sollen.

„Kann ich Ihnen einen Tee machen?“ fragt die Gespenstische.

„Davon werde ich krank.“ Tarek lehnt dankend ab. Ein Whisky wäre ihm lieber gewesen.

„Hat man denn bei Ihnen eingebrochen?“ Neugierig reckt die Alte den Hals. Ein faltiger Hals, stellt Tarek fest. Sofort sind diese Bilder da, wie sie immer da sind, wenn er sich mit Ungewöhnlichem konfrontiert sieht – oder mit dem Gewöhnlichen des Alltags. „Künstler erleben sämtliche Eindrücke auf verschiedenen Ebenen“, hatte ein Lehrer ihm einmal erklärt.

„An meiner Tür hängt so eine Vorrichtung, wissen Sie, so ein Schloss mit Kette, die ich immer einhänge, wenn ich zuhause bin. Da kommt gar keiner rein, sage ich Ihnen ...“ Signora Vasallo glotzt ihn verständnislos an. „Sie sind ganz russig im Gesicht.“

Tarek erhebt sich erschöpft. Er will nichts erwidern. Nicht jetzt. Aus dem Innern seiner Wohnung vernimmt er Geschäftigkeit. Ein Durcheinander an Rufen. Als einer der Feuerwehrmänner zurückkehrt, geht er mit diesem die Treppe hinunter. „Sieht es schlimm aus?“ Eigentlich will er die Antwort nicht hören.

„Ich bin vorsichtig“, sagt der Uniformierte, „aber ich denke, dass Ihre Bilder grossen Schaden erlitten haben. Doch dank der Bauweise haben Sie unendlich viel Glück gehabt. Das Haus besteht mehr oder weniger aus Steinmauern. Das Feuer ist so gut wie unter Kontrolle.“

Tarek weiss nicht, wie er darauf reagieren soll. „Wann kann ich wieder zurück in meine Wohnung?“

„Im Moment gibt es ziemliche Wasserschäden, die in nächster Zeit behoben werden müssen. Ich glaube, dass Sie sich vorübergehend eine andere Unterkunft suchen müssen. Sind Sie versichert?“

Tarek verneint. „Versicherungen sind etwas für Pessimisten.“

Der Mann hustet verlegen. „Die Polizei könnte ein Interesse an Ihrer Wohnung haben. Allem Anschein nach wurde das Feuer mutwillig gelegt. Die Türe auf der andern Seite Ihres Ateliers ist aufgebrochen.“

Donnerstag, 31. Januar

Der Notruf traf um sieben nach fünf in der Zentrale der Kantonspolizei Luzern ein. Thomas Kramer hatte soeben seinen Dienst angetreten und war den Umständen entsprechend noch nicht richtig wach. Er hatte den Abend zuvor mit Freunden am Fasnachtsball im Hotel Schweizerhof verbracht. Sein Kopf schmerzte. Sein Hals fühlte sich taub an. „Du solltest“, hatte seine Frau Isabelle am Morgen beim Kaffeetrinken gesagt, „in deinem Alter keine solchen Partys mehr besuchen, wenn du sie nicht verträgst.“ Im Dezember hatte er seinen 48. Geburtstag gefeiert.

Marion, die Empfangssekretärin, verband ihn mit der Anruferin. Die Stimme am Telefon klang hysterisch, nicht sehr gut verständlich, weil im Hintergrund Paukenschläge und blecherne Musik zu vernehmen waren. Wörter wie „viel Blut … kein Puls … Kollaps ….“, drangen an Thomas’ Ohr. Vergeblich versuchte er die Frau zu beruhigen. Ihre Stimme zitterte. „Ich glaube, sie sind angeschossen worden. Zwei Männer liegen auf dem Boden. Einer rührt sich nicht mehr …“

„Geben Sie mir den Standort an.“ Thomas hangelte nach einem Streifen Papier, der vor ihm auf dem Pult lag.

„Auf dem Kapellplatz, in der Nähe des Brunnens ...“

„Des Fritschi-Brunnens?“

„Weiss ich, wie der heisst?“ Die Frau wurde ungehalten. Offensichtlich stand sie unter einer schweren seelischen Belastung.

„Wir werden in einigen Minuten bei Ihnen sein.“ Thomas bat sie, die Verletzten möglichst ruhig zu lagern und wenn es ging, nichts zu berühren. „Ich werde sofort den Notfalldienst verständigen.“ Er drückte die Austaste, dann wählte er die Nummer des Kantonsspitals. Er bat die Empfangsdame, einen Arzt und den Krankenwagen zum Kapellplatz zu schicken. „Mir wurde soeben mitgeteilt, dass dort zwei Verletzte liegen, wahrscheinlich mit einer Schusswunde.“

„Sie sind schon der Dritte, der uns deswegen anruft“, sagte sie. „Können Sie den Tatort genauer  lokalisieren?“

„In der Nähe der Sankt Peters-Kirche, neben dem Fritschi-Brunnen. Es scheint ein ziemliches Chaos zu herrschen ... Heute ist Schmutziger Donnerstag“, fügte Thomas hinzu, rügte sich aber für diesen unnötigen Kommentar. Das wusste die Frau am Telefon auch ohne ihn. Er beendete das Gespräch. Seine nächsten beiden Anrufe galten seinen Mitarbeitern, Armando Bartolini vom Ermittlungsdienst und Guido Amrein von der Spurensicherung. Armando erwischte er sofort. Bei Guido musste er es eine Weile klingeln lassen.

Thomas wusste nicht, was auf ihn zukommen würde. Er hatte einen hektischen Monat hinter sich, den er mehrheitlich im Büro verbrachte, nachdem man ihn nach dem grässlichen Fall im letzten November befördert hatte. Sein Vorgänger Sidler hatte ihm ein schwieriges Erbe hinterlassen, das es nun aufzuräumen galt. Doch seit einer Woche richtete Thomas seine Tätigkeit wieder vermehrt nach aussen.

Die Gewaltakte jugendlicher Täter hatten zugenommen, in zwei Fällen hatte Thomas mit seinen Leuten aufgrund häuslicher Gewalt ausrücken müssen, und bereits dreimal wurde er in Kleinunternehmen gerufen, wo ein Chef von einem Angestellten bedroht wurde.  

Thomas zog den Mantel über, griff nach seiner Mappe, in der er sein Diktafon, einen Schreibblock und mindestens fünf Schreibstifte untergebracht hatte, und verliess sein Büro im dritten Geschoss. Er schloss die Türe ab und sah währenddessen auf das Schild und den Text, der über seinem Namen stand: Chef des Ermittlungsdienstes. Er nickte für sich und schritt stolz zum Aufzug. Seit Anfang letzten Jahres hatte sich vieles geändert. Nicht nur, dass er in der polizeilichen Hierarchie eine Sprosse höher gekommen war; er hatte den beruflichen Aufstieg zum Anlass genommen, seinen Körper zu ertüchtigen. Isabelle hatte ihm zu Weihnachten ein Abonnement für den Migros Fitnesspark an der Haldenstrasse geschenkt, den er regelmässig besuchte. Er fühlte sich richtig gut. Der Aufzug befand sich auf seinem Stockwerk. Die automatische Türe öffnete sich. Thomas stieg ein und fuhr ins Erdgeschoss.

Marion winkte ihm zu. „Alles klar?“ Sie schüttelte ihre blonde Mähne und blickte über den Brillenrand. „Du hast die Anruferin hoffentlich besser verstanden als ich.“

„Es ist mir ein Rätsel, was da geschehen ist“, entgegnete Thomas. „Es könnte eine Schiesserei gegeben haben. In zehn Minuten weiss ich hoffentlich mehr.“ Er teilte ihr mit, dass er auf seinem Mobiltelefon zu erreichen sei, falls ihn jemand suchte. Einen Augenblick blieb er stehen und sah zu Marion hin. Sie sah sehr glücklich aus. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie mit Guido Amrein eine gute Beziehung lebte. Er dachte an seine eigene Ehe und fragte sich, wann er mit Isabelle zum letzten Mal geschlafen hatte. Im letzten Dezember? Es war schon eine Ewigkeit her.

 

Armando wartete auf dem Parkplatz vor dem Gebäude der Kantonspolizei. Seit er mit seiner neuen Lebensabschnittspartnerin Nora Helbling zusammen gezogen war, wohnte er zwei Strassen neben der Kasimir-Pfyffer-Strasse und war schnell zur Stelle. Thomas stieg ein. Er warf einen kurzen Blick an die Fassaden des Polizeigebäudes, in dessen Fenstern sich der dunkle Morgen spiegelte.

„Was genau ist geschehen?“ Armando rieb sich die Augen. Er startete den Motor und fuhr los.

„Zwei Verletzte, einer davon schwer, wie ich vermute.“ Thomas legte sich den Sicherheitsgurt um. Aus der Dunkelheit kamen plötzlich vier Gestalten in riesigen Köpfen auf sie zugelaufen. Instinktiv schnellte Armando auf die Bremse.

„Maledetto, ich hasse die Fasnacht“, empörte er sich. „Che cretini stupidi! Ich hätte sie fast überfahren.“ Er setzte das Blaulicht und das Martinshorn in Betrieb. Die Gestalten hasteten erschrocken über die zweite Strassenhälfte.

Thomas lehnte angespannt in den Sitz und sah nach draussen, wo sie jetzt an grauen Häuserzeilen entlang fuhren. Aus dem dunklen Schlund der Gassen tauchten ab und zu ein paar Kostümierte auf.

„Ich mag die Fasnacht“, sagte Thomas. „Aber das versteht man nur, wenn man hier aufgewachsen ist.“ Sie bogen in die Hirschmattstrasse und rasten in Richtung Pilatusplatz. Sie überfuhren das Rotlicht, rasten vorbei an stehenden Autos, die ausgeschert an der Fahrbahn warteten. Sie überholten einen Linienbus und erreichten den Bahnhofplatz. Vor dem Bahnhof standen Musikanten in bunten Gewändern und schmetterten Beethovens fünfte Sinfonie in wohltuender Disharmonie.

Über die Seebrücke und dem Quai entlang wand sich ein kilometerlanger Blechwurm. Zwischendurch sah man immer wieder wogende Gipsköpfe. Eine Guggenmusik kam aus entgegengesetzter Richtung. Im fahlen Schein der Strassenleuchte wirkten ihre riesigen Köpfe unheimlich. In einer Viererformation zogen sie über die Bahnhofstrasse die Reuss entlang. Auf Pauken einschlagende Gnomen. Dahinter im Gleichschritt ziehende Figuren an der Spitze eines Wagens, der an Graf Draculas Schloss erinnerte. Der Zug wirkte düster, fast morbid. Thomas sah ihm nach. Er wäre jetzt gern mitgegangen.

Armando drückte aufs Gaspedal und raste an einem weiteren Tross vorbei. Thomas forderte ihn auf, seine Energien im Zügel zu halten.

„Ist etwas mit deiner Stimme?“, wunderte sich Armando.

Thomas seufzte. „Zuviel gesungen, zuviel getanzt.“

„Das fängt ja gut an“, meinte Armando. „Die Fasnacht hat noch nicht mal richtig begonnen, und du leidest schon an ihren Folgeerscheinungen.“

„Ich wurde gestern von Andy Heer, dem Gemeindepräsidenten von Meggen persönlich eingeladen. Sonst meide ich solche Bälle grundsätzlich.“

„Und Isabelle?“

„Die zieht die Strassenfasnacht vor.“

„Das kann ich nicht nachvollziehen.“ Armando gab noch ein wenig mehr Gas.

„Unter uns gesagt“, meinte Thomas, „kann ich das Theater um Fussball, wie du es manchmal veranstaltest, genauso wenig nachvollziehen.“

„Das ist etwas anderes. Das sind Emotionen. Das ist Sport.“ Armando ereiferte sich dermassen, dass er ganz vergass, wo er sich befand. „Das ist Herzblut!“

„Wenden!“, rief Thomas, als sie vor der Hofkirche ankamen. Die zwei Türme bohrten sich gespenstisch in den Nachthimmel. „Wir müssen zum Kapellplatz, schon vergessen?“

Armando riss das Steuer herum. Sie fuhren ins Stadtinnere zurück. An jeder Ecke standen Musikgruppen in bunten Gewändern und kunstvoll gestalteten Masken und Köpfen. Vor dem Hotel Schweizerhof hatte ein Wagen des Lokalradios geparkt. Ein Sprecher dokumentierte mit sich überschlagender Stimme das Ambiente des Schmutzigen Donnerstags und sparte nicht an Lob für den diesjährigen Zunftmeister. Er hatte wohl keine Ahnung, was ein paar Meter nebenan geschehen war. Armando musste das Tempo drosseln. Die Narren gingen nur langsam auseinander. Blaulicht und Martinshorn versagten den Dienst. Die Polizei war ungewollt Teil der Fasnacht geworden. Jemand bewarf sie mit Konfetti.

Nach dem Schwanenplatz bogen sie auf den Kapellplatz ein. Der Polizeiwagen fuhr durch eine schmale Gasse von Maskierten, welche den Weg zum Platz nun freihielten, auf dem ein Krankenwagen stand. Armando brachte den Wagen zum Stehen. 

Thomas sprang vom Sitz. Ausser Atem gelangte er zu den Männern des Rettungsdienstes. Einer von ihnen hielt eine Taschenlampe in der Hand und leuchtete auf den Boden. Thomas sah auf einen Mann, der seltsam verkrümmt in einer riesigen Blutlache auf dem Kopfsteinpflaster lag. Der Boden war durchmischt mit Papierfetzen und Konfetti. Thomas blickte auf ein Loch, das in der linken Brusthälfte klaffte.

„Wir konnten leider nichts mehr für ihn tun“, rief einer der Sanitäter und erhob sich, während er Thomas die Hand entgegenstreckte. „Dieter Habermacher, Notfallarzt“, sagte er laut. Der Kapellplatz glich einem Hexenkessel. Aus der Gasse dahinter tönten rhythmische Trommelschläge, eine Pfeife. „Der Mann muss sofort tot gewesen sein. Ein Schuss durchs Herz. Wir haben den Platz hier notdürftig gesichert.“ Er wies nach hinten zum Sanitätswagen. „Da sitzt ein weiteres Opfer. Ein Mann wurde am Arm verletzt … wahrscheinlich vom Durchschuss des Projektils. Er hat Glück gehabt. Ausser einer Fleischwunde hat er nichts abbekommen.“

„Halten Sie sich zu unserer Verfügung“, bat Thomas ihn. „Dr. Lohmeyer und die Leute der Spurensicherung werden bald hier sein.“ Er beobachtete Armando, der den Tatort mit einem Plastikband absperrte.

Thomas kehrte zum Dienstwagen zurück. Er setzte sich hinein und schloss die Tür. Der Lärm drang gedämpft ins Innere. Thomas rief den neuen Chef der Kriminalpolizei, Marc Linder, an und schilderte ihm in groben Zügen den Tatort und den Verdacht auf ein Tötungsdelikt durch Erschiessen. „Einen weiteren Mann hat es ebenfalls getroffen. Er schwebt aber nicht in Lebensgefahr. Er wird vor Ort behandelt. Ich werde sofort die erforderlichen Massnahmen ergreifen und sobald die Spurensicherung eingetroffen ist, den Tatbestand aufnehmen und mit der Zeugenbefragung beginnen.“ Er beendete das Gespräch, nachdem ihm Linder versprochen hatte, den Untersuchungsrichter Anton Galliker sofort zu informieren.

Thomas ging zurück zu Armando und zog sich Vinylhandschuhe über. In diesem Moment bog der weisse Camion des Technischen Dienstes auf den Platz ein. Guido Amrein und Leo Brunner stiegen aus. Hinter ihnen erschien der Fotograf Benno Fischer. Thomas vermutete, dass Guido ihn auf dem Weg hierher aufgegabelt haben musste. In der Regel war Benno immer zu spät. Auch seit seiner Blitzscheidung Mitte Dezember. Jetzt war er mit einer jungen Frau zusammen und erfand neue Ausreden.

„Das muss einmal ein hübscher Mann gewesen sein“, sagte Thomas zu Armando, der neben ihn getreten war. Er kniete nieder und streifte dem Toten die Handschuhe ab. Er drehte die Handfläche des Opfers nach aussen. „Er hat eine aussergewöhnlich dunkle Haut. Siehst du diese Streifen da? Nur Farbige haben solche Hände.“

Armando pflichtete ihm bei. „Dann verstehe ich nicht, weshalb er auf seinem Gesicht Schminke trägt.“

„Während der Fasnachtstage muss man nicht immer alles verstehen.“ Thomas wandte sich seinem Mitarbeiter zu. „Ich lasse dich dann mal den Tatbestand aufnehmen. Ich nehme an, dass Dr. Lohmeier bald eintreffen wird. Ich werde mich um das zweite Opfer kümmern.“ Er liess Armando beim Toten zurück.

Ein Mann mittleren Alters und in einem Froschkostüm sass im Ambulanzwagen. Der rechte Oberarm war einbandagiert. Sein grünes Gesicht schien vor Schmerz verzerrt.

„Mein Name ist Thomas Kramer, Chef des Ermittlungsdienstes.“ Thomas zückte seinen Ausweis. „Fühlen Sie sich imstande, mir ein paar Fragen zu beantworten?“  

„Wenn es sein muss“, gab sich der Frosch bedeckt und stöhnte.

„Können Sie mir Ihre Personalien angeben?“

„Was soll ich? Ich bin kein Krimineller. Ich dachte immer, dass ich hier meinen Frieden habe.“

„Den werden Sie auch in Zukunft haben, hoffe ich.“ Thomas rang nach den richtigen Worten, während der Frosch ihn unterbrach.

„Ich habe mich in der Schweiz gut angepasst. Ich mache sogar an der Fasnacht mit.“ Sein Froschmaul zog sich an beiden Enden in die Höhe.

„Das ist offensichtlich.“ Obwohl Thomas die Nationalität seines Gegenübers erahnte, fragte er: „Wie heissen Sie? Woher kommen Sie?“ Dabei beförderte er Block und Schreibstift aus der Mappe. Das Diktiergerät liess er dort, wo es war.

„Yusef Costic. Ich wohne in Kriens.“

„Ihre Nationalität?“

„Ursprünglich aus Serbien“, antwortete der Frosch und bestätigte Thomas’ Ahnung.

Thomas notierte es. „Erinnern Sie sich, wie spät es war, als Sie getroffen wurden?“

„Unmittelbar beim Urknall.“ Costic lehnte sich zurück. „Ich dachte zuerst, der Mann neben mir zwicke mich in den Arm. Der Schmerz traf mich mit voller Wucht. Wenn neben mir niemand gestanden hätte, wäre ich wahrscheinlich gleich zu Boden gegangen. So fiel ich mit Verzögerung.“

„Was ist dann geschehen?“

„Ich wusste nicht, dass jemand geschossen hat.“ Das war nicht die Antwort auf seine Frage.

„Mögen Sie sich an irgendwelche Einzelheiten erinnern?“, fragte Thomas weiter. „Haben Sie etwas Verdächtiges festgestellt?“

„Der Mann neben mir zeigte auf meinen Arm. Da war viel Blut.“

„Und den Mann, der jetzt am Boden liegt, haben Sie nicht gesehen?“

„Doch schon. Aber er war schon tot.“ Costic fuchtelte mit dem unverletzten Arm über seinem Kopf. „Ich weiss, wie ein Toter aussieht ...“

Thomas reichte ihm seine Karte. „Ich muss Sie bitten, heute Nachmittag um halb zwei zur Kriminalpolizei zu kommen. Wir müssen Ihre Aussage protokollieren und Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Melden Sie sich da bitte bei Frau Mathieu.“

Costic verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Ich glaube nicht, dass der Schuss mir gegolten hat.“

„Davon ist auszugehen. Trotzdem dürfen wir diese Möglichkeit nicht ausser Acht lassen. Zudem geht es noch um die versicherungstechnischen Dinge. Es tut mir leid, dass Sie in diese unangenehme Situation geraten sind.“

Costic verzog seinen Mund. „Bekomme ich Geld, wenn ich unschuldig bin?“

Die Frage blieb unbeantwortet. Thomas verliess den Sanitätswagen und kehrte zum Tatort zurück.

Später kamen noch ein weiterer Camion der Kantonspolizei und ein Leichenwagen dazu, der den Toten nach den ersten Untersuchungen vor Ort in die Gerichtsmedizin nach Zürich fahren würde. Männer in weissen Overalls sperrten nun den Platz um den Tatort mit Latten weiträumig ab und stellten Halogenleuchten und eine Schutzwand auf. Thomas’ Befehle gingen in der Musik unter. Er zitierte Armando gestikulierend an seine Seite. Dieser hatte zwischenzeitlich beim Toten einen Schlüssel und die Geldbörse gefunden. „Zumindest wissen wir jetzt, wer er ist“, sagte er, „Tarek Husseini. Dem Namen nach müsste er ein Araber sein.“ Er hielt Thomas einen Ausweis hin. „Geboren am 22. Juni 1976. Heimatort ...“ Er drehte die Karte auf die Rückseite. „Bern. Hmm ... also wie ein Berner sieht der aber nicht aus.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Im Portmonee hat es diverse Quittungen. Unter anderem auch von einem Hotel. Den Namen konnte ich jedoch nicht identifizieren, da die obere Hälfte abgerissen und nur der Teil eines Namens sichtbar ist.“

Thomas griff danach. Nur die ersten beiden Buchstaben waren zu erkennen. „M ... a ...“ Thomas holte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. „Keine Ahnung.“ Er stellte die Nummer von Elsbeth Rotenfluh ein. Seit seiner Beförderung war sie seine persönliche Sekretärin. Dies war für sie Anlass genug gewesen, auf ihre hochhackigen Schuhe zu verzichten. Schliesslich wollte sie ihrem Chef auf gleicher Augenhöhe begegnen. Doch ihre üblichen Macken hatte sie beibehalten. Auch jetzt, als Thomas sie auf der Leitung hatte. Sie war gerade daran, einen ihrer berüchtigten Apfelkrapfen zu verzehren. „Was gibt’s?“, fragte sie deshalb mit vollem Mund.

Thomas gab ihr die Koordinaten durch und bat sie nebst dem Checken der Personalien, sämtliche Hotels in Luzern und Umgebung mit den Anfangsbuchstaben Ma herauszusuchen. „Wie lange brauchst du?“

„Gib mir eine Stunde. Ich werde mich beeilen.“ Dann hängte sie auf.

Armando steckte das Portmonee in einen Asservatenbeutel. Dann hielt er Thomas ein weisses Säckchen unter die Nase. „Das habe ich auch in seiner Jackentasche gefunden.“

Thomas musterte es. „Was kann das sein?“

„Ich tippe auf Koks.“

„Gibt es noch mehr davon?“

„Nein, das ist alles.“

„Nimm es mit ins Labor. Sie sollen den Stoff untersuchen. Haben sich schon Zeugen gemeldet?“

Hinter der Absperrung hatten sich viele Kostümierte versammelt und verfolgten die Arbeit der Polizei. Armando hielt Thomas den Schreibblock hin. Ein paar Namen waren vermerkt. „Sie warten neben dem Wagen.“

Thomas sah Gestalten neben einer der Halogenleuchten. Sie standen herum in ihren farbigen Gewändern, in Masken und bizarren Hüten und warteten geduldig. Im ersten Moment schaffte es niemand genau zu sagen, wie alles geschehen war. Eines aber war gewiss: Der Mann auf dem Boden war erschossen worden. Hinterhältig und brutal. Dies zeigten die ersten Resultate der Spurensicherung.

Später kam Dr. Lohmeier dazu und bestätigte dies. „Das Geschoss hat das Opfer von hinten ins Herz getroffen und ist vorne wieder ausgetreten, wo es den unmittelbar davor stehenden Mann getroffen hat.“ Er stellte den Todeszeitpunkt fest und den Totenschein aus. „31. Januar 2008, 05.00 Uhr.“

Die Techniker suchten nun fieberhaft nach dem Projektil und der Patronenhülse, was in Anbetracht des mit Konfetti bepflasterten Bodens zu einem schwierigen Unterfangen wurde. 

Thomas hatte jetzt zwei kostümierte Männer zur Seite genommen. Runde Gestalten, die ihre Gipsköpfe auf dem Arm trugen. Nicht definierbar, was sie darstellten. Ihre Gesichter wirkten blass vor Kälte oder aufgrund des Schocks. Sie behaupteten, genau zum Zeitpunkt, als der Bollerschuss die Tagwache angekündigt hatte, neben dem Erschossenen gestanden zu haben. Doch das Chaos sei enorm gewesen. Als sie den Mann bewusst wahrgenommen hatten, habe er bereits auf dem Boden gelegen.

Thomas machte Notizen in der Kurzschrift. „Kommt Ihnen irgendetwas in den Sinn, das für uns wichtig sein könnte?“

„Nein!“, sagten beide einstimmig. „Aber es ist unheimlich, wenn inmitten einer Veranstaltung ein solches Verbrechen verübt wird“, ergänzte der Jüngere.

„Ich muss Sie bitten, heute Nachmittag um zwei ins Präsidium zu kommen.“ Thomas händigte seine Karte aus. „Melden Sie sich dort bei Lucille Mathieu. Es tut mir leid, aber wir brauchen Ihre exakte Aussage, um die Tat zu rekonstruieren.“ Er bemerkte, wie sie einander erstaunt anblickten und dann nickten. Thomas bedankte sich.  

Während der Fasnacht brach die ganze Stadt aus den Fugen. Die Plätze, Gassen und Strassen in der Altstadt barsten von Maskierten und Kostümierten, von Wagen und Guggenmusiken. Für den Mörder war es einfach gewesen, den Schuss abzugeben, ohne dass ihn jemand gehört hatte. Vielleicht war er selbst kostümiert gewesen. Dennoch, die Kaltblütigkeit dieser Tat liess Thomas erschaudern. Der Täter musste in unmittelbarer Nähe des Opfers gestanden haben, sonst hätte er nicht so genau zielen können. Dies bestätigten später auch die Ballistiker. Der Schuss war aus einer Distanz von einem Meter abgegeben worden und hatte dem Opfer die Brust buchstäblich auseinandergerissen.

Thomas fragte die nächsten zwei Leute – ein Mann und eine Frau – und nahm ihre Personalien ebenfalls auf.

„Wer hat sich als erster um das Opfer gekümmert? Können Sie sich erinnern?“

„Wir beide“, beantwortete die Frau Thomas’ Frage. „Und ich bin die, die die Polizei angerufen hat.“

„Haben Sie auch die Ambulanz gerufen?“

„Das war ich!“ Der Mann wirkte gefasster als seine Begleiterin. „Wir wussten ja nicht, wie schwer es den Mann getroffen hatte. Ich habe auf ihn eingeredet, aber er hat es, so glaube ich, nicht mehr mitbekommen.“ 

Thomas bat auch sie, am Nachmittag bei der Kapo vorbeizukommen. Er gab die Zeit an, notierte den Namen seiner Mitarbeiterin auf der Visitenkarte und überreichte diese. „Melden Sie sich bei Lucille Mathieu.“

In der Zwischenzeit war auch Marc Linder eingetroffen. Er machte eine erste Beurteilung der Lage und kam dann auf Thomas zu. „Wie sieht es aus?“ Linder war in Thomas’ Alter, grossgewachsen, mit graumelierten Haaren und dunklen ausdrucksvollen Augen, und er hatte einen Thurgauer Dialekt. „Weiss man schon etwas über den Toten?“

„Man hat verschiedene Gegenstände gefunden“, erwiderte Thomas, „eine Identitätskarte, ausgestellt auf den Namen Tarek Husseini. Frau Rotenfluh prüft gerade, wo er wohnt. Aus seiner Hautfarbe zu schliessen, würde man meinen, er sei ein Secondo oder ein Tourist, der an die Fasnacht nach Luzern gekommen ist.“ Thomas hielt einen Moment inne. „Tatsächlich aber ist sein Heimatort Bern. Ob er da auch wohnt, wird noch abgeklärt. Zudem haben wir eine kleine Menge Drogen gefunden. Es könnte sich um Kokain handeln.“

Linder warf einen Blick auf die verdunkelte hintere Scheibe. „Aha, das klingt interessant. Sind wir in ein Drogennest getreten?“

„Das kann ich nicht aus dem Stegreif sagen“, hielt sich Thomas bedeckt.

„Was meinen Sie, wann können Sie mit dem Rapport beginnen?“

„Um acht Uhr sollte ich bereit sein.“ Thomas verstaute seinen Notizblock in der Mappe. „Bis dahin müssten die wichtigsten Infos zusammengetragen sein.“

„Gut, Sie können mir danach das Protokoll zukommen lassen. Wie sieht es aus mit einer Pressekonferenz? Da gibt es eine Dame, die nicht locker lässt. Seit einer halben Stunde liegt sie mir in den Ohren.“

„Tanja Pitzer etwa?“ Als Linder nickte, meinte Thomas: „An die müssen Sie sich erst gewöhnen. Ihre Berichte erscheinen unter dem Kürzel Tapi. Bestimmt haben Sie auch schon von ihr gelesen. Die wird Ihnen noch oft auf die Pelle rücken. Aber nehmen Sie es locker. Für einen Bericht für die Presse dürften wir heute Mittag soweit sein.“ Trotzdem war ihm nicht ganz geheuer. Woher hatte diese Tapi so schnell erfahren, was hier geschehen war?

Linder schien fürs Erste zufrieden. Er übte sein Amt erst seit Januar dieses Jahres aus. Nachdem sein Vorgänger Sven Glanzmann seinen Platz bei der Kapo hatte räumen müssen, war er Ende Dezember vereidigt worden. Er war am Bodensee aufgewachsen und hatte dort nach erfolgreich bestandenem Anwaltspatent seine Karriere bei der Polizei gestartet. Er hatte sich in Romanshorn unter anderem in der Abteilung für Leib und Leben emporgearbeitet und war so zum Chefposten der Kriminalpolizei gekommen, als der Posten Ende letzten Jahres ausgeschrieben war. Linder war verheiratet und kinderlos. Anfänglich hatte es in den Abteilungen einiges über den Neuen zu meckern gegeben, der nicht nur frischen Wind gebracht, sondern mit eigenwilligen Methoden für Furore gesorgt hatte. Auch Thomas bekundete Mühe, da er ihm direkt unterstellt war. Linder war einer, der die Nase in alles steckte, auch in Dinge, die ihn nicht unmittelbar betrafen. „Wenn der so weitermacht, wie er begonnen hat“, hatte sich Armando Thomas gegenüber geäussert, „wird er als Herzinfarktkandidat enden.“ Thomas dagegen hatte diese Ansicht mit der Aussage entschärft, dass es immer schwierig sei, wenn ein Neuer in ein gut eingespieltes Team komme und man einfach einmal abwarten müsse, wie sich das Ganze entwickle. Dass er selber nicht lange dabei zusehen würde, hatte er für sich behalten und sich vorgenommen, seine Sympathiepunkte beim Polizeichef Hürzeler zu nutzen, die er seit dem letzten Fall auf sicher hatte.  

 

Allmählich tauchte die Stadt in ein bläulich flimmerndes Licht. Der Morgen dämmerte, wenn auch nur zaghaft. Der Pilatus stach gestochen scharf gegen den Himmel. Seit Anfang Januar war es der erste nebelfreie Tag.

Thomas fuhr mit Armando zurück zum Polizeirevier. Unmittelbar vor der Treppe, die zum Gebäude führte, parkte ein Polizeiwagen. Zwei Beamte zogen zwei Männer in Handschellen von den Sitzen. Einer von ihnen hatte eine blutende Schramme im Gesicht. Thomas grüsste seine Kollegen und schritt auf den Eingang zu. Er winkte Marion zu. „Ich glaube, es gibt Arbeit“, meinte er, mit dem Kopf nach draussen nickend.

„Ich weiss. Das Übliche an solchen Tagen. Es geht irgendwie nie ohne Gewalt. Und bei dir? Was ist da auf dem Kapellplatz geschehen?“

„Ein Schuss aus nächster Nähe“, sagte Thomas. „Es gibt einen Toten.“

Marion schwieg bedrückt.

Thomas ging über die Treppe, weil die Aufzüge unterwegs waren. Er steuerte das Grossraumbüro an, wo der erste Lagebericht stattfand.  

Auch der Untersuchungsrichter Anton Galliker war anwesend. Er hatte sich von seiner Herzoperation erholt. Nach dem Kuraufenthalt in Seewis ging es ihm wieder gut. Er hatte sogar abgenommen. Elsbeth Rotenfluh – mit ihrem Laptop fast zusammengewachsen – sass neben Lucille Mathieu und ereiferte sich mit ihren eigenen Interpretationen. „Es wundert mich, dass nicht schon früher etwas geschehen ist. In diesem Chaos ist es ein Leichtes, jemanden umzubringen. Da fällst du als Maskierter nicht auf.“ Sie strich sich behutsam über ihre Dauerwelle und presste ihre rosa geschminkten Lippen aufeinander.

Lucille hob nur die Schultern. Seit zwei Monaten lebte sie mit Thomas Kramers Sohn Stefan unter einem Dach. Sie hatten in der Luzerner Altstadt eine Altwohnung bezogen, eine schmucke Vierzimmerwohnung an der Zürichstrasse in der Nähe des Bourbaki Theaters und waren jetzt daran, ihr eigenes Heim einzurichten.  

Nach und nach fanden sich alle im Grossraumbüro ein: sechs Ermittler, drei Männer des Technischen Dienstes sowie ein Pressesprecher, zwei Juristen und die Sekretärin. Es schien, als wäre Thomas nicht der Einzige, der die letzte Nacht nicht im Bett verbracht hatte. Auch andere litten am Fasnachtsvirus und hielten sich jetzt mit einer Tasse schwarzen Kaffees wach.

Thomas beorderte Elsbeth an seine Seite. „Hast du schon herausgefunden, wo unser Opfer wohnte?“

Elsbeth legte Dokumente auf den Tisch „Nun, das war gar nicht so schwierig. Soll ich gleich beginnen?“

„Einen Augenblick, bitte.“ Thomas bat vorab die Anwesenden um ihre Aufmerksamkeit. „Ich begrüsse Sie zum ersten Rapport im Fall Husseini. Er wurde heute Morgen um fünf Uhr auf dem Kapellplatz von einem unbekannten Täter erschossen. Wir können davon ausgehen, dass der Schuss ihm gegolten hat.“ Er wandte sich an Elsbeth, die sich in der Zwischenzeit wieder vor ihren Computer gesetzt hatte. „Inwieweit konntest du das Opfer identifizieren?“

Elsbeth machte sich für das Schreiben des Protokolls bereit. „Die Angaben auf der ID genügten. Ich habe den Namen gegoogelt. Er ist kein Unbekannter. Er hat sogar eine eigene Website, wo er ein paar seiner Bilder präsentiert. Nicht sehr professionell. Es scheint, als hätte er diese seit längerer Zeit nicht mehr aktualisiert. Er hat ein Atelier in Ascona. Er bezeichnet sich selbst als freischaffenden Kunstmaler.“ Elsbeth tippte, während sie sprach. „Vielleicht werden die Preise für seine Bilder steigen.“

Ein Raunen erfüllte den Raum.

Thomas wollte es überhört haben. „Sonst noch etwas zu seiner Person?“

„Ich habe mit den Zuständigen der Gemeinde telefoniert. Die gaben mir bereitwillig Auskunft. Seit zehn Jahren habe er allein in einem heruntergekommenen Atelier als sogenannter Wochenaufenthalter gewohnt. Seine Eltern leben“, Elsbeth hielt kurz inne, „man höre und staune, hier in der Stadt. Sein Vater sei ein Rebell aus dem Osten, ein Ehemaliger des Prager Frühlings, der in der Schweiz eine Afrikanerin geheiratet hat. Aus dieser Verbindung stamme unser Opfer.“

„Da sieht man wieder einmal, wie multikulturell doch unsere Schweiz ist.“ Armando schmunzelte über alle hinweg.

„Daher die dunkle Hautfarbe.“ Lucille runzelte die Stirn. „Sein Vater ist ein Tscheche? Existierte nicht ein islamischer Geistlicher mit diesem Namen? Ein sonderbarer Name für einen Tschechen. Oder ist er arabischen Ursprungs? Warum hat er nicht bei seinen Eltern übernachtet?“

Thomas konnte Lucilles Äusserungen nicht nachvollziehen. „Er war ein erwachsener Mann.“ Er überlegte. „Vielleicht wollte er nicht, dass man seine Begleitung kennenlernte.“

„Das würde schlussendlich auch erklären, weshalb sie das Weite gesucht hat.“

„Falls er tatsächlich in Begleitung hier war“, ergänzte Armando.

Thomas fuhr fort: „In seiner Geldbörse ist eine Quittung eines Hotels zum Vorschein gekommen – mit dem gestrigen Datum versehen.“ Er wandte sich erneut an Elsbeth. „Konntest du bereits herausfinden, in welchem Hotel unser Opfer logiert hat?“  

„Im Magic Hotel.“

„Aha. Kennt das jemand ...?“

„Das kennt doch jeder“, schnitt Armando ihm das Wort ab

„ ... näher?“ beendete Thomas die Frage.

Dessen ungeachtet redete Armando weiter. „Es befindet sich über dem Bistro Bodu. Ist ein Themenhotel, so ähnlich wie Walt Disney. Man kann dort in einem Piratenschiff schlafen.“

„Ja, das kenne ich auch“, fügte Elsbeth hinzu. „In diesem Hotel werden Kindheitsträume ausgelebt.“ Mit einem Seitenblick auf Armando schmunzelte sie ein wenig. „Soll ich das auch protokollieren?“

„Oder auch Erwachsenenträume …“ ergänzte Armando.

Thomas überging es. „Lassen wir uns nicht zu sehr vom Fasnachtsvirus infizieren“, meinte er nur. Und nach einer kurzen Pause: „Beim Toten wurden Drogen gefunden.“ Er wandte sich an Guido Amrein. „Weiss man schon, welche?“

„Knapp zwanzig Gramm Kokain, wie vermutet. Es sieht danach aus, als hätte man schon davon konsumiert. Das müsste einen Markwert von zirka 1600 Franken haben.“

„Vielleicht war er ein Gelegenheitskonsument“, meinte Armando. „Es gibt mehr Leute als man denkt, die sich ab und zu eine Linie reinziehen.“

„Warum besass Husseini für eineinhalb Ameisen Koks, wenn er nur gelegentlich konsumierte?“ Thomas schüttelte den Kopf. „Das geht irgendwie nicht auf.“

„Vielleicht hat er die Drogen unter die Leute bringen wollen.“

„Wir sollten unsere Kollegen vom Betäubungsmitteldezernat beiziehen.“ Thomas wandte sich erneut an Armando. „Setze dich nach dem Rapport gleich mit ihnen in Verbindung. Vielleicht findet man im Vorstrafenregister einen Namen, der uns nützlich sein könnte.“ Er zögerte. „Es gibt noch ein zweites Opfer. Yusef Costic, gebürtiger Serbe, wohnhaft in Kriens. Er wurde ambulant behandelt. Aufgrund des Durchschusses. Das Projektil ist vorher abgebremst worden ...“ Er zögerte. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich Costic zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hat. Trotzdem möchte ich, dass sein Umfeld näher erforscht wird.“

„Bei denen muss man mit allem rechnen“, meinte Armando.

Thomas warf seinem Untergebenen einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann wandte er sich an Lucille. „Ich bitte dich, seine Aussage zu protokollieren und seinen Leumund zu prüfen. Yusuf Costic wird um halb zwei in dein Büro kommen. Danach sind weitere Zeugen vorgeladen.“ Thomas reichte eine Namensliste über den Tisch. „Bitte teilt euch die Arbeit, du und Armando.“

Lucille nickte. „Alles klar Chef.“ Das hatte sie ihm noch nie zuvor gesagt.

„Was wissen wir noch?“ Thomas wandte sich wieder an Elsbeth. „Hast du mit dem Hotel bereits Kontakt aufgenommen?“

 „Ja, habe ich. Unser Opfer sei nicht allein dort abgestiegen. Eine Dame soll ihn begleitet haben.“

„Hat die Dame einen Namen?“

„Leider nein.“ Elsbeth zog ihre Augenbrauen hoch. „Vielleicht müsste man mit der Empfangssekretärin sprechen, die gestern Dienst hatte. Die vorliegenden Angaben stammen vom Anmeldeschein. Mehr konnte man mir nicht sagen. Scheinbar sei aber nur eine abgeschlossene Reisetasche des Toten zurückgeblieben.“  

„Der Technische Dienst soll sich gleich nach dem Rapport darum kümmern“, wandte sich Thomas an Guido Amrein. „Vielleicht werdet ihr noch mehr von dem Zeug finden“, und an den Rest seines Teams: „Sie haben eine Menge Arbeit, die auf Sie wartet. Fangen Sie im Hotel an. Und du Elsbeth“, sagte er zu seiner Sekretärin, „wirst sämtliche Kostümverleihe in der Stadt Luzern anrufen. Wenn unser Toter seine Kleider geliehen hat, so muss er oder seine Begleitung einen Namen hinterlassen haben, oder die Verleiherin erinnert sich an ihn.“ Thomas quälte sich mit einem schiefen Grinsen. Er ärgerte sich über seine Müdigkeit und schwor sich, nie mehr einen Tropfen Alkohol anzurühren, wenn er anderntags arbeiten musste. „Vernehmt alle noch verbliebenen Zeugen. Ich werde indes die Hinterbliebenen ausfindig machen.“ Und wieder an Elsbeth gewandt: „Das Protokoll kannst du gleich Linder bringen.“   

Später rief er Isabelle an und erklärte ihr, dass er etwas später zum Mittagessen kommen werde.

 

Husseini. Prager Frühling. Der Name passte nicht zur Tschechoslowakei. Aber mit dem Prager Frühling brachte Thomas anderes in Zusammenhang. Als in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 die fünf Warschauer Pakt-Staaten in der tschechoslowakischen Hauptstadt einmarschiert waren, hatten sich seine Eltern mit den Menschen dort solidarisch verbündet. Fähnchen aufgehängt, rot-blau-weisse Banner an der Heckscheibe des Autos, sogar am Küchenfenster. Thomas erinnerte sich, dass seine Mutter oft geweint hatte, weil sie das grenzenlose Leid nicht nachvollziehen konnte. Sie hatte den zweiten Weltkrieg miterlebt. Die militärische Intervention im Osten hatte alte Wunden wieder aufgerissen. Die Bilder von sowjetischen Panzern auf dem Wenzelsplatz in Prag hatten sie sehr bewegt, und sie hatte mit den Ereignissen gehadert, die man seit der Erfindung des Fernsehers am Abend ins Wohnzimmer geliefert bekam.

Vor ihm tauchte eine Villa auf. Ein hellgelbes Gebäude mit Sprossenfenstern direkt am Waldrand und unverbauter Aussicht auf den See und die Alpen. Er stellte das Auto etwas abseits an den Strassenrand und begab sich zu einem Tor, welches der Durchgang einer langen, weissen Umzäunung war, klingelte an der angebrachten Glocke und wartete. Der Park war weitläufig und mit regelmässig angeordneten Sträuchern bestückt. In dieser Jahreszeit trugen sie keine Blätter. Ein Kieselweg führte vorne zu einer Treppe und zu einem markanten Eingang. Links und rechts davon gab es Säulen. Thomas rätselte, welchen Beruf man ausüben musste, um sich ein solches Anwesen leisten zu können. Dann vernahm er das Summen des Türöffners.

Thomas öffnete das Tor und begab sich auf den Weg. Schon von weitem sah er, wie der Hauseingang geöffnet wurde und eine dunkelhäutige füllige Frau vor die Türe trat. Sie hatte eine weisse Schürze um. Darunter trug sie ein einfarbiges, dunkelblaues Kleid. Ihre krausen Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden. Thomas hatte Mühe, ihr Alter zu schätzen.

„Sie wünschen?“ Sie sprach in akzentfreiem Deutsch. „Wollen Sie zu Dr. Van den Broegh? Dann muss ich Sie enttäuschen, der kommt erst in zwei Monaten wieder.“

„Ich möchte zu Herrn und Frau Husseini.“ Thomas unterliess es, seinen Ausweis zu zeigen. Die Schwarze – er nahm an, dass sie die Mutter des Toten war – stiess die Türe weit auf und bat ihn einzutreten. „Ich werde sofort meinen Mann rufen.“ Jetzt verschwanden Thomas’ letzte Zweifel. „Kommen Sie und setzen Sie sich in die Küche.“ Und weg war sie.

Die Küche war ganz in Weiss gehalten. Flächenmässig glich sie einem halben Volleyballfeld. Die lackierten Kästen reichten bis unter die Decke und hatten runde Messinggriffe. Mitten im Raum stand ein langer, eleganter Tisch mit acht Stühlen. Der Boden war aus Carrara-Marmor und auf Hochglanz poliert. Irgendwie konnte Thomas das Haus nicht mit Husseinis in Verbindung bringen.

„Wir sind schon seit zehn Jahren bei Familie Van den Broegh angestellt“, sagte die Schwarze, als sie in die Küche zurückkehrte. Vielleicht konnte sie Gedanken lesen. „Mein Mann wird gleich kommen. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Thomas bejahte. Sie betätigte die moderne Kaffeemaschine, die auf einer Ablage stand, und holte Tassen und Teller aus dem Schrank. „Sie wollten Pjetr sprechen?“  

„Ich wollte Sie beide sprechen“, korrigierte Thomas. „Draussen am Türschild steht Husseini, und in den Adressbüchern sind Sie auch unter dieser Anschrift zu finden.“

„Dr. Van den Broegh wohnt in den Niederlanden und benützt dieses Haus hier nur im Urlaub“, sagte die Frau. „Er möchte hier nicht erkannt werden. Wir machen den Abwart und wohnen ganzjährig da. Ich heisse übrigens Faizah Husseini. Verzeihen Sie mir, dass ich mich nicht gleich vorgestellt habe.“

Ein schlanker Mann trat in die Küche. „Entschuldigen Sie“, sagte er höflich. „Meine Frau hat mich über ihr Kommen unterrichtet. Aber ich hatte im Treibhaus zu tun.“

Thomas stellte sich mit Namen und Ausweis vor.

„Was führt Sie denn zu uns?“ Husseini blickte Thomas mit durchdringenden blauen Augen an. Nicht unfreundlich, jedoch neugierig. Er ging zur Spüle und wusch sich die Hände.

„Sie müssen mir ein paar Fragen beantworten.“ Thomas sah, wie Faizah Husseini zusammenfuhr, als hätte sie erst mit Verzögerung begriffen, wer er war. „Sie sind von der Polizei?“

„Wann haben Sie Ihren Sohn Tarek zum letzten Mal gesehen?“

Die beiden Leute schauten einander verunsichert an. „An Weihnachten“, sagte Husseini, während er sich die Hände an der Hose abtrocknete.

„Ja, er war an Weihnachten da“, doppelte Faizah nach. „Er kommt selten zu uns, weil er ja immer so viel zu tun hat. Obwohl er eigentlich in Luzern wohnt. Er ist hier angemeldet. Wissen Sie, er malt wunder ...“

Husseini winkte ab. „Warum müssen Sie das wissen?“ Er hatte die Hände aufgestützt, lehnte über den Tisch und fixierte Thomas mit starrem Blick.

„Seither nicht mehr?“ Thomas wollte die Nachricht hinauszögern. In solchen Momenten verwünschte er seinen Beruf. Dann hätte er sich lieber als Postbeamten gesehen oder als Verkäufer in einem Supermarkt.

„Seither nicht mehr.“ Husseini war äusserst angespannt.

„Kommen Sie.“ Faizah ging voraus in ein helles Wohnzimmer. Thomas folgte ihr zögernd und gelangte in einen ebenso edel ausgestatteten Raum, was schon die Küche erahnen liess. Alles war in Weiss gehalten. Eine weisse Wohnlandschaft auf hellem Boden, ebenfalls aus Carrara-Marmor. Die Wände zierten Gemälde. Thomas liess sich einen Augenblick von dieser Lebendigkeit mitreissen. In eine Unwirklichkeit allerdings, die von übergrossen Planeten und Kometen in einer Winterlandschaft beherrscht wurde. Auf einem anderen Bild leuchtete ein Mond eine unwirtliche Gegend aus. Davor im Halbschatten magere Baumgerippe, die am Rande eines surrealen Sumpfes standen. Nebelschwaden in Form eines Frauenkörpers überzogen die Leinwand.

„Diese hat unser Sohn gemalt“, sagte Faizah, und Thomas meinte, in ihrer Haltung zu sehen, dass sie seine Nachricht nicht erfahren wollte. „Das war eine frühe Phase seines Schaffens“, ergänzte sie. „Heute malt er freundlicher.“

Husseini, der in der Küche geblieben war, rief sie zurück. „Du solltest Herrn Kramer die Gelegenheit geben, seinen Besuch zu begründen.“

„Selbstverständlich.“ Faizah nickte Thomas zu. „Kommen Sie, ich serviere Ihnen den Kaffee.“

Thomas ging hinter Faizah her und blieb dann stehen. Er spürte ein Unbehagen und Angst davor, diesen Leuten eine Illusion zu nehmen, mehr noch, ihnen ihr Leben in den Grundzügen zu zerstören. Er schluckte leer. „Ihr Sohn ist heute Morgen in der Stadt gefunden worden.“

„Er ist in Luzern?“ Faizahs Augen drückten Überraschung aus.

„Gefunden?“ Husseinis Hände verkrampften sich. „Gefunden – das bedeutet nichts Gutes, oder?“

„Hat er sich betrunken?“ Faizah klammerte sich an die letzte verbliebene Möglichkeit vor den Grenzen des Unfassbaren. „Das sieht ihm ähnlich. Er weiss doch, dass er Alkohol nicht verträgt, dieser Narr.“

Thomas liess eine Schweigeminute verstreichen, indem ihn Faizah hoffnungsvoll ansah. Nur Husseini schien die Lage zu kapieren. „Er ist tot, nicht wahr?“

Thomas zögerte. „Er wurde erschossen.“

Jetzt war es heraus, doch er fühlte sich nicht wohler. Seine Ängste und seine Gefühle hatten sich auf Faizah Husseini übertragen. Er bemerkte die Wandlung, die sie durchmachte. Sie erstarrte. Selbst ihr Atem schien für den Bruchteil einer kleinen Ewigkeit auszusetzen. Ihre dunkle Haut wurde grau. Dann setzte sie sich und legte ihren Kopf – mit dem Gesicht nach unten – auf die Arme. So blieb sie eine Weile reglos.

„Sind Sie sicher, dass es unser Sohn ist?“ Es war Husseini, der die Worte als erster fand. Er zitterte, doch beherrschte sich.

Thomas legte ihm die Identitätskarte hin.

„Es ist unser Sohn“, stellte Husseini fest. Er sass dann wie angewurzelt. Wie eine Statue aus Stein. Die Hiobsbotschaft in sich zwar aufgenommen, aber nicht begreifend. Eine Amnesie von kurzer Dauer. Die Seele, die sich wehrte im Angesicht des zu Ertragenden. Thomas sah, dass Tränen aus seinen Augen schossen. Husseini liess es geschehen. Ein paar mal zuckte sein ganzer Körper, als peinigte man ihn mit Stromstössen.

In der Küche wurde es überraschend still. Nur von draussen waren Geräusche zu vernehmen. Eine Säge weit entfernt. Ein Auto, das anfuhr und im Hintergrund die dumpfen Töne einer Guggenmusik.

Bis ein Schrei die Stille zerriss. Ein gutturaler Schrei. Faizah hatte den Kopf weit in den Nacken geworfen, Hände und Arme waren gestreckt, als klagte sie die Decke über ihr an oder den Himmel über Afrika. Dann sackte sie abermals in sich zusammen, legte die Arme wieder auf den Tisch, den Kopf darauf und verharrte in dieser Stellung. Thomas schluckte leer. Er suchte hilflos Husseinis Blicke.

„Das ist ihre Art, mit dem Schmerz umzugehen.“ Der Mann schniefte einige Male hintereinander. „Nehmen Sie es ihr nicht übel.“ Und nach einem tiefen Seufzer. „Wir haben unsern Sohn geliebt. Er war so ein wunderbarer Mensch.“

Thomas liess die Zeit verstreichen. Drei, vier, fünf Minuten. Er hatte das Zeitgefühl verloren.

Später fragte er: „Wissen Sie, ob er Feinde hatte?“

„Feinde hat wohl jeder, der nicht ausschliesslich ein Einheimischer ist“, sagte Husseini bedrückt. Thomas staunte über seine Ruhe. „Wissen Sie, so schön wie dieses Land hier ist ... aber der Fremdenhass schreit einem geradezu entgegen.“

Thomas schwieg.

„Die Bewohner hier haben so eine Art“, fuhr Husseini verzweifelt fort, „wenn irgendwo etwas Krummes geschieht, dann wissen die schon, bevor überhaupt ein Verdächtiger ausfindig gemacht werden kann, dass das ein Ausländer war. Und wenn er dazu eine dunkle Haut hat, steht das Urteil ohnehin schon fest ...“

„Tarek hat sich nie darüber beklagt“, sagte plötzlich Faizah. „Er hat sich mit vielen Leuten angefreundet. Er hat so schön gemalt.“

„Gibt es eine Freundin? Eine Bekannte?“ Thomas nahm erst jetzt die Kaffeetasse zur Hand. Er trank und fühlte sich ein bisschen besser.

„Wir wissen nichts Konkretes“, sagte Husseini.

„Er war ein gesunder junger Mann.“ Faizah wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen. „Er wird schon eine Freundin haben. Aber wir kennen sie nicht persönlich.“

„Hat er nie einen Namen erwähnt?“ Thomas gab nicht auf.

„Er hat uns mal ein Foto geschickt.“ Umständlich erhob sie sich. Thomas sah ihr an, dass sie Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Sie verschwand kurz im Wohnzimmer. Als sie zurückkam, stellte sie einen Bilderrahmen auf den Tisch. „Sehen Sie selber. Das ist Tarek mit seiner Freundin.“

Thomas zog das Bild heran. Eine hübsche Frau mit blonden langen Haaren stand neben einem stolzen Mulatten. Thomas erkannte in ihm den Toten. „Seit wann haben Sie das Foto?“

„Vielleicht ein Jahr.“ Faizah hob die Schultern an. „Aber ich weiss nicht, ob es diese Freundin noch gibt. Sie wissen ja, die heutige Jugend legt sich nicht mehr so schnell fest.“

Thomas bat die beiden, das Foto behalten zu dürfen. „Haben Sie Ihren Sohn öfter besucht?“, wollte er wissen.

„Nein, wir waren nie dort.“ Husseini sagte es völlig emotionslos. „Es hat sich nie ergeben.“

Thomas legte seine Visitenkarte auf den Tisch. „Wir werden Sie so bald wie möglich benachrichtigen.“ Er machte eine Pause. „Wegen der Identifizierung Ihres Sohnes. Ich wünschte, ich könnte Ihnen dies ersparen ...“ Abrupt wandte er sich ab. Seine Nerven flatterten. Er verabschiedete sich mit ein paar tröstenden Worten, die ihm im Nachhinein sehr oberflächlich erschienen.

„Wir möchten ihn sowieso noch einmal sehen, um uns von ihm zu verabschieden“, schloss Husseini.

Draussen stieg Thomas in seinen Wagen und blieb eine Weile sitzen. Dann nahm er das Bild mit dem Liebespaar zur Hand und schaute es eingehender an. Er betrachtete die Frau darauf und schüttelte den Kopf. Wenn sie mit Husseini in der Stadt gewesen war und den Mord mit angesehen hatte, warum war sie geflüchtet? War es der Schock? Oder hatte sie gar nichts mitbekommen?

 

Thomas wohnte am Hang des Sonnenbergs, in einem der vielen Ein- und Zweifamilienhäuser, die in den letzen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Er parkte den Wagen vor der Garage. Er stieg aus und öffnete das Tor. Er begab sich durch den Kellereingang.

Schon im Treppenhaus roch es angenehm nach Essen, wie Thomas in freudiger Erwartung feststellte. Als er die Wohnungstüre öffnete, stieg ihm der Geruch nach Braten in die Nase.

Es gab keinen Braten, dafür ein Filet im Teig. Isabelle hatte sich wieder alle Mühe gegeben, das sah er, obwohl Kochen früher nicht ihre Stärke gewesen war. Erst ein von ihrer Mutter bezahlter Kochkurs hatte sie zu einer guten Köchin gemacht. Sie hatte Kerzen auf den Tisch gestellt und Blumen – wo immer sie die her hatte in dieser Jahreszeit – darum herum arrangiert.

„Haben wir etwas zu feiern?“ Thomas schnüffelte genussvoll. Er küsste Isabelle von hinten auf die Wange und schaute ihr dabei über die Schultern. „Der Hochzeitstag ist es nicht. Den habe ich nämlich in meiner Agenda dick angestrichen. Doch was kann es sein, dass du dich dermassen ins Zeug legst?“ Wenn er an die letzten Tage zurückdachte, hatte Isabelle kaum Zeit fürs Kochen gehabt. Seit letztem Herbst arbeitete sie anstelle der fünfzig, achtzig Prozent in der Bank und hatte sich andere Prioritäten gesetzt.

Isabelle schaute ihn schelmisch an und fuhr sich mit den Händen über ihre Haare, die sie seit einiger Zeit wieder wachsen liess. „Hast du nicht mehr daran gedacht? Heute beginnen meine Ferien.“

„Ja, das ist wirklich ein Grund zum Feiern. Zumal ich wieder einmal ein richtig ausgiebiges Essen auf den Tisch bekomme.“

„Ich gehe davon aus, dass du ein Schmunzeln unterdrückst, sonst müsste ich dich jetzt gleich vor die Türe stellen.“ Isabelle legte die Schürze auf die Ablage. Darunter kam das schwarze Kleid zum Vorschein, welches sie an Thomas’ Beförderung getragen hatte.

Thomas stand an den Kühlschrank gelehnt. Zum Feiern war ihm nicht zumute. Er erzählte über seinen neusten Fall, ohne auf die Details einzugehen.

„Den hast du ja hoffentlich abgelehnt“, nahm Isabelle an. „Du weisst, dass ich für Montag in einer Woche eine Kreuzfahrt in der Karibik gebucht habe. Wir fliegen übernächsten Sonntagmorgen ab Zürich nach Miami.“

Thomas ging ins Badezimmer. „Bis dahin bleiben noch neun Tage.“

Er kam zurück und setzte sich an den Tisch. „Was denkst du?,

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