Logo weiterlesen.de
Anschwellendes Geschwätz

Inhalt

Es war einmal das Adornowahrjahr

Mission Intervention

Mission Moneten

Leise rieselt der Milzbrand

Verschweinskopfung

Kraus und Kant

Der Sportloser des Jahres 2002

Sprachskitch

Supismus

Transzendentale Reform

Nix krank

Krautlese

Wortfeldpost (Linguistischer Bericht)

Prügelstrafe für Sätze

Ein Kind Gottes

Viel Licht

Tausendjähriger Kraus

Das Planf in Kunst und Kultur

Wegwerfliteratur

Kwulst und Kwalst

Langbärtigkeit

Unser Luschigster

Im Gewöhnlichen

Von deutschem Mund zu Mund

Café Kanzler

Reaktionärer Racheengel

Ohne vieles

Toilettenkultur

Der beste Typ der Welt

Sinnquerulant

Höre, nix

Rührung und Radau

Satz für Satz

Meine Henscheid-Lieblingsstelle

Dichter deutscher Lallzunge

Neun Freunde

Rochus

Übernachten

Tante Tantra

Gottes Geld

Die Gesellschaft der Bindestrichgesellschaft

Wirklichkeit oder Wahrheit oder: Das Ende der Rede

Sex

Tortur de force

Great Amerika

Dialogos

Stimmig

OF PC

Komikwörter

Entscheidung oder Scheidung

Die F-Frage

Wie Martin Walser eine klasse Romanmasse stemmte

Gute Literatur (Vorschlag zur gerade schon wieder verwesenden »Walser-Debatte« und zu anderweitig Wichtigem)

Schwierig

Generation Lust

Schweinepidginsang

Quatsch mit Drogen

Rockreliquie

Rock Hard Core

Unglaublich

Poetry Schlamm

Poetologie und Praxis der Büttenrede

Wustmann und Lorio’t

Von Grimm und vom Grimmen

Hock around the clock

Beim Bartleby des Rudi Völler

Sinnschrunden

Meine Lieblingsminute

Purster heißer Eiseneffe

Laberfiasko

Maulwürfe für bärtige Korbmäuler

Bremsen ist die Kunst

Laudatio auf Lauda

O-Thon

Rackerndes Dreamteam

Einwandfrei ethisch

Die lange Welle der Reflexion

Die Seite 100

Erste Sätze

Der Videotextmönch

Flieg, Phoenix, flieg!

Welt im Sack

Koksspreizer

Das Runterziehen beim Lesen

Das Durchsteh’n

Ein starkes Struck Deutschland

Wer den Schlag hat

Zwei extreme Pfeifen

Der große Unterschied

Helle und Koschi

Ausgeglotzt

Intellektuellenindustrie

Was würde Beckenbauer zu Adorno sagen?

Classisches Denken

Doofenverwahrung

Idylle über den Müßiggang

Metasprache

Das süddeutsche Denken in Zeiten schwerer Ungleichzeitigkeit

Above Schmidt

Glamourgammel

Die Tautologiker

Daß kommen Nöte

Rosige Runde

Preistreiben 2003

The Aufschwung

Kritisch

Denker, Lenker und Entscheider

Europa rotzt retour

Hörrohroffen

Metakritik des Medieneis

Die Rolltreppe

Es reicht

Radiohöhepunkt

Die List(e) der Listen

Nichts

Wahrer als Wittgenstein

Antwort auf alles

Schriftsteller werden

Leistungszettels Alptraum

Konfliktkommunion

Das Nichts

Die Schweigespirale

Nachweise

Es war einmal das Adornowahrjahr

Adorno war »ein philosophierender Intellektueller«, schrieb Jürgen Habermas 1963 anläßlich des sechzigsten Geburtstages von Adorno, und Adorno war, so Habermas weiter, »ein Schriftsteller unter Beamten«.

Die Beamten waren die Schulphilosophen, diejenigen, die den systematischen und deduktiven Zwängen der universitär vermittelten Lehren gehorchten und einer Sprache dienten, die weniger an Philosophie – als ein Philosophieren – denn viel-mehr an Verwaltung gemahnte.

Adornos kreisender Stil widersprach der Sprache der bürokratischen Philosophie in der verwalteten Welt vehement. Und so sehr Adorno das Geschäft der Philosophie von innen her zu decouvrieren und dergestalt die Wahrheit der Reflexion auf das Schicksal des Subjekts philosophisch zu retten versuchte, so sehr war ihm oft danach, die »Eiswüste der Abstraktion« zu fliehen und z. B. bergzuwandern.

Das Jahr 2003 war, man mag sich daran vielleicht trotz aller Beschleunigung der Quasselkonjunkturabfolgen noch erinnern, mutmaßlich mehr als alles andere: das Adornojahr, und zur Feier des hundertsten Geburtstages des »interdisziplinären Einzelarbeiters«, wie Rolf Wiggershaus in seiner Studie Die Frankfurter Schule den Soziologen, Aphoristiker, Literaturexegeten, Husserl-Deuter, Musikphilosophen und Komponisten nannte, versuchten Symposien, Festakte, Konzerte, Liederabende, Preisverleihungen, Straßenumbenennungen und Ausstellungen den »ganzen Adorno« vorzustellen, d. h. »Leben und Werk« in Einheit, in der großen Synthese zu zeigen.

Deshalb durfte im Vorfeld auch damit gerechnet werden, auf bis dato unbekannte Aspekte des »Adornoschen« (Wiggershaus) Schaffens, Wirkens und Wandelns aufmerksam gemacht zu werden. Einen frühen Hinweis hatte die Frankfurter Ausgabe der Bild-Zeitung gegeben, in der über den Jubilar zu lesen gewesen war: »In der Welt der Philosophie, der Sozialpolitik und der Musik hat er Frankfurt berühmt gemacht.«

Sozialpolitik – interessant. Adorno: ein engagierter Referent in Sachen Mieterschutz, öffentlicher Wohnungsbau und Kindertagesstättenproblematik? Das klang ehrenwert und stellte jedoch nur ein erstes Steinchen jenes schillernden Mosaiks dar, das anschließend vor unseren Augen zusammengesetzt wurde, um uns den ungeschmälerten, den »wahren Adorno« zu präsentieren.

Adorno nämlich war in seiner Funktion als Leiter und oberster Skatspieler des Instituts für Sozialforschung auch ein bedeutender Blondinenforscher und Champagnerverehrer. Und Adorno war ein antizipatorischer Olympiagegner und unermüdlicher Boulespieler, ein eifriger Sommerhutfan und ausgefuchster Eintracht-Experte, der die prekären finanziellen Verhältnisse des launischen und verluderten Vereins durch mehrere Gutachten und Strategiepapiere nachhaltig zu verbessern trachtete.

Adorno war darüber hinaus, das dokumentiert ein Photo, das jahrelang an der Wand des studentischen Cafés im Philosophischen Institut der Universität Frankfurt hing, ein begeisterter Pappnasenträger, der im kindlichen Übermut seinen alten Kumpel Horkheimer sogar beim Wettlachen ausstach, und zwar deutlich nach Pappnasenpunkten.

Erinnert sei aber auch an ein Wort von Oskar Negt: »Adorno war ein solider Uhrmacher.« Und erinnert sei daran, wie zum Beschluß des ganzen Adornojahrgedackels im Lokalteil der Frankfurter Rundschau vom 30. Dezember 2003 ein Resümee zu all der besinnungslosen »Besinnung auf das Universalgenie Theodor W. Adorno« gezogen wurde: »Eine Streitkultur, wie sie sich an seiner Denke bis heute entzündet, könnte die Stadt unterdessen gut gebrauchen. Eben nicht nur in den hochgeistigen Diskursen, die das Adorno-Jahr gebracht hat.« Sondern, die schauderhafte »Denke« weiterdenkend in Richtung Sozial- und Stadtpolitik: »Mancher hat Vertreter der Stadtpolitik auf den Podien vermißt.« Und Sozialpolitiker, die mit Adornos »Denke« im »Kopf« »eine politische Debatte entzündet« hätten. Denn »Politikern müßte doch daran gelegen sein, daß die Lähmung durch Spar- und Gelddebatten überwunden würde«. Und sei’s durch ein derart versautes Denke- und Debattengeschwafel right out of the »Pig Press« (Eckhard Henscheid).

Zwischen Bild und lokaler Frankfurter Rundschau: nur noch ein gradueller Unterschied. Bild enthält sich – noch – des »Diskurses«, die seriöse Tochter hat dafür die »Streitkultur« in petto, eine Streit- und Stammelkultur, die sie trotz der simultan und sogar auf Seite eins ausgelobten »Verzichtskultur« weder einzudämmen noch abzuwracken gedenkt. Warum auch? Das Blatt befindet sich in einer glanzvollen Gesellschaft aus Zeitungen, Magazinen, Fernsehkanälen und sonstigen Institutionen und Instituten, in der wenig anderes betrieben wird, als unaufhaltsam den von Adorno halb beklagten, halb analytisch entblößten »Schwindel der Kommunikation« zu verbreiten und, so das denn geht, zu verbreitern. Oder einfach bloß wie wild weiterzutreiben. So daß vor lauter sinnfällig anschwellendem Schwindel füglich über einen nahezu mediendichten Schwindel des Geschwätzes gejammert werden darf, der sich, sofern zu allem Überdruß noch die Medien- und die Kommunikationswissenschaften ihr abgestandenes geistiges Scherflein beitragen, im Hybrid- und Metaschwindel des »Geschwätz-Geschwätzes« (Roland Tauber) vervollkommnet.

Man kann darüber lachen, man kann deshalb brechen, man kann im praktisch parallel eröffneten Paralleluniversum des stern und in dessen erster Ausgabe des Post-Adornojahres den im alten Sinne reaktionären Gehalt des Geschwätzes über das Geschwätz der Politik zur Kenntnis nehmen, die herrschsüchtige Gesinnung des immerzu »identisch« (Adorno) faselnden Politfeuilletons, für das zumal und im Erörterungszusammenhang der bestenfalls noch bestens erinnerlichen Bohlen- und Harald-Schmidt-Hysterie der ruchlose Zwischenrufer Hans-Ulrich Jörges zuständig ist. Der wußte nicht nur von einem alles und jeden einbegreifenden »Krisensyndrom« der sog. »verbohlten Republik« zu berichten, sondern sorgte sich zudem »um die Leere und ums Anschwellen«, ums allgemeine und allerörtliche Anschwummsen oder Dickmachen, durch das »ein ganzes Land zum geistigen und politischen Vakuum« werde, ausgenommen jener hohe Ort am Hamburger Baumwall, von dem aus in den »Leerraum Deutschland« hineingejörgelt wird, bis die dicken Eier des Propheten bersten.

Da heißt es natürlich, es prinzipiell besser zu wissen und sich »dialektisch« (Jörges) mit Bohlen wie Schmidt »gegen den Strich« gemein zu machen (»Beide haben einen klaren Blick für die traurigen Umstände«), um, man sagt es halt noch mal, »am Ende des deutschen Vakuum-Jahres 2003« in die vollen zu keifen, auf daß der eingebildete Diskursführer der Journaille erhört werde: »Das Denken pausiert schon länger in Deutschland. Und nicht nur das Denken. Das Land steht. Still, aber geschwätzig. Der Reform-Vodoo am Jahresende ist nicht mehr als ein Erzittern. [...] Grell überschminkte Feigheit. Die Gesetze der Ökonomie diktieren nicht weniger als die Neugründung eines erstarrten Landes – erstarrt durch die Pervertierung der Sozialsysteme ins Unsoziale, die Infizierung der Wirtschaft mit der bürokratischen Sklerose des Staates, die Verirrung der Politik im Gestrüpp des Konsensdschungels. [...] Die Großdenker der Siebziger und Achtziger sind erfüllt vom Ekel der Ökonomie, die Feuilletons beschweigen die Grundsteinlegung für eine andere Republik. Kein Diskurs, nirgends.« Wenn’s denn stimmte, das mit dem Diskurs – es ist ja noch ein Jörges da.

Man darf indes, abseits solcher dialektischen und diskursivkommunikativen Adorno-Bomben, unterm Leit- und Titelbegriff des »anschwellenden Geschwätzes« auch das eigensinnige und ungebändigt krumme Parlieren, das wahrheitsfähige Sprechen, das end- wie regellose Gerede derer verstehen, die selten oder nie über ein mediales Forum verfügen und die den »Diskurs« so eindringlich meiden wie die »Debatte« oder die »Kultur«. Man kann sie daher hie und auch da wenigstens kurz zu Wort kommen lassen. Denn im Anfang war, mit Herder zu reden, das menschliche Wort, die »Besonnenheit«, und so wird es bleiben, selbst wenn das ohrenbetäubende Geschnaube in den Reziprokwelten der Presse, der Politik und der »Kulturszene« (Frankfurter Rundschau, s. o.) davon selten etwas wissen möchte – und dafür um so mehr von den eigenen tosenden Angelegenheiten.

Gewiß, manch einer und manch einem der hier zusammengepferchten Glossen und Aufsätze über die Kommunikationskatastrophen der jüngeren Zeit haftet ein gerüttelt Maß an überholter Aktualität an, vor allem auf Grund der grandios rasanten Umwälzung der neusten Republikverhältnisse durch die vorgezogenen Bundestagswahlen am 18. September 2005. Literatur, und sei’s weitgehend polemisch legierte, vermag mit dem galoppierenden Unsinn längst nicht mehr Schritt zu halten. Trotzdem sollte den in Rede stehenden Texten der Eingang in dieses Buch nicht verwehrt werden – wenn auch bloß aus Motiven der nietzscheanisch-archivarischen Geschichtsfortschreibung und im Sinne einer kleinen kakophonischen Dokumentation des kommunikativen Krawalls. Zumindest unter solchen Aspekten ist der Wiederabdruck derartiger Einlassungen dann womöglich sogar eschatologisch gerechtfertigt. Dafür spricht ein furioser, 2005 in den USA zum Bestseller avancierter Essay des emeritierten Princeton-Philosophieprofessors Harry G. Frankfurt mit dem Titel On Bullshit (frei übersetzt nach Robert Gernhardt: Vom Scheiß der Zeit), dessen Kernthese die taz so zusammenfaßte: Eine »der hervorstechendsten Eigenschaften unserer Kultur« sei: »das Blödsinnquatschen, das Rumpalavern, das Heiße-Luft-Produzieren – oder schlicht ›bullshitting‹, wie man es so schön prägnant im Englischen ausdrückt«.

Mission Intervention

Das war eine gute Nachricht. »Nicht selten wurde der rote Teppich ausgerollt«, berichtete die WELT am 4. Januar 2003 über die kurz zuvor getätigte Reise des Günter Grass in den Jemen – in ein von Stammesfehden heimgesuchtes, »bis an die Zähne bewaffnetes Land«, das sich »finanziell verausgabt« hatte: zum Wohle der zwölfköpfigen Delegation, zum Wohle der jemenitischen Tradition des Lehmbauhandwerks, der Grass als Gegenleistung für die entgegengebrachte Gastfreundschaft mit einer Spende in Höhe von 10.000 Euro das Überleben sichern will, und zum Wohle des Nobelpreisstaatsgastes im besonderen: »Das Reisegepäck gewann von Station zu Station an Gewicht: silberne Krummsäbel, Schmuck für die Gattin, eimerweise Honig und pfundweise Kaffee, Folklore und Kostbarkeiten.«

Von Gewicht waren auch die Worte, die Grass, der »übrigens unerschrocken und mutig« das »wunderschöne Land« durchkreuzte, zwischen islamoradikal-präsidialer Ordensverleihung, Wasserpfeifenrunde und Bankett an arabische Dichterkollegen und, in einem Interview mit dem TV-Sender Al Dschasira, an die Welt richtete. Erst wollte er »unverblümt über Erotik in der Literatur sprechen«, dann äußerte das sonnige Gemüt beim Fernsehen: »Ich bin dafür, daß wir jetzt alle nackt baden gehen.« Das mochten sie zwar nicht, dafür liegt Grass nun eine Einladung in den Irak vor. Die Reise war ein voller Erfolg.

Baden hingegen ging wenig später die Mission des Menschenrechtstrios Günter Wallraff, Rupert Neudeck und Norbert Blüm. Diese drei guten Geister wollten gleichfalls eine Reise tun, nach Tschetschenien und Inguschetien. Es kam jedoch nur zum Anreisen. Die Behörden am Moskauer Flughafen verweigerten der trinitätischen Betroffenheitstruppe ohne Angabe von Gründen die Einreise. »Die Jungs waren ausgesprochen ruppig«, erzählte Blüm als pars pro toto der Menschenrechtsvertreter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (12. Januar) und erklärte der Heimat das gemeinsame, leider gescheiterte Ansinnen: »Wir wollten Berichten nachgehen, denen zufolge die russische Armee dort die Menschenrechte verletzt.«

Es blieb also bei einem Zeitungsgespräch und einem schmukken Photo mit drei verkniffenen Gesichtern. Aber die Absicht zählt.

Ohne Einladung und somit auf ganze eigene und uneigennützige Initiative war derweil eine elf Frau und Mann starke Gruppe rund um die Tübinger Gesellschaft »Kultur des Friedens« gen Irak aufgebrochen, um nicht zu intervenieren, sondern um sich mal ganz global zu solidarisieren oder vielleicht doch eher zu sondieren, was so los und wie die Lage ist. Die Frankfurter Rundschau zitierte unter der sehr richtigen Überschrift »Kultur & Engagement« das prominenteste Mitglied der höheren diplomatischen Kurzzeitvereinigung, Liederhannes Konstantin Wecker: »Wir möchten den Menschen in Deutschland berichten, was wir dort gesehen haben, und für den Frieden werben.« Außerdem wollte er den Menschen in Bagdads und Basras Kulturhäusern, Kliniken und Universitäten beweisen, »daß es auch westliche Menschen gibt, die keine Waffeninspekteure sind«. Diese Menschen sind freigiebig, weil sie Spielzeug und Gitarren mitbringen und ein Gratiskonzert geben. »Die Mission der Reise«, erweiterte Wecker live aus Bagdad gegenüber der taz (15. Januar) allerdings die Motive seiner Handlungsweise, »war nicht das Konzert. Ich möchte diesen Krieg verhindern.« Für die Zeit danach kündigte er weiteren Einsatz an: »Ich will beispielsweise in Bibliotheken nachfragen, ob sie alte Noten haben, die wir hierher schicken können.«

Während Wecker und die aufrechten zehn ein »Friedenssignal« (Frankfurter Rundschau) setzten, hißten schon im Dezember 2002 dreiunddreißig »Hamburger Künstler« die Kriegsfahne und schalteten im Hamburger Abendblatt eine Annonce, mit der sie sich für einen Baustopp bei der Airbus-Werkserweiterung im Stadtteil Finkenwerder stark machten. Die Philippika, die u. a. der Filmregisseur Hark Bohm unterzeichnet hatte, klagte die Hinterlist der Hamburger Politik an, die im Vorfeld und vollen Wissen Öffentlichkeit und Gerichte über die wahren Absichten des Luftfahrtunternehmens getäuscht habe, über eine dem Planfeststellungsverfahren zuwiderlaufende Verlängerung der Start- und Landebahn z. B. oder die Zuschüttung des Naturschutzgebietes Mühlenberger Loch.

Ausgesprochen angesprochen und angegriffen fühlte sich darob der ehemalige, an der Planung federführend beteiligt gewesene SPD-Wirtschaftssenator Thomas Mirow (gegen ihn wurde Anzeige wegen Betrugs erstattet). Er schlug zurück, veröffentlichte im Abendblatt vom 16. Dezember einen offenen Brief an seinen Freund, den »lieben Hark«, und entkräftete die Vorwürfe betreffs einer angeblichen »Lex Airbus« (erschlichene Gemeinnützigkeit usf.), diverser Mauscheleien im Aufsichtsrat und etwaiger »Katastrophenszenarien«, um zu schließen: »Künstlerinnen und Künstler sind wichtig für unsere Gesellschaft. Mir liegt deshalb an der Möglichkeit zum offenen Gespräch über Tatsachen und Meinungen anstelle von bösen oder gar bösartigen Unterstellungen.«

Das ließ sich Hark nicht zweimal sagen und zeigte, was eine Harke ist. Am 20. Dezember legte er in eigener Mission und einem nicht nur betroffenen, sondern offensichtlichst auch besoffenen offenen Brief via Abendblatt seine Meinungen und Tatsachen dar. »Lieber Thomas«, weinte es da aus dem Armenviertel, dem Elbvorort Großflottbek, wo dem Bohm sein Häuschen prangt, »meine Tochter, die zwei Kilometer weiter elbwärts in der Schule sitzt, wird dreimal kurz hintereinander aus dem Unterricht gerissen. Und mit ihr mindestens 3.000 andere Kinder.« Schuld seien die mit »Vollgas« und voll niedrig über ihn, Hark, und 3.000 andere Kinder hinwegfliegenden Flieger, die viel »Abgas« ausspien und ein immenses »Absturzrisiko« darstellten. Außerdem seien bloß 2.000 statt, wie versprochen, 4.000 Arbeitsplätze geschaffen worden, und die »demokratische Moral« verletze vollends, daß diese Garantie von ihm, dem Thomas, bewußt vorgeschoben worden sei: »Auf eine unverbindliche Zusage hin belastet der Staat Hamburg meine Familie mit Lärm und Dreck [...]. Er verwandelt das schönste Stück englisch-hanseatischer Gartenkultur, den Jenischpark, zu einer ungenießbaren Einflugschneise. Er zerstört den Strom Elbe, der die identitätsstiftende Metapher für meine Heimat Hamburg liefert. Der Staat zerstört die Heimat meiner Familie. Gerade als Sympathisant der Sozialdemokratie fühle ich mich bitter enttäuscht.« Und das, Hand auf die Metapher des Staates der Sozialdemokratie, der ohne Identität Harks Familie zur Ungenießbarkeit des Lebens ausliefert, »treibt uns Künstler auf die Barrikaden«.

Weshalb sich Hark (63, Film) von Thomas und seiner verlogenen Sozialdemokratie (sie »verhöhnt den Rechtsstaat«) ab-, dem Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (62, CDU) zuwandte und einen wirtschaftspolitischen Überfliegerkatalog aufstellte, der u. a. konzis forderte, nur klitzekleine und moderat-mittlere Airbusse zu produzieren und dies zu tun: »Rückführung des Mühlenberger Lochs in ein Naturschutzgebiet. Nutzung des ins Mühlenberger Loch geschütteten Sandes für den Bau eines Olympiastadions an anderer Stelle.«

Was lehrt uns all das? Der deutsche Intellektuelle ist auf dem Vormarsch und zur Stelle, regional und global – als organischer Intellektueller, wie ihn Gramsci verstand, als in die Produktion eingreifender und für Gerechtigkeit sorgender Aufmischer, Rumtreiber und Freund des Volkes.

Das ist ein Fortschritt.

Mission Moneten

Es ist ein Kreuz mit der christlichen Kirche. Ihre Vertreter, gleich ob protestantischer oder katholischer Konfession, können mahnen und predigen, wie sie wollen, die Schäfchen laufen weg oder bleiben der allein selig machenden Institution auf Erden von vornherein fern. Seit Jahren steigt die Zahl der Kirchenaustritte, und der Saulus-Paulus-Moment einer Umkehr dieses Trends steht in den Sternen.

Folglich bemüht man sich, neue, handfest diesseitige Möglichkeiten zu erschließen, um Kundschaft zu werben. Kirchentage mögen zwar Versuche sein, die Gemeinde zusammenzuhalten und die Anhängerschaft des Gottesglaubens zu mehren, doch als monumentale Propagandaveranstaltungen dienen sie wohl lediglich dem Zweck, die gesellschaftliche Schrumpfexistenz der Kirche zu verschleiern. Also sind Maßnahmen vonnöten, mit denen jenseits ritueller Versammlungen jene erreicht werden, denen die Lehre Jesu und die Heilige Schrift nicht am Herzen liegen.

Wenn Kirche und Religion keinen festen Sitz mehr im Alltag haben, dann könnten sie ihn im Urlaub (wieder-)finden, mutmaßen einige fortschrittlich gesinnte klerikale Kräfte, und seitens der Tourismusbranche erhalten sie nun Unterstützung. Zumindest wird inzwischen verstärkt über die touristischen Vermarktungspotentiale von Kirchen und Klöstern sinniert, und so war es an der Zeit, daß in der Lutherstadt Wittenberg eine Fachtagung stattfand, die das Deutsche Seminar für Tourismus Berlin (DSFT), die zentrale Weiterbildungseinrichtung der Tourismuswirtschaft, unter dem rhetorischen Titel »Religion, Kirchen und Klöster ›vermarkten‹?« anberaumt hatte.

»Wir wollen Thesen anschlagen!« klopfte DSFT-Seminarleiter Harald Hensel unweit der Schloßkirche, an deren Portal Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine weltumwälzenden 95 Thesen geklebt hatte, die Marschrichtung fest und formulierte diverse ehrenwert hehre Ziele. Der »Dialog zwischen Kirche und Tourismus« solle befruchtet und die Kirche nicht länger »als musealer Raum« betrachtet werden – sondern als ökonomisches, erlebnisideologisches und praktisch-theologisches Feld, das es touristisch zu beackern gelte. Ja, die Frage, »ob und wie sich christlich-religiöse Einrichtungen oder Veranstaltungen zur kulturellen Positionierung sowie zur Vermarktung einer Region eignen und wie die Kooperation von Kirche und Tourismuswirtschaft gefördert werden kann«, das sei »ein spannendes Thema«, ein »Spannungsfeld« tue sich da auf, auf dem »viele Wege denkbar« seien.

Gangbar sind bereits heute etliche Wege, nach Rom und anderswohin. Christen z. B. scheinen kein schlechtes Gewissen beim und keine Scheu vor dem exzessiven Reisen zu hegen. Eine aktuelle DSFT-Erhebung kommt zum dem Ergebnis, daß Ausflüge und Wallfahrten, die Kirchengemeinden absolvieren, einen »Umsatz von zirka 500 Mio. Euro pro Jahr bewirken«. Die modernen Betreisen Richtung Ewiger Stadt, Fatima oder Santiago de Compostela indes genügen nicht. Die Tourismusbranche sucht neue Profitquellen und nennt Gotteshäuser und Klöster schmeichelnd »Highlights im Kultur- und Städtetourismus«, und publicity- und geldhörige Gottesmänner danken es den Fremdenverkehrsgurus, indem sie eine innovative »Angebotsgestaltung« bezüglich ihrer Glaubensstätten und -inhalte forcieren – mal sachte, mal forsch PR-lastig.

Touristen gezielt in sakrale Bauten zu locken könnte zu einem verlockenden, sagenhafte Wachstumsmargen garantierenden Geschäft werden. Wolfgang Isenberg von der Thomas-Morus-Akademie, Bensberg, bekräftigt die immense Bedeutung der »Sakralimmobilien« für »die regionale Wertschöpfung«. Der Zasterzug der Zeit: Früher gewährten Klöster Bettlern und Pilgerreisenden unentgeltlich Speis’ und Unterkunft, noch etwas früher schmiß Jesus die Händler aus dem Tempel, und heute fordern Vermarkter der »Premiummarke Kirche« (Isenberg) und der Papst: »Wir müssen die Menschen zum richtigen Gebrauch der Freizeit anleiten.«

Was könnte das heißen – unter Gesichtspunkten eines regio-und religionsspezifischen Marketings, das laut Marketingprophet P. D. Benett ein »Prozeß« sein müßte, »durch den eine Organisation«, und sei’s die Kirche, »auf kreative, produktive und gewinnbringende Weise eine Beziehung zum Markt herstellt«? Pfarrer Gerhard Köhnlein von der Projektstelle Offene Kirchen, Magdeburg (einer Abteilung des Evangelischen Arbeitskreises Freizeit – Erholung – Tourismus), wünscht eine breit angelegte »Grundausbildung für Kirchenführer/innen«, die z. B. in der mit attraktiven Gottesgebäuden gesegneten Kirchenprovinz Sachsen dem Touristen solche Räume technisch und geistig öffnen, »die einladen zu Besinnung und Gebet«. Zur Seite springt dem doppel- wie hintersinnigen Konzept einer pädagogisch inspirierten, »steinreichen Kirche« (Köhnlein) der konstruktiv marketingkritische Entwurf Matthias Zentners, der im Namen des Luther-Zentrums Wittenberg dafür plädiert, die »Eroberung des Kirchenraumes« voranzutreiben – und dergestalt »einen religiösen Ort durch die Art des Erlebens und Nahebringens spirituell erfahrbar« zu machen.

Wer bloß aus kunstgeschichtlichem Interesse etwa den Lucas-Cranach-Altar in der Wittenberger Stadtkirche besichtigt, dem mangelt es an allegorischer, sinnbergender Interpretation des kulturellen Gutes. »Wenig erlebnisorientiert«, so Zentner, sei ein solcher Zugang, und deshalb ziele »dialogische Vermittlungsarbeit« auf die »Schlüsselqualifikation« der Kirche, die: »Sinnstiftung«. »Wenn es gelingt, die Steine [und Kunstschätze] zum Sprechen zu bringen, gibt es einmalige Erlebnisse, die sich auch für den potentiellen Reiseveranstalter auszahlen«, menetekelt Zentner und betont die »Alleinstellungsmerkmale« des Christentums auf dem hart umkämpften »Markt der anderen Sinnstifter«: das Kreuz als »das weltweit bekannteste Markenzeichen«; die lange Tradition und hohe Kompetenz des kirchlichen Marketings, von der »Directmailing-Aktion« des Apostels Paulus bis zur »Pilgerreise« (oder bis zu den Kreuzzügen); das marktschreierische Glockengeläut, die Gottesdienste, die Kirchenkonzerte als Woodstock round about the Kirchenjahr.

Die verzweifelte Selbstbehauptung der Kirche gegen »zivilreligiöse Erscheinungen wie große Sport- und Musik-Events« und esoterische Trends jedweder Art zwingt zur Aufgabe der »alten Frontstellungen« und zur Hingabe an die herrschende Idee der »Absatzförderung«. Um jedoch der »feindlichen Übernahme unserer Ressourcen« zu wehren, ruft Zentner nach »sinnfälligen Kooperationen« zwischen Religionsausübung und Urlaubsverhalten. »Hier muß sich Kirche vermarkten«, gesteht er ein und folgert: »Im Rahmen der Kirche würde man wohl eher von Mission reden.«

Die Missionsarbeit gerät allerdings – neben den jüngsten Offensiven der EKD-Plakatkampagnen – zur sanften Gesprächsökumene. »Wir brauchen lokale und überregionale Runde Tische«, erklärt Zentner, »an denen Kirchenvertreter, Marketingexperten, Touristiker und Vertreter der Kommunen gemeinsame Konzepte erarbeiten.« Etwas handfester geht den »nachhaltigen Kirchentourismus« bereits die Bischofs-Eurocity Münster an. »Menschen auf der Suche nach Sinn und Orientierung« lotst man während des jährlichen Stadtfestes zwischen Varietégekasper und Monstermusikacts auf der Warsteiner-Bühne am Domplatz in die Klemenskirche, die mit Zustimmung der Oberen zur »Chill-Out-Zone« aufgepeppt wurde, oder sie goutieren »kirchenkulturelle Highlights am laufenden Band«: biblisches Puppentheater, religiösen Pop und Jazzen unterm gotischen Giebel.

Derartige »All-Inclusive-Pakete« inkl. herrlicher »Win-Win-Effekte« bezeichnet der Leiter von Münster Marketing, Hermann Meyersick, als »Idealkooperation«, denn die Kirche habe »heute Interesse, neue Kunden unter normalen Urlaubern zu akquirieren«. Traditionell katholisch sinnenumtost brummt die Synthese aus Sause und Spiritualität weiter südlich – zum einen in den bewährten Bierrauschversuchsanstalten Kloster Andechs und Kloster Aldersbach, zum anderen in den niederbayerischen Gauen, die unter den Fittichen des Kulturreferats und Fremdenverkehrsvereins Regensburg die Symbiose von Meditation, Maibock und musealer Erweckung zu sensationellen Erfolgshöhen führten. Nach sorgfältiger Vorbereitung und der vertraulichen Einbindung der Pfarreien wurde das Asam-Jahr, eine eventlastige Ehrung der barocken Klostermaler und Bildhauer Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, zum Kombi-Angebotsschocker schlechthin, u. a. weil die Ware Religion mit der Ware Bier prächtig koalierte. Wie neuerlich anläßlich der Diözesefeiern 2002 priesen damals Hunderttausende Bierdeckel Ausstellungen und Spezialgottesdienste an, ganz im Sinne der Kirche, die »danach schreit, den christlichen Kern mit dem Angebot zu verbinden« (Klemens Unger, Kulturreferent).

Kunden finden und zufriedenstellen, »nicht renditeorientierte Dienstleistungen« (Unger) mit dem Dienst an der Rendite verbinden: So läuft heute produktpartnerschaftlich die Arche Noah des Non-Commercial- und des Commercial-Marketings vom Stapel. »Vieles, was wir uns heute gar nicht vorstellen können«, sei möglich, versicherte Hensel, und einen Vorgeschmack darauf bietet zuletzt und in schärfster Avantgardehaltung die 1999 gegründete Marketingplattform »Klösterreich«, die derzeit zwanzig Klöster, Orden und Stifte aus fünf Bundesländern Österreichs und aus Ungarn zusammenschweißt, auf daß sie der häßlichen Managermode des »Klosters auf Zeit« das Mäntelchen des »qualitativen Kultur- und Gesundheitserlebnisses« umhängt.

Orte der Einkehr und Besinnung sollen Klöster sein, und bei »abnehmenden religiösen, kirchlichen Bindungen« kommen sie jetzt der »zunehmenden Nachfrage nach sinnstiftenden Angeboten« entgegen. Aus der Karl Krausschen Wortspielhölle emporgestiegen, rangiert die kulturtouristische Abteien-Kooperative an der Spitze des neusten Bildungs- und Selbstfindungsgedröhns. Das Ende einer Entwicklung besiegelnd, die vom Sight-Seeing (70er) übers Life-Seeing (80er) und das Life-Styling (90er) zum nunmehrigen Life-Feeling führte, will man die »Orgel im Bauch spüren« (Hensel) und ein »Dach für die Seele« überm Kopf, derweil der Magen »edle Tropfen« aus den Klosterkellern und Heilkräuter aus den Klostergärten verlangt. Wie diese Ausgeburt an teuflischem Beherbergungstinnef als »innerlich bereicherndem Tourismus« und »organisierter Gastfreundschaft« zu promoten ist, erläutert Hermann Paschinger, der Medienoperator für die »Qualitätsvereinigung ›Klösterreich‹«: »Von Gästen bevorzugte Motivbündel wie ›Kultur und Geschichte erleben‹, ›Spiritualität‹ und ›Essen, Trinken, Kaufen‹ können von Stiften & Klöstern besonders gut abgedeckt werden. Das Motto lautet daher: ›Österreichs Stifte & Klöster – Ein Erlebnis für Leib & Seele‹.« Oder reichen wir, über das Kraut der »Themenwege« (»Klangreich – Orgel und Musik« etc.) und rauchende Rüben (»Kloster for Kids als Entdeckungsreise in das Stift Altenburg«) hinweg, dem Würdenträger Abt + Joachim F. Angerer, Stift Geras-Pernegg, die Kerze des Wortes: »Der Mensch also ist es, der zählt, und Menschlichkeit ist unsere Verständigung.«

Gegen diesen bigotten Kirchentourismusturbokapitalismus nimmt sich das Wittenberger Stadtfest »Luthers Hochzeit« wahrlich gottgefällig und fromm aus. Da wurde im »Rom der Protestanten« zum neunten Mal ein Laiendarstellerehepaar durch die Straßen geleitet, Martin L., dem Freund des gehorsamen, gebärfreudigen Weibes, zur Ehr’, und unter den profan-zeremoniellen Klängen der Spielleut’ und Landsknechte begann des Bürgermeisters Herz zu lachen – angesichts der vielen fröhlichen Gesichter und des sich füllenden Gemeindesäckels.

Wie sprach der Herr Zentner vom Luther-Zentrum? »Kirche vermarkten zu wollen ist ein sensibles Geschäft, auf das sich beide Parteien mit viel Leidenschaft einlassen müssen.« Und Herr Hensel echote: »Kirche und Tourismus sind ein schönes Paar.« Ob Gottes Segen auf ihm ruht?

Leise rieselt der Milzbrand

Es ist schon bizarr, ja zuweilen traumhaft dämlich, was die Werbewirtschaft so treibt – ein Gewerbe, das sich gerne selbst den Nimbus der überkreatürlich Kreativen verpaßt und behauptet, die wortgewandtesten, bildmächtigsten, ideenreichsten Kräfte zu beschäftigen. Dieses semimondäne Metier der, beim Lichte der arg außer Kurs geratenen Aufklärung besehen, windigen Trendsetter und -server bringt indes wenig anderes hervor als eine unendliche Menge an poliertem Müll, buckligen Metaphern und elenden Überredungsübungen.

Bereits ein kurzer Blick in ein beliebiges lokales Anzeigenblatt liefert stichhaltige Beweise genug. Der Metzger macht es nicht mehr unter »Superschnupperzuschnapppreisen«, und das Hi-Fi-Geschäft annonciert nicht bloß »Powerpreise«, nein: neuerdings sogar »Pauerpreise«. Was immer das beim Käufer erwirken mag, es wird so hingeschrieben. Ähnlich haltlos handelt etwa die deutsche Bierwirtschaft, wenn sie durch nahezu eine halbe Milliarde Euro jährlich neologistischen Nonsens und Kalauerkram wie »Harzhaft frischer Biergenuß« (Hasseröder Pils) oder »Einst steht fest: Ein Eichbaum« (Eichbaum Biere, Mannheim) alimentiert.

Trotz der offenkundigen Tatsache, daß in der Werbung generell der Flachsinn regiert, umtreibt Markus Voeth, Professor an der Duisburger Gerhard-Mercator-Universität und Inhaber des – doch, das muß es jetzt wirklich geben – »Lehrstuhls für Marketing«, die Sorge, die PR-Maßnahmen verlören deutschland- und weltweit jene Qualität oder Seriosität, die sie nie besaßen. Daher dürfen sich Interessierte und professionelle Werbewächter via Website (www.marketingflops.de) an der von Voeth initiierten Wahl zum »Goldenen Marketingflop« beteiligen. Der Preis wird verstanden als Ergänzung zu den zahllosen Ehrungen, die gelungene Anzeigen und Spots feiern, beispielsweise zur Cannes-Rolle.

Eine Art Ethikrat also, vergleichbar der Jury der Gesellschaft der deutschen Sprache, die das »Unwort des Jahres« auslobt? Zwanzig Kandidaten sind jedenfalls mit Unterstützung der Zeitschrift Absatzwirtschaft auserkoren worden, zwanzig Pappenheimer, die »gegen einfachste Marketingregeln verstoßen« (Voeth) und den armen Konsumenten irregeführt bzw. sich selbst ins Knie geschossen haben.

Den ersten Rang unter den »unfreiwillig amüsanten Mißgriffen« (Spiegel Online) sollten die Verantwortlichen des deutschen Netzbetreibers Quam ergattern. Im November 2001 enterte die Tochter der spanischen Telefonica und der finnischen Sonera den Mobilfunkmarkt, fackelte eine 50 Mio. Euro teure Kampagne ab und hatte es allerdings versäumt, für die Kompatibilität mit D1, D2 vodafone u. a. zu sorgen, so daß die potentiellen Kunden nicht zu erreichen gewesen wären. Konsequenz: Im Dezember verkündete Quam beleidigt, den Weihnachtsverkauf »aus Protest« zu stoppen. Parbleu!

Nicht minder gewitzt und gewieft hatte D2 vodafone noch Mitte Oktober auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen herumposaunt: »Ab in die Sonne – telephonieren, was der Sommer hält.« Und: »Der Sommer wird heiß.« Telegate, Verona Feldbuschs Arbeitgeber, andererseits ließ sich nicht lumpen und den Asphalt der Düsseldorfer Neureicheneinkaufsmeile Königsallee durch den Schriftzug »Da werden Sie geholfen« veredeln. Die taufrische Farbe trugen der Kundinnen Stöckelschuhe in die piekfeinen Boutiquen, wo dann Schluß mit Kichern war. Ende des Liedes: eine fette Rechnung der Stadtreinigung.

Zwar nicht den Ort, aber den Zeitpunkt verfehlte ein Bravourstück der Marketingfachleute der französischen Wintersportregion Savoyen, als man im Oktober in Nantes 25.000 Päckchen mit Kunstschneeproben, die dem Buchungswillen auf die Sprünge helfen sollten, per Post unters Volk pfefferte und sofort Milzbrand-Panik auslöste. Ebensowenig gebrannt hatte das wiederum eher deutsche Volk auf ein angekündigtes VW-Modell namens »Phaeton«. Phaeton, Sohn des Helios, fuhr – in der griechischen Mythologie – den Sonnenwagen zu Bruch, stürzte auf die Erde hinunt’ und verkohlte, die Welt loderte. Bezeichnenderweise trug die Volkswagenkarre zugleich den Projektnamen »D1«.

Drollige Vorgänge, gewiß. Die blamable Imageanstrengung Rudolf Scharpings, der der BUNTEN mallorquinische Badeimpressionen mit Gräfin Pilati-Borggreve spendierte, während die Bundeswehr gen Mazedonien ausrückte, geriet genauso zum Komplettreinfall wie RTLs Aktion Anfang Januar 2002, einen Millionär bildschirmwirksam mit einer ihm Unbekannten zu vermählen. Wenige Tage nach der Ausstrahlung flog auf, daß Mogelaspirant Thomas Tepe lediglich seine Freundin in die Sendung gelotst hatte; was die Firma August Gerstner GmbH (Pforzheim) freilich nicht daran hinderte, ihren Twister-Ehering weiter mit Bezug auf die RTL-Braut zu beplärren.

Doch, Werbung darf, einem alten Tucholsky-Wort zufolge, offenbar einfach alles, ob auf Bauernschlauniveau oder auf Global-Player-Konzernstrategieebene. Werbung ist das Ferment des entfesselt freien Marktes – und die omnipräsente Belästigung. Sie kreiert konsumtive Wunschbilder, modelliert erbärmliche Lebensstile, sie manipuliert und lügt per se. »Die Werbung leugnet die Wahrheit beharrlich«, hieß es im Katalog zur Ausstellung »echt und falsch – Die Wahrheit im Medienzeitalter« (2000, Mainz, Gutenbergpavillon), und die Exposition »X für U – Bilder, die lügen« (1998/1999, Haus der Geschichte, Bonn) widmete sich den »kalkulierten Trugbildern« des Marketings direkt neben der faschistischen Medienmobilisierung und den Fernsehmythen des zweiten Golfkriegs.

Womöglich ballert man mit U-Boot-Kanonen auf Spatzen, erinnert man daran, daß Werbung, wie wir sie heute verstehen, aus den Methoden der Nazipropaganda und der US-amerikanischen »Rumor clinics« hervorging. Gezielt Legenden lancieren und Gerüchte streuen, bis sie für wahr gehalten wurden, das war die Politik der Verblendung, und 1946 tat die amerikanische Industrie zufrieden kund: »Die Kunst, die öffentliche Meinung zu steuern, hat ein hohes Maß an Vollkommenheit erreicht.«

Heute bedarf es jenes hohen Maßes an Vollkommenheit scheinbar weniger. Die deutsche Helena Verona Feldbusch, gewissermaßen das geschickte Pendant zum turtelnden Selbstvermarktungsgenie Scharping, preist Spinat und Telephonauskunftskünste gleichermaßen täppisch an, und das schert niemanden. Der Verbraucher hat die Masche längst durchschaut.

So lachhaft läuft’s, wo Dreistigkeit und Dummheit die Geschäftsgrundlage bilden. »Werbung verspricht, was sie nicht halten kann. Auf jeden Fall trägt sie zu dick auf«, erkannte der Kunsthistoriker Beat Wyss einst klingenscharf. Für eine solche Einsicht braucht es keinen Marketingwissenschaftler, der den Zeigefinger hebt (»Viele Unternehmen«, tadelt Voeth, »bauen Mist. Es ist Zeit, ihnen den Spiegel vorzuhalten«), geschweige denn einen Wettbewerb, der besonders dicke Klöpse aus der Welt des Schwindels anprangert. Den Job der Selbstentblödung erledigen die Marketingmanager in Politik, Wirtschaft und Sport immer noch selber am effektivsten.

Verschweinskopfung

4. März 2002, kurz vor 5.45 Uhr. Ein deutscher Journalist schreibt seine »erste Feldpost«. Franz Josef Wagner. Sie erscheint einen Tag später. In der Bild-Zeitung.

»Lieber kämpfender deutscher Soldat«, beginnt die »Post von Wagner«, »es liegt mir am Herzen, Ihnen heute zu schreiben.« Und das rapportiert Wagner: »Bei uns daheim im großen und ganzen alles o. k. Boris hat eine Neue, eine US-Perserin, heißt Patrice Farameh. Würdet ihr auch nicht aus dem Schlafsack stoßen. Die Bayern holen auf, unglaublich, nur noch drei Punkte hinter Leverkusen. Ja, und gestern. Die Zeitungen voll mit Formel 1. Ralf Schumacher krachte beim Start mit Barrichello zusammen und flog siebzig Meter mit seinem BMW durch die Luft ...«

Dann, nach exakt der Hälfte – Peripetie! »Plapper’ ich euch zuviel? Ja, ich plapper’ zuviel, weil ich mich darum drücke, über das Töten zu schreiben. Die pazifistischen Grünen und die verlogenen Friedens-PDSler schreien jetzt auf. Ja, ich wünsche euch, daß ihr den Gegner tötet, bevor er euch tötet.«

Nun ist der Rubikon überschritten. Die Post geht ab, es geht ihm einer ab. Jetzt, noch jenseits der Landser- und der Jünger-Prosa, geht alles. Die Presse wird, dem 5. März sei Dank, nie mehr sein, was sie mal war. Mit Franz Josef Wagners Epistel an die deutschen Sondersoldaten begann eine neue Epoche. Dergestalt:

»Über das US-Verteidigungsministerium, nicht über das deutsche, erfuhren wir, daß ihr, Soldaten der deutschen Elite-Einheit KSK, in den Bergen Afghanistans einen Mann-gegen-Mann-Krieg führt. Wenn es Nacht ist, ist euer Gesicht geschwärzt. Tagsüber ist euer Kampfanzug weiß wie Schnee. Ich stammle euch aus der Heimat: Habt Glück, paßt auf, schießt schneller. Herzlichst – Ihr F. J. Wagner«.

F. J. Straußens Verdikt über die »Schweinepresse« greift zu kurz; gleichfalls das – auf die angebliche Linke gemünzte – Gerhard Stoltenbergsche über die »Kampfpresse«. Mit FJW und seiner vollkommenen Verschweinskopfung, mit jener hochgradigsten Obszönität ist nicht mehr zu Rande zu kommen. Wir sind durchs Ziel.

Wie bekannt, sagte ein tschechischer Ministerpräsident vor nicht allzu langer Zeit: »Journalisten sind Dummköpfe, Dreck und Fäkalien.«

Kraus und Kant

Daß er hundertdreißig Jahre alt wird, das hätte sich Karl Kraus, der heute vor hundertdreißig Jahren geboren wurde, ernsthaft erhofft. Den Einzeltod hielt er zuweilen für eine ähnliche Pest und Zumutung wie die Welt in ihrer niederträchtigen Beschaffenheit, die Welt, die, so ein fast geflügeltes Wort des großen Wieners, nach der Presse erschaffen wurde und seither versinkt im Ozean der »Welthirnjauche«; und die, die Welt, noch jenseits aller Pressefrechheiten und publizistischen Infamien vor allem in Agonie und Raserei liegt, weil die Menschen nicht zur Besinnung gelangen und ihren Planeten unvermindert in einen die Apokalypse hier und heute vor Augen führenden Friedhof verwandeln, auf dem sich die Würdelosigkeit der Gattung nackt und kahl und fürchterlich in stetig wachsenden Leichenbergen zu erkennen gibt.

Daß ihm irgendein dahergelaufener Quackel in irgendeinem nutzlosen Feuilleton einen Geburtstagsgruß darbringt, hätte sich Kraus schneidend verbeten. Seine Verachtung der bürgerlichen Usancen und der bürgerlichen Gesellschaft, die vernebelnd so heißt, damit man über den Kapitalismus und den Krieg nicht reden muß und in der Nabelschau das Bewußtsein verlogen befriedet, war – entgegen aller Häme, die ihm von den Feiglingen entgegengebracht wurde – Ausdruck eines Mutes, der Zeitungsschreibern so fern ist wie der Mars der Erde, und einer Liebe zu den Menschen, die deshalb wahrhaftig war, weil sie auf jede sentimentale, scheinheilig empathische Äußerung verzichtete.

Nur im Haß vermag Humanität noch zu überdauern angesichts einer Welt, die in Gewalt, Leid und Barbarei zugrunde geht – das war wohl ein Credo des Karl Kraus, obschon er eingewendet hätte, daß, wer ein Credo hat, keinen Gedanken hat. Sein Haß galt den Schmöcken, und er galt dem Militär und allen, für die es kein Skandal ist, daß Menschen hingemetzelt werden.

In der Fackel Nr. 474-483, im Mai 1918, stellte er der Rede eines deutschen Mörders, der 1917 dem »Herrn der Heerscharen« gedankt hatte für den »völligen Sieg im Osten« und »die Heldentaten unserer Truppen« »wurzeln« sah »in den sittlichen Kräften, im kategorischen Imperativ« des »großen Weisen von Königsberg«, eine kurze Kant-Passage gegenüber, in der der philosophische Jubilar des Jahres die »Hymnen, die dem Herrn der Heerscharen gesungen werden«, als furchtbares Symptom der Gleichgültigkeit bezeichnet, weil sie »noch eine Freude hineinbringen, recht viel Menschen oder ihr Glück zernichtet zu haben«.

Kraus ließ diese deutsche Soldatenperversion, wie nicht selten, unkommentiert. Wenige Seiten später widmete der Hasser dem ostpreußischen Milden das sechzehnstrophige Gedicht »Zum ewigen Frieden«, seine Verehrung auch dadurch bezeugend, daß er Kants Vermächtnis als Motto vorausschickte: »Bei dem traurigen Anblick [...] der Übel, [...] welche sich die Menschen untereinander anthun, erheitert sich doch das Gemüth durch die Aussicht, es könnte künftig besser werden; und zwar mit uneigennützigem Wohlwollen, wenn wir längst im Grabe sein und die Früchte, die wir zum Teil gesät haben, nicht einernten werden.«

Die Verse, die Kraus, der finstere Aufklärer, darunter schrieb, sind nichts anderes als zart, warm, hell und wahr. »Nie las ein Blick, von Thränen übermannt, / ein Wort wie dieses von Immanuel Kant. // Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifft / die heilige Hoffnung dieser Grabesschrift«, beginnt die Hymne, und sie endet, das Ende aller Zeiten abwehrend: »Sein Wort gebietet über Schwert und Macht / und seine Bürgschaft löst aus Schuld und Nacht. // Und seines Herzens heiliger Morgenröte / Blutschande weicht: daß Mensch den Menschen töte. // Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt: / Zum ewigen Frieden von Immanuel Kant!«

Der Sportloser des Jahres 2002

»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« bezeugte am 11. Dezember 2002 ihre unverbrüchliche Dankbarkeit gegenüber dem von der Bild-Zeitung nach wie vor als »Tennisheld« gehandelten Leimener Windei die ehemalige Lebensaufschlagsgefährtin des Wimbledon-Berserkers und heutige sog. TV-Moderatorin Patrice Farameh und lieferte uns damit das alles entscheidende Big-Point-Stichwort zur finalen Begutachtung des Sportjahres 2002. Denn ohne Boris Becker wäre das ganze Sportjahr 2002 praktisch ein einziges Null-und-Nichts gewesen, nicht der kürzesten Rede wert wäre es gewesen, ohne Becker, Boris, den ewig jungen Haudrauf und Hauweg.

»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« – ein Satz gleich einem Menetekel, gleich einer monumentalen Mahnung daran, daß wir, die Menschen, die sich nähren von der Presse Arbeit, ohne ihn, den just mit eigener Buchbiographie versehenen Steuerschluri, ziemlich alt aussähen. Ja, ohne Boris wäre nicht nur das Sportjahr 2002 ein endlos fader Brei aus Nebenereignissen und unterklassigen Wettbewerben gewesen, ohne Boris wüßten auch wir, die Kommentatoren und Kritikaster, wenig, wenn nicht nichts zu sagen.

»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« Ach, was ein atemberaubendes Axiom des modernen Lebens! Nicht auszudenken, gäbe es ihn, den Boris, nicht. Nichts wäre los. Nichts wäre zu erzählen. Über nichts wäre zu berichten. Wir alle wären geworfen ins nihilistische Nano-Nichts der neusten Neuzeit, orientierungslos umherirrend im leeren Raum der Zeit.

»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« Welch Leit-, welch Stichwortsatz, welch mentale Stütze in Zeiten des Umbruchs und der allseitigen Ungewißheiten. Descartes ex negativo auf den Begriff gebracht: Boris ergo sum.

Nicht dumm, zog sich Ende November auch der gescheiterte Ex-Davis-Cup-Teamchef Michael Stich am Stichwort- und Leitsatz des Jahres aus dem Existenzsumpf der Belanglosigkeit und zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Er und Boris seien jetzt, nach Jahren der erbittertsten Kämpfe um gelbe Bälle und die Aufmerksamkeit der Yellow Press, dioskurische »Kumpels«, hauchte Stich anläßlich einer Showpartie der Tennis-Seniorentour in der Frankfurter Ballsporthalle. Da sei, man halte den Odem an, plötzlich »beinahe Zuneigung« zwischen ihnen, und sie, die beiden weißen Barone, hätten nun, da sie Freunde seien, auch »Lust auf mehr«. Aber bloß Lust auf mehr Tennis.

»Ohne Boris Becker wär’ ich nix!« Ein Spruchband, das einige der wenigen Frankfurter Zuschauer, Mitglieder des Luckenwalder Tennisclubs, an der Tribüne aufgehängt hatten, drehte diesen Wahnsinnssatz ins noch ein bißchen Würdelosere und brachte nolens volens die irrsinnige Irrelevanz des ganzen Sporttreibens auf den dialektischen Begriff der Sinnleere unserer Tage: »Becker & Stich – Ohne euch wären wir heute ›Synchronschwimmer‹!« stand da. Synchronschwimmer in Anführungszeichen gesetzt und mit Ausrufezeichen versehen, wohlgemerkt. Der Ironie wegen. Oh, welch abgründig witzloses Dasein, diese Welt des Tennis und des Boris Becker!

Wäre aber, vorsichtig nachgefragt, ein Anführung Warmduscher Abführung Ausrufezeichen nicht doch noch einen Topspin ausgefeilter und augenzwinkerischer, um nicht zu sagen: linkischer gewesen? Bzw. ein Anführung Weicheier Abführung Ausrufezeichen – Fragezeichen?

Daß wir ohne Boris nix wär’n und daß Boris lieber nix wär’ als ein warmduschendes Weichei, das hat uns das Sport- bzw. Pressejahr 2002 aus- und nachdrücklich reingedrückt, und zwar über alle verfügbaren Kanäle und Printmedien. Live und in voller Laberlänge übertragen wurden u. a. etwaige heikle und harte Handlings mit einem »gierigen Russen-Model« (Bild) und um eine mallorquinische Frickelfinca, parallel angebahnte und wie immer zu bewertende Hautkontakte mit Claudia Schiffer und der USA-Emigrantin Babs Becker sowie der dann heftig aufrückenden »US-Perserin« (Bild) P. Farameh, Boris’ geheime Neigung zu blonden Frauen und die simultane blond strahlende neue Internetkampagne des Unwiderstehlichen; sowie die weiter zunehmenden Glücksminuten des Boris mit seiner Patrice und der Babs mit ihrem Fitneßtrainer als auch deren, Babsens, plötzliche Rückkehr nach Europa; nicht zu vergessen die originären Erkenntnisse des Vaters Becker, man könne sich nicht scheiden lassen und mit Patrice aber auch leider keine Kinder machen, weil das eben nicht gehe, wo doch die Neue Post eine »Tragödie um seinen kleinen Sohn Elias« ertrüffelte und die Münchner Richterin Knöringer so sehr des Beckers Kohle begehre und ihn, den Boris, so der Spiegel, zum »letzten Tie-Break« antreten lasse, der allerdings ohne Knast oder Erschießen endete, weshalb die großartige Gala vermeldete, Boris, das »Mode-As« (BUNTE), sei der von uns allen so heiß ersehnte »Vorreiter der Ich-AG«, sozusagen in Fortsetzung des gnadenlosen Spiegel-Titels aus 2001, auf dem der Unsrige prangte, keusch begleitet nur von einem einzigen, dem ersten Menschen- und dem Gotteswort der Hybris: »Ich«. Weshalb endlich, endlich Boris’ Partner in Pressecrime, Franz Beckenbauer, nicht mehr an sich halten konnte und in die Zeitschrift BUNTE hineinkumpelte: »Boris hat mit seinen 34 Jahren mehr erlebt als alle anderen in seinem Alter. Er befindet sich in einer permanenten Lernphase, aus der er wohl als Sieger herauskommen wird.«

»Ich weiß, daß ich büßen muß«, sprach Boris Becker nach seinem Steuertribunal und fischte erst mal frischfrei die Schauspielerin Mariella Ahrens, die der BamS unterbreitete, er könne »so gut zuhören«. Währenddessen zahlte Tommy Haas per Gerichtsbeschluß Sponsorengelder in Höhe von 516.794 Euro plus Zinsen an die Mäzengemeinschaft TOSA Tennistalentförderung GmbH zurück, und die Slowakei gewann den Fed Cup. Den Fed Cup? Was’n das? Etwa Tennis?

Doch, der Fed Cup hat stattgefunden im Sportjahr 2002. Aber ohne Boris Becker war das einfach nichts. Sagen Sie, mal unter uns: Ist da nicht der Sport, das Tennis, der eigentliche Loser des Jahres? Ich zumindest stecke mir eine Träne ins Knopfloch und breite das weiße Taschentuch des Vergessens über all das, all das beckerhaft Ekelhafte und Tennisalptraumartige.

Sprachskitch

Die Sprache ist etwas Wunderbares. Täglich stehen wir, sofern wir eine gewisse Aufmerksamkeit entwickeln und das »Gerede des Man« (Heidegger), das anschwellende und abflauende Geschwätz und das flachgestochene Spezialgelaber der politischen, ökonomischen und bürokratischen Pressure-groups und Szenen aus der Distanz betrachten, vor dem »Wunder der Sprache« (Walter Porzig), das die Sprache, die »erste Tat der theoretischen Intelligenz« (Hegel), stets aufs neue und auf wunderbare Weise wie von allein zu vollbringen scheint.

Freilich sind solche terminologischen und phraseologischen Kreationen und Emanationen wie »Komplexitätserziehung«, »knusperknackig«, »schokoschmackig«, »Emo-Schiene«, »verschlanken«, »Meat Shop«, »Verwöhnaroma« oder »Maßnahmenkatalog« (allesamt verewigt in Eckhard Henscheids Wörterbuch Dummdeutsch) nicht von der unsichtbaren Hand der Sprache, sondern von Sprachdesignern und Sprachingenieuren im Dienste der Manipulation des Bürgers oder des Marktsubjekts geschaffen worden. Die als keusch und rein vorgestellte, gleichwohl nie homogen gewesene Gemeinsprache ist heute stärker denn je durchdrungen von Soziolekten und Slangs, von fachsprachlichen Wendungen und expertokratischen Wortbildungen, und das hat der Sprache auch gutgetan, zumindest i. S. einer begrüßenswerten Verwilderung, ja Chaotisierung des Universums der Rede.

Wenn man nun aber nach den Werbeklassikern »Arm-Chair-Shopping« oder »Essential Facial Cleaner« und zumal angesichts der Frankfurter Snack-In-Stand-By-Street-Coffee-Bar namens Energy Eatery in einer Anzeige für ein neues Skateboard-Computer-Game lesen muß: »Skitchen Sie an Auto-Stoßstangen, skaten Sie auf beweglichen Objekten und machen Sie Transfers über Spins« – dann befremdet nicht nur die veraltete Höflichkeitsform der Anrede; es enttäuscht der insgesamt leider fehlende Speechschmiß, das mangelnde Sprachskitching, der schwache Bedeutungstransfer. Selbst weitere Hinweise auf irgendwelche »Online-Modi, inklusive Punkte-Challenge und Capture the Flag« retten da nichts mehr.

Unser Verbesserungsvorschlag wäre daher: »Zieh dir das volle Skitchfeeling rein! Browse über die geilsten Schlitten, surfe auf deinem touchy scharfen Moveboard und whirle in Powerspins und Comearounds über die irrsten Spines, Spoons und Spoilerspans!« Oder vielleicht doch eher: »Cool! Kraß! Kaufen!«

Supismus

Co-Autor: Michael Tetzlaff

In Wörterbüchern sind u. a. folgende Zustandsbezeichnungen, d. h. Dach- und Bündelungsbegriffe für komplexe Sachverhalte verzeichnet: Sozialismus, Kommunismus, Leninismus, Marxismus, Maoismus und Maoam.

Seit Sonntag, dem 27. April 2003, ist ein – noch nicht lexikalisierter – Neuzugang zu vermelden. Heribert Prantl, einer der letzten denkenden Journalisten hierzulande, mahnte im ARD-Presseclub angesichts des weitverbreiteten Alarmismus seiner Kollegen: »Wir Journalisten neigen ja sehr zum Sofortismus ...«

Soso, Sofortismus. Das war im Grunde ordentlich gesagt, doch was meinte Prantl da im näheren? Die Schnellschußmentalität der Presse? Also deren Schnellismus mit einem guten Schuß Voreiligkeitsmentalismus, der oft nach hinten losgeht?

Ganz zu klären ist es letztlich nicht, aber Prantls »Vorstoß« (Augstein) eröffnet ein weites Feld für dringend gebotene Zustandsbezeichnungsneologismen, die komplizierte Zusammenhänge griffig auf den Punkt bringen. Wir schlagen deshalb – berufsgruppen- und anderweitig differenzierend – vor: Fortismus für Werber, die sagen: »Ich muß los!« und gehen – und zwei Minuten später setzt sich das kroatische Frauenmirakel Miranda F. an den Nebentisch; Veritatismus für Politiker, die dafür sorgen, daß sich Journalisten immer häufiger zu sofortistischen Handlungen hingerissen fühlen; Vollkornismus für Bäcker, die voreilig, d. h. samstags vor halb zehn bereits sämtliche Vollkornbrötchen verkauft haben; Falsismus für Künstler, die so täuschend echt malen, daß niemand mehr ein noch aus weiß; Ausweisismus für Schiedsrichter, die ehrliche Kräfte wie Mario Basler u. a. vom Platz stellen, obwohl sie einen gültigen Spielerpaß besitzen; Satanismus für Rockgitarristen, die immer wie »Carlos« Sa(n)tana klingen; Rockismus für Popmusiker und Frauen; Emotionalismus für Katzen, Hunde und höheres Getier; Taktilismus für flinke Männer(hände); Spagatismus für die, die auf »allen« Hochzeiten tanzen; Aufzugismus für Aufmaschler; Mauschelismus für Maulhelden; und Hinhaltismus für alle. Wär’ supi, odrrrr?

Transzendentale Reform

Gerade hatte die FC Bayern AG mal wieder einen Titel heimgebracht, den des Deutschen Fußballmeisters 2005, da hauchte ihr Vorsitzender Karl-Heinz Rummenigge einem Reporter der Süddeutschen Zeitung voller Zartgespür für die neben dem Fußball wichtigste Nebensache der Welt, das Leben in dieser Gesellschaft nämlich, ins Mikrophon: »Der Fußball gehört reformiert, wie unsere gesamte Gesellschaft reformiert gehört. Wir sind hier ein Land der Gleichmacherei geworden. Das muß aufhören. Der Fußball muß da möglicherweise auch gesellschaftspolitisch eine Vorreiterrolle spielen.«

Mögen uns die höheren Mächte davor bewahren, künftig womöglich von Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer regiert zu werden, in Anbetracht der demnächst reformierten Berliner Regierung, mithin der gründlich neuformierten Bundeskanzlerinnenreformmannschaft oder aber auch einer großen, gewaltigen Koalition aller Reformkräfte dieses Landes, hat Kalle, der Katechet des knallharten Kapitalismus, doch den Nagel auf den Kopf getroffen.

Denn nie war mehr Reform, nie mehr »Reformbedarf« als heute. Obwohl im Zeitraum des letzten Jahres in einer diffusen Meinungsgemengelage mitunter schon wieder darüber geklagt wurde, das »strapazierte Wort ›Reform‹« (Börsenblatt des deutschen Buchhandels) sei, wie der Politologe Frank Decker eruierte, »bei den Wählern nicht mehr unbedingt positiv besetzt«, und obschon Michael Rutschky einen »Reformstreß« und der Kölner Expreß einen »Reformstau« ausgemacht hatte, feuerten die Medien angesichts der anstehenden resp. bereits eingeleiteten Gesundheits-, Gebiets-, Rechtschreib-, Steuer-, Hochschul-, Arbeitsmarkt- und Sozialreformen unvermindert aus allen Rohren – und verlangten auf Grund der sich angeblich einschleichenden Reformhalbherzigkeit der Schröder-SPD einen schmissigeren »Reformschwung« (stern) für den »Reformkurs« (ebd.) sowie stärkere »Reformmotoren« wegen eines zu erhöhenden »Reformtempos«, was aber wohl ausnahmsweise kaum was mit den allseits beliebten »revolutionären Reformen im Reglement der Formel 1« (ARD-Text) am Hut hatte.

Wie lautet, so gesehen, das Gesetz der Stunde, der Woche, der nächsten Monate und ja Jahre? Reform ist, wenn Reform ist und irgendwie wiederum auch nicht ist. So lautet es. Reform ist, wenn die Reform, die ist, keine Reform ist, die den Namen Reform verdient. Deshalb ist Reform angesagt, die Reform der Reform. Und deshalb hat unser führender Reformquer- und Reformleistungs- und Reformturbotalkshowdenker, der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, via Fernsehen, das sich übrigens auch bald mal warm an- und einer Vollpowerprogrammreform unterziehen sollte, bereits weg- und richtungsweisend »die Reform der Reformfähigkeit« eingefordert. Ja, genau: die Reform der – Reformfähigkeit. Das Vermögen, zu reformieren, umzugestalten, selbst umzugestalten, das ist die Devise unserer gesegneten Reformzeit, warum und wozu auch immer, Hauptsache, es wird in einem wahrlich kantianischtranszendentalen Doppelreflexionssalto die Reform selber reformiert, bis der Reformator nicht mehr weiß, was er da eigentlich permanent reformatorisch zusammenquakt, endlich niedergestreckt von seiner Wortallzweckwaffe, diesem zähsten aller akuten Kleister- und Nebelwörter, und siech, aber beseelt weiter vor sich hin quasselt, und zwar so: »Was wir brauchen, ist die reformatorisch fundierte Reform des Reformgedankens, damit die notwendigen Reformen im Reformfundus der Gesamtreform des gesamten Gemeinwesens ihre reformierende Kraft als wirkliche Reformen der Reformen entfalten können.«

Nein, es ist im Zuge der unterm Banner der Reform, die im ursprünglichen Sinne eine rationale, planvolle Veränderung oder Besserung der sozialen und anderweitigen Verhältnisse zum Ziel sich setzt, vorangetriebenen Deformation und Demontage des Sozialstaates immer weniger Menschen zum Albern zumute. Die »Agenda 2010« mit ihren brutalen Einschnitten bei der Arbeitslosenhilfe, beim Kündigungsschutz, im Gesundheits- und Rentenwesen ist seit dem 1. Januar 2004 in Kraft und das bis dato umfänglichste Dokument einer götzengleichen Verehrung des Irrationalismus des Marktes. Trotz aller Reformen, die nicht erst seit Schröders Regierungsantritt 1998 wüten, ist nicht ein einziger Arbeitsplatz entstanden, im Gegenteil. Dafür fahren die Konzerne Gewinne ein, daß sich die Geldspeicher biegen. »Wachstum bedeutet nicht weniger Arbeitslose, sondern mehr«, merkt Hermann L. Gremliza zu Recht an, das darf in China genauso wie in den USA oder in Deutschland beobachtet werden, nur daß Verelendung hier »Hartz IV« heißt.

Eine »irrationale Panik vor den Folgen der Globalisierung«, meldete sich DGB-Chef Michael Sommer vor einem Jahr zu Wort, habe »zu der Übereinkunft bei Parteien und Medien geführt, daß alles schlechter werden muß – nur nicht für diejenigen, die schon genug haben«. Daß die Gewerkschaften, die Guido Westerwelle bekanntlich als »Landplage« belobigt hat, den Bann des »Reform-Mantras« (taz) durchbrechen könnten, ist illusorisch. Deshalb meldete Spiegel Online jetzt auch im höheren Sinne des Hans-Olaf Henkel: »Union will Hartz-Reform reformieren«, und die vorgeblich überparteiliche Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, an der sich u. a. Friedrich Merz und Florian Gerster beteiligen, gab die Losungen aus: »Wir wollen, daß die Reformbereitschaft trotz Wahlkampf steigt. Soziale Übertreibungen müssen ein Stück weit zurückgenommen werden. Wir können uns keine Reformferien leisten.«

So bleibt der güldene Satz des FC-Bayern-Managers Uli Hoeneß eisern gültig: »Bei der Reform darf nicht gemauert werden.« Es muß geschossen werden. Wer immer dabei auf der Strecke bleibt. Ganz am Ende vielleicht ja sogar das gnadenlose Fetischwort: Reform.

Nix krank

Früher, wann immer das war, zuweilen scheint es, es sei vor Jahrzehnten gewesen, früher sprach man unter Kollegen und Freunden gelegentlich und ohne schlechtes Gewissen darüber, sich außerplanmäßig mal ein paar Tage Erholung zu gönnen, auszusteigen aus der Mühle der Arbeit, der blinden Mechanik des Weiter-so zu entrinnen – und krankzufeiern. Es durfte dann, so die Wahrnehmung dessen, der ja durch Abwesenheit letztlich der Wiederherstellung seiner körperlichen und psychischen Arbeitskraft diente, der Boß im Dienste der Produktivität, d. h. im Dienste seines Profits, ausnahmsweise ruhig selber mal eine Ecke schärfer buckeln.

Das Krankfeiern war eine Waffe, keine sehr spitze, aber ein Mittel, um diejenigen, die über die Produktionsmittel verfügen, ein wenig zu triezen. Noch früher, vor Jahrhunderten, erfreute sich der Blaue Montag unter Handwerkern so großer Beliebtheit, daß er regelrecht institutionalisiert wurde. Es gab einmal etwas, das man Klassenbewußtsein nannte, und sei es lediglich Ausdruck eines Restes an sozialem Stolz und Würde gewesen.

Heute herrschen die einen wie gewohnt, und die anderen beherrscht die Angst, die Angst, den Job, die materielle Grundlage ihres Lebens, zu verlieren. Wen noch die Gnade irgendeines »Arbeitgebers« ereilt, wer noch für ein paar Euro bei höchst prekären Arbeitsbedingungen ackern und rackern darf, darf froh und dankbar sein, dankbar seinem Ernährer, dem Unternehmer, den der große Demiurg, der Markt, schuf, auf daß der Terror, den sich die Menschen in der bedingungslosen Konkurrenz selbst zufügen, nie ende.

Es sind dies Zeiten, in denen der »objektive Geist« (Hegel) schamloser und rabiater denn je um nichts anderes als um Sekundärtugenden wie Selbstausbeutung und Unterwerfung rotiert, flankiert von sog. Philosophen (Norbert Bolz & Co.), die den Markt zum Heiligtum der Moderne erklären und seine »zivilisierende Funktion« preisen. Der Markt indes schert sich, das war schon immer so, einen feuchten Kehricht um seine Professoren und verwandelt die sog. Zivilgesellschaft vollends in einen Disziplinierungsapparat, angesichts dessen der (angeblich) Unproduktive endgültig nichts mehr zu lachen hat.

Der Berufsstand des Detektivs, der krankgeschriebene Lohnabhängige im Auftrag des Herrn observiert und gegebenenfalls des Betrugs am Betriebsvermögen überführt, ist hoch angesehen, und simultan erreicht die Zahl der Krankmeldungen einen historischen Tiefstand.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Anschwellendes Geschwätz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen