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Ankunft der Schmetterlinge

Susan Mennings

Ankunft der Schmetterlinge

3. Teil der Schmetterlings-Trilogie


DANKE Gerhard, für Zeit, Rat und Unterstützung Dirk, für unendliche Geduld Nadine & Gaby, für euren Glauben an mich


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Danke

 

DANKE

Gerhard, für Zeit, Rat und Unterstützung

Dirk, für unendliche Geduld

Nadine & Gaby, für euren Glauben an mich

 

Spruch

 

Am Ende ist nichts so, 

wie wir es uns in unseren Träumen 

vorgestellt hatten

 

Inhalt

Bisher

Prolog

1. Wahrheit

2. Rückblick: Hamburg

3. Fortbestand

4. Rückblick: Eindringling 

5. Skilaufen

6. Rückblick: Entscheidung

7. Irrweg

8. Schweiz

9. Rückblick: Gabe

10. Staatsanwältin

11. Kaffee

12. Frühstück

13. Rückblick: Frauen 

14. Wählen 

15. Verlieben 

16. Gespräche 

17. Verloren 

18. Sterben 

19. Schokolade 

20. Cocktail 

21. Gefunden 

22. Besuch 

23. Versorgungsraum

24. Reise 

25. Kapelle

26. Entdeckung

27. Chalet

28. Zurück

29. Abreise

30. Freiheit

31. Glücksgefühl

32. Schmerzen

33. Erkenntnisse

34. Vollständig

35. Beben

36. Suppe 

37: Petroleum

38: Trümmer

39: Koffer

40: Träume

Bisher

Ihr Herz raste. Das Gefühl, als wolle es ihren Brustkorb sprengen, ließ sie endgültig wach werden. Regungslos hoffte sie, wieder einzuschlafen. Der Angst folgend, erneut in den immer wiederkehrenden Traum gerissen zu werden, entschied sie, die Augen zu öffnen und sich erst zu beruhigen. Noch immer klopfte ihr Herz kräftig.

Im gleichmäßigen Rhythmus sog sie Luft in ihre Lungen und ließ sie langsam wieder heraus. Mühsam konzentrierte sie sich auf ihren Atem, um nicht an den Traum denken zu müssen. Tagsüber fiel es ihr leichter, der Vergangenheit den Rücken zu kehren. Nachts hingegen erlag sie ihrem Unterbewusstsein. Obwohl sie sich nicht sicher war, ob es das tatsächlich war. Denn ihre Träume waren derart real, dass es sie ängstigte.

Manchmal, wenn sie Glück hatte, traf sie ihren Vater im Traum. Diese seltenen Begegnungen waren wundervoll. Als er starb, konnte sie sich nicht verabschieden, ihm nicht noch einmal sagen, wie sehr sie ihn liebte.

Die Umstände, unter denen er ums Leben gekommen war, hatten mit ihrer Vergangenheit zu tun. Sie überlegte, wann das alles angefangen hatte. Von welchem Moment an drehte ihr Leben vollkommen durch? War es die Bekanntschaft mit Benny, den sie in New York getroffen hatte? Später stellte sich heraus, dass er nichts weiter war, als ein Spielball des Bösen. Und doch hatte er sich als guter Freund erwiesen, der sein Leben dafür ließ, sie zu retten.

Marisa überlegte, welchem der beiden Zwillinge sie als Erstes begegnet war? War es Tomasio, der das absolut Gute verkörperte? Oder doch eher Enzo, dessen böse Ader ihn antrieb, sogar Menschen zu töten? Nicht nur ihr Vater war ihm zum Opfer gefallen, auch Carl Fischer musste sein Leben geben.

Innerhalb kürzester Zeit starben nicht nur unschuldige Menschen, Marisa musste lernen wer sie war.

Tatsächlich begann alles mit dem Tag ihrer Geburt. Marisa war etwas Besonderes, obwohl sie davon nichts wusste. Sie wuchs auf wie ein ganz normales Kind. Zwar ohne Mutter, aber dennoch in einem behüteten Umfeld, in dem es ihr an nichts fehlte. Auch wenn sie keine Geschwister hatte, so waren die Kinder Carl Fischers – der Arbeitgeber ihres Vaters – wie Bruder und Schwester für sie. 

Marisa drehte ihren Kopf zur Seite. Neben ihr lag tief schlafend Steve, Carl Fischers Sohn. Für sie noch immer ein Wunder, dass sie mit der Liebe ihres Lebens tatsächlich alt werden durfte. Dass auch er ein auserwählter Mensch war, machte ihn noch mehr zu einem Verbündeten. Dennoch sprach sie nur selten mit ihm über die Vergangenheit und überhaupt nie über ihre Träume und die damit verbundenen Ängste.

Die Vorstellung, dass weit unter der Erde ein anderes Volk in Höhlen lebte, war noch immer schwer zu begreifen. Dabei war sie ein Teil dessen geworden und hatte tatsächlich ein paar Monate bei den Pleberosso gelebt. Bis sie es nicht mehr aushielt und die Flucht zurück in die Sonnenwelt wagte. Um ein Leben in Freiheit zu führen, verließ sie sogar Tomasio, der ihr als Ehemann zugeteilt worden war. Sie liebte ihn durchaus, aber eben nie so sehr wie Steve.

Bei ihrer Flucht hatte ihr Bernardo zur Seite gestanden. Ein älterer Bruder der Zwillinge. Er half ihr nicht nur die Höhlen zu verlassen, er begleitete sie in die Sonnenwelt und lebte seither ebenso wie sie in Hamburg.

Er war der Beweis für die Existenz der Pleberosso. So sehr Marisa auch darum bemüht war, ihrer Vergangenheit zu entfliehen, Bernardo erinnerte sie täglich daran, wer sie war.

Doch auch mit ihm sprach sie nur selten über das Leben unter der Erde. Beide wollten vergessen. Vor allem wollte Marisa nicht daran erinnert werden, dass sie eines ihrer Kinder hatte zurücklassen müssen. 

Aber Marisa wusste, dass ihre Tochter Clara in guten Händen war. Sie wuchs als Tochter von Steves Schwester Alex auf, die sich dazu entschlossen hatte, bei den Pleberosso zu leben. Ein Umstand, den Marisa nicht nachvollziehen konnte. Auch wenn Alex mit Tomasio eine sehr viel glücklichere Ehe führte, als Marisa je in der Lage gewesen wäre. Tomasio war Claras Vater und so war es gut, dass sie bei ihm war.

Abgesehen von ihren Träumen, lebte Marisa ein sorgenfreies Leben. 

Tief atmete sie noch einmal ein. Inzwischen hatte sie sich wieder beruhigt und ihr Herz schlug regelmäßig. Dem Rhythmus folgend schloss sie ihre Augen. Sie dachte an ihren Sohn, der mittlerweile sechzehn Jahre alt war.

Sechzehn Jahre, in denen nichts Unvorhergesehenes geschehen war. Alles war gut. 

Prolog

 „Ich habe eine sensationelle Entdeckung gemacht.“

Der Mann war derart außer Atem, dass ihm die Luft zum Sprechen fehlte. Mehr als diesen einen Satz brachte er nicht heraus. Dabei war der Drang, sich mitzuteilen, kaum auszuhalten. Das, was er gefunden hatte, war unbeschreiblich. Mit allem hätte er gerechnet, aber ganz sicher nicht damit. Es widersprach allem, was er an der Universität gelernt hatte und auch all dem, was er bisher als Forscher erleben durfte.

Mühsam hatte er sich durch einen engen Gang in die etwas größere Höhle gequetscht. Sie diente dem Forscher-Team, bestehend aus einem Deutschen und einem Italiener, als Basislager der Expeditionen. Es war nicht leicht gewesen, die Universität und weitere Sponsoren zu mobilisieren, Geld für die Forschung in dem Höhlengewirr der Italienischen Alpen zu geben. Nach einigen Jahren war es nun endlich soweit und die beiden Männer konnten sich einige Monate hinab in die Berge begeben. 

Vor einer Ewigkeit hatten sie diese Höhle bei einer Bergtour entdeckt. Sie waren schon immer davon überzeugt, dass es eine unterirdische Verbindung der Höhlen im Bergmassiv geben musste. Inzwischen hatten sie eine Reihe weiterer Höhlen entdeckt und katalogisiert. Aufgrund ihrer großen Erfahrung sollte es im Grunde kein Problem sein, die Wege in eine Karte einzuzeichnen. Aber sie verrechneten sich ständig, fingen sogar an zu streiten und konnten manchmal die neu entdeckten Wege nicht wiederfinden. 

Das ließ sie teilweise verzweifelt fragen, ob sie auf dem richtigen Weg waren. Ob alles, was sie bisher getan hatten, tatsächlich richtig gewesen war.

Erschöpft ließ sich Kai auf seinen ausgebreiteten Schlafsack nieder. Sie hatten sich das Basislager eingerichtet, so gut es ihnen möglich war. Schließlich verbrachten sie viel Zeit an diesem Ort. Obwohl ihnen das Gefühl für Zeit inzwischen abhanden gekommen war. Hätten sie nicht Tagebuch geführt, sie hätten vollkommen vergessen, wie lange sie bereits von ihren Familien getrennt waren.

Ohne etwas zu sagen, sah ihn Riccardo an. Er war ebenso erschöpft wie sein Kollege. Sie hatten entschieden, nicht mehr gemeinsam unterwegs zu sein, um Zeit zu sparen. Denn sie wussten durchaus, wie lange ihre Mittel ausreichten, um die Forschungen fortzuführen. Daher blieb einer der beiden im Basislager zurück und arbeitete an der Ausarbeitung der Karte, während der andere sich auf den Weg machte. Entweder, um die Aufzeichnung der Karte zu kontrollieren, oder um neue Gänge zu erforschen und sich damit immer weiter und tiefer in den Berg zu begeben. Die Gefahr, die Orientierung zu verlieren, war immens. Ohne eine entsprechende Sicherung in Form eines langen Seils verließen sie niemals das Basislager.

Riccardo rieb sich die Augen. Er war müde. Das Licht war spärlich und daher die Aufzeichnung anstrengend. Sein Kopf schmerzte schon seit Tagen. Obwohl er durch und durch Forscher war, wäre er inzwischen sehr viel lieber bei seiner Frau und den Kindern gewesen. Er vermisste sie. Was er zudem sehr vermisste, war das Schlafen in einem richtigen Bett. Die Steine waren verdammt hart und er spürte es in seinen Knochen. Langsam wurde er zu alt für solche Expeditionen. Dabei war er erst Ende dreißig.

Kai wirkte aufgebracht und hellwach. Trotzdem sah er mitgenommen aus. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. Auch ihm setzte das Leben unter der Erde zu. Gerade heute, als er sich allein durch enge Gänge quetschte, dachte er daran, alles abzubrechen. Es war doch eine unsinnige Idee gewesen und sie hatten kaum etwas erreicht.

Um die Geldgeber und die Universität zu befriedigen wäre es in Ordnung gewesen. Mit ihren Aufzeichnungen wären sie mindestens noch ein Jahr beschäftigt und hätten sogar beweisen können, wie unendlich weit sich die Höhlen in den Bergen ausbreiten. Aber sie hatten noch immer keine Verbindung oder einen anderen Ausgang gefunden.

Das frustrierte Kai über die Maßen. Aber er sprach nicht mit seinem Freund darüber. Er wollte ihn nicht beunruhigen. Dabei sah es Riccardo ganz ähnlich wie Kai.

Obwohl Kai müde wirkte und Riccardo den Eindruck hatte, er würde jeden Moment zur Seite kippen und einschlafen, sahen seine Augen hellwach aus. Riccardo glaubte sogar, ein Funkeln in ihnen zu sehen. Kais Worte hatten ihn wenig überrascht. Was sollte das auch schon für eine sensationelle Entdeckung sein? Dafür war Kai viel zu schnell von seiner Tour zurückgekehrt. Es war unmöglich, dass er einen Ausgang gefunden haben konnte, oder gar eine weitere große Höhle.

Alles, was er in dieser Zeit hätte entdecken können, hatten sie bereits katalogisiert.

„Interessiert es dich nicht, was ich dir zu sagen haben?“, fragte Kai, griff nach seiner Feldflasche und nahm einen tiefen Schluck daraus.

„Doch sicher, natürlich“, sagte Riccardo. 

Er hatte den Eindruck, dass er zu schwach war, um zu sprechen. Erst recht war er zu müde, um sich die Ausführungen seines Freundes anzuhören.

„Ich sage dir, wenn wir zurück sind, werden sie uns feiern. Und dann gibt es Champagner, statt dieses langweiligen Wassers hier.“

Wieder setzte Kai die Flasche zum Trinken an.

„Ja, sicher, ganz bestimmt.“

„Hör mir doch zu, Riccardo, es ist unglaublich, was ich gefunden habe.“

Kai war aufgesprungen und nestelte in einer Tasche seiner Hose nach einer Kamera.

„Jetzt bin ich aber mächtig gespannt“, sagte Riccardo und sah Kai mit unendlicher Müdigkeit an.

Das klingende Startgeräusch der Kamera erfüllte die gesamte Höhle. Es dröhnte in Riccardos Ohren und er wollte nichts weiter als schlafen.

„Sieh nur, hier, erkennst du das?“

Aufgeregt hielt Kai ihm die Kamera entgegen.

Riccardo nahm sie ihm aus der Hand und betrachtete das kleine Display. Er sah eine etwas größere Höhle, die in etwa die Ausmaße des Basislagers haben musste. 

„Toll, du hast eine weitere Höhle entdeckt“, sagte Riccardo.

Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

„Nein, sieh doch … schau dir die nächsten Bilder genauer an.“

Riccardo zog mit dem Finger über das Display und wischte zum nächsten Bild. Es war die Detailaufnahme einer Ecke der Höhle. Seine Pupillen verengten sich. Riccardo spannte den Rücken und wischte zum nächsten Bild. Hier war noch deutlicher zu erkennen, was Kai gefunden hatte.

„Was … was soll das sein?“

„Sieh genau hin, mein Freund, damit kommen wir ganz groß raus und müssen uns nie mehr Gedanken um Forschungsgelder machen.“

Riccardo war hellwach. Wischte immer wieder die Bilder hin und her und konnte nicht glauben, was er sah.

„Das ist doch unmöglich. Das gibt’s doch gar nicht“, sagte Riccardo.

„Wir haben es geschafft. Obwohl ich ehrlich sagen muss, dass ich damit nicht gerechnet habe.“

„Und du hast nicht die Sachen da abgelegt, nur um mich zu verarschen?“

„Das würde mir nie einfallen, was denkst du. Woher sollte ich wohl so etwas haben?“

„Und du würdest den Weg dorthin auch wiederfinden?“

„Ganz sicher.“

„Also, wenn kein Forscher-Team vor uns dort gewesen ist, dann ist das wohl der eindeutige Beweis für menschliches Leben unter der Erde.“

1. Wahrheit

„Du bist nicht mein Vater!“

Jedes Mal, wenn er diese Worte hörte, wusste er, dass es keinen Zweck hatte, sich weiterhin mit ihr zu unterhalten. Er drang nicht mehr zu ihr durch. Als er das erste Mal diesen Satz gehört hatte, war er unfähig darauf zu reagieren. Zu sehr hatten ihn diese Worte verletzt. Obgleich er angenommen hatte, sie würde sie lediglich sagen, um ihren Willen durchzusetzen. Sie konnte nicht wissen, ob er nicht ihr Vater war.

Tomasio war zu ihr an den See gekommen, in dem sie kurz zuvor geschwommen war. Die Höhle hatte bereits angefangen, ihr Licht zu verändern. Ein Zeichen, dass sich alle bereit hielten und langsam ihre Abteile aufzusuchen hatten. Er wollte ein weiteres Mal versuchen, mit ihr zu reden. 

Das Licht der Höhle hüllte die beiden in ein warmes Orange. Man hätte annehmen können, dass die Sonne untergeht. Die Zapfen der Stalaktiten glitzerten im leichten Schimmer des wechselnden Lichts. Dieser Ort war wunderschön und entschädigte Tomasio für die Sehnsucht nach der Sonnenwelt, die immer noch in ihm war. Ruhe lag über allem und Tomasio war nicht danach, sich erneut mit seiner Tochter zu streiten. Vielmehr wollte er es hinter sich bringen. Wenn sie endlich einen Mann fand, dann wäre er nicht mehr für sie verantwortlich. Sollte sich ein anderer mit ihr herumschlagen.

Sofort hasste er sich für diese Gedanken.

In den letzten sechzehn Jahren war er sich selbst unschlüssig, ob er tatsächlich ihr Erzeuger war. Keine Frage, sie sah aus wie er. Aber er wusste, dass dies nichts zu bedeuten hatte. Denn der andere Mann, der als Vater in Betracht kam, sah schließlich ebenfalls aus wie Tomasio.

Im Grunde spielte es keine Rolle, ob er oder Enzo ihr Vater war. Enzo war seit ihrer Geburt nicht mehr am Leben. Selbst wenn sie je von Enzo erfahren würde, wäre es egal, denn es gab nur noch Tomasio. Sie hatte sich damit abzufinden, dass er ihr Vater war.

Er jedenfalls liebte sie vom ersten Moment, als er sie als kleines Bündel in den Armen hielt. Sie war seine Tochter, die er mit Marisa gezeugt hatte. Auch wenn Clara nicht aus der Liebe ihrer Eltern entstanden war. Tomasio wusste, was von ihm verlangt wurde. Er konnte schließlich nicht ahnen, dass Marisa sich bereits mit Enzo eingelassen hatte.

Keine vierundzwanzig Stunden nach dieser Zusammenkunft war auch Tomasio mit ihr zusammen gewesen, um seinen Samen in ihr zu hinterlassen. Er hatte gehofft, damit seinen Status zu sichern. Ab diesem Moment sollte sie ihm gehören.

Das alles anders kam, auch davon konnte er nichts wissen. Eigentlich war er mit seinem Leben sehr zufrieden. Schließlich lebte er nun seit sechzehn Jahren mit der Frau zusammen die er liebte. Mit ihr hatte er eine weitere Tochter. Sie sollten eine glückliche Familie sein. Das Leben sollte schön sein.

Aber je mehr Zeit verstrich und je älter seine Clara wurde, um so öfter sprach sie diesen Satz aus. Es war nicht nur Rebellion gegen ihren Vater, sie sprach diesen Satz aus den Tiefen ihres Herzens aus, als ob er die Wahrheit war.

„Ich bitte dich“, sagte Tomasio und versuchte, wider besseren Wissens zu ihr durchzudringen, „sage das nicht.“

„Warum nicht? Es ist doch so und du weißt das.“

Clara hatte Tomasio demonstrativ ihren Rücken zugekehrt, nachdem sie sich ein Laken um den Körper gelegt hatte. Nässe tropfte von den blonden Haaren auf ihre Schultern. Sie wollte ihn nicht ansehen und gestattete es ihm schon gar nicht, in ihre tränengefüllten Augen zu sehen.

„Clara“, Tomasio machte einen Schritt auf sie zu. 

Er hatte bereits die Arme ausgebreitet, um sie an sich zu ziehen und zu trösten. Warum auch immer sie traurig war. Er ging davon aus, dass Teenager eben so waren, wenn sie erwachsen wurden. Bisher hatte er keinerlei Erfahrung damit sammeln können, denn als er in ihrem Alter war, gab es keine weiblichen Farletti mehr und es war ihm nicht gestattet gewesen, mit anderen weiblichen Pleberosso zusammen zu sein. Auch wenn er sich mit Enzos Unterstützung dagegen aufgelehnt und sich heimlich mit ihnen getroffen hatte.

Er hatte nie erlebt, dass sich eine Pleberosso je so aufgeführt hatte wie seine Tochter. Vielleicht war das ihrem Ursprung geschuldet, denn immerhin war sie zu einem Teil auch ein Mensch. Sie war Marisas Tochter.

Clara spürte, dass ihr Vater sich ihr näherte und war instinktiv einen Schritt nach vorn gegangen. Unter keinen Umständen wollte sie von ihm berührt werden.

„Clara, lass uns bitte darüber reden. Wenigstens deiner Mutter zuliebe.“

„Das ich nicht lache. Sie ist ebenso wenig meine Mutter, wie du mein Vater bist. Lasst mich doch einfach in Ruhe.“

So schnell es ging, packte sie ihre Sachen zusammen und rannte zurück in die Haupthöhle, in der sich ihr Schlafabteil befand. Tomasio war derart verdutzt, dass er für ein paar Sekunden darüber nachdenken musste, was er nun tun sollte. Unmöglich konnte er Alex erzählen, dass er es abermals nicht geschafft hatte, mit seiner Tochter zu sprechen und sie davon zu überzeugen, sich einen jungen Mann unter den Pleberosso zu suchen. 

Daher rannte er Clara hinterher und hoffte, nicht dabei gesehen zu werden. Ein Farletti hatte nämlich keine Eile. 

Ein wenig außer Atem kam er bei ihrem Abteil an. Für sein Alter war Tomasio in guter Form. Und mit einundfünfzig Jahren war er noch immer ein junger Farletti und hatte die Mitte seines Lebens noch lange nicht erreicht. Dennoch schaffte es der kurze Sprint, ihm die Luft zu nehmen. Er allerdings vermutete, dass es weniger an der sportlichen Einlage lag als vielmehr an der Wut über seine Tochter. Sein Herz schlug kräftig und wollte seinen Brustkorb sprengen.

„Lauf nicht einfach davon, wenn ich mit dir rede“, sagte er, „hast du mich verstanden?“

„Du bist nicht …“

„Ja, ja, ich weiß, du glaubst, ich sei nicht dein Vater. Weißt du, das wird langsam wirklich langweilig. Fällt dir zur Abwechslung auch mal ein besseres Programm ein?“

Mit hochrotem Kopf sah Clara ihn an und schien jeden Moment platzen zu wollen.

„Clara, hör zu, lass uns nicht streiten, sondern wie Erwachsene reden.“

Beleidigt wie ein kleines Kind drehte sich Clara in Richtung einer Wand ihres Abteils und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

Seitdem Alex den Vorsitz des Rats übernommen hatte, wurden große Veränderungen vorgenommen. Daher dienten nun als Nachtlager nicht mehr die uralten Decken, die seit Jahrhunderten den Pleberosso ausgereicht hatten, um sie in einen erholsamen Schlaf zu bringen. Inzwischen gab es ansatzweise richtige Betten. Zumindest wurden Matratzen angeschafft, auf denen es sich angenehm schlafen ließ.

Alex sorgte dafür, dass in jedem Abteil ausreichend Licht und Wärme vorhanden war. In früheren Zeiten war es ausschließlich den Farletti und dem Rat vorbehalten, ihr Abteil durch die Kraft der Steine zu beleuchten und zu wärmen. Aber da Alex so etwas wie Bildung eingeführt hatte, sollten die Pleberosso die Möglichkeit erhalten, zu lernen, wann immer sie wollten. Dafür war entsprechendes Licht notwendig. Außerdem war seit der Einführung von Büchern offenes Feuer viel zu gefährlich geworden.

Alex hatte große Freude daran, das Abteil der Töchter hübsch herzurichten. Nicht nur, dass sie die Wände weiß streichen ließ, sie sorgte dafür, dass farbenfrohe Motive einige Bereiche zierte. Mit bunten Stoffen dekorierte sie es so, dass es wie ein typisches Mädchenzimmer aussah. 

Auf den Betten lagen hübsche Tagesdecken, an deren Enden kleine Trotteln hingen, die im wechselnden Licht des Abteils glitzerten. Die kleineren und größeren Kissen passten farblich sowohl zu den Wandmotiven als auch zur Tagesdecke. Alles war aufeinander abgestimmt. Das einzige, was fehlte, war Spielzeug aus der Sonnenwelt. Das, entschied Alex, ginge dann doch zu weit. Die Kinder sollten mit dem auskommen, was den Pleberosso zur Verfügung stand. Daher spielten die Kinder mit allem, was sie in den Höhlen finden konnten. 

Alex achtete generell darauf, dass es nichts gab, was ihre Töchter oder gar andere Bewohner auf die Idee bringen könnte, die Höhlen zu verlassen, um zu sehen, was es alles in der Sonnenwelt gab.

Für Alex war es selbstverständlich, dass die Töchter gemeinsam in einem Abteil wohnten, auch wenn es genügend Platz gegeben hätte. Clara und Francesca waren weibliche Farletti und damit etwas ganz besonderes. Wenn sie eng zusammen aufwuchsen, würde dies die beiden zu einer Einheit werden lassen. Denn obwohl Alex einen Bruder hatte und Marisa für sie wie eine Schwester gewesen war, so fehlte ihr doch immer ein Gefährte. Sie ahnte ebenso wenig wie Tomasio, welche Probleme sich mit Clara ergeben würden.

Schon früh entwickelte Clara eine Abneigung gegen die ein Jahr jüngere Francesca. Clara piesackte sie, wann immer sie konnte. Das ging manches Mal soweit, dass Alex daran dachte, die Mädchen zu trennen, diesen Schritt jedoch nie umsetzte, da sie hoffte, die beiden würden sich über die Jahre zusammenraufen.

-- Rückblick --

Ein lautes Gebrüll durchzog die Höhlen. Etwas derartiges hatte man bisher noch nie gehört und die Pleberosso zuckten merklich zusammen. Das Geschrei wurde immer lauter, dabei war klar, dass es sich um Kinder handeln musste, die sich anschrien. Ein hohes Quietschen schmerzte regelrecht in den Ohren. Wie eine Sirene, die auf ein nahendes Unglück aufmerksam machen wollte.

Schnell hatte Alex herausgefunden, aus welchem Abteil diese immer lauter werdenden Stimmen drangen. Sie war beschämt, dass es ausgerechnet ihre Kinder waren, die sich stritten. Streit oder Konflikte, egal welcher Art, kannten die Pleberosso nicht. Es war Alex’ Aufgabe, dass dies auch so blieb.

Schon von weitem hörte sie die Stimmen ihrer Töchter, die sie kaum auseinander halten konnte.

„Was ist hier los?“, wollte Alex wissen, als sie das Abteil betrat.

Erstaunlicherweise lag Clara auf dem Boden und weinte fürchterlich, während Francesca wie angewurzelt neben ihr stand und sie anstarrte. Alex erkannte große Angst in Francescas Augen. Das vierjährige Mädchen konnte offensichtlich nicht verstehen, was hier passiert war und war vollkommen überfordert. Das Gesicht war feucht von ihren Tränen und die Augen waren rot angelaufen. 

„Was ist hier passiert?“, fragte Alex erneut, kniete sich neben die Mädchen und griff sich ihre Hände.

Clara raffte sich umständlich vom Boden auf, verzog vor Schmerz das Gesicht. Laut weinend demonstrierte sie, wie schlecht es ihr ging.

„Sie …“, sagte Clara, „sie … sie ist so böse und hat mir wehgetan.“

Sie unterstützte diese Aussage mit einem tiefen Schluchzer, gefolgt von neuem Weinen.

Francesca stand noch immer bewegungsunfähig neben ihr und starrte ihre Mutter an.

„Woher weißt du solche Worte?“, fragte Alex.

„Ich weiß gar nicht, was du meinst?“

„Doch, das weißt du. Clara, du bist die Ältere und damit hast du die Verantwortung. Du solltest auf deine kleine Schwester aufpassen und sie beschützen.“

„Sie ist nicht meine Schwester.“

„Was redest du für einen Unsinn.“ Jetzt sah Alex Francesca an, ließ Claras Hand los, um sich beide Hände von Francesca zu nehmen und sie sanft zu drücken. „Was ist hier passiert?“

„Wir haben gespielt …“, sagte Francesca und traute sich kaum, ihre Mutter anzusehen.

„Und dann, was ist dann passiert?“

„Francesca hat mich ohne Grund an den Haaren gezogen und gehauen“, heulte Clara.

Erneut folgte ein lautes Schluchzen.

„Stimmt das? Francesca, du kannst mir die Wahrheit sagen. Hier wird niemand bestraft. Wir werden darüber reden und am Ende werdet ihr euch entschuldigen.“

„Ich … ich hab’ doch aber gar nichts getan, ich war nicht böse“, brachte Clara mühsam unter Schluchzen hervor.

„Lass doch bitte deine Schwester etwas sagen.“

„Sie ist nicht meine Schwester.“

„Jetzt reicht’s mir aber.“ Alex war aufgestanden und sah auf die Kinder herab. „Ihr gebt euch jetzt die Hände, nehmt euch dann in den Arm und küsst euch. Ihr seid Schwestern und die lieben sich.“

Stocksteif blieb Francesca stehen, wagte es nicht, ihren Kopf zur Seite zu drehen und Clara anzusehen. Hätte sie nicht ohnehin wie eine typische Pleberosso einen makellosen weißen Teint gehabt, Alex hätte geglaubt, zu sehen, wie sie blasser wurde. Sie konnte den Schmerz erkennen, den ihre Tochter plagte und sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihre kleine, vierjährige Tochter ganz ohne Grund zu einer böswilligen Handlung fähig war.

Sekunden verstrichen, die wie Minuten erschienen. Alex hatte den Eindruck, so etwas wie Panik in den Augen ihrer Tochter zu sehen. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr zitterte ihr kleiner Körper.

„Wenn du unbedingt darauf bestehst“, sagte Clara und hatte vergessen zu weinen.

Von einem zum nächsten Moment waren ihre Tränen getrocknet. Sie stellte sich vor Francesca, sodass Alex ihre Gesichter nicht mehr erkennen konnte. Francescas Zittern verstärkte sich. Alex sah deutlich die Angst, die von dieser Situation hervorgebracht wurde.

Clara streckte ihre Arme aus, aber Francesca wich unwillkürlich zurück.

„Nein“, flüsterte Francesca, „bitte nicht.“

Dann umschlossen Claras Arme ihren noch immer zitternden Körper. Kurz darauf drehte sich Clara zu Alex und grinste sie breit an.

„Bist du nun zufrieden?“

--

Inzwischen waren die Schwestern in der Welt der Pleberosso erwachsen geworden. Ihre ersten Expedition zum Bergen der Steine des Otium lagen bereits hinter ihnen. Jedoch wurden sie nicht verheiratet, so wie es der Brauch vorsah. Auch das war etwas, was Alex geändert hatte. Ihre Töchter sollten sich ihren Mann selbst wählen dürfen. Unter keinen Umständen sollten sie mit einem leben müssen, den sie verabscheuten und aus diesem Grund eventuell die Höhlen verlassen wollen, so wie es seinerzeit Sofia, die Mutter von Marisa getan hatte und dies am Ende mit ihrem Leben bezahlen musste.

„Du wirst deine Mutter damit sehr traurig machen“, sagte Tomasio.

Er wusste nicht mehr, wie er mit ihr reden sollte und so blieb ihm nichts weiter übrig, als sich dieses billigen Tricks zu bedienen. Müde hatte er sich auf ihr Bett gesetzt. Clara war noch immer nur mit einem Laken bekleidet. Für ihre sechzehn Jahre war sie weit entwickelt, wirkte tatsächlich nicht mehr wie ein Teenager, eher wie eine Frau. Sie war so schön wie ihre Mutter.

„Wie oft soll ich es noch sagen, ihr seid nicht meine Eltern.“ 

„Doch“, sagte Tomasio und sah verträumt auf einen Stein des Otium, der in einer Wand eingelassen war wie eine Lampe. Er wechselte seine Farbe, um nun auch hier die Umgebung mit seinem warmen Licht einzufärben. Tomasio blickte auf das Farbenspiel, als ob er davon die Antwort auf das Problem finden würde. „Doch, das sind wir. Und jetzt hör endlich damit auf. Du wirst deine Mutter sehr traurig damit machen.“

In dem Moment meinte er es so, wie er es gesagt hatte. Aber davon konnte Clara nichts wissen.

2. Sechzehn Jahre zuvor: Hamburg

 Röchelnd lag er am Boden. Das Atmen fiel ihm schwer. Sein Körper schmerzte bis in die letzte Faser seiner Muskeln. Lange würde er nicht aushalten. Das wusste er. Dennoch war in ihm ein unwiderstehlicher Überlebenswille. Auch wenn sein Herz ihm immer wieder sagte, dass es sich nicht lohnte. Das alles sei es nicht wert. Nicht ohne sie. Der Liebe seines Lebens, in der er sich so sehr getäuscht hatte.

Lange hatte er die Augen geschlossen, obwohl er wieder bei Bewusstsein war. Doch er wollte nicht sehen, was ihn in dieser Welt erwartete. Er hatte sich die Sonnenwelt anders vorgestellt. Das, was er in Marisas Erinnerungen gefunden hatte, war so wundervoll gewesen. Alles war erfüllt von tiefer Liebe, gepaart mit einer zerfressenden Sehnsucht, die er wiederum gut kannte.

Er hatte keine Ahnung, woher diese Sehnsucht rührte. In seiner Welt kam sie nicht vor und der Rat hätte sie niemals gestattet. Ein Grund mehr, nicht nur der Verbannung und dem damit zusammenhängenden Tod zu entfliehen, sondern auch den strickten Regeln, die keinerlei Spielraum zuließen.

Dass er, kaum in der Sonnenwelt angekommen, ebenfalls dem Tod ins Auge blicken musste, davon konnte keiner ausgehen. Er am allerwenigsten.

Ein Hustenanfall ließ ihn sich aufsetzen und die Augen öffnen. Erschrocken sah Bernardo auf die Leiche von Danielle. Ihre Schönheit verschlug ihm den Atem. Jetzt hatte er Schwierigkeiten, Luft zu bekommen, weil ein tiefer Schmerz in seinem Herzen bohrte. Sie sah aus, als würde sie schlafen. Aber die Farbe ihrer Haut hatte sich verändert. Sie wirkte wie eine Puppe aus Wachs. Leicht gelblich schimmerte ihr Leichnam im schummrigen Licht der Umgebung.

Geradezu vorsichtig drang die Dämmerung in Marisas Wohnung in Hamburg. Bernardo war kaum in der Lage, sich daran zu erinnern, wie lange er bewusstlos auf dem Boden gelegen hatte. Es war Abend gewesen, als ihn Danielle verführt hatte und er das erste Mal in seinem Leben mit einer Frau zusammen gekommen war. 

Für einen Farletti war es nicht ungewöhnlich, ohne Erfahrung zu bleiben. Obwohl er nun schon weit über vierzig war, hatte es ihn bisher nie gestört. Es war eben seine Bestimmung. Aber hier, in der Sonnenwelt, schien alles anders zu sein.

Dennoch nahm er an – so wie er es gelernt hatte – dass Danielle seine zukünftige Ehefrau sein würde. Im Grunde hätte er, noch bevor sie diese wundervollen Dinge mit ihm tat, den Bund der Ehe mit ihr eingehen müssen. Es gehörte sich nicht und war vor allem verboten mit einer Frau intim zu werden, mit der man nicht verheiratet war. Schwere Schuldgefühle plagten ihn noch immer. Vielleicht war das alles seine Schuld?

Er aber war außerhalb der Verbotszone und hier, in der Sonnenwelt, spielte das alles keine Rolle. Das hatte ihm auch Danielle immer wieder gesagt, als er Zweifel angemeldet hatte. Zumal sie einem anderen versprochen war. Er durfte sie keinesfalls berühren. Selbst unzüchtige Gedanken gingen bereits über das Erlaubte hinaus.

Was war das doch für eine merkwürdige Welt in der er sich befand? Unter Danielles Fürsorge dauerte es jedoch nicht lange und er gab auf, um seinen Verstand für einen Moment ruhen zu lassen. Wie Blitze durchfuhr es seinen Körper, der sich in wohliger Wärme wiederfand. Leider war es viel zu schnell vorbei und sie ließ von ihm ab. Erschöpft war er daraufhin einfach eingeschlafen.

Als er kurz darauf erwachte, war sie verschwunden. Er war aufgestanden, hatte sich angezogen und suchte nach ihr.

Was dann passierte, stellte ihn vor die Abgründe seiner Seele. Er hatte nicht nur sie gefunden. Enzo war bei ihr und sie behauptete doch tatsächlich, dass ihr die Zusammenkunft mit Bernardo nichts bedeutet habe. Wie konnte sie so etwas nur sagen? Aber das war lediglich der Anfang einer Katastrophe, die in ihrem Ableben endete.

-- einige Stunden zuvor --

„Du siehst, ich habe sogar eine Frau gefunden“, sagte Bernardo.

Es hatte ihn furchtbar erschreckt, seinen Bruder anzutreffen. Im Grunde wollte er nichts weiter, als in Frieden leben. Er verstand nicht, was Enzo antrieb und warum er keine Ruhe geben konnte.

„Mir scheint viel eher, sie hat dich gefunden. War es denn gut?“, fragte Enzo und grinste breit.

„Du hast ja keine Ahnung.“

„Ach nein? Danielle, erzähle doch meinem Bruder, wer du bist.“

„Sicher mein Meister“, sagte Danielle.

Ihre Haltung war unterwürfig. Irritiert sah Bernardo Danielle an. Man konnte in seinem Gesicht lesen, dass er nicht verstand, was genau sie mit „mein Meister“ meinen konnte.

„Ich bin nichts weiter als ein Wurm“, sagte Danielle und löste sich aus Bernardos Hand, „mein Meister befiehlt und ich mache, was er sagt.“

„Aber ich dachte … du hast doch erzählt, dass du heiraten wirst. Aber nicht Enzo.“

„Na und?“

„Vor allem aber habe ich angenommen, dass ich dir etwas bedeute … ich meine, das eben, was du mit mir gemacht hast … was ich mit dir gemacht habe … du hast doch gesagt, dass du mich liebst.“

„Ja, was man so sagt, wenn man mittelmäßig befriedigt wird.“

„Ach, wie schade“, sagte Enzo, „das tut mir leid, wenn du nicht mal auf deine Kosten gekommen bist.“

Sein Lachen erfüllte den Raum.

„Wie sollte ich, mein Meister, nur du kannst mir Erfüllung geben.“

„Aber, Danielle“, sagte Bernardo, „Das glaube ich dir nicht. Du kannst unmöglich so gut lügen. Ich habe doch gespürt, dass ich dich bewegt habe.“

„Was du so alles spürst. Was hätte das wohl sein sollen? Langeweile?“ 

Danielle drehte sich zu ihm und lächelte eher angewidert.

„Nein, Danielle, sei ehrlich, hör auf dein Herz.“

„Das wäre mir neu, dass sie eins hat“, sagte Enzo. „Aber weißt du was? Du hast mich grad auf eine fantastische Idee gebracht.“

Er richtete die Waffe auf Bernardo.

„Nur zu, erschieße mich, wenn du meinst, dass dich das glücklich macht. Ich weiß, was eben passierte und dass Danielle jetzt lügt, weil sie Angst vor dir hat.“

„Du hast doch absolut keine Ahnung.“

„Mag sein, in deiner Welt kenne ich mich nicht aus. Aber ich weiß, was ich gesehen und gefühlt habe und glaube mir, Danielle ist nicht der Mensch, für den du sie hältst.“

„Ach nein? Danielle, möchtest du dazu noch etwas sagen?“

„Du wirst doch den Unsinn von Bernardo nicht glauben, mein Meister?“

„Das ist die falsche Antwort.“

„Ich gehöre nur dir, das weißt du, mein Meister. Verfüge über mich.“

Sie senkte zur Bekräftigung ihrer Worte den Kopf.

„Gut, das werde ich.“ Enzo richtete noch immer die Waffe auf ihn. „Also, Bernardo, du liebst sie?“

„Ja, das tue ich. Für dich ist sie doch nichts weiter als ein Spielzeug. Überlasse sie mir. Du kannst doch jede haben und dir ist es egal. Du liebst sie nicht.“

„Du würdest also dein Leben geben, nur damit es Danielle gut geht und sie erkennt, wie sehr du sie liebst?“

„Ja, das würde ich, wenn es sein muss. Aber ehrlich, Enzo, es würde dir nur für einen Moment Freude bereiten, es bringt nichts, wenn du mich tötest.“

Bernardo konnte deutlich erkennen, wie Enzo mit dem Finger den Abzug spannte. Seinen Arm hatte er bereits ausgestreckt, um sicher zu gehen, sein Ziel nicht zu verfehlen.

„Nein, Enzo, ich bitte dich.“

„Lebe damit.“

Im Bruchteil einer Sekunde hatte Enzo jedoch das Ziel gewechselt und den Arm ein wenig nach links geschoben. Der Knall, der kurz darauf den Raum ausfüllte, ließ in Bernardos Ohren ein hohes Pfeifen aufkommen. Noch immer rechnete Bernardo damit, selbst getroffen worden zu sein und jeden Moment den Schmerz der eintreffenden Kugel zu spüren.. Es musste am Schock liegen, dass er nichts fühlte. Er sah an sich herunter und suchte nach einem Eintrittloch, als neben ihm Danielle zu Boden ging. Mit lautem Poltern krachte ihr Körper aufs Parkett. Langsam sickerte Blut auf den Boden. Sie war nicht sofort tot, hielt ihre Hände auf den Bauch und sah, wie ihr Blut sie rot färbte.

„Mein Meister“, sagte sie so leise, dass selbst Bernardo es kaum verstand.

Er kniete sich neben sie, in der Hoffnung, noch etwas tun zu können und nahm ihre Hand. Aber er spürte, wie das Leben aus ihr wich. Mit jedem Tropfen Blut, der ihren Körper verließ, wurde ihr Schicksal mehr besiegelt.

„Warum hast du das getan?“, schrie Bernardo, dass es ihn selbst in den Ohren schmerzte.

Aber Enzo antworte nicht. Bernardo hörte nichts weiter als sein gellendes Gelächter, das ihn erschauern ließ.

--

Weinend beugte er sich über ihre Leiche und küsste sie auf den Mund. Ihre Lippen gaben unter seinem Druck nach. Er nahm ihre Hand und streichelte sie sanft. Es war, als würde er ein Stück Leder berühren: kalt und doch glatt.

Er fühlte etwas Feuchtes unter sich. Seine Hose hatte sich mit ihrem Blut getränkt. Angewidert stand er umständlich auf und sah die andere Leiche vor sich. Ihn hatte er ganz vergessen. Der alte Mann war dazwischen gekommen, als er mit Enzo kämpfte. Vielleicht hätte er ihn sogar retten können, wenn er nur etwas mehr Zeit gehabt hätte.

Jetzt musste Bernardo allerdings daran denken, sich selbst zu retten. Seine Kräfte schwanden schnell. Er spürte, wie das Leben aus ihm wich.

Unter Schmerzen raffte er sich auf, um den Raum zu verlassen. An die Wand gestützt wankte er auf den Flur. In der Wohnung war es ruhig. Hier hatte die Stille allerdings eine andere Qualität als in seiner Heimat. Es gab keine Felsen oder Steine, die zu ihm sprachen. Das leise Murmeln begleitete ihn sonst ständig, sodass er es nicht mehr wahrnahm. Erst in der Sonnenwelt war es ihm aufgefallen. Die Hintergrundgeräusche waren andere. Meist waren sie sehr laut und dröhnten in seinen Ohren.

Sie hatten nichts Vertrautes. Vielmehr machten sie ihm Angst. Ebenso wie die Ruhe, die ihn nun umgab. Einzig sein Atem füllte die Stille und er bemerkte, dass er bei jedem seiner Schritte keuchte. 

Als Erstes wollte er das Wohnzimmer erreichen. Hier glaubte er zu finden, wonach er suchte. Marisa hatte ihm gesagt, dass sie für alle Fälle ein paar Steine verstecken würde. Sie wollte ihm nicht sagen wo, denn dann wäre diese Information in seinem Kopf zu finden und damit viel zu gefährlich. Enzo sollte keine Chance haben.

Wusste sie etwa, dass er kommen würde, um sie zu holen?

Unwillkürlich musste Bernardo an eine der letzten Unterhaltungen mit Marisa denken.

-- 

Danielle war zu diesem Zeitpunkt noch am Leben und hatte sich Bernardo noch nicht hingegeben. Dennoch war er vom ersten Augenblick in sie verliebt. Er verstand nicht, was Marisa gegen sie hatte. Er war geradezu traurig, als Danielle nach dem Frühstück die Küche verließ und sie beide allein blieben.

„Es tut mir leid, dass es nicht so ist, wie es sein sollte“, sagte Marisa und nahm einen Schluck Kaffee.

„Das muss es nicht. Für mich ist alles fantastisch“, sagte Bernardo.

„Aber es ist anders, als in meinen Erinnerungen.“

„Das spielt keine Rolle. Wir sind hier und leben. Nichts weiter zählt.“

„Du hast recht. Wir sollten dankbar sein. Die neue Situation macht mir zu schaffen. Aber darüber komme ich hinweg.“

„Sicher, du bist stark.“

„Aber was ist mit dir? Du wirkst irgendwie verändert.“

„Nichts, was soll schon sein? Ich genieße es, in der Sonnenwelt zu sein.“

„Ich habe bemerkt, wie du Danielle angesehen hast.“

„Wie habe ich sie denn angesehen?“

Bernardo senkte den Kopf und spielte mit seiner Tasse.

„So, wie du mich noch nie angesehen hast, Bernardo.“ Sie zog seine Hand von der Tasse, woraufhin er sie tatsächlich ansah. „Diese Frau ist nicht gut für dich. Sie ist nicht das, was sie scheint.“

„Du machst dir zu viele Gedanken. Sie ist einem anderen versprochen, das hast du doch gehört.“

„Ja, das habe ich.“

Nun senkte Marisa den Kopf und rang mit ihrer Fassung.

„Ich lass dich mal für einen Moment allein“, sagte Bernardo und war bereits aufgestanden.

„Warte, ich muss dir etwas sagen.“

Marisa war ebenfalls aufgestanden und dicht an ihn herangetreten. Sie berührte ihn am Arm und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich werde in der Wohnung einige Steine verstecken. Nur für den Fall. Man weiß ja nie. Du wirst wissen, wo du suchen musst, wenn es soweit ist. Es ist besser, wenn du keine Erinnerung hast.“

--

Erneut machte sich Bernardo schlimme Vorwürfe, dass er sich hatte von Danielle ablenken lassen, anstatt Marisa zu helfen. Sie war bereits verschwunden, nachdem Danielle ihn geliebt hatte. Da aber Enzo noch hier war, nahm er an, dass Steve sie gerettet hatte, so wie sie es sich immer gewünscht hatte. So aber konnte er sich nicht verabschieden. Tiefe Trauer legte sich über ihn. Sie war anders als die über den Tod von Danielle. Viel tiefer saß dieser Schmerz. Er verursachte nicht, dass ihm der Atem stockte. Vielmehr lähmte er ihn. Marisa war seine Vertraute gewesen. Der einzige Mensch, auf den er sich hatte verlassen und dem er hatte vertrauen können.

Die Liebe, die er mit ihr verband, war wesentlich tiefer und ehrlicher, als alles, was er sich vorstellen konnte. Nun würde er sie nie mehr wiedersehen. Ihr nie mehr sagen, was er für sie fühlte und sich bei ihr bedanken, dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Diese Einsicht traf ihn in seinen Eingeweiden. Ihm wurde übel. Er musste stehen bleiben. Matt lehnte er sich an die Wand im Flur. Tief atmete er ein und hoffte, damit Sauerstoff in seine Lungen zu bringen. Alles in ihm schmerzte. So also war es, wenn das Leben aus einem wich.

Mit letzter Kraft erreichte er das Wohnzimmer. Es blieb nur noch wenig Zeit. Bald würden ihm die Beine den Dienst versagen. Schwer atmend stand er mitten im Raum und sah sich um. Wo würde sie die Steine versteckt haben?

Ihm war klar, dass er an der Oberfläche suchen musste. 

„Das was uns einfach erscheint, ist oft das Gegenteil. Und das, was wir als raffiniert glauben, ist so naheliegend, dass es jeder finden wird.“

Ihre Worte kreisten in seinem Kopf. Ihm wurde schwindelig. Er mahnte sich zur Ruhe, um die Umgebung auf sich wirken zu lassen.

Das Wohnzimmer war schlicht eingerichtet. Eine große Fensterfront gab den Blick in den Garten frei. Inzwischen war es hell geworden, aber doch blieb es irgendwie dunkel. Bernardo konnte das nicht verstehen. Nebelschwaden zogen am Fenster vorbei und gaben nur wenig Eindruck vom herbstlichen Garten wieder. Vor dem Fenster stand ein geräumiges Sofa, auf dem Bernardo noch vor wenigen Stunden gesessen und sich von Danielle hatte verführen lassen. Abscheu, gepaart mit einem Kribbeln, durchzog seinen Körper. Der Ekel vor sich selbst ließ ihn würgen.

Schnell schob er diese Gedanken beiseite, zu sehr schmerzten sie. Er empfand noch immer Liebe für Danielle. Das Sofa bildete mit zwei voluminöse Sesseln eine Sitzgruppe, in deren Mitte sich ein niedriger Tisch befand. An der Wand hing ein riesengroßer Fernseher. Was es genau damit auf sich hatte, davon hatte er keine Ahnung, kannte es lediglich aus Marisas Erinnerungen. Wie von so vielem und vieler Worte, die in seinen Gedanken Platz fanden und er sie gebrauchte, ohne auch nur eine Idee zu haben, was sie bedeuten könnten.

Er nahm diese Dinge zur Kenntnis, hielt sich jedoch nicht lange damit auf und suchte weiter. An der linken Wand standen einige Regale, die spärlich mit Büchern gefüllt waren. Alles wirkte eher übersichtlich. Unordnung, wie sie Menschen üblicherweise hinterließen, konnte er nicht erkennen. Es sah sauber aus, so, als ob hier überhaupt niemand wohnen würde. Dabei hatte Bernardo noch nie eine andere Wohnung eines Menschen gesehen.

Wo nur sollte er die Steine finden? An der Oberfläche gab es nichts. Er hätte nicht gewusst, wo er im Verborgenem hätte suchen sollen, denn alles war geradezu pedantisch geordnet. Bernardo drehte sich um die eigene Achse. Erst langsam, dann – soweit es sein Zustand zuließ – wurde er schneller. 

Abrupt blieb er stehen und sah zum Fenster. Noch immer schwebte dicker Nebel durch den Garten. Nur hier und da blitzte etwas Rot und Gelb des abgefallenen Laubs hindurch. Ein Lichtstrahl bahnte sich einen Weg durch den Dunst und traf die Fensterbank. 

Auf ihr standen ein paar Blumentöpfe. In der Mitte eine Schale mit etwas Obst. Daneben ein größeres Glas. Eine Lampe mit einem organgefarbenen Schirm. Sein Blick ging weiter und er sah eine Vase, in die man langstielige Blumen hätte stellen können, die aber nun lediglich Dekoration war. Als er am Ende angekommen war, ging sein Blick zurück. Etwas musste er übersehen haben. 

Der Schein der Sonne wurde stärker und ruhte nun auf einem Gegenstand: das große Glas.

Es war gefüllt mit Erinnerungsstücken. Bernardo suchte nach dem Ursprung dieser Dinge in Marisas zurückgelassen Gedanken in seinem Kopf, die er sich eingeprägt hatte, als wären es seine. All diese Begebenheiten hatten ihn die Zeit in der Verbannung überleben lassen. Ihnen hatte er es zu verdanken, dass er nun in der Sonnenwelt war. 

Marisa hatte offenkundig einen Faible für gewissen Kitsch. Dabei war das, was sie gesammelt hatte, kein Kitsch im herkömmlichen Sinn. Vielmehr nahm sie alles mit, was ihr vor die Füße fiel und sie an den Ort der Reise erinnerte. 

Die wenigen Schritte, die Bernardo zu überwinden hatte, um zur Fensterbank zu gelangen, strengten ihn unglaublich an. Von Sekunde zu Sekunde wurde er schwächer. In Zeitlupe bewegte er sich. Seine Beine wurden tonnenschwer. Er schaffte es nicht, sie zu heben und schob sie über das Parkett. Schlurfend und mit schwerem Atem erreichte er die knietiefe Fensterbank.

Erleichtert ließ er sich darauf fallen, annehmend, dass sie unter seinem Gewicht zusammenbrechen musste. Unbeeindruckt ließ sie es über sich ergehen. Lediglich eine Pflanze konnte der Kraft seines Körpers nicht widerstehen und stürzte hinab, um Sekunden später auf dem Boden zu zerplatzen. Splitter des Topfes flogen in alle Richtungen, während die Erde den Boden bedeckte. So trostlos wie Bernardo sich fühlte, sah er die Reste des Grüns auf dem Boden liegen.

Das Geräusch erfüllte für einen Moment den Raum. Aber Bernardo war nicht mehr in der Lage, dieses zu hören. Erschöpft lehnte er sich mit dem Rücken an die kalte Fensterscheibe. Es tat ihm gut und er schloss seine Augen. Das war es nun also. Er hatte es nicht geschafft, das offensichtliche Versteck zu finden.

Mit der Gewissheit, jeden Moment auf die andere Seite zu treten und dort Danielle wiederzufinden, tauchte Marisa in sein Gedächtnis.

„Ich glaube an dich. Du bist es Wert, zu leben. Gib niemals auf!“

Ein letztes Mal öffnete Bernardo seine Augen. Er sah sich im Raum um. Was sollte er hier finden? Und wenn er etwas fand, er war viel zu schwach, um aufzustehen. Niedergeschlagen ließ er seinen Kopf zur Seite fallen. Sein Blick lag auf dem Glas mit den Reiseerinnerungen: Muscheln schmiegten sich an kleinere Holzstückchen, einige Papierfetzen füllten die Lücken. Aber er sah auch etwas anderes, was ihm zuvor nicht aufgefallen war, da es sich in all den anderen Dingen zu verstecken schien: Steine.

3. Fortbestand

 Das Licht in den Höhlen veränderte sich zunehmend. Ein Zeichen, dass sich die Pleberosso auf die Nachtruhe vorbereiten sollten. Früher, als er noch ein junger Mann gewesen war, hatte er diese Stunden immer sehr genossen. Noch mehr Ruhe als sonst kehrte ein. Einige Frauen trafen sich am See, der nun in schillernden Farben leuchtete. Sie sangen ihr abendliches Lied und wiegten damit ihre Kinder in den Schlaf.

Die Männer trafen sich ebenfalls in der Nähe und besprachen ihr Tagwerk. Sie scherzten und freuten sich des Lebens. Tomasio hatte sich als junger Mann so sehr gewünscht, sich eines Tages ebenfalls zu ihnen gesellen zu können, um sich bei Nachtanbruch zu seiner Frau in das gemeinsame Abteil zurückziehen zu können.

Doch da er ein Farletti war, wusste er, dass ihm ein anderes Schicksal zugeteilt worden war. Niemals hatte er damit gerechnet, tatsächlich einmal eine Frau an seiner Seite zu haben. Zudem eine Frau, die er bedingungslos liebte.

Tomasios war auf dem Weg in sein Abteil. Er umrundete den See und sah dabei zu, wie sich die Frauen am Ufer vergnügten. Sie sangen noch immer die gleichen Lieder, die er aus seiner Jugend kannte. Heute beruhigte es Tomasio nicht. Er hatte sich verändert, was nicht allein an seinem Alter lag. 

Es mochte an dem Umstand liegen, dass er die Sonne gesehen hatte. Nichts Vergleichbares hatte er bisher erlebt, wenn sie morgens die Erde erhellte und sich abends hinter dem Horizont verabschiedete. Seither war der Wechsel von Tag zu Nacht in den Höhlen nicht mehr dasselbe.

Tatsächlich vermisste er die Sonnenwelt und mit ihr den Bruder seiner Tochter, den er nur ein einziges Mal gesehen hatte. Auch wenn er wusste, dass er nicht sein Vater war, war er doch der Zwilling seiner Tochter. Etwas, was für Tomasio schwierig war zu begreifen. Und doch war es möglich gewesen, da Marisa sich in kurzer Zeit mit mehreren Männern eingelassen hatte. 

Je größer die Schwierigkeiten mit Clara wurden, desto mehr wünschte er sich, dass ihm der Sohn zugeteilt worden wäre. Er war sich sicher, dass er mit einem Jungen keine Schwierigkeiten gehabt hätte.

Seine Müdigkeit zerfraß ihn. Er ließ seine Schultern hängen und jeder Schritt schien ihn maßlos anzustrengen. Kurz blieb er stehen. Atmete tief ein und aus. Das Licht der Höhle veränderte sich fortwährend und sein Teint glich sich der Umgebung an. Er schimmerte gelblich, ebenso wie seine weiße Kleidung die Farbe des Lichts angenommen hatte. 

Für einen Moment hörten die Frauen auf zu singen und starrten ihn an. Daher setzte er sich wieder in Bewegung und sie ihren Gesang fort, ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen. Wie gern hätte er sich für einen Moment am Ufer ausgeruht.

Nachts schlief Tomasio unruhig und dadurch viel zu wenig. Er wälzte sich in seinem Bett, bis Alex ihm die Hand auf die Stirn legte. Immerhin ließ dies sein Herz wieder im gleichmäßigen Rhythmus schlagen. Aber einschlafen konnte er dennoch nicht. Zu viele Probleme wälzten in seinem Kopf. Probleme, die es eigentlich nicht hätte geben sollen.

Das Leben der Pleberosso war geprägt von Unbeschwertheit. Hier gab es nichts, was Probleme verursachen konnte. Und doch quälten sie Tomasio. Er konnte es nicht ertragen, wie sich Clara ihm gegenüber aufführte. Es schmerzte tief in seinem Herzen, dass sie ihm immer wieder sagte, er sei nicht ihr Vater. Ein tiefer Stich traf jedes Mal sein Herz, das inzwischen schwer gelitten hatte. 

Er spürte, dass etwas nicht stimmte und ihnen ein nahendes Unheil bevorstand.

„Wir müssen etwas unternehmen“, sagte er, als er das Abteil betrat, in dem er mit Alex lebte. 

Alex hatte sich verändert. Sie war zu einer vollkommenen Farletti geworden. Das fehlende Sonnenlicht ließ ihre Haut so weiß werden, dass man kaum einen Unterschied ausmachen konnte. Einzig ihre blonden Haare waren in der Färbung noch immer intensiver als das Blond der Pleberosso. Aber ihre gesamte Körpersprache hatte sich ihrer Umgebung angepasst. Sie strahlte Güte und Erhabenheit aus. Die Pleberosso liebten sie. Alex verstand es, ihnen zu geben, was sie von ihr erwarteten. Zudem liebte sie Tomasio noch immer in einer Weise, die ihn unendlich glücklich machte.

Niedergeschlagen setzte er sich auf ein großes Kissen nahe einem wärmenden Stein. Ihn fröstelte, obwohl es angenehm temperiert war. Alex reichte ihm ein Gefäß mit einer heißen Flüssigkeit und lächelte ihn an. In ihrem Blick war unendliche Güte zu erkennen.

„Danke“, sagte Tomasio und nahm ihr die kleine Schüssel ab. 

Mit beiden Händen hielt er sie umschlossen, als ob er sich daran wärmen wollte, obwohl das Holz kaum etwas von der Temperatur durchdringen ließ. Vorsichtig pustete er den Hauch von Dampf von der Oberfläche.

„Was ist los, mein Schatz?“, fragte Alex und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Das tat gut und beruhigt ihn. Er überlegte, wie schön es wäre, wenn sie einfach immer bei ihm in seine Nähe sein konnte, um ihm ständig mit der Hand zu berühren.

„Du weißt, wo ich war“, sagte Tomasio.

„Ja, ich ahne es. Und wie es scheint, warst du erneut nicht erfolgreich.“

„Nein, ich dringe einfach nicht zu ihr durch.“

„Wieder das Übliche?“

„Ja“, er nahm einen Schluck und schloss die Augen. Er wollte sich auf das Gefühl des heißen Getränks konzentrieren, wie es ihm die Kehle hinunterlief und in seinem Magen ankam. Aber er schien jedes Gefühl für sich verloren zu haben. „Ich ertrage das nicht länger.“

Das Gefäß wurde tonnenschwer. Kaum war er in der Lage, es zu halten. Seine Hände zitterten bereits. Um die heiße Flüssigkeit nicht zu verschütten, stellte er es vor sich auf den Boden. Wie in einem Reflex legte er seinen Kopf in seine Hände. Sein Gesicht glühte und er spürte, wie die Tränen heiß aus seinen Augen liefen.

Alex kniete sich neben ihren Mann und legte ihre Arme um ihn. Liebevoll küsste sie seine Wange.

„Ach, Schatz, lass dich doch nicht immer von ihr ärgern. Du weißt, dass macht sie mit Absicht und weil sie es kann. Du lässt dich viel zu sehr auf ihre Spielchen ein.“

„Was aber, wenn sie recht hat?“

Tomasio hatte seine Hände gesenkt, ließ allerdings weiterhin seinen Kopf hängen. Er hatte nicht die Kraft, seinen Rücken zu spannen und sich gerade hinzusetzen.

„So ein Quatsch. Natürlich bist du ihr Vater. Da gibt es keinen Zweifel.“

„Aber wenn es doch Enzo ist?“

„Was spielt das für eine Rolle? Er ist tot. Er kann nicht ihr Vater sein. Das bist du. Du hast dich seit ihrer Geburt um sie gekümmert und sie ist ein Teil von dir. Abgesehen davon ist sie dir wie aus dem Gesicht geschnitten. Jeder sieht, dass sie deine Tochter ist. Das weiß sie. Sie ist trotzig. Wahrscheinlich hat sie den Dickkopf von ihrer Mutter.“

„Das kann ich nicht beurteilen, dafür kenne ich Marisa zu wenig. Es bleibt immer ein Stück Zweifel, ob ich tatsächlich ihr Vater bin.“

„Selbst wenn wir in der Lage wären, einen Vaterschaftstest machen zu lassen, würde das nichts bringen, da Enzo und du die gleiche DNA haben. Akzeptiere doch endlich, dass du der Vater bist und lebe es. Dann wird Carla auch irgendwann begreifen, dass es keinen Sinn hat, dich damit zu ärgern. Immerhin ist sie erwachsen.“

„Sie ist doch erst sechzehn.“

„Du weißt selbst, dass es für eine Farletti ausreicht und sie schon längst einen Ehemann hätte haben müssen. Es wird wirklich Zeit, dass sie sich mit dem anderen Geschlecht beschäftigt und sich in einen Mann verliebt. Andere in ihrem Alter haben bereits die ersten Kinder.“

„Wir können sie doch aber nicht zwingen und das wollten wir auch nicht. Sie sollte frei entscheiden.“

„Ja, das soll sie ja auch. Wir haben doch nun wirklich alles getan. Ich habe sogar die Gesetze geändert, damit sie einen einfachen Pleberosso zum Mann nehmen kann. Wir haben doch hier so viele hübsche und sehr nette junge Männer.“

„Sie will davon aber nichts hören. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll. Mit mir redet sie überhaupt nicht mehr. Du wirst das übernehmen müssen.“

„Aber von mir wird sie sich erst recht nichts sagen lassen.“

Alex war aufgestanden und um Tomasio herumgegangen, hatte sich ebenfalls auf ein Kissen ihm gegenüber gesetzt, um ihn ansehen zu können.

„Sie ist zur Hälfte ein Mensch. Lassen wir sie an die Oberfläche gehen und sich in der Sonnenwelt einen Mann suchen“, sagte Tomasio.

„Das ist nicht dein Ernst? Tomasio, was redest du für einen Unsinn.“

„Was haben wir für eine Wahl? Wir können sie nicht einsperren. Sie spürt, dass sie nicht hierhergehört.“

„Doch Tomasio, sie ist eine von uns. Selbst Marisa hat das eingesehen und hat daher beschlossen sie hier aufwachsen zu lassen. Was, wie ich finde eine sehr weise Entscheidung war. Wie stellst du dir das überhaupt vor? Sie kann doch keinen normalen Menschen mitbringen. Und abgesehen davon, wer wird freiwillig hier leben wollen?“

„Du wolltest es doch auch.“

„Ich bin aber eine Farletti, vergiss das nicht.“

„Dann lassen wir Carla eben gehen. Sie ist meine Tochter und ich möchte nur das Beste für sie. Wenn sie hier nicht glücklich wird, dann soll sie es in der Sonnenwelt versuchen.“

„Das kann ich unmöglich zulassen. Wir brauchen sie hier. Denke daran, dass die Pleberosso kurz davor waren, auszusterben. Endlich ist der Fortbestand gesichert und du willst sie gehen lassen.“

„Sie kann ja regelmäßig zurückkehren, um Steine zu bergen.“

„So einfach geht das nicht, Tomasio, wir brauchen ihre Kinder.“

„Aber wenn sie hier keinen Mann nehmen will, dann wird sie nie welche bekommen. Wir haben keine andere Wahl, als sie gehen zu lassen. Sie selbst soll dann entscheiden, wo und mit wem sie leben will.“

„Ich weiß nicht, ob ich das durchsetzen kann.“

„Doch, Alex, das kannst du, denn immerhin bist du die Vorsitzende des Rats. Du kannst alles.“

4. Sechzehn Jahre zuvor: Eindringling

 Roberta, die Älteste des Rats wusste, dass ihre Tage als Anführerin gezählt waren, als die Farletti aufgebracht zu ihr gekommen war.

Sie war außer Atem und hechelte nach Luft. Was nicht nur daran lag, dass sie gerannt war und in ihrem hohen Alter sicher beschwerlich für sie gewesen sein musste. Sie war aufgebracht und in ihren Augen konnte man Angst erkennen. Wobei sie derart nervös wirkte, dass es eher Panik war, die sie gepackt hatte. Sie war abrupt stehen geblieben und schnappte nach Sauerstoff. Es war ihr unmöglich zu sprechen. Dafür fehlte ihr der Atem.

Roberta war kurz davor, ihre Herkunft und Aufgabe zu vergessen und eine Frage zu stellen. Sie war es leid, ständig mit Problemen konfrontiert zu werden. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Vorgängerin Carmella ähnliches hatte durchmachen müssen. Alles was sie zu tun hatte, war präsent zu sein, einen guten Eindruck zu hinterlassen und sich von Roberta bedienen zu lassen.

Auch wenn Roberta es durchaus angenehm empfand, nun selbst in diesen Genuss zu kommen, so dachte sie in letzter Zeit daran, wie schön ihr Leben war, als sie nichts zu entscheiden gehabt hatte und sich niemand auf ihr Urteil verließ. Sie hatte keine Ahnung, was es bedeuten würde, die Älteste des Rats zu sein. Obwohl auch in Carmellas Amtszeit wichtige Entscheidungen getroffen werden mussten. Immerhin standen die Pleberosso vor dem Untergang.

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