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Angebrannt, abgebrüht und abgelöscht: ein Kochkurs

Sissi Kaipurgay, Kooky Rooster

Angebrannt, abgebrüht und abgelöscht: ein Kochkurs





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

Wir haben es getan, Kooky Rooster und ich. Nein, nicht das, wir haben zusammen geschrieben, ganz harmlos. Abwechselnd durften wir für unsere Protagonisten sprechen und haben sie in Situationen getrieben, die es dem jeweils anderen schwer machen sollten, dort wieder herauszukommen.

Raymond, der scheue, und Stephano, der leicht dösige Kerl haben uns viel Spaß gemacht. Mir war es ein echtes Vergnügen. Danke, Kooky.

LG

Sissi

Irgendwo in Hamburg...

Das Schulgebäude erinnert mich an meine Kindheit. Ich laufe durch die schlecht ausgeleuchteten Gänge und finde endlich ein Schild, das provisorisch aus Pappe gefertigt an einer Wand hängt: ‚Zum Kochkuhrs‘, steht da. Okay, ein Glück, das ich hier keinen Schreibkurs belegt habe, sonst hätte ich jetzt Bedenken. Die habe ich auch so, aber das will ich mir nicht eingestehen.

Ich laufe vorbei an ramponierten Türen und bemalten Wänden. Der Frust der Schüler ist spürbar und überträgt sich auf mich. Mein Körper kribbelt, und ich denke die ganze Zeit an Umkehr und den Fernseher, der mir ein ach so spannendes Unterhaltungsprogramm liefern könnte, wenn ich nicht …

 

Ja, genau. Ich, Raymond Vierschrot, habe mich zu einem Kochkurs angemeldet. Siebenmal werde ich hier, in diesem so wenig einladenden Gebäude, lernen wie man kocht. Gut, ich kann Bratkartoffeln mit Spiegelei, und Nudeln mit roter Soße zaubere ich auch. Doch ich will mehr … ich will ECHTES Essen, wie ich es von Mutti kenne, die leider schon lange tot ist. Unwillkürlich entweicht mir ein sehnsüchtiger Seufzer, als ich an sie denke. Meine Mutter war immer gut zu mir und hat mich so akzeptiert, wie ich bin.

Ach ja, ich bin … ich mag Männer. Gut, das klingt jetzt doof, aber es umschreibt die Sache besser, als dieses andere Wort. Ich hasse es, und ich hasse auch meine – Andersartigkeit. Wie gern würde ich einfach … normal sein. Eine Frau finden, mich verlieben und dann – ‚Flusch‘ – Familie, ein Haus, ein Baum, ein Auto. Eben das normale Leben. Doch ich bin anders, und ehrlich? Manchmal hasse ich mich dafür.

 

Der Flur nimmt kein Ende und ich fürchte schon, ich habe mich verlaufen, als ich Stimmen hinter einer Tür höre. Ein weiteres Pappschild verkündet: ‚Kochkuhrs‘. Aha, hier bin ich richtig. Ich stoße die Tür auf, und acht Paar Augen richten sich auf mich. Ich erröte sofort, eine Reaktion, die ich schon immer gehasst habe.

„N’Abend, ich bin der Raymond“, sage ich in die Stille.

Füße scharren. Dann räuspert sich ein Grauhaariger.

„Hallo, Raymond“, sagt er und lächelt selbstsicher, „WIR haben nur auf dich gewartet.“

Blut schießt mir durch die Adern und erreicht meine Wangen, bevor ich es daran hindern kann. Bin ich zu spät? Ich reiße den Arm hoch, gucke auf die spießige Uhr, glotze die Zeiger an. Ich sollte mir eine Digitaluhr anschaffen. Im Moment bin ich mit dem Ziffernblatt überfordert.  Auf meiner altmodischen Uhr steht der große Zeiger kurz hinter der Zwölf, der Kleine auf der Acht. Mist.

„Entschuldigung“, murmele ich und senke die Wimpern.

„Na ja, jetzt bist du ja da“, sagt der Grauhaarige begütigend, „Dann wollen wir mal anfangen. Als erstes bilden wir Zweiergruppen.“

Oh ja. Das habe ich noch nie verstanden. Sind zwei Leute – eine Gruppe? Eine – Verschwörung? Ich meine … beginnt eine Gruppe nicht erst ab … drei Personen? Werden jetzt schon Paare auf der Straße von der Polizei gebeten, die Gruppe aufzulösen, weil eine Verschwörung befürchtet wird? Wow, das will ich sehen! Ich grinse.

„Raymond?“, bohrt sich eine tiefe Stimme in meine Gedanken.

Ich schrecke hoch und rufe automatisch. „Hier.“

„Hm, sah nicht so aus“, sagt Grauhaar und reibt sich über die beginnende Platte, „Also: du tust dich mit Stephano zusammen, dann können wir loslegen.“

Stephano? Ich gucke in die Runde und entdecke einen Kerl, der etwas verloren herumsteht, während sich die anderen Paare schon eifrig tuschelnd zu ihren Plätzen begeben. Dieser – Stephano – scheint genauso unglücklich wie ich, keine Frau als Kochpartnerin ergattert zu haben. Ich schlucke und gucke zum Grauhaarigen, aber der lächelt und nickt zu dem letzten freien Platz. Okay, dann also…

 

„Entschuldige“, flüstere ich, als ich mit diesem Stephano zu unserem Platz trotte.

Er schweigt und mustert mich kurz, dann grinst er.

„Hätte schlimmer kommen können“, raunt er.

„Ach?“ Ich gucke kurz zu ihm rüber.

„Ja, sieh dir nur die anderen Paare an“, raunt Stephano.

Ich mustere die anderen Teilnehmer und gebe ihm insgeheim Recht. Weder Maria, noch Ludmilla oder Elfriede möchte ich an meiner Seite, wenn es gilt zu lernen, wie man Zwiebeln schneidet ohne zu heulen. Allerdings … Stephano möchte ich dann auch nicht neben mir wissen, denn der Typ – ehrlich gesagt? – er sieht klasse aus. Genau so, wie ich mir einen Klassetypen immer vorgestellt habe. Blaue Augen, blondes Haar, das gekonnt strubbelig von seinem Kopf absteht, und ein Körper, den ich unbesehen mit Schlagsahne einsprühen, mit Schokosoße verzieren und dann hemmungslos vernaschen würde. Die Sahne und das Schokozeug, für den Rest bin ich zu … feige?

„He, wo bist du?“, flüstert der Gegenstand meiner lüsternen Naschträume.

„Hier“, murmele ich abwesend, während ich versonnen eine Karotte streichle.

„Liebe Teilnehmer, wir kochen heute eine … Minestrone“, verkündet der Grauhaarige, der Heinrich heißt, wie ich inzwischen auf der Schultafel gelesen habe. Dabei klingt seine Stimme so salbungsvoll, als würde er uns heute das geheime Rezept für einen guten Haschkuchen verraten.

„Was ist das?“, frage ich leise meinen Nachbarn.

„Gemüsesuppe“, kommt lapidar zurück.

„Aaaalso“, dröhnt Heinrich, „Wascht das Gemüse und dann müsst ihr es gaaanz klein schneiden. Schafft ihr das?“

Der Kerl scheint die Vokaldehnung erfunden zu haben. Meine Ohren brennen angesichts dieser Vergewaltigung der deutschen Sprache, aber alle lachen, deshalb verziehe auch ich die Mundwinkel und mache ein trockenes ‚ha-ha‘, womit ich mich ja wohl ausreichend an der allgemeinen Erheiterung beteiligt habe.

„Idiot“, raunt Stephano und hat damit meine ganze Sympathie. „Ich wasche, du schneidest“, setzt er hinzu.

Na toll. Ich binde mir die lächerliche Schürze um und greife nach dem Messer, lege eine Zwiebel auf das Schneidbrett und beginne, umständlich die äußere Pelle zu entfernen. Dabei fällt mein Blick auf die Zucchini, die Stephano gerade in der Spüle wäscht. Mein Mund wird ganz trocken und weiter unten bewegt sich was. Ungläubig bleiben meine Augen an dem grünen Gemüse hängen, dem Stephano gerade fachmännisch einen runterholt. Wow! Mein Schwanz schwillt, Schweißtropfen treten aus meinen Poren und … die Zwiebel kullert vom Brett und landet mit einem zarten ‚pong‘ auf dem Boden.

„Sorry“, murmele ich, bücke mich und werfe dabei einen interessierten Blick auf Stephanos Körpermitte, doch da ist alles flach.

Nun, nicht flach im Sinne von ganz flach, sondern einfach nur … nicht erigiert. Warum auch? Der Typ ist sicher hier, um für seine Freundin kochen zu lerne. Ich komme hoch und häute endlich die widerspenstige Zwiebel, wobei ich immer wieder rüber zum Waschbecken glotze. Mein Nachbar wäscht die Paprika, die Tomaten und schließlich die … Salatgurke. Oh nein, bitte nicht die.

Meine Augen huschen zurück zur Zwiebel, deren Saft mir giftig in der Netzhaut brennt. Erste Tränen rinnen und ich kann ein Schniefen nicht unterdrücken. Ob Stephano …? Ich gucke rüber und – nein, DAS macht er doch extra, oder? Grinsend reibt er an der Gurke auf und ab. Meine Phantasie nickt, macht den Vorhang auf und da ist es, das Bild, das vor meinem inneren Auge entsteht: es ist mein Schwanz, den mein geiler Nachbar gerade reibt … aber nicht unter fließendem Wasser, es ist … mhmm … schummrig und eine weiche Matratze ist unter mir. Jetzt beugt er den Kopf und lächelt mich an …

„Raymond? Du bist ganz blass?“, höre ich ihn säuseln.

„Ja-ha“, stöhne ich und gucke in die tiefen Seen seiner Augen, die im Sommerlicht glänzen und mich locken, hineinzuspringen.

Ich will mein Seepferdchen nachholen, in ihnen plantschen und dann ganz weit hinausschwimmen, bis ich nicht mehr kann und mich den Tiefen ergebe, in ihnen versinke, ertrinke und nie wieder …

„He, jetzt machst du mir echt Angst“, sagt Stephano und ich lass das mit dem Ertrinken lieber sein.

Schnell komme ich zurück ins hier und jetzt. Kochkurs. Minestrone. Ein Heterokerl neben mir. Alles klar.

„Die Zwiebel“, gebe ich Auskunft.

„Aha“, sagt Stephano trocken und reiht neben meinem Brett das ganze Gemüse auf.

Was soll ich sagen? Irgendwie schaffe ich es, das ganze Zeug kleinzuschneiden, ohne dabei den Verlust eines Körperteils zu erleiden. Sicher, mein Glied ist wohl schon fast abgestorben, als Stephano das Gemüse im Kochtopf nach Heinrichs Anweisungen anschmort. Ich überlege, ob ich beim nächsten Mal in Jogginghose antanzen soll, damit ich weiterhin zeugungsfähig bleibe. Es geht bei dieser Überlegung weniger um Kinder, denn um den Ausstoß von Saatmaterial, der ja auch sehr … schön sein kann.

„Uuuuund nun“, ruft Heinrich, „löscht ihr alles mit Brühe ab.“

Das ist eine Anweisung, die ich so gar nicht verstehe. Ich nähere meinen Mund Stephanos Ohr – einem hinreißenden Ohr, nur mal so erwähnt – und frage: „Wie soll das gehen?“

„Ich glaube, wir sollen nun Wasser oder so hier reinkippen“, erwidert er ratlos.

Ich schaue rasch zu den anderen Teilnehmern, die eifrig diese Klötzchen auswickeln, die auch auf unserem Tresen liegen.

„He, ich glaube, so ein Ding muss da rein“, verkünde ich, weiterhin flüsternd.

Stephano mustert mich kurz, fixiert dann die Würfel und seine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, das jetzt doch – irgendwie verführerisch – zugleich aber spöttisch ausschaut.

„Okaaaay“, imitiert er Heinrich, „Dann machen WIR das mal, nicht wahr?“

 

Am Ende des Abends löffle ich appetitlos eine fade Suppe, an der jegliches Gewürz fehlt. Nun, das Gewürz steht neben mir und hat mich so abgelenkt, dass ich den Kochkurs wohl knicken kann. Einzig meine Wichsvorlagen sind um ein Bild reicher: Stephano, wie er unser Ergebnis langsam mit dem Löffel zwischen seinen Lippen verschwinden lässt. Lippen, die so schön sind, dass ich seufzen muss. Wenn das so weitergeht ende ich als Seufzer-Raymond, der Mann, der im Kochkurs nichts gelernt, sondern etwas verloren hat: sein Herz und den Verstand. Na super. Herzlichen Glückwunsch.

„Bis nächste Woche“, sagt Stephano und schultert seine Tasche.

„Mal sehen“, murmele ich, wobei ich geschäftig in meinen Sachen wühle.

„He, ich will nächste Woche nicht allein hier stehen“, Stephano packt meine Schulter und ich schaue auf.

Seine blauen Augen sind wie …

 

+++++

 

Ich glaub, der Kleine will mich verarschen. Ich hab das noch nie vertragen, wenn mich jemand hängen lässt – und verdammt, wir sind ein Team, und im Team lässt man sich nicht im Stich. Auch wenn das hier nur ein Kochkurs ist und wir zufällig zusammengewürfelt wurden. Aber selbst wenn nicht … also selbst wenn wir nicht in einer Zweiergruppe wären, so würde ich darauf bestehen, dass er nächste Woche wiederkommt. Keine Ahnung warum …

Okay, ich weiß genau warum! Es ist etwa einen Meter vom Erdboden entfernt, und stand während des Kochens wie eine Eins. Vielleicht ist er so ein – wie nennt man die Leute, die sich Gurken in den Arsch schieben oder ihren Schwanz in Hackfleisch stecken? Muss daheim mal danach googeln. Das würde erklären, warum er einen Kochkurs besucht – ein ernstes Interesse am Kochen scheint er ja nicht zu haben und das Gemüse hat ihn arg abgelenkt. Das muss ich im Auge behalten, und deswegen muss der Kerl – wie hieß er nochmal? – Raymond – nächste Woche wieder mit von der Partie sein.

 

Raymond – was für ein Name. Aber passt zu ihm. Verklemmter, kranker Name für einen verklemmten, kranken Typ. Ob er auf Gemüse steht, weil er mit Menschen nicht kann? Ist ein Veggiphiler eigentlich auf ein Geschlecht fixiert? Wäre für mich von Interesse. Nur so.

Auf jeden Fall wühlt der da seit Ewigkeiten in der Tasche herum als suche er darin seine Fassung. Zeitschinden, nennt man das – oder Drückeberger.

Nachdem ich ihm klar gemacht habe, dass ich nächste Woche nicht allein hier stehen werde, schaut er mich mit seinen blauen Augen an wie die Unschuld vom Lande. Aber da kann er mir nichts vormachen. Jetzt guckt er immer noch mit großen Augen, als wäre ich Jesus oder so was, und sagt kein Wort. Das macht mich ganz unruhig, nervös, und ich werde glatt ein bisschen eifersüchtig auf Zucchini und was sonst so alles sein Herz höher schlagen lässt.

„Du kommst!“, nagle ich ihn fest.

Mmh, nageln!

„Okay“, sagt er kleinlaut. Gut. Aus irgendeinem Grund denke ich, ein Kuss könnte ihn überzeugen. Vermutlich liegt das an den vollen, schönen Lippen, die leicht zucken, aber ich lass das besser sein – er wirkt wie einer, der sich von so was verschrecken lässt. Ich setze mein gewinnendes Grinsen auf, drücke kurz aber kräftig seine Schulter (er fühlt sich gut an) und zwinkere ihm zu.

„Gut!“, brumme ich und verlasse das Gebäude.

Dabei achte ich darauf, meinen Disko-Aufriss-Gang aufzusetzen – also Einsatz aller Muskeln, um mich so geschmeidig zu bewegen wie ein Panther. Keine Ahnung, ob es bei ihm wirkt – aber den Kerl krieg ich vom Gemüse weg. Ist ja trostlos, das Zeug.

 

Dabei muss ausgerechnet ich große Reden schwingen. Ich besuche den Kochkurs nur, weil ich Angst davor habe, abends allein in meiner Wohnung zu sein. Weniger die Angst vor Gespenstern oder dergleichen. Mich gruselt vor der Leere, der – Einsamkeit. Nach meiner letzten Beziehung – sie ist schon ein Weilchen her – hatte ich mich auf die Freiheit gefreut. Keiner, der herummeckert, wenn ich am Computer sitze und mir Pornos angucke. Keiner, der mit mir übers Fernsehprogramm streitet oder mir vorschreiben will, wann ich schlafen zu gehen habe, was ich zu essen habe und so weiter.

 

D

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