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Amore siciliano

Inhaltsübersicht

Kapitel 1: Come tutto è cominciato

Kapitel 2: Preparazione

Kapitel 3: Che curiosità!

Kapitel 4: Nell’oliveto

Kapitel 5: Ingenuità

Kapitel 6: Superstizione

Kapitel 7: Investigazione

Kapitel 8: Intenzione

Kapitel 9: Attenzione

Kapitel 10: La cucina d’amore

Kapitel 11: Basta!

Kapitel 12: Considerazione

Kapitel 13: Separazione

Kapitel 14: Confusione

Kapitel 15: Fiducia

Kapitel 16: Fine

Leseprobe: Liebe all’arrabbiata

Kapitel 1: COME TUTTO È COMINCIATO

»Hab ich das nicht großartig hinbekommen?« Malte grinste selbstzufrieden. »Damit hab ich was bei dir gut, oder?«

»Irre, Alex, das ist DIE Chance!«, rief Charly. »Du musst unbedingt zusagen! Auf so eine Gelegenheit hast du doch nur gewartet!«

Maltes Eröffnung war eingeschlagen wie eine Bombe, und genauso verwüstet sah es in meinem leicht angetrunkenen Inneren jetzt auch aus: Dieter würde einen Dokumentarfilm in Italien drehen. Malte war bei diesem Projekt der zweite Redakteur, und er hatte durchgeboxt, dass ich ebenfalls mitkommen durfte. Die Verkündung dieser Nachricht hatte Malte sich extra für Charlys Party aufgehoben.

Charly fand als Erste die Sprache wieder: »Wochenlang Italien, essen, trinken, im Mittelmeer baden! Was würd ich dafür geben, mit dir zu tauschen!«

Ich war total perplex und zündete mir zur Beruhigung erst einmal eine Zigarette an. Während ich den Rauch in Richtung Fenster blies, versuchte ich, diese Neuigkeiten zu verarbeiten: vier Wochen Dreharbeiten in Italien, dazu Sonnenuntergänge am Mittelmeer, in Maltes Armen an den Stränden Siziliens liegen und schon morgens den Duft von Espresso in der Nase haben. Ganz zu schweigen von der Unmenge an Erfahrung, die ich sammeln würde. Das klang fast zu schön, um wahr zu sein. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden!

An einem Dokumentarfilm hatte ich noch nie mitgewirkt. Eigentlich hatte ich noch an gar keinem richtigen Filmprojekt mitgearbeitet, obwohl ich seit zwei Jahren Teamassistentin im Studio Berlin war. Aber dieses Assistentinnendasein hatte bislang nur Aufgaben wie Kaffee kochen, Gesprächsprotokolle tippen und Drehbücher versenden mit sich gebracht. Jetzt würden sich die Dinge ändern, ab heute war ich offiziell anerkannt als – tja, als was eigentlich? Das war noch nicht ganz klar. Fest stand nur, dass Michael, der Bildassistent von Ole, sich beim letzten Dreh verletzt und Malte deshalb vorgeschlagen hatte, einer jungen, dynamischen hochmotivierten Studentin der Medienhochschule eine Chance zu geben – mir, seiner Freundin.

Ich jubelte mit Charly um die Wette, küsste meinen Freund stürmisch und warf mich ihm um den Hals, so dass ich ihn fast zu Boden riss.

»Hey, hey, ganz ruhig, Kleine!«, rief er. »Und pass mit deiner Kippe auf.« Er klopfte sich ärgerlich die Asche vom Ärmel. Ich drückte meine Zigarette aus, trank einen großen Schluck meines Caipis und umarmte, diesmal vorsichtiger, Malte dankbar. Dann zündete ich mir mit vor Aufregung zitternden Fingern die nächste Zigarette an und tanzte durch Charlys Küche, wo sich bekanntlich der harte Kern einer jeden Studentenparty versammelte. Es war bereits nach Mitternacht. Kaum zu fassen, dass Malte mir die Neuigkeit so lange verheimlicht hatte. Er wusste nämlich schon seit Freitagmorgen Bescheid, seit Dieter die geplante Zusammensetzung seines Teams an die Produktionsleitung gegeben und diese die ganze Sache bewilligt hatte.

»Du rauchst zu viel«, rügte Charly mich und wedelte sich den Qualm aus dem Gesicht. »Das ist ungesund und verpestet die Luft!«

»Macht nichts, dafür esse ich kein Fleisch«, gab ich zurück und schüttelte meine kupferfarbenen Locken, die mir als Kind schon den Spitznamen Rote Zora eingebracht hatten. »Durch mich stoßen wenigstens keine Mastrinder tonnenweise Methangas aus!«

»Selber schuld, dir entgeht was.« Charly steckte sich demonstrativ ein Hackbällchen in den Mund und kaute genüsslich.

»Und wie läuft so was ab?«, fragte ein Kumpel von Charly, dessen Namen ich mir einfach nicht merken konnte, obwohl er seit Jahren immer einer der Letzten auf ihren Partys war. »Wie kann man sich solche Dreharbeiten vorstellen? Da fliegt ein Filmteam samt Equipment nach Italien, macht ein paar Aufnahmen von Olivenbäumen, und dann kommentiert das ein Sprecher, oder wie?«

»Ein bisschen komplizierter ist es schon«, antwortete Malte. »Für so eine Doku muss man mit möglichst wenig Leuten und Ausstattung auskommen, weil das Budget sehr beschränkt ist. Die vier Wochen, die uns für die Aufnahmen und Interviews zur Verfügung stehen, sind sogar schon ein recht langer Zeitraum. Dennoch muss vorab sehr viel Recherche betrieben werden, und hinterher werden wir zurück in Berlin sicher noch etliche Stunden Arbeit beim Cutten zubringen.«

Ich strahlte selig und konnte mir nicht vorstellen, dass das Grinsen in den nächsten Tagen von meinem Gesicht verschwinden würde. Es klang einfach perfekt. Ein ganzer Monat Italien! Das Thema der Dokumentationsreihe, für die wir einen Sechzigminüter drehen sollten, war »Biologische Landwirtschaft in Europa«, und bei Italien hatte man sich wegen der vielen sizilianischen Höfe, die Agriturismo anboten, für die Insel vor der Stiefelspitze entschieden. Darüber hatte ich in letzter Zeit einiges gelesen, weil es immer mehr Wanderer und junge Familien gab, die ihren Urlaub auf diese ländliche und authentische Weise abseits der Ferienhochburgen verbrachten. Hier bekamen sie nicht nur Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, sondern einen Einblick in landestypische Ernährung und nachhaltige Landwirtschaft. Denn viele der Agriturismi waren gleichzeitig Biobauernhöfe, wobei Sizilien sozusagen eine Hochburg der Kombination aus Bio- und Gasthof war. Den Trend, der Globalisierung zum Trotz auf regionale Kost und umweltverträgliche Anbauweisen zu setzen, gab es in Italien schon lange, wenn auch mehr aus praktischen und traditionellen Gründen als aus ideologischen.

Das war genau das Richtige für Malte und mich. Umweltverträgliche Ernährung lag uns beiden am Herzen. Wir waren keine Ökos der Sorte, die sich nur von Früchten ernährten, die freiwillig vom Baum fielen, aber wir waren ausgesprochen umweltbewusst, liebten die Natur und hinterfragten die Herkunft unserer Lebensmittel. Deshalb waren wir auch überzeugte Vegetarier und kauften unser Gemüse gern auf dem Biomarkt. Und nun würden wir uns beide für dieses Thema starkmachen können, wir würden einen Film darüber drehen, der im Fernsehen laufen würde!

»Es gibt einen Haken«, versuchte Malte, meine Begeisterung zu drosseln. »Studio Berlin kann dir nur Unterkunft und Verpflegung stellen, für ein Gehalt reicht das Budget nicht. Es ist sozusagen ›unbezahlter Urlaub‹, aber arbeiten musst du dort trotzdem, und das locker zehn, zwölf Stunden täglich.«

»Ist doch kein Problem.« Charly war zuversichtlich. »Wenn du deinen Eltern von dieser unglaublichen Chance erzählst, werden sie dich bestimmt unterstützen. Immerhin zahlen sie dir auch hier die Wohnung, und für die machen doch die paar Kröten Taschengeld im Monat echt keinen Unterschied.«

»Studio Berlin wird für das Filmteam höchstwahrscheinlich mehrere Zimmer auf einem der Höfe anmieten, über die wir berichten wollen«, warf Malte ein. »Wir werden auch auf etlichen anderen Höfen drehen, von Messina bis Palermo. Und verhungern werden wir da sicher nicht.«

»Kost und Logis frei, das heißt, du brauchst nur die Kohle für die Freizeit«, resümierte Charly. »Super, ich wünschte, ich könnte mitkommen!«

»Ein bisschen mehr Geld wird sie schon brauchen«, widersprach Malte. »Aber wenn deine Eltern das übernehmen, umso besser.«

Ich war mir nicht so sicher, was die Freigebigkeit meiner Eltern anging, aber das war mir im Moment auch egal. Irgendwie würde ich schon über die Runden kommen. Um nichts in der Welt würde ich mir so eine Chance entgehen lassen. Das war etwas ganz anderes, als im Büro von Studio Berlin Verwaltungsarbeit zu erledigen und hin und wieder am Set zuzugucken, Kaffee für Crew und Darsteller zu reichen oder Drehbuchmanuskripte zu kopieren. Diesmal würde ich von morgens bis abends live mit dabei sein und würde dem Regisseur wie auch dem Kameramann assistieren. Dadurch bekam ich endlich Gelegenheit, praktische Erfahrung in der Kamera- und Regiearbeit zu sammeln. Vielleicht durfte ich sogar selbst ein paar Szenen drehen.

Vieles sprach dafür: Ole, der Kameramann, war unheimlich nett und hilfsbereit, er hatte mich schon manches Mal nach Feierabend ein paar Probeaufnahmen machen lassen. Dieter selbst war ein gestandener Fernsehregisseur, ein ziemlicher Haudegen, dem man in seinem Geschäft nichts mehr vormachen konnte. Er würde mir bestimmt alle Möglichkeit geben, ordentlich mitzuarbeiten, denn er schätzte Lernbereitschaft. Bei Malte als seinem Redakteur saß ich ja praktisch direkt an der Quelle. Und außerdem: Was konnte es Schöneres geben, als mit meinem Freund ein paar Wochen in Italien zu verbringen und dabei auch noch spannende berufliche Erfahrungen zu machen?

Ich war erst ein Mal in Italien gewesen, mit der gesamten Familie, am Gardasee. Damals war ich dreizehn und unsterblich in Lorenzo, den Surflehrer, verliebt. Meine Eltern hatten für die Familienurlaube immer Orte gewählt, an denen wir Kinder eine Sportart lernen und Luna und ich uns unsterblich verlieben konnten: Beim Skifahren in St. Moritz war es unser Skilehrer Bodo, das Wildwasserrafting in Norwegen lernten wir von unserem Skipper Lasse. Dann waren wir noch Bergwandern in der französischen Schweiz (Hüttenwirt Pierre), Rudern auf der Themse (Bootsverleiher Leicester) und Tauchen in der Karibik (Tauchlehrer Emilio). Auf diese Weise waren aus uns allen einigermaßen sportliche und seelisch ausgeglichene Teenager geworden, die trotz Pommes & Co. schlank und fit waren – und jederzeit bereit, sich zu verlieben. Während mein Bruder mittlerweile Bogenschießen, Golf und Rugby praktizierte und dank seines blendenden Aussehens an jeder Hand zehn Mädchen haben konnte, spielte meine kleine Schwester Luna leidenschaftlich gern Tennis und war mit ihrem Tennislehrer Holger zusammen. Fern allen elterlichen Zwängen hatte sich meine eigene Sportlichkeit nach meinem Auszug jedoch auf die tägliche Fahrradfahrt zur Filmhochschule und einmal die Woche Schwimmen reduziert (und das, ganz ohne mich in den Bademeister zu verlieben). Die Liebe hatte mich dafür am Arbeitsplatz wie ein Blitz getroffen. Und die Vorstellung, schon bald mit Malte im Mittelmeer baden und zu den Äolischen Inseln oder zur italienischen Stiefelspitze hinüberschauen zu können, war einfach wunderbar.

Italien war in meinen Augen das perfekte Urlaubsland: Die Sprache war romantisch, das Essen aromatisch, der Wein köstlich, und den Großteil des Jahres hatte man herrliches Sonnenwetter – ein Paradies eben. Und wir würden mit dem Dokumentarfilm einen Beitrag dazu leisten, dass dies auch als solches präsentiert wurde.

Ich nahm mir vor, sofort am Montag in der Stadtbibliothek im Prenzlauer Berg einen Reiseführer über Sizilien auszuleihen, um mir die Gegend, in die es gehen würde, genauestens anzuschauen.

»In Italien kann man gar nicht genug Grappa und Prosecco trinken«, behauptete Charly. »Ich hab hier einen Grappa, damit stoßen wir jetzt auf eure Reise an!« Sie holte kleine bauchige Stielgläser aus einer Vitrine und goss den verbliebenen sieben Gästen ihrer Geburtstagsfeier einen Schluck ein.

»Das ist aber kein Grappa, sondern irgendein Traubenmostschnaps aus Portugal«, meinte Malte mit Blick auf das Etikett, und Charly verdrehte die Augen.

»Oller Pedant«, beschwerte sie sich. »Ist doch fast dasselbe!«

»Schön friedlich bleiben«, bat ich.

»Sind wir doch«, antwortete Charly. »Wir stoßen jetzt ganz friedlich auf deine Karriere an.«

»Prost!«

»Salute!«

»Cincin!«

Ich hatte noch nie Grappa getrunken. Der Schnaps, den irgendein Kommilitone Charly als Geschenk mitgebracht hatte, brannte mir in der Kehle. Mir lief ein seltsames Kribbeln durch den Körper, als ich daran nippte. Malte trank das Glas in einem Zug leer.

»Ah, gar nicht schlecht, das Gebräu«, seufzte er, und Charly schenkte ihm großzügig nach.

»Ich muss euch da unbedingt besuchen kommen, vielleicht fällt eurem Dieter dann ein, dass er noch eine Darstellerin gebrauchen könnte«, wog Charly ihre Chancen, auch noch zum Zuge zu kommen, ab.

»Ich glaube, das wird nichts«, bremste Malte sie sofort aus. »Das wird eine reine Dokumentation, die Hauptrolle werden die Familien spielen, auf deren Höfen wir drehen. Es ist eine Low-Budget-Produktion, da können wir keine bezahlten Schauspieler reinnehmen. Und schon gar keine unerfahrenen Schauspielschüler.«

So schnell gab Charly aber nicht auf: »Irgendwer muss doch die Sprechrolle übernehmen, auf die Tiere und Pflanzen deuten und die Beiträge anmoderieren, vielleicht Interviews führen.«

Malte schüttelte wieder den Kopf. »Da sehe ich keine Möglichkeit«, sagte er. »Die Stimme des Kommentators wird erst anschließend aufgenommen, wenn der Film im Studio zusammengeschnitten wird, und die Interviews werden Dieter oder ich machen. Ich wüsste nicht, wo wir da noch jemanden unterbringen sollten. Du siehst ja, selbst Lexi muss auf Bezahlung verzichten, wenn sie mitkommen will.«

Er streichelte mir zum Trost über den Kopf und ging dann auf den Balkon hinaus, um sich ein neues Bier zu holen.

»Der hat eben keine Phantasie«, raunte Charly mir zu. »Mir wird schon was einfallen, wie ich zu meinem ersten Fernsehauftritt komme.«

Sie war ein harter Brocken, meine Freundin.

»Ist doch egal, du kannst uns doch auch besuchen kommen, ohne mit dem Film zu tun zu haben«, tröstete ich sie. »Die Flüge kosten doch heutzutage nichts mehr, und im Gegensatz zu meinen Eltern sind deine ja recht freigebig, wenn es um Taschengeld geht. Ich würde mich jedenfalls freuen, dann können wir abends nach Drehschluss schön gemütlich bei einem Wein zusammensitzen und quatschen.«

»Student müsste man sein«, meinte Robert, ein ehemaliger Klassenkamerad von uns, der in einem Versicherungsbüro arbeitete, in dem er sich acht Stunden am Tag langweilte. »Von so viel Freizeit kann unsereins nur träumen.«

»Wer hat hier Freizeit?«, protestierte ich. »Wenn ich nicht in der Schule bin, arbeite ich bei Studio Berlin, und einmal die Woche kellnere ich noch im Highway.«

Das »Highway to Hell« war das kleine Lokal am Ende meiner Straße, in dem ich jeden Sonntagabend hinterm Tresen stand, um mein kärgliches Einkommen aufzubessern. Mein Studium verlangte wegen der vielen studiengangsübergreifenden Projekte ein hohes Maß an Flexibilität, genau wie es die Arbeit beim Film später täte, und somit war der Kneipenjob neben der Arbeit für Studio Berlin meine einzige Chance auf etwas Extracash.

Bis ich meinen Abschluss im Bereich Regie endlich in den Händen hielte, würde noch einige Zeit verstreichen, denn durch die viele Arbeit neben dem Studium hatte ich schon so manche Vorlesung nur unregelmäßig besuchen können. Aber durch meinen Einsatz in Italien würde ich sicher einen gewaltigen Karrieresprung machen, davon war ich überzeugt.

 

Weniger überzeugt war ich davon, dass meine Eltern meine Pläne großzügig unterstützen würden – dafür war ich zu weit vom Bild der Lieblingstochter entfernt. Dennoch beschloss ich, am Sonntag zu versuchen, ihnen für mein Italienabenteuer wenigstens ein paar Euro aus der Tasche zu leiern.

Doch ich biss auf Granit.

»Ach, Lexilein«, seufzte meine Mutter. »Muss das denn immer sein? Du wirfst ja wieder alle Pläne über den Haufen.«

»Das kommt gar nicht in Frage, dass du mitten im Semester mal eben zu deinem Vergnügen eine Auslandsreise machst, hörst du«, schimpfte mein Vater.

»Was heißt denn hier ›zu meinem Vergnügen‹? Es geht doch hier um Arbeit. Seht ihr denn nicht, was das für eine unglaubliche berufliche Chance für mich ist?«

»Wir sehen nur, dass du nach deiner Lehre nun auch noch dein Studium hinschmeißen willst, um irgendwelchen Hirngespinsten nachzurennen.«

Mutter seufzte erneut und blickte mich mitleidig an.

»Kein Mensch hat gesagt, dass ich das Studium hinschmeißen will!« Ich war empört. »Also ehrlich, habt ihr denn überhaupt kein Vertrauen zu mir? Ich werde lediglich den Beginn des Sommersemesters verpassen, da passiert ohnehin nicht viel, und ich kann den Stoff locker nachholen! Und wenn es doch länger dauert mit dem Dreh, kann ich immer noch ein Urlaubssemester beantragen.«

»Das hat schon so mancher Student gesagt, dass er bloß ein Semester pausiert, und dann doch nie wieder zurückgefunden, und heute siehst du ihn am Steuer eines Taxis oder nachts in einer Bar als Kellner«, sagte meine Mutter.

»Da ist sie ja schon gelandet«, setzte Papa noch einen drauf.

»Von irgendwas muss ich ja schließlich leben, wenn ihr so knausert«, verteidigte ich meinen Zweitjob. »Außerdem ist schon einmal jemand vom Taxifahrer zum Minister geworden. Ihr seid einfach zu arrogant, um einen Lebensweg zu akzeptieren, der nicht euren Vorstellungen entspricht.«

Mit so einer Spitze verbesserte ich die Erfolgschancen dieser Unterhaltung nicht gerade, aber das war mir mittlerweile egal.

»Jedenfalls brauchst du von uns keine Unterstützung zu erwarten«, bestätigte mein Vater wie zum Beweis. »Wenn du meinst, die Semesterferien statt mit Lernen mit einem Liebesurlaub vergeuden zu müssen, dann musst du eben selbst sehen, wie du das finanzierst«, beendete er das Gespräch.

Toll, das war ja zu erwarten gewesen.

Vielleicht hätte ich ihnen verschweigen sollen, dass Malte auch nach Italien fuhr. Sie hatten ihn zwar erst zweimal getroffen, mochten ihn aber nicht sonderlich. Dennoch war es kaum zu fassen, dass meine Eltern nicht begriffen, welch einmalige Gelegenheit sich mir bot. Von dem guten Zweck einmal ganz abgesehen, den ein solcher Dokumentarfilm über Biolandwirtschaft erfüllte. Aber für Ökologie hatte man in diesem Haus ja noch nie einen Sinn gehabt.

Ich sah die beiden trotzig an: Mein Vater stand kopfschüttelnd in seinem dunklen Lodenmantel an den Türrahmen gelehnt, meine Mutter saß besorgt dreinblickend im Sessel in der Diele, in ihrer Lamafelljacke, die Pelzmütze auf dem Kopf. Sie waren gerade auf dem Sprung zu einer Matinee, ich hatte sie nur zwischen Tür und Angel erwischt.

Zugegeben, ein denkbar schlechter Zeitpunkt. Andererseits hatte ich von den beiden ohnehin nichts anderes erwartet. Sie schwammen im Geld, aber während sie meinem Bruder Florian und dem Nesthäkchen Luna ihre Wünsche von den Augen ablasen, ließen sie mich, das schwarze Schaf der Familie, versauern. Als Kind hatte ich mir manchmal vorgestellt, wie es wäre, wenn meine Eltern mir eines Tages eröffnen würden, dass ich gar nicht ihr leibliches Kind sei, sondern adoptiert. So weit hergeholt schien mir das gar nicht, denn keiner außer mir hatte dieses rote Haar, diese grünen Augen und diese unzähligen Sommersprossen. Außerdem war ich viel kleiner als der Rest meiner Familie: Mein Vater war gute eins neunzig, hatte dunkles, volles Haar und eine recht markante Nase, die mein fast ebenso großer Bruder Flo als untrüglichen Beweis der Familienzugehörigkeit geerbt hatte. Meine Mutter hatte blondes, glattes Haar und blaue Augen, und beides hatte die Natur eins zu eins an Luna weitergegeben, ebenso wie ihre schlanke Figur. Meine Erbanlagen passten nicht einmal zum Postboten. Einzig ein herzförmiges Muttermal am linken Schlüsselbein konnte eine genetische Verbindung zwischen mir und Viola Freifrau von Herzogenaurich nachweisen. Außer meiner inneren Einstellung und der mangelnden äußeren Ähnlichkeit gab es allerdings wenig Beweise für meine Adoptionstheorie, so dass ich es als mein Schicksal betrachtete, unter Kapitalisten aufgewachsen zu sein und erst in den Zwanzigern die wahren Werte im Leben erkannt zu haben. Jetzt war ich zwar materiell gesehen arm, dafür reich an Moral.

Und ich würde trotzdem mit Malte und dem Filmteam nach Italien reisen, das wäre ja gelacht. Notfalls würde ich mir eben dort einen Nebenjob suchen, und wenn es gar nicht anders ginge, würde Malte mich sicher unterstützen. Immerhin war es ja auch in seinem Interesse, dass ich mitkam.

»Ääähem«, räusperte sich mein Vater. »Wir müssen jetzt los«, sagte er. »Du kannst natürlich noch bleiben, wenn du willst, Johanna macht dir sicher einen Kaffee oder was auch immer.«

»Nein danke, ich muss auch wieder los«, lehnte ich ab. »Ich hab ja jetzt einiges zu organisieren.«

Johanna war die Hausdame meiner Eltern. Früher war sie unser Kindermädchen gewesen, aber nachdem meine kleine Schwester Luna mit vierzehn aus dem Alter heraus war, wo sie eine Nanny brauchte, hatten meine Eltern Johanna kurzerhand zu ihrer persönlichen Sklavin gemacht. Immerhin – dank Johanna gab es im Hause Herzogenaurich seit neuestem sogar eine Biomülltonne sowie Recyclingküchenpapier.

Mein Vater hielt mir die Tür auf. Ich lief die zehn Treppenstufen hinab in den Vorhof der barocken Villa, in der ich bis zu meinem Auszug mein unverantwortliches Öko-Sünder-Leben geführt hatte, und stieg auf mein Fahrrad, das mich zurück in mein verantwortungsvolles, ökologisch bewusstes Einzimmerküchebad-Appartement brachte.

Dort angekommen, begann ich, meine obligatorische To-do-Liste zu verfassen.

Listen waren mein heimlicher Fetisch. Sie halfen mir, einen klaren Kopf zu bewahren, egal ob es um die Organisation eines Sets ging, um den wöchentlichen Großeinkauf oder die Planung meiner gesamten Zukunft: Für alles gab es eine Excel-Datei auf meinem Laptop.

Die Liste für Italien war verhältnismäßig kurz:

 

  1. Rausfinden, was man braucht, um ein Urlaubssemester zu beantragen. – Es war nicht unwahrscheinlich, dass ich das machen müsste, denn die Dreharbeiten oder die Postproduction konnten sich durchaus verzögern und bis weit ins Semester hineinreichen. Im Filmgeschäft wurden Zeitpläne fast nie eingehalten. Und aufgrund der vielen Außenaufnahmen war der Verlauf der Dreharbeiten extrem vom Wetter abhängig. Daher wollte ich für alle Fälle gewappnet sein.

  2. Kneipenjob kündigen oder zumindest auf Eis

    legen.

  3. Einen neuen Bikini zulegen – denn, hallo!, der

    Dreh begann zwar schon Mitte März, aber immerhin ging es nach Italien.

  4. Meine theoretischen Kenntnisse aus dem Studium auffrischen und mich inhaltlich so vorbereiten, dass ich für alle praktischen Tücken gewappnet war. – Ich wollte Dieter davon überzeugen, dass er mich Aufgaben selbständig erledigen lassen konnte, und ihn dazu bringen, mich so viel wie möglich an der Produktion mitarbeiten zu lassen.

  5. Jemanden für meine Wohnung organisieren, der sich um Post und Pflanzen kümmern würde, gegebenenfalls sogar über einen Untermieter nachdenken, um Geld für die Miete zu bekommen.

     

Ich würde meine Chance nutzen und mit dieser Reise endlich beruflich vorankommen. Wenn ich mich bewährte, war das eine ausgezeichnete Referenz, was mir vielleicht sogar für die Zeit nach dem Studium einen ersten Vollzeitvertrag einbringen würde. Meinen Eltern würde ich schon zeigen, was in dem schwarzen Schaf Alexandra steckte. Wenn ihre versnobten Freunde erst einmal im Fernsehen im Abspann meinen Namen lasen, würden sie schon sehen, dass dieser Job kein Hirngespinst war!

Kapitel 2: PREPARAZIONE

»Nanu, was soll das denn sein?«

Staunend blieb ich vor einem Gerät stehen, das laut Beschilderung »Genmanipulator« hieß und aussah wie eine riesige Zentrifuge. Hier wurde bedrohlich, wenn auch nicht sehr realistisch, die Herstellung genveränderter Pflanzensamen dargestellt. Unter dem Namen des Phantasiegerätes stand in leuchtend roten Buchstaben: »Wir wissen nicht, was sie tun.«

Direkt daneben zeigte eine Schautafel die möglichen Auswirkungen, die die Gentechnik auf Tiere, die sich von solchem Gemüse ernährten, und Menschen, die sich wiederum von diesen Tieren ernährten, haben könnte. Zur Abschreckung versteht sich.

»Hier siehst du genau, wie gefährlich das ist, was die in Frankreich mit dem Mais anstellen«, sagte Malte. »Keiner kann kontrollieren, was da wirklich passiert.«

»Es ist noch lange nicht erforscht, welche Auswirkungen diese Genveränderungen auf uns und unsere Umwelt haben«, nickte die Frau hinter dem Stand zustimmend und erläuterte Malte und mir detailliert, mit welchen Verschleierungskampagnen die Hersteller die Verbraucher über die Gefahren der Gentechnik im Unklaren ließen. »Es gibt zahlreiche unerwartete und schlicht nicht erklärbare Eigenschaften bei genveränderten Organismen, und es ist überhaupt nicht geklärt, wie sich deren Verzehr langfristig auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Ich bin übrigens die Klara«, stellte sie sich vor.

»Hallo Klara, ich bin Malte, und das« – er deutete auf mich – »ist Lexi.«

»Alex«, korrigierte ich und schüttelte Klara die Hand.

Ich mochte es nicht, wenn Malte mich Lexi nannte, wie es meine Eltern taten. Das war in meinen Augen ein Name für ein kleines Kind oder eine Figur aus Hallo Spencer, aber doch nicht für eine erwachsene Frau.

»Ich hab mal gehört, dass in Frankreich genverändertes Futter bei Ratten ausprobiert wurde und die Tiere alle krank geworden sind«, sagte ich zu Klara.

»Ja, von solchen Experimenten hört man immer wieder! Aber auch die Artenvielfalt ist durch solche Eingriffe in die Ökosysteme gefährdet«, erklärte sie. »Und ob es überhaupt Produktionsvorteile durch die Resistenzen der Pflanzen gibt, ist längst nicht erwiesen.«

Sie versicherte uns, dass es auf das Konsumverhalten des Einzelnen ankomme, wenn wir erfolgreich Produkte aus genveränderten Organismen vom Markt verbannen wollten, und wir kamen gemeinsam zu der Überzeugung, dass wir dringend etwas gegen die Unwissenheit vieler Bürger unternehmen müssten. Klara lud uns direkt zur nächsten Anti-Gentechnik-Demo ein, die anlässlich der in diesen Tagen angesetzten EU-Landwirtschaftsminister-Konferenz am Brandenburger Tor veranstaltet wurde.

Wir versprachen, zu kommen, nahmen jeder einen auf Recyclingpapier gedruckten Flyer mit einem weinenden Maiskolben darauf mit und schlenderten Hand in Hand weiter zum nächsten Messestand.

Ich war zum ersten Mal auf der Grünen Woche. Und das, obwohl ich in Berlin lebte, wo diese große Bio- und Umweltmesse schon seit über achtzig Jahren stattfand. Aber bis vor kurzem hatte ich zu meiner Schande ein eher wenig umweltbewusstes Leben geführt. Dafür gab ich allein meinen schwerreichen Eltern die Schuld. Für sie waren andere Dinge wichtig, vor allem ihr Vermögen. Ihnen gehörten neben der Familienvilla auch drei Mietshäuser sowie eine Einkaufsladenzeile, was quasi halb Teltow entsprach. Und genauso verhielten sie sich auch.

Ich hatte eine Weile gebraucht, um zu realisieren, dass ich ganz anders leben wollte, nicht im Stile von Heinrich Freiherr und Viola Freifrau von Herzogenaurich und ihren verwöhnten Sprösslingen. Aber kurz vor meinem 21. Geburtstag war ich schließlich so weit gewesen und zu Hause ausgezogen, kurz nachdem ich die Ausbildung zur Biolaborantin abgebrochen hatte. Gegen den Willen der hohen Herrschaften hatte ich dann ein Jahr später mit meinem Studium an der Filmhochschule begonnen, und sosehr meine Eltern zuvor gegen die Ausbildung im Labor waren – immerhin hatten sie ihre älteste Tochter mit einem Abitur von 1,7 längst als Promovendin der Humboldt-Universität gesehen –, so sehr waren sie dann dagegen gewesen, dass ich die Ausbildung nicht zu Ende bringen und stattdessen den eher brotlos klingenden Studiengang Regie wählen wollte. Aber ich hatte keinen Sinn darin gesehen, weiterhin mein Leben im Labor vorm Mikroskop oder Reagenzglas zu fristen, nachdem ich endlich erkannt hatte, was ich wirklich machen wollte – Filme. Ich wollte große, wichtige Geschichten erzählen, und vor allem sollten meine Filme auch ein bisschen die Welt verändern.

Und deshalb hatte ich dem Labor Lebewohl gesagt und es nach einem langen, mühevollen Bewerbungsverfahren geschafft, mich an der Hochschule für Film und Fernsehen einzuschreiben, wo ich nun seit gut drei Jahren die Grundsätze von Kameraführung, Schnitt und Produktion und im Hauptfach Regie studierte. Nebenbei jobbte ich wie gesagt für die Filmproduktionsfirma Studio Berlin, und ohne diesen Job hätte ich Malte niemals kennengelernt. Nicht auszudenken! Dann wäre ich wahrscheinlich immer noch ein Fleisch essendes, Müll produzierendes Geschöpf, genau wie meine jüngeren Geschwister, und würde die Umwelt mit Füßen treten.

»Lexi?«

»Hm, was?«

»Ich hab gefragt, ob wir was essen wollen.« Malte grinste. »Du hast wohl gerade geträumt. Also, was ist, hast du auch Hunger?«

»Auf jeden Fall! Ich könnte ein Pferd verdrücken«, antwortete ich, und fügte sicherheitshalber hinzu: »Das war natürlich nur bildlich gemeint.«

Ich hatte nicht gefrühstückt, und mein Magen knurrte mächtig, aber deswegen würde ich natürlich nicht wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen und Fleisch essen. Das kam nicht in Frage!

»Ich hab Lust auf ein Wrap, komm, da vorn hab ich einen Stand gesehen.«

Er zog mich zu einer Bude, und wir bestellten zwei vegetarische »Italian Wraps« mit Mozzarella, Basilikum und Tomate. Das war etwas für den hohlen Zahn, richtig satt wurde man davon nicht, aber immerhin, mein Heißhunger war gestillt. Außerdem schmeckte mir Caprese in jeder Lebenslage. Ich bestellte noch einen Cappuccino. Es war erst mein dritter an diesem Vormittag, dennoch bekam ich Ärger.

»Du trinkst zu viel von dem Zeug«, befand mein Freund, der meinem Genussmittelkonsum kritisch gegenüberstand. »Irgendwann kriegst du noch einen Herzklabaster davon. Probier doch zur Abwechslung mal entkoffeinierten.«

»Und du machst dir zu viel Sorgen um mich«, gab ich zurück. »Ich bin jung und vertrage ein paar Tassen Kaffee am Tag.« Zum Beweis seiner These rutschte mir genau in diesem Moment der Kaffeelöffel durch die Finger und klirrte auf den Boden. Die waren aber auch verflixt klein, diese Cappuccinolöffelchen.

»Siehst du, du bist schon ganz hibbelig! Ich sag doch, das ist nicht gut für dich! Und dazu noch deine ewige Raucherei.«

Malte selbst trank ein stilles Mineralwasser. Er ernährte sich wirklich ziemlich gesund, und das fand ich auch beeindruckend. Immer wieder versuchte ich, seinem guten Beispiel zu folgen. In puncto Fleischverzicht gelang mir das ja auch einigermaßen. Aber ich brauchte Kaffee und Zigaretten, und auch Malte hatte mich davon noch nicht abbringen können.

Wir waren seit mittlerweile einem halben Jahr ein Paar. Ich war schon eine ganze Weile bei Studio Berlin, als wir uns zum ersten Mal über den Weg liefen. Ich kämpfte gerade mit dem Kopierer, während er vom gleichen Gerät ein Fax absenden wollte. Leider hatte ich beim Scannen eines handgeschriebenen Drehplans eine Tackernadel übersehen, die nun im Einzug klemmte und im Display des Geräts eine angsteinflößende Fehlermeldung aufblinken ließ. Ich war schon kurz vorm Verzweifeln, doch Malte brauchte nur ein paar Minuten, und meine Befürchtung, das zigtausend Euro teure Gerät von meinem Minigehalt ersetzen zu müssen, erwies sich als unbegründet. Ich war Malte zutiefst dankbar. Dies war der Tag, an dem ich meine erste eigene Haftpflichtversicherung abschloss – sicher war sicher. Und gleichzeitig war es mein Glückstag, denn nach Drehschluss lud Malte mich ein, mit ihm und ein paar Kollegen auf ein Glas Wein in eine Biobar zu gehen. Ich kannte das Lokal noch nicht und war überrascht, auf was man alles achten musste, wenn man Wein ökologisch korrekt produzieren und vertreiben wollte. Die Bar faszinierte mich. Sie war von diesem Tag an eines meiner Lieblingslokale, und da auch Maltes Sachkenntnis mich faszinierte – und ihn meine grünen Augen, wie er mir später gestand –, trafen wir uns dort immer öfter nach Feierabend, führten endlose Gespräche und verliebten uns schließlich. Malte hatte mein Leben von Grund auf verändert, kein Mann zuvor hatte so großen Einfluss auf mich ausgeübt. Das lag vermutlich daran, dass sie alle in meinem Alter gewesen waren. Aber mit Malte an meiner Seite hatte ich begonnen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Er war acht Jahre älter als ich und arbeitete schon eine ganze Weile im Medienbereich. Bei Studio Berlin war er seit drei Jahren Redakteur, bisher jedoch nur bei kleineren Produktionen.

Vor allem war Malte ein sehr bewusst lebender Mensch, der sein Handeln genau reflektierte und den Nutzen oder Schaden für die Umwelt dabei bewertete. Er ernährte sich vegetarisch, sparte Energie, wo es nur ging, und trennte natürlich seinen Müll. Ich hatte mehrfach versucht, auch meine Eltern von den Vorteilen der Mülltrennung und -vermeidung zu überzeugen, mit dem Erfolg, dass Johanna nun das Altpapier aus den Papierkörben des Hauses heraussortieren und in den Pappcontainer beim Supermarkt werfen durfte. Immerhin wurde Glas in meinem Elternhaus sogar nach Farben sortiert, aber auf saisonale Produkte oder gar vegetarische Kost wollte sich in diesem Kaviarhaushalt niemand beschränken.

Malte ließ sich indes sein Obst und Gemüse vom Biohof liefern. Das war zwar teurer, aber dafür, meinte er, könne er ohne schlechtes Gewissen essen. Leider konnte sich nicht jeder dieses gute Gewissen leisten, denn diese Biokisten kosteten eine ordentliche Stange Geld. Für mein Studentenbudget war das nichts.

Im Haus meiner Eltern war es vollkommen unmöglich gewesen, sich von Biokost oder gar vegetarisch zu ernähren. Seit ich allein lebte, hatte ich meinen Fleischkonsum schon aus Kostengründen reduziert. Mit Malte zusammen war ich nun seit ein paar Monaten überwiegend Vegetarierin und fühlte mich damit sehr gut. Nur manchmal überkam es mich, und ich hatte Mühe, meiner Lust auf Bolognese zu widerstehen.

»Weißt du, woher der Name ›Grüne Woche‹ eigentlich kommt?«

»Na, ich nehme mal an, weil hier alles Bio ist«, tippte ich.

Malte grinste. »Ja, das hab ich auch mal gedacht, das wäre aus heutiger Sicht auch logisch«, erklärte er. »Aber tatsächlich hat das einen viel simpleren Grund: Die Grüne Woche heißt nur deshalb so, weil die Messebesucher früher fast ausschließlich aus dem Forst- und Landwirtschaftsbereich stammten und immer grüne Lodenjacken trugen.«

Ich schaute an mir herunter. Mein eigener Mantel war zwar nicht aus Loden, aber ebenfalls grün. Passte perfekt ins Klischee. Und zu meinem roten Haar. Ob ich wohl auch als Försterin durchgehen würde? Jedenfalls war es typisch Malte, dass er den Begriff gegoogelt hatte – er hinterfragte einfach alles, er nahm nichts einfach so als gegeben hin. Ich fand das toll. Meine Eltern zum Beispiel, die fragten nie, woher das Fleisch auf ihren Tellern stammte. Nun gut, immerhin kaufte Johanna seit Jahren nur beim Fleischermeister Brügge von nebenan, und der versicherte, jede Kuh, die bei ihm über den Ladentisch ging, persönlich gekannt zu haben.

Ich genoss den Tag auf der Grünen Woche. Es schien die perfekte Vorbereitung auf die Dreharbeiten: Überall wimmelte es von Biobauern, die ihre köstlichen Produkte präsentierten. Die Halle, in der Bier präsentiert wurde, begeisterte mich besonders. Ich hatte zwar gewusst, dass Deutschland das Land mit den meisten Privatbrauereien war, aber die Menge an Produkten, die es aus Bier gab, überraschte mich: Vom Schnaps bis zur Marmelade war für jeden Geschmack etwas dabei. Wir probierten ein Biobier, das nicht schlecht schmeckte. Es stieg mir aber sofort zu Kopf. Ich hätte Lust gehabt, noch weitere Sorten zu kosten, aber Malte wollte weiter, und so gingen wir weiter in Richtung »Obstanbau« – der eigentliche Grund unseres Messebesuchs, denn zwischen den deutschen, französischen und spanischen Biohöfen, die hier über ihre Anbauart und Geschichte informierten, waren auch Aussteller aus Italien dabei. Am Stand der Familie Vannini aus Sizilien stimmten wir uns bei Oliven und einer Limonade aus sizilianischen Zitronen auf die bevorstehende Reise ein.

 

Wir schlenderten den ganzen Tag über die Messe und probierten uns durch die Stände. Meine Papiertragetasche füllte sich mit unzähligen Flyern über Biohöfe, Schafsmilch und Vollkornprodukte, und mein Magen mit bunten Säften und nicht-genmanipulierten Snacks.

Als ich gegen sieben Uhr abends wieder zurück in meinem bescheidenen Einzimmerküchebad eintraf, blinkte mir mein Anrufbeantworter schon knallrot entgegen. »4 Anrufe in Abwesenheit« behauptete das Display. Ich fühlte mich unheimlich begehrt. Das Gefühl verblasste ein wenig beim Abhören.

Anruf Nummer eins war von Charly, meiner besten Freundin. Sie wollte sich mein Auto leihen, um die Reste ihrer Geburtstagsparty zu entsorgen, Leergut wegzubringen etc. Der zweite war von meinem Telefonanbieter, der mir bei einem Tarifwechsel unzählige Vorteile versprach. Anruf Nummer drei war von meiner Mutter, die mir mitteilen wollte, dass sie am kommenden Sonntag meine Anwesenheit auf dem Klarinettenkonzert, bei dem meine kleine Schwester Luna die zweite Stimme spielte, erwartete – und zwar »in angemessener Kleidung«, also keine Wollpullover, keine Dr. Martens, Haare ordentlich frisiert, das sei ich der Familie schuldig. Anruf Nummer vier war wieder von Charly, die fragte, ob ich ihr nicht beim Aufräumen helfen wolle, dann könnte sie auch gleich ein paar neue Vorräte einkaufen, und anschließend könnten wir etwas trinken gehen.

Da ich den gesamten Tag über schon Appetit auf mehr hatte, rief ich sie umgehend zurück, und eine halbe Stunde später schoben wir zwei randvolle Einkaufswagen zur Supermarktkasse. Nachdem wir den Großeinkauf meiner Freundin in den dritten Stock geschleppt hatten, hatten wir uns ein Glas Wein redlich verdient.

Um mich konsequent auf Italien einzustimmen, beschlossen wir, in eine niedliche Trattoria namens »Alessandras« im Prenzlauer Berg zu gehen. Das Lokal hatte höchstens Platz für zwanzig Gäste, aber gerade das machte seinen Charme aus. Ich kam gern hierher, und wenn es nur auf einen schnellen Espresso zwischen Uni und Arbeit war. Das »Alessandra« war in eine ehemalige Wäscherei gebaut worden, daher war der Raum in der Mitte durch einen ehemaligen Wäschetresen geteilt, der zu einem Büfettisch umgebaut worden war. Die einstigen Waschmaschinenanschlüsse waren mit ein paar alten Dachpfannen und künstlichem Efeu zu einer originellen Wandbeleuchtung umgestaltet worden. Die Inhaberin, die, wie ihr Restaurant schon sagte, die italienische Variante meines Namens trug, war eine waschechte Florentinerin und kochte selbst, was dem Essen eine besondere Note gab. Charly und ich bestellten eine Ribollita, einen toskanischen Gemüseeintopf, und dazu einen passenden kräftigen Rotwein. Im Hintergrund lief romantische italienische Musik. Genau die richtige Atmosphäre, um abzuschalten und den Tag gemütlich ausklingen zu lassen.

»Nur noch drei Wochen, dann kannst du das hier jeden Tag live haben«, bemerkte Charly neidisch.

»Ich weiß«, nickte ich. »Ich kann es noch kaum fassen, so ein Glück! Ein Monat Dolce Vita, mit Malte durch Olivenhaine spazieren, Wein trinken und jederzeit leckeren Espresso. Herrlich!«

Meine Freundin verdrehte leicht die Augen.

»Na ja, dass Malte mitkommt ist natürlich ein Manko. Wie willst du denn einen romantischen Sommerflirt mit einem feurigen Italiener haben, wenn der Streber die ganze Zeit um dich herumscharwenzelt?«

»Na, hör mal!«, empörte ich mich. »Ich liebe Malte und habe überhaupt kein Interesse daran, etwas mit anderen Männern anzufangen. Was würdest du sagen, wenn ich so über deinen Freund reden würde?«

»Glücklicherweise habe ich ja keinen, aber ich wäre dir dankbar gewesen, wenn du mir die letzten drei Male etwas eher gesagt hättest, was für Pfeifen ich da am Haken hatte«, grinste meine Freundin. Sie hatte in letzter Zeit wirklich nicht viel Glück mit Männern gehabt. Die Kommilitonen an der Schauspielschule waren bisweilen ein wenig überspannt, vielleicht auch, weil der Konkurrenzkampf unter den Studenten so groß war.

Alessandra persönlich brachte uns unseren Wein, und wir stießen auf die drei wichtigsten Dinge der nächsten Wochen an: Italien, die Liebe und die Karriere.

Ich hatte mich längst daran gewöhnt, dass Charly Malte nicht sonderlich schätzte und die beiden sich bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen wir uns zu dritt trafen, permanent anzickten. Sie fand ihn zu extrem in seiner ökologischen Einstellung und hielt ihn obendrein, was sie ihn auch spüren ließ, für einen Aufschneider und Langweiler. Dabei war Malte alles andere als langweilig. Er überraschte mich immer wieder mit spontanen Ideen und hatte vielfältige Interessen: Ob gemeinsames Kochen, ins Theater oder Kino gehen, Shopping, man konnte quasi alles mit ihm unternehmen.

Ich schob Charlys mangelnde Sympathie für Malte auf sein höheres Alter. Mit zweiunddreißig stand er mit beiden Beinen im Leben, hatte seine Erfahrungen und Überzeugungen und war nicht mehr so offen wie meine Freundin als Studentin an der Schauspielschule.

Charly und ich kannten uns seit Kindertagen, ursprünglich hatten wir beide vorgehabt, nach der Theater-AG des Bertolt-Brecht-Gymnasiums den Sprung auf die großen Bühnen dieser Stadt zu schaffen. Aber dann waren wir nach dem Abitur nicht an der Schauspielschule aufgenommen worden, so dass wir in der Luft hingen. Etwas ratlos, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, aber überzeugt davon, nicht – wie es meine Eltern sich vorstellten – Jura oder BWL studieren zu wollen, suchte ich mir damals einen Ausbildungsplatz als Biologielaborantin. Immerhin hatte ich immer eine Eins im Biologie-Leistungskurs bei Herrn Mielke, dem Punkteschenker unter den Lehrern, gehabt. Heute wusste ich selbst nicht mehr, was ich mir dabei ...

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