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Alte Wunden


 

Plötzlich taucht Spensers ehemaliger Schützling Paul Giacomin wieder auf. Seine Freundin, die Schauspielerin Daryl Gordon, ist verzweifelt. Ihre Mutter wurde bei einem Banküberfall ermordet und der Täter nie gefasst. Jetzt soll Spenser das Verbrechen aufklären. Während seiner Ermittlungen gerät der scharfsinnige Privatdetektiv immer stärker in den Strudel der bewegten 70er Jahre. Welche Rolle spielte die Studentenorganisation „Dread Scott Brigade“ beim Mord an Emily Gordon? Und welches Interesse hat das FBI, den Fall zu vertuschen?

Spenser ist eine Kultfigur der Kriminalliteratur. Seine Karriere bei der Polizei war kurz, denn Vorschriften sind seine Sachenicht. Dann schon lieber als Privatdetektiv auf eigene Rechnung. Seinen Klienten gegenüber verhält er sich mal unverschämt, mal liebenswürdig. Doch Spenser hat auch eine sensible Seite. Er ist gebildet, kann Shakespeare zitieren und kocht für seine Freundin Susan Silverman. Zusammen mit seinem schon durch seine Statur beeindruckenden Partner Hawk hat der eigenwillige Privatdetektiv schon so einige schwierige Fälle geknackt. Die Fernsehserie „Spenser“ mit Robert Urich in der Hauptrolle wurde weltweit zum Erfolg.

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind 37 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allen Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.

Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Alte Wunden

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Emanuel Bergmann

 

PENDRAGON

1

Es war ein Spätvormittag im Mai. Ich trank einen Kaffee. Ich saß auf meinem Drehstuhl, die Füße hochgelegt, und schaute aus dem Fenster über die Back Bay von Boston. In meinem Büro brannte das Licht. Draußen waren es zwölf Grad. Der Himmel war grau und bewölkt. Noch regnete es nicht, aber ich konnte den Regen spüren. Ich fühlte, wie er in der Luft hing. Es war nur eine Frage der Zeit, das wusste ich. Auf der anderen Seite der Berkeley Street, oberhalb der Boylston Street, sah ich Paul Giacomin mit einer dunkelhaarigen Frau die Straße entlanggehen. Sie blieben an einer Fußgängerampel stehen. Als es grün wurde, überquerten sie die Straße und gingen auf mein Büro zu. Vermutlich waren sie beide ziemlich durchtrainiert, so wie sie sich bewegten. Die Frau war gutaussehend, nahm ich zumindest an. Ich hätte sie aus der Nähe betrachten müssen, um das zweifelsfrei bestätigen zu können. Paul hatte eine Papiertüte dabei, was mich sehr freute. Denn ich wusste, was die Papiertüte zu bedeuten hatte. Ich drehte mich auf meinem Stuhl herum. Als sie zu meinem Büro heraufgestiegen waren, stand ich schon an der Tür, um sie zu begrüßen. Paul lächelte und gab mir die Tüte.

„Krispy Kremes?“, fragte ich.

„Wie immer“, sagte er. „Die besten Donuts, die es gibt.“

Ich stellte die Donut-Tüte auf meinem Schreibtisch ab und nahm Paul in die Arme.

Dann stellte er mir seine Begleiterin vor: „Das ist Daryl Silver.“

„Eigentlich heiße ich Gordon“, sagte sie. „Silver ist mein Künstlername.“

Ich schüttelte ihre Hand. Daryl war tatsächlich umwerfend. Ich fühlte mich bestätigt. Meinem Adlerauge entging nichts. Ich öffnete die Papiertüte und nahm einen Karton mit Donuts heraus.

„Es gibt noch keine Krispy-Kreme-Filiale in Boston“, erklärte Paul seiner Begleiterin. „Deswegen bringe ich immer welche mit, wenn ich in meine alte Heimat fahre.“

„Möchten Sie welche?“, fragte ich Daryl. „Danke“, erwiderte sie. „Liebend gern.“

Paul blickte mich erstaunt an. „Das ist ein dickes Kompliment“, sagte er dann zu ihr. „Normalerweise verkriecht er sich damit in irgendeine Ecke und futtert sie ganz alleine.“

Ich schenkte uns allen Kaffee ein. Pauls Blick fiel auf ein Foto, das auf meinem Aktenschrank stand. Susan, Pearl und ich.

„Das mit Pearl tut mir leid“, sagte Paul.

„Danke.“

„Bist du okay?“

Ich zuckte mit den Schultern und nickte.

„Und Susan?“

Wieder zuckte ich mit den Schultern. Ich hielt meinen Gästen den Karton hin, „Donuts gefällig?“, fragte ich.

Dann kam der Regen und entlud die Spannung in der Luft. Zunächst trafen nur kleine Wasserspritzer die Fensterscheibe, ohne Muster oder Zusammenhang. Dann wurde der Regen gleichmäßiger, und urplötzlich schüttete es wie aus Eimern. Es war sehr dunkel draußen. Das Licht in meinem Büro wirkte warm.

„Wie war Chicago?“, fragte ich.

„Das Stück hat gute Kritiken bekommen“, sagte Paul.

„So was liest du?“

„Nein, aber ich hab davon gehört.“

„Und, gefällt’s dir, Regie zu führen?“

„Ich glaube schon. Aber es ist eben mein Stück, ich habe es geschrieben. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich ein Stück von jemand anderem inszenieren würde.“

„Wie laufen die Proben hier in Boston?“

„Na ja. Wir haben es so oft aufgeführt“, sagte Paul, „dass es uns nicht leicht fällt, so richtig in Schwung zu kommen.“

„Und Sie spielen mit?“, fragte ich Daryl.

„Ja.“

„Sie hat tolle Kritiken bekommen“, sagte Paul. „In Chicago und vorher schon in Louisville.“

„Ich hatte eben gute Dialoge“, sagte sie.

„Ja“, stimmte Paul zu. „Das hilft.“

Jetzt, da es regnete, war die Luft weniger drückend. Unterhalb meines Fensters hatten die meisten Autos inzwischen ihre Scheinwerfer an. Der feuchte Asphalt schimmerte anheimelnd. Die Straßenlaternen auf der Boylston Street sahen im Regen aus wie hingetupfte Blumen aus Licht.

„Daryl möchte was mit dir besprechen“, sagte Paul.

„Gerne“, erwiderte ich.

Paul schaute sie an und nickte ihr aufmunternd zu. Sie atmete tief ein.

„Vor achtundzwanzig Jahren wurde meine Mutter ermordet“, sagte sie.

Mir schien es irgendwie sinnlos, ihr achtundzwanzig Jahre später mein Beileid auszusprechen.

„1974“, meinte ich nur.

„Ja. Im September. Sie wurde in einer Bank in Boston erschossen. Bei einem Überfall.“

Ich nickte.

„Sie ist völlig umsonst gestorben“, sagte sie.

Wieder nickte ich. Die meisten sterben umsonst.

„Ich will, dass die Kerle gefasst werden“, sagte sie.

„Kann ich verstehen“, meinte ich. „Aber warum jetzt, nach achtundzwanzig Jahren?“

„Ich wusste nicht, was ich machen soll. Oder wen ich fragen soll. Dann habe ich Paul kennengelernt, und er hat mir von Ihnen erzählt. Er sagt, Sie haben ihm das Leben gerettet.“

„Da übertreibt er aber ein bisschen“, sagte ich.

„Er sagt, wenn jemand diese Kerle finden kann, dann Sie.“

„Und da übertreibt er schon wieder.“

„Wir haben damals in La Jolla gewohnt“, sagte Daryl. „In der Nähe von San Diego. Wir waren in Boston, um die Schwester meiner Mutter zu besuchen. Meine Mutter ist nur in die Bank, um einen Reisescheck einzulösen. Und sie haben sie erschossen.“

„Waren Sie dabei?“, fragte ich.

„Nein. Die Polizei hat es mir erzählt. Ich war bei meiner Tante.“

„Wie alt waren Sie, als Ihre Mutter gestorben ist?“

„Sechs.“

„Und Sie können noch immer nicht loslassen“, meinte ich.

„Ich werde niemals loslassen.“

Ich nippte an meinem Kaffee. Es waren noch zwei Donuts in der Box. Ich hatte bereits mehr Donuts verdrückt als meine Gäste.

„Will noch jemand?“, fragte ich.

Sie wollten nicht. Ich spürte eine Welle der Erleichterung. Ich griff allerdings nicht gleich zu. Ich nahm lediglich einen Schluck Kaffee. Man will ja nicht gierig wirken.

„Ich erinnere mich“, sagte ich. „Die Old Shawmut Bank am Audubon Circle. Ist jetzt ein Restaurant.“

„Ja.“

„Irgendeine revolutionäre Gruppe.“

„Die Dread-Scott-Brigade.“

„Ah ja“, sagte ich.

„Sie kennen sie?“

„Damals“, sagte ich, „gab es haufenweise radikale Grüppchen mit bescheuerten Namen.“

Beiläufig streckte ich meine Hand zu den Donuts aus. Und dann, als würde ich gar nicht weiter darüber nachdenken, griff ich urplötzlich zu.

„Ich kann nicht viel zahlen“, sagte sie.

„Sie kann gar nichts zahlen“, sagte Paul.

„Ein dreißig Jahre alter Mord, und das auch noch gratis“, sagte ich. „Wie verlockend.“

Daryl schaute auf ihre Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen.

„Ich hab vor einiger Zeit eine Sache für Rita Fiore erledigt“, sagte ich zu Paul. „Und letzte Woche ist ihre Kanzlei endlich dazu gekommen, mein Honorar zu überweisen.“

„Viel?“

„Ja“, sagte ich. „Viel.“

Paul grinste. „Alles eine Frage des Timings“, sagte er.

„Heißt das, dass Sie mir helfen?“, fragte Daryl.

„Heißt es“, erwiderte ich.

2

Ich traf mich mit Martin Quirk auf einen Drink in einer Bar namens Arno’s in South Boston. Arno’s war bei Cops sehr beliebt. Immerhin war vor wenigen Jahren das Police Headquarter praktischerweise nach South Cove, in die direkte Nachbarschaft der Bar, verlegt worden. Ich war bereits vor Quirk an Ort und Stelle. Als er kam, trank ich ein Budweiser vom Fass. Quirk war ein kräftiger Kerl, etwa so groß wie ich, und man sah ihm seine Kraft an. Aber vor allem sah man ihm seine Unerbittlichkeit an. Einige der anwesenden Cops grüßten ihn vorsichtig. Kaum setzte er sich neben mich, kam der Barkeeper auch schon brav angedackelt.

„Was darf’s denn sein, Captain?“

„Wodka on the rocks, mit Zitrone“, sagte Quirk.

„Kommt sofort, Captain.“

„Tut mir leid, das mit dem Hund“, sagte Quirk zu mir.

„Danke.“

„Kaufen Sie sich einen neuen, Sie und Susan?“

„Kann sein.“

„Sie wollen nicht darüber sprechen, was?“

„Nein.“

„Okay. Also, was wollen Sie von mir?“ Der Barkeeper kam mit Quirks Drink. Quirk nahm einen Schluck und lächelte.

„Wollen? Gar nichts. Sie haben mir einfach gefehlt, Captain“, sagte ich.

„Schon klar“, sagte Quirk. „Geht vielen so.“

Er nahm noch einen Schluck Wodka. Quirk hatte Hände wie ein Steinmetz, aber seine Bewegungen waren elegant.

„1974“, sagte ich schließlich. „Eine Frau namens Emily Gordon wurde von einer Gruppe, die sich die Dread-Scott-Brigade nannte, bei einem Banküberfall am Audubon Circle erschossen.“

„Kein Mensch hat gesehen, wer’s war“, sagte Quirk nickend.„Alle lagen mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden.“

„Sie erinnern sich also an den Fall?“, fragte ich.

„Zumindest an dieses Detail. Damals war ich noch nicht bei der Mordkommission. Ich war bei den Detectives, im guten alten 16er Revier. Wissen Sie noch? Bevor alles neu organisiert wurde?“

Ich nickte.

„Ich hatte Dienst, als der Notruf kam.“

„Haben Sie an dem Fall gearbeitet?“

„Nein. Die Homicide Detectives haben übernommen. Aber ich habe die Sache immer verfolgt.“ Hinter der Theke lief der Fernseher. Die Nachrichtensprecher überschlugen sich vor Aufregung, weil es am Wochenende womöglich Regenschauer geben könnte.

„Und, hat Homicide irgendwas rausgefunden?“

„Nichts. Die Kerle sind entkommen“, sagte Quirk. „Wir hatten Aufnahmen von den Überwachungskameras in der Bank, Augenzeugen, sogar einen Bekennerbrief von der Dread-Scott-Brigade. Da stand wortwörtlich drin, dass sie es getan haben.“

„Dred Scott“, meinte ich nachdenklich. „Ein Sklave, der für seine Freiheit vor Gericht gezogen ist. Hat womöglich den Bürgerkrieg ausgelöst.“

„Die Bankräuber schreiben sich anders. D-r-e-a-d. Wie das Wort für ‚Furcht‘.“

„Die können echt mit Sprache umgehen“, meinte ich. „Stand in dem Brief irgendwas über Emily Gordon?“

„Ich glaube, da stand sinngemäß, dass kein Angehöriger der Unterdrückerklasse mehr sicher ist.“

„Grauenhaft“, sagte ich, „aber typisch für 1974.“

„Das Wort ‚Unterdrückung‘ haben sie auch falsch geschrieben“, meinte Quirk.

„Kurz und gut“, fasste ich zusammen, „die Jungs von Homicide haben geglaubt, der Fall ist so gut wie gelöst, richtig?“

„Klar, wie hätte es anders sein können? Waren doch nur ein paar verdammte Amateure“, erwiderte Quirk. „Ein paar Anfänger gegen die Detectives aus Boston, die mit allen Wassern gewaschen sind.“ Er nahm einen weiteren Schluck Wodka.

„Und, wie ist der Spielstand?“, fragte ich.

„Eins zu null für die Anfänger. Die Detectives haben noch nicht ein einziges Tor geschossen.“

„Bis jetzt“, merkte ich an.

„Bis jetzt“, sagte Quirk. „Die Tatsache, dass die Kerle solche blutigen Anfänger waren, war letztlich sogar ein Vorteil für sie.“

„Klar“, meinte ich. „Keine bekannte Vorgehensweise. Kein Vorstrafenregister. Keine Fotos in der Verbrecherkartei, die man mit den Bildern aus der Bank vergleichen könnte.“

„Kein Mensch kannte die Kerle“, sagte Quirk. „Das FBI hatte noch nie von ihnen gehört.“

„Haben sie noch andere Überfälle auf dem Kerbholz?“, fragte ich.

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Ist das Geld jemals wieder aufgetaucht?“

„Nein. Sie wissen ja, wie das ist. Kein Mensch überprüft die Seriennummer auf den Geldscheinen.“ „Banken schon“, warf ich ein.

„Behaupten sie“, gab Quirk zurück.

Ich hatte mein Bier ausgetrunken und gab dem Barkeeper ein Zeichen, dass die Zeit reif für ein weiteres war. Der Barkeeper nahm mein Glas und warf Quirk einen fragenden Blick zu. Quirk schüttelte den Kopf, und der Barkeeper zapfte mir noch ein Budweiser. Eigentlich mochte ich ja Blue Moon Belgian White Ale viel lieber. Aber das stand im Arno’s nicht zur Auswahl. Hier stand eigentlich nur Budweiser zur Auswahl.

„Habt ihr die Mordwaffe gefunden?“, fragte ich.

„Ja, und den Fluchtwagen.“

„Gab’s auf der Waffe Fingerabdrücke?“

„Alles sauber“, sagte Quirk.

„Und der Wagen?“

„Die einzigen Fingerabdrücke waren von dem Kerl, dem sie den Wagen geklaut hatten.“

„Konntet ihr die Waffe zurückverfolgen?“

„Ja. Ein M1-Karabiner, Vollautomatik. Wurde 1963 in Akron, Ohio, aus einem Waffendepot der Nationalgarde gestohlen.“

„Wer war in der Bank?“, fragte ich.

„Ein Schwarzer. Eine Weiße. Bestimmt gab’s auch einen Fluchtwagenfahrer, aber den hat keiner gesehen.“

„War’s das?“, fragte ich. „Mehr gibt’s da nicht?“

„Mehr gibt’s verdammt nochmal nicht“, sagte Quirk.

„Weiß jemand noch, wer den Karabiner hatte?“

„Soweit ich weiß, hatten sie alle Gewehre. Die Opfer in der Bank konnten sie nicht auseinanderhalten“, sagte Quirk. „Wir sind nicht einen Schritt weitergekommen.“

„Und das war damals, als die Spur noch heiß war.“

„Ja.“

„Ich fange achtundzwanzig Jahre später an, wenn die Spur eiskalt ist.“

„Für wen arbeiten Sie?“

„Emily Gordons Tochter. Sie ist mit Paul Giacomin befreundet“, sagte ich.

„Oh“, sagte Quirk.

„Oh“, sagte ich.

„Wie geht’s dem Kleinen denn so?“

„Paul? So klein ist der nicht mehr.“

„Das kenn ich“, sagte Quirk. „Zwei meiner Kinder sind inzwischen älter als ich.“

„Gibt es noch irgendwas, was Sie mir sagen können? Irgendeinen Anhaltspunkt?“

„Ich kann Ihnen nur das sagen, woran ich mich erinnere“, sagte Quirk. „Sie können gerne mal vorbeikommen und die Akten durchforsten.“

„Mach ich.“

„Ich hoffe, dass die Kleine Sie ordentlich dafür bezahlt“, sagte Quirk.

„Die Kleine und Paul haben mir heute Morgen sechs Donuts spendiert.“

Quirk schaute mich nachdenklich an.

„Tja“, meinte er schließlich. „Jeder Mensch hat seinen Preis.“

3

Ich saß an einem leeren Schreibtisch in der Homicide Division vor Quirks Büro. Es war einer von vielen Schreibtischen, die fein säuberlich aufgereiht unter grellen Deckenlichtern standen. Der Boden war sauber. Die Aktenschränke waren neu. Auf allen Schreibtischen standen Computer. Das ehemalige Headquarter an der Berkeley Street war da ganz anders. Viel enger und viel dunkler. Es sah aus wie das, was es war. Aber hier? Hier kam man sich vor wie in einem Büro für Börsenmakler mit schicken Anzügen. Für einen Cop von echtem Schrot und Korn waren das unzumutbare Arbeitsbedingungen. In einem Polizeirevier hat es keine Sonnenseite zu geben. Emily Gordons Akte steckte in einem großen braunen Ordner aus Pappe, der mit einem Gummi zusammengehalten wurde. Alles noch Papier, nichts im Computer. Wenigstens das.

Ein Detective namens DeLong ging an mir vorbei, blieb stehen und kam zurück. Er trug ein grünes Poloshirt von Lacoste über seinen Jeans. Unter dem Hemd, am Gürtel, konnte ich die Umrisse seines Dienstrevolvers ausmachen.

„Spenser“, sagte er. „Wieder mit dabei?“

„Nein, ich will euch nur kurz unter die Arme greifen“, erwiderte ich.

„Lassen Sie ja nichts mitgehen“, sagte DeLong.

Ich schaute mich in der Homicide Division um. „Hier sieht’s peinlich aus, DeLong.“

„Ich weiß. Man fühlt sich wie ein Weichei.“

„Erinnern Sie sich an einen Banküberfall am Audubon Circle, 1974? Eine Frau kam dabei ums Leben.“

„1974? Verdammt, Spenser, damals war ich fünfzehn.“

„Ja“, sagte ich. „Ich auch.“

DeLong schaute mich an, als ob er etwas sagen wollte, dann schüttelte er den Kopf und ging. Ich wandte mich wieder der Akte zu. Abgesehen von den Autopsieresultaten und den Ergebnissen der Spurensicherung stammten die meisten Berichte von einem Detective ersten Grades, einem gewissen Mario Bennati. Der Name sagte mir nichts. Ich kämpfte mich durch die Akte. Cops sind nicht gerade für ihren packenden Schreibstil bekannt, und der Jargon eines polizeilichen Ermittlungsverfahrens machte die Sache nicht leichter. Für einen Fall, bei dem es keinerlei Hinweise gab, keine Verdächtigen und keine Resultate, waren es ziemlich viele Seiten. Aber nichts Brauchbares. Bennati hatte sein Bestes gegeben. Sein Protokoll des Falls zeigte auf, dass er mit allen Kunden gesprochen hatte, mit allen, die sich in der Nähe der Bank aufgehalten hatten, und schließlich auch mit allen Angestellten. Er hatte mit Emily Gordons Schwester Sybil Gold gesprochen, mit der damals sechsjährigen Daryl Gordon sowie mit Emily Gordons Mann Barry, von dem sie damals wohl gerade getrennt lebte. Auch mit dem FBI hatte er gesprochen. Das FBI hatte einen Bericht mit Geheiminformationen über die Dread-Scott-Brigade zugesagt. Und mit den Cops in San Diego hatte er gesprochen. Mit der Drug Enforcement Agency. Mit der Army, wegen des gestohlenen Karabiners. Und sogar mit den Bankrevisoren. Alle Aussagen lagen fein säuberlich abgetippt in der Akte. Ich las weiter. Es war inzwischen Spätnachmittag. Am liebsten hätte ich ein Nickerchen gehalten.

Ich trank literweise verwässerten Kaffee. Nach und nach trudelten die Jungs von der Nachtschicht im Revier ein. Mir knurrte der Magen. Als ich endlich fertig war, klappte ich die Akte zu, schob sie auf dem leeren Schreibtisch von mir weg, legte meinen Kopf an die Rückenlehne, schloss meine Augen und atmete tief und ruhig durch.

Wo war eigentlich der FBI-Bericht?

4

Quirk war noch immer in seinem Büro. Sein Sakko hing auf einem Kleiderbügel an der Tür. Die Füße hatte er auf den Schreibtisch gelegt, die Krawatte gelockert und seine Hemdsärmel ein Stück hochgerollt. Er schaute auf das schwarze Brett auf der anderen Seite des kleinen Raums, wo Fotos von einem Tatort hingen.

„Immer noch hier?“, fragte er mich.

„Haben Sie die Akte mal durchgelesen?“, fragte ich.

„Ja.“

Er starrte weiterhin auf die Aufnahmen.

„Ist Ihnen dabei was aufgefallen?“

„Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel, dass der Bericht vom FBI nicht da ist.“

„Ach“, sagte Quirk. Er nahm wandte seinen Blick nicht von den Fotos. „Das ist Ihnen also auch aufgefallen?“

„Wissen Sie was darüber?“

„Nein.“

„Haben Sie je versucht, den Bericht zu finden?“

„Ich hab die Akte erst zu Gesicht bekommen, als ich Homicide Commander geworden bin. Und da war die Spur schon lange kalt. Das mögen die Bosse nicht, wenn ein frisch gebackener Homicide Commander sich mit den Bundesbehörden wegen eines Falls anlegt, der nie gelöst wurde und schon lange abgehakt ist.“

„Nur nicht aus der Reihe tanzen, was?“, meinte ich.

„Schockierend, ich weiß. Wie war das denn damals bei Ihnen, als Sie noch Cop waren?“

„Nur nicht aus der Reihe tanzen“, sagte ich.

„Enttäuschend“, erwiderte Quirk. „Es hat sich nichts verändert.“

„Der Typ, der die Ermittlung geleitet hat, hieß Bennati“, sagte ich. „Gibt’s den noch?“

„Pensioniert“, sagte Quirk. „Wohnt jetzt in North Shore.“

Ich schaute Quirk an. Erneut wanderte sein Blick zu den Tatortfotos.

„Ich weiß jetzt, warum ich die Akte lesen durfte“, sagte ich.

„Mir geht’s nur um gute Zusammenarbeit“, erklärte Quirk.

„Unsinn. Die Sache mit dem FBI-Bericht hat Sie gewurmt. Aber Sie konnten der Spur nicht nachgehen. Aber vergessen haben Sie es auch nie. Und als ich dann des Weges kam …“

Quirk blickte immer noch auf die Aufnahmen.

„Ich sitze jetzt in der Chefetage“, sagte Quirk. „Ich leite dieses Revier. Die Drecksarbeit überlasse ich den Detectives. Aber an ein paar Abenden der Woche bleibe ich länger im Büro. Wenn hier ausnahmsweise mal alles still ist, schaue ich mir das Material von den Tatorten an. Nur um zu sehen, ob’s was zu sehen gibt.“

Ich nickte.

„Eine Frau und ihre zwei Kinder wurden getötet“, meinte Quirk und nickte in Richtung der Fotos. „Die Frau wurde vor ihrem Tod vergewaltigt.“

„Ich ruf Sie morgen an“, sagte ich. „Wegen Bennatis Adresse.“

„Rufen Sie Belson an“, sagte Quirk. „Er kann sie Ihnen geben.“

5

Mario Bennati wohnte in Gloucester, in einem kleinen Haus mit grauen Dachziegeln und einer Terrasse, wo man in Ruhe sitzen, ein Bier trinken und auf den Annisquam River blicken konnte. Wir saßen auf seiner Terrasse und taten genau das. Mit von der Partie war ein großer, freundlicher Schäferhund namens Grover. Es war Spätnachmittag.

„Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben“, sagte Bennati. „Meine Tochter wohnt in Stockton. Sie kommt ein oder zwei Mal die Woche vorbei, um Staub zu wischen und zu saugen …“ Er zuckte mit den Schultern. „Die meiste Zeit bin ich mit Grover allein. Ich kann ganz gut kochen. Meine Wäsche krieg ich auch irgendwie gewaschen.“

Wir tranken Miller High Life. Aus Flaschen, nicht aus Dosen.

„Ich hab mit dem Rauchen aufgehört“, sagte er und schaute dabei auf die Boote, die sich über die Weiten des Wassers unter uns auf den Hafen zu bewegten. „Seit ihrem Tod hatte ich keinen Sex mehr.“ Er nippte an seinem Miller High Life. Seine Bewegungen waren sehr präzise, was auf Jahre der Übung schließen ließ.

„Es ging uns gut. Dann wurde sie krank.“

Grover legte seinen Kopf auf Bennatis Oberschenkel und schaute ihn an. „Passen Sie mal auf“, sagte Bennati. Er kippte die Bierflasche vorsichtig zur Seite, und Grover nahm einen Schluck. „Direkt aus der Flasche“, sagte Bennati. „Ist ’n Ding, was?“

„Wahnsinn“, sagte ich.

„Ich darf ihm nicht zu viel geben“, sagte Bennati. „Er wird echt leicht betrunken.“

Ich tätschelte Grovers Rücken. Er wedelte mit dem Schwanz, ließ aber seinen Kopf auf Bennatis Schoß liegen.

„Ich ermittle in einem alten Mordfall“, sagte ich. „War mal Ihr Fall. September 1974. Eine Frau wurde bei einem Banküberfall am Audubon Circle erschossen.“

Bennati trank sein Bier aus, griff in die Kühlbox unterm Tisch und nahm sich noch eins. Er drehte den Verschluss ab und leerte in einem Zug fast die ganze Flasche. Dann schaute er die Flasche nachdenklich an und nickte vor sich hin.

„Ja, ich weiß noch. So ’n paar verdammte Hippies“, sagte er. „Wollten Geld klauen, um Amerika zu retten. Sie haben sie einfach so erschossen, ohne Grund.“

„Ich habe gestern die Akte gelesen“, sagte ich.

„Dann wissen Sie ja, dass wir den Fall nie gelöst haben.“ Er nahm noch einen Schluck Bier. „Das sind immer die Schlimmsten, die Fälle, wo so ’n Scheiß passiert, ganz ohne Grund.“

Ich nickte. „Erinnern Sie sich vielleicht noch an etwas, was mir helfen könnte?“

„Wenn Sie die Akte gelesen haben, dann wissen Sie, was ich weiß“, sagte er.

„Ich war früher mal Cop“, sagte ich. „Es steht nicht immer alles in der Akte.“

„In meiner schon“, sagte Bennati.

„Was ist aus dem Bericht des FBI geworden?“, fragte ich.

„Was?“

„In Ihren Notizen stand, dass das FBI einen Bericht schicken wollte. Mit Geheiminformationen. Aber in der Akte ist er nicht. Und Sie haben ihn nie wieder erwähnt.“

„Das FBI?“

„Genau.“

„Um Himmels willen, das ist jetzt dreißig Jahre her.“

„Achtundzwanzig“, sagte ich. „Wissen Sie noch irgendetwas über den FBI-Bericht?“

„Es ist zu lange her“, erwiderte er. „Ich bin sechsundsiebzig Jahre alt, ich habe niemanden außer meinem Hund, und ich trinke zu viel Bier. Ich weiß nicht mal mehr, wo mein Schwanz ist.“

„Also erinnern Sie sich nicht mehr an den FBI-Bericht?“

„Nein“, sagte er und blickte mir direkt in die Augen. „Ich erinnere mich nicht.“

Ich nahm eine Visitenkarte aus meiner Hemdtasche und gab sie ihm.

„Wenn Ihnen was einfallen sollte“, sagte ich, „klingeln Sie durch.“

„Klar doch.“

Als ich zu meinem Wagen ging, nahm er noch ein High Life aus der Kühlbox und machte die Flasche auf.

6

Die Adresse des FBI-Büros in Boston lautete Center Plaza Nr. 1. Der zuständige Agent war ein dünner Typ mit Halbglatze und einer runden Hornbrille. Er hieß Nathan Epstein. Einen Juden beim FBI, das sah man in etwa so oft wie einen Araber, der einer Synagoge vorstand. Ich trat ein, wir gaben uns die Hand, und er bot mir einen Stuhl an.

„Sind Sie der zuständige Special Agent?“, fragte ich.

„Bin ich.“

„Sind Sie wenigstens aufs Boston College gegangen, wie sich das für anständige FBI-Leute gehört?“

Ich wusste, dass anständige FBI-Leute meist aus Familien kamen, die ihre Kinder auf katholische Privatschulen schickten.

„Nein“, sagte er kopfschüttelnd. Er sprach mit einem starken New Yorker Akzent.

„Fordham?“, fragte ich hoffnungsvoll. Fordham war ein katholisches College in New York.

„New York University“, erwiderte er. Ich war enttäuscht. Dort studierten nur Atheisten.

„Beunruhigend“, meinte ich.

„Ich weiß“, sagte er. „Die meisten glauben, ich bin hier nur Aushilfskraft.“

Er trug einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine pastellblaue Seidenkrawatte.

„Ich ermittle in einem Mord, der sich 1974 bei einem Banküberfall ereignet hat“, sagte ich.

„Erzählen Sie mir mehr“, meinte Epstein.

Ich erzählte ihm mehr. Als ich fertig war, fragte mich Epstein: „Warum ist Miss Silver damit ausgerechnet zu Ihnen gekommen?“

„Wir haben einen gemeinsamen Bekannten.“

„Und warum haben Sie den Fall übernommen?“

„Um unserem gemeinsamen Bekannten einen Gefallen zu tun“, sagte ich.

„Einen Gefallen?“, fragte Epstein. „Der Fall liegt achtundzwanzig Jahre zurück. Wie kommen Sie darauf, dass Sie ihn jetzt noch lösen können?“

„Ich habe ein gesundes Selbstbewusstsein“, sagte ich.

Epstein lächelte. „Von Ihrem gesunden Selbstbewusstsein habe ich schon gehört“, sagte er.

„Haben Sie mich etwa überprüft?“

„Ich habe beim Commissioner angerufen, der hat mich an den Homicide Commander verwiesen.“

„Martin Quirk“, gab ich zurück.

Epstein nickte.

„Überprüfen Sie jeden, der mit Ihnen einen Termin hat?“, fragte ich.

„Ihr Name kam mir bekannt vor“, sagte Epstein. Irgendetwas an ihm ging mir auf die Nerven.

„Also. Erinnern Sie sich an den Fall?“, wollte ich wissen.

Epstein schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich war damals noch nicht beim FBI.“

„Darf ich Sie um eine Kopie der Akten bitten?“

Er dachte darüber nach. Er war einer von denen, die nie ganz stillhalten konnten. Während er nachdachte, drehte er einen Kugelschreiber in seiner Hand hin und her und tippte von Zeit zu Zeit damit gegen seinen linken Daumennagel. Dann beugte er sich vor und schob mir eine große braune Einsteckmappe hin. Die Art, die man verschließen kann, indem man eine kleine Schnur um einen kleinen Knopf wickelt. Die Art, die man nur intern benutzt.

„Hier ist die Akte“, sagte er.

„Quirk?“, sagte ich.

„Er hat erwähnt, dass Sie sich mit dem Tod von Mrs. Gordon befassen.“

„Haben Sie sie gelesen?“, fragte ich.

„Die Akte?“, sagte Epstein. „Ja, heute Morgen. Ich nehme mal an, dass Sie mit der Akte des Boston Police Departments vertraut sind.“

„Bin ich.“

„Hier steht so ziemlich das Gleiche drin.“

„Haben Sie einen Platz für mich, wo ich das in Ruhe lesen kann?“

„Wir haben draußen noch ein Büro“, sagte Epstein. „Eine meiner Assistentinnen ist im Urlaub. Meine Chefassistentin zeigt Ihnen den Schreibtisch.“

„Chefassistentin? Hieß das nicht früher mal Sekretärin?“

Epstein lächelte dünn und sagte: „Die Zeiten sind vorbei.“

Ich nahm die Akte und stand auf.

„Ich glaube, ich weiß, wonach Sie suchen“, meinte Epstein.

Ich hob die Augenbrauen, hüllte mich aber in Schweigen.

„Ich weiß auch nicht, wo der Bericht ist“, sagte er.

„Der, den eigentlich Bennati hätte bekommen sollen?“

„Ja.“

Ich setzte mich wieder hin. Ich hielt den Ordner fest. „Das ist Ihnen also aufgefallen“, sagte ich.

„Ist es.“

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. „Das FBI hat Informationen über oppositionelle Gruppen gesammelt“, sagte ich.

„Einige“, sagte Epstein.

„Einige? Verdammt, das FBI hatte bestimmt auch eine Akte über die Beach Boys.“

Wieder lächelte Epstein. So kam es mir zumindest vor.

„Die Dinge haben sich geändert seit damals.“

„Bestimmt haben sie das“, sagte ich. „Also, haben Sie eine Akte über die Dread-Scott-Brigade?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Gibt es vielleicht eine, von der Sie nichts wissen.“

„Gut möglich.“

„Wenn ja, wie käme ich an so was ran?“

„Sie können bei mir anfragen, und ich leite es an die entsprechenden Stellen weiter“, erwiderte Epstein.

„Würden Sie das tun?“

„Habe ich schon getan.“

„Und?“

Epstein trommelte mit dem Stift gegen seinen Daumennagel. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos.

„Es gibt offensichtlich keine solche Akte“, sagte er.

„Und wieso dachte Bennati dann, dass er eine kriegt?“

„Komisch, nicht wahr?“, sagte Epstein.

7

An einem Montagmorgen fuhr ich nach Toronto. Die Sonne schien, so wie es sich für den Mai gehört. Ich holte eine schokoladenbraune, fünfzehn Monate alte Deutsch-Kurzhaar-Hündin ab, deren Zuchtname „Robin Hoods violette Schnepfe“ lautete. Weiß der Teufel, warum. Ich bekam sie in einer Transportbox für Hunde überreicht. Eine gute Idee, denn immerhin dauerte die Fahrt zurück gut zehn Stunden. Es war sicher vernünftiger, wenn sie nicht im Auto herumsprang. Es konnte schließlich alles Mögliche passieren. Als ich auf den 404er Freeway nördlich von Toronto auffuhr, fing sie an zu winseln. Nach einer Weile bog ich auf den 401er ab. An der ersten Raststätte, die ich sah, warf ich die Hundebox in einen Müllcontainer. Den Rest der Fahrt sprang Robin Hoods violette Schnepfe wie eine Irre durch mein Auto. Und weil Susan der Meinung war, dass eine zehnstündige Autofahrt für einen jungen Hund zu lang war, schliefen wir Montagnacht in einem Motel in Schenectady. Über Schenectady gibt es nicht viel zu sagen, es sei denn, man ist ein eingefleischter Anhänger von General Electric, die dort eine Niederlassung haben.

Die Schnepfe schlief nicht. Um fünf Uhr zehn am Dienstagmorgen war sie bereits hellwach. Noch vor Sonnenaufgang verließen wir Schenectady und waren gegen Mittag in Cambridge. Als wir die Linnaean Street erreichten, sah ich Susan bereits auf den Stufen vor dem bunten viktorianischen Haus sitzen, in dem sie wohnte und arbeitete. Als ich aus dem Auto stieg, verschlug es mir den Atem. Wie immer, wenn ich sie sah. Sie hatte dichtes schwarzes Haar, große blaue Augen und einen breiten Mund. Sie war schlank, gut in Form, hatte tolle Beine und eine nicht näher definierbare Aura von Sinnlichkeit. Sie strahlte einen ganz gewissen Reiz aus, unendliche Möglichkeiten, unendliche Versprechen. Sie war ein Abenteuer.

„Oh mein Gott“, sagte Susan, als ich mit Robin Hoods violetter Schnepfe aus dem Auto stieg.

Susans Garten war eingezäunt. Ich öffnete das Törchen. Wir gingen hinein, und ich machte es hinter uns wieder zu. Dann ließ ich die Hündin von der Leine. Sie wirkte nervös.

Susan sagte: „Pearl.“

Die Hündin hob ihre langen Ohren ein Stückchen an. Dann rannte sie wie besessen durch Susans Vorgarten. Sie suchte offenbar nach Orientierungspunkten. Irgendwann fiel ihr ein, dass sie südlich von Kanada niemanden kannte außer mir. Sie kam zu mir und lehnte sich an mein Bein, um etwas moralische Unterstützung zu bekommen.

Susan schaute sie konzentriert an. Es war diese besondere Art der uneingeschränkten Konzentration, die sie zu einer so guten Therapeutin machte. Wenn sie sich lange genug auf etwas konzentrierte, fing es Feuer.

„Pearl?“, sagte Susan.

Die Hündin sah sie vorsichtig an und wedelte versuchsweise mit dem Schwanz. Susan nickte langsam.

„Sie ist wieder da“, sagte sie.

„Ja“, meinte ich. „Sie weiß es nur noch nicht.“

Susan kauerte sich am Fuß der Treppe hin und breitete die Arme aus.

„Pearl“, sagte sie noch einmal.

Die Hündin lief zu Susan und beschnupperte sie. Susan legte ihre Wange an die Hundeschnauze und tätschelte dem Tier den Kopf.

„Sie wird es bald wissen“, sagte Susan.

8

Ich betrat die Eingangshalle des neuen Bundesgerichtsgebäudes am Fan Pier.

„Ich komme vom International Consulting Bureau“, sagte ich.

Ich gab dem Wachmann meine Visitenkarte. Er schaute sie sich an, dann blickte er auf den Computermonitor.

„Mit wem gedenken Sie zu sprechen?“

„Gedenken?“

Der Wachmann grinste mich an. „Vorschriften. Wir müssen so reden“, sagte er.

„Ich gedenke Mr. Ives zu sprechen“, sagte ich.

Er nickte, wählte eine Nummer und sprach ins Telefon.

„Ein Mr. Spenser für Mr. Ives.“

Er nickte und legte auf.

„Dort entlang“, sagte er. „Durch den Metalldetektor. Nehmen Sie den Fahrstuhl in den fünfzehnten Stock.“

„Zimmernummer?“, fragte ich.

„Am Fahrstuhl nimmt Sie jemand in Empfang, Sir.“

„War ja klar“, meinte ich.

An der Sicherheitsabsperrung standen vier Wachleute von der Federal Protection Agency.

„Rechts an meiner Hüfte trage ich eine Schusswaffe“, sagte ich zu der Gruppe. „Ich nehme sie jetzt ab und gebe Sie Ihnen, samt dem Holster.“

Die Wachen rückten augenblicklich ein Stück auseinander, und zwei von ihnen legten die Hände auf ihre Waffen. Der Chef der Truppe war ein Schwarzer, der wie ein ehemaliger Militär aussah.

„Haben Sie dafür einen Waffenschein, Sir?“

„Habe ich.“

„Erst die Waffe, dann den Schein“, sagte er.

Ich gab ihm meine Waffe im Holster, dann zog ich den Waffenschein aus meiner Hemdtasche, wo ich ihn in freudiger Erwartung dieses Moments verstaut hatte. Der Wachmann las ihn aufmerksam durch.

„Die Waffe und den Schein behalten wir hier“, sagte er. „Wenn Sie gehen, kriegen Sie sie wieder.“

„Soll ich etwa riskieren, unbewaffnet ins Gerichtsgebäude zu gehen?“

Der Wachmann verzog keine Miene.

„Ja, Sir“, meinte er trocken. „Genau das.“

Er deutete mit dem Arm auf den Metalldetektor. Ich ging durch, ohne dass etwas piepte.

„Die Aufzüge sind dort drüben, Sir.“

„Gut aufpassen“, sagte ich. „Wenn mir was passiert, schreie ich.“

„Wir passen schon auf Sie auf, Sir.“

Im fünfzehnten Stock nahm mich eine Dame mit langen silberfarbenen Haaren und einem strengen jungen Gesicht in Empfang. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug und ein herb männliches weißes Hemd mit einer schmalen schwarzen Krawatte. Ihre schwarzen Schuhe hatten sehr hohe Absätze. Wir gingen durch einen langen Gang. Zu beiden Seiten befanden sich Bürotüren.

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