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Alte Feinde

Deutschland 1947: Der Wiederaufbau des Landes schreitet voran. Für den Geschmack von Kommissar Paul Koch zu schnell. Viele ehemalige NS-Verbrecher bekleiden wieder verantwortungsvolle Posten und machen ihm das Leben schwer. Zudem bekommt es Koch mit einem bestialischen Mord zu tun. Die Ermittlungen laufen schleppend an. Die Kommunikation über die Zonengrenzen hinweg ist mühsam. Zeugen und Täter sind schwer auffindbar. Nicht wenige haben in den letzten Kriegswirren ihre Identität gewechselt. Andere sich reingewaschen. In Nürnberg wird NS-Ärzten der Prozess gemacht – wegen Mordes und Zwangssterilisation. Könnte das eine Spur sein?

Jürgen Heimbach wurde 1961 in Koblenz geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie in Mainz, arbeitete als Regieassistent am Theater Mainz. Er organisierte Theaterfestivals und Ausstellungen und ist als Redakteur bei 3sat und ZDFkultur beschäftigt. Jürgen Heimbach ist Autor zahlreicher Kurz-Krimis und Kriminalromane. Zuletzt erschien 2012 von ihm der Kriminalroman „Unter Trümmern“ im Pendragon Verlag.

„Unter Trümmern“ ist eine detaillierte und nachdenklich stimmende Bestandsaufnahme des Nachkriegsdeutschlands. Ein packendes, zeithistorisches Werk.
KrimiCouch, Jörg Kijanski

Jürgen Heimbach

Alte

Feinde

Für meine Eltern

Oktober 1939

Die Kälte hatte sich in jede Falte seiner Haut hineingefressen. Sebastian rieb seine Hände kräftig aneinander, erhob sich vom Boden, trat in schneller Folge mit den Füßen auf der Stelle und bewegte seine Zehen dabei auf und ab. Die Nacht war sehr dunkel, nur die Umrisse einiger Bäume, dreißig oder vierzig Meter entfernt, konnte er erkennen. Die Stadt war nicht weit, aber wegen der Verdunkelungspflicht war kaum ein Licht zu sehen von den Häusern, in denen die Menschen schon lange schliefen, um am Morgen frisch zu sein. Für die Arbeit. Und für den Krieg.

Er hoffte, dass er an der richtigen Stelle wartete. Dem Brief war eine Zeichnung des Treffpunkts beigelegt gewesen, die Brücke, die Straße, die Baumgruppe etwas entfernt, das Gebüsch und der Fluss. Sebastian hatte sich umgesehen, es gab weit und breit keine andere Brücke, keine, über die die Eisenbahn fuhr, keine, an der die Straße so nahe vorbeiführte. Jedes Mal, wenn ein Zug die Brücke überquerte, bebte der Boden unter seinen Füßen.

Mit klammen Fingern versuchte er den Brief aus seiner Hosentasche zu ziehen. Sie waren so steif, dass er ihn kaum halten konnte. Als er das Papier endlich in den Händen hielt, entglitt es ihm und fiel auf den Boden. Hastig bückte er sich, um es schnell wieder an sich zu nehmen, damit es auf dem feuchten Boden nicht durchnässte und die Tinte verlief. Es war zu dunkel, um die Buchstaben zu erkennen, aber Sebastian brauchte kein Licht. Er hatte den Brief in den letzten Tagen wieder und wieder gelesen, so oft, dass er ihn nun auswendig kannte.

Aber das Papier in seinen Händen gab ihm Sicherheit und machte ihm klar, dass er keinem Hirngespinst hinterherlief.

Mein geliebter Sohn,

So hatte keiner der anderen Briefe begonnen. Sie hatten keine Anrede gehabt, waren knapp, kühl fast und das Deutsch holprig und voller Fehler.

das ist der letzte Brief, den ich Dir schreiben werde. Mein Freund Jean-Luc aus der Schweiz, den Du bald kennen lernen wirst, hat ihn übersetzt, damit Du nichts falsch verstehst. Mein Deutsch ist nach all den Jahren nicht mehr so gut. Und ich möchte auch nicht, dass Du am Ende über mich und meine Fehler lachst.

Ich bin sehr aufgeregt, Dich bald zu sehen und in meiner Nähe und in Sicherheit zu wissen. Seltsam, dass ich aufgeregt bin. Als Soldat habe ich gelernt, meine Gefühle zu unterdrücken. Das musste ich tun, weil ich an Sondereinsätzen hinter den feindlichen Linien teilgenommen habe.

Ich lese aus Deinen Briefen eine große Wut auf Deine Mutter heraus. Ich würde Dir jetzt gerne viel Gutes über sie schreiben, aber damit warte ich, bis Du hier bei mir in Frankreich bist und ich es Dir von Angesicht zu Angesicht selbst erzählen kann. Aber ich bitte Dich: Sei nicht wütend auf sie!

Ich habe das Bild von Dir, das Du mir geschickt hast, neben meinem Bett liegen. Es ist das Letzte, das ich sehe, bevor ich einschlafe, und das Erste, wenn ich aufwache.

Viele Jahre habe ich nicht an Dich gedacht. Wie auch, ich habe Dich ja nie gesehen. Erst Deine Briefe haben all die verschütteten Erinnerungen wieder hervorgerufen. Zuerst wollte ich es nicht glauben, nach Deinem ersten Brief, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Dich tatsächlich gibt, einen Menschen aus Fleisch und Blut, mit einem Herz und einer Seele, das auch mein Herz und meine Seele und mein Blut ist. Und dann habe ich mir vorgestellt, was diese Nazis mit Dir machen, diese Tiere in ihren braunen Uniformen. In dem Éclair-Journal, so heißen bei uns die Wochenschauen, sehe ich mir das jede Woche im Kino an. Und ich glaube, dass es in Wirklichkeit noch viel schlimmer ist. Viel schlimmer wie damals, als ich gegen die Boches gekämpft habe. Ich habe das Töten gelernt und viele Männer getötet, lautlos, ohne Erbarmen. Ich habe gelernt gut zu töten, sie langsam sterben zu lassen, sie zu quälen. Es hat mir nichts ausgemacht. Es hat mich hart gemacht.

Vielleicht kann ich jetzt etwas gutmachen, wo ich in meinem Leben so viel falsch gemacht habe.

Sebastian hätte gerne gewusst, wie spät es war, wie lange er noch warten musste, bis der Unbekannte kam, der ihn mitnehmen würde. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass der Kontakt zustande gekommen war und dass er diese zweite Chance erhielt. Der erste Versuch, aus Deutschland zu fliehen, war gescheitert. Sie wollten sich an der Grenze zu Frankreich treffen. Doch dann brach der Krieg aus, Frankreich und England erklärten dem Deutschen Reich den Krieg, und das Grenzgebiet zu Frankreich wurde zum Sperrgebiet. Sein … Vater … hatte es organisiert. Es war ihm noch immer seltsam, dieses Wort zu denken, da er diesen Menschen in fünfundzwanzig Jahren nie kennen gelernt hatte und er noch nicht einmal wusste, wie er aussah. Der Schweizer, sein Geschäftsfreund, würde ihn dort in Sicherheit bringen.

Zwei Jahre war es her, dass er den letzten Brief von seiner Mutter bekommen hatte, der Brief, der alles veränderte.

Wenn er sich konzentrierte, konnte Sebastian den Fluss hören, das leise Plätschern der Wellen gegen die Ufersteine. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in seine Hose und rieb seine Hände wieder aneinander. Vielleicht wäre er doch besser noch einmal zu Hause vorbeigefahren, auf den Hof der Großeltern, um sich wärmere Sachen anzuziehen und etwas Essbares einzustecken, eine Mohrrübe, ein Stück Brot. Aber er hatte befürchtet, dass sie dort auf ihn warteten. Also hatte er das Fahrrad, das neben der Poststation stand, genommen und war losgefahren. Durch den Wald, nicht auf der Straße. Er hatte einen guten Orientierungssinn. Bei jedem verdächtigen Geräusch hatte er sich versteckt. Wenn er doch mal eine Straße benutzen musste, hatte er seine Mütze tief ins Gesicht gezogen, damit man ihn nicht erkennen konnte. Seine dunklere Haut fiel nicht sofort auf, das krause Haar war verdächtiger. Die Bewegung beim Radeln war gut gegen die Kälte gewesen, nur die Finger, die regungslos auf den Lenkergriffen gelegen hatten, waren bald steif geworden und hatten geschmerzt. Immer wieder hatte er anhalten müssen, um sie in die Hosentaschen zu stecken. Getrunken hatte er Wasser aus den Bächen im Wald. Am ersten Tag war der Hunger noch erträglich gewesen. Die letzte Nacht hatte er auf einem Hochsitz verbracht, geschützt vor Wildschweinen und anderem Getier und vor dem Wind, aber nicht vor der Kälte. Er hatte sich in eine Ecke gekauert, die Knie angezogen und gewartet, dass es Tag wurde. Dann hatte er sich wieder auf das Fahrrad gesetzt und war weiter gefahren. Je näher er der Stadt kam, desto gefährlicher wurde es. Der Verkehr nahm zu, der Wald wich Äckern und weiten Rebenfeldern mit freiem Blick. Auf den Straßen sah er die Militärlaster, die nach Westen, an die Front, fuhren.

Aber er hatte es geschafft, ohne ein einziges Mal angehalten zu werden, bis zu dem Punkt, der in dem Brief beschrieben war.

Die Kälte kroch immer tiefer in Sebastians Körper hinein. Beweg dich!, forderte er sich selbst auf und begann erneut die kleine Runde zu laufen, hinter dem Gebüsch, das ihn vor Blicken von der Straße schützte. Er zählte die Schritte, bis er eine Runde vollendet hatte. Zwölf, das nächste Mal dreizehn, er machte große Schritte, da waren es elf. Der Hunger wurde immer unerträglicher. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis dieser Schweizer kam. Bestimmt hatte der Wasser im Auto und ein Stück Brot, das wenigstens den schlimmsten Hunger lindern würde.

In der Schweiz, hatte Erich ihm erzählt, gäbe es die beste Schokolade der Welt. Erich hatte ihm von der Welt erzählt, von den Ländern, in denen es anders zuging als in Deutschland. Von Frankreich, von England und Amerika hatte er ihm erzählt. Hatte ihm Bücher gezeigt, die verboten waren, die verbrannt wurden. Hinter einer Mauer seiner Wohnung hatte er ein geheimes Regal. Das ist die wahre Welt, komm, ich zeige sie dir, Sebastian, hatte Erich gesagt, und die Bücher, die dort standen, ehrfürchtig in die Hand genommen und ihm dargeboten. Namen, die Sebastian noch nie gehört hatte: Klaus Mann, Julien Green, André Gide, Jean Cocteau. Erich hatte ihn gebeten, nein, beschworen, sich die Namen zu merken, Namen, die ihn in eine neue Welt führten, wenn er sie las, ein anderes Leben, jenseits des dunklen Deutschlands. Ob er denn wisse, was sein Name bedeute, hatte Erich ihn einmal gefragt und gelächelt. Ein römischer Soldat und ein Heiliger, ein Märtyrer sei Sebastian gewesen, ein attraktiver Jüngling, wenn man den Bildern glauben durfte.

Sebastian wollte jetzt aber nichts von Heiligen und Märtyrern und Büchern wissen, er wollte die Schokolade, von der Erich erzählt hatte. Er stellte sich Berge von Schokolade vor. Mit Nüssen oder Mandeln, kräftige dunkle Schokolade, so wie Erich es ihm erzählt hatte. Sogar eine dreieckige Schokolade gäbe es in der Schweiz, hatte er gesagt, wie kleine Berge sähe die aus.

Aus der Ferne hörte Sebastian einen Motor. Ob das schon der Schweizer war? Es war noch viel zu früh, der Himmel schwarz. Er hockte sich hin und wartete. Das Motorengeräusch wurde lauter und kam näher. Der schwache Lichtkegel der abgedunkelten Scheinwerfer zeigte genau auf ihn. Dann flog er vorbei und das Motorengeräusch verebbte langsam in der Ferne.

Vorsichtig erhob sich Sebastian hinter dem Busch, trat einen Schritt nach vorne und blickte dem davonfahrenden Wagen nach. Die roten Rücklichter waren kaum mehr zu erkennen und verschmolzen bald mit dem Schwarz der Nacht.

Sebastian setzte seine Runden um den Busch fort. Elf weite Schritte, zwölf normale, dreizehn, gar vierzehn, wenn er trippelte. Und so fort. Drei weitere Runden. Zwölf, elf, dreizehn. Immer wieder. Er rechnete. Elf Schritte gleich elf Meter mal vierzig Runden, das macht vierhundert Meter. Vom Hof bis in das Dorf waren es drei Kilometer. Er musste also das Ganze fast zehnmal wiederholen … Er rechnete, sieben und einhalbmal, dann hätte er die drei Kilometer geschafft.

Mit einer Hand vergewisserte er sich, dass sich der Brief noch in seiner Hosentasche befand.

Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, hast Du noch drei oder vier Tage Zeit. Jean-Luc wird am 10. Oktober in Deutschland sein. Er hat einen Termin mit einem Geschäftsfreund in Mainz und wird dort übernachten. In den Morgenstunden des 11. Oktober wird er Dich abholen. Es ist schon so lange her, dass ich in Mainz gewesen bin. Deshalb habe ich die Straßen und Orte nicht mehr in Erinnerung. Aber ich weiß, dass es im Norden der Stadt eine Eisenbahnbrücke gibt, die damals Kaiserbrücke hieß. Über den Rhein. Eine Straße führt daran entlang und da sind Bäume und Sträucher. Ich habe mich einmal mit Deiner Mutter dort getroffen, kurz bevor ich nach Frankreich zurück musste. Etwa fünfzig Meter rechts von der Brücke gab es ein dichtes Gebüsch. Versteck Dich dort und warte auf Jean-Luc. Er wird anhalten und dreimal Gas geben. Dann erst kommst Du aus deinem Versteck. Er wird Dich in seinem Auto verstecken und in die Schweiz bringen, wo Du in Sicherheit bist. Ich werde dort auf Dich warten.

Schau Dir die Zeichnung am Ende des Briefes genau an. Und pass auf, dass kein Mensch außer Dir den Brief liest. Präge Dir die Stelle, wo Jean-Luc dich treffen wird, gut ein und zerreiße den Brief dann in viele kleine Stücke, oder noch besser, verbrenne ihn.

Ich umarme Dich, mein Sohn. Pass auf Dich auf. Es sind nur noch wenige Tage, dann bist Du in Sicherheit vor den Boches.

Dein Vater

Warum hatte Weller ihm den Brief nicht einfach gegeben? Wie immer hatte der Postmann ihn beschimpft. Nur weil er anders war. Die dunklere Haut. Die Locken. Einen Bastard schimpfte Weller ihn. Eine Schande und Schmach. Dabei war er doch Deutscher. Es hatte sogar in seinem Pass gestanden. Und Weller? Der, ja der hatte doch gar nichts von einem Arier! Er war nicht groß, er hatte dunkle Haare und einen Bauch. Wenn er auf seinem Fahrrad die Post ausfuhr, dann schwitzte und keuchte er.

Bei ihrer letzten Begegnung in der Poststation war er besonders grausam gewesen. Weller hatte den Brief nicht herausrücken wollen. Fast so schlimm wie damals, bei dem letzten Brief seiner Mutter, in dem die ihm schrieb, dass sie nicht mehr leben würde, wenn er den Brief in den Händen hielt. Damals hatte Weller gelacht und gesagt, dass man Hurenpost nicht ausliefern darf. Dann hatte er den Brief an seine Nase gehalten, tief die Luft eingesogen und „Hurenparfüm“ gerufen. Und dabei so einen lüsternen Glanz in den Augen gehabt. Dieses Mal hatte er noch bösere Sachen gesagt. Dass Sebastian bald abgeholt werden würde. Dass man ihm etwas abschneiden würde. Schnipp, schnapp, hatte er immer wieder ausgerufen und dabei mit Zeige- und Mittelfinger vor seiner Hose eine Scherenbewegung gemacht. Gelacht hatte er dabei. Und gesagt, dass er den Brief nicht mehr bräuchte. Er würde bald auf seine letzte Reise gehen. Wie der Erich. Und wieder hatte er gelacht. Sebastian hatte genau gewusst, was dann kam. Vorne „Er“, hinten „ich“. Tausendmal schon hatte er den Spruch von sich gegeben. Und trotzdem lachte Weller, als hätte er ihn zum ersten Mal gehört.

Sebastian hatte den Brief gefordert. Ein leichtes Kopfschütteln war die Antwort. Hurensöhne, hatte Weller erwidert, die haben keinerlei Anrecht auf Briefe. Und so weiter und so fort. Aber er brauchte den Brief. Sein Vater hatte ihm in seinem letzten Brief angekündigt, dass er mit dem nächsten Geld schicken und einen Treffpunkt nennen würde. Er müsste sich bereithalten. Der Schweizer hatte den Brief in Luzern übernommen und warf ihn dann in Stuttgart in den Briefkasten. Das war unauffälliger. Genau der Brief, den Weller in seinen Händen hielt. Doch Weller wollte ihn nicht herausrücken. Lachte stattdessen, machte seine schalen Witze, zeigte seine schlechten Zähne, und da verlor Sebastian die Beherrschung und stürzte sich auf den Mann, schlug zu, so heftig, dass Weller sofort umfiel und zu schreien begann. Sebastian war kräftig durch die Arbeit auf den Feldern der Großeltern. Er schlug noch einmal zu und noch einmal, bis Weller aufhörte zu schreien, dann schnappte er sich den Brief. Dabei starrten ihn Wellers aufgerissene Augen leblos an.

Er hatte den Postmann getötet, erschrak Sebastian. Er bückte sich zu ihm herunter und stieß ihn an, aber er bewegte sich nicht. Er hielt sein Ohr an Wellers Nase. Er spürte keinen Luftzug.

Hastig sah er sich um, dann riss er den Brief aus Wellers Hand und rannte nach draußen, riss den Briefumschlag auf. Das ging so einfach, dass es den Anschein hatte, als wäre er gar nicht richtig verschlossen gewesen, als hätte Weller ihn schon geöffnet gehabt.

Ja, da stand es. Nach Mainz sollte er. Da würde ihn Jean-Luc aus der Schweiz abholen. Ein Ort stand da. Eine Wegbeschreibung. Und eine Zeichnung. Aber kein Geld. Hatte er vergessen es beizulegen? Oder hatte Weller den Brief schon geöffnet und das Geld eingesteckt?

Sebastian lief zurück. Der Postmann lag noch genauso da wie vorhin. Sebastian zögerte einen Moment, dann kniete er sich neben den Mann und durchwühlte dessen Hosentaschen. Nichts. Außer ein paar Reichsmark in Münzen fand er kein Geld.

Er rannte nach draußen, um die Ecke, wo das Fahrrad des Postmanns an der Wand lehnte. Er schwang sich darauf und fuhr los, fasste mit einer Hand in seine Hosentasche, um zu prüfen, ob er den Brief auch tief genug hinein geschoben hatte.

Sowie er das Dorf hinter sich gelassen hatte, verließ er die Straße und bog auf einen Waldweg ab. Er trat so heftig in die Pedale, dass er nach wenigen Kilometern anhalten und durchatmen musste.

Er dachte an seine Mutter. Konnte er ihr böse sein? Sie hatte nicht gewollt, dass sie das mit ihm machten. Es war ihr neuer Mann, hatte sie geschrieben, in ihrem letzten Brief. Der habe sie gezwungen, dass sie mit ihm zu dem Arzt ging. Warum sie ihm nachgegeben hatte, konnte sie ihm nicht erklären. Seit das andere Kind da war, sein Halbbruder, ließ der neue Mann sie links liegen, beachtete sie nicht mehr. Sie konnte nicht länger mit dieser Schuld leben, hatte sie geschrieben. Aber warum war sie nicht zu ihm gekommen? Zu ihren Eltern? Sie hätten doch zusammen auf dem Hof leben können?

Sebastian hielt im Laufen um den Busch inne. Er war müde. Der Hunger. Der Durst. Das viele Herumgehen. Die Angst. Ein Zug überquerte die Brücke. Das gleichmäßige Rattern hatte etwas Beruhigendes. Unter seinen Fußsohlen spürte er das leichte Beben des Bodens.

Erich war weg. Im Dorf sagten sie, dass er verreist war. Aber Sebastian glaubte das nicht. Erichs Mutter lag noch immer in der kleinen Wohnung über dem Laden, krank, unfähig aufzustehen. Erich hätte sie nie alleine gelassen. Er wäre nie weggefahren, ohne ihm, Sebastian, Bescheid zu sagen. Einmal hatte er ein Gespräch zwischen zwei Waldarbeitern belauscht. Er saß auf einem Baum, hatte sich da oben zwischen den dichten Ästen versteckt, weil er die anderen Jungs aus dem Dorf gehört hatte. Er wollte nicht schon wieder Streit, bei dem er doch nur den Kürzeren zog. Sie waren viele, er alleine. Sie trugen ihre HJ-Uniformen, er seine kurze Hose. Volksschädling nannten sie ihn, Reinigung forderten sie, wenn sie ihn wieder schlugen, den Bastard, die Schande, die Schmach. Auf dem Baum blieb er sitzen, auch nachdem die Jungs schon weitergezogen waren, und bald kamen die Waldarbeiter und ließen sich genau unter ihm zur Mittagspause nieder, packten ihre Brote aus und öffneten die Flaschen mit dem Bier, redeten. Auch über Erich. Dass die Schwuchtel jetzt in einem Lager wäre. Mit den Juden, den Asozialen, den Kommunisten. Richtig, dass aufgeräumt werde, so einer habe im Dorf nichts zu suchen, man müsste ja Angst um seine Kinder haben. Aber um seine Mutter habe er sich gekümmert, warf der andere ein, ja, das habe er, stimmte der Erste zu. Aber mit dem Bastard habe man ihn oft gesehen, der würde auch bald ins Lager kommen, so welche gehören ins Lager, sagte er, und der andere widersprach, dass er doch niemandem etwas tue. Darauf stießen sie ihre Flaschen gegeneinander und Sebastian hielt den Atem an.

Seit dem Tag wusste er, dass sie ihn abholen würden. Bis dahin hatte er die Angebote seines Vaters, nach Frankreich zu fliehen und bei ihm zu leben, abgelehnt. Er wollte seine Großeltern nicht alleine lassen, aber seit diesem Tag auf dem Baum war die Angst größer.

Dreißig Runden war Sebastian gelaufen, nun konnte er nicht mehr. Er setzte sich auf den Boden, lehnte sich an einen der dünnen Äste des Buschs. Er schloss die Augen. Das Plätschern der Wellen schläferte ihn ein. So nahe am Boden waren sie viel klarer als vorher zu hören. Darüber nickte er ein. Das Zittern des Bodens weckte ihn. Wieder ein Zug. Dieses Mal fuhr er sehr langsam, bremste laut, fuhr wieder an. Sebastian meinte die Last zu spüren, die die Lokomotive zu ziehen hatte.

Er öffnete seine Augen. Der Nachthimmel war aufgerissen, helle Flecken zeigten sich zwischen den dunklen Wolken.

Mühsam erhob er sich, mit den steifen Gliedern war das nicht einfach. Das tiefe Dröhnen eines Lastwagenmotors näherte sich. Sebastian ging schnell in die Hocke und wartete, bis der Wagen an ihm vorbeigerumpelt war.

In den nächsten Minuten kamen noch zwei Autos, keiner der Fahrer machte Anstalten anzuhalten. Sebastian überlegte, dass der Schweizer bald kommen musste, wenn er kurz vor Anbruch des Tages von seinem Hotel losfahren wollte.

Er lauschte, aber es blieb still. Er stieß sich mit den Händen vom Boden ab. Selbst das schmerzte mit den kalten Fingern. Kein Auto, kein Mensch, er streckte sich, umschlang mit den Armen seinen Oberkörper und schlug sich mit den Handflächen auf den Rücken. Er dachte an die Schokolade, von der Erich gesprochen hatte. Er stellte sich vor, dass der Wagen, der gerade vorbeifuhr, voller dreieckiger Schokolade wäre. Und er dürfte sich davon nehmen, so viel er tragen konnte. Ein Traum, aus dem ihn das tiefe Horn eines Rheinschiffes riss.

Er nahm seinen Lauf um den Busch erneut auf. Zählte seine Schritte, schaffte die Umrundung einmal sogar mit zehn, aber das strengte ihn zu sehr an. Zwölf waren genau richtig. Einmal, zweimal, fünfmal, zehnmal lief er um den Busch, mal etwas schneller, dann wieder langsamer, aber immer zwölf Schritte.

Er konnte lange und ausdauernd laufen. Und schnell. Nur deshalb war er den Jungs aus dem Dorf meist entwischt, wenn sie ihm nachgestellt hatten. Aber wehe, sie erwischten ihn. Anfangs schubsten sie ihn nur herum, boxten ihm ins Kreuz und an die Brust. Aber mit der Zeit nahm ihre Brutalität zu, sie schlugen ihm ins Gesicht, erst mit der flachen Hand, dann mit der Faust. Einmal hatte Horst, der brutalste von ihnen, die anderen aufgefordert, ihn auf den Rücken zu legen und an den Händen und Füßen festzuhalten. Dann hatte sich Horst über sein Gesicht gestellt und auf ihn gepinkelt. Sie hatten gelacht. Laut und böse. Brause für den Bastard, hatten sie gegrölt.

Danach war er noch lange liegengeblieben. Die Jungen waren schon längst abgezogen. Er schämte sich und fühlte sich so erniedrigt, dass er Rache schwor. Bis dahin hatte er sich damit zurück gehalten. Aber das war zu viel. Einmal traf er Horst im Wald alleine an. Abends, kurz vor dem Dunkelwerden. Da hatte er ihn von hinten gepackt und in den Schwitzkasten genommen, so dass Horst seinen Kopf nicht bewegen konnte. Er hat ihn tief in den Wald geschleppt und an einen Baum gefesselt. Die ganze Nacht und den nächsten Tag stand Horst an dem Baum. Sebastian war nicht sofort nach Hause gegangen. Er war nur hinter einer kleinen Anhöhe verschwunden und wartete, bis es völlig dunkel war. Der Mond schien hell in dieser Nacht, aber bis zum Waldboden unter den dicht bewachsenen Baumkronen drangen seine Strahlen nicht. Und Sebastian schlich sich an Horst heran und machte ihm Angst. Er ahmte Tiere nach, das Fauchen von Katzen, das Schaben der Wildschweine im Waldboden. Horst schrie und Sebastian hoffte, dass er sich vor Angst in die Hose machte.

Am nächsten Tag pirschte sich Sebastian von hinten an ihn heran und löste die Fesseln. Bevor Horst begriff, was geschah, war er schon wieder verschwunden und beobachtete, wie der andere sich langsam von dem Baum löste und an seiner Hose herunterblickte. Nun war Sebastian sicher, dass Horst die Hosen voll hatte.

In den nächsten Wochen geschah nichts und Sebastian nahm an, dass Horst der Vorfall so peinlich war, dass er seinen Freunden nichts davon erzählt hatte. Aber die zweimal, die sie sich noch sahen, sprühten seine Blicke reines Gift, und das war genau die Genugtuung, die Sebastian brauchte, um die eigene Schmach zu ertragen.

Die Wolkendecke war mittlerweile weiter aufgerissen. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei, dazwischen rumpelte ein Zug über die Brücke, die Wellen schlugen vernehmlich gegen das Ufer, wenn ein Schiff vorüberfuhr, und Sebastian träumte weiter von Schokolade, in fester und flüssiger Form. Er überlegte, ob er an den Rhein schleichen sollte, um etwas Wasser zu trinken, aber er wollte jetzt warten, wo der Schweizer doch jeden Augenblick kommen konnte.

Wieder näherte sich ein Wagen, Sebastian ging automatisch hinter dem Busch in Deckung, wartete, dass das Auto vorbeifuhr. Aber dieses verlangsamte die Geschwindigkeit. Sebastian versuchte durch die Blätter zu linsen und etwas zu erkennen, aber der Wagen fuhr weiter.

Nun kam ein Auto aus der anderen Richtung. Er konnte deutlich hören, dass es langsamer wurde, dann hielt es an, genau vor dem Gebüsch, genau vor ihm.

Nichts geschah. Nur der Motor lief. Dann wurde ein erstes Mal Gas gegeben, ein kurzer Stoß. Dann ein zweiter und schließlich, mit kurzer Verzögerung, ein dritter. Genau wie es in dem Brief stand. Aber Sebastian konnte sich nicht aufrichten. Etwas ließ ihn in seiner gekrümmten Haltung verharren. War es Angst? War es Furcht vor dem letzten, dem entscheidenden Schritt?

Eine Autotür wurde geöffnet. Behutsam erhob sich Sebastian nun, atmete noch einmal durch. Er wusste, dass er keine Wahl hatte. Wenn er raus aus Deutschland wollte, in Sicherheit, zu seinem Vater, dann musste er diesen Schritt jetzt wagen.

Sebastian trat aus dem Gebüsch. Er musste kleine Schritte machen, konnte seine Beine kaum bewegen.

Dort stand das Auto, ein Mercedes, und vor dem Wagen ein Mann, groß gewachsen, blonde Haare. Steif stand er da, mit durchgedrücktem Rücken, wie ein Soldat. Sebastian bekam Angst. Was, wenn das eine Falle war? Wenn Weller den Brief doch gelesen hatte? Wenn er doch nicht tot war?

Sebastian blickte zu dem Wagen. Ein elegantes Auto. Fuhr man so elegante Autos in der Schweiz? Ihm fiel auf, dass die hinteren Fenster mit Vorhängen zugezogen waren.

Der Mann lächelte. „Sebastian?“, fragte er.

Der Junge nickte.

„Komm, ich bringe dich hier weg!“

Hatte er da so einen Unterton gehört? Weg, wie klang das? Wie … wegmachen …

Zitternd vor Angst und Kälte ging er auf den Mann zu, der neben die hintere Tür getreten und seine rechte Hand auf den Türgriff gelegt hatte.

„Beeil dich!“ Es klang wie ein Befehl.

Sowie Sebastian das Auto erreicht hatte, zog der Mann die hintere Tür mit einem schnellen Ruck auf. Sebastian beugte sich vor, um ins Innere zu schauen, doch plötzlich bekam er von hinten einen Stoß versetzt. Er fiel unsanft auf die Rückbank. Dort saß schon ein Mann, der ihn ängstlich anstarrte.

Der Mann, der ihn gestoßen hatte, drängte sich neben ihn und schlug ihn mit der Faust auf die Schläfe. Sebastian kippte zur Seite.

„Fahr los!“, rief der Mann nach vorne. Sofort richtete sich dort jemand auf und zwängte sich hinter das Lenkrad.

„Da wollte der schwarze Mann doch tatsächlich unser schönes Deutschland verlassen“, erklärte der neben Sebastian zynisch und lachte. Der Fahrer fiel in das höhnische Gelächter ein, legte den Gang ein und fuhr los.

März 1947

I

Von Ferne leuchtete in der dunklen Straße schwach die einzige intakte Laterne. Ihr nebelhafter Lichtschein verlor sich auf der Oberfläche des Wassers, das sich auf den zerklüfteten Mauerresten einer Ruine gesammelt hatte. Der kalte Wind brach sich an dem Gemäuer zu einem sirrenden Geräusch. Paul Koch zog seinen Hut tiefer in die Stirn und überquerte mit gebeugtem Rücken die Straße. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, hatten die Mantelkragen hochgeschlagen und gingen mit eingezogenen Schultern und schnellen Schritten meist auf der Mitte der Straße, um nicht von herabstürzenden Mauerteilen getroffen zu werden.

Zwei Frauen wichen schnell zur Seite aus, kurz bevor sie ihn erreicht hatten. Er ignorierte ihre lauernden Blicke. Auf dem Rücken und vor ihrer Brust trugen sie in alten Armeerucksäcken ihre Beute. Die Größere der beiden hielt einen dicken Ast in der Hand. Heute Nacht würde er ihr ein wenig Wärme spenden. Jetzt war er eine veritable Waffe. Koch blickte an ihnen vorbei.

Kurz darauf bog er auf den Neubrunnenplatz ein. Der Wind trieb ihm Brandgeruch in die Nase. Er fragte sich, ob das zwei Jahre nach dem Krieg nur Einbildung war, so wie man nach einem längeren Aufenthalt auf dem Meer noch lange glaubte, dass der Boden unter den Füßen schwanke. Irgendwo rief eine Mutter ihr Kind, dann war es wieder ruhig, bis das tiefe Röhren eines französischen Militärlasters ertönte und langsam in Richtung Rhein verebbte.

Im Bleichenviertel wurde Koch durch das Aufheulen eines Hundes jäh aus seinen Gedanken gerissen, ein jämmerlicher, kurzer Hilferuf, der sogleich erstarb. Koch beschleunigte seine Schritte und hatte bald das Capitol, das alte Kino in der Bleiche, erreicht, in dessen notdürftig hergerichtetem Vorführsaal im letzten Herbst schon wieder Filme gezeigt worden waren. Mit Dorle hatte er sich das Drama „Le voile bleu“ angeschaut, einen französischen Film, der im Original gezeigt wurde, die rührselige Geschichte um ein Kindermädchen, das sich bei der Erziehung fremder Sprösslinge aufreibt.

Immer noch besser als die alten UFA-Filme, die auch wieder gezeigt wurden. Dennoch hatte Koch Dorles Vorschlag ins Kino zu gehen befremdlich gefunden. Keine zwei Jahre war es her, dass in Europa ein grauenvoller Krieg gewütet hatte, und er sollte ins Kino gehen, als sei nichts gewesen. Aber das war ja diese allgemeine Stimmung, die ihn so anwiderte, das Verdrängen und Vergessen und sich selbst als Opfer fühlen. Trotzdem überkam ihn Wehmut bei dem Gedanken an Dorle. Ihre Hand, die in der Dunkelheit erst seine gesucht und die dann ihren Kopf auf seine Schulter hatte sinken lassen. Das Ende des Films hatte er verpasst, so innig hatten sie sich geküsst. Es hatte einige Bemerkungen von den umliegenden Sitzen gegeben. Ihnen war es egal gewesen.

Koch sah auf seine Uhr. Halb sieben. Er war spät dran. In der Nähe der Kaiserstraße blieb er vor einem rußgeschwärzten Haus stehen, von dem nur das Erdgeschoss und die erste Etage erhalten waren. Eine Straßenlaterne spendete etwas Licht. Er sah sich um. Kein Mensch in der Nähe. Er war irritiert über diesen Reflex. Er tat nichts Illegales, dennoch war es ihm lieber nicht gesehen zu werden. Das schmale Fenster im Erdgeschoss war mit einem Brett vernagelt. Mit ungelenker Schrift hatte jemand „Metzgerei Jäger“ auf das ausgeblichene Holz gepinselt. Koch starrte die Schrift an und fragte sich, wie oft schon versucht worden war, das Holz aus der Halterung zu brechen, um in den Besitz von Brennmaterial für ein oder zwei Stunden zu kommen. Er blickte noch einmal die Straße rauf und runter, nur am Ende konnte er auf dem breiten Mittelstreifen mit den abgeholzten Baumstämmen einen einsamen Spaziergänger erkennen. Mit seiner behandschuhten Faust klopfte Koch gegen das Holz, aber nichts passierte. Er klopfte ein weiteres Mal, nun fester.

„Sind Sie verrückt?!“

Koch schrak zusammen. Aus einem schmalen Spalt rechts lugte ein Kopf hervor. Ein Augenpaar funkelte ihn wütend an.

Koch atmete durch und ging langsam die wenigen Schritte zu dem Mann herüber.

„Reuber schickt mich“, flüsterte er, und fragte sich, warum er sich wieder so konspirativ verhielt.

„Quatschen Sie nicht so viel! Kommen Sie!“

Für einen kurzen Moment trat der Mann ganz aus dem Eingang hervor. Koch war erstaunt über dessen massige, kräftige Figur. In seiner linken Hand hielt er lässig eine Eisenstange.

„Machen Sie schon!“ Mit einer energischen Bewegung seines Kopfes unterstrich der Mann seine Aufforderung und verschwand sogleich in dem schmalen Einlass.

Koch überlegte, ob das eine Falle war. Der Mann wirkte nicht Vertrauen erweckend, dennoch folgte er ihm. Sofort umfing ihn Dunkelheit, die ihn blind vorwärts stolpern ließ, bis er erst das Zuschlagen der Tür und dann die Stimme des Metzgers hinter sich hörte. „Weiter!“, zischte der und drängte sich an Koch vorbei in das Haus. Trotz der Dunkelheit bewegte sich der Mann völlig sicher. Der schmale Gang endete in einem großen Raum. Eine Gaslaterne gab Koch nun ein wenig Orientierung. Der Metzger stand wenige Meter von ihm entfernt an einer Treppe, die in den Keller führte. Koch meinte zu sehen, dass dem Mann der rechte Arm fehlte.

„Warten Sie hier!“, befahl er barsch, ohne sich nach seinem Besucher umzuschauen und verschwand in den Abstieg.

Koch sah sich um. Über dem Raum fehlte ein Teil der Decke, so dass der Blick in den Nachthimmel und auf einige vereinzelte Sterne freigegeben war.

Zwei oder drei Minuten stand er dort, bis ein Geräusch in seinem Rücken ihn aufschrecken ließ. Geistesgegenwärtig drückte er sich an ein vorstehendes Mauerstück. Erst erkannte er einen dünnen Lichtstrahl, dann vernahm er Schritte auf dem losen Untergrund. Langsam wanderte der Lichtstrahl an ihm vorbei. Koch hielt den Atem an, drückte sich noch fester gegen die Wand. Er spannte seinen Körper an, um abwehrbereit zu sein, wenn er entdeckt würde.

Er fluchte innerlich, dass er sich auf den Vorschlag seines Kollegen Gerhard Reuber eingelassen hatte, sich bei diesem Metzger Jäger noch etwas Wurst für die Feier an diesem Abend zu besorgen. Zwar gegen einen Abschnitt seiner Lebensmittelkarte, also offensichtlich legal, aber dennoch erschien ihm dies alles zu merkwürdig, als dass es völlig rechtens sein konnte. Es wäre zu dumm, wenn er sich als Kommissar der Kriminalpolizei illegal Fleischwaren besorgen würde. Doch er wollte seinen Gästen etwas bieten, nicht nur von dem trockenen Brot und dem alten, schon harten Käse, von dem er noch einen kleinen Vorrat in seiner Wohnung bereithielt.

Vorsichtig trat er aus seiner Nische und konnte gerade noch erkennen, wie das Licht die Kellertreppe hinabwanderte, die der Metzger schon genommen hatte. Einige Sekunden später stand Koch auf der obersten Treppenstufe und blickte in das dunkle Loch, das sich unter ihm auftat. Mit seiner rechten Hand ertastete er ein Metallgeländer. Trotz der Handschuhe drang die Kälte bis zu seinen Fingern durch.

Er war die ersten drei oder vier Stufen hinabgestiegen, da ertönte aus dem Keller erst ein Schrei, dann ein Scheppern, als sei ein Eisenteil auf den Boden gefallen. Koch kniff seine Augen zusammen, aber die Dunkelheit vor ihm blieb undurchdringlich. Von unten drangen die Geräusche eines Kampfes zu ihm herauf.

„Du dumme Sau!“, hörte er die Stimme des Metzgers. „Glaubst wohl hier einbrechen zu können.“ Dann folgten wieder Kampfgeräusche, bis diese von einem erneuten Aufschrei abrupt beendet wurden.

Koch eilte, so schnell ihm das in der Dunkelheit möglich war, nach unten, dabei immer mit einer Hand Halt am Geländer suchend. Trotzdem rutschte er mit dem Absatz seines linken Fußes an einer beschädigten Stufe ab. Sofort meldete sich seine alte Verletzung. Koch atmete mehrmals tief durch, bis der Schmerz nachließ, dann stieg er weiter in den Keller hinab, nun die Stufen noch genauer vor jedem Tritt prüfend. Der schwere Geruch von Fleisch und Blut drang ihm in die Nase. Gerade hatte er die letzte Stufe verlassen, da näherte sich ihm ein Licht, in dessen Schein Koch einen Mann erkannte, der etwas Schweres über seiner Schulter trug. Als der Fremde ihn fast erreicht hatte, trat er vor.

„Bleiben Sie stehen!“, forderte er laut. Er hoffte auf den Überraschungseffekt, aber ohne in seiner Bewegung innezuhalten, stieß der Mann Koch mit seinem Rucksack auf die Treppe zurück, machte kehrt und verschwand in der Dunkelheit des Kellers. Koch benötigte einige Sekunden, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, trat mit seinem gesunden Bein den Rucksack zur Seite und machte sich an die Verfolgung. Er humpelte in die Dunkelheit, dabei tastete er sich mit seinen Händen vorwärts, um Hindernisse rechtzeitig zu erkennen.

Hinter sich hörte er das Stöhnen des Metzgers. Einen Moment lang war er versucht, dem Verletzten zu Hilfe zu eilen, doch nun hatte ihn das Jagdfieber gepackt und er setzte die Verfolgung des Eindringlings fort. Im Gehen zog er aus seiner Tasche ein Sturmfeuerzeug. Nach drei Versuchen glimmte endlich der Docht. Koch erkannte in dem schwachen Lichtschein einen langen Tisch, über dem von der Decke das Ende einer schweren, eisernen Gliederkette baumelte. Er stützte sich an der Kante des Tisches ab und horchte. Seltsam gedämpft glaubte er ein Geräusch zu hören, stolperte über eine Stufe und taumelte erschrocken zurück. In seinem Gesicht spürte er etwas Kühles und Feuchtes, das er mit seiner Berührung in Bewegung gesetzt hatte. Er riss seine Hände hoch, um seinen Kopf zu schützen, dabei ließ er das Sturmfeuerzeug fallen. Sofort herrschte völlige Finsternis um ihn. Langsam ließ er sich auf seine Knie niedersinken und suchte mit der flachen Hand den Boden ab. Nachdem er das Feuerzeug endlich zu fassen bekam, rieb er an dem Feuerstein, bis der Docht erneut glimmte, erhob sich und streckte die Hand mit dem Feuerzeug nach der Decke aus. Der dünne Lichtschein verfing sich in einer Reihe von gehäuteten Tierleibern, deren Fleisch seltsam rot glühte, und die sich sanft hin und her bewegten. Koch musste einen Würgereiz unterdrücken und wischte sich mit seinem Handschuh übers Gesicht, dann zog er den Kopf ein und eilte unter den Leibern hindurch in den nächsten Raum, wo er über einen Absatz stolperte und auf etwas Weiches fiel. Erneut dauerte es einige Sekunden, bis er das Sturmfeuerzeug gefunden und wieder entzündet hatte. Er saß auf einem Haufen achtlos ausgebreiteter Felle.

„Wo sind Sie denn?“, hörte er hinter sich erst die gedämpfte Stimme des Metzgers, dann das Zuschlagen einer Tür aus der Richtung, in die der Einbrecher geflohen war.

„Hier!“, rief Koch über seine Schulter zurück, während er eines der Felle in die Hand nahm und in den Schein des dünnen Feuerzeuglichtes hielt.

Der Kopf eines Hundes starrte ihm entgegen.

„Kommen Sie endlich!“ Die Stimme des Metzgers klang gereizt und ungeduldig.

Koch reagierte nicht auf den Zuruf, sondern legte das Hundefell zur Seite und hob nacheinander mehrere andere Felle auf. Neben den Schnauzen verschiedener Hunderassen erkannte er auch die Köpfe von Katzen. Unwillkürlich musste er an die aufgehängten Tierleiber in dem vorderen Raum denken.

Er blickte in die leeren Augenhöhlen eines Schäferhundes. Einen Augenblick später wurde er an der Schulter gepackt und hochgerissen.

„Machen Sie, dass Sie hier rauskommen!“, schnauzte ihn der Metzger an und schob ihn an den Tierleibern vorbei zu der Treppe. In der Hand hielt er die Eisenstange, sichtlich bereit, damit zuzuschlagen, wenn Koch sich widersetzen sollte.

„Was sind das …?“, setzte Koch an, aber der Mann gab ihm keine Zeit, den Satz zu vollenden. Er stieß Koch die Treppe hoch zu der Tür, die auf die Straße führte.

„Warten Sie hier!“, befahl er barsch und verschwand erneut, um kurz darauf mit etwas zurückzukehren, das in ein Stück Zeitungspapier eingewickelt war und das er Koch in die Hand drückte.

„Für Sie! Kostet Sie nichts. Kleines Dankeschön für Ihre Hilfe!“, sagte er und machte deutlich, dass für ihn damit das Gespräch beendet war und Koch verschwinden sollte.

Der ging nicht darauf ein. „Wer war der Mann?“, fragte er stattdessen und konnte jetzt die blutige Wunde an der Stirn des Metzgers erkennen.

„Fleischdieb“, war die einsilbige Antwort. „Passiert ständig. Wenn die Leute nichts zu fressen haben, werden sie zu Tieren.“

„Sind Sie verletzt?“

Der Metzger lachte. „Schramme. Mein ganzer Körper ist schon voll davon.“

Koch dachte einen Moment nach.

„Gehen Sie jetzt und grüßen Sie Reuber von mir.“

„Die Tiere da unten …“

„Kaninchen. Manchmal Wildschweine.“ Der Mann grinste Koch an und zwinkerte ihm zu.

„Die Felle …“

Der Metzger unterbrach ihn rüde. „In der Dunkelheit sehen die alle gleich aus. Für Laien wie Sie. Kommen Sie!“

Er schob Koch durch die Tür auf die Straße.

„Sagen Sie Reuber nichts. Wegen der Kaninchen und Wildschweine“, sagte er. Kochs skeptischer Blick war ihm im Schein seiner Lampe nicht verborgen geblieben. „Ist nicht ganz legal. Und der Herr Kommissar ist so genau. Wir wollen doch alle nur irgendwie überleben!“

Mit diesen Worten trat er zurück und schloss die Tür.

Koch sah auf das Papier in seiner Hand und musste unwillkürlich an die Tierleiber in dem Keller denken. Automatisch hielt er das Päckchen ein Stück weiter von sich weg, während er sich auf den Weg zu seiner Wohnung machte, wo schon bald seine Gäste eintreffen mussten.

Mit jedem Schritt wuchs das Ekelgefühl in ihm, und als ein kleiner, gefleckter Hund, der einen zerfetzten Lappen in seinem Maul trug, in der Nähe des Bahnhofs seinen Weg kreuzte, warf er das Päckchen auf das Grundstück eines zerbombten Hauses.

 

II

In seiner Wohnung stellte Koch befriedigt fest, dass es Strom gab und das Licht funktionierte. Dafür war das Zimmer völlig ausgekühlt, die Kohle, die er am Morgen noch in den Ofen gelegt hatte, niedergebrannt. Er zündete einige dünne Äste an, die er in Reserve hielt. So wie sie brannten, legte er zwei Holzscheite nach und blieb für mehrere Minuten vor dem sich langsam erwärmenden Ofen stehen. Mit einer Hand umfasste er einen kleinen Kessel, der auf der Heizplatte des Ofens stand. Es würde noch dauern, bis das Wasser kochte. Bis dahin wollte er seine Vorbereitungen abgeschlossen haben. Viel war nicht zu tun. Er warf die einzige Tischdecke, die er besaß, fleckig und steif, auf den niedrigen Tisch und kramte aus einer Kiste an der Wand zwei Flaschen Wein hervor. In der Küche, in der die Feuchtigkeit an der Wand den Putz fleckig erscheinen ließ, schnitt er den Käse, den er in einem Steinbehälter aufbewahrte, mit einem alten Militärmesser in kleine Stücke und verteilte sie auf einem Teller. Zusammen mit ein paar Scheiben Brot stellte er den Käse neben die Flaschen auf den Tisch. Er hatte gehofft, seinen Besuch mit etwas Schinken oder Fleischwurst überraschen zu können, aber das war ja kolossal schiefgegangen. Einen Moment überlegte er, ob es nicht zu überhastet gewesen war, das Paket wegzuwerfen.

Koch schob einen weiteren Scheit Holz durch die Luke des Ofens. Ein Funkenregen stob ihm entgegen. Den Rahmen des Fensters in dem nur karg möblierten Zimmer hatte er mit Papier zugestopft, um den Windzug wenigstens ein wenig einzudämmen. Vor der Scheibe hing eine graue Militärdecke voller Löcher.

Aus der Blechkanne auf dem Ofen entwich nun der Dampf kochenden Wassers in den Raum. Koch nahm einen dicken Lappen, umfasste den metallenen Henkel und goss das Wasser in einen Becher, auf dessen Oberfläche jetzt einige grüne Blätter schwammen. Der Geruch der Minze verteilte sich schnell im ganzen Raum. Vorsichtig umfasste Koch den Becher mit beiden Händen. Er hatte das Gefühl, dass die Wärme von dort seinen ganzen Körper durchströmte. Er trug noch immer seinen Mantel. Viele von den getrockneten Minzeblättern besaß er nicht mehr, aber er hoffte, dass nach diesem verfluchten Winter, der noch eisiger als der erste Nachkriegswinter war, der Frühling bald Einzug halten würde. In den vergangenen zwei Wochen war es nicht mehr so kalt gewesen wie die Monate davor, doch jetzt bescherte das Tauwetter weiten Teilen Deutschlands Hochwasser, wodurch sich die angespannte Versorgungslage weiter verschlechterte.

Es klopfte. Koch trank schnell noch einen Schluck, stellte den Becher ab und öffnete die Tür. Ein Mann, einen Kopf kleiner als er selbst, mit einem dunklen Schnurrbart, trat schnell ein. Vor seiner Brust trug er einen Karton.

„Warm haben Sie es, Koch“, stellte er fest und setzte den Karton vorsichtig auf dem Boden ab.

„Sie Witzbold“, antwortete Koch. „Sie kommen von draußen. Da kann man auf den Gedanken kommen, dass es hier drinnen warm ist. Lange hält das nicht.“

„Sie verheizen Ihr Treppenhaus?“, fragte der Ankömmling und deutete auf den Ofen.

„Das ist nicht witzig, Reuber“, antwortete Koch. Vor einiger Zeit, da hatte die Kälte sie noch fest im Griff, hatte jemand einzelne Holzdielen aus der Treppe gebrochen, jetzt musste Koch, besonders abends, wenn es keinen Strom gab und er im Dunkeln zu seiner Wohnung hinaufstieg, höllisch aufpassen, nicht in eines der Löcher zu treten.

Gerhard Reuber, wie Paul Koch Kommissar bei der Kriminalpolizei in Mainz, vertiefte das Thema nicht weiter, sondern ging zu dem Tisch mit den Getränken und Speisen.

„Versorgt Sie Ihr Nachbar noch immer so gut?“, fragte er mit spöttischem Unterton und begutachtete eine der Flaschen. Reuber war im Dezernat für Raub- und Schwarzmarktdelikte, Koch gehörte dem Morddezernat an.

Reuber griff in seine Tasche und nestelte eine Zigarettenpackung heraus.

„Darf ich?“

Koch nickte.

Reuber ließ mit einer Fingerbewegung die Klappe seines silbernen Feuerzeuges hochspringen und zündete die Zigarette an. An der Seite waren deutlich seine Initialen eingraviert, GAR. Koch hatte gelacht, nachdem Reuber ihm die Bedeutung des A in der Mitte erklärt hatte. Arbogast. „Wer heißt denn so?“, hatte er gefragt und Reuber hatte lachend geantwortet: „Na, ich! Ein Geschenk meiner Frau. Und der war wichtig, dass die vollständigen Initialen drauf sind.“

„Gerhard Arbogast Reuber“, schmunzelte Koch jetzt. „GAR, ja. Alles ordentlich erworben“, entgegnete er mit Blick auf den Wein.

Koch nahm den Becher mit dem Tee wieder in die Hand. „Auch einen?“

„Aus eigenem Anbau?“

„Aus Dorles Garten.“

„Na denn, gerne“, antwortete Reuber.

Koch ging in einen Nebenraum und kam mit einem Becher zurück, in den er heißes Wasser füllte.

„Passen Sie auf, ist sehr heiß“, warnte er den Kollegen.

„Dieser verfluchte Winter“, entfuhr es Reuber, „ist noch schlimmer als im letzten Jahr. Nichts hat sich verbessert. Die Versorgungslage ist noch desolater. In der britischen Besatzungszone wird gestreikt. Man spricht von Massenkundgebungen.“

„Die Schwarzmarkthändler freuen sich“, erwiderte Koch.

„Es ist eine blöde Sache, mein Lieber“, begann Reuber, während er seinen Mantel auszog und über einen Stuhl hängte. „Diese Kerle verdienen sich dumm und dämlich, leben in Saus und Braus, aber auf der anderen Seite: Wie sollen die kleinen Leute sonst überleben. Der Staat kann nicht für sie sorgen. Die Toten in diesem Winter …“ Er schnippte die Asche seiner Zigarette in die hohle Hand.

„Aber wenn all die …“, wollte Reuber fortfahren, doch ein erneutes Klopfen ließ ihn mitten im Satz abbrechen und warten, bis Koch wieder ins Zimmer zurückkam. Hinter ihm betrat ein hagerer Mann, der ganz in Schwarz gekleidet war, den Raum. Auf seiner schmalen, spitzen Nase trug er eine kleine runde Brille.

„Ach, der Herr Kunstphotograph“, begrüßte Reuber den Mann. „Fertig mit der Arbeit?“ Dabei pustete er die Oberfläche seines Tees kühl und trank laut schlürfend die heiße Flüssigkeit.

Georg Bresson, Kochs Nachbar, verzog nur kurz den Mund und stellte zwei Flaschen mit einer klaren Flüssigkeit auf den Tisch.

„Wer kauft eigentlich Ihre pornographischen Bilder, Bresson?“

Der lachte kurz, zog seine Brille von der Nase und schüttelte leicht den Kopf. „Sie sind Polizist, Reuber“, entgegnete er. „Ich würde Sie in arge Not bringen, wenn ich Ihnen das verrate.“

„Trotzdem. Es interessiert mich.“

„Non, Monsieur! Genießen Sie den Schnaps und belasten Sie nicht Ihr Gewissen.“

Koch unterbrach das Gespräch. „Fehlt nur noch Siggi …“

Reuber nahm den Ball auf. „… dann kann der Junggesellenabend beginnen. Haben Sie sich das auch gut überlegt, Koch? Sie sind doch gar nicht der Typ für die Ehe.“ Er stellte die Tasse mit dem Tee zur Seite.

Koch verzog den Mund. „Ich habe nie von Heirat gesprochen, Reuber. Ich ziehe zu Dorle ins Haus. Luftlinie zwei Kilometer, vielleicht drei. Mehr nicht.“

„Mir werden Sie fehlen“, fügte Bresson hinzu, der sich in einen der beiden alten Sessel, die Koch nach seinem Einzug aus einem ausgebombten Haus besorgt hatte, plumpsen ließ. Die Federn gaben bedenkliche Quietschgeräusche von sich. Alles in diesem Zimmer war karg. Die Tapeten an den Wänden ließen ihr ursprüngliches Muster nur noch erahnen, die Möbel bildeten ein wildes Sammelsurium, der Ofen war viel zu klein für die Wohnung. Auf dem Boden stapelten sich Bücher.

Draußen fiel eine Tür ins Schloss. Koch und Reuber sahen zu Bresson, der zuckte mit der Schulter.

„Bei Ihnen …?“, fragte Koch.

„Maria“, antwortete er.

„Eine Heilige, nehme ich an“, kommentierte Reuber und konnte einmal mehr seinen spöttischen Unterton nicht lassen. Bresson hielt sich mit pornographischen Bildern über Wasser, die er in seiner Wohnung aufnahm.

„Wann wollen Sie denn damit aufhören, Bresson?“

„Solange die Nachfrage groß genug ist … Sie wissen doch, der Markt. Und leben muss ich auch. Sie wollen das doch übrigens auch.“ Er zeigte auf die Getränke. „Oder können Sie darauf verzichten?“

„Ich verstehe“, erklärte Koch, nahm eine der Flaschen mit dem Brand und füllte drei Gläser viertelvoll, um zwei davon den beiden anderen Männern zu reichen.

Sie stießen miteinander an und tranken.

„Ach, das hätte ich ja fast vergessen“, sagte Reuber, stellte sein Glas auf den Tisch und hievte den Karton, den er auf dem Fußboden abgestellt hatte, auf einen freien Platz auf dem Tisch.

„Habe ich für Sie … organisiert …“

Er hob den Deckel des Kartons an.

„Schauen Sie nicht so, Koch. Ganz legal. Von meinem Freund Lieutenant Chavez. Nur weil ich im Dezernat für Raub- und Schwarzmarktdelikte arbeite, bin ich nicht selbst ein Schwarzhändler.“

Der Angesprochene trat hinter Reuber. Bresson füllte sein Glas und setzte sich wieder in den Sessel, in den er tief einsank.

Reuber griff mit beiden Händen in den Karton, schien irgendetwas darin zu suchen, dann hielt er mehrere Schallplatten in der Hand, die er neben den Karton auf den Tisch legte, um erneut hinein zu greifen. Nach mehrmaligem Hin- und Herrucken hielt er ein Grammophon in den Händen.

„Was soll das denn?“, fragte Koch überrascht.

„Musik! Leben! Wie heißt das in Frankreich? ‚Savoir vivre‘. Nicht alles so ernst sehen. Mit Musik geht vieles leichter. ‚Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.‘ Hat der gute alte Nietzsche gesagt.“

Mit seinem Ellenbogen schob Reuber den Karton vom Tisch und stellte an dessen Stelle das Gerät. „Ein paar Jazzplatten hat Chavez mir auch mitgegeben. V-Discs. Victory-Discs“, erklärte er dabei. „Wurden für die amerikanischen Überseetruppen aufgenommen.“ Er sah auf die Hüllen. „Glenn Miller. Cab Calloway. Fats Waller. Louis Armstrong. Alles aus God‘s Own Country.“

„Dekadente Negermusik hieß das noch vor nicht allzu langer Zeit, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, und hier müssen Sie lange nach Gott suchen, nach dem, was in Deutschland geschehen ist“, bemerkte Bresson bitter aus seinem Sessel und prostete den beiden Männern zu.

„Das kann ich nicht annehmen, Reuber. Das kostet doch ein Vermögen. In dieser Zeit. Musik, wo die Leute hungern und …“

„Koch, Sie verfluchter Moralist“, widersprach ihm Reuber und lachte. „Hat mich so gut wie nichts gekostet. Chavez müsste diese V-Discs vernichten, hat er mir gesagt. Ist so eine blöde Bestimmung. Aber er denkt, dass die bei Ihnen in besseren Händen sind. Die Amis, alles im Überfluss.“

Reuber zog noch einmal an seiner Kippe, dann drückte er den Filter an dem Karton aus und warf den Stummel hinein.

„Ich weiß nicht“, setzte Koch an, doch Reuber ging nicht darauf ein und drehte stattdessen die Kurbel des Grammophons, nahm eine der Platten aus der Hülle, legte sie auf den Teller und setzte die Nadel in die Rille.

Es knisterte, dann war eine Stimme zu hören. „This is Captain Glenn Miller, speaking for the Army Air Force Training Command Orchestra, and we hope that you soldiers of the Allied Forces enjoy these V-Discs that we‘re making just for you.“ Gespannt hörten die Männer im Raum zu. Nach einem weiteren Knistern erfüllte ein warmer Posaunenton den Raum. Einige Sekunden lauschten die drei bewegt der Musik.

„Star Dust … Man könnte meinen, es wäre Frieden“, bemerkte Reuber sarkastisch und füllte sich erneut sein Glas. Er ließ seinen Blick über die Speisen auf dem Tisch gleiten.

„Musik, ein Tisch voller Speisen und das nach diesem verflucht kalten Winter.“ Bresson war aufgestanden, um sich ebenfalls nachzuschenken.

Reuber trat neben ihn und hielt ihm sein Glas entgegen, zog es zurück und sah Koch an.

„Ich sehe gar keine Wurst, Koch“, sagte er. „Waren Sie nicht bei Jäger?“

Koch reagierte nicht sofort.

„Ist was?“, hakte Reuber nach und trat neben seinen Kollegen. Er steckte sich dabei eine neue Zigarette an.

Koch ließ sich Zeit, nahm eine Scheibe von dem Käse, legte ihn auf die andere Seite des Tellers.

„Gab es Probleme?“ Reuber beugte sich vor und versuchte Koch in die Augen zu schauen, der wich ihm aus.

„Woher kennen Sie den Mann, Reuber?“, fragte er stattdessen.

Zu der Posaune waren andere Blasinstrumente hinzugekommen. Reuber zog vernehmlich an seiner Zigarette und hielt den Rauch lange in seiner Lunge.

„Wie man sich so kennt“, sagte er schließlich und zuckte mit den Schultern.

„Guter Leumund?“

Reuber ließ sich einen Moment zu viel Zeit mit der Antwort.

„Ja“, antwortete er schließlich. „Warum?“

„Wo bekommt er seine Tiere her?“

Reuber fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger seiner freien Hand durch den Schnurrbart, bevor er antwortete.

„Von Bauern, nehme ich an. Aus dem Hunsrück, glaube ich.“ Er zog an seiner Zigarette.

„Sicher?“

„Was soll das, Koch? Sie klingen ja, als ob der Mann kleine Kinder schlachtet.“

Koch drehte sich zu seinem Kollegen um. Bresson hatte sich sein Glas erneut gefüllt, sah zu den beiden Männern, prostete ihnen still zu und trank. Ein Klavier begleitete jetzt die Bläser.

„Kinder? Keine schlechte Idee, Reuber. Wie sauber ist der Mann?“

„Was ist, Koch? Jeder versucht irgendwie durchzukommen. Kann schon sein, dass er ab und zu wildert. Aber können Sie es ihm verdenken …?“

„Sie sind Polizist, Reuber!“

„Wenn wir all dem nachgehen würden, Koch, dann müsste unser Tag zweiundsiebzig Stunden haben.“

„Wildern ist der falsche Ausdruck … Ich habe bei ihm im Keller die Felle von Hunden und Katzen gesehen …“

„Hunde und Katzen?“ Reuber lachte spöttisch. „Nicht Mäuse? Trinken Sie jetzt auch tagsüber? Sie waren doch gar nicht in meinem Büro!“

Bresson sah den beiden Männern interessiert zu, sagte aber nichts.

„Kein Witz, Reuber. Wenn ich es Ihnen sage, da hingen die abgezogenen Leiber von Katzen und Hunden von der Decke.“

„Kennen Sie sich so gut aus …“

„Ich habe die Felle gesehen, in einem Nebenraum …“

„Koch, Koch, Koch. Ich kenne den Mann schon lange. Ich kann Ihnen versichern, dass er keine Hunde und Katzen schlachtet.“

„Es wäre aber ein einträgliches Geschäft. Überlegen Sie mal, was ein Kilo Rindfleisch kostet. Mit den richtigen Gewürzen … Hunde und Katzen laufen genug herrenlos herum …“

„Jetzt sehen Sie wirklich Gespenster, Koch. Aber wenn es Sie beruhigt, ich werde mit Jäger darüber sprechen. Sobald ich Zeit habe. Ich empfehle Ihnen doch niemanden, der Hunde oder Katzen schlachtet.“ Hastig zog er noch zweimal an seiner Zigarette, bevor er sie ausdrückte und zu der anderen in den leeren Karton warf.

Bresson hatte sein Glas geleert und auf den Tisch gestellt. Er trat neben die beiden Kommissare. Reuber nahm die Glenn-Miller-Platte vom Teller und legte eine andere auf.

„Louis Armstrong“, teilte er mit. Kurz war das Kratzen der Nadel zu vernehmen, dann erklang eine Trompete. Er wiegte sich leicht zu der Musik, zündete sich eine Zigarette an und nahm sein Glas in die andere Hand. Dabei lauschte er Bressons Ausführungen.

„Ich weiß gar nicht, was Sie haben, Koch! Was glauben Sie denn, was die heldenhaften deutschen Soldaten bei ihrem aufopferungsvollen Kampf bis zur letzten Patrone alles gefressen haben, um zu überleben? Katzen und Hunde werden da ganz schnell zu einer ausgesprochenen Spezialität, und die sind wirklich noch appetitlich. Und, wenn ich mich recht erinnere, sind Hunde bei einem so kultivierten Volk wie den Venetern, übrigens bis vor vier Jahren unsere Waffenbrüder, noch heute eine Leckerei. Und der große Forscher Scott hat auf seiner Antarktis-Expedition seine Schlittenhunde als Nahrungsreserve eingeplant. Also, Ihr Herr Jäger ist da in keiner so schlechten Gesellschaft. Und wie heißt es doch: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Und wenn ich den Weltenlauf um mich herum richtig deute, ist die Not im Moment nicht unbeträchtlich. Es posaunt ja niemand laut hinaus, wie viele Leute in diesem Winter draufgegangen sind. Wegen der Kälte und der Unterernährung. Wird schön verschwiegen, damit es keinen Aufstand gibt. Sind die Leute aber wahrscheinlich sowieso zu schwach für.“

„Bresson“, unterbrach Koch den Mann, „lassen Sie den Zynismus“, während Reuber lachte und an seinem Schnaps nippte.

„Sagen Sie nicht, Koch, dass Sie das Fleisch weggeschmissen haben!“

„Ich …“, hob er seine Stimme an, doch ein lautes Krachen von draußen ließ ihn innehalten. Alle drei Männer wandten ihre Köpfe zur Tür. Gedämpft drang ein „Entschuldigung. Bitte entschuldigen Sie!“ zu ihnen, dann war es für einige Sekunden still, bis an die Tür geklopft wurde.

Kurz darauf betrat Siegfried Maus, Siggi genannt, ein schmächtiger, semmelblonder junger Mann, den Raum. Er war seit einem Jahr Kochs Assistent.

„Na, Siggi“, begrüßte ihn Reuber, der seine Zigarette ausdrückte. Die Platte drehte in der Leerrille. „Hatten Sie eine Erscheinung? Sie sind ja ganz rot im Gesicht.“

„Ich, ich …“, stotterte er.

„Die Erscheinung war kein Gespenst, sondern gut aussehend, vielleicht leicht bekleidet, ich meine, zu leicht bekleidet für diese Jahreszeit“, frotzelte Reuber weiter und ihm war anzusehen, dass es ihm Spaß machte, den jungen Mann hochzunehmen.

„Und heißt Maria. Künstlername“, ergänzte Bresson lachend.

„Lassen Sie besser die Finger von der Dame“, warnte Koch ihn und gab dem jungen Mann mit einer Geste zu verstehen, seinen Mantel abzulegen.

„Dame?“, spottete Reuber weiter. „Koch, Sie sind einfach zu gut für diese Welt.“

Bresson stand auf und trat an den Tisch, wo er das vierte Glas füllte und es Siggi in die Hand drückte.

„Auf Sie, Koch!“, prostete Bresson und hielt sein Glas mit seinen dürren, langen Fingern in die Luft. „Ich werde Sie und unsere nächtlichen Gespräche vermissen.“

Die drei anderen hoben ihre Gläser ebenfalls und nahmen einen kräftigen Schluck. Siggi versuchte ein Husten zu unterdrücken.

„Na, na, Siggi, nicht so hastig.“ Reuber hatte wieder sein spöttisches Grinsen aufgesetzt. „Diese Dame eben … aufregend?“ Er legte noch einmal die Glenn-Miller-Scheibe auf den Drehteller des Grammophons und ließ dabei den jungen Kollegen nicht aus den Augen.

Siggi zuckte mit den Schultern, während Koch einen der wenigen noch vorrätigen Holzscheite in den Ofen warf.

„Sind Sie eigentlich noch Jungfrau?“

„Reuber, bitte!“, ermahnte Koch seinen Kollegen.

„Nein, ich meine das ernst.“ Reuber ließ sich nicht beirren. „Wie alt sind Sie jetzt? Dreiundzwanzig, vierundzwanzig?“

„Dreiundzwanzig“, antwortete Siggi kleinlaut.

„Waren Sie schon mal im Puff, Siggi? Das schon, oder? Sagen Sie nicht, dass Sie noch nie im Puff waren!“

Eine leichte Röte legte sich auf das bleiche Gesicht des jungen Mannes.

„Tatsächlich. Sie sind tatsächlich noch Jungfrau. Siggi, Siggi. Sie sind bei der Polizei, nicht im Priesterseminar. Vielleicht kann Bresson ja mal eine seiner Damen … Sie könnten ihn doch zum Filmstar machen …“ Reuber sah zu Bresson herüber.

„Kommen Sie, Reuber, es ist wirklich genug. Wir sind heute hier, um meinen Abschied aus dieser Wohnung zu feiern und nicht, um uns auf Siggis Kosten zu amüsieren.“

„Na gut“, lenkte Reuber ein, „war doch nur ein Scherz. Ich weiß doch, was wir an unserem Siggi haben. Einen der besten Nachwuchspolizisten und dazu ist er noch ein begnadeter Autofahrer.“

Bei den letzten Worten wandelte sich Siggis Mund zu einem breiten Grinsen.

„Wussten Sie, dass es jetzt eine Autozeitschrift gibt?“ Der junge Mann blickte erwartungsfroh in die Runde, erleichtert über den Themenwechsel. Bresson nahm die Flasche vom Tisch und füllte die Gläser.

„Langsam!“, ermahnte ihn Koch. „Der Abend ist noch jung.“

Bresson verstand ihn absichtlich falsch. „Keine Sorge. Ich habe noch genügend in meiner Wohnung.“

„Na denn“, sagte Reuber und nahm einen kräftigen Schluck.

Siggi stellte sein Glas ab.

„Im Dezember ist schon die erste Ausgabe herausgekommen. Eine Reichsmark fünfzig. ‚Das Auto‘ heißt sie…“

„Wie sinnig und phantasievoll“, witzelte Reuber.

Siggi ließ sich nicht beirren. „Herausgeber ist Paul Pietsch …“ Er sah erwartungsvoll in die Runde, erkannte aber nur unwissende Gesichter.

„Paul Pietsch ist Rennfahrer. Privatfahrer. Hat sich von seinem Erbe einen Bugatti gekauft und ist Rennen gefahren. Teufel noch mal, das will ich auch.“

„Na ja, Siggi, …“, begann Koch seinen Einwand, aber sein Assistent wollte nichts hören.

„Er hat seiner Mutter einfach gesagt, dass er Rennfahrer wird. Einfach so gesagt, dass er Rennfahrer werden will und hat sich ein Auto gekauft. Er ist mit Rosemeyer gefahren …“ Siggi sprach immer schneller, verschluckte die Silben beinahe.

„Siggi!“ Koch hatte seine Stimme erhoben.

Mit einem Mal war es ruhig in dem Zimmer, nur das Knistern der Scheite in dem kleinen Ofen störte die Stille.

Nach Sekunden des Schweigens erhob sich Reuber. „Das war vor dem Krieg, Siggi. Das war eine andere Zeit. Sie haben sich entschlossen, Polizist zu werden. Und ich glaube, dass Sie ein guter Polizist werden. Und Sie haben einen verdammt guten Lehrer.“ Er sah kurz zu Koch herüber, der mit einer Handbewegung abwinkte. „Doch, doch, Koch, ich glaube, dass unserem Siggi nichts Besseres passieren konnte. Was meinen Sie, Bresson?“

„Ganz Ihrer Meinung, Reuber. Manchmal vielleicht zu ernst, der Mann, und zu verkniffen … nein, Entschuldigung, das war falsch, nicht zu verkniffen, moralisch zu rigide, würde ich sagen …“

Reuber nahm die Vorlage gerne auf. Er fürchtete, dass ihr Zusammentreffen zu ernst werden würde.

„Tja, wenn er jetzt zu seiner Dorle zieht, dann kehrt an dieser Stelle zumindest wieder Moral ein. Meiner Frau ist das auch ganz recht. Sie denkt ja jedes Mal, wenn ich ihr sage, dass ich Koch besuche, dass da eine andere Frau im Spiel ist. Oder Orgien. Und Sie, mein lieber Bresson, das kann ich Ihnen ja heute verraten, hält sie auch für keinen guten Umgang. Aber seitdem Koch seine Dorle kennt“, Reuber blickte die anderen nacheinander kurz an, „seitdem ist er nicht mehr ganz so rigide, so mit dem Kopf durch die Wand und so. Selbst mit Arnheim … Wenn ich da an die Streitereien vor einem Jahr denke … Wollen Sie eigentlich heiraten, Koch?“

„Können wir nicht über etwas anderes reden? Ich dachte, wir machen uns einen schönen Abend, trinken, essen, reden. Es fällt mir nicht leicht hier auszuziehen. Das wird natürlich nichts an unserer Freundschaft ändern. Wissen Sie …?“ Koch hielt inne und sah zum Fenster herüber, bevor er mit ernster Stimme weitersprach. „Sie kennen ja meine Ansichten zu dem Umgang in diesem Land mit den Verbrechern, die bis vor zwei Jahren regiert haben. Es laufen noch viel zu viele davon frei rum und viele schämen sich nicht einmal für das, was sie getan haben. Sehen Sie sich doch nur bei der Polizei um! Obwohl man dort verhindern will, dass alte Nazis wieder ihren Dienst aufnehmen, und die Franzosen unterstützen das ja ausdrücklich, ist dieser Geist trotzdem noch massiv vorhanden. Und wenn ich nicht Menschen wie Sie, Reuber, Bresson und Siggi, getroffen hätte, ich glaube, ich wäre schon längst wieder nach Frankreich zurückgekehrt. Besonders Sie, Reuber, trotz Ihrer Spottfreude, ich würde es in der Direktion keinen Tag länger aushalten …“

„Na, na“, sagte der, dem so viel Lob offensichtlich unheimlich wurde, „vergessen Sie unseren Siggi nicht. Der hat schon Kopf und Kragen riskiert, seinen Kopf im wahrsten Sinne des Wortes.“

Bresson hatte wieder nachgeschenkt. Alle hoben ihre Gläser. Siggi stand schon nicht mehr so sicher. „Wir sind so was wie die Musketiere“, rief er aus. „Auf die Musketiere.“

Alle lachten und tranken.

„Und jetzt ab ans Essen!“, forderte Koch seine Besucher auf.

In den nächsten zwei Stunden saßen sie zusammen, unterhielten sich, aßen, tranken, Reubers Zigarettenrauchschwaden füllten den Raum und irgendwann spürten sie auch die feuchte Kälte nicht mehr, die sich trotz des ständig leise bollernden Ofens nicht vollends vertreiben ließ.

Kurz vor zweiundzwanzig Uhr gab Reuber das Signal zum Aufbruch. „So, ich muss los. Sonst kommt meine Frau doch noch auf dumme Gedanken und glaubt mir nicht, dass ich bei Ihnen war. Und ich habe auch keine Lust, in eine französische Kontrolle zu geraten.“

Siggi tat es ihm nach und stand auch auf. Beide leerten im Stehen ihre Gläser, wobei Siggi einen wenig trittsicheren Eindruck machte.

„Wollen Sie nicht hier auf dem Sofa übernachten?“, fragte Koch seinen jungen Assistenten.

„Vielleicht ist ja bei Bresson noch ein Plätzchen frei?!“, witzelte Reuber und grinste. „Ein warmes an der Seite einer seiner Mesdames. Wäre die Gelegenheit heute Nacht …“

„Reuber, verschrecken Sie unseren Siggi nicht. Wer weiß, was Bressons Damen …“

„Ich darf doch wohl bitten!“, echauffierte der sich künstlich. „Alles sauber!“

Alle lachten, dann verabschiedeten sich Reuber und Siggi und verließen die Wohnung.

„Und wir beiden Schönen“, sagte Bresson, „trinken doch noch einen? So zum Abschluss …“

Koch nickte ernst, während sein Nachbar aufstand und ihre Gläser füllte.

„Irgendwie scheinen Sie mir nicht so recht glücklich?“ Bresson reichte Koch das Glas.

Der antwortete nicht sogleich. Schweigend tranken die Männer und starrten aneinander vorbei.

„Ich weiß nicht, ob ich für das Eheleben geboren bin“, sagte Koch schließlich.

„Na, na, Koch, ich denke, Sie wollen nur zu Dorle ziehen und sie nicht gleich heiraten.“

„Über kurz oder lang … So werden die Leute sich schon das Maul zerreißen. Ohne Trauschein zusammen … Und ihr Mann ist gerade mal vor einem halben Jahr für tot erklärt worden.“

„Koch, der Moralapostel. Das steckt tiefer als man denkt. Manche verrohen durch den Krieg völlig, andere entdecken da erst ihre moralische Seite. Sie gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Karriere werden Sie so nicht machen.“ Er lachte und nahm einen tiefen Zug aus seinem Glas, dann stand er auf, füllte es auf und stellte anschließend die Flasche neben sich auf den Boden. „Sie lieben Dorle doch, oder?“

Koch ließ sich zwei, drei Sekunden Zeit mit der Antwort. „Ich denke schon.“

„Überzeugung klingt anders.“

„Doch, doch. Aber wie gesagt, Dorles Mann ist erst vor einem halben Jahr für tot erklärt worden …“

„Haben Sie da Zweifel …?“

Koch schüttelte den Kopf.

„Oder hat es mit Ihrer Frau in Frankreich zu tun …“

„Béatrice ist nicht meine Frau. Das ist schon lange aus. Abgehakt. Ende. Wir waren auch nie verheiratet.“ Koch sagte das heftiger, als er es vorgehabt hatte.

„Bien“, beschwichtigte Bresson, „aber da ist auch Ihr Sohn. Irgendwann wollen Sie den wiedersehen. Und er Sie vielleicht auch …“

Koch seufzte und nippte an seinem Glas.

„Ich frage mich, ob ich für die Ehe oder überhaupt für das Zusammenleben mit einer Frau geeignet bin … Das hat nichts mit Dorle zu tun … Ich meine das ganz allgemein“, er machte eine Pause, dachte nach, trank einen Schluck, bevor er fortfuhr, „ich will schon zu ihr ziehen, Dorle ist … sie ist schon eine … besondere Frau. Ich …“ Wieder wollte er einen Schluck nehmen, agierte aber zu hastig und verschüttete einen Teil des Inhalts über seinen Pullover.

Bresson sah Kochs Versuchen, die Flüssigkeit mit einem Taschentuch aufzutupfen, ungerührt zu, dann griff er die Flasche neben sich und füllte, ohne zu fragen, das Glas seines Nachbarn, dem der Alkohol sichtlich zusetzte.

„Koch, Koch“, sagte Bresson schließlich und drückte seine kleine, runde Metallbrille, deren beide Bügel geklebt waren, nach oben. „Ich glaube, dass Ihr Impuls, wieder nach Frankreich zu gehen …“

Koch beugte sich etwas schwerfällig nach vorne, um zu protestieren, aber Bresson ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Nein, nein, nicht wegen Béatrice, sondern wegen der Zustände hier … Ich bin zwar der Meinung, und das habe ich Ihnen schon oft genug gesagt: Wer, wenn nicht Leute wie Sie, sollen für ein besseres Deutschland sorgen? Aber das müssen Sie schließlich selbst wissen. Aber …“, er trank wieder einen Schluck, „… zu glauben, dass es dort besser ist, halte ich für eine Illusion. Warten Sie es ab! Lesen Sie ab und zu die Zeitung? Frankreich ist schon wieder im Krieg … Indochina … ja, ja, die Kolonien, ich höre schon die Leute, dass das gar kein Krieg ist, aber …“ Bresson fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung über den Kopf. „Sie müssen wissen, was Sie wollen, Sie müssen glücklich werden und … vielleicht geht Dorle ja mit Ihnen nach Frankreich … Und jetzt machen Sie verdammt noch mal Musik. So lange Sie noch hier sind, will ich das genießen. Wie heißt der Mann?“

„Louis Armstrong“, sagte Koch und hatte Mühe, sich aus seinem Sessel zu erheben, zu dem Grammophon zu gehen und die Nadel ohne Schaden auf die Rille zu setzen.

Bresson schenkte in der Zeit die Gläser wieder voll und prostete Koch zu, der sich in der Mitte des Raumes leicht zur Musik wiegte.

 

III

Endlich hat Koch den Mann vor sich, den er so lange gejagt hat. Er kniet auf dem staubigen Boden, hat ihm den Rücken zugewandt. Jetzt ist der Moment der Rache gekommen. Jetzt wird Glodkowski büßen für alle seine Untaten, für den Tod seines Vaters, für all die anderen Toten, die er auf dem Gewissen hat. Irgendwo in der Ferne heult ein Hund. Die Eisenstange in seiner Hand fühlt sich leicht an. So leicht, wie Koch sich fühlt. Er hat gedacht, dass es ihm schwerer fallen würde, diesen Mann umzubringen, wenn er ihn vor sich hätte. Aber er spürt, dass ihm der Schlag leicht von der Hand gehen wird. Glodkowski keucht noch, sein Atem geht schwer, die Verfolgung hat ihn mitgenommen. Seine Hände liegen ineinander gefaltet auf seinem Hinterkopf. Koch sieht sich noch einmal um. Kein Mensch zu sehen. Wie auch. Sie sind im Wald, auf einer kleinen Lichtung, es dämmert bereits, der nächste Ort ist weit weg. Niemand wird ihn belangen können, wenn dieses Schwein seine gerechte Strafe erhält. Er wundert sich, dass Glodkowski nichts sagt, keine Gegenwehr leistet. Er hebt die Eisenstange, zielt, schließt seine Finger noch fester um den Griff, spannt seine Muskeln an, hebt die Stange noch höher, bis er seine Arme zu voller Länge ausgestreckt hat, und lässt sie niedersausen. In dem Moment wendet ihm Glodkowski das Gesicht zu, ein zähes Drehen, gleichzeitig verlangsamt sich sein Schlag, alles ist mit einem Mal so unwirklich verzögert. Koch versucht mehr Wucht in seinen Schlag zu bekommen, aber es ist, als hindere ihn eine übermächtige Feder daran. Glodkowskis Gesicht wird sichtbar, während sich die Stange nur millimeterweise darauf niedersenkt. Koch drückt und mobilisiert alle seine Kräfte, Glodkowskis Profil … nein, das ist … er … sein Arm schnellt mit einem Mal vor, als habe die unsichtbare Feder ihn freigegeben, das Stahlrohr nimmt mit einem Mal Fahrt auf, das Gesicht ist ihm jetzt ganz zugewandt … nein … Koch will den Schlag stoppen, aber nun treibt ihn die unsichtbare Kraft … das Rohr hat fast den Kopf des Mannes vor ihm erreicht, zielt genau auf dessen Stirn, sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln, Koch bringt alle Kräfte auf, um den Schlag zu stoppen, es geht nicht, warum … jeden Moment muss sein Schlag die Stirn zerschmettern, seine Stirn, sein Gesicht, ihn …

„Herr Koch!“, hörte er eine Stimme, gedämpft, wie von weit her, durch einen Schleier, dann wieder einen Schlag. Er fuhr in seinem Bett hoch. Der Schlitz zwischen der Wand und der Decke vor dem Fenster ließ genug Licht in das Zimmer, dass er den Metallständer, an dem ein paar wenige Kleidungsstücke hingen, und die schmale, zerbrechliche Kommode erkennen konnte. Mit einem Stöhnen setzte Koch sich auf. Trotz der Kälte in dem Zimmer war er verschwitzt. Glodkowski! Warum wurde er dieses Schwein nicht los?

„Herr Koch!“ Ein gedämpftes Klopfen folgte. „Sind Sie wach?“

Nun erkannte der Kommissar Siggis Stimme. Er griff nach seiner Uhr, die neben dem Bett lag. Kurz nach neun erst. Er hatte diesen Samstag frei genommen, um seine Sachen zu packen. Siggi sollte am frühen Nachmittag mit dem Wagen kommen, um sie zu Dorle zu transportieren.

„Ja“, rief er gereizt mit dünner Stimme.

„Herr Koch!“

Er hatte kaum fünf Stunden geschlafen. Bresson mit seinem unerschöpflichen Vorrat an Branntwein. Geredet hatten sie noch lange. Über Politik, über Schuld und Recht. Über die Liebe und die Ehe. Und die Moral. Erinnern konnte sich Koch nicht mehr an alles.

„Herr Koch! Machen Sie auf! Wir haben einen Fall!“ Das klang fast erfreut.

Langsam quälte sich der Kommissar aus seinem Bett und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. In seinem Kopf drehte es sich.

„Ja“, antwortete er noch einmal. Wieder war er nicht sicher, dass Siggi ihn gehört hatte. Woher nahm der junge Bursche nur diesen Enthusiasmus?

„Herr Koch?!“

Er warf sich die Decke über die Schulter und stolperte zur Tür.

„Ja“, rief er zum dritten Mal. „Ich komme ja schon“, fügte er gereizt hinzu.

Dann hatte er die Tür erreicht und zog den dürren Metallriegel zurück.

Siggi sah ihn erschrocken an.

„Ja, Siggi, was ist?“

Auch der junge Kollege sah nicht gut aus. Er war von Natur aus ein blasser Typ, doch schien jetzt jegliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen zu sein.

Er räusperte sich. „Ein Toter, Herr Koch. In Bingen.“

„In Bingen? Das ist nicht unser Revier.“

„Herr Arnheim hat gesagt, dass der Kollege dort nicht da ist …“

„Nicht da?“, unterbrach ihn Koch. „Was heißt das, nicht da?“ Er hatte seine Stimme erhoben und sogleich verstärkte sich der Schmerz in seinem Kopf.

„Ich …“, antwortete Siggi eingeschüchtert, „ich weiß es nicht.“

Wortlos drehte sich Koch um und ging zurück in die Wohnung.

„Kommen Sie rein. Wenn es Strom gibt, können Sie schon mal mit dem Tauchsieder Wasser heiß machen. Ich brauche zuerst einen Kaffee.“

Er verschwand in seinem Schlafzimmer, um sich anzukleiden. Als Koch mit einem dunkelgrauen, abgetragenen Anzug bekleidet zurückkam, hielt Siggi ihm eine dampfende Tasse entgegen. Koch löffelte Ersatzkaffee in den Becher und rührte ihn um.

Die beiden Männer hatten bis dahin kein weiteres Wort mehr miteinander geredet. Auch jetzt verspürte Koch noch kein Bedürfnis dazu, und Siggi hatte in dem einen Jahr, seitdem er mit dem Kommissar arbeitete, gelernt, dass es Momente gab, in denen es besser war, zu schweigen und darauf zu warten, dass sein Vorgesetzter das Gespräch eröffnete.

Er umfasste den Becher mit beiden Händen, genoss für einige Sekunden die Wärme und nahm dann vorsichtig einen Schluck zu sich. Er verzog seinen Mund.

„Wann wird es endlich wieder anständigen Bohnenkaffee geben?!“, zischte er vor sich hin, kaum verständlich für Siggi, und ging zu dem Tisch, auf dem noch die Flaschen des vergangenen Abends standen. Er hob sie nacheinander ins Licht, bis er in der dritten noch einen Rest Brand entdeckte, den er in seinen Kaffee schüttete.

Er sah zu Siggi herüber, der sogleich seinen Kopf schüttelte.

Nach dem nächsten Schluck fühlte Koch sich besser. Siggi stand vor dem Grammophon und besah sich die Hüllen der Schallplatten, die neben dem Abspielgerät lagen. Alles war noch so, wie am Abend zuvor.

„Da spielen ja auch Neger mit“, stellte er erstaunt fest.

Koch sah zu seinem Assistenten. „Ja und, Siggi, warum denn nicht?“

„Ich meine nur, das ist doch …“

Koch überlegte, was er erwidern sollte, beließ es aber bei einem „Die Zeiten haben sich geändert!“ und trank den Rest seines Bechers leer.

„In Bingen, sagten Sie?“

Siggi schüttelte den Kopf. „Das habe ich ganz vergessen. Der Tote ist schon hier. In Mainz. Im Keller.“

Koch sah seinen Assistenten verwundert an.

„Wer hat ihn hergebracht?“

Siggi zuckte mit den Schultern.

„Ich bin heute Morgen ins Büro und da kam Arnheim und befahl mir, dass ich Sie abholen soll. Ein Toter, da könne er keine Rücksicht auf Ihren Urlaub nehmen. Der Tote ist in Bingen gefunden worden. Mehr hat er nicht gesagt. Und dass ich Sie holen soll.“

Koch dachte nach. Soviel er wusste, gab es in Bingen einen Kollegen, der für Mordfälle zuständig war. Warum sollte er sich darum kümmern?

„Hat Arnheim denn gesagt, wie der Mann umgebracht wurde?“

Auch diese Frage konnte Siggi nicht beantworten.

„Ich glaube, dass Reuber Sie gestern ein bisschen zu sehr gelobt hat, Siggi. Fragen Sie! Immer fragen! Egal, ob Arnheim oder jemand anderen. Je früher und je mehr Sie wissen, desto besser.“ Er machte eine Pause, betrachtete seinen leeren Becher und gab seinem Assistenten das Zeichen zum Aufbruch. An der Tür nahm er seinen Hut von der Ablage, zog den Mantel über und ließ Siggi an sich vorbei durch die Tür ins Treppenhaus. Dessen verstohlener Blick hinüber zu der Tür in Bressons Wohnung blieb ihm nicht verborgen.

Der kalte Windstoß, der Koch ins Gesicht traf, als er auf die Straße trat, schmerzte. Den gut viertelstündigen Fußweg zur Polizeidirektion in der alten Kunstgewerbeschule, wo man sie provisorisch untergebracht hatte, legten die beiden Männer schweigend zurück. Dabei versuchte Koch eine Erklärung dafür zu finden, dass Arnheim ihnen einen Fall übertrug, für den Kollegen aus der dreißig Kilometer entfernten Stadt zuständig waren.

Vom Foyer der Polizeidirektion, einem großen, quaderförmigen Bau, dessen vier Flügel einen Innenhof umschlossen, von denen zwei weitestgehend zerstört waren, wollte Koch sogleich die Treppe in den Keller nehmen, dorthin, wo derzeit die Leichen gelagert und obduziert wurden.

„Herr Arnheim hat gesagt, dass wir zuerst zu ihm kommen sollen“, rief Siggi seinem Vorgesetzten nach, der sich nur kurz umschaute, „Später!“ erwiderte und sogleich die Treppe hinabstieg. Siggi zögerte kurz und folgte ihm dann.

Zwei schwach leuchtende Birnen zeigten ihnen den Weg durch den langen und breiten Gang an, in dem es kälter war als draußen. Vom Ende des Gangs war ein lautstarkes Rumpeln zu hören, das sich an den unverputzten Betonwänden vielfach brach. Kurz darauf kam ihnen aus einem Seitengang ein Karren entgegen, der von einem gebückt gehenden Mann geschoben wurde.

„Tach!“, grüßte der kurz, ohne die beiden Polizisten anzuschauen und ohne das Schieben zu unterbrechen.

Am Ende des Gangs öffnete Koch eine breite Tür. Außer einer Lampe spendeten mehrere Kerzen in dem weitläufigen Raum ein wenig Licht, in dem sich die Schemen mehrerer Metallgestelle und eines Holzschreibtischs abzeichneten. Die Szenerie wirkte gespenstisch.

„Was gibt‘s denn noch?“, ertönte vom anderen Ende des Raumes eine dunkle Stimme.

Koch brauchte einen kurzen Moment, um den Sprecher zu orten, der über einem der Metallgestelle gebückt stand, über dem eine nackte Birne hing, und der trotz des Lichts fast mit der Wand hinter ihm verschmolz. Wortlos ging er zu dem Mann, der, bevor Koch ihn erreicht hatte, schnell ein Tuch über den Körper auf dem Tisch warf, um den Näherkommenden dann mit wachen Augen zu mustern. Er war mit einem Kittel bekleidet, aus dem der Pelzkragen eines Mantels ragte, und einer fellbesetzten Mütze, wie sie die Rotarmisten trugen.

„Paul Koch“, stellte sich der Kommissar vor und lupfte seinen Hut ein klein wenig. Siggi war hinter ihn getreten. Seine Lippen zitterten. Koch sah zwischen dem zugedeckten Körper und dem Mann mit der Pelzkappe hin und her. Er war nicht groß, hatte sich einen fisseligen Vollbart wachsen lassen, und trotz des dämmrigen Lichts konnte Koch erkennen, dass seine breite Nase mit blauen und roten Äderchen durchzogen war.

„Koch? Paul Koch?“, sagte der Mann und betrachtete den Kommissar unverhohlen aus seinen kleinen, in tiefen Höhlen liegenden Augen.

Der drückte seinen Rücken durch.

„Ja. Gibt es daran etwas auszusetzen?“

Langsam schüttelte der Mann seinen Kopf.

„Warum? Für den Namen können Sie nichts. Ist auch kein schlechter Name …“

„Aber …?“

Der Mann lachte kurz.

„Aber er hat nicht überall einen guten Klang.“

Koch sah sein Gegenüber scharf an, aber das schien ihn nicht zu beeindrucken.

„Ihnen eilt ein bestimmter Ruf voraus.“

„Ist eben so. Habe ich mir nicht ausgesucht.“

„Ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf. Aber es ist doch spannend, den Mann kennen zu lernen, den einige Leute offenbar so sehr fürchten.“ Er machte eine kurze Pause, während er ein Tuch aus der Tasche seines Kittels zog und sich die Nase putzte. „Haben die was zu befürchten?“ Die letzte Frage hatte er in einem fast obszönen Tonfall gestellt.

„Das wird sich zeigen“, erwiderte Koch. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“

„Dr. Werner Malmann“, stellte sich der Mann vor, „ich bin vertretungsweise als Gerichtsmediziner hier, bis der neue kommt.“

Er besah sich den Inhalt seines Tuchs, verzog leicht angewidert den Mund, knüllte es zusammen und steckte es zurück in die Kitteltasche.

„Scheißwetter!“, bemerkte er und sah zu Siggi, der mittlerweile am ganzen Körper zitterte.

„Ist das die Leiche aus Bingen?“ Koch deutete auf den Körper unter dem Tuch.

„Ja!“, antwortete der Arzt, und seine Stimme klang jetzt noch tiefer und dumpfer.

„Kann ich mal sehen?“

Der Mann zog seine Augenbrauen nach oben. „Wollen Sie das wirklich?“

„Ja. Oder gibt es ein Problem?“

Statt einer Antwort sah der Mann zu Siggi.

„Das muss er aushalten, wenn er ein guter Polizist werden will.“

„Der hält ja kaum die Kälte aus. Aber wenn Sie meinen. Hat ja wahrscheinlich an der Front genug Mist gesehen. So jung, wie die eingezogen wurden.“

Mit diesen Worten packte er das Tuch an einem Ende und zog es bis zu den Knien von der Leiche. Hinter sich vernahm Koch ein Würgen, dann zwei, drei schnelle Schritte.

„Hab ich mir gedacht.“ Es klang, als wäre Malmann enttäuscht gewesen, wenn Siggi anders reagiert hätte.

Koch unterdrückte ebenfalls einen Würgereiz. Aber weniger der Anblick an sich war das Schlimme. Vielmehr erinnerte ihn das, was er vor sich sah, an die Leichen, die er in Spanien gesehen hatte. Francos Truppen waren nicht zimperlich gewesen und hatten ihre Gefangenen oftmals erst lange und grausam gefoltert, bevor sie sie umbrachten.

Trotz des zerschmetterten Schädels erkannte Koch, dass dem Mann, der vor ihm lag, mit einem sauberen Schnitt die Kehle durchtrennt worden war. Doch das war noch nicht alles. Er musste sich zwingen, auch die andere Stelle genauer anzuschauen. Da, wo einmal die Genitalien gewesen waren, war nur noch blutiges Fleisch zu erkennen.

„Die Leiche wurde in einem Steinbruch gefunden. Ist mindestens zwanzig, dreißig Meter hinabgestürzt“, erklärte Malmann und hustete.

„Da war er schon tot?“

Der Arzt nickte kaum merklich. „Ja. Vielleicht wollte sein Mörder sichergehen, dass er wirklich tot war, was aber unnötig war. Der Schnitt durch die Kehle ist sehr professionell ausgeführt worden. Sehr scharfes Messer. Da wusste jemand ganz genau, was er tat.“

„Das können Sie trotz des zerschmetterten Schädels erkennen?“

„Ich hoffe, dass das nicht despektierlich gemeint ist?“, fragte der Arzt zurück.

Statt einer Antwort sah Koch sich um. Siggi stand in sicherem Abstand, so, dass Kochs Körper den Blick auf den Leichnam verdeckte.

„Wahrscheinlich wird er im Sturz gegen überhängende Felsen gestoßen sein.“

„Waren Sie vor Ort?“

Der Mann schüttelte seinen Kopf, dabei schlenkerte der Ohrschutz auf beiden Seiten seiner Mütze hin und her.

„Wer hat ihn gefunden?“ Koch deutete auf den Körper vor ihm.

„Kinder, soviel ich weiß. Sollten wahrscheinlich Steine organisieren. Die haben im nächsten Ort Bescheid gesagt. Und die Kollegen von der Ordnungspolizei haben die Leiche dann hierher gebracht.“

„Warum hierher?“

Malmann zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich schätze, dass die dort keine Unterbringungsmöglichkeit haben.“

„Bei der Kälte kann man eine Leiche im Moment doch überall lagern“, zweifelte Koch die Aussage des Arztes an.

Der lachte kurz und tief auf. Das Echo, das sich an den Wänden brach, klang gruselig. „Natürlich können Sie den auch auf der Straße oder im ungeheizten Büro lagern“, er betonte das letzte Wort süffisant, „aber wer will das schon sehen? Und so kalt ist es auch nicht mehr. Vor drei oder vier Wochen, da wäre das kein Problem gewesen.“

„Aber es gibt in Bingen einen Kriminaler?!“ Das war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Ja, eigentlich schon“, bestätigte Dr. Malmann. „Aber heutzutage …“, fügte er vieldeutig hinzu. „Sie wissen das doch besser!“ Er grinste Koch frech an.

Der ging nicht darauf ein. Er wusste das Verhalten des Arztes nicht einzuschätzen. Er forderte ihn mit einem Blick auf weiterzusprechen, aber der machte keine Anstalten dem zu folgen.

„Können Sie denn sagen, wann der Mann umgebracht wurde?“

Malmann wiegte seinen Kopf hin und her. „Ich schätze, dass das vorgestern war. Gestern haben ihn die Kinder gefunden. Gestern Abend wurde die Leiche dann hergebracht.“

Koch nickte nachdenklich. „Und wer ist der Mann?“

Wieder ließ der Arzt sein tiefes Lachen hören. „Woher soll ich das wissen? Er hatte keine Papiere bei sich …“

„Und seine Kleidung?“, unterbrach ihn Koch.

„Da hinten!“ Er zeigte auf einen Tisch in der Nähe des Eingangs. Koch sah Siggi an. Der verstand und war froh, sich von der Leiche entfernen zu können.

„Können Sie das Alter schätzen?“

Malmann wiegte seinen Kopf kurz hin und her. „Um die fünfzig, würde ich sagen. Etwa einssiebzig groß, muskulös, ausgeprägter Bizeps, Schwielen, kein Anzeichen akuter Unterernährung. Verletzung am rechten Auge, leichte Ätzung.“

„Arbeitsunfall?“, hakte Koch nach.

„Könnte einer gewesen sein, ja. Dann könnten Sie in den Fabriken suchen, in denen mit entsprechenden Chemikalien gearbeitet wird. Aber wer weiß, ob der von hier ist. Kann aber auch sein, dass es eine Verletzung aus dem Großen Krieg ist. Westfront. Irgendwo bei einem Gasangriff passiert.“

„Sie würden einen guten Kriminalpolizisten abgeben“, bemerkte Koch. „Vielleicht können Sie mir auch sagen, warum der Kollege in Bingen den Fall nicht übernommen hat?“

„Danke für die Blumen, aber ich bleibe bei meinen Leisten.“ Er dachte kurz nach. „Offiziell munkelt man was von Krankheit. Ist bei diesem verflixten Wetter und der mangelhaften Ernährung auch kein Wunder. Und glaubhaft, oder?“

Wieder grinste er.

„Munkelt man?“, fragte Koch zurück.

„Tja, heutzutage kommen und gehen die Menschen, Schmidt ist plötzlich Müller. Und aus einem Müller wird Schulz. Nichts ist mehr, wie es war, würde ich sagen.“

Er sah Koch an. Der schwieg.

„Wenn ein Mann hier, ich meine, in Mainz, plötzlich nicht mehr auftauchen würde, Herr Koch, ohne Begründung, offizielle Begründung, was, meinen Sie, würden die Kollegen glauben?“

Koch nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

„Wie lange sind Sie noch hier?“, fragte er.

„Keine Ahnung, wann der Neue kommt.“

„Und Sie wollen nicht hier bleiben?“

Koch hatte den Eindruck, dass er mit Malmann gut zusammen arbeiten könnte.

„Zwischen Wollen und Können gibt es immer ein ‚und‘“, erklärte der Arzt. „Ich lasse Ihnen eine Nachricht zukommen, wenn ich noch etwas herausfinde.“ Damit wandte er sich der Leiche zu.

Koch ging zu Siggi, der die Kleidung des Toten mit spitzen Fingern zusammenlegte.

„Und Siggi, irgendeinen Hinweis auf die Identität des Toten?“

„Nein, Herr Koch, nichts. Kein Ausweis, kein Ring oder Kette, nichts.“

„Gut, dann lassen Sie uns diesen Höllenort verlassen.“

Das ließ sich Siggi nicht zweimal sagen und stieß die breite Tür zum Gang auf. Koch drehte sich noch einmal um. Malmann stand neben der Leiche und nahm einen Schluck aus einem Flachmann. Er bemerkte Kochs Blick und prostete ihm zu.

„Wer macht so was?“, fragte Siggi, während er neben Koch den langen Flur entlangschritt.

Koch schüttelte seinen Kopf. In dem dunklen Gang bekam Siggi das nicht mit.

„Menschen!“, antwortete er und ging schweigend weiter.

 

IV

„Sie sollten sich erst mal so richtig aufwärmen, Siggi, und trinken Sie was Heißes! Das beruhigt auch Ihren Magen wieder. Und schauen Sie in die Vermisstenkartei. Fünfzig Jahre, Ätzung unter dem rechten Auge, kräftig und muskulös, wahrscheinlich Arbeiter“, forderte Koch seinen Assistenten auf, bevor er zu dem Büro von Bernd Arnheim, dem Leiter der Kriminalpolizei, abbog.

„Sie sind spät! Herr Arnheim erwartet Sie schon längst“, begrüßte ihn dessen Sekretärin im Vorzimmer, in dem es nach Kaffee roch. Nach echtem. Koch musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, ob er eine Tasse haben könnte. Arnheim würde ihm nur eine anbieten, wenn er etwas von ihm wollte. Der Tonfall der Sekretärin verhieß ihm allerdings das Gegenteil.

Sie öffnete die Tür zu Arnheims Büro, rief kurz „Herr Koch“ hinein und trat zur Seite, um den Kommissar in das Zimmer zu lassen. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.

Bernd Arnheim war ein ehemaliger Offizier der Marine, der das Schneidige pflegte und der stets äußerst akkurat auftrat, bei seinem Anzug angefangen bis zu seinem gezwirbelten Schnurrbart, der Koch an diesem Vormittag noch ausladender als sonst erschien.

Während Koch auf ihn zuging, las der Mann weiter in einem Dokument, das vor ihm auf dem dunklen Schreibtisch lag. Einen Meter vor dem Tisch blieb Koch stehen und räusperte sich. Arnheim überhörte das, nahm den Füllfederhalter, der auf einer hölzernen Schatulle lag, zog die Kappe ab und unterschrieb das Dokument, pustete kurz auf die feuchte Tinte und legte es dann zur Seite.

„Mein lieber Koch …“, begrüßte er den Kommissar, der dem Schauspiel ungerührt zugeschaut hatte. Er kannte solche Inszenierungen seines Vorgesetzten nur zu gut und ließ sich davon nicht mehr provozieren, „… ich warte schon auf Sie!“

„Herr Maus hat mich abgeholt. Ich hatte mir heute frei genommen. Sie wissen ja, der Umzug.“

„Ach, Ihre Verlobte, ich erinnere mich. Wie geht es Frau Becker?“

„Danke, gut“, antwortete Koch, der eine Korrektur unterließ und spürte, dass diese Worte nur das Vorspiel zu etwas anderem waren.

„Ich begrüße das sehr. Ich habe den Eindruck, dass die Dame einen guten Einfluss auf Sie hat. Das ist doch eine sehr positive Entwicklung, Koch.“

Der schluckte seinen Ärger hinunter und wartete, dass Arnheim ihm einen Platz anbot, aber der schien nicht daran zu denken. Er blickte wieder auf das Papier vor ihm auf dem Schreibtisch, als wenn dort der Fortgang des Gesprächs und sein nächster Einsatz niedergeschrieben stünden.

„Ja, Koch“, sagte er endlich, seinen Blick weiterhin auf dem Blatt Papier ruhen lassend, „der Tote in Bingen. Unschöne Sache. Gehen Sie nachher mal in den Keller und sehen Sie sich die Leiche an. Werden Sie in Ihrem Exil“, er dehnte den Begriff so in die Länge, dass er etwas Gespreiztes bekam, „nicht gesehen haben. Sehen Sie sich also vor. Kein netter Anblick. Herr Maus sollte das besser nicht sehen. Zarte, junge Seele.“

„Ich war schon unten bei Dr. Malmann und habe mir die Leiche angeschaut. Übrigens bin ich mit dem Anblick solcher Leichen aus meinem Exil, wie Sie das zu nennen pflegen, in Spanien nur zu gut vertraut und …“, erwiderte Koch, doch bevor er weitersprechen konnte, hatte Arnheim seinen Kopf gehoben und blickte ihn zornig an.

„Ich hatte Herrn Maus die Anweisung gegeben, dass er Sie direkt zu mir führen soll. Schicken Sie mir den Herren mal her!“

„Herr Maus kann nichts dafür“, entgegnete Koch. Er musste sich bemühen ruhig zu bleiben. „Er hat es mir mitgeteilt, aber ich habe es vorgezogen mir die Leiche anzuschauen, bevor ich zu Ihnen komme.“

„Hört das denn nie auf, Koch? Sie missachten systematisch meine Anweisungen. Wo hat man Ihnen das beigebracht? Bei Ihren anarchistischen Freunden in Spanien? Koch, was denken Sie, warum die mit Pauken und Trompeten untergegangen sind?“

Koch biss sich auf die Lippe. Ihn ödeten diese Anspielungen und die Gespräche mit seinem Chef nur noch an.

„Haben Sie dazu nichts zu sagen?“

„Dem Mann wurden die Kehle durchgeschnitten und die Genitalien entfernt, bevor er den Felsen hinabgestürzt ist. Die Identität des Toten ist noch ungeklärt. Papiere hat er keine bei sich getragen. Durch den Sturz wurde sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt.“

Arnheim schluckte.

„Warum, Koch, warum entlasse ich Sie nicht auf der Stelle aus dem Polizeidienst?“

Der ließ sich einen Moment Zeit mit der Antwort. „Wollen Sie das wirklich wissen, Herr Arnheim?“, fragte er schließlich zurück.

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte Arnheim seinem Kommissar direkt ins Gesicht springen, dann beruhigte er sich.

„Ich könnte mir vorstellen, Koch, dass es DPs waren, die den Mann umgebracht und so zugerichtet haben. Rache. Man kennt diese Russen ja.“

Koch wunderte sich, dass Arnheim die Verstümmelung des Körpers kalt zu lassen schien, zumindest wirkte das so.

„Entschuldigen Sie, Herr Arnheim“, korrigierte er seinen Vorgesetzten. „Unter anderem haben auch ehemalige jüdische Gefangene den Status von Displaced Persons …“

„Und wenn einer von denen einen ehemaligen Aufseher erkannt hat …“, griff Arnheim diese Erklärung auf.

„Dann sollten wir uns davor hüten, dass man uns vorwirft, den Tod dieses Mannes nicht genauestens untersucht zu haben.“

Reuber, und auch Arnheim, hatten wohl Recht. Die Bekanntschaft mit Dorle hatte ihn ruhiger und besonnener werden lassen. So ruhig, zumindest äußerlich, hätte er vor einem Jahr nicht argumentiert.

Auch sein Vorgesetzter schien an einer weiteren Eskalation nicht interessiert zu sein. „Da könnten Sie Recht haben, Koch. Ich gebe Ihnen eine Woche. Dann will ich ein Ergebnis.“ Er sah wieder auf eines der Dokumente, die vor ihm lagen. „Ich denke, dass Sie zunächst mit der Klärung der Identität des Toten beginnen sollten.“

„Ich werde mit Siggi, ich meine, Herrn Maus, zum Tatort fahren …“

„Ist das nötig, Koch? Geht das nicht auch von hier? Sie wissen doch, wie die Fahrzeuglage ist. Ich habe erst gestern Abend Meldung bekommen, dass derzeit nur ein Fahrzeug betriebsbereit ist. Für die anderen fehlen Ersatzteile, von der Benzinversorgung ganz zu schweigen. Und ich nehme nicht an, dass Sie mit dem Zug fahren wollen.“

„Wenn ich die Identität des Toten klären soll, geht das nur vor Ort …“

„Vorausgesetzt, mein lieber Koch, der Mann kommt auch aus der Gegend hier. In diesen Zeiten ist es nicht so unwahrscheinlich, dass er auf der Durchreise war.“

„Dennoch“, widersprach Koch, „sollten wir alle Möglichkeiten ausschöpfen. Wenn wir wissen, wer der Mann ist, finden wir vielleicht ein Motiv, und darüber den Mörder. Und die Verstümmelung zeigt auch, dass wir es nicht mit einem normalen Verbrechen zu tun haben.“

Arnheim ließ sich Zeit mit der Antwort. „Gut, Koch“, willigte er schließlich ein, „aber versprechen Sie mir, dass Sie das nötige Fingerspitzengefühl walten lassen. Die Fahrbereitschaft soll Ihnen den Wagen geben. Und bitte: Vorsicht damit. Es ist, wie gesagt, unser einziges Auto im Moment.“

Damit wandte er sich wieder seinen Papieren zu.

„Entschuldigen Sie, Herr Arnheim“, forderte Koch die Aufmerksamkeit seines Vorgesetzten noch einmal, „warum übernimmt den Fall nicht der Kollege von den Kriminalern in Bingen?“

Mit einem Ruck sah Arnheim von seinem Papier auf und fixierte Koch.

„Ich weiß manchmal nicht, Koch, ob Sie ein äußerst gewiefter Schauspieler oder naiv sind …?“

„Oder ehrlich?“ Der Kommissar konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.

Arnheim ging nicht darauf ein. „Der Mann ist krank, eine Kriegsverletzung, die wieder ausgebrochen ist … oder wissen Sie mehr, Kollege Koch?“ Er sah den Mann vor seinem Schreibtisch sehr nachdrücklich an.

„Leider nein“, erwiderte Koch.

„Das ist wohl auch besser so. Und nun machen Sie, dass Sie nach Bingen kommen, sonst treffen Sie dort niemanden mehr an. Lassen Sie sich in meinem Vorzimmer die Adresse des Kollegen von der Ordnungspolizei vor Ort geben.“

Koch verabschiedete sich, verließ das Büro, sah im Vorzimmer sehnsüchtig auf die dampfende Tasse Kaffee, die vor der Sekretärin stand, ließ sich den Namen des Kollegen der Ordnungspolizei, Hartmut Drescher, und die Adresse seines Reviers aufschreiben, und eilte in die Kantine, wo Siggi bei seinem Eintreten aufsprang und ihm einen Becher Ersatzkaffee besorgte.

Mit dem Geruch des Bohnenkaffees in der Nase fiel es ihm noch schwerer, diese Flüssigkeit zu trinken. Immerhin war sie heiß und die nächsten Stunden würden sie in der feuchtkalten Märzluft verbringen.

 

V

„Na, Siggi, ob wir dir das glauben sollen?“

Jörg, der Leiter der Fahrbereitschaft, lachte den jungen Mann frech an, während er seine Handschuhe auszog und auf den Kühler eines Opel P4 legte, dem ein Trittbrett und die Tür auf der rechten Seite fehlten.

„Herr Koch hat das mit Herrn Arnheim besprochen“, verteidigte der sich. Siggi war sehr bleich und ihm war nicht nach Scherzen zumute. Koch war am Tor der großen Halle der Fahrbereitschaft stehen geblieben.

Jörg sah kurz zu ihm herüber und Koch nickte beiläufig, bevor er zu dem kleinen Bollerofen ging, der für den großen Raum völlig unzureichend war.

„Dieter, bring mal den Schlüssel für den Adler Junior und sieh nach, ob der genug Treibstoff hat“, rief er durch die Halle. „Bingen, hast du gesagt?“, wandte er sich Siggi zu, der zustimmend nickte. „Macht dreißig Kilometer eine Richtung und zurück noch mal, also sechzig …“

„… und noch ein paar drauf“, ergänzte Siggi ernst. „Wir müssen noch zu dem Steinbruch.“

„Ob das mal stimmt, Siggi? Willste nicht einfach noch ein paar Kilometer schinden, mit dem schönen Adler, unserem derzeit besten Stück. Du weißt, spätestens um vier muss der Wagen wieder hier sein. Dann ist Feierabend.“ Er grinste. „Siggi, Siggi, mir graust es, wenn ich ihn dir in die Hände gebe.“

Nun war Siggi aufrichtig erbost. „Was soll das denn heißen? Ich bin der beste Fahrer im ganzen Haus!“

Jörg hob beschwichtigend die Hände. „Ist ja gut, Siggi, ich erinnere nur daran, wie du im letzten Jahr …“

Koch trat zu den beiden Männern und unterbrach den Disput. „Ich passe auf unseren jungen Nuvolari auf.“ Tazio Nuvolari war Siggis erklärter Lieblingsrennfahrer und sein Idol.

Aus dem Büro kam Dieter mit dem Schlüssel. Auch er konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen.

„Ich werde dann schon mal Ersatzteile besorgen“, erklärte er lachend, während er sich umdrehte und zurückging.

„Auf, Siggi! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, trieb Koch zur Eile an. Er hoffte, dass sie es rechtzeitig zurück schafften, damit er seine wenigen Sachen packen konnte, um sie dann mit Siggi am Abend bei Dorle vorbeizubringen.

„Ihr werdet euch noch wundern“, erwiderte Siggi. Es sollte scherzhaft klingen, aber die Autofahrerei war sein wunder Punkt und der Kommissaranwärter da leicht zu verletzen. Er riss Dieter den Schlüssel aus der Hand und ging zu dem dunklen Adler, der in einer Ecke stand.

„Was hat er denn? Ist ja heute völlig humorlos“, sagte Jörg so leise zu Koch, dass Siggi es nicht mitbekam.

„Ziemlich übel zugerichtete Leiche“, erklärte der Kommissar. „War etwas viel für ihn.“

Jörg nickte verständnisvoll, während Dieter Siggi hinterherrief „Gas ist rechts und die Bremse in der Mitte“ und in ein Lachen verfiel, das kurz darauf von dem unrund knatternden Motor übertönt wurde.

Koch öffnete das Tor und verabschiedete sich mit einer knappen Geste von den Männern, die Siggi bei seinem Rangiermanöver feixend beobachteten.

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