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Also lieb ich ihn

Inhaltsübersicht

TEIL I

1 Juni 1991

TEIL II

2 Februar 1996

3 April 1997

4 Juli 1998

5 August 1998

6 September 1998

TEIL III

7 Februar 2003

8 August 2003

9 Mai 2005

Danksagung

|7|1
Juni 1991

Julia Roberts heiratet bald. Wirklich: Sie wird ein achttausend Dollar teueres Brautkleid tragen, eine Maßanfertigung des Tyler Trafficante Salon in West Hollywood; mit abnehmbarer Schleppe und variabler Länge für den Empfang, wenn die Trauung vollzogen ist, damit sie ungehindert tanzen kann. Für die Brautjungfern gibt es Kleider in einem grünen Meerschaumton, dazu passend eingefärbte Schuhe (Manolo Blahnik, 435 $ das Paar). Als Brautjungfern auserkoren sind Julias Agentinnen (sie hat zwei), ihre Visagistin und eine Freundin, die auch Schauspielerin ist, selbst wenn sie kein Mensch kennt. Die Torte soll vierstöckig werden, verziert mit Veilchen und meerschaumartigem Zuckerguss.

»Wo bleibt denn unsere Einladung?«, fragt Elizabeth. »Ist sie vielleicht in der Post verlorengegangen?« Elizabeth – Hannahs Tante – steht am Bett und legt Wäsche zusammen, während Hannah auf dem Fußboden sitzt und aus einer Hochglanzzeitschrift vorliest. »Und wie heißt noch mal ihr Verlobter?«

»Kiefer Sutherland«, sagt Hannah. »Sie haben sich beim Dreh von Flatliners kennengelernt.«

»Ist er sexy?«

»Geht so.« Eigentlich ist er echt sexy – er hat diese blonden Bartstoppeln und mehr noch, ein blaues und ein grünes Auge – aber Hannah will ihren Geschmack lieber nicht preisgeben, womöglich gilt er eher als Verirrung.

»Zeig mal her«, sagt Elizabeth. Hannah streckt ihr die Zeitschrift entgegen. »He«, sagt ihre Tante, »ganz passabel.« Unwillkürlich muss Hannah an Darrach denken. |8|Vor einer Woche ist Hannah in Pittsburgh angekommen, während Darrach – Elizabeths Mann, Hannahs Onkel – noch unterwegs war. Als Darrach am Abend nach Hause kam, hatte Hannah bereits den Tisch gedeckt und den Salat angerichtet, und er meinte: »Hannah, du musst für immer bei uns bleiben.« Später brüllte er aus dem Badezimmer im ersten Stock: »Elizabeth, das hier ist der reinste Saustall. Hannah wird uns für Schweine halten.« Dann kniete er sich hin und fing an zu schrubben. Die Badewanne war dreckig, keine Frage, trotzdem staunte Hannah. Sie hatte noch nie erlebt, dass ihr Vater einen Tisch abwischte, ein Bett frisch bezog oder mal den Müll rausbrachte. Während Darrach sich hier auf Knien abrackerte, und das nach einer siebzehnstündigen Fahrt. Das Problem mit Darrach ist allerdings – seine Hässlichkeit. Er ist potthässlich. Seine Zähne sind bräunlich und nach allen Seiten hin schief, er hat buschige, lange, stachlige Augenbrauen, die wie seine Zähne in alle Richtungen zeigen, und er trägt einen winzigen Pferdeschwanz. Zwar ist er groß und schlaksig, hat einen netten Akzent – Darrach stammt aus Irland –, aber trotzdem. Wenn Elizabeth Kiefer Sutherland bloß ganz passabel findet, wie schätzt sie dann ihren Mann ein?

»Weißt du was?«, sagt Elizabeth. Sie hält gerade zwei Socken hoch, beide weiß, aber der Längenunterschied ist nicht zu übersehen. Ein Schulterzucken, scheinbar nur für sie selbst bestimmt, dann rollt Elizabeth die Socken zu einer Kugel zusammen und wirft sie auf den Wäschestapel. »Wir schmeißen eine Party für Julia. Hochzeitstorte, feinste Gurkensandwiches. Wir trinken auf ihr Glück. Jeder bekommt ein Glas Apfelsekt.«

Hannah starrt Elizabeth an.

»Was?«, fragt Elizabeth. »Ist das etwa keine gute Idee? Dass Julia sich nicht blicken lassen wird, ist mir klar.«

»Oh«, sagt Hannah. »Von mir aus.«

|9|Wenn Elizabeth lacht, klappt ihr Mund so weit auf, dass man die Füllungen in ihren Backenzähnen sehen kann. »Hannah«, sagt sie, »ich bin nicht gaga. Es ist mir durchaus bewusst, dass sich kein Star zu mir nach Hause begeben wird, bloß, weil ich ihn eingeladen habe.«

»Das hab ich auch nicht wirklich geglaubt«, erwidert Hannah. »Ich hab gleich verstanden, wie’s gemeint war.« Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit; Hannah weiß nicht so recht, wie sie ihre Tante einordnen soll. Elizabeth war immer Teil von Hannahs Leben – Hannah weiß noch, wie sie mit sechs Jahren auf der Rückbank in Elizabeths Auto saß, während ihre Tante ziemlich laut und fröhlich »You’re so vain« mitträllerte, das gerade im Radio lief – aber die meiste Zeit war dieser Teil weit weg. Obwohl Hannahs Vater und Elizabeth die einzigen Geschwister sind, sind beide Familien jahrelang nicht zusammengekommen. Jetzt, da sie bei Elizabeth wohnt, erkennt Hannah, wie wenig sie von ihrer Tante weiß. Die wenigen grundlegenden Dinge, die sie mit Elizabeth verbindet, hat sie vor so langer Zeit erfahren, dass sie sich nicht einmal mehr an den Zeitpunkt erinnert: Kurz nachdem Elizabeth angefangen hatte, als Krankenschwester zu arbeiten, hinterließ ihr ein Patient einen dicken Batzen Geld, das sie leichtfertig verprasste. Sie gab eine Riesenparty, einfach so, ohne Anlass, sie hatte nicht einmal Geburtstag. Und seitdem muss sie jeden Cent zweimal umdrehen. (Zu Hannahs Erstaunen bestellt ihre Tante aber immer Essen – meist chinesisches –, wenn Darrach abends nicht nach Hause kommt, was ständig der Fall ist. Beide verhalten sich nicht gerade so, als müssten sie jeden Cent zweimal umdrehen.) Rein finanziell gesehen, war es da wenig hilfreich, dass Elizabeth einen Fernfahrer heiratete: den Irischen Hippie, wie Hannahs Vater ihn nannte, während Hannahs Mutter erklärte, er sei »ein Anhänger der Gegenkultur«. Als |10|Hannah ihre Schwester fragte – die drei Jahre ältere Allison –, sagte sie: »Das bedeutet, dass Darrach nie duscht«, was keineswegs der Wahrheit entsprach, wie Hannah inzwischen feststellen konnte.

»Sollen wir unsere Party vor oder nach der Hochzeit feiern?«, fragt Hannah. »Sie heiratet am vierzehnten Juni.« Dann stellt sie sich vor, wie das Datum auf den Einladungskarten geschrieben steht, schwungvoll ausbuchstabiert, und fügt hinzu: »Neunzehnhunderteinundneunzig.«

»Warum nicht gleich am vierzehnten? Darrach könnte mein Tischherr sein, wenn er hier ist, und du bekommst Rory.«

Hannah verspürt einen Stich. Natürlich steht ihr kein anderer Tischherr zur Verfügung als ihr achtjähriger, zurückgebliebener Cousin. (Das habe Elizabeths finanziellen Niedergang schließlich besiegelt, behauptete Hannahs Vater: die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom. Am Tag, als Rory auf die Welt kam, stand ihr Vater nach Feierabend in der Küche, ging die Post durch und sagte zu ihrer Mutter: »Dieses Kind wird ihnen eine Bürde sein, bis sie ins Grab fallen.«) Doch was hätte Elizabeth ihr anderes in Aussicht stellen können? Als Tischherrn bekommst du den sechszehnjährigen Sohn eines Kollegen. Er sieht umwerfend gut aus, und er wird dich auf Anhieb mögen. Sicher erwartete Hannah so etwas. Ständig rechnet sie damit, dass ein Junge zum Verlieben vom Himmel fällt.

»Ich würde dir so gern mein Hochzeitskleid heraussuchen, damit du es zur Party tragen kannst«, sagt Elizabeth. »Ich könnte inzwischen nicht einmal mehr den großen Zeh hineinquetschen, aber dir würde es bestimmt prima stehen. Wenn ich nur wüsste, wo ich es hingepackt habe.«

Wie kann Elizabeth bloß ihr Hochzeitskleid verlegt haben? Immerhin ist das kein x-beliebiger Schal. Daheim in |11|Philadelphia ist das Hochzeitskleid von Hannahs Mutter sorgfältig auf dem Dachboden verstaut, in einer länglichen, gepolsterten Schachtel, die einem Sarg gleicht.

»Ich muss die nächste Ladung in den Trockner packen«, sagt Elizabeth. »Kommst du mit?«

Hannah steht auf, ohne die Zeitschrift aus der Hand zu legen. »Kiefer hat ihr ein Tattoo spendiert«, sagt sie. »Ein rotes Herz mit dem chinesischen Schriftzeichen für ›Herzensstärke‹.«

»Anders gesagt«, meint Elizabeth, »lautet die Botschaft: ›Als Zeichen meiner Liebe wirst du jetzt wiederholt mit einer Nadel voller Tinte gepiesackt.‹ Ist diesem Kerl wirklich zu trauen?« Sie sind im Erdgeschoss angelangt und laufen durch die Küche zur Kellertreppe. »Und darf ich überhaupt zu fragen wagen, wo sich das Tattoo befindet?«

»Auf ihrer linken Schulter. Darrach hat keine Tattoos, oder? Auch wenn man bei Fernfahrern immer davon ausgeht.« War das jetzt eine unhöfliche Frage?

»Keine, die er mir gezeigt hätte«, erwidert ihre Tante. Sie wirkt kein bisschen beleidigt. »Allerdings sind die meisten Fernfahrer auch keine Tofufresser und nicht gerade yogabesessen.«

Darrach hat Hannah gestern seinen Sattelschlepper gezeigt, den er in der Auffahrt parkt; die Auflieger gehören jeweils den Unternehmen, die ihn als Fahrer beschäftigen. Darrachs Tour führt ihn zurzeit vom heimischen Pittsburgh, wo er Achsen einlädt, über Crowley in Louisiana, wo er die Achsen abliefert und Zucker einlädt, nach Flagstaff in Arizona, wo er den Zucker abliefert und Damenunterwäsche einlädt, die er nach Pittsburgh bringt. Später erlaubte er Rory, Hannah vorzuführen, wie man den Vordersitz dreht, um in die Schlafecke des Führerhauses zu gelangen. Dann zeigte ihr Darrach die Koje, in der er zu meditieren pflegt. Die Führung stieg Rory zu Kopf. »Das |12|gehört meinem Dad«, erklärte er Hannah ein ums andere Mal und gestikulierte wild. Der Sattelschlepper ist einer von Rorys absoluten Favoriten, der andere ist der kleine Welpe seines Busfahrers. Er hat den Welpen noch gar nicht gesehen, aber es wurde gerade vereinbart, dass Elizabeth und Rory am Wochenende den Busfahrer auf seiner Farm besuchen. Als sie ihren Cousin im Führerhaus herumturnen sah, fragte sich Hannah, ob die hingebungsvolle Liebe, die er seinen Eltern entgegenbringt, ungetrübt bleiben würde. Vielleicht würde das Down-Syndrom auch deren Liebe erstarren lassen.

Nachdem Elizabeth die nassen Kleider in den Trockner gestopft hat, steigen sie die Kellertreppe wieder hoch. Im Wohnzimmer wirft sich Elizabeth auf die Couch, legt die Füße auf den Tisch und seufzt lautstark. »Also, was wollen wir machen? Darrach und Rory sind bestimmt noch eine Stunde unterwegs, bis sie alles besorgt haben. Irgendwelche Vorschläge?«

»Wir könnten spazieren gehen«, sagt Hannah. »Ich weiß auch nicht.« Sie blickt aus dem Wohnzimmerfenster in den Vorgarten. Ehrlich gesagt, findet Hannah diese Gegend gruslig. Dort, wo ihre Familie lebt, in einem Vorort von Philadelphia, erstrecken sich zwischen den Häusern großzügige Rasenflächen, sind die Auffahrten lang und geschwungen und die Hauseingangstüren von dorischen Säulen flankiert. Hier aber gibt es keine Veranden, nur glimmergefleckte Stufen, und wenn man draußen sitzt – die letzten Abende sind Hannah und Elizabeth in den Vorgarten gegangen, während Rory versuchte, Glühwürmchen zu fangen –, hört man aus den Nachbarhäusern die Fernseher. Das Gras ist trocken, Beagle bellen in die Nacht hinaus, am Nachmittag drehen blasse zehnjährige Jungen in Muskelshirts pausenlos ihre Fahrradrunden, wie man es aus dem Fernsehen kennt, während im Vordergrund |13|irgendein gutfrisierter Reporter live vom Tatort berichtet, an dem eine alte Dame ermordet wurde.

»Spazieren ist prima «, sagt Elizabeth, »aber nicht in dieser verfluchten Hitze.«

Dann tritt im Wohnzimmer, eigentlich im ganzen Haus, Stille ein, vom Schleudern des Wäschetrockners im Keller abgesehen. Hannah hört das Klingeln von Metallknöpfen, die gegen die Trommel schlagen.

»Komm, wir gönnen uns ein Eis«, sagt Elizabeth. »Aber lass die Zeitschrift liegen.« Sie grinst Hannah an. »Ich weiß nicht, ob ich noch mehr von diesem Prominenten-Glück ertrage.«

 

Hannah wurde nach Pittsburgh verfrachtet. Sie wurde weggeschickt, in einen Greyhound-Bus gesetzt, während Allison bei ihrer Mutter in Philadelphia bleiben durfte, um für die Prüfungen zu lernen. Hannah findet, sie hätte aus demselben Grund in Philadelphia bleiben müssen – um für die Prüfungen zu lernen. Aber sie ist erst in der achten Klasse, während Allison auf die High School geht, und das bedeutet offenbar, dass ihre Prüfungen wichtiger sind. Hinzu kommt, dass Hannah in den Augen ihrer Eltern nicht nur jünger, sondern auch weniger ausgeglichen ist, was sich als störend erweisen könnte. Also wohnt Hannah auf unbestimmte Zeit bei Elizabeth und Darrach, obwohl das Schuljahr noch nicht einmal vorbei ist.

Dem Schreiben nach, das Dr. William Tucker unterzeichnet und ihre Mutter persönlich im Rektorat abgegeben hat, leidet Hannah am Pfeifferschen Drüsenfieber, und so bittet ihre Familie darum, dass sie den Stoff später in diesem Sommer nachholen darf. Es ist gelogen. Es gibt keinen Dr. William Tucker, er wurde von Hannahs Mutter und Hannahs Tante Polly, der Schwester ihrer Mutter, erfunden. Denn seit zehn Tagen halten sich Hannahs Mutter |14|und Allison bei Polly und deren Familie auf. Hannah leidet keineswegs an Pfeiffer (ihre Mutter und Tante Polly hatten auch Windpocken in Erwägung gezogen, aber dann befanden sie, Hannah sei zu alt, um sie nicht längst überstanden zu haben, außerdem würden sich später vielleicht einige wundern, weil keine Narben zu sehen waren). Hannah fehlt in der Schule, weil ihr Vater sie eines Nachts aus dem Haus gejagt hat, sie und ihre Mutter und Allison. Unbestreitbar ein Akt des Wahnsinns. Allerdings nicht wahnsinniger oder grausamer als andere Dinge, die er getan hat, auch wenn er keineswegs immer wahnsinnig oder grausam ist. Er ist, wie er ist; er kann durchaus umgänglich sein; er ist die Wetterzone, in der sie leben müssen, und sobald er zugegen ist, hängt ihr gesamtes Verhalten von seiner Stimmungslage ab. Geht es ihnen dreien denn nicht in den Kopf, dass ein solches Zusammenleben mit ihm unabänderlich ist? Sich zu beschweren oder Widerstand zu leisten wäre sinnlos, ebenso gut könnte man sich über einen Tornado beschweren oder dagegen Widerstand leisten. Darum verstört es Hannah auch am meisten, dass ihre Mutter sich jetzt weigert, nach Hause zurückzukehren, darum weist ihr Hannah ebenso viel Schuld an diesen Umwälzungen zu wie ihrem Vater. Wie kam ihre Mutter überhaupt dazu, ihm die Stirn zu bieten? Sie hält sich nicht mehr an die familieninternen Spielregeln.

Vielleicht hat dieses nach außen Gekehrte das Ganze noch schlimmer gemacht, die Tatsache, dass sie mitten in der Nacht zu Tante Polly und Onkel Tom fahren und an deren Tür klopfen mussten, während die Folgen der väterlichen Raserei doch sonst immer im Haus verborgen blieben, ganz ohne Zeugen. Oder war es vielleicht diese dramatische Steigerung, denn die Art und Weise, wie er sie vor die Tür gesetzt hatte, war in gewisser Hinsicht theatralischer gewesen als die übliche Brüllerei, das Türenknallen |15|oder der Teller, der gelegentlich zu Bruch ging. Es war wirklich beschämend (wie Hannah in ihrem rosa Nachthemd mit den aufgedruckten bunten Kaugummikugeln vor ihren Cousins Fig und Nathan dastand; das Nachthemd hat sie seit der fünften Klasse), aber es war kein traumatisches Erlebnis. Selbst wenn ihre Mutter sich weigert, nach Hause zurückzukehren – einzig ihr Benehmen lässt es traumatisch erscheinen. Sie benimmt sich so, als könnte sie, könnten sie alle an Hannahs Vater ganz gewöhnliche Erwartungen stellen. Aber sie wissen doch alle, dass sie das eben nicht können. Und gerade Hannahs Mutter ist diejenige, die über Jahre alles darangesetzt hat, es ihm stets recht zu machen, die Hannah und Allison beigebracht hat, wie man da vorgehen muss, in Wort und Tat.

 

Hannah schaltet den Fernseher aus – ihn tagsüber laufen zu lassen erinnert sie an Bettlägerigkeit – und nimmt die Zeitschrift vom Vortag wieder in die Hand. Sie ist allein im Haus: Elizabeth ist bei der Arbeit, Rory in der Schule, und Darrach, der morgen zu seiner nächsten Tour aufbricht, ist gerade im Baumarkt.

Es wäre so schön, berühmt zu sein, denkt Hannah beim Blättern. Nicht wegen des Geldes oder des Glamours, wie die Leute immer annehmen, sondern wegen des Schutzwalls. Wie könnte man sich je einsam fühlen oder gelangweilt, wenn man berühmt ist? Dafür bliebe gar keine Zeit, denn man hätte keine einzige Minute für sich. Man würde von einem Termin zum nächsten, von einer Person zur anderen chauffiert werden, müsste Drehbücher lesen, sich für die kommende Oscarverleihung ein perlenbesetztes silbernes Abendkleid anpassen lassen, die Bauchmuskeln trainieren, unter Aufsicht des Personal Trainer Enrique mit seinem anfeuernden Gebrüll. Man hätte eine eigene Gefolgschaft, die Leute würden sich um ein Zeichen der |16|Anerkennung reißen. Die Journalisten würden fragen, welche Neujahrsvorsätze man gefasst habe oder was man zwischendurch am liebsten äße; nichts würde sie brennender interessieren.

Die Eltern von Julia Roberts ließen sich scheiden, als sie vier Jahre alt war – ihr Vater Walter war Staubsaugervertreter, ihre Mutter Betty war Sekretärin der Kirchengemeinde –, und dann starb ihr Vater an Krebs, als sie neun war, es war bestimmt furchtbar, oder vielleicht war es auch eine Erlösung. So oder so liegt Julias Kindheit in Smyrna, Georgia, eine ganze Weile zurück. Jetzt ist sie dreiundzwanzig und lebt in Kalifornien. Hannah war nie dort, aber in ihrer Vorstellung weht ein frischer Wind, strahlt die Sonne, wimmelt es von hochgewachsenen Menschen und auf Hochglanz polierten Autos, über die sich ein unendlich blauer Himmel erstreckt.

Es ist kurz nach eins, vor einer Stunde hat Hannah ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade gegessen, trotzdem fällt ihr jetzt ein, was es in der Küche noch zu essen gibt: die Reste der vegetarischen Enchiladas, die Darrach gestern Abend gemacht hat, Choc-Choc-Chip-Eis. Sie nimmt zu, das ging schon vor ihrer Ankunft in Pittsburgh los. Seit Beginn der achten Klasse hat sie elf Pfund zugenommen; inzwischen hat sie Hüften und trägt BHs mit der unangenehmen und einst unvorstellbaren Körbchengröße 85C. Ebenso unvermittelt ist in ihrem Gesicht die Nase einer Fremden aufgetaucht. Es wurde ihr erst beim Betrachten des jüngsten Klassenfotos bewusst: ihr hellbraunes Haar und die blasse Haut, ihre blauen Augen und dann plötzlich dieser überzählige Fleischknubbel an ihrer Nasenspitze, dabei hatte sie bisher das Stupsnäschen ihrer Mutter gehabt. Hannahs Mutter ist eine zierliche kleine Frau, die gern Stirnbänder trägt, sich regelmäßig blonde Strähnchen machen lässt und jeden |17|Morgen, sommers wie winters, mit Tante Polly und zwei anderen Frauen Tennisdoppel spielt. Mit achtunddreißig bekam sie eine feste Zahnspange, die sie sich mit vierzig – letztes Jahr – entfernen ließ, doch im Grunde hatte sie von jeher die Persönlichkeit einer attraktiven, erwachsenen Zahnspangenträgerin: privilegiert und trotzdem bescheiden, wohlmeinend, aber ohne sich wirklich Gehör zu verschaffen. Hannahs Gewicht hat sie bisher kein einziges Mal direkt angesprochen, allerdings lässt sie sich hin und wieder mit übertriebenem Enthusiasmus über die Vorzüge von, sagen wir mal, Staudensellerie aus. In solchen Momenten kommt sie Hannah weniger kritisch denn beschützend vor, als unternähme sie den sanften Versuch, ihre Tochter vom falschen Weg abzubringen.

Wird Hannah etwa hässlich? Falls ja, ist es wohl das Schlimmste, was ihr widerfahren kann; so enttäuscht sie die Erwartungen ihrer Familie und möglicherweise auch die sämtlicher Jungen und Männer. Hannah hat es sowohl über das Fernsehen erfahren als auch durch die Blicke der Jungen und Männer. Man kann es förmlich sehen, wie sehr sie sich nach Schönheit verzehren. Gar nicht mal auf frauenfeindliche Weise, nicht unbedingt, um sie zu besitzen. Rein instinktiv, bloß, um sich an ihrem Anblick zu erfreuen. So viel allerdings erwarten sie, insbesondere von jungen Mädchen. Eine ältere Frau wie Elizabeth darf dicker werden, ein junges Mädchen aber muss schön sein oder wenigstens sexy, es liegt in seiner Verantwortung. Spricht man das Wort Sechzehnjährige vor einer x-beliebigen Gruppe von Männern aus, seien sie nun elf oder fünfzig Jahre alt, bekommen sie einen mehr oder weniger lüsternen Blick, den sie vielleicht sogar zu unterdrücken versuchen. In jedem Fall werden sie sich die glatten sonnengebräunten Beine der Sechzehnjährigen vorstellen, die hohen Brüste und die langen Haare. Kann |18|man Männern überhaupt vorwerfen, dass sie von Mädchen eine solche Schönheit erwarten?

Ich sollte Kniebeugen machen, denkt Hannah, hier und jetzt – mindestens fünfundzwanzig, oder gleich fünfzig. Aber im Kühlschrank lockt dieses große Stück Cheddarkäse, im Vorratsschrank warten die knusprigen Salzkräcker. Hannah isst sie im Stehen an der Spüle, bis sie Ekel empfindet und aus dem Haus geht.

Die Straße ihrer Tante, eigentlich eine Sackgasse, mündet in einen Park, auf der anderen Seite befindet sich ein öffentliches Schwimmbad. Etwa zwanzig Meter vor dem Schwimmbadzaun macht Hannah kehrt. Sie setzt sich an einen verwitterten Picknicktisch und blättert wieder in der Zeitschrift, obwohl sie inzwischen jeden Artikel mehrmals gelesen hat. In diesem Sommer hatte sie vorgehabt, sich in Philadelphia als Freiwillige Krankenhelferin einsetzen zu lassen, und es ginge auch im Krankenhaus, in dem Elizabeth als Krankenschwester arbeitet, wenn Hannah nur wüsste, wie lange sie noch hierbleiben muss. Aber sie hat keine Ahnung. Mit Allison und ihrer Mutter hat sie telefoniert, daheim ist alles beim Alten: Die beiden sind immer noch bei Tante Polly und Onkel Tom, ihre Mutter weigert sich immer noch, nach Hause zurückzugehen. Das Merkwürdigste ist aber, sich ihren Vater nachts allein im Haus vorzustellen; wie soll er ohne sie ausrasten? Das müsste doch ungefähr so sein, als schaute man sich allein eine Gameshow im Fernsehen an, wie sinnlos und vergeblich wäre es da, die Antworten zu brüllen. Was bringt ein Wutausbruch ohne Zeugen? Wo bleibt die Spannung, wenn kein zitterndes Publikum zugegen ist?

Ein Typ in Jeans und weißem Muskelshirt kommt auf Hannah zu. Sie senkt den Blick, tut so, als würde sie lesen.

Schon steht er vor ihr; er hat die ganze Strecke zurückgelegt. »Hast du Feuer?«, fragt er.

|19|Sie blickt auf und schüttelt den Kopf. Der Typ ist um die achtzehn, etwa zehn Zentimeter größer als sie, sein schimmerndes blondes Haar ist ganz kurz, beinah wie abrasiert, er hat einen spärlichen Schnurrbart, zusammengekniffene blaue Augen, aufgeworfene Lippen und eine gut ausgebildete Armmuskulatur. Wo kommt er so plötzlich her? Zwischen zwei Fingern hält er eine Zigarette, die noch nicht angezündet ist.

»Du rauchst nicht, oder?«, sagt er. »Macht Krebs.«

»Ich rauche nicht«, antwortet sie.

Er sieht sie an – mit der Zunge fährt er sich über die Schneidezähne, als wollte er sie reinigen –, dann fragt er: »Wie alt bist du?«

Sie zögert; vor zwei Monaten ist sie vierzehn geworden. »Sechzehn«, sagt sie.

»Fährst du gern Motorrad?«

»Ich weiß nicht.« Wie konnte sie sich auf dieses Gespräch einlassen? Schwebt sie in Gefahr? Bestimmt, zumindest ein ganz kleines bisschen.

»Ich reparier grad eins, bei meinem Kumpel.« Der Typ bewegt seine linke Schulter, aber die Richtung ist schwer auszumachen.

»Ich muss los«, sagt Hannah und steht auf, hebt erst das eine und dann das andere Bein über die Picknickbank. Sie läuft ein Stück, wirft einen Blick zurück. Der Typ steht immer noch da.

»Wie heißt du?«, fragt er.

»Hannah«, antwortet sie und wünscht sogleich, sie hätte sich für ihn etwas Besseres einfallen lassen: Genevieve vielleicht, oder Veronica.

 

Mit neun Jahren lernte Hannah auf einer Pyjama-Party ein Nonsens-Spiel: Was immer der eine erzählte, musste vom anderen mit dem Spruch »Eier mit Soße« gekontert werden. |20|Als ihr Vater sie am Sonntagmorgen von der Party abholte, beschloss Hannah, das Spiel bei ihm auszuprobieren. Er wirkte zerstreut – schaltete zwischen verschiedenen Radiosendern hin und her –, ließ sich aber darauf ein. Es war ihr wichtig, ihm im Auto davon zu erzählen, solange sie beide unter sich waren, denn Hannah bezweifelte, dass ihre Mutter es witzig finden würde. Ihr Vater hatte Sinn für Humor. Falls sie an einem Wochenende mal nicht einschlafen konnte, durfte sie manchmal aufstehen und mit ihm im Arbeitszimmer Saturday Night Live gucken, und er brachte ihr ein Ginger Ale, während ihre Mutter und Allison schliefen. Sie beobachtete, wie das Licht vom Bildschirm über seine Gesichtszüge flimmerte, und war stolz, wenn er im Chor mit dem Studiopublikum lachte – damit schien er an einer Welt teilzuhaben, die über ihre Familie hinausging.

Im Auto fragte Hannah: »Was nimmst du zum Frühstück?«

»Eier mit Soße«, sagte ihr Vater. Er wechselte die Spur.

»Was isst du zu Mittag?«

»Eier mit Soße.«

»Was kaufst du im Laden?«

»Eier mit Soße.«

»Was hast du …« Sie hielt inne. »Was hast du in den Kofferraum gepackt?«

»Eier mit Soße.«

»Was …« Hannah hörte, wie sich bereits freudige Erwartung in ihre Stimme mischte, wie sich der Lachdrang – jetzt schon! – ihrer bemächtigte, so dass sie die Frage kaum zu stellen vermochte. »Was bekommst du nachts von deiner Frau?«

Im Auto herrschte Stille. Langsam drehte ihr Vater den Kopf, um Hannah anzusehen. »Weißt du eigentlich, was das bedeutet?«, fragte er.

|21|Hannah schwieg.

»Weißt du, was Eier sind?«

Hannah schüttelte den Kopf.

»Das sind die Hoden. Männer haben das, neben dem Penis. Frauen haben keine Eier. Nicht solche.«

Hannah sah aus ihrem Seitenfenster. Möpse. Sie dachte, Eier wären nur ein anderes Wort dafür.

»Und so ergibt dieser Witz gar keinen Sinn. Eier von meiner Frau? Verstehst du, warum das keinen Sinn ergibt?«

Hannah nickte. Sie wollte nichts wie raus aus dem Auto, weg vom Schauplatz dieses peinlichen Irrtums.

Ihr Vater streckte die Hand aus und drehte das Radio lauter. Während der restlichen Heimfahrt wechselten sie kein Wort mehr.

In der Auffahrt sagte er zu ihr: »Hässliche Frauen versuchen oft, komisch zu sein. Sie denken, das macht alles andere wieder wett. Aber du wirst eine hübsche Frau werden, so wie Mom. Du musst nicht komisch sein.«

 

Wann immer Elizabeth von der Arbeit nach Hause kommt, rennt Rory, kaum dass er ihren Schlüssel im Schloss hört, zum anderen Ende der Couch und kauert sich dahinter, während sein Haarschopf sichtbar hervorsticht. »Hey, Hannah«, sagt Elizabeth, und Hannah zeigt hinter die Couch.

»Weißt du, was ich am liebsten täte?«, fragt Elizabeth mit lauter Stimme.

Sie trägt einen rosa Krankenhauskittel und eine Halskette aus Makkaroni, die Rory letzte Woche in der Schule gebastelt hat. »Am liebsten würde ich schwimmen gehen. Aber dafür müsste ich wissen, wo Rory steckt, weil er ganz bestimmt gern mitkommen würde.«

Rorys Haarschopf zuckt.

|22|»Na, wir werden wohl ohne ihn gehen«, sagt Elizabeth. »Es sei denn, ich finde ihn, bevor …«

Schon springt Rory aus seinem Versteck hervor, schleudert die Arme hoch. »Hier ist Rory«, brüllt er. »Hier ist Rory!« Er rennt um die Couch herum und wirft sich gegen seine Mutter. Als sie ihn auffängt, fallen sie beide seitlich in die Kissen. Elizabeth drückt Rory auf die Couch, küsst ihm Wangen und Nase ab. »Hier ist mein Junge also«, sagt sie. »Hier ist mein großer hübscher Junge.« Rory quietscht und windet sich.

Im Schwimmbad sitzen Elizabeth und Hannah nebeneinander auf weißen Plastikliegestühlen. Elizabeths Badeanzug ist braun, am Bauch wirft das Material Falten, auf die Hannah mehrmals verstohlen blickt, bevor ihr klar wird, woher die Falten rühren. Weil es aber unhöflich wäre, direkt zu fragen, sagt sie: »Ist dieser Badeanzug neu?«

»Machst du Witze?«, antwortet Elizabeth. »Den hab ich, seit ich mit Rory schwanger war.«

Also ist es tatsächlich ein Umstandsbadeanzug. Elizabeth ist allerdings sicher nicht schwanger, denn kurz nach Rorys Geburt hat sie sich die Eileiter abbinden lassen (diesen Ausdruck hatte Hannah von ihren Eltern aufgeschnappt, damals stellte sie sich Elizabeths Fortpflanzungsorgane wie verknotete Würstchenketten vor).

Rory ist am seichten Ende des Beckens. Während sie ihn beobachtet, legt sich Elizabeth die Hand über die Augen, um sie gegen die tiefstehende Nachmittagssonne zu schützen. Hannah fällt auf, dass er nicht mit den anderen Kindern spielt, sondern an einer Wand lehnt, er hat sich aufblasbare Schwimmflügel über die Arme gestreift, obwohl ihm das Wasser nur bis zur Taille reicht. Rory starrt zu einer Gruppe von vier oder fünf Kindern, die alle kleiner sind als er und sich gegenseitig mit Wasser bespritzen. |23|Hannah würde gern zu Rory ins Becken steigen, aber sie trägt keinen Badeanzug. Tatsächlich hat sie Elizabeth erklärt, sie hätte keinen, was gelogen ist. Sie besitzt sogar einen nagelneuen Badeanzug – den ihre Mutter bei Macy’s für sie besorgt hat, bevor Hannah Philadelphia verließ, als machte sie eine Urlaubsreise –, aber Hannah traut sich nicht, ihn in der Öffentlichkeit zu tragen, vor all diesen Leuten.

Und Elizabeth sagte auch nicht: Natürlich hast du einen Badeanzug! Jeder hat einen Badeanzug! Oder: Dann gehen wir eben in die Mall und kaufen dir einen.

»Was treiben deine Filmstars?«, fragt Elizabeth. »Bald ist Julias großer Tag.«

Das stimmt – die Hochzeit findet an diesem Freitag statt.

»Dann müssen wir uns für die Party wohl ranhalten«, fährt sie fort. »Erinnere mich Donnerstag daran, dass ich nach der Arbeit eine Backmischung besorge, oder vielleicht sollten wir in Luxus schwelgen und beim Bäcker Petits Fours kaufen.«

»Was sind Petits Fours?«

»Ich glaub’s nicht! Haben dir deine niveauvollen Eltern nie beigebracht, was Petits Fours sind? Das sind winzige Törtchen, das letzte Mal habe ich sie wohl beim Debütantinnenball gegessen.«

»Du warst Debütantin?«

»Warum nicht? Dringt mir die feine Erziehung nicht aus jeder Pore?«

»So habe ich das nicht gemeint …«, hebt Hannah an, aber Elizabeth fällt ihr ins Wort.

»War nur ein Scherz. Ich fand es grässlich. Man hat uns in irgendeinem Museum vorgeführt, unsere Väter geleiteten uns über einen langen Teppich, damit wir vor diesen greisen Aristokraten einen Knicks machten. Und ich |24|dachte, ich würde garantiert stolpern. Mir war die ganze Zeit zum Kotzen zumute.«

»Haben dich deine Eltern gezwungen?«

»Mom war es ziemlich egal, aber mein Vater hatte große gesellschaftliche Ambitionen. Er nahm es furchtbar wichtig. Und du weißt sicher, dass auch dein Großvater ziemlich jähzornig war, oder?« Elizabeth spricht betont beiläufig, findet Hannah; ihre Tante horcht sie aus. »Aber ich sollte wohl nicht meinen Eltern die Schuld an dieser ganzen Misere geben«, fährt Elizabeth fort. »Schlimm war es vor allem, weil ich so gehemmt war. Wenn ich mir vor Augen führe, wie gehemmt ich war, denke ich: Gott, was für eine Zeitverschwendung

»Warum warst du denn so gehemmt?«

»Ach, wegen allem Möglichen. Mein Aussehen. Meine Dummheit. Da schaffte es dein Vater erst auf die Penn und dann zum Jurastudium nach Yale, während ich mich mit Temple abmühte. Aber dann beschloss ich, Krankenschwester zu werden, ich bekam einen Job, ich lernte Darrach kennen, mit Abstand das beste Exemplar seiner Spezies. Apropos, kannst du sehen, wo Rory abgeblieben ist?«

»Er ist hinter diesen beiden Mädchen.« Hannah streckt den Arm über den Zementboden aus. Rund um das Becken ist alles aus Zement, als befände es sich mitten auf einem Bürgersteig. Im Countryclub ihrer Eltern ist das Schwimmbecken mit Steinplatten eingefasst. Und hier muss man drei Dollar Eintritt berappen und am Erfrischungsstand bar bezahlen, anstatt mit dem Familiennamen zu unterschreiben, und man muss seine eigenen Handtücher mitbringen. Die ganze Anlage wirkt leicht schmuddlig, so dass Hannah ihre Badeanzuglüge trotz des schwülen Frühabends keineswegs bereut. »Wie habt ihr euch kennengelernt, du und Darrach?«, fragt sie.

|25|»Kennst du die Geschichte noch nicht? Oh, sie wird dir gefallen. Also – ich wohne in einer Hausgemeinschaft mit meinen durchgeknallten Freunden; einer der Typen nennt sich Panda und stellt bunten Glasschmuck her, den er quer durch das ganze Land karrt und auf Parkplätzen verkauft, wo immer Konzerte stattfinden. Ich habe gerade meinen ersten Job angetreten, und unter meinen Patienten gibt es diesen seltsamen alten Mann, der an mir einen Narren frisst. Er hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, kaum ist er gestorben, stellt sich heraus, dass er mir einen Batzen Geld vererbt hat. Ich glaube, so an die fünftausend Dollar, heute wären das ungefähr achttausend. Zunächst kann ich gar nicht glauben, dass ich es behalten darf. Ein vor Urzeiten vergessener Verwandter muss doch aus der Torte springen. Aber die Anwälte setzen alle Hebel in Bewegung, ohne einen einzigen Verwandten ans Licht zu zerren. Das Geld gehört also wirklich mir.«

»Unglaublich«, sagt Hannah.

»Wenn ich so schlau wäre wie dein Vater, hätte ich es zur Bank gebracht. Doch stattdessen spende ich einen Teil an eine Stiftung für Krebskranke, weil ich solche Schuldgefühle habe, und mit dem Rest schmeiße ich eine Party. Du ahnst ja nicht, was es für mich bedeutete. Ich war immer so schüchtern und unsicher gewesen, aber dann sagte ich mir, scheiß drauf, und ich gab allen Bescheid, die ich kannte, und meine Mitbewohner sagten allen Bescheid, die sie kannten, und wir engagierten eine Band, die im Hinterhof spielen sollte. Es war im August, wir hatten Fackeln aufgestellt und massenweise Essen und Bier aufgefahren, und es kamen Hunderte von Leuten. Alles tanzte und schwitzte, es war einfach eine großartige Party. Und da taucht mit einem Kumpel dieser große, dürre Ire auf, der attraktivste Mann, der mir je begegnet ist. Der Ire sagt zu mir: ›Du bist Rachel, stimmt’s?‹ Ich sage: ›Wer zur |26|Hölle ist Rachel?‹ Er sagt: ›Rachel, die Gastgeberin.‹ Und so stellt sich heraus, dass er und sein Freund – Mitch Haferey, der später Rorys Patenonkel wurde – auf der falschen Party gelandet sind. Sie hätten eine Straße weiter gehen müssen, aber sie hatten die Musik gehört und kamen gleich zu uns, ohne die Adresse zu überprüfen. Drei Monate später heirateten Darrach und ich.«

»Und lebtet glücklich miteinander allezeit.«

»Ich sage ja nicht, dass wir besonders klug vorgegangen sind. Wir haben es vermutlich etwas übereilt, aber wir hatten tatsächlich Glück. Und wir waren längst keine Kinder mehr. Ich war damals siebenundzwanzig, und Darrach war zweiunddreißig.«

»Julia Roberts ist dreiundzwanzig.«

»Großer Gott! Sie ist ja noch ein halbes Kind.«

»Sie ist doch nur vier Jahre jünger, als du damals warst!«, sagt Hannah. Mit dreiundzwanzig ist man ganz bestimmt kein Kind mehr: Man hat das College abgeschlossen (Julia Roberts ist gar nicht erst hingegangen – sie ist mit siebzehn von Smyrna nach Hollywood abgehauen, einen Tag nach ihrem High-School-Abschluss). Man hat einen Job und wahrscheinlich auch ein Auto, man darf Alkohol trinken, man lebt nicht mehr bei seinen Eltern.

»Oh!«, sagt Elizabeth. »Sieh mal, wer hier ist.« Rory steht neben Elizabeths Stuhl, mit klappernden Zähnen hinter bläulichen Lippen, er zittert am ganzen Körper. Seine schmalen Schultern hängen herab; sein Oberkörper ist ganz bleich, wie pfirsichfarbene Münzen stechen seine Brustwarzen hervor. Elizabeth wickelt Rory in ein Handtuch und zieht ihn auf den Liegestuhl, den sie nach hinten kippen lässt, und als Hannah die ersten Anzeichen des Küss- und Tröst-Rituals erkennt, steht sie auf. Das Ritual ist zwar herzallerliebst, aber weniger für die Öffentlichkeit bestimmt.

|27|»Ich geh dann mal«, sagt sie. »Ich muss noch meine Schwester anrufen.«

»Willst du nicht lieber warten und mit uns im Auto heimfahren?«, fragt Elizabeth. »Wir brechen bald auf.«

Hannah schüttelt den Kopf. »Ein bisschen Bewegung kann nicht schaden.«

 

Heiraten bedeutet also: Du wurdest einmal von wenigstens einem Mann geliebt; du warst diejenige, die er über alles liebte. Aber wie bringst du einen Mann dazu, dich derart zu lieben? Bemühst du dich um ihn oder er sich um dich? Julia Roberts’ Hochzeit soll im Aufnahmestudio Nr. 14 der Twentieth Century Fox gefeiert werden. Das Studio wurde für diesen Anlass bereits zu einem Garten umdekoriert.

 

Als Hannah ihre Schwester in Philadelphia zu erreichen versucht, nimmt ihre Cousine Fig den Hörer ab. Fig ist genau so alt wie Hannah und geht mit ihr in dieselbe Klasse; einen Großteil ihres Lebens haben die beiden schon gemeinsam zugebracht, ohne sich deswegen besonders zu mögen. »Allison ist nicht da«, sagt Fig. »Ruf in einer Stunde noch mal an.«

»Kannst du ihr etwas ausrichten?«

»Ich muss los, bin mit Tina Cherchis in der Mall verabredet. Was meinst du, würden mir doppelte Ohrlöcher stehen?«

»Darfst du das überhaupt?«

»Wenn ich das Haar offen trage, kriegen die das kaum mit.«

Eine Pause tritt ein.

»Mom hält deinen Vater für einen Psychopathen«, sagt Fig.

»Das ist nicht wahr. Deine Mutter versucht bloß, meine |28|Mutter zu trösten. Haben sie in der Schule nach mir gefragt, wegen des Drüsenfiebers?«

»Nein.« Ein Klicken ertönt, dann sagt Fig: »Da ist jemand in der anderen Leitung. Ruf einfach am späteren Abend noch mal an, dann ist Allison wieder da.« Fig legt auf.

 

Hannahs schrecklichste Erinnerung – nicht der Abend, an dem ihr Vater seinen bisher heftigsten Tobsuchtsanfall hatte, sondern ein Zwischenfall, der Hannah im Rückblick am traurigsten stimmt – reicht weit zurück, sie war zehn und Allison dreizehn, als sie mit ihrem Vater unterwegs waren, um eine Pizza zu holen. Die Pizzeria war etwa drei Meilen von ihrem Haus entfernt und gehörte zwei iranischen Brüdern, deren Frauen und Kinder öfters hinter dem Tresen standen.

Es war an einem Sonntagabend, Hannahs Mutter war zu Hause geblieben, um den Tisch zu decken. Hannah und Allison sollten zum Nachtisch Vanilleeis mit Erdbeersoße bekommen, da sie ihre Mutter nachmittags im Laden dazu hatten überreden können.

Als sie eine Kreuzung mit roter Ampel erreichten, bremste ihr Vater. Unmittelbar nachdem die Ampel auf Grün umgesprungen war, machte ein Junge, dem Augenschein nach ein Collegestudent, Anstalten, die Straße zu überqueren. Allison tippte ihrem Vater an die Schulter. »Du hast ihn gesehen, oder?«, sagte sie und gab dem Fußgänger ein Zeichen weiterzugehen.

Hannah erkannte auf Anhieb, wie zornig ihr Vater war – er hatte dann eine eigentümliche Weise, sich auf die Lippen zu beißen. Und obwohl Hannah von ihrer Schwester nur den Hinterkopf sah, war ihr klar, dass Allison nichts Böses ahnte. Das sollte allerdings nicht lange vorhalten. Als der Fußgänger die Straße überquert hatte, raste ihr |29|Vater über die Kreuzung und hielt dann abrupt am Straßenrand. Er drehte sich zu Allison: »Wage es ja nicht, dem Fahrer jemals wieder so in die Quere zu kommen«, sagte er. »Was du gerade getan hast, war so hirnverbrannt wie gefährlich.«

»Ich wollte doch nur sichergehen, dass du ihn gesehen hattest«, erwiderte Allison leise.

»Damit hast du doch gar nichts zu schaffen!«, brüllte ihr Vater.

»Du hast dem Fußgänger keine Weisung zu erteilen, ob er nun gehen kann oder nicht. Ich möchte von dir eine Entschuldigung hören, und zwar auf der Stelle.«

»Es tut mir leid.«

Sekundenlang funkelte er sie an. Dann sagte er, mit etwas leiserer Stimme, auch wenn sie immer noch vor Zorn bebte: »Wir fahren jetzt nach Hause zurück. Pizza bekommt ihr ein anderes Mal, wenn ihr gelernt habt, euch zu benehmen.«

»Dad, sie hat sich doch entschuldigt«, sagte Hannah auf der Rückbank, und er wandte sich jäh zu ihr um.

»Wenn deine Meinung gefragt ist, Hannah, gebe ich Bescheid.«

Danach sprach keiner von ihnen mehr ein Wort.

Daheim traten sie nacheinander stumm ein, während ihre Mutter aus der Küche rief: »Rieche ich da etwa Pizza?« und ihnen zur Begrüßung entgegenkam. Ihr Vater rauschte an ihr vorbei und stürmte in sein Arbeitszimmer. Am schlimmsten war es gewesen, ihrer Mutter zu erklären, was vorgefallen war, ihr Gesicht zu sehen, als sie begriff, dass der Abend gelaufen war. Das kam oft vor – aus Anlässen, die das immergleiche Grundschema variierten –, aber ihre Mutter hatte den Wendepunkt bisher immer selbst miterlebt. Ihr nun davon erzählen zu müssen war einfach – grauenhaft. Sie erlaubte es Allison und Hannah nicht, sich |30|selbst etwas aus dem Kühlschrank zu holen, sie sollten so lange warten, bis es ihrer Mutter gelungen war, ihren Vater aus dem Arbeitszimmer zu schmeicheln (Hannah wusste, dass es nicht klappen würde) oder ihm das Zugeständnis abzuringen, dass sie die Pizza abholen durfte (Hannah wusste, dass er das nicht zulassen würde). Nach etwa vierzig Minuten sagte ihre Mutter, sie sollten sich Sandwiches machen und sie oben in ihren Zimmern essen. Ihr Vater würde mit ihr ins Restaurant gehen und er wolle weder Hannah noch Allison unten sehen.

An diesem Abend vergoss Hannah nicht eine einzige Träne, doch wenn sie manchmal daran zurückdenkt, wie ihre Mutter den Tisch gedeckt hatte, die blauen Teller, die gestreiften Servietten samt Ring, und sich an diesen flüchtigen Moment erinnert, als bereits feststand, dass es keine Pizza geben würde, ihre Mutter es aber noch nicht wusste und alle Vorbereitungen traf, dann kann sie diese seltsame Traurigkeit kaum ertragen, die entsteht, wenn einem eine ganz alltägliche kleine Freude plötzlich versagt wird. Kurz nachdem ihre Eltern das Haus verlassen hatten, klingelte das Telefon, und als Hannah den Hörer abnahm, sagte eine männliche Stimme: »Hier ist Kamal, ich rufe wegen Ihrer Pizza an. Sie sollten sie abholen, bevor sie ganz kalt wird.«

»Es hat aber niemand eine Pizza bestellt«, erwiderte Hannah.

 

Während sie im Schwimmbad waren, hat Darrach zum Abendessen Lasagne gemacht. Mit frischem Spinat und viel Basilikum.

»Kompliment an den Koch«, sagt Elizabeth. »Darrach, weißt du noch, wie Hannahs Eltern uns bei den Hochzeitsvorbereitungen geholfen haben? Vorhin ist mir das wieder eingefallen.«

|31|»Und wie ich mich erinnere.«

»Es war unglaublich.« Elizabeth schüttelt den Kopf. »Die Trauung fand nicht in der Kirche statt, sondern in diesem Haus, in dem ich damals lebte, und meine Eltern weigerten sich zu kommen.«

»Wie furchtbar«, sagt Hannah.

»Mom hat sich deswegen noch Jahre später in den Arsch gebissen. Die Sache hat ihr viel mehr zu schaffen gemacht als mir. Dein Vater hieß diese flockige Lebensweise zwar auch nicht gut, aber immerhin kamen er und deine Mutter am Hochzeitstag aus Philly hergefahren. Sie kamen mitten am Nachmittag an, mit einer Million gefrorener Shrimps auf der Rückbank, in Kühltaschen. Wir wollten den Empfang ganz schlicht halten, aber deinen Eltern schwebte etwas Repräsentativeres vor. Wir schälten immer noch Shrimps, als der Standesbeamte eintraf, und die größte Sorge deiner Mutter war, dass Darrach und ich an unserem Hochzeitstag stinken.«

»Darf ich aufstehen?«, fragt Rory.

»Noch ein Bissen«, sagt Darrach. Rory stopft sich ein großes Stück Lasagne in den Mund und springt kauend vom Tisch auf. »In Ordnung«, sagt Darrach, schon stürmt Rory ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein.

»Es war alles ziemlich hektisch«, sagt Elizabeth, »aber es hat auch Spaß gemacht.«

»Und niemand roch nach Meeresfrüchten«, fügt Darrach hinzu. »Die Braut duftete wie eine Rose, wie gewohnt.«

»Siehst du?«, sagt Elizabeth. »Ist er nicht charmant? Wie hätte ich ihm widerstehen können?«

Darrach und Elizabeth sehen sich an. Einerseits macht es Hannah verlegen, inmitten soviel klebriger Zuneigung geraten zu sein, andererseits weckt das ihr Interesse. Gibt es tatsächlich Menschen, die so friedfertig leben und |32|einander so liebevoll begegnen? Das beeindruckt sie, und doch scheinen die beiden eher orientierungslos, nicht eben zielgerichtet. Daheim weiß sie genau, wie sie sich zu verhalten hat und warum. Ist ihr Vater im Haus – morgens, bevor er ins Büro geht, nach Feierabend, am Wochenende –, hängt alles von seiner Stimmung ab, worüber sie sprechen, ob sie überhaupt sprechen, welche Räume sie betreten dürfen. Wenn man mit einem Menschen zusammenlebt, der jederzeit die Selbstbeherrschung verlieren kann, gibt es eine klare Vorgabe: Das Ziel ist, ja nichts auszulösen, und wenn es einem gelingt, ist das an sich schon ein Erfolg. Wonach andere auch immer streben mögen, was sie sich wünschen und für ihr gutes Recht halten – Besitz oder Zerstreuung oder Gerechtigkeit vielleicht –, spielt nicht die geringste Rolle. Es zählt nur, dass man die Abstände zwischen den Anfällen so weit wie möglich ausdehnt oder, falls das scheitert, diese Anfälle vor der Außenwelt tunlichst verbirgt.

Hannah geht aufs Klo, und auf dem Rückweg in die Küche hört sie Darrach sagen: »Morgen geht’s leider wieder los, nach Louisiana.«

»Ein Trucker ist eben immer auf dem Sprung«, sagt Elizabeth.

»Aber wäre es nicht viel schöner«, sagt Darrach, während Hannah die Küche betritt, »wenn ich hierbleiben würde und wir rammeln könnten wie die Kaninchen?« Bei seiner Aussprache hört sich rammeln an wie rummeln.

Beide drehen sich gleichzeitig zu Hannah um.

»Na.« Elizabeth, die noch am Tisch sitzt, grinst verlegen. »Das hast du ja elegant ausgedrückt.«

»Ich bitte um Vergebung.« Darrach, der an der Spüle steht, neigt den Kopf in Hannahs Richtung.

»Ich bring Rory ins Bett«, verkündet Hannah.

»Ich helf dir«, sagt Elizabeth. Im Vorbeigehen klopft sie |33|Darrach leicht auf den Hintern und schüttelt den Kopf. Im Wohnzimmer fragt sie Hannah: »Haben wir dich jetzt traumatisiert? Möchtest du jetzt am liebsten kotzen?«

Hannah lacht. »Schon gut. Mir ist nicht schlecht.«

Dabei ist die Vorstellung von Elizabeth und Darrach beim Sex durchaus nicht appetitlich. Hannah denkt an Darrachs braune Zähne und seine buschigen Augenbrauen und diesen kleinen Pferdeschwanz, und dann malt sie sich aus, wie er nackt in deren Schlafzimmer steht, groß und hager und blass, mit einer Erektion. Ob das Elizabeth antörnt? Möchte sie von ihm angefasst werden? Und macht es Darrach denn nichts aus, dass Elizabeth diesen breiten Hintern hat oder so viele graue Haare, die heute Abend von einem roten Tuch gebändigt werden? Haben sie vielleicht einen Tauschhandel gemacht – wenn ich dir gefalle, gefällst du auch mir – oder finden sie wirklich Gefallen aneinander? Wie kann das sein?

 

Hannahs liebste Vorstellung von ihrem Vater ist diese: Nach dem College schloss er sich dem Peace Corps an und wurde für zwei Jahre in einem Waisenheim in Honduras eingesetzt. Es war in jeder Hinsicht eine schwierige Zeit; er war davon ausgegangen, dass er Englisch unterrichten würde, aber meistens musste er Kartoffeln schälen, um der Köchin zu helfen, einer älteren Frau, die sieben Tage die Woche täglich drei Mahlzeiten für 150 Jungen stemmte. Die Armut war unbeschreiblich. Die ältesten Jungen waren zwölf, sie flehten Hannahs Vater an, sie in die Vereinigten Staaten mitzunehmen. Im September 1972, kurz vor seiner planmäßigen Rückkehr, standen er und einige Jungen mitten in der Nacht auf, um im Radio zu hören, wie Marc Spitz bei den Olympischen Sommerspielen in München über 100 m Schmetterling schwamm. Das Radio war klein, der Empfang schlecht. Spitz hatte bereits mehrfach Weltrekorde |34|aufgestellt, Goldmedaillen über 200 m Schmetterling und 200 m Freistil eingeheimst, und als er schließlich wieder einen Rekord brach – indem er das Wettschwimmen mit 54,27 Sekunden gewann –, wandten sich alle Jungen Hannahs Vater zu und fingen an zu klatschen und zu johlen. »Nicht meinetwegen«, erklärte er ihr, »sondern weil ich Amerikaner war.« Trotzdem glaubte sie, dass der Beifall zumindest in Teilen auch ihm gegolten hatte: weil er stark und zuverlässig war, ein erwachsener Mann. Diese Fehleinschätzung übertrug sie auf alle Männer; Frauen hielt sie hingegen für leicht zimperlich.

Was genau war in ihrem Vater vorgegangen, um ihn von einem Mann, den Waisenjungen in Honduras bejubelt hatten, zu jemand werden zu lassen, der neunzehn Jahre später seine eigene Familie aus dem Haus jagen würde? Wann immer ihre Mutter ihn gegen sich aufbringt – weil sie Huhn zubereitet hat, obwohl er Steak wollte, weil sie vergessen hat, seine Hemden aus der Reinigung abzuholen, obwohl sie es morgens versprochen hatte –, zwingt er sie, im Gästezimmer zu übernachten; sie schläft dann auf der linken Seite des Doppelbettes. Das kommt etwa einmal im Monat vor, meist für die Dauer von drei Nächten, und es geht mit einer deutlich angespannteren Atmosphäre einher. Nicht immer steigert sich ihr Vater in einen Tobsuchtsanfall hinein oder verspritzt Gift – manchmal genügt die bloße Drohung. In diesen Zeiten ignoriert er ihre Mutter ganz und gar, auch wenn sie weiterhin alle gemeinsam zu Abend essen, und befasst sich demonstrativ mit Allison und Hannah. Ihre Mutter weint ständig. Vor dem Zubettgehen spricht ihre Mutter im Elternschlafzimmer vor und bittet darum, zurückkehren zu dürfen; sie fleht und jammert. Als Hannah jünger war, stellte sie sich manchmal dazu und weinte gemeinsam mit ihrer Mutter. Sie schrie dann: »Bitte, Daddy! Lass sie bei dir schlafen!« |35|Ihr Vater schnaufte: »Caitlin, hol sie von der Tür weg. Bring sie weg.« Oder er sagte: »Ich an deiner Stelle würde nicht versuchen, die Kinder gegen mich aufzuhetzen, wenn dir die Familie wirklich etwas bedeutet.« Ihre Mutter flüsterte: »Geh weg, Hannah. Du bist keine Hilfe.« Währenddessen lief der Fernseher im Schlafzimmer in voller Lautstärke und trug zum allgemeinen Tumult bei. Vor einigen Jahren hörte Hannah damit auf, ihrer Mutter beizustehen, und ging stattdessen zu Allison ins Zimmer, doch nach dem ersten oder zweiten Mal wurde ihr klar, dass Allison Hannah lieber nicht sehen wollte, denn dadurch wurde sie mit dem Geschehen konfrontiert. Inzwischen bleibt Hannah in ihrem Zimmer. Sie setzt sich Kopfhörer auf und liest Zeitschriften.

In der Nacht, in der sie aus dem Haus gejagt wurden, war Hannah gegen halb zwölf aufgewacht, weil ihre Eltern sich stritten. Ihre Mutter hatte die letzten Nächte nicht im Gästezimmer verbracht, doch jetzt wollte ihr Vater, dass sie dort übernachtete. Sie weigerte sich. Nicht entschieden, sondernd flehentlich. »Aber ich liege doch schon im Bett«, hörte Hannah. »Ich bin so müde. Bitte, Douglas.«

Danach wollte er sie nicht nur aus dem Zimmer, sondern ganz aus dem Haus haben. Wo sie bleiben sollte, war ihm egal – das war ihre Angelegenheit. Er sagte, er sei es leid, dass sie ihm so wenig Achtung entgegenbringe, bei allem, was er für die Familie leiste. Und sie sollte die Mädchen ruhig mitnehmen, die ihn noch geringer schätzten als sie. »Du hast die Wahl«, sagte er. »Entweder du teilst ihnen mit, dass sie hier verschwinden müssen, oder ich wecke sie selbst auf.« Sofort rief ihre Mutter Allisons und Hannahs Namen, sie sollten sich beeilen, und es sei egal, dass sie keine Straßenkleidung trügen. Das war am Donnerstag. Am nächsten Morgen ging Hannah nicht in die Schule – ihre Mutter nahm sie mit zu Macy’s, um ihr Kleider zu |36|kaufen –, und am Samstag saß sie im Greyhound nach Pittsburgh.

Und das ist genau das Problem: Hannah hat den Verdacht, dass es sich ihre Mutter und Allison gerade gutgehen lassen. Als sie das letzte Mal mit ihrer Schwester sprach, sagte Allison: »Aber wie geht es dir? Sind Elizabeth und Darrach nett zu dir?« Bevor Hannah antworten konnte, rief Allison: »Fig, mach das Radio leiser! Ich kann Hannah ja kaum verstehen.« Vielleicht ähnelt es der Situation, wenn ihr Vater auf Geschäftsreisen ist und sich mit einem Schlag alles entspannt. Abendessen gibt es spontan um fünf oder um neun; entweder essen sie bloß Käse und Kräcker oder eine Pfanne gebackene Rice Krispies, die sie in drei Portionen teilen und noch am Herd im Stehen vertilgen; sie sehen zu dritt fern, gemeinsam, anstatt sich jeweils in ihre Zimmer zurückzuziehen. Diese Entspannung kommt ihnen trügerisch vor, nicht von ungefähr, da sie zeitlich begrenzt ist. Wer weiß, vielleicht hat ihre Mutter gemerkt, dass es immer so sein könnte, seit sie bei Hannahs Tante und ihren Cousins wohnt. Diese Schlussfolgerung ist weder falsch noch unvernünftig, und dennoch – solange Hannah und Allison und ihre Eltern alle gemeinsam unter einem Dach leben, sind sie noch eine Familie. Nach außen hin völlig normal, vielleicht sogar beneidenswert: Sportlicher Vater, nette, attraktive Mutter, hübsche ältere Schwester, die gerade zur stellvertretenden Vorsitzenden des Studentenrates gewählt wurde, und jüngere Schwester, die sich bisher noch nicht besonders hervorgetan hat, zugegebenermaßen, doch Hannah hofft, dass ihre Vorzüge noch zur Geltung kommen. Vielleicht wird sie sich in der High School dem Debattierclub anschließen und dann bald zu nationalen Wettbewerben nach Washington, D. C., eingeladen werden, wo sie Begriffe wie inkommensurabel verwenden kann. Ihr Zusammenleben in |37|diesem Haus ist nicht so schlecht, nach außen hin wirkt es alles andere als schlecht, und selbst wenn ihre Tanten und Cousins auf beiden Seiten wissen, wie es in Wirklichkeit steht, fällt es nicht ins Gewicht. Immerhin gehören sie zur Familie. Und die anderen, die anständigen Leute wissen von nichts.

 

Hannah soll Rory von der Bushaltestelle abholen, wenn er von der Schule kommt. Sonst holt ihn immer Mrs. Janofsky ab, eine achtundsechzig Jahre alte Nachbarin von gegenüber, aber Elizabeth meint, Rory halte ...

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