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Alle Zeit

Kathrin Gerlof

Alle Zeit

Roman

 

 

 

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Inhaltsübersicht

Julis Bauch ist so ...

Sie stellt das Schachbrett ...

Svenja landet auf dem ...

Das Zimmer, in dem ...

Svenja schreit, und Julis ...

Henriette ist unsicher. Bei ...

Alles hat wieder seine ...

Juli steht am Kopfende ...

Elisa packt Henriette und ...

Den Tanztee hat sie ...

Heute gehen wir raus ...

Klara wacht auf und ...

Juli ruft die Hebamme ...

In der Sauna sind ...

Wir können das nicht ...

Juli überlegt, ob sie ...

Die Kegelbrüder sind genau ...

Klara hat Franz wieder ...

Elisa erwacht ohne Migräne ...

Juli entdeckt einen Mord ...

Aaron bringt Klara sicher ...

Elisa und Henriette brauchen ...

Der Mann der Hebamme ...

Klara denkt angestrengt nach ...

Die nette Pflegerin mit ...

Olaf ist ein sonderbarer ...

Die Alten haben wieder ...

Juli schaut sich ein ...

Der Weg zurück ist ...

Aaron benimmt sich wie ...

Juli hat sich wirklich ...

Die Hanuller sind alle ...

Klara fühlt sich wieder ...

Juli kramt nun doch ...

Die Nacht im Hotelzimmer ...

Im Telefonbuch findet sich ...

Klara wacht am nächsten ...

Juli hat schlecht geschlafen ...

 

Julis Bauch ist so dick, dass sie die Welt zu ihren Füßen nicht mehr sehen kann.

Noch zwei Tage, wenn wir richtig gerechnet haben, denkt sie. Ihre Füße schlurfen Spuren in den Schnee.

Wie ein Schneepflug, denkt sie, oder zwei extrabreite Langlaufski. Juli schätzt die Entfernung zur nächsten Parkbank.

Zweitausend Kilometer, murmelt sie und macht sich auf den Weg.

Auf der Bank sitzt eine vermummte Gestalt. Hat es sich auf einer alten Wolldecke bequem gemacht und guckt in die Luft. Juli lässt sich stöhnend neben ihr nieder. Die vermummte Gestalt hüpft dabei leicht nach oben, so schwer sind Bauch und Frau.

Tag, sagt Juli und erhascht einen Blick in zwei blassblaue Augen. Sie zieht ihre dicken Handschuhe aus und bläst einen Marsch auf zehn kalten Fingerspitzen. Die Gestalt summt ein Weihnachtslied vor sich hin, eins von klingenden Glöckchen und lasst mich ein ihr Kinder. Juli lächelt und pustet den Takt dazu.

Sie sollten nicht so viel essen, meine Liebe, sagt die Gestalt und rückt näher ran.

Ich erwarte ein Kind.

Oh, sagt die Vermummte und guckt wieder in die Luft. Ein Kind ist vorhin vorbeigekommen. Sah aus wie ein Hase, rosa Ohren aus Wolle. Wie heißen die Dinger, die man auf den Kopf setzt?

Mützen, sagt Juli, oder Hüte.

Mützen, murmelt die Gestalt und kaut ein bisschen auf dem Wort rum. Mützen. Hießen die früher auch so?

Ich glaube schon.

Dann muss ich das wohl vergessen haben. Ich lese jeden Tag Zeitung, meine Liebe, aber mein Kopf ist ein Sieb. Ich kann die Zeitung dreimal lesen. Sie ist immer neu. Das spart Geld. Juli lächelt und wappnet sich für eine alte Geschichte.

Man hat jetzt Kopftücher erfunden, meine Liebe, die nicht brennen. Das habe ich mir gemerkt, weil es in der Zeitung stand. Mit den Kopftüchern können sich Frauen in Chemielaboren verkleiden. Sie haben es selbst so gewollt. Dass es nichtbrennbare Kopftücher gibt. Und sie glauben an etwas, von dem wir nichts ahnen. Wissen Sie, wie viele Dinge in dem Wort Frauen verborgen sind? Auen, rau und au. Ich übe Worte finden, weil mir so viele verlorengehen. Es ist schwer zu glauben, dass Frauen nichtbrennbare Kopftücher haben wollen.

Ich bin alt, meine Liebe. Mir gehen die Begriffe verloren. Was ich sage, verschwindet oft für immer aus meinem Kopf. Ich leere mich. Aus. Das mit den Kopftüchern habe ich behalten. Aber es hängt kein Gedanke daran. Nur eine Erinnerung, die noch nicht verlorengegangen ist.

Eine Erinnerung, die noch nicht verlorengegangen ist, denkt Juli. Das hat sie aber traurig gesagt.

Bleiben Sie ruhig hier sitzen, junge Frau. Und essen Sie nicht mehr so viel. Es ist meine Bank. Ich habe sie besetzt, um auszusagen. Aus zu sagen. Alles, was ich sage, liegt dort im See. Wenn ich jetzt »Mondaufgang« ausspreche, werden Sie mich wahrscheinlich nie wieder fragen können, wie man das nennt. Das Wort hat sich weggeflüchtet. Weg, Weeeg. Die Unterschiede sind auch nicht mehr erkennbar. Ich bin zu alt geworden. Ich kann die Worte nicht mehr halten. Vor einigen Tagen hat mich ein Polizist gefragt, wie ich heiße. Es hat ihn gestört, mich hier sitzen zu sehen. Im Schnee. Ich habe ihm meinen Namen gesagt. Seitdem ist er verschwunden. Sie können mich also nennen, wie Sie wollen. Geben Sie mir einen Namen, irgendeinen, den ich weitersagen und vergessen kann. Das Schlimmste ist nicht, dass die Welt verschwindet. Wir werden viel zu alt. Das ist schlimm. Hören Sie. Wir können nur noch mit den lahmen Flügeln schlagen. Und währenddessen stirbt unser Hirn. Ich werde auf dieser Bank sitzen bleiben. Bis der See alle meine Worte wieder hergibt. Irgendwo da unten ist mein Name. Und ohne den gehe ich nicht nach Haus.

Juli hört dem langen Vortrag zu und rauft sich die grünen Haare. Sie ist zu schwer und zu müde, um der alten Frau einen Namen aus dem See zu fischen. Vielleicht später einmal.

Für diesen einen Moment fühlt sie sich verantwortlich und schlingt der alten Frau den Schal ein paar Mal um den Hals. Ein kurzer Augenblick der Fürsorge ist das, der schnell vorbeigeht. Das mit den nichtbrennbaren Kopftüchern kommt ihr bekannt vor. Und die alte Frau auch. Ein bisschen. Vielleicht. Deren blassblaue Augen haben sich in weiter Ferne ein Ziel gesucht. Juli steht auf und geht. Der Trost war nur von kurzer Dauer.

 

Sie stellt das Schachbrett auf den Tisch. Es ist ihr Schachbrett, ihr Tisch und ihr Zimmer. Ein schwarzer Bauer fehlt. Sie ersetzt ihn durch einen bunten Porzellanengel. Bauer e2 auf e4, murmelt sie und schiebt die elfenbeinfarbene Figur zwei Felder nach vorn. Königsgambit hat er doch immer gern gespielt. Kann man nicht viel falsch machen. Bauer e7 auf e5. Erst das Kanonenfutter nach vorn und dann die Offiziere hinterher. Hauptsache, man hat die Initiative ergriffen.

Sie nimmt ihr Gebiss aus dem Mund und legt es neben das Schachbrett. Ich mag sizilianisch. Alles vergessen. Springer als Nächstes, aber dann wird es schon schwer.

Hinter ihrem Rücken geht die Tür auf. Frau Simon?

Ist nicht ihr Name. Ihr Name liegt im See. Hat der nette Polizist gestohlen.

Frau Simon? Ihre Medizin müssen Sie noch. Warum haben Sie das Gebiss rausgenommen? Sie sollen es tragen. Tag und Nacht. Wollen Sie jetzt nicht schlafen gehen? Es ist spät.

Die redet immer, als hätte sie einen Sack voll Fragezeichen geschenkt bekommen. Das Gebiss drückt, und die Medizin macht Verstopfung. Dem Gummibaum scheint sie auch nicht zu bekommen. Der wächst nicht mehr.

Jetzt schwappt wieder so ein Einfall. Das gräbt sich immer durchs Hirn an die Oberfläche, und plötzlich. Die Wiener Partie. Hat sie mal auswendig gelernt, entsprach ihrem Temperament. Irgendwie. e2 auf e4, e7 auf e5, Springer b1 auf c3. Weiß versucht die Zentrumsfelder d5 und e4 zu kontrollieren und bereitet einen Angriff auf e5 vor. Elastische Kräfteentfaltung hat sie das genannt. Wahrscheinlich alles aus einem Schachbuch abgelernt. Elastische Entfaltung. Jetzt ist alles schon wieder weg. Der nächste Zug im Dunkeln. Kann sie das Gebiss auch wieder reinstopfen.

Wer war die junge Frau heute auf der Bank? An die kann sie sich noch erinnern. Hatte grünes Haar. Oder blond. Und einen dicken Bauch. So dick wie eine? Jetzt bitte, das Wort her. So dick wie eine Teekanne. Fühlt sich schief an im Kopf. Teekannen sind. Heiß. Kann nicht ihre Tochter gewesen sein. Die ist doch tot, oder? Er wüsste das. Aber er ist auch tot. Keiner mehr da, für den sie gedächtnissen muss.

Unsere Oma Simon, hat die Pflegerin letztens gesäuselt. Erfindet immer neue Wörter. Dumme Kuh die. Bin nicht Oma geworden. Und will auch nicht so genannt werden. Neue Wörter, ja. Weil die alten alle im See ertrunken sind.

Die Springer muss sie behalten. Waren ihre Lieblingsfiguren. Kreuz und quer übers Spielfeld. Hat immer darauf geachtet, bis zum Schluss einen Springer zu haben. Die ganze rustikale Kavallerie. Nebenan der Alte konnte auch gut Schach. Bis vorgestern. Da hat er sich abgelebt. Ist schon in der Kiste rausgetragen worden. Mit den Füßen nach vorn, sagen sie hier.

Sie stopft das Gebiss wieder in den Mund, rammt es rein, bis ein Tropfen Blut kommt. Der schmeckt nach Metall. Wie der Schlüssel, den sie als Kind immer um den Hals tragen musste. Später hat sie manchmal beim Essen gesagt, das schmecke nach Schlüssel. Und ist schief angeguckt worden dafür. Kein Essen kann nach Schlüssel schmecken.

Sie steht auf und präpariert sich für die letzte Runde. Bereitet sich vor. Warme Hausschuhe anziehen. Die kleben wie zwei tote Tiere an den Füßen. Warme Jacke, Stock. Gebiss sitzt. Raus aus dem Zimmer und den ganzen Gang runter. Bis zum Fenster. Aus den Zimmern stöhnt und furzt es.

Am Fenster steht schon ein Alzheimer. Murmelt vor sich hin. Irgendwas von Zitronen und Zügen. Nein, ein Gedicht, die Reste davon. Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn? Hat sie doch auch schon mal. Kanonen blühn, Zitronen grünen. Gute Übung für den Kopf. Aber wo hat sie das? Sie sollte sich die Sachen aufschreiben, die ihr noch einfallen. Hat sie schon mal probiert. Aber wenn sie dann draufguckt, nach Tagen, ist kein Sinn mehr da. Lauter Zettel in ihrem Zimmer, ohne Sinn, vollgeschrieben, aber leer. Wie ihr Kopf.

Der Alzheimer dreht sich um, guckt durch sie durch, als bestünde sie aus Reispapier.

Hallo, sagt sie und klappert ein bisschen mit den Zähnen. Auf Vergnügungsreise?

Der Alte sieht erschrocken aus. Hab nichts gemacht, murmelt er. Nur zwei Bier. Er hält sein Zahnputzglas in der Hand.

Sie dreht sich um und geht den Gang entlang zurück ins Zimmer. Sterben dauert viel länger als Leben, murmelt sie. Da hat doch jemand gepfuscht. Sie legt sich angezogen ins Bett, knipst das Licht aus an einer Schnur, die extra für Lahme an der Wand angebracht wurde. Wie heißt der Alzheimer mit dem Zahnputzglas? Ich bin hohl im Kopf. Ein Hohlkopf. Hohl im Bein. Ein Hohlbein. Den gab es doch. Irgendeinen Hohlbein. Jünger oder älter. Hat gepinselt. Oder Hackfleisch aus Marmor gemacht? Vergessen. Alles vergessen. Wieso kann ich dann noch träumen? Müsste doch auch alles verschwunden sein. Oder nur verlegt? Egal. Jetzt geht’s ans Schlafen. Und das wird harte Arbeit.

 

Svenja landet auf dem Fußboden. Die Fallhöhe beträgt nur dreißig Zentimeter, und verglichen mit der Anstrengung der letzten Stunden ist dieser Sturz ein lächerlicher kleiner Schmerz. Außerdem sind alle Knochen weich und biegsam. Svenja ist gerade zehn Sekunden alt. Frisch gepresst sozusagen, runzlig, blutig und blind aus einer Höhle gekrochen. Ein weißes Blatt Papier ist sie, nur in der Lage, den letzten Rest Fruchtwasser auszuspucken und zu schreien.

Svenjas Mutter streicht sich die verschwitzten grünen Haare aus dem Gesicht und lächelt. Die Hebamme nimmt das nasse Bündel und stellt allerlei Sachen mit ihm an. Wunderbar, murmelt sie, dreitausendvierhundert Gramm und schwarze Haare. Zehn Finger und genau so viele Zehen, zweiundfünfzig Zentimeter. Ganz prachtvoll. Wir haben’s geschafft, jubelt sie und schaut die grünhaarige Mutter an. Es ist ein Mädchen, und du bist die Mutter.

Svenja, sagt Svenjas grünhaarige Mutter. Ich heiße Juli, wie der Sommer. Meine Mutter fand, es ist ein schöner Name. Aber in der Schule haben sie mich oft geärgert. Wo ist dein August, Juli, haben sie hinter mir hergerufen. Zu Svenja fällt ihnen später bestimmt nichts ein. Svenja ist einfach nur ein schöner Name. Einer, der schon lange in meinem Kopf war. Schon bevor du gezeugt wurdest, wusste ich, dass du so heißen wirst. Juli und Svenja, wir sind seit Ewigkeiten ein Paar. Ich werde dir alles beibringen, was ich weiß. Du sollst jeden Tag etwas Schönes lernen. Von mir. Von anderen. Wir gehen in den Park. Gleich morgen tun wir das. Dort sitzen alte Frauen und schmeißen Wörter in den See. Die fischen wir raus und machen sie uns zu eigen.

Die Hebamme wischt den Fußboden auf und bezieht das Bett. Sie macht einen Kaffee für sich und einen Tee für Juli. Sie gibt den Blumen frisches Wasser und telefoniert kurz mit ihrem Mann. Sie kocht eine Suppe, denn ihr scheint, dass die Mutter und das Kind an diesem Abend allein sein werden. Es sei denn. Sie ruft ihren Mann noch einmal an und sagt, sie will eine Nacht wegbleiben. Weil niemand sonst da ist für die beiden Erschöpften. Svenja schläft, und Juli ist leer im Kopf vor lauter Glück.

Hier fehlt es an fast allem, murmelt die Hebamme und sucht einen Gemüseschneider. Im Besteckfach findet sie eine grüne Glasscherbe. Die erinnert sie an die Narben auf Julis Handgelenken. Sie wirft die Scherbe in den Müll und wetzt ein kleines Küchenmesser an einem Porzellankrug. Dann schneidet sie sich in den Finger. Drei Tropfen Blut kommen mit in die Gemüsesuppe.

In den Park könnt ihr morgen noch nicht, ruft die Hebamme in das andere Zimmer. Zu kalt. Die Kleine muss sich erst mal akklimatisieren.

Juli lächelt. Dann übermorgen. Wir haben alle Zeit der Welt. Morgen können wir ja einen Ausflug durch die Wohnung machen. Die Hebamme nickt und rührt im Topf.

 

Das Zimmer, in dem sie aufwacht, ist ihr fremd. Auf keinen Fall ist sie in diesem Raum gestern Abend eingeschlafen. Irgendwas muss in dieser Nacht passiert sein. Man hat sie verlegt, oder sie hat sich verlegt. Das kann schon mal vorkommen. In ihrem Alter kann überhaupt alles vorkommen.

Sie setzt sich auf und stellt nacheinander die Füße auf den Boden. Erst den linken, dann den rechten. Auf dem Nachttisch, Nachttisch, sagt sie und tippt mit dem rechten Zeigefinger das Möbelstück an, steht ein Aquarium, in dem Zähne schwimmen. Sie wühlt in der Schublade und findet ein paar Kekskrümel. Damit füttert sie die Zähne. Das Wasser wird trüb und hört auf zu grinsen.

Gucken wir mal, wen wir hier so kennen. Tisch, Teppich, Bett, Bild, Fenster, Waschbecken, Kiste. Kiste ist falsch. Mit der hier kann man etwas machen. Anschalten, ausschalten, reinschauen. Kiste. Noch ein Wort verschwunden. Kiste.

Sie legt sich wieder hin, schaut an die Decke und malt mit dem rechten Zeigefinger einen Kringel in die Luft. Fliegerhorst, sagt sie und schließt die Augen. Fliegerhorst. Das ist eine gut gefüllte Schublade. Vollständig. Eine ganze Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. Davon hat sie noch einige im Kopf. Alle in kleinen Schubladen, die sie hütet wie einen Schatz. Geschichten, die in ganzen Sätzen daherkommen, lückenlos, in bunten Bildern. Sogar riechen kann sie die Geschichten. Fliegerhorst riecht nach verbranntem Gras, Machorka und Maschinenöl. Nach ungewaschenen Männern und Angst. Und Hunger. Hunger riecht auch. Und nichts riecht mehr als eine leere Speisekammer.

***

Ich habe nichts. Es tut mir leid, ich habe nichts, komm da raus, die Kammer ist leer. Komm da raus, ich bitte dich.

Das Mädchen hört nicht. Es will nicht hören. Ich esse meine Schlüpfer, sagt es und zeigt auf die vom vielen Waschen grau gewordene Unterwäsche. Schlüpfer kann man essen, sagt das Mädchen. Wenn sie gekocht sind.

Die Mädchenmutter hält sich eine Hand vor die Augen. Deine Schlüpfer lassen sich nicht essen. Sie sind zu alt. Komm her, ich werde dir etwas versprechen. Nachher, wenn es dunkel wird, gehe ich zu den Soldaten. Auf den Flugplatz. Den kennst du doch. Die Soldaten haben Kartoffeln. Und wenn ich ihnen sage, dass du großen Hunger hast, werden sie mir welche geben.

Schenk ihnen dafür meine Schlüpfer, sagt das Mädchen.

Das brauche ich nicht, sie werden mir auch so Kartoffeln geben. Aber du musst allein zu Hause bleiben, hörst du. Ich werde eine Weile fort sein. Du darfst nicht weinen.

Ich weine nicht, sagt das Mädchen, und aus den Augen läuft es wie auf Bestellung. Ich weine nicht.

Die Mädchenmutter macht sich abends auf den Weg. Vier Kilometer sind es bis zum Fliegerhorst. Am Schlagbaum steht ein Soldat mit einem ganz flachen Gesicht. Als hätte jemand die dritte Dimension vergessen, denkt die Mädchenmutter. Das flache Gesicht grinst und wird dadurch noch flacher. Du, sagt der Soldat. Schön. Essen?

Die Mädchenmutter nickt, der Soldat winkt sie durch.

In der Baracke sitzt der gleiche Offizier wie vor einer Woche. Ein Soldat putzt ihm die Stiefel. Der wird rausgewiesen mit herrischer Geste und schiebt die Zunge zwischen die Lippen, als er an der Mädchenmutter vorbeigeht.

Kartoffeln, sagt der Offizier. Brot, keine Milch. Nix Malako für deutsche Frauen. Er steht auf und schließt die Tür ab. Die Mädchenmutter zieht sich aus und legt sich auf das Feldbett. Sie schließt die Augen und hört das Klacken des Koppels. Sie hört, wie die geputzten Stiefel auf den Boden geworfen werden und das reibende Geräusch des Uniformstoffs. Alles dauert unendlich lange. Und tut weh. Ein bisschen. Weniger als beim ersten Mal. Danach streicht der Offizier der Mädchenmutter mit dem Daumen kurz über die Wange. Krieg verloren, Ehre kaputt, sagt er und steht auf.

Er packt der Mädchenmutter Kartoffeln und Brot in die Tasche und schiebt sie aus der Tür. Als sie an dem Soldaten mit dem flachen Gesicht vorbeikommt, winkt der sie ran und zeigt ihr eine glänzende Uhr. Sie schüttelt den Kopf und geht weiter. Glänzende Uhren kann man nicht essen, und für den Schwarzmarkt fehlt ihr die Kraft. Außerdem kommt es ihr weniger schlimm vor, für Brot und Kartoffeln die Beine breit zu machen. Vielleicht aber liegt es auch einfach nur an dem zweidimensionalen Gesicht. Vor dem könnte sie schlecht die Augen verschließen. Da wäre sie wirklich nackt.

 

Svenja schreit, und Julis Brüste tun weh. Das wird, sagt die Hebamme. Du musst sie einfach immer anlegen, wenn sie Hunger hat. Und abpumpen, wenn es zu sehr weh tut. Juli nimmt Svenja auf den Arm und wandert mit ihr durch die Wohnung. Die Hebamme packt ihre Sachen und hat ein schlechtes Gewissen. Wenn das mal gutgeht, denkt sie. Zwei Kinder in einer zu kalten und zu kleinen Wohnung. Niemand da, der sich kümmert.

Sie klebt einen gelben Zettel mit ihrer Telefonnummer an die Wohnungstür. Ruf mich an, wenn du was brauchst. Morgen bringt dir mein Mann einen Ölradiator vorbei. Fehlt dir jetzt noch irgendetwas?

Meine Mutter, sagt Juli und drückt Svenja an sich. Sie hätte sich verdammt noch mal nicht einfach aus dem Staub machen dürfen.

Sie ist tot, sagt die Hebamme. Da lag es wohl nicht in ihrem Ermessen. Sie küsst Juli auf die Stirn und Svenja auf die Nase und verlässt die beiden. Julis grüne Haare tauchen im Flurspiegel auf und ab, als sie die Tür hinter der Hebamme schließt. Sie läuft zum Fenster, um einen letzten Blick auf die verpackte Gestalt zu erhaschen.

Jetzt sind wir allein, seufzt sie und legt sich mit Svenja auf den großen Futon neben dem dunkelgrünen Kachelofen. Svenja ist eingeschlafen und sieht aus wie ein Äffchen. Das ganze Gesicht voller Flaum, blond und fein. Juli pustet sacht. Die Härchen bewegen sich nicht.

Ich bin kein Kind mehr, Svenja. Meine Großmutter, Henriette, war so alt wie ich, als sie meine Mutter bekam. Und meine Mutter, Elisa, hat sich dann Zeit gelassen. Sie musste sich mindestens einmal pro Woche von ihrer Mutter anhören, wie schlimm das war, mit siebzehn ein Kind zu bekommen. Das war auch schon meiner Urgroßmutter passiert, musst du wissen. Klara, die wahrscheinlich längst tot ist und von der es lauter Geschichten gibt und nur ein einziges Foto. Klara, mit der niemand mehr etwas zu tun haben wollte, weil sie sich nach dem Krieg so sehr mit den Roten gemein gemacht hat. Klara, die Kommunistenbraut. Das Russenflittchen. Meine Mutter hat mir Geschichten von all den anderen Müttern erzählt, und ich erzähle sie dir.

Juli legt das rechte Ohr ganz dicht an Svenjas Mund. Sie ist sich nicht sicher, was die Lebenszeichen eines Kindes sind. Atmen gehört offensichtlich zu den nicht erkennbaren. Man spürt nichts, nicht mal mit dem Ohr über dem Mund. Juli stupst mit dem Zeigefinger an die linke Wange des Mädchens. Es seufzt leise.

Keine Großmutter, keine Urgroßmutter, du wirst dein Taschengeld immer nur von mir bekommen, Svenja. Elisa und Henriette sind tot. Seit zwei Jahren schon. O Gott, wie ich sie vermisse.

 

Henriette ist unsicher. Bei allem, was sie tut, spürt sie diese Unsicherheit. Sie schafft es nicht einmal, ohne Angst allein mit der S-Bahn in die Stadt zu fahren. Und so passiert es natürlich auch prompt, dass sie sich verfährt. Zehn Mal hat sie sich auf dem Stadtplan alles angeschaut. Wie sie zu Elisa kommt, wo sie einsteigen und wann sie aussteigen muss. Und dann sitzt sie doch in der falschen Bahn. Oder in der richtigen, aber die zwingt sie zwischen zwei Stationen in den Schienenersatzverkehr. Und das Umsteigen in den Bus gerät zum Desaster. Henriette fährt in die falsche Richtung und landet irgendwo. Völlig unbekanntes Gelände für sie. Sie bittet einen Mitreisenden, ihr zu erklären, wie sie wieder an den Ausgangspunkt des Schienenersatzverkehrs kommt. Zurück zum Potsdamer Platz. Die Erklärung ist ganz einfach. Henriette schafft es, sich alles zu merken, steigt in den nächsten Bus, fährt zurück zum Potsdamer Platz, der in ihren Augen so groß wie die halbe Welt ist, und steht verloren zwischen zwei Kinos an einer Haltestelle, die ihr völlig unbekannt ist.

Henriette gibt auf und ruft bei Elisa an. Die wartet seit einer halben Stunde auf dem S-Bahnsteig und guckt nach allen Frauen, die ihre Mutter sein könnten.

Bleib da stehen, wo du bist, sagt sie. Ich komme. Wird vielleicht zehn Minuten dauern. Nicht ungeduldig werden und nicht fortlaufen.

Henriette nickt. Das kann Elisa nicht sehen. Aber sie weiß, dass die Mutter stehen bleiben wird, wo sie ist. Schon aus Angst.

Zehn Minuten später ist Elisa da und Henriette fast erfroren. Wie sie da wartet, mit bläulichen Lippen und kreideweißer Haut, tut sie Elisa leid. Alles vergessen. Die Wut auf die noch so junge und schon so verwirrte Mutter. Nicht verwirrt, eher verunsichert bis ins Mark. Elisa kann sich das nicht erklären. Sie ist ganz anders und doch von gleichem Fleisch und Blut. Orientieren kann sie sich auch nicht. Aber ihr fällt immer etwas ein, und sie kennt nicht diese Angst an ihr unbekannten Orten. Henriette erstarrt dann völlig, wenn sie einen Ort nicht erkennt. Sie vergisst, dass man zur Not auch noch in ein Taxi steigen kann und die Adresse ansagt und gefahren wird, wohin man möchte.

Elisa sieht ihre bleiche, blaulippige Mutter an und fragt sich, wie es dazu kommen konnte. Hat Klara Schuld, die verschwundene, verleugnete, verdammte Großmutter? Hat sie aus Henriette dieses Nervenbündel gemacht, das Katastrophen herbeiredet und herbeidenkt, als seien alle nur für sie vorbereitet?

Elisa nimmt Henriette in den Arm und dann an die Hand und geht mit ihr in ein Café. Sie bestellt eine heiße Zitrone und eine heiße Schokolade und reibt Henriettes Finger, bis sie wieder Farbe bekommen und sich ein kleiner Glanz in Henriettes Augen schleicht.

Morgen gehen wir auf die Reise, sagt Elisa und lächelt. Auf die Reise in die Vergangenheit, freust du dich?

Es liegt viel Schnee dort, und ich glaube, das Haus steht nicht mehr. Was meinst du, Elisa, wird es noch stehen? Ich habe Bilder mitgebracht, von damals. Henriette kramt in ihrer schwarzledernen Handtasche und holt einen Briefumschlag heraus. Sie legt die Fotografien chronologisch auf dem Tisch aus. So sah das unbebaute Grundstück aus, diese vier Fichten mussten wir fällen, um Platz für das Häuschen zu schaffen, in dem Zelt haben wir geschlafen während der Bauzeit, hier ist das Fundament fertig und hier schon das ganze Haus, auf das Dach haben wir Pappe gelegt und sie geteert, dass es meilenweit stank. Unser erstes Frühstück auf der Terrasse, da konntest du nicht still sitzen und hast versucht, einen bunten Vogel zu fangen. Erinnerst du dich, Elisa?

Ich erinnere mich. Es war ein Eichelhäher, und ich bin gestürzt, als ich ihn fangen wollte. Habe mir das linke Knie aufgeschlagen und die Lippe. Und dann ist Großmutter Klara gekommen und hat mir ein Lied vorgesungen.

Henriette schweigt. Henriette schweigt immer, wenn von Klara die Rede ist. Sie schweigt, wie nur Töchter schweigen können, die sich vorgenommen haben, ihrer Mutter nie im Leben zu verzeihen. Elisa schaut aus dem Fenster und seufzt.

Ich habe mich umgehört, Henriette, Mutter. Ich weiß, wo Klara ist. Sie lebt. Und verliert gerade den Verstand. Oder das Gedächtnis, was wahrscheinlich auf das Gleiche hinausläuft.

Henriette steht auf und geht auf die Toilette. Mit ihrer schwarzledernen Tasche bahnt sie sich einen Weg durch das überfüllte Café, geht durch eine Tür, die zur Küche führt, kommt wieder raus, guckt verwirrt, geht durch eine andere Tür.

Wenn sie zurückkommt, wird sie wieder unseren Tisch nicht finden, denkt Elisa. Das hat sie nun wirklich geerbt, vom Fleisch und vom Blut. Diese Unfähigkeit, in einer Kneipe den Weg zurück an den richtigen Tisch zu finden. Sie merkt sich inzwischen immer genau, wie sie aufs Klo kommt. Rechts, geradeaus, links, links. Und zurück geht sie dann rechts, rechts, geradeaus, links. Das funktioniert. Sie hat es Henriette schon oft erklärt und ihr gesagt, sie solle es genauso tun. Aber Henriette ist unfähig, so etwas zu lernen. Wenn sie einkaufen geht, läuft sie aus jedem Laden raus und in die falsche Richtung. Garantiert. Kein Zufall will es, dass sie auch einmal die richtige Richtung erwischt. Erst wenn sie dann vor dem nächsten Laden steht, sagt sie sich, hier war ich schon, und kehrt um.

Du musst einfach immer nur die entgegengesetzte Richtung von der nehmen, die du einschlagen willst, hatte Elisa empfohlen. Aber auch das funktionierte nicht. Plötzlich war die Richtung, die Henriette einschlagen wollte, die richtige und das Gegenteil verkehrt. Absolut verrückt.

Bei Elisa funktionierten fast alle Tricks, auch der mit der entgegengesetzten Richtung. Henriette aber war ein Phänomen und manövrierte sich ständig in unmögliche Situationen.

Jetzt kommt sie von der Toilette und biegt zehn Meter vom Tisch entfernt nach links ab. Mutter, ruft Elisa und hebt beide Arme. Eine Kellnerin eilt auf sie zu. Elisa schüttelt den Kopf, steht auf und läuft Henriette hinterher. Die steht verwirrt mitten im Raum und schaut sich hektisch nach allen Seiten um. Mutter, sagt Elisa und fasst Henriette am Arm.

Jemand ist gegen den Tisch gestoßen. Die Fotos liegen auf der Sitzbank und auf dem Fußboden. Elisa bückt sich und sammelt sie ein. Sie bestellt noch eine heiße Schokolade und einen Cappuccino für Henriette. Hast du gehört, was ich über Klara gesagt habe? Ich weiß, wo sie ist, und du hast nicht mehr viel Zeit, dich mit ihr zu versöhnen. Sie ist alt und dabei, ihr Leben zu vergessen. Ich habe mit einer.

Das will ich nicht hören, Elisa, schweig einfach. Ich habe alles in mein Tagebuch geschrieben, und wenn ich tot bin, kannst du nachlesen, warum ich das nicht hören will. Klara ist tot. Für mich. Du kannst ja, wenn du willst, kannst du ja mit ihr Kontakt aufnehmen. Aber erzähl es mir nicht. Ich will es nicht wissen, hörst du. Versprich mir, dass du nichts erzählst.

Elisa nimmt Blickkontakt mit einem Mann am Tresen auf und lächelt. Gut, ich werde es dir nicht erzählen. Aber Juli, die soll es wissen. Wenn wir von unserer Erinnerungsreise zurückkommen, gehe ich die alte Frau besuchen. Vielleicht erkennt sie mich, oder nein, sie kann mich nicht erkennen, aber vielleicht erinnert sie sich an mich. Schließlich hat sie mir damals Lieder vorgesungen und Geschichten erzählt. Und man sagt doch, das Langzeitgedächtnis funktioniert fast bis zum Schluss. Vielleicht heißt es ja deshalb so, Langzeitgedächtnis, weil es am längsten funktioniert.

Juli hat mich, ihre Großmutter.

Natürlich, aber eine Urgroßmutter ist auch nicht schlecht. Man kann gar nicht genug Großmütter haben.

Elisa winkt der Kellnerin. Wir fahren jetzt zu mir. Ich koche heute Abend. Juli wird auch kommen.

Sag ihr nichts heute Abend, bittet Henriette. Erst wenn wir zurück sind.

Elisa nickt und lächelt und nickt und lächelt. Gut, wenn wir zurück sind, rede ich mit Juli über Klara.

 

Alles hat wieder seine Richtigkeit. Sie heißt Klara, und das hier ist ihr Zimmer. In einem Pflegeheim. Die Kiste ist ein Fernseher, und gestern oder vor ein paar Tagen hat sie im Park eine dicke Frau kennengelernt. Sie. Nicht die Kiste. Konnte früher gut mit Worten umgehen und hat jeden falschen Zungenschlag gespürt. Mit grünen Haaren. Die Frau im Park. Was es alles gibt. Früher wurden die Haare nur grün, wenn irgendwas beim Bleichen schiefgelaufen war.

Außerdem drückt das Gebiss. Deshalb liegt es im Glas. Allerdings ist das Wasser sehr trübe. Sie wird es auskippen und neues Wasser für die Zähne holen. Oder die Zähne gleich in den Mund stecken. Da gehören sie ja wohl hin. Und zum Frühstück kann sie sowieso nicht ohne gehen. Auch wenn die Häppchen noch so klein geschnitten sind. Man sieht verdammt schrecklich aus ohne Zähne, und immerhin sitzen da noch ein paar Kerle mit am Tisch. Ohne Verstand zwar die meisten, aber Mann ist Mann. Denen zeigt man sich nicht mit eingefallenem Mund und hohlen Wangen.

Klara schiebt die Zähne in den Mund und steht auf. Frische Wäsche zieht sie an und das lange, etwas unförmige Wollkleid. Darüber eine Strickweste. Sie kämmt sich die Haare und steckt sie an den Seiten mit zwei kleinen Klemmen fest. Das sieht schon viel besser aus. Ihre Zimmernummer ist 18. Kann sie sich alles merken. Ob das wirklich grüne Haare waren? Verrückt. Und irgendetwas an dem Mädchen hat eine Erinnerung in ihr ausgelöst. Aber das geht jetzt wirklich zu weit. Das auch noch zu wissen. Reicht schon, wenn sie den Weg zum Frühstücksraum findet. Raum der Begegnung nennen die das hier. Diese Zicke mit den vielen Fragezeichen im Gepäck. Hoffentlich begegnet sie der nicht. Die wird wieder wissen wollen, was der Herrgott am siebten Tag gemacht hat.

Wenn Klara bei Verstand ist, hat sie eine große Wut im Bauch. Dafür fehlen ihr fast die Worte. Nur manchmal, wenn sie der Zicke begegnet, sprudeln sie aus ihr raus. Dann gibt es kein Halten, und die Zicke hat sich schon ein paar Mal beschwert deshalb. Dann sagt die andere, die Nette mit dem roten Zopf: Aber Frau Simon kann gar nicht böse sein. Nur manchmal, wenn sie etwas verwirrt ist. Das darf man ihr dann nicht übelnehmen. Und die Zicke sagt, sie sei auch nur ein Mensch und sie glaube nicht, dass die Frau Simon verwirrt ist. Die tut nur so, sagt die Zicke dann.

Na, soll sie erst mal in das Alter kommen. Dann wird sie wissen, wie das ist, wenn man sich morgens nicht im Spiegel erkennt. Besser wäre, der Verstand würde mit einem Mal ausgeschaltet. Klick, wie ein Lichtschalter. Diese ganzen Rückholanträge. Na, wo hat sie denn das Wort wieder her – Rückholanträge. Gehört überhaupt nicht zu ihrem Wortvorrat. Aber gut. Auf jeden Fall sind die grauenvoll. Wenn man da plötzlich einen Lichtblick hat und an was denken muss, was eigentlich schon verloren war. Schlimm ist das. Als würden sie einen an der Gänseleberpastete riechen lassen. Nur riechen und dann wegnehmen und einer anderen auf den Teller packen. So ist das, wenn man sich während des Vergessens wieder erinnert.

Klara geht durch den Flur, die Treppe runter, den Gang entlang in den Speisesaal. Der ist voll und totenstill. Wenn man mal von den Geräuschen absieht, die alte Menschen beim Essen machen. Schmatzen, schlürfen, mit dem Besteck klappern, laut atmen.

Hinten in der Ecke die Alte. Summt immer vor sich hin. Selbst beim Kauen. Bei der hat sie zwei Mal gesessen. Das reicht für immer. Die summt ständig die gleiche Melodie. Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein’ Fuß. Da verliert man den letzten Rest Verstand. Also setzt sie sich lieber an den großen Tisch. Da, wo auch der Alzheimer von heute Nacht sitzt. Scheint jetzt aber ganz fit zu sein. Lächelt ihr zu und erhebt sich kurz vom Stuhl, während sie sich setzt. Richtig feine Manieren hat der. Und offensichtlich einen guten Moment. Liegt vielleicht am Essen. Oder an den Weibern hier.

Klara lächelt dem Alzheimer zu und sagt was über die Morgensonne und die Nachrichten im Radio. Bei dem Wort Radio kriegt der Alzheimer dunkle Wolken in die Augen. Fängt an zu stottern und fragt, ob man jetzt schon ins Bett müsse.

War also nur ein kurzer lichter Moment, denkt Klara, und eine Träne tropft aus ihrem rechten Auge. Aber sie wird jetzt das ganze Frühstück durchhalten und erst im Zimmer wieder zu sabbern anfangen. Wer weiß, wie lange sie das noch hinkriegt. Es wäre wirklich besser, vorher zu sterben. Aber hier geht das nicht, man kann nicht mal Schlaftabletten sammeln, weil man keine bekommt. Der Alzheimer fängt sich wieder und fragt Klara, ob sie heute Nachmittag zum Tanztee kommt.

Natürlich, denkt Klara, wohin sollte ich sonst gehen. Und vielleicht kommt ja jemand, um Amok zu laufen. Und schießt uns alle tot. Sie lächelt dem Alzheimer zu und wünscht sich und ihm zwei lichte Momente beim Tanztee. Dann geht sie wieder ins Zimmer. Dort angekommen, weiß sie nicht einmal mehr ihren Namen.

 

Juli steht am Kopfende des Bettchens und beugt sich über Svenjas Gesicht.

Warum tust du das, fragt die Hebamme, während sie den Ölradiator in die Nähe der Wickelkommode schiebt.

Kinder sehen in den ersten Wochen alles verkehrt herum. Wenn ich mich so über Svenja beuge, bin ich in ihren Augen richtig. Die Hebamme guckt skeptisch. Wo hast du das gelesen?

Kinder müssen auf jeden Fall erst mal sehen lernen. Das schreiben sie alle. Und ich will nicht, dass Svenja mich auf dem Kopf sieht.

Wann willst du eigentlich all die Sachen von deiner Mutter wiederhaben? Sind zehn Kisten, glaube ich. Mein Keller ist ein wenig feucht, ich finde, die Kisten wären hier besser aufgehoben.

Juli streicht sich eine grüne Strähne aus dem Gesicht und schließt die Augen. Kannst du sie nicht noch ein paar Wochen bei dir behalten? Wenn Svenja richtig gucken kann, hole ich die Sachen ab. Dann zeige ich ihr alles.

Juli, sagt die Hebamme, Juli. Dann schweigt sie und nickt Zustimmung. Wir bringen dir dann die Kisten mit dem Auto vorbei. Mein Mann und ich. Jetzt lass mich die Kleine wiegen und den Nabel anschauen.

Ich vergesse sie. An Henriette kann ich mich noch gut erinnern, aber Elisa, meine Mutter, verschwindet immer mehr aus meinem Kopf. Obwohl sie an unserem letzten gemeinsamen Abend gekocht hat. Ich weiß auch noch, was. Ein Bauernhuhn. Mit unglaublich vielen Oliven. Ich mag ja Oliven nicht, nur den Geschmack, den sie an die Soße abgeben. Also habe ich an dem Abend alle schwarzen Oliven an den Tellerrand sortiert, und Elisa hat sie kopfschüttelnd, wie immer, auf ihren Teller geladen. Henriette war irgendwie durcheinander beim Essen. Obwohl sie sich auf die Fahrt freute, war sie. Schweigsam. Und sie hat immer ein wenig ängstlich geschaut, wenn Elisa was erzählte. Ich weiß nicht, warum. Auf jeden Fall sehe ich Henriette ganz deutlich vor mir mit ihren frisch gefärbten dunkelbraunen Haaren und dem leicht verwischten Lippenstift. Und ich weiß noch, dass ich an diesem Abend zum ersten Mal gedacht habe: Jetzt bekommt Henriette diese kleinen senkrechten Falten um den Mund herum. In denen sich der verwischte Lippenstift besonders gut hält. Henriette wird alt, dachte ich. Elisa muss besser auf sie aufpassen.

Svenja schließt die Augen, Juli reißt ihre weit auf. Sie kniet sich dicht vor der Wand auf den Boden, legt die Stirn auf den Flickenteppich und die ...

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