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Alfons die Weihnachtsgans

Impressum

ISBN 978-3-8412-0660-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2008 bei Rütten & Loening,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Ulf Henning Grafikdesign, München unter Verwendung einer Illustration von Susanne Kracht

Grafische Adaption Mediabureau Di Stefano, Berlin

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Kapitel 1

Organisation war das Wichtigste. Bei Anke Paulsen, ehemals Halligbäuerin, jetzt gestandene Vermieterin von drei Wohnungen auf der Ketelswarf der Hallig Langeness, ging daher normalerweise nichts schief.

Sie stand am Küchentisch und dachte nach.

Nach alter Gewohnheit pflegte sie beizeiten mit ihren Weihnachtsvorbereitungen zu beginnen, um nicht unter Druck zu geraten. Zahlende Gäste erwartete sie über die Feiertage zum Glück nicht, dafür aber die Familien ihrer beiden erwachsenen Kinder, die in Kiel und Hamburg wohnten. Zu planen und zu organisieren gab es also genug.

Gefrier- und Kühlschrank mussten für so viele Menschen noch gefüllt und die Tannenzweige vom Festland bestellt werden, die das Grab ihres Ehemannes und ihrer Oma über den Winter schützen würden. Zudem brauchte ihre auf der Hunnenswarf lebende Tochter Anna, die im Januar ihr erstes Kind erwartete, jetzt öfter Zuspruch und Unterstützung.

Die Adventszeit würde turbulent werden, aber sie hatte nichts gegen Trubel. Da waren außerdem noch einige alte Bräuche zu beachten, wie sie seit Menschengedenken auf der Hallig überliefert wurden. Mit dem Christentum hatten sie nicht viel gemein, aber der Respekt vor den Vorvätern, die es geschafft hatten, dieses winzige Eiland über Jahrhunderte gegen Stürme und Politiker zu verteidigen, verlangte ihre Fortführung.

Alles dies wollte unter einen Hut gebracht werden. Und wenn sie ehrlich mit sich war, lag ihr an den alten Bräuchen mehr als an den neuen. Sie hatte sogar eine Idee, wie man sie wieder beleben konnte ...

Genug der Überlegungen. Anke eilte in die Diele.

Als Erstes musste sie sich um die Gans kümmern. Seit ihr Mann gestorben war, waren Wildenten, die er selbst zu schießen pflegte, ihr verleidet, sie waren mit zu vielen Erinnerungen verbunden. Nicht einmal eingeweckte hatte sie noch im Vorratsschrank stehen. Zu Weihnachten hatte sie sich auf Gans umgestellt. Sie setzte sich ans Telefon und wählte.

Onkel Calle, der in Ockholm auf dem nordfriesischen Festland wohnte, war sofort am Apparat. Wie immer galten seine Fragen zuerst dem Wetter auf der Hallig. Obwohl es per Luftlinie nicht weit war, war das Wetter auf dem Festland mitunter ganz anders. Nicht ausgeschlossen, dass es dort zu nebelig war, um die eigene Gartenpforte zu erkennen, während auf der Hallig die Sonne schien. Schmunzelnd ließ Anke sich darauf ein. Daran vorbeikommen würde sie ohnehin nicht.

»Ja, das Wetter ist wirklich komisch! Kaum zu glauben, dass es auf Weihnachten zugeht«, stimmte sie ihrem Onkel zu und blickte unwillkürlich durch die offen stehende Haustür nach draußen. Die Mittagssonne, die jetzt im Dezember sehr tief stand, schien herein, und auf der Schwelle saß in den warmen Strahlen Kurt, ihr schwarzweißer Kater, und putzte sich.

Im Wintergarten, wenige Meter entfernt, war schon der Kaffeetisch gedeckt. Mit einem Heizöfchen konnte man es dort ungeachtet der Jahreszeit noch ausgezeichnet aushalten. Sie liebte den Blick von dort über das Südufer der Hallig Langeness und über das Wattenmeer, ganz gleich, ob es stürmte oder ob sie Land unter hatten.

An diesem Tag aber war das Meer spiegelglatt, es glänzte, dass man Angst hatte, geblendet zu werden. In der Ferne war im Dunst Pellworm verborgen. Auf halbem Weg dorthin glitzerte die rote Fahrwassertonne.

»Anke? Bist du noch da?«, erkundigte sich die Stimme ihres Onkels bedächtig.

»O ja, natürlich«, besann sich Anke und lachte leise über sich selbst. »Heute ist es so schön da draußen, auch nach fünfzig Jahren habe ich mich daran nicht satt gesehen.«

»Das ist bei dir auch nicht zu erwarten«, entgegnete Onkel Calle vergnügt. »Du findest ja selbst an den Kotwürmchen der Ringelgänse noch etwas Lobenswertes. Im Gegensatz zu manchen anderen.«

»Gänse! Deswegen habe ich dich doch überhaupt angerufen«, sagte Anke und rief sich selbst energisch zu ihrem eigentlichen Anliegen zurück! »Ich brauche eine größere Weihnachtsgans! Die kleine kannst du streichen. Tochter und Sohn haben sich unerwartet als Besuch angekündigt, beide mit der ganzen Kinderschar. Ich muss also mindestens eine Zehn-Kilo-Gans haben oder zwei Fünf- bis Sechs-Kilo-Tiere.«

»Alfons«, sagte Calle sofort.

»Wer ist Alfons?« Anke war irritiert. Ein Nachbar von Calle? Züchtete der schwerere Gänse?

»Unser Ganter. Ein ganz stattliches Tier. Kräftig, gut entwickelt. Von Hand aufgezogen. Läuft dir nach, wenn du willst.«

Anke folgte mit den Augen argwöhnisch drei Möwen, die über der Warf kreisten und auf der Suche nach etwas Essbarem die Köpfe hierhin und dorthin drehten. Anscheinend blieben sie erfolglos. Schon im Abdrehen landete mit einem vernehmlichen Geräusch ein dicker Batzen Kot am Wintergartenfenster und zog im Heruntergleiten eine grünschwarze Spur hinter sich her. Empört sprang Anke auf. »Zielschießen mal wieder! Das habe ich mir gerade so gedacht! Die machen das mit voller Absicht! Ich kann doch nichts dafür, dass sie hier kein Essen finden! Oder sie haben sich über Kurt geärgert.«

»Gäste?«

»Onkel Calle! Hier schießen doch keine Gäste! Möwen!«

»Betrachte es als Düngemaßnahme«, schlug Calle lachend vor. »Ihr könntet Alfons am 23. Dezember abholen, wie üblich gerupft und ausgenommen. Herz, Leber, Nieren, Magen, Hals mit Kopf ohne Schnabel extra. Die Füße auch?«

»Nein, Calle«, sagte Anke unter Bedauern, als sie an ihre Großmutter dachte, an die sie sich noch gut erinnern konnte. »Großmutter war die Einzige, die Füße und Gehirn nach altem Brauch wirklich aß. Ich muss gestehen, dass ich nie gerne zugesehen habe, wenn sie bei Tisch die Haut von den Füßen zog und die Knöchelchen ablutschte. Nein, und ab jetzt möchte ich weder Füße noch Hirn im Schmortopf haben, um sie anschließend doch wegzuwerfen.«

»In Ordnung.«

»Übrigens habe ich keine Zeit, den Ganter abzuholen«, fuhr Anke fort, »selbst wenn er bereit wäre, bis zur Fähre hinter mir her zu marschieren. Es ist bei so viel Besuch einfach zu viel vorzubereiten. Und Anna benötigt mich hin und wieder auch.«

»Kindergarten und Lehrer werden sich über den Zuwachs freuen.«

»Na ja, bis dahin ist es noch Zeit ...«

»Gut. Mach dir wegen der Gans keine Gedanken! Dann schlachten wir sie, wann wir Zeit haben – das passt auch mir besser –, und frieren sie ein«, schlug Calle vor. »Ich schicke sie dann am 22. Dezember mit der Fähre rüber. Reicht dir das, Anke?«

»Ja, das ist wunderbar. Sollte sich wegen des Wetters etwas ändern, telefonieren wir. Tschüs, Onkel Calle.«

»Es wird nicht nötig sein, Anke. Diese Wissenschaftler haben mit ihrer Klimaveränderung recht. Wir können uns bald von Tannenbäumen zu Weihnachten auf Palmen umstellen. Wetten?«

Eine Woche später hätte Onkel Calle seine Wette schon verloren. Das Fernsehen zeigte ein riesiges Hochdruckgebiet, dessen Kern über Südfinnland lag und das eisige, trockene Luft aus Russland nach Deutschland schickte.

Für alle Gartenbesitzer bedeutete dieses Wetter Barfrost, der nicht sonderlich willkommen war. Tore, dessen Eltern seit kurzem aus Niebüll zugezogen und jetzt die nächsten Nachbarn von Onkel Calle waren, freute sich hingegen. Er schwatzte oft mit ihm, und manchmal half er ihm beim Füttern seiner Gänse auf der Fenne unterhalb der Dorfwarft.

An diesem Tag, zwei Wochen vor dem Weihnachtsfest, sprang und hüpfte Tore voller Vorfreude neben Onkel Calle her, als dieser den Warftabhang zur Weide hinunterstapfte. Er selbst war dick eingemummelt, und ihm machte der frostige Nebel, der sie in Schwaden umwaberte, nichts aus. »Großvater Fedder nimmt mich gleich bei Ferienbeginn auf der Lore zur Hallig mit, wenn er die Post abgeholt hat«, berichtete er stolz. »Wenn es so kalt bleibt, kann ich bestimmt auf dem Fething Schlittschuh laufen oder schlittern. Vielleicht gibt es ja auch Schnee, und wir können auf der Straße Schlitten fahren.«

»Donnerwetter, hast du aber ein Glück! Nicht jeder Zwölfjährige hat einen Opa, der Postschiffer von Langeness ist«, sagte Onkel Calle schmunzelnd.

»Manchmal zieht sogar ein Traktor unsere Schlitten, fünf, sechs hinter einander. Stell dir vor!«

»Wirklich?« Onkel Calle sah Tore mit einer Mischung aus Entsetzen und Unglauben an. »Wissen sie denn auf der Hallig gar nicht mehr, was man an den Weihnachtstagen darf und was nicht?«

»Was meinst du?«, fragte Tore unsicher.

»In den Zwölften darf nichts rundgehen, Tore! Das ist die Spökeltied des Jahres.«

Tore erschrak. »Was ist das denn, Onkel Calle?«

Calle blieb stehen und sah ihn ernst an. »Das sind die zwölf Tage von Weihnachten bis zu den Heiligen Drei Königen am 6. Januar. Die dunkelsten und gefährlichsten Tage des Jahres. In früherer Zeit blieben Menschen und Tiere im Haus, aus Angst vor dem, was draußen passierte. Sie sangen viel und spielten und feierten nach Herzenslust den Jul. Niemand durfte arbeiten. Und bei all dem haben sie immer aufgepasst, dass ihnen die bösen Mächte nichts anhaben konnten.«

»Und? Wie machten sie das?«, fragte Tore, noch ein wenig skeptisch.

»Tja. Wichtig war, dass nichts, was rund ist, bewegt werden durfte: Mühlräder, der Mistkarren, das Spinnrad, die Häckselmaschine – Deswegen verstecken wir in der Neujahrsnacht alles Runde, damit es nicht von den außer Rand und Band geratenen Jugendlichen weggeschleppt werden kann.«

»Davon habe ich noch nie gehört. Bei uns in Niebüll verschwand manchmal das Gartentor, wenn Paps vergaß, es auszuhängen.«

»Deine Eltern sind moderne junge Menschen, Tore, und lachen wahrscheinlich darüber. Und noch passen wir Alten ja auf, dass uns allen nichts geschieht. Hoffentlich nimmt es kein böses Ende, wenn wir erst einmal tot sind.«

»Aber auf der Hallig ...«, wandte Tore ein.

Onkel Calle unterbrach ihn. »Auf der Hallig ist sowieso alles anders, selbst das Wetter. Haben deine Großeltern Vieh?«

Tore schüttelte den Kopf. »Nur Gäste. Im ehemaligen Stall. Den haben sie zu Wohnungen umgebaut.«

Calle betrachtete ihn nachdenklich. »Wer den Stall bewohnt, ist egal. Am Weihnachtsabend muss alles, was im Stall lebt, reichlich versorgt werden, das gehört sich so, auch auf einer Hallig. Deine Großeltern müssen das Essen selbst in den Stall bringen, Oma muss einen Segen sprechen, und danach sollten Opa und Oma gemeinsam alle Stallbewohner ermahnen, im nächsten Jahr fleißig zu sein.«

»Stimmt das wirklich?« Tore wunderte sich darüber, was die Eltern und Großeltern ihm bisher verschwiegen hatten. Er war doch kein Kleinkind mehr!

»Aber ja doch! Und das Allerwichtigste ist, dass sich jemand um die Puken kümmert. An den Weihnachtstagen oder kurz vorher, je nachdem, wie das Wetter ist, machen sie regelmäßig ihren großen Ausflug, meistens zu den Inseln oder Halligen.«

»Ich dachte, es gäbe sie nur auf Sylt ...«

»Nein, nein«, beteuerte Calle. »Sie sind überall an der Westküste, auch hier in Ockholm. Viele Menschen haben nur vergessen, dass es sie gibt. Und das ist gar nicht gut ...«

»Und weiter«, verlangte Tore, den Erinnerungen weniger interessierten. »Was tun sie auf der Hallig?«

»Sie sehen überall nach dem Rechten und sorgen für das Glück im Haus und im Stall. Wenn sie angekommen sind, brauchen sie erst einmal eine große Schüssel mit Grütze und Butterklecks. Der Flug ist anstrengend, auch wenn sie sich Taxis nehmen. Leider sind die nicht gedeckt, und die Puken haben alle Hände voll zu tun, nicht unterwegs herunterzupurzeln.«

»Taxis?«, staunte Tore. »Was für Taxis?«

»Ringelgänse. Sie sind zwar kleiner als Hausgänse, aber einen Puken können sie tragen.«

»Ich habe noch nie Puken gesehen«, beklagte sich Tore.

»Kein Wunder, die sind doch unsichtbar«, erklärte Calle. »Aber wenn die Grütze gegessen wurde, ist es ein Beweis dafür, dass sie da waren. Und wenn deine Großeltern dann auch noch die Stallbewohner zur Zufriedenheit der Puken versorgt haben, werden sie im kommenden Jahr immer Glück haben. Puken sind ein kleines Volk, das sich stets dankbar erweist, musst du wissen.«

»Ich werde mich darum kümmern. Wohin soll ich die Grützschüssel bringen?«, fragte Tore eifrig.

»In den Stalleingang!«

»Und wenn ich es aus Versehen vergesse. Was ist dann?«

»Man darf die Puken nicht vergessen«, warnte Calle mit düsterer Miene. »Dann bleibt das Glück aus. Deine Großeltern bekämen weder Eier, noch Milch und Honig von den Stallbewohnern. Wie war es denn am vergangenen Weihnachtsfest?«

Tore schüttelte betrübt den Kopf. »Die Gäste haben sich alles beim Kaufmann besorgt und allein aufgegessen.«

»Siehst du? Könnte es sein, dass sich deine Großeltern gar nicht um die Puken kümmern?«

Tore war hin und her gerissen. Aber Onkel Calle wusste alles über Gänse. Es musste stimmen! Er nahm sich fest vor, für die Grütze zu sorgen.

»Wünscht du dir auch einen Computer zu Weihnachten?«, platzte Onkel Calle mitten in Tores Planung, wie es ihm gelingen könnte, einen Puken zu Gesicht zu bekommen, hinein. »Ihr jungen Leute seid doch ganz wild darauf.«

»Computer?«, fragte Tore zerstreut. »Nö. Ich hätte gerne einen Labrador, aber das will Mams nicht. Sie sagt, den müsste sie füttern und ausführen, das wüsste sie schon.«

»Vielleicht hat sie gar nicht so Unrecht ...«

Jetzt ging diese Diskussion, wer die Arbeit mit einem Hund hatte, schon wieder los! Tore schwieg.

Inzwischen waren sie an der Fenne angekommen. Eine ganze Schar von Gänsen befand sich hier noch, obwohl sie nun wohl allmählich lieber im Stall gewesen wären. Zumindest stellte sich Tore es so vor. Sie schnatterten zur Begrüßung und marschierten heran, vorweg Alfons, der einen besonderen Ton hatte. Ihn hörte man immer heraus.

»Gibt es bei euch auch Weihnachtsgans?«, fragte Onkel Calle, während er mit schnell steif werdenden Fingern den Knoten am Tor zur Fenne aufzuknüpfen versuchte.

Tore machte eine betroffene Miene. »Sollen alle deine Gänse zu Weihnachten gebraten werden? Bei meinen Eltern gibt es Langkohl mit geräucherter Schweinebacke und süßen Bratkartoffeln.«

Calle wusste, was seinen jungen Freund bewegte. »Zu dem Zweck ziehe ich die Gänse auf, ja. Ich schlachte und verkaufe sie. Damit bessere ich meine Rente auf, weißt du? Nicht alle Menschen mögen Schweinebacke. Und die Schweine müssen auch geschlachtet werden, wenn sie ihre Backen liefern sollen.«

Das stimmte zwar, aber im Augenblick war es Tore egal. »Aber Alfons schlachtest du doch nicht, oder?«

»Doch, auch Alfons«, antwortete Calle ehrlich und ein bisschen bedauernd. »Er ist vorbestellt.«

Tore sah ihm entsetzt ins Gesicht. Das hatte er nicht gewusst. Jetzt wollte er beim Füttern nicht mehr helfen. Er drehte sich um und rannte zur Warft zurück, wo er sich im Garten seiner Eltern hinter dem breiten Kastanienstamm versteckte.

Nicht lange danach kehrte auch Onkel Calle zurück, unter jedem Arm fest eingeklemmt eine Gans, die Schnäbel in den Fäusten. Er betrat seine Scheune.

Tore zitterte vor der Ahnung, was jetzt gleich kommen würde. Mit den Händen über den Ohren stürzte er ins Haus. Wenigstens war Alfons heute noch nicht bei den künftigen Braten gewesen.

Kapitel 2

Palmen!« Anke schüttelte schmunzelnd den Kopf, als sie an Calles Prophezeiung zurückdachte. So weit war die Klimaveränderung nun doch noch nicht vorangeschritten. Im Gegenteil! Es war immer kälter geworden, das Hochdruckgebiet hatte sich an Ort und Stelle festgebissen. Und es trug ausgerechnet den alten nordfriesischen Namen Engeline. Welcher Wissenschaftler wohl auf eine solch merkwürdige Idee gekommen war? Jedenfalls schickte sich der Winter an, so zu werden, wie er immer gewesen war.

Anke stellte die gerade fertig gewordenen braunen Pfeffernüsse zum Abkühlen auf den Küchentisch, überlegte, dass sie in den nächsten Tagen der Reihe nach weiße Pfeffer-, Schmalz- und Sirupnüsse backen würde, vergewisserte sich, dass Kurt ausreichend frisches Wasser im Napf hatte, und ging, um sich für ihren Spaziergang warm anzuziehen. Es herrschte ein leichter Ostwind, und es gab keine Spur von Nebel.

Das Telefon klingelte.

Anna.

Sie war gestern Abend erst spät mit der Lore vom Festland zurückgekommen und hatte ihre Mutter nicht mehr stören wollen. »Die Hebamme war gar nicht da, nur ein Arzt, den ich nicht kannte und der meint, das Kind könnte etwas früher kommen«, meldete sie ein wenig unglücklich. »Hoffentlich nicht gerade an Weihnachten – Dumm ist auch, dass unsere Halligschwester Urlaub hat. Ich meine, nur so für alle Fälle ...«

»Nimm es, wie es kommt«, empfahl Anke. »Als besonderes Geschenk. Zu ändern ist daran ja nichts. Und Käte hat aus ihrer Zeit als Krankenschwester viel Erfahrung, sie wird die Halligschwester gut vertreten. Ich sage es auch nur so, für alle Fälle ... Ich besuche dich heute Nachmittag. Jetzt muss ich erst einmal Wind und Wetter schnuppern.« Draußen war es still. Anke blickte nach oben. Keine Möwe am strahlend blauen Himmel. Die Reetdächer waren von feinem weißen Raureif bedeckt, ebenso wie die nackte schwarze Gartenerde. Nachbar Krischan hatte in seinem Garten schon einen Tannenbaum aufgestellt, in dem ein Vogelhäuschen befestigt war. Sicher hatte er gefüttert, genau wie sie selbst, aber für die Vögel war es an diesem Tag wohl zu unwirtlich. Weder Amseln noch Spatzen oder Meisen waren zu sehen.

Anke seufzte leise, schlug die Ohrenklappen ihrer wetterfesten Mütze herunter, um sie unter dem Kinn festzubinden, und machte sich auf den Weg zum Südufer.

Das Gras auf der Weide war schwarz, niedergedrückt vom letzten Land unter und glitschig vom Frost. Sie war dankbar, als sie nach ein paar Minuten den Steindeich an der Badestelle erreicht hatte und über die See schauen konnte.

Unter ihr stapelten sich bereits die Eisschollen, die bei auflaufendem Wasser auf das Ufer hochgeschoben wurden. Und die Steinbuhne, die neben dem Westerwehl in die See ragte, war unter dem Eis ganz und gar verschwunden, obwohl derzeit Ebbe war. Die Eisbildung ging immer schnell vonstatten, aber Anke staunte doch, wie der Eisberg allein seit dem Vortag gewachsen war.

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