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Advent, Advent - der Mörder rennt! 4 Krimis, Sammelband

Advent, Advent - der Mörder rennt! 4 Krimis, Sammelband

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Advent, Advent – der Mörder rennt! 4 Krimis, Sammelband

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Die Waffe

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Bount Reiniger jagt die Killer-Crew: N.Y.D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Einer stört dauernd

Der Tod hält Einzug

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Prolog

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8.

9.

10.

Further Reading: 10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bieber

Also By Theodor Horschelt

Also By Klaus Tiberius Schmidt

About the Author

About the Publisher

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Advent, Advent – der Mörder rennt! 4 Krimis, Sammelband

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Die Waffe

Klaus Tiberius Schmidt: Bount Reiniger und die Killer-Crew

Horst Bieber: Einer stört dauert

Theodor Horschelt: Der Tod hält Einzug

––––––––

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GANGS BEKRIEGEN SICH im erbarmungslosen Kampf um Anteile im Drogengeschäft. Aber die Hintermänner sitzen ganz woanders... Eine Waffe spielt die Schlüsselrolle, denn die Ermittler wissen genau: Nur über diese Waffe führt die Spur zum Killer...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Die Waffe

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Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

Gangs bekriegen sich im erbarmungslosen Kampf um Anteile im Drogengeschäft. Aber die Hintermänner sitzen ganz woanders... Eine Waffe spielt die Schlüsselrolle, denn die Ermittler wissen genau: Nur über diese Waffe führt die Spur zum Killer...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Steve Mayer

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Die Morgensonne kroch im Osten über die Dächer der Wolkenkratzer. Im Central Park, der grünen Lunge New Yorks, zwitscherten die ersten Vögel. Hier und da fuhren ein paar Inline Scater oder Mountain Biker die asphaltierten Wege entlang.

Jogger nutzten die Ruhe des Morgens für ihr allmorgendliches Fitness-Programm. Die meisten würden in anderthalb Stunden ihre Sportfunktionskleidung mit einem dreiteiligen Anzug oder einem konservativen Kostüm vertauscht haben, um in Downtown Manhattan ihren Jobs nachzugehen. Aber für einen dieser Jogger galt das nicht. Sein Job musste genau hier erledigt werden – auf dem Weg, der vom Central Park South zur Transverse Road No. 1 führte.

Er trug einen blau gestreiften Jogginganzug auf dessen Rücken die Aufschrift SUPER BOWL zu lesen war.

Als er den Heckscher Playground erreichte, hielt er an. Er atmete tief durch, schüttelte die Arme aus und tat so, als würde er ein paar Lockerungs- und Dehn-Übungen durchführen.

Dann blickte er auf die Uhr.

Sie haben etwas Verspätung, Herr Staatsanwalt, ging es ihm durch den Kopf.

Der vermeintliche Jogger griff kurz unter das Oberteil seines Jogginganzugs und umfasste den Griff der automatischen Pistole.

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2

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James E. Longoria war Mitte fünfzig, aber noch sehr gut in Form. Ein großer Mann, der als Staatsanwalt eisern durchzugreifen wusste. Er bewohnte ein Traumapartment am Ende der Fifth Avenue. Von dort aus hatte man eigentlich immer einen hervorragenden Panoramablick auf den südlichen Teil des Central Park.

Ein Jogger, der am Wegrand nach Atem rang, erweckte kurzzeitig das Interesse des Juristen: Seine Gedanken waren jedoch zu sehr von Aufgaben des vor ihm liegenden Tages erfüllt, als dass er weiter auf den Jogger achtete.

Ein paar knifflige Fälle lagen auf Longorias Schreibtisch. Er hatte sich einen Namen als Hardliner gemacht. Seine Gegner allerdings sprachen davon, dass Longorias Vorgehensweise oft genug am Rande der Rechtsbeugung anzusiedeln war.

Aber das störte den hageren Mann mit den ausgedünnten, grauen Haaren nicht.

Ab und zu warf er einen kurzen Blick nach rechts, wo ein See namens „The Pond“ das Blickfeld beherrschte. Auf der Wasseroberfläche hielt sich hartnäckiger Frühdunst, aber die Sonne würde es in spätestens zwei Stunden zweifellos geschafft haben, die auf dem Wasser liegenden Dunstfelder zu verdrängen.

James E. Longoria bemerkte den Jogger wieder, als er die von Ost nach West den Süden des Central Parks durchziehende Transverse Road No. 1 erreichte.

Der Kerl war ihm gefolgt und hatte es aus irgendeinem Grund vermieden, ihn zu überholen.

Longoria rang nach Luft.

Der Jogger kam näher.

Plötzlich riss er eine Waffe mit aufgeschraubtem Schalldämpfer unter der Kleidung hervor. Sie verfügte über eine Zielerfassung durch Laserpointer. Ein roter Punkt tanzte durch die Luft.

Longoria wich zurück und hob abwehrend die Hände.

Aber für die schnell hintereinander abgefeuerten Kugeln der Automatik war das kein Hindernis. Der vermeintliche Jogger feuerte ein Projektil nach dem anderen ab.

Jedes Mal entstand dabei ein Geräusch, das an ein kräftiges Niesen oder den Schlag mit einer Zeitung erinnerte.

Longorias Körper zuckte. Mit weit aufgerissenen Augen und vollkommen fassungslosen Gesicht stand der Getroffene schwankend da. Weitere Treffer in den hageren Körper ließen ihn zucken. Sein Gesicht verzog sich wie unter großem Schmerz. Dann brach er in sich zusammen und schlug auf den Asphalt. Eine Blutlache bildete sich.

Der Killer drehte sich kurz um. Niemand schien bemerkt zu haben, was er tat.

Vorerst...

Dann rannte er weiter. Er spurtete zur Transverse Road und dort weiter nach links. 

Am Straßenrand wartete ein BMW.

Der Fahrer startete den Motor. Der Killer riss die Beifahrertür auf und sprang hinein.

Mit Vollgas raste der BMW anschließend die Transverse Road No. 1 in westlicher Richtung entlang, vorbei am Heckscher Playground. Am Central Park West bog er nach links und fädelte sich ziemlich brutal in die gerade beginnende erste Welle des Berufsverkehrs ein.

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3

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Mister Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York, machte ein sehr ernstes Gesicht, als wir in seinem Besprechungszimmer eintrafen.

Ich hatte Milo am Morgen an der bekannten Ecke abgeholt. Es hatte in Strömen geregnet. Mein Kollege Milo Tucker war pitschnass geworden und versuchte sich mit einem Becher von Mandys Kaffee wieder aufzuwärmen.

Außer Milo und mir nahmen noch eine ganze Reihe anderer G-men an der Besprechung teil, darunter unsere Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg. Ebenfalls anwesend war unser indianischer Kollege Orry Medina und Clive Caravaggio, der im Rang eines Special Agent in Charge nach unserem Chef der zweite Mann im Field Office war.

Mister McKee wartete, bis alle sich gesetzt hatten. Die Hände hatte er tief in die Taschen seiner grauen Flanellhose vergraben.

Eine Furche stand mitten auf seiner Stirn.

Seitdem seine Familie durch ein Verbrechen ums Leben gekommen war, hatte Mister McKee sich voll und ganz dem Kampf für das Recht gewidmet. Oft war er der erste von uns, der in den FBI Büros an der Federal Plaza anzutreffen war und abends der letzte, der ging. Zweifellos war er ein Mann, der viel hatte einstecken müssen und den so schnell nichts zu erschüttern vermochte.

Umso mehr machte uns seine augenblickliche Verfassung deutlich, dass etwas wirklich Schlimmes geschehen sein musste.

„Ich bekam vor einer Viertelstunde die Nachricht, dass der Ihnen allen bestens bekannte Staatsanwalt James E. Longoria beim Joggen im Central Park ermordet wurde.“ Mister McKee atmete tief durch und erklärte uns dann, dass unser Kollege Fred LaRocca bereits am Tatort wäre, um die Ermittlungen aufzunehmen. Die FBI-Erkennungsdienstler Agent Sam Folder und Agent Mell Horster waren ebenfalls auf dem Weg zum Tatort an der Transverse Road No. 1, um die Kollegen der Scientific Research Division zu unterstützen. Die SRD ist eigentlich der zentrale Erkennungsdienst für sämtliche New Yorker Polizeieinheiten, aber auch die Police Departments benachbarter Städte wie Yonkers, Union City oder West New York nehmen deren Hilfe bisweilen in Anspruch. Darüber hinaus verfügte das FBI allerdings noch zusätzlich über entsprechende erkennungsdienstliche Kapazitäten.

Die Tür ging auf.

Agent Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung, trat ein.

Er hatte sich etwas verspätet, schien dafür aber einen entschuldbaren Grund zu haben. Jedenfalls nickte Mister McKee ihm lediglich zu, woraufhin Max sich zu uns an den Tisch setzte.

„Über die näheren Umstände am Tatort kann ich Ihnen natürlich noch nichts sagen“, erklärte unser Chef. „Es ist leider unvermeidlich, dass die Medien diesen Fall groß aufziehen werden, was unserer Arbeit, wie Sie sich alle denken können, nicht gerade erleichtern wird. Einen Aufruf für Zeugen, die eventuell sachdienliche Hinweise zu machen haben, hat Max bereits dankenswerter Weise an alle großen Zeitungen und Radiosender, sowie die lokalen Fernsehkanäle herausgegeben. Mister Longoria ist schließlich nicht der Einzige gewesen, der um diese Zeit in diesem Teil des Central Park seine Runden gedreht hat. Nach den bisherigen Angaben der Homicide Squad I des 12. Reviers unter Captain Danny Ricardo, ist Longoria wohl aus nächster Nähe erschossen worden. Es gibt einen Zeugen, der glaubt, einen BMW mit quietschenden Reifen davon fahren gesehen zu haben. Es handelt sich um einen Rentner, der um diese Zeit mit seinem Hund im Central Park spazieren geht. Der Hund hat den Toten übrigens gefunden. Alles Weitere wird man erst noch ermitteln müssen.“ Nach einer kurzen Pause des Schweigens setzte Mister McKee noch hinzu: „Der Respekt vor dem Recht scheint auf einem Tiefpunkt angekommen zu sein, wenn jetzt schon Staatsanwälte fürchten müssen, von Gangstern einfach niedergestreckt zu werden. Es ist allgemein bekannt, dass ich mit Mister Longoria nicht immer und in allen Fragen übereingestimmt habe. Aber die Leidenschaft für das Recht als wichtigste Waffe im Kampf gegen das Verbrechen haben wir geteilt. In letzter Zeit haben wir uns auch persönlich etwas näher kennen gelernt. Mister Longoria verlor seine Eltern bereits im Alter von vierzehn Jahren durch einen Amokschützen, der unter dem Einfluss der damals gerade aufkommenden synthetischen Drogen stand. Das hat seinem Kampf gegen das Verbrechen den nötigen Antrieb gegeben. Seit ich das erfuhr, konnte ich ihn noch um einiges besser verstehen...“

„Die Liste derjenigen, die mit James Longoria noch eine Rechnung offen hatten, dürfte ziemlich lang sein“, brach Clive Caravaggio als erster das anschließende, etwas betretene Schweigen. Es kam nicht oft vor, dass unser Chef seine Emotionen nach außen dringen ließ. Wir hatten gerade einen dieser seltenen Momente erlebt und es erschien den meisten von uns wohl irgendwie unangemessen, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Aber genau das mussten wir tun, wenn wir den oder die Mörder von James E. Longoria fassen wollten. Es war immer dasselbe. Die Zeit arbeitete zu Gunsten des Täters und für uns begann jedes Mal ein Wettlauf. Spuren verschwanden oder zersetzten sich, Zeugen erinnerten sich nicht mehr richtig. Die Berichte in den Medien würden außerdem dazu führen, dass wir eine ganze Flut von vermeintlichen Hinweisen, Verdächtigungen und vielleicht sogar falschen Geständnissen von psychisch gestörten Wichtigtuern bekamen. Eine unserer kniffligsten Aufgaben war es dann immer, aus dem ganzen Wust das Wenige herauszufiltern, was wirklich relevant war.

Longoria galt insbesondere in Fällen des organisierten Verbrechens als Hardliner, der sich nicht gerne auf einen Deal mit Verdächtigen einließ, die er für schuldig hielt.

„Max war so freundlich, schon mal ein paar Fälle herauszusuchen, in denen jemand blutige Rache gegenüber Staatsanwalt Longoria geschworen hat oder ihn bedrohte“, erklärte Mister McKee. Er wandte sich an Max Carter und fragte: „Was haben Sie gefunden?“

„Da ist zum Beispiel Shane Kimble, ein Gang-Leader aus der Bronx, der jetzt eine halbe Ewigkeit in Rikers Island absitzen muss“, erläuterte Max. „Ein Komplize hat gegen Kimble ausgesagt, nachdem Longoria ihm ein Angebot gemacht hat. Das hat Kimble ziemlich sauer gemacht.“

„Ausgerechnet der kompromisslose Longoria!“, konnte sich Orry eine Bemerkung nicht verkneifen. Unser indianischer Kollege trug einen modisch geschnittenen italienischen Anzug zu einer stilvollen Seidenkrawatte. Orry galt allgemein als  bestangezogendster G-man an der Federal Plaza. Doch das war beileibe nicht seine einzige Qualität. Er war drüber hinaus auch ein hervorragender Ermittler, wie er bei zahlreichen Fällen unter Beweis gestellt hatte. Ein Kollege, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte.

„Ich erinnere mich an den Fall“, sagte Mister McKee und nippte dabei an seinem Kaffeebecher. „Das ist gut fünf Jahre her. Wenn Longoria diesem Komplizen – wie hieß er noch gleich?“

„Dustin Jennings!“, gab Max nach einem kurzen Blick in seine Unterlagen Auskunft.

„...kein Angebot gemacht hätte, wäre Kimble wieder auf freiem Fuß.“

„Jetzt sitzt er wegen Mordes und hat wohl keine Aussicht jemals wieder entlassen zu werden“, stellte Max fest.

„Und was ist mit Jennings?“, fragte ich.

„Ist seit einem halben Jahr auf Bewährung draußen“, erklärte Max. „Jedenfalls hätte Kimble im Gerichtssaal bei der Urteilsverkündung beinahe den Staatsanwalt angefallen und musste trotz Handschellen von mehreren Officers festgehalten werden. Da wir außerdem davon ausgehen müssen, dass Kimble zumindest einen Teil seiner Drogengeschäfte aus dem Gefängnis heraus steuert und von seinen Gangbrüdern wie ein Held verehrt wird, gehört Kimble auf jeden Fall auf die Liste der Verdächtigen!“

„Aber er dürfte nicht der einzige sein“, gab Orry zu Bedenken.

Max nickte.

„Ganz zu Anfang seiner Karriere sorgten Longorias Ermittlungen für die Verurteilung eines Mannes namens Jason Carlito für Aufsehen. Carlito war Zuhälter in Spanish Harlem und wurde beschuldigt, eine der jungen Frauen, die für ihn anschafften, grausam ermordet zu haben. Die Beweise schienen eindeutig zu sein. Jahre später veranlasste sein Verteidiger eine erneute Untersuchung des damals sichergestellten DNA-Materials. Es gab inzwischen bessere Verfahren und so stellte sich heraus, dass Carlito vielleicht ein Zuhälter aber kein Mörder war.“

„Wie hat er das hingenommen?“, hakte Mister McKee nach.

„Schlecht“, fuhr Max fort. „Er hat Longoria mit Hassanrufen verfolgt, sich bei dessen Prozessauftritten ins Publikum gemischt, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Longoria ließ ihm gerichtlich verbieten, dass er sich ihm auf mehr als hundert Yards näherte. Es gab in dieser Zeit eine Serie von zusammengeklebten Drohbriefen, die sowohl Longorias Büro als auch seine Privatadresse erreichten, aber Jason Carlito konnte vor Gericht nicht nachgewiesen werden, der Urheber dieser Briefe gewesen zu sein.“ Max deutete auf die vor ihm liegenden Ordner. „Es gibt noch eine Reihe weiterer Fälle, die ebenso mit Longorias Ermordung in Verbindung stehen könnten. Ganz zu schweigen von seinen aktuellen Ermittlungen gegen mehrere Drogengangs in der Bronx und ihre Hintermänner...“

Milo seufzte hörbar.

„Es wird uns wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als diese Liste systematisch abzuarbeiten“, glaubte er und damit lag er zweifellos richtig.

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Als Milo und ich am Tatort im Central Park ankamen, war dort das meiste schon gelaufen.

Longorias regelrecht durchsiebter Leichnam lag längst in der Pathologie des Coroners und wurde einer Obduktion unterzogen.

Patronenhülsen, die mit einer Automatik vom Kaliber 45 abgeschossen worden waren, hatten sichergestellt werden können. Ob die Tatwaffe schon einmal verwendet worden war, würde sich erst nach den ballistischen Untersuchungen zeigen. Damit wir in diesem Fall nicht auf die im Moment stark überlasteten SRD-Labors in der Bronx angewiesen waren, würde unser eigener Ballistiker Dave Oaktree die dafür notwendigen Untersuchungen durchführen. Weil wir Dave am Tatort mit Sicherheit nicht mehr antreffen würden, hatten wir während der Fahrt von der Federal Plaza zur Transverse Road No.1 telefonischen Kontakt mit ihm. Er machte uns allerdings wenig Hoffnung darauf, dass die Testergebnisse schneller als in vierundzwanzig Stunden zur Verfügung standen.

Eine Untersuchung der Patronenhülsen auf Fingerabdrücke war bereits am Tatort geschehen und negativ ausgefallen.

Einige Kollegen der City Police hatten Jogger und Passanten befragt, ob sie etwas gesehen hatten. Die Ausbeute war mager.

Nachdem wir uns am Tatort umgesehen und uns ein Bild gemacht hatten, besuchten wir Captain Danny Ricardo auf seinem Revier, der die ersten Tatortermittlungen zu verantworten hatte und sprachen mit ihm über das Problem.

„Sie haben ja sicher selbst mitgekriegt, was für ein Wetter wir heute Morgen hatten. Immer wieder gab es heftige Schauer, die mit kürzeren trockenen Phasen abwechselten. Da sind natürlich nicht gerade viele Leute unterwegs. Außerdem hat der immer wieder einsetzende Regen dafür gesorgt, dass wir so gut wie nichts am Tatort gefunden haben, was irgendwelche Rückschlüsse auf den oder die Täter ergeben könnte – von den Patronenhülsen und einem Reifenprofil einmal abgesehen.“

„Sie gehen davon aus, dass es mehrere Täter waren“, stellte ich fest.

Ricardo nickte. „So ist der Stand der Ermittlungen, wenn die Geschichte mit dem BMW stimmt, wovon ich aber ausgehe. Es gab einen, der die Waffe abgeschossen hat und einen Komplizen, der den Fluchtwagen gefahren hat. Der Rentner, der den Wagen gesehen hat, konnte sich sogar einen Teil der Zulassungsnummer merken.“

„Und?“, hakte ich nach. Selbst wenn man eine Zulassungsnummer nur teilweise vorliegen hatte, dazu aber weitere Merkmale des gesuchten Fahrzeugs wie Typ, Farbe, Ausstattung, Bereifung und ähnliches vorliegen hatte, konnte man das betreffende Fahrzeug in den meisten Fällen ermitteln oder die Zahl der in Frage kommenden Halter stark einschränken.

„Wir vermuten, dass der BMW mit einem Fahrzeug identisch ist, das vor zwei Tagen als gestohlen gemeldet wurde.“

„Ein gestohlener Wagen als Fluchtfahrzeug, keine Fingerabdrücke an den Patronenhülsen – spricht das nicht dafür, dass hier Profis am Werk waren?“, meinte Milo.

Danny Ricardo zuckte die Schultern. „Dass wir überhaupt Patronenhülsen gefunden haben, spricht allerdings dagegen“, gab er zu bedenken. „Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, Agent Tucker. Longoria hat sicher jede Menge Feinde bei den Syndikaten gehabt.“

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Es war bereits Abend, als wir in der 332 MacMillan Road in Riverdale eintrafen, wo der in zweiter Ehe verheiratete James Longoria in einem schmucken Bungalow gewohnt hatte. Riverdale gehörte zur Bronx, zeigte aber ein Bild, das man von diesem Stadtteil gar nicht erwartete. Mit den verfallenen Straßenzügen, wie man sie leider immer noch in der South Bronx finden konnte, hatte Riverdale nichts zu tun. Stattdessen gab es hier von Bäumen gesäumte Straßen mit ein- bis zweistöckigen Häusern und kleine Geschäftszentren.

Ich parkte den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte, am Straßenrand. Wir stiegen aus, traten an die Haustür und klingelten.

Eine junge Frau öffnete uns. Longoria war 56 Jahre alt geworden, seine Frau war schätzungsweise zwanzig Jahre jünger als er.

Wir stellten uns vor und zeigten Mrs Ann Longoria unsere Ausweise.

Insgeheim war ich froh darüber, dass bereits ein Kollege vom NYPD hier gewesen war, um Ann Longoria darüber zu informieren, dass sie nun Witwe war. Ihre Augen wirkten rot geweint.

„Kommen Sie herein“, sagte sie. „Ich bin mit den Prozeduren, die auf einen Mord folgen, durchaus vertraut, wie Sie mir glauben können.“

„Natürlich, Ma’am“, nickte ich.

Ich stutzte, als wir das Wohnzimmer betraten. In einem der breiten Ledersessel saß ein hagerer Mann mit hohen Wangenknochen und eisgrauen Augen. Das graumelierte Haar war voll, aber sehr kurz geschoren. Ich schätzte sein Alter auf Mitte fünfzig.

Ich hielt ihm meine ID-Card entgegen.

„Agent Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor und deutete dann auf Milo. „Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

Er reichte mir die Hand.

Sein Händedruck war sehr fest. Wie bei einem Mann, der gleich klarmachen will, wer der Chef war. „Mein Name ist Miles Buchanan“, sagte er in einem ruhigen, tiefen Tonfall. „Ich bin ein Freund des Hauses. Vielleicht trifft es das am Besten.“

„Woher kannten Sie Mister Longoria?“, fragte ich.

„Wir haben uns während des Jura-Studiums kennen gelernt. Allerdings habe ich es nie bis zur Zulassung als Anwalt gebracht, sondern einen völlig anderen geschäftlichen Weg eingeschlagen. Aber es würde zu weit führen, Ihnen die ganze Story jetzt in ein paar Sätzen auseinanderzusetzen.“

„So fern eine Verbindung zum Fall besteht, habe ich auch gegen längere Erzählungen nichts einzuwenden“, erwiderte ich. 

Miles Buchanans Gesicht verzog sich zu einem dünnen Lächeln. „Ich bin recht erfolgreich in der Immobilienbranche tätig. Vor ein paar Jahren trafen James und ich bei der gemeinsamen Vorstandsarbeit für eine gemeinnützige Stiftung wieder aufeinander, für die wir uns beide engagiert haben."

„Ich verstehe", sagte ich.

„Im Moment bin ich hier, um Ann in ihrer schwierigen Situation beizustehen. Ich denke, sie braucht jetzt jemanden, der sich um sie kümmert."

„Ganz sicher!“

„Wenn ich irgendetwas tun kann, um Ihnen bei Ihren Ermittlungen zu helfen, dann lassen Sie es mich bitte wissen.“

„Oh, ich weiß Ihre Kooperationsbereitschaft zu schätzen, Mister Buchanan.“

„Meine geschäftlichen Verbindungen bilden ein exzellentes Netz, das sich natürlich auch zur Erlangung von Informationen eignet. Also, wenn Sie mal wollen, dass ich meine Verbindungen spielen lasse...“

„...werden wir auf Sie zurückkommen“, mischte sich nun Milo ein. Der Tonfall, in dem er sprach, verriet, dass ihn die anbiedernde Art dieses Mannes einfach nur nervte.

Ich wandte mich an Ann Longoria, die schweigend dasaß, den Blick in sich gekehrt und wie versteinert wirkend. Für sie musste das alles ein wahrer Albtraum sein.

„Im Moment sind wir dabei, eine Liste derjenigen zusammenzustellen, die vom Tod Ihres Mannes profitiert oder ihn sich gewünscht haben könnte“, sagte ich so sachlich mir dies in der gegenwärtig emotional ziemlich aufgeladenen Stimmung möglich war.

„Mein Mann war stolz darauf, den Ruf eines Hardliners zu haben und in kriminellen Kreisen gefürchtet zu werden“, flüsterte Ann Longoria. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und brach schließlich in ein Schluchzen aus. Dann griff sie nach ihrem Taschentuch und wischte die Tränen weg, nur um sich wenig später noch einmal förmlich zu schütteln.

Miles Buchanan legte den Arm ihre Schulter. Sie strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und atmete tief durch.

„Vielleicht ist es einfach das Beste, Sie kommen ein andermal wieder“, glaubte Buchanan. „Bitte! Sie sehen ja, wie mitgenommen Ann im Moment noch ist.“

„Das würde vor allem den Tätern und ihren Auftraggebern nützen“, stellte ich fest.

Miles Buchanan runzelte die Stirn. „Sie gehen davon aus, dass es sich um einen Auftragsmord handelte?“

„Das ist eine Hypothese“, gab ich zu.

„Die meisten von denen, die mit James noch eine Rechnung offen hatten, dürften in irgendeinem Staatsgefängnis sitzen“, glaubte Miles Buchanan.

„Einen Mord kann man leider auch aus einer Haftanstalt heraus in Auftrag geben – vorausgesetzt man hat die nötigen Verbindungen und entsprechende finanzielle Mittel“, gab Milo zu bedenken.

Ich wandte mich der Witwe zu. „Bitte, Mrs Longoria, versuchen Sie darüber nachzudenken, wer Ihren Mann so sehr gehasst haben könnte, dass er ihn tot sehen wollte.“

Ann Longoria zuckte die schmalen Schultern. „Wie schon gesagt, es gab so viele, die ihn hassten. Es verging kaum ein Tag, an dem uns das nicht auf die eine oder andere Weise klargemacht wurde. Mal durch Drohbriefe, dann wieder durch obszöne Anrufe, die uns trotz unserer Geheimnummer erreichten. In letzter Zeit waren es vor allem Emails, die ein krankes Hirn verfasste, das sich Rächer der Gerechten nennt...“

„Davon steht nichts in den Unterlagen“, sagte ich. „Warum hat er sich damit nicht an die Polizei oder an uns gewandt?“

„Das hat er“, widersprach Mrs Longoria. „Die Kollegen vom NYPD fanden heraus, dass ein Mann namens Paco Benitez dahinter steckte.“

„Der Name kommt mir bekannt vor“, meinte Milo.

„Er stand lange auf den Fahndungsseiten der Homepage des FBI“, fand Ann Longoria dafür sofort eine plausible Erklärung. „Benitez war der Mann fürs Grobe eines Drogensyndikats von Exilkubanern. Mein Mann brachte ihn für die nächsten dreißig Jahre ins Gefängnis. Irgendwie hat Benitez es geschafft, über den Internetzugang der Gefängnisbibliothek dafür zu sorgen, dass die private Mail-Adresse meines Mannes einige Zeit ständig verstopft war. Benitez bekam keinen Zugang mehr zum Bibliotheksrechner von Rikers Island, nachdem die Sache aufgedeckt wurde.“

„Wann war das?“ fragte ich.

„Vor drei Wochen hörte der Spuk auf.“ Mrs Longoria schluckte und strich sich mit einer fahrigen Geste eine Strähne ihrer brünetten Haare aus den Augen. „Jedenfalls dachte ich das...“

„Wir werden ohnehin die privaten Sachen Ihres Mannes  durchsuchen müssen“, sagte ich und versuchte ihr damit schonend beizubringen, dass ein ganzes Team unserer Erkennungsdienstler eine Hausdurchsuchung durchführen würde. „Sie wissen sicher, dass das Routine in Mordfällen ist. Schließlich...“

„...war ich lang genug die Frau eines Staatsanwalts!“, vollendete Ann Longoria meinen Satz. Sie erhob sich aus ihrem Sessel. Mit verschränkten Armen stand sie einen Augenblick da, sah mich direkt an und sagte schließlich: „Tun Sie Ihren Job, Agent Trevellian und ziehen Sie diejenigen zur Rechenschaft, die mir meine Mann genommen haben! Ich werde alles tun was notwendig ist, um Sie zu unterstützen.“

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Später trafen noch unsere Erkennungsdienstler Mell Horster und Sam Folder sowie Agent Fred LaRocca ein. Die drei waren zuvor auch an der Durchsuchung von James E. Longorias Dienstzimmer im Amtssitz des District Attorney beteiligt gewesen.

Der Mann musste ein Workaholic gewesen sein.

Longorias privates Arbeitszimmer nahm das gesamte Dachgeschoss des Bungalows ein. Es stellte sich heraus, dass Longoria viele seiner dienstlichen Angelegenheiten zu Hause bearbeitet hatte und offenbar häufig auch am Wochenende und nach Feierabend noch an seinen Fällen tätig gewesen war. Was wir von Mister McKee über Longorias Schicksal erfahren hatten, machte die besondere, über das Normalmaß hinausgehende Engagement für die Strafverfolgung von Verbrechen verständlich – und auch die besondere Verbindung, die Mister McKee zu ihm gehabt zu haben schien.

An der Wand hing ein gerahmtes Kinoplakat, das Clint Eastwood als rächenden US-Marshal in HÄNGT IHN HÖHER zeigte.

„So hat sich James Longoria wohl selbst gesehen“, meinte ich. „Der harte Kerl, der die Verbrecher gnadenlos zur Strecke bringt!“

„Dieses Image dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Wähler ihn immer wieder in seinem Amt bestätigt haben“, glaubte Milo.

„Vermutlich hast du Recht.“

„Ich denke, was als nächstes ansteht, nachdem wir hier fertig sind, ist ein Besuch auf Rikers Island“, meinte Milo.

Ich nickte. „Wenigstens haben wir da wahrscheinlich einige Dutzend Verdächtige an einem Ort versammelt!“

„Du sagst es!“

Fred LaRocca meldete sich jetzt zu Wort. „Seht euch das mal an!“, meinte er und zog einen Prospekt zwischen den im Arbeitszimmer herumliegenden Unterlagen hervor.

Er reichte ihn mir.

„LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG“, las ich da. Es handelte sich um eine gemeinnützige Stiftung, die Verbrechensopfern half. Der Prospekt enthielt einen Spendenaufruf. Ich deutete auf die Broschüre und fragte: „Was ist daran so außergewöhnlich?“

„Es ist nicht außergewöhnlich, nur interessant“, antwortete Fred LaRocca. „In dem Prospekt ist der verantwortliche Vorstand dieser Stiftung angegeben. Longorias Name ist dabei.“

„Dass dieser Workaholic dazu überhaupt noch Zeit hatte“, staunte Sam Folder.

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Am folgenden Tag lag das ballistische Gutachten vor. Wir saßen in Mister McKees Dienstzimmer und ließen uns die Ergebnisse von unserem Chefballistiker Dave Oaktree erläutern.

Oaktree hatte mit dem Beamer seines Laptops die Vergrößerung der Oberflächenstruktur eines der Projektile an die Wand projiziert, die aus James Longorias Körper stammten.

„Sie können hier deutlich zwei verschiedene Riefungen feststellen“, erläuterte Oaktree. „Eine ist etwas stärker. Sie stammt vom Lauf einer 45er Automatik, die aktenkundig ist. Diese Waffe wurde bei mehreren Schießereien zwischen rivalisierenden Gangs in der South Bronx verwendet. Sie gehörte dem Gang Leader Shane Kimble, den wir ja bereits in der Liste der Verdächtigen führen. Er sitzt wegen Mordes in Rikers Island. Die Waffe, die er damals benutzte, galt als verloren.“

„Es haben wohl alle angenommen, dass Kimble sie in den East River geworfen hat“, meinte ich.

Aber das war offensichtlich nicht der Fall gewesen.

Dave Oaktree ergriff jetzt wieder das Wort. Er markierte mit einem Laserpointer eine bestimmte Linie auf der Abbildung. „Ich wollte eigentlich noch erläutern, was da sonst noch zu sehen ist“, erklärte er.

„Dann fahren Sie fort, Dave!“, wies Mister McKee ihn an.

„Die schwächeren Riefungen, die man hier sieht, stammen vom Schalldämpfer. Der könnte ein Eigenbau sein, was vielleicht Rückschlüsse auf den Täter zulässt. Es müsste dann jemand sein, der sich in der Metallverarbeitung auskennt und über handwerkliches Geschick verfügt.“

„Gang-Mitglieder, die in der Lage sind, ihre Harleys zu tunen, sind nun wirklich keine Seltenheit!“, seufzte Orry. „Und irgendwelche Spoiler-Bleche an ihren aufgemotzten Wagen hinzubiegen, das bekommen auch die allermeisten von denen hin.“

„Aber eigentlich solle man annehmen, dass die harten Jungs aus Kimbles Gefolge, die inzwischen für ihn die Geschäfte auf der Straße führen, genau wissen, dass man eine Waffe nicht mehrfach verwenden kann, wenn man nicht auffallen will“, sagte Fred LaRocca.

„Vielleicht ist es ja gerade das, was die Täter wollen!“, vermutete Mister McKee. „Kimble wird doch von seinen Leuten noch immer als Held verehrt, wie ich den Berichten in dem Dossier entnommen habe, das Max uns dankenswerter Weise zusammengestellt hat.“ Unser Chef hob die Schultern. „Es sieht fast so aus, als wollte hier jemand seine ganz persönliche Markierung hinterlassen...“

„...die sich dazu noch auch auf Kimble bezieht!“, stimmte Milo zu. „Was will uns der Killer damit sagen? Seht her, wer einen Kimble ins Loch bringt, dem ergeht es schlecht oder so ähnlich?“

Mister McKee atmete tief durch und nickte schließlich. „Wäre nicht das erste Mal“, murmelte er düster vor sich hin. Er blickte in die Runde. „Ich denke, es liegt jetzt klar auf der Hand, was als nächstes zu geschehen hat. Wir nehmen uns Kimble auf Rikers Island und seine Komplizen vor, die noch immer frei herumlaufen. Im Übrigen möchte ich noch etwas in eigener Sache sagen.“ Alle Blicke waren jetzt gespannt auf den Mann gerichtet, der unser Field Office seit vielen Jahren im Rang eines Assistant Directors leitete. „Es wird Ihnen allen nicht entgangen sein, wie nahe mir der Tod von James E. Longoria gegangen ist. Ich denke, zu den Gründen habe ich genug gesagt. Mehr braucht niemand von Ihnen darüber wissen. Ich möchte, dass Sie verstehen, weshalb ich in diesem Fall mich persönlich weitgehend heraushalten werde. Ich war weder am Tatort, noch habe ich Longorias Haus betreten, um bei der Durchsuchung und Sicherung von Beweismitteln dabei zu sein. Das wird Sie vielleicht verwundern, aber ich denke, das Wichtigste ist, dass wir gute Arbeit leisten. Persönliche Interessen müssen dahinter zurückstehen. Mich würde nichts mehr reizen, als persönlich auf die Jagd nach dem Mörder von James Longoria zu gehen, aber ich weiß, dass für erfolgreiche Ermittlungsarbeit eine professionelle Distanz nötig ist, die dann einfach nicht mehr gewahrt wäre. Und das kann im Extremfall bedeuten, dass man auf einem Auge blind ist und die entscheidenden Dinge zur Lösung eines Falls nicht sieht. Vielleicht auch gar nicht mehr sehen will. Wie auch immer, ich möchte nur, dass Sie verstehen, dass es kein Widerspruch ist, wenn ich mich einerseits bewusst zurückhalte und Sie Dinge tun lasse, von denn Sie vielleicht erwartet hätten, dass ich sie selbst tun sollte.“ Mister McKee ließ noch einmal den Blick schweifen und sagte dann: „Das wäre alles.“

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Zusammen mit unseren Kollegen Clive und Orry fuhren Milo und ich nach Rikers Island.

In einem Verhörraum trafen wir uns mit Shane Kimble, der in Begleitung von Cheyenne Masters erschien, einer jungen, aufstrebenden Strafverteidigerin, die für die renommierte Kanzlei Richardson, Franklyn & Partners arbeitete. Wer immer diese Kanzlei mit seinem Mandat betraute, durfte nicht arm sein. Zwar war Shane Kimbles Drogenvermögen seinerzeit nach dem Rico’s Act beschlagnahmt worden, aber offenbar hatte er es doch irgendwie geschafft, einige seiner Drogengelder irgendwo in einem sicheren Drittland zu parken. Über Vertrauensleute konnte er dann an die Gelder heran. Es hätte mich persönlich nicht gewundert, wenn die Kanzlei Richardson, Franklyn & Partners selbst ihre Finger in diesem Verschleierungsspiel gehabt hätte. Der seriöse Ruf dieser Kanzlei rührte vor allem aus jener Zeit, als Doug Richardson senior noch persönlich die Geschäfte geführt hatte. Seit nunmehr fünf Jahren hatte der alte Richardson sich jedoch aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und seine Kanzleianteile in die Hände seines Sohnes gelegt, der weit weniger Skrupel zu haben schien. Immerhin waren er geschickt genug, um sich nichts nachweisen zu lassen, aber es pfiffen die Spatzen von den Dächern, dass die Anwälte dieser Kanzlei sich zumindest mittelbar an diversen Geldwäschegeschäften beteiligt hatten.

Shane Kimble war ein großer, breitschultriger Mann, dem anzusehen war, dass er die Zeit auf Rikers Island dazu genutzt hatte, seine Muskeln in den Fitnessräumen dieser Strafanstalt zu stählen. Sein Haar war kurz geschoren. Am Oberarm trug er eine Tätowierung, die ihn als Mitglied der SOUTH BRONX TIGERS auswies, einer Gang, die er lange Zeit angeführt hatte, bis die Ermittlungen von James Longoria dafür gesorgt hatten, dass er nun wohl den Rest seines Lebens hinter Gittern sitzen musste. Er hatte weder mit vorzeitiger Entlassung noch mit Bewährung zu rechnen. Das ging schon allein wegen seines Verhaltens während des Strafvollzugs nicht. Immer wieder war Shane Kimble in Streitigkeiten verwickelt. Er hatte einen Mitgefangenen ins Koma geprügelt. Seit anderthalb Jahren lag der Mann, ein schwarzer Halbpuertoricaner aus der Bronx – nun schon in der Intensivabteilung des Bethesda Hospitals, wo man die Möglichkeit hatte, sich umfassend um ihn zu kümmern.

Shane Kimble ließ sich auf den bereitstehenden Stuhl fallen.

„Nehmen Sie ihm Handschellen und Fußfesseln ab“, wandte sich Clive Caravaggio an einen der Wächter, die ihn bis in den Gesprächsraum begleitet hatten.

Der flachsblonde Italoamerikaner kam sofort und ohne Umschweife zur Sache.

„Wir sind heute hier, weil Staatsanwalt James Longoria gestern Morgen erschossen wurde.“

Shane grinste breit. Er entblößte dabei eine Reihe mit Metallzähnen.

„Ich habe davon gehört!“, bekannte er und lachte heiser. „Gute Nachrichten sprechen sich schnell herum hier drinnen.“

„Wir suchen den Täter und...“

Clive wurde von Kimble grob unterbrochen.

„Was soll der Mist hier?“, tönte der Mann, der sich noch immer für eine der größten Nummern in der Bronx zu halten schien. „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich James Longoria nicht leiden kann! Außerdem sollten Sie mal meine Akte genauer studieren, bevor Sie sich mit jemandem wie mir an einen Tisch setzen. Sie hätten dann feststellen können, dass in meinem Fall jeglicher Hafturlaub und was es sonst noch so für Vergünstigungen gibt, ausgeschlossen wurde. Ich habe also ein wirklich wasserdichtes Alibi!“ Kimble erhob sich von seinem Platz und streckte dem Wachmann die Hände hin. „Ich nehme an, dass Gespräch ist damit beendet. Gehen wir besser jeder für sich zur Tagesordnung über.“

„Einen Moment bitte!“, mischte ich mich ein.

Der neben Kimble stehende Wachmann legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn zurück auf den Stuhl.

„Was ist denn noch?“, brummte Shane Kimble. Er verdrehte die Augen. „Zu dem Thema habe ich alles gesagt, was zu sagen ist. Punkt. Ende. Aus.“

„Nein, das ist nicht wahr!“, widersprach ich und riss damit nun endgültig die Gesprächsführung an mich. „Sie haben uns noch nicht erklärt, wieso die Waffe, mit der Sie damals einen Menschen erschossen und mehrere weitere schwer verletzt haben, jetzt plötzlich wieder in Umlauf gebracht wurde.“

Shane Kimble runzelte die Stirn und sah mich mit schiefen Blicken an.

„Wie bitte?“, fragte er, so als hätte er mich nicht verstanden.

„Sie haben richtig gehört“, ergänzte Orry. „Die Waffe, die Sie damals nach Ihrer letzten Schießerei irgendwo versteckt haben müssen, ist wieder aufgetaucht.“

„Aber verdammt noch mal, G-man, geht das nicht in Ihren Schädel hinein? Ich war hier unter Aufsicht und habe die Waffe nicht abgedrückt!“ Er kicherte. „Das werden auch all Ihre Untersuchungen beweisen!“

„Wo befand sich diese Waffe während der letzten Jahre?“, fragte ich.

„Keine Ahnung, G-man!“

„Ich weiß nicht, ob Sie hier drinnen alles haben, was Sie brauchen“, meinte ich. „Aber vielleicht ist es nicht schlecht, wenn die Staatsanwaltschaft weiß, dass Sie kooperieren wollen.“

„Den Teufel werde ich tun!“, erwiderte Shane Kimble.

„Ganz wie Sie wollen!“, sagte Clive. Der flachsblonde Italoamerikaner schien genug von den Ausweichmanövern des  ehemaligen Gang-Anführers zu haben. „Aber wenn sich herausstellt, dass Sie die Verbrechen aus den Mauern von Rikers Island heraus geplant und in Auftrag gegeben haben, dann wird man Sie nicht hier in New York lassen, sondern irgendwo anders hin verlegen. Ich weiß nicht, wie es mit Ihren Besuchsrechten dann noch steht...“

„Glauben Sie wirklich, dass dieser Mord mit meiner alten Waffe begangen worden wäre, wenn ich hinter der Sache stecken würde?“, fragte Shane Kimble zurück. Er lief dunkelrot an und machte eine wegwerfende Handbewegung, die so ausholend und heftig ausgeführt wurde, dass die in der Nähe postierten Wachmänner schon nervös wurden. „Ihr G-men müsst mich für reichlich dämlich halten.“

„Dann sagen Sie uns doch einfach, wo Ihre Waffe die letzten Jahre aufbewahrt wurde und von wem!“, beharrte Clive Caravaggio. „Wenn Sie wirklich jemand in die Pfanne hauen wollte, dann bekommen wir das heraus! Andernfalls hängen Sie nach der derzeitigen Beweislage mit drin, weil jeder glauben wird, dass Sie einen Ihrer Leute losgeschickt haben, damit er mit der alten Waffe ein Zeichen setzt!“

„Das ist doch Unsinn!“

„Rache aus dem Knast mit perfektem Alibi! Aber sobald wir den Kerl haben, der abgedrückt hat, wird der reden und Sie in die Pfanne hauen, bevor er die Schuld allein auf sich nimmt. Da können Sie sicher sein!“

„Hören Sie auf!“

„Mein Mandant könnte behaupten, die Waffe vor seiner damaligen Verhaftung einfach weiterverkauft zu haben“, mischte sich Kimbles Anwältin ein. „Und ich sehe nicht, wie Sie diese Behauptung widerlegen könnten!“

„Bravo. Lady! Geben Sie den Ärschen Zunder!“, rief Kimble. „Ich behaupte einfach, was die Lady sagt und Ihr könnt mich dann mal!“

„Wenn Ihr Mandant dämlich gewesen wäre und unter Geldmangel gelitten hätte wäre das plausibel“, antwortete Clive. „Aber beides wird niemand behaupten wollen. Außerdem stellt sich dann die Frage, wieso er uns den Käufer nicht nennt und mit uns kooperiert!“ Clive wandte sich wieder direkt an Kimble. „Und sagen Sie nicht, dass es nicht auch für Sie nicht noch schlimmer kommen könnte!“

Kimble lehnte sich zurück.

Die Pose großspuriger Lässigkeit war jetzt von ihm abgefallen.

Er schien mit sich selbst zu ringen und brauchte vielleicht nur noch einen kleinen Anstoß, um etwas zu tun, was für einen ehemaligen Gang Leader aus der Bronx so etwas wie den Verlust der Ehre bedeutete.

„Wenn herauskommt, dass ich mit Ihnen zusammenarbeite, bin ich erledigt“, sagte er.

„Hören Sie auf“, mischte sich die Anwältin ein. „Sie setzen meinen Mandanten in unzulässiger Weise unter emotionalen Druck.“

„Ich mache ihn lediglich auf seine Situation aufmerksam“, erklärte Clive.

„Das haben Sie zu genüge getan. Mein Mandant hat seine Position sehr unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Er hat mit dem Tod von James Longoria nichts zu tun. Was das Auftauchen dieser ominösen Waffe angeht, so kann er sich auf den fünften Zusatz zur amerikanischen Verfassung berufen, wonach sich niemand selbst belasten muss. Im übrigen muss ich sagen, das Ihre These, wonach mein Mandant irgendein Rachezeichen oder so etwas setzen wollte, an den Haaren herbeigezogen ist!“

Clive verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln und wandte sich Cheyenne Masters zu. „Wie sollte sich Mister Kimble durch eine Aussage denn selbst belasten, wenn seine bisherigen Aussagen der Wahrheit entsprechen und er tatsächlich nichts mit dem Mord an Staatsanwalt Longoria zu tun hat?“

„Schon der unangemeldete Besitz dieser Waffe war eine Straftat, die noch nicht verjährt ist!“, gab die Anwältin zu bedenken.

„Ich bitte Sie, das ist nicht Ihr Ernst, Miss Masters!“, stieß Clive aufgebracht hervor. „Angesichts der Strafe, die das Gericht ihrem Mandanten bereits aufgebrummt hat, dürfte...“

„Ich denke, es ist alles gesagt worden, was in dieser Sache von Belang ist. Die Unterredung dürfte damit beendet sein, Gentlemen!“

Shane Kimble lehnte sich zurück und klatschte mit seinen großen, prankenartigen Händen Beifall.

„Richtig so, Lady! Machen Sie die Typen fertig!“ Dann hielt er einem der Wachleute seine Hände über Kreuz entgegen. „Schließt mich wieder in meine Zelle! Ich werde hier seelisch misshandelt!“, schrie er.

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Clive Caravaggio hämmerte mit der Faust gegen die Wand des Besprechungszimmers, nachdem Shane Kimble abgeführt worden war und Cheyenne Masters mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht und ein paar spitzen Bemerkungen auf der Zunge den Raum verlassen hatte.

„Das darf doch alles nicht wahr sein! Was spielt dieser Kerl für ein Spiel?“

„Die Kids in der Bronx sehen in ihm so etwas wie ein Vorbild“, meinte ich. „Jemand, der nur das Pech hatte, von einem Kumpel verraten worden zu sein und deswegen im Knast sitzt.“

Milo nickte. „Wenn er jetzt einen seiner Leute in die Sache hineinzieht, macht er genau das, was Dustin Jennings mit ihm getan hat und er wäre unten durch.“

„Aber was nützt ihm dieser Ruhm?“, fragte Orry kopfschüttelnd.

„Offenbar nützt er ihm mehr, als ihm die Kooperationsverweigerung mit uns schadet“, gab ich zu denken. „Wenn die Gerüchte stimmen, und er wirklich noch Einfluss auf die Geschäfte seiner Gang hat, dann ist der legendäre Ruf, den er genießt ein wichtiger Faktor dabei, wie ich mir vorstellen könnte.“

„Dazu kommt noch, dass er hier auf Rikers Island ja wohl nicht das einzige Mitglied der SOUTH BRONX TIGERS ist, das hier einsitzt“, meinte Milo. „Er hat auf diese Weise immer eine Truppe von Paladinen in seiner Nähe.“

„Männer, die möglicherweise über ihre Anwälte und andere Besuchskontakte eine Verbindung nach draußen herstellen, falls man Kimbles eigene Besuchsmöglichkeiten aus Sicherheitsgründen einschränken sollte!“

Clive atmete tief durch.

„Wir fangen wir also ganz von vorne an.“

„Ich würde sagen, es wird Zeit, dass wir uns diesen Dustin Jennings mal vorknöpfen“, meinte ich. „Ich zumindest wüsste gerne mal seine Version darüber, was damals zu Kimbles Verurteilung führte. Das Verschwinden der Waffe spielte doch sicher auch eine Rolle.“

„Zumindest könnte Jennings dazu eine Aussage machen“, stimmte Clive zu „Dann würde ich vorschlagen, dass du und Milo ihn aufsucht, während Orry und ich einen andere Ansatzpunkt verfolgen.“

„Einen anderen Ansatzpunkt?“, fragte Milo erstaunt und hob dabei die Augenbrauen. „Habe ich irgendetwas verpasst?“

„Orry und ich werden uns die Besucher von Kimble aus dem letzten halben Jahr vornehmen“, meinte Clive.

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Es stellte sich heraus, dass Kimbles Besuchsmöglichkeiten bereits eingeschränkt waren – und zwar auf Antrag von Staatsanwalt James Longoria, der im Zuge der Ermittlungen gegen mehrere andere Mitglieder der SOUTH BRONX TIGERS den begründeten Verdacht gehabt hatte, dass Kimble seine Besuchszeiten dazu nutzte, um die alten Geschäfte weiter zu führen.

Die Besuchslisten aus der Zeit vor dieser Beschränkung legten das nahe. Ehemalige Gangmitglieder und vermutete Partner im Drogengeschäft hatten sich da die Klinke in die Hand gegeben.

Vor drei Monaten war damit jedoch Schluss gewesen.

Die Besuche waren auf Verwandte ersten Grades und seine Anwältin eingeschränkt worden. Mehr hatte Longoria beim Gericht nicht durchsetzen können.

Außer Cheyenne Masters stand noch eine gewisse Teresa Johnson in den Besucherlisten. Sie war die Mutter seines dreijährigen Sohnes namens Edmond. Nach einem DNA-Gutachten, das Cheyenne Masters bei Gericht vorgelegt hatte, war Kimble der Vater dieses Jungen. Der Richter kam zu dem Schluss, dass es die Rechte dieses Jungen in unzulässiger Weise einschränken würde, wenn man ihm den Umgang mit seinem Vater untersagte. Longorias Argumentation, dass auch Teresa Johnson Teil von Kimbles Organisation sein könnte, wurde seinerzeit als nicht ausreichend belegte Behauptung zurückgewiesen.

Teresa Johnson wohnte in einem Apartmenthaus Ecke East 68th Street und York Avenue in der Upper East Side.

Clive und Orry trafen dort etwa zweieinhalb Stunden nach der Unterredung mit Shane Kimble und seiner Anwältin ein.

Das Haus, in dem Teresa Johnson ihre Wohnung hatte, gehörte der mittleren bis gehobenen Kategorie an. Die Brownstone-Fassade war frisch renoviert, und es gab einen privaten Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr die Augen offen hielt.

Flure, Empfangshalle und der Bereich vor dem Eingang waren mit Überwachungskameras bestückt.

Mit dem Aufzug fuhren Orry und Clive in den fünften Stock. Wenig später standen sie vor Teresa Johnsons Wohnungstür.

„Ja, bitte?“, fragte eine weibliche Stimme über die Sprechanlage.

„Sind Sie Teresa Johnson?“

„Ja.“

„Clive Caravaggio, FBI. Mein Kollege und ich haben ein paar Fragen an Sie.“

„Liegt irgend etwas gegen mich vor?“, fragte Teresa. „Falls nicht, bin ich nicht verpflichtet, Ihnen zu öffnen.“

„Wir können Sie auch in unsere Dienstgebäude an der Federal Plaza vorladen oder auch zwangsweise vorführen lassen, wenn Ihnen das lieber ist, Miss Johnson“, sagte Clive. „Aber ich denke, Sie sind klug genug, wegen ein paar Routinefragen nicht gleich so einen Aufstand zu machen. Es beschuldigt Sie im Übrigen auch niemand eines Verbrechens, sondern Sie werden nur als Zeugin befragt!“

„In welcher Sache?“

„Glauben Sie, ich spiele hier mit Ihnen Katz und Maus? Da sind Sie im Irrtum. Also öffnen Sie jetzt!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

„Die scheint auf Cops aller Art ziemlich allergisch zu reagieren“, meinte Orry.

„Wenn sie tatsächlich in Kimbles Geschäften drin hängt, hat sie dazu auch allen Grund!“

„Ich glaube allerdings ehrlich gesagt nicht so richtig daran. Es ist für Kimble doch viel leichter, über seine ebenfalls inhaftierten Gangbrüder, bei denen es keine Besuchsbeschränkungen gibt, Kontakt nach außen zu bekommen!“

„Warten wir es ab, Orry.“

Teresa Johnson meldete sich schließlich wieder. Im Hintergrund war eine Kinderstimme zu hören.

„Halten Sie Ihre Ausweise in die Überwachungskamera oben rechts!“, verlangte sie.

Diesem Wunsch konnten die beiden G-men natürlich nachkommen. In wie fern Teresa Johnson dazu in der Lage war, auf den üblicherweise ziemlich kleinen Bildschirmen solcher  Überwachungsanlagen, noch die Echtheit der ID-Cards zu beurteilen, stand auf einem anderen Blatt.

Sie öffnete.

Teresa Johnson war eine Frau von Ende zwanzig. Das blauschwarze, leicht gelockte Haar fiel ihr bis über die Schultern. Ihr Gesicht war feingeschnitten und die dunkelbraunen Augen beobachteten die beiden FBI-Agenten aufmerksam.

Auf dem Arm trug sie einen etwa dreijährigen Jungen, der den Kopf auf ihre Schulter gelegt hatte.

„Kommen Sie herein“, forderte sie Clive und Orry auf. „Aber schließen Sie die Tür hinter sich.“

Für New Yorker Verhältnisse war Teresas Wohnung sehr groß. Clive schätzte sie über den Daumen auf etwa hundertzwanzig Quadratmeter.

„Was machen Sie beruflich?“, fragte Clive.

„Ich bin Mutter“, erwiderte Teresa. „Ist das nicht auch ein Beruf?“

„Keiner von dem man sich so eine Wohnung leisten kann.“

„Ich dachte, ich wäre nur eine Zeugin und keine Verdächtige.“

„Das ist richtig.“

„Außerdem haben Sie behauptet vom FBI und nicht von der Steuerfahndung zu sein. Ich weiß also nicht, was Ihre Fragen jetzt sollen!“

„Es geht um den Vater Ihres Kindes: Shane Kimble.“

„Das hätte ich mir ja denken können“, murmelte sie. Sie setzte den Kleinen auf den Boden, woraufhin er in den Nachbarraum lief. Teresa verschränkte die Arme vor der Brust und sah Clive direkt in die Augen. „Was wollen Sie Shane denn noch anhängen? Reicht es nicht, dass er für den Rest seines Lebens seinen Sohn nur alle vier Wochen einmal sehen kann? Reicht es nicht, dass Sie ihn nach einem fadenscheinigen Prozess voller Ungereimtheiten verurteilen und lebenslang wegsperren können?“

„Ich will ihm nichts anhängen“, sagte Clive. „Ganz im Gegenteil. Ich möchte ihm helfen.“

„Pah, dass ich nicht lache!“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich ab. Tränen des Zorns stiegen ihr in die Augen. „Ich kann mir schon denken, wie diese Hilfe aussieht! Am Ende wird Shane der Dumme sein und noch schlimmer im Dreck sitzen, als jetzt schon! So enden diese Spielchen doch immer! Na, nur heraus damit! Welche Tricks hat sich die Staatsanwaltschaft denn jetzt ausgedacht, um ihm das Leben zur Hölle zu machen?“

„Es geht um den Mord an Staatsanwalt James Longoria. Sie werden davon gehört haben.“

„Es war unmöglich, nichts davon zu hören“, erwiderte Teresa. „Die Lokalnachrichten im Fernsehen waren davon genauso voll wie die New Yorker Zeitungen und das Radio. Sogar in den überregionalen Networks haben sie davon eine Meldung gebracht.“

„Dann wissen Sie ja, wovon ich rede.“

„Ja – und soll ich Ihnen was sagen? Ich bedaure es kein bisschen, dass es diesen arroganten Sack erwischt hat! Ich sehe ihn noch im Gerichtssaal vor mir. Damals hätte ich ihn umbringen können...“

„Vielleicht sollten Sie überlegen, ob Sie jetzt vielleicht lieber einen Anwalt dabei haben möchten“, mischte sich Orry in ruhigem Tonfall ein.

Sie atmete tief durch und fügte dann hinzu: „Das war damals. Der Zorn ist inzwischen verraucht. Außerdem würde ich so etwas nie tun.“

„Was?“

„Einen Menschen umbringen. Das könnte ich nicht. Selbst jemanden wie Longoria nicht. Außerdem trifft ihn nicht die Hauptschuld.“

„Wen dann?“

„Na, Dustin Jennings natürlich. Um selber nur wegen eines minderschweren Vergehens angeklagt zu werden und schon nach wenigen Jahren wieder raus zu kommen, hat er Shane belastet und dafür gesorgt, dass er lebenslang hinter Gitter kommt. Longoria hätte doch gar nichts gegen ihn in der Hand gehabt, wenn Jennings nicht gewesen wäre! Auf seiner Aussage basierte die Anklage und als klar war, dass sich das Blatt zu Shanes Ungunsten wenden würde, sind natürlich auch andere Zeugen plötzlich umgefallen und haben sich gedacht: Dem können wir ruhig noch mal ans Bein pinkeln, bevor er weggesperrt wird!“

Eine Pause des Schweigens entstand. 

Clive entschloss sich, zum eigentlichen Ausgangspunkt des Gesprächs zurückzukehren und noch mal ganz von vorn zu beginnen. Teresa Johnson hatte sich in Rage geredet und wenn bei dieser Befragung noch etwas herauskommen sollte, dann war es an Clive, dafür zu sorgen, dass ihre kochende Seele wieder auf  Normaltemperatur herunter gekühlt wurde.

„Shane Kimble wurde damals auf Grund von Jennings’ Zeugenaussage angeklagt, das ist richtig. Aber diese Aussage wurde von weiteren Zeugen bestätigt. Außerdem gab es Sachbeweise dafür, dass Kimble am Tatort war.“

„Aber die Justiz hat damals nie die Mordwaffe gefunden!“

„Genau um die geht es jetzt!“, erklärte Orry. „Mit derselben Waffe, mit der Shane Kimble damals gegen seine Konkurrenz vorgegangen ist, wurde auch Longoria ermordet. Ihnen ist doch klar, welchen Schluss wir daraus ziehen müssen.“

„Sie glauben, dass Shane den Mord an Longoria in Auftrag gegeben hat!“, begriff sie sofort.

„Wir müssen das zumindest als Möglichkeit in Betracht ziehen. Der Vater ihres Kindes liebt theatralische Auftritte – und wenn der Mann, den er für seine Verhaftung verantwortlich machte und deswegen abgrundtief hasste mit einer Waffe erschossen wird, die Longoria damals im Prozess vergeblich aufzutreiben versucht hat, dann ist die Symbolik doch eindeutig – ein später Triumph über den Prozessgewinner im Gerichtssaal.“

Sie hielt Clive ihre Hände über Kreuz hin. „Dann sollten  Sie mich auch als Verdächtige betrachten. Schließlich hätte ich genauso ein Motiv, so etwas zu veranlassen!“

„Wir wollen einfach nur wissen, wo die Waffe damals geblieben ist. Dazu gibt es keine vernünftige Aussage in den Prozessunterlagen.“

„Und das fragen Sie ausgerechnet mich?“

„Vielleicht hat Shane Kimble mit Ihnen darüber gesprochen, Miss Johnson. Damals hätten Sie ihm vielleicht geschadet, wenn Sie sich darüber der Polizei oder dem Richter gegenüber geäußert hätten  - aber jetzt wohl kaum noch. Shane Kimble sitzt so oder so lebenslänglich, aber falls es jemanden gibt, der ihm vielleicht nur etwas in die Schuhe schieben will, könnten Sie uns helfen, demjenigen einen Strich durch die Rechnung zu  machen.“

„Sie würden uns gleichzeitig zeigen, dass nicht Sie selbst diejenige sind, die damals die Waffe aufbewahrt hat!“, ergänzte Orry.

„Dafür haben Sie keine Beweise. Und Sie werden auch keinen Richter finden, der mich auf Grund derart vager Anschuldigungen in Haft nimmt...“

Teresa Johnson ging zu dem Telefon, das auf einer Anrichte stand und nahm den Hörer ab.

„Wen rufen Sie an?“, fragte Clive.

„Meine Anwältin.“

„Heißt die zufällig Cheyenne Masters?“

„Ja. Wieso?“

„Sie vertritt auch Shane Kimble – und Sie sollten sich gut überlegen, ob Ihre Interessen im Moment wirklich identisch sind.“

„Außerdem haben Sie Recht“, fügte Orry hinzu. „Wir finden im Moment sicher keinen Richter, der einen Haftbefehl für Sie unterschreibt. Aber es könnte sein, dass die Besuche von Ihnen und Ihrem Sohn auf Rikers Island jetzt ein Ende haben!“

Teresa Johnson legte den Hörer wieder auf. „Hören Sie, ich habe mit dem Mord an Longoria nichts zu tun, warum ruinieren Sie mich?“

„Inwiefern ruinieren wir Sie denn?“, hakte Clive mit gerunzelter Stirn nach.

Sie atmete tief durch, lief einmal quer durch den Raum und ließ sich dann in einen der Polstersessel fallen. Das Kind kam herbeigelaufen und wollte ihr ein Spielzeugauto zeigen. „Jetzt nicht“, sagte sie gereizt, nahm ihn an der Hand und ging mit ihm in den Nachbarraum.

Wenig später kehrte sie zurück.

Sie strich sich das Haar zurück und vermied den direkten Blickkontakt. Vorsichtig schloss sie die Tür zum Nachbarzimmer hinter sich. „Also gut“, sagte sie schließlich. „Ich werde aussagen. Alles, was ich weiß – aber nur dann, wenn nichts an der Besuchsregelung geändert wird!“

„Das liegt erstens nur bedingt in unserer Hand und zweitens geschieht das auch nur, falls sich die Verdachtsmomente gegen Shane Kimble erhärten sollten“, antwortete Clive.

Orry fragte: „Warum legen Sie eigentlich so großen Wert auf den Kontakt Ihres Sohnes zu Kimble?“

„Er ist sein Vater.“

„Aber finden Sie, dass ein Gang Leader aus der Bronx das richtige Vorbild für ihn ist? Er wird größer werden und Fragen stellen.“

„Das wird er so oder so“, murmelte Teresa Johnson ziemlich niedergeschlagen. Sie machte eine ausholende Handbewegung. „Das alles hier ist ziemlich teuer. Shane zahlt zwar Unterhalt für den Kleinen, aber das würde nicht mal reichen, um sich in irgendeinem Rattenloch in der Bronx einzuquartieren. Solange ich ihn regelmäßig mit dem Jungen besuche komme, fließt genug Geld, um das alles hier zu unterhalten.“

„Shane Kimble ist pleite“, sagte Orry kühl. „Sein Vermögen wurde eingezogen, weil es aus Drogengeschäften stammte!“

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, woher das Geld letztlich kommt. Ich weiß nur, dass es regelmäßig fließt und das genügt mir.“

„Und was ist mit der Waffe?“, fragte Clive. „Sie sollten uns dazu auch etwas sagen.“

Sie zögerte noch, biss sich auf die Lippen und begann schließlich stockend: „Shane hat die Waffe an Dustin Jennings weitergegeben – und zwar mit dem Auftrag, sie verschwinden zu lassen.“

„Das hat Shane Kimble Ihnen erzählt?“, hakte Clive nach.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich war dabei und habe es selbst mit angehört.“

„Aber Jennings hat die Waffe offensichtlich nicht verschwinden lassen.“

„So muss es gewesen sein.“

„Nun hat aber Jennings keinerlei Anlass, Longoria den Tod zu wünschen. Schließlich verschaffte der Staatsanwalt ihm durch sein Angebot die Möglichkeit, schon nach relativ kurzer Zeit wieder das Gefängnis zu verlassen!“

„Ich kann Ihnen dazu nicht mehr sagen! Jennings sollte die Waffe verschwinden lassen. Es war nicht das erste Mal, dass er für Shane die Drecksarbeit gemacht hat. Aber offensichtlich hat sich Jennings überlegt, dass er die Waffe besser aufbewahrt!“

„Warum hat er das getan?“, fragte Orry.

„Zwei Wochen nach dem Prozess hat Jennings mich aufgesucht.“

„Was wollte er von Ihnen?“

„Ich sollte Shane sagen, dass er die Waffe hätte und dass er dafür gesorgt hätte, dass sie sofort auftaucht, sobald ihm was passieren würde.“

„Er hat also Angst gehabt, dass Kimble ihn aus dem Gefängnis heraus ermorden lässt!“

„Ja. Seine Anwälte haben Shane Hoffnungen im Hinblick auf eine Revision auf Grund ungenügender Beweiswürdigung gemacht und meinten, dass er vielleicht doch noch mal etwas glimpflicher davonkäme. Aber wenn die Waffe aufgetaucht wäre, hätte er das vergessen können. Wahrscheinlich waren sogar seine Fingerabdrücke darauf. Kein Richter der Welt hätte ihm dann noch irgendeinen Strafnachlass gegeben. So lange die Waffe verschwunden blieb, war es ein schwaches Indizienurteil, das vielleicht zu kippen war.“

„So schwach kann dieses Urteil nun auch wieder nicht gewesen sein“, gab Clive zu bedenken. „Immerhin wurde die Revision schon bei der Anhörung vor der Grand Jury niedergeschlagen.“

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Milo und ich hatten eigentlich vorgehabt, uns in der South Bronx nach Dustin Jennings umzusehen.

Aber ein Anruf aus dem Field Office warf das fürs Erste über den Haufen.

Es war Mister McKee persönlich, der sich am anderen Ende der Leitung meldete. Wir hatten die Freisprechanlage auf ‚laut’ geschaltet, sodass wir beide mithören konnten.

„Die Vernehmung von Dustin Jennings werden Sie ein paar Stunden verschieben müssen“, meinte Mister McKee. „Das muss warten. Ich brauche Sie beide zunächst in Yonkers.“

„Was ist passiert?“, fragte ich nach.

„Auf einem Parkplatz am Madison Expressway ist von den Kollegen der Highway Patrol ein Wagen aufgefunden worden, bei dem es sich wahrscheinlich um den BMW handelt, der bei dem Attentat auf Longoria an der Transverse Road No.1 als Fluchtfahrzeug benutzt wurde. Sie beide sind von unseren Agenten am nächsten dran. Sehen Sie zu, dass mit diesem Wagen kein Unsinn geschieht, bis die Erkennungsdienstler vor Ort sind. Die können ihn dann meinetwegen bis zur letzten Schraube auseinander nehmen.“

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Als wir an dem von Mister McKee angegebenen Parkplatz ankamen, waren die Kollegen der Highway Patrol bereits etwas ungeduldig.

Die beiden Officers, die hier Dienst taten hießen Naismith und O’Bannon.

Wir zeigten ihnen unsere Ausweise.

„Der Wagen ist in der Liste der gestohlenen Fahrzeuge verzeichnet“, sagte O’Bannon. „Eine Halterabfrage ergab, dass er einem gewissen Timothy Allen Garner aus Riverdale gehört.“

„Wir nehmen an, dass es sich um das Fluchtfahrzeug handelt, das beim Mordanschlag auf Staatsanwalt Longoria verwendet wurde“, erklärte ich. „Der erste Teil des Kennzeichens, den sich ein Zeuge merken konnte, stimmt jedenfalls – und die Typenbezeichnung auch.“

O’Bannon nickte leicht.

„Sie haben Recht, dass sind ein paar Zufälle zuviel, würde ich sagen.“

„Ich hoffe, Sie haben nicht versucht, den Wagen zu öffnen.“

„Nein, wir haben nichts angerührt.“

„Am Tatort konnte ein Reifenprofil sichergestellt werden“, mischte sich Milo ein. „Sollte es übereinstimmen, dann ist es der Wagen, den wir suchen – und vielleicht haben wir dann irgendeine mikroskopisch kleine Spur, die uns am Ende zu den Tätern führt.“

„Ich nehme an, wir werden dann nicht mehr gebraucht“, glaubte Naismith.

„Nein. Haben Sie vielen Dank für Ihre Unterstützung. Wir übernehmen von jetzt an.“

Die beiden Highway Patrol Officers schwangen sich auf ihre Motorräder und brausten davon.

Es dauerte eine Weile, bis die Kollegen von der SRD eintrafen. Eigentlich gehörte Yonkers nicht mehr zu ihrem unmittelbaren Einsatzgebiet, aber es kam auch in anderen Fällen durchaus zur Amtshilfe für das Yonkers Police Department. Der Wagen wurde fachmännisch geöffnet und anschließend von den Kollegen nach Spuren untersucht. Jeder noch so kleine Essensrest, jede Haarfaser, buchstäblich jeder Krümel wurde unter die Lupe genommen. Natürlich wurde vor allem nach DNA-Material gesucht, das der Täter vielleicht hinterlassen hatte.

Es reichte, kräftig zu niesen, etwas Haut unbemerkt abzuschürfen oder ein Haar zu verlieren, um genug Material für einen Test zu hinterlassen. Durch die neuen Polymerisationsverfahren konnten auch winzigste DNA-Reste im Labor zu Kulturen herangezüchtet werden, die dann für die herkömmlichen Tests ausreichen.

In diesem Fall mussten später Genproben vom rechtmäßigen Besitzer des BMW, seiner gesamten Familie und allen anderen genommen werden, die möglicherweise Gen-Material im Wagen zurückgelassen hatten, um deren DNA ausschließen zu können.

Dr. Jack Strencioch leitete die SRD-Untersuchung vor Ort und setzte uns genauestens auseinander, was alles noch an Verfahren in diesem speziellen Fall angewendet werden musste.

„Rechnen Sie nicht allzu schnell mit einem Bericht“, meinte er. „Selbst, wenn wir mit Hochdruck daran arbeiten und diesem Fall Priorität einräumen. Allein das Ausschließen sämtlicher Spuren von Personen aus dem Umkreis des rechtmäßigen Besitzers kann sich ziemlich hinziehen, wenn wir nicht alle in Frage kommenden Probanden antreffen. Die Ferienreise eines guten Bekannten, der aber öfter mal mitgefahren ist, kann uns lange aufhalten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Wir wären Ihnen auch schon dankbar, wenn Sie die Ergebnisse kleckerweise an uns weiterleiten würden“, erwiderte ich.

Die Erstuntersuchung zog sich ziemlich in die Länge. Ein paar Haare waren sorgfältig eingetütet worden. Die Ausbeute schien auf den ersten Blick nicht groß. Wenn es die Haare des rechtmäßigen Besitzers waren, konnten wir nichts damit anfangen, aber falls sie einem der beiden Täter gehörten, waren sie vielleicht der Schlüssel zu dem ganzen Fall. Dasselbe galt für das Kaugummi, das jemand unter den Sitz geklebt hatte, die Reste einer Mentholzigarette, die im Aschenbecher zu finden gewesen waren und eine kleine Blutspur, die sich auf dem Boden auf der Fußmatte befand.

Ein Abschlepp-Team zog den BMW schließlich auf seine Rampe. Von dort aus ging es direkt in die Labors der SRD.

„Wir sehen uns jede Schraube an dem Wagen an“, versprach Jack Strencioch. „Staatsanwalt Longoria war ein toller Mann. Nicht nur, dass er sich als Staatsanwalt für das Recht einsetzte – auch in seiner Freizeit war er noch für in Not geratene Verbrechensopfer tätig. Wussten Sie, dass er im Vorstand einer Stiftung war, die sich für solche Fälle stark machte?“

„Die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG“, nickte ich.

„Ja – ich habe mir ein Spendenformular geholt, als ich davon gehört habe. Ich denke, dass hätte Mister Longoria gerne gesehen. Leider können wir ansonsten ja nicht mehr viel für ihn tun.“

„Wir können seinen Mörder dingfest machen“, erwiderte ich.

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Milo und ich waren etwas später auf dem Weg in die South Bronx, als uns Clive über die Ergebnisse der Vernehmung von Teresa Johnson informierte.

Der Druck, Dustin Jennings so schnell wie möglich aufzutreiben, war durch die dabei ermittelten Fakten noch gestiegen. 

Milo hatte die Freisprechanlage laut geschaltet, sodass wir beide mithören konnten.

„Wenn ihr mich fragt, dann hat dieser Jennings irgend ein schmutziges Spiel gespielt, bei dem Shane Kimble auf der Strecke bleiben sollte!“, meinte Clive. „Und der konnte natürlich nichts sagen, denn wenn die Waffe aufgetaucht wäre, hätte er seine letzten Chancen verspielt, in einer Revision besser wegzukommen!“

„Diese Chancen waren doch ohnehin nur minimal“, meinte Milo. „Longoria hatte gute Arbeit geleistet. Ich habe einen Blick in die Urteilsbegründung geworfen. Die Waffe war wirklich das einzige, was fehlte – aber die Indizienkette war auch so wasserdicht genug, um Kimble lebenslang hinter Gitter zu bringen. Dieser Gang Leader ist gegen Freund und Feind rücksichtslos vorgegangen, wenn es um die Durchsetzung seiner zwielichtigen Geschäftsinteressen ging. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen!“

„Ich wollte aus Kimble auch weiß Gott kein Unschuldslamm machen“, stellte Clive klar. „Im Übrigen verfügt er selbst aus dem Knast heraus immer noch über immense finanzielle Mittel, wenn man bedenkt, welchen Luxus er allein der Mutter seines Kindes bieten kann!“

„Wäre sicher interessant, den Weg dieses Geldes zurückzuverfolgen“, meinte ich. „Wenn tatsächlich ein Killer engagiert wurde, dann kostet das schließlich auch eine Menge Geld...“

„Ich habe schon mit Max gesprochen. Unsere Innendienstler machen sich an die Arbeit.“

„Auf jeden Fall kann jemand, der trotz der Beschlagnahmung seines Vermögens noch eine Frau und ein Kind in Luxus leben lässt, ohne dass da die Steuerfahndung oder sonst wer misstrauisch wird, es wohl auch hinbekommen, einen Killer zu engagieren, der den Staatsanwalt niederstreckt!“, glaubte Milo.

„Das sehe ich genauso“, meinte Clive.

Er beendete einen Moment später die Verbindung.

„Du siehst ziemlich skeptisch aus“, meinte Milo.

„Irgendwie glaube ich noch nicht, dass wir den richtigen Ansatzpunkt in diesem Fall haben, Milo.“

„Du siehst die Sache zu schwarz. Ich denke, wenn wir Jennings haben, wird sich einiges von selbst klären.“

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Wir erreichten die Adresse, unter der Dustin Jennings laut Angaben seines Bewährungshelfers zu erreichen war. Sie lag in einem Apartmenthaus mit der Nummer 15 an der Elizabeth Road  - nicht zu verwechseln mit der Elizabeth Street in Manhattan.

Jennings wohnte damit mitten in jenem Gebiet in der South Bronx, das bis vor einiger Zeit das Kerngebiet von Kimbles Gang gewesen war.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. In der South Bronx bedeutete dies, dass sich die Grenzen zwischen den einzelnen Gang-Territorien immer wieder verschoben. Ganze Straßenzüge wechselten den „Besitzer“, der dann das Recht zu haben glaubte, in dem jeweiligen Gebiet Schutzgelder erpressen und Drogen verkaufen zu können.

Die SOUTH BRONX TIGERS hatten sich ziemlich weit in den Süden zurückziehen müssen. Die Abwesenheit ihres Chefs war dieser Gang offenbar nicht gut bekommen und andere hatten das ausgenutzt.

Wir hatten uns bei den Kollegen der Drogenpolizei DEA schlau gemacht, die diese Szene laufend beobachtete, weil sich daraus immer auch Rückschlüsse auf Verschiebungen bei den großen Syndikaten ziehen ließen. Im Moment gehörte die Elizabeth Road zum Einflussgebiet der BRONX DEVILS, einer Gang die schon früher zu Kimbles stärksten Konkurrenten gehört hatte.

Dass Jennings in deren Gebiet lebte, sprach Bände, wenn man die die Erkenntnisse aus der Befragung von Teresa Johnson berücksichtigte.

Die Elizabeth Road wirkte nicht ganz so schmucklos und heruntergekommen, wie man es von anderen Straßenzügen der South Bronx kannte.

In den letzten Jahren hatte sich hier – zumindest rein äußerlich – eine Menge getan. Aber auch wenn Teile der South Bronx inzwischen saniert waren, so war der Einfluss des organisierten Verbrechens deswegen nicht verschwunden. Er war vielfach nur nicht mehr so offensichtlich.

Ich parkte den Sportwagen direkt vor dem Apartmenthaus, in dem Jennings gemeldet war. Einmal in der Woche musste er sich noch zwei Jahre lang bei seinem Bewährungshelfer melden.

In dem Mietshaus gab es keinerlei Sicherheitselektronik, dafür Graffiti an den Korridorwänden.

Jennings Wohnung lag im dritten Stock und trug die Nummer A 211. Es stand kein Name an der Tür, dafür in großen verschnörkelten Buchstaben FUCK OFF auf der frisch gestrichenen Wand daneben. Für den Sprayer war die weiße Fläche wohl einfach eine zu große Versuchung gewesen.

Ich drückte auf die Klingel.

„Wer ist da?“, rief jemand durch die Tür.

„Mister Dustin Jennings?“

„Kommt drauf an, wer fragt!“

Milo und ich traten zur Seite. Wir hatten die Hände an den Dienstpistolen.

„FBI! Bitte machen Sie die Tür auf!“

Ein ratschender Laut, als ob eine Pump Gun durchgeladen wurde, warnte uns.

Zwei Schüsse krachten kurz hintereinander.

Der Kerl auf der anderen Seite der Tür hatte aus nächster Nähe das dünne Holz durchschossen. Zwei Löcher waren im Holz entstanden. Ich schnellte vor, trat die Tür ein. Sie flog zur Seite.

Ein Mann Anfang dreißig stand dort. Er trug einen dünnen Oberlippenbart und gelocktes, leicht welliges Haar, das er im Nacken zu einem Zopf zusammengefasst hatte.

In dem Moment, als ich ihm gegenübertrat, lud er gerade die Pump Gun zu dritten Mal durch.

„Waffe weg!“, rief ich.

Er feuerte.

Aber mein Schuss traf ihn zuerst, erwischte ihn am Arm, sodass er zur Seite gerissen wurde und sein Schuss daneben ging. Der Oberarm färbte sich blutrot.

Ich trat auf ihn zu und richtete dabei die Dienstpistole vom Typ SIG Sauer P 226 auf seinen Kopf.

Er lehnte gegen die Wand. Seine Hände krallten sich um die Pump Gun. Außerdem trug er noch eine Automatik hinter dem Hosenbund.

Er ließ die Pump Gun sinken und sah offensichtlich ein, dass er keine Chance hatte. Ich nahm ihm nacheinander die Pump Gun und die Automatik ab. Beide Waffen warf ich zur Seite. Milo trat hinzu. Wir durchsuchten den Zopfträger und fanden außerdem noch ein Messer in einem Futteral, das er um den Unterschenkel geschnallt trug. Der Griff ragte dabei nach unten, sodass man es bequem unter dem Hosenbein hervorziehen konnte.

In den Taschen der Jeans steckten ein paar Briefchen mit einem weißen Pulver.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich um Kokain. Die geschätzte Menge betrug etwa das Doppelte von dem was die Gerichte als Rauschgiftbesitz für den Eigenbedarf durchgehen ließen.

Ich klärte ihn über seine Rechte auf, damit alles seine Ordnung hatte.

Er kannte die entsprechenden Sätze bei seiner zu vermutenden Vergangenheit sicher in- und auswendig. Jedenfalls hörte er mir nicht zu, sondern fluchte die ganze Zeit leise vor sich hin. Es war wohl einfach nicht sein Tag gewesen.

In der Gesäßtasche steckte ein Motorradführerschein.

Ausgestellt auf den Namen Lucas J. Fielding.

„Wo finden wir Dustin Jennings?“, fragte ich.

„Keine Ahnung! Ich brauche einen Arzt!“, rief Fielding.

„Den bekommen Sie auch – keine Sorge!“ Ich hielt die Kokain-Päckchen hoch. „Aber von hier aus wird es wohl geradewegs in die Gefängnisklinik von Rikers Island gehen!“

Milo hatte schon sein Handy am Ohr, um im Field Office von Fieldings Verhaftung zu berichten, Verstärkung anzufordern und dafür zu sorgen, dass ein Wagen des Emergency Service  möglichst bald eintraf.

Fielding presste die Hand gegen die Wunde an seinem Arm. Sein Hemdsärmel war bereits blutdurchtränkt. Ich leistete Erste Hilfe. Im Bad fand ich Verbandszeug. Milo achtete derweil darauf, dass Fielding keine Dummheiten machte.

In dem ziemlich unaufgeräumten Wohnzimmer stand der Tisch voller Bierflaschen und Schachteln eines Pizza-Service. Auf der Couch lag eine Lederjacke herum, auf deren Rückseite die Aufschrift BRONX DEVILS WILL GET YOU!!! stand – mit drei Ausrufungszeichen.

In der Küche fand ich eine Apparatur zur Herstellung von Crack. Kokain wurde mit Backpulver vermengt und aufgekocht. Crack machte sofort süchtig. Da es auf Grund des geringen Kokaingehalts viel billiger war als normales Kokain, war es vor allem die Droge der Armen geworden.

Ein wahres Teufelszeug, das aus den Süchtigen Zombies machte, die kaum noch einen Gedanken fassen konnten, der sich nicht darum drehte, wie sie an den nächsten „Stein“ gelangen konnten, wie man die braunen Crack-Würfel auf der Straße nannte.

Als ich zurückkehrte sprach ich Fielding darauf an.

„Hey, das gehört alles nicht mir!“, behauptete er.

„Schon klar“, sagte ich. „Das gehört wahrscheinlich alles Dustin Jennings!“

„Natürlich gehört es ihm! Nehmen Sie doch Fingerabdrücke, machen Sie DNA-Tests oder weiß der Geier was noch! Sie werden sehen, dass ich die Wahrheit sage!“

„Aber an den Kokain-Päckchen in Ihren Hosentaschen werden wir wohl Ihre Abdrücke finden, oder?“, hielt ich im entgegen.

Er schluckte.

„Dazu kommt ein bewaffneter Angriff auf zwei FBI-Agenten“, hielt Milo im entgegen. „Da kommt einiges zusammen. Ich würde sagen, dass Sie diesen Stadtteil so schnell nicht wieder sehen werden. Besser Sie geben Ihr Motorrad schon mal in Zahlung. Sie werden das Geld für einen guten Anwalt brauchen!“

„Das ist alles nicht so, wie Sie denken!“, zeterte er und machte eine heftige Bewegung, bei der er sich beinahe den provisorischen Verband wieder herunterriss, den wir ihm angelegt hatten.

„Vorsichtig!“, warnte ich ihn. „Wenn Sie ihre Hände nicht unter Kontrolle haben, müssen wir Ihnen Handschellen anlegen, auf die wir angesichts Ihrer Verletzung verzichtet haben!“

„Ist ja schon gut!“, knurrte er.

„Ich würde sagen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, zu kooperieren und uns nicht mit lächerlichen Märchen abzuspeisen. Wir kriegen das, was wir hier herausbekommen wollen, auch ohne Sie raus und es könnte sein, das wir in ein paar Stunden Ihre Hilfe schon gar nicht mehr brauchen! Sie können dann auch logischerweise vor Gericht nicht mehr davon profitieren! Ist Ihnen das klar?“

Er schwieg jetzt erst einmal. Der dauernde Strom von Flüchen und Gemeinheiten, die über seine Lippen kam, verebbte.

Ich hielt das für ein gutes Zeichen.

„Erste Frage: Was machen Sie in der Wohnung von Dustin Jennings?“, wollte ich wissen.

„Dusty – Dustin – hat mir erlaubt, hier ein paar Tage zu wohnen. Das ist alles. Ich hatte Stress mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft und meine Kumpels meinten, es wäre besser, ich würde für eine Weile den Wohnort wechseln.“

„Jungs aus der Nachbarschaft?“, hakte ich nach. „Sie meinen Angehörige einer anderen Gang!“

„Ach hören Sie doch auf!“

„Sie tragen eine Jacke der BRONX DEVILS!“

„Aber das sagt nichts darüber, ob ich auch Mitglied dieser Gang bin, oder? Ich trage nur eine Jacke mit der Aufschrift BRONX DEVILS – das ist schließlich nicht verboten...“

„Sparen Sie sich den Mist für Ihre Verteidigung“, schnitt ich ihm das Wort ab. „Mit welcher Gang hatten Sie Ärger?“

Er sah mich einen Augenblick lang an.

Offenbar begriff er nun, dass er mir keinen Bären aufbinden konnte.

„Da waren ein paar SOUTH BRONX TIGERS, die auf Ärger aus waren“, berichtete er schließlich nach längerer Pause. „Ich habe einen von denen verdroschen, als er die Grenze überschritt. Das fanden seine Leute nicht so besonders.“

„Die SOUTH BRONX TIGERS – das ist doch die Gang von Shane Kimble“, stellte ich fest.

„Ja, aber seit Kimble hinter Gittern sitzt, hat sich ihr Gebiet halbiert. In zwei Jahren gibt es die nicht mehr, wenn Sie mich fragen.“

Milo sah mich an. „Offenbar hat Dustin Jennings die Seiten gewechselt und lebt hier unter dem Schutz der BRONX DEVILS!“

Ich wandte mich an Fielding.

„Ist das so?“

„Ja“, presste dieser zwischen den Zähnen hindurch.

„Wo ist er?“

„Wahrscheinlich bei seiner Freundin. Rita Aldosari. Lebt ein paar Blocks weiter über einem Billard-Lokal, das ‚The Poole’ heißt. Man muss durch das Lokal gehen, um zu ihrem Apartment zu gelangen. Ich glaube, es liegt im zweiten Stock, aber hundertprozentig sicher bin ich mir nicht. Eigentlich lebt Dusty dort ständig, deswegen hat er auch nichts dagegen, dass ich hier untertauche.“

„Dann gehört das Crack-Kochgeschirr doch Ihnen!“, stellte ich fest.

„Nein!“, widersprach er. „Das müssen Sie mir glauben.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich muss Ihnen das nicht glauben, Fielding. Und ich denke, Sie brauchen schon ganz großes Glück, wenn Sie eine Jury dazu bewegen wollen!“

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Es dauerte nicht lange, bis der Emergency Service und die Kollegen der City Police eintrafen, die Fielding in Gewahrsam nahmen, um ihn in die Gefängnisklinik von Rikers Island zu bringen. Unsere Kollegen Clive und Orry trafen etwas später ein. Ebenso die Erkennungsdienstler der Scientific Research Division, obwohl deren Labor eigentlich ja in der Bronx angesiedelt war und sie daher keinen besonders langen Weg hatten.

Uniformierte Kollegen der City Police sicherten den Tatort ab und die Erkennungsdienstler des SRD machten in der Wohnung ihren Job.

Sollten sich später die Gerichte darüber streiten, wem das Kokain und die Vorrichtung zur Herstellung von Crack letztlich gehörten!

Beides reichte jedenfalls aus, um sowohl Fielding als auch Dustin Jennings erst einmal festzunehmen.

Beim Einsatzleiter der City Police-Kräfte – einem Lieutenant namens Jay Calder – erkundigte ich mich nach dem Billardlokal mit der Bezeichnung ‚The Poole’.

„Ich würde Ihnen empfehlen, dort nur in Mannschaftsstärke aufzusuchen“, meinte Jay Calder, der die örtlichen Verhältnisse als Beamter im zuständigen Polizeirevier natürlich bestens kannte. „Gerade rund um ‚The Poole’ hat es immer wieder Probleme mit Angehörigen der BRONX DEVILS gegeben, die sich dort häufiger treffen.“

„Die sollen den Drogenhandel hier kontrollieren“, meinte ich.

Lieutenant Calder bestätigte dies.

„Das ist korrekt. Außerdem nehmen sie Schutzgelder. Aber da niemand den Mund aufmacht und bei Anzeigen die Zeugen  regelmäßig ihre Beschuldigungen plötzlich zurückziehen, sind uns und der Justiz die Hände gebunden.“

Ich wandte mich an Clive. „Wie gehen wir vor?“, frage ich.

„Du bist dafür, sofort loszuschlagen, was?“

„Dustin Jennings geht uns durch die Lappen, wenn wir noch länger warten!“

„Jesse hat recht“, pflichtete mir Milo bei. „Eine Aktion wie diese hier spricht sich doch sofort in der Gegend herum!“

„Es wäre mir lieber, wenn wir auf Verstärkung warten und erst losschlagen, wenn wir absolut sicher sind, dass Jennings uns auch in die Falle geht“, war Clives Ansicht. „Jesse, ihr hattet gerade Glück, dass Fielding nicht einem von euch ein Loch in den Bauch geschossen hat!“

Ich schüttelte den Kopf.

„Da war kein Glück, sondern Vorsicht. Ich stelle mich nie vor eine Tür, die nicht dick genug ist, um eine Kugel aufzufangen!“

Clive wandte sich an seinen indianischen Partner.

„Orry?“

„Ich sehe das wie Jesse.“

„Lieutenant Calder?“, drehte sich Clive zu dem Einsatzleiter der City Police um. „Können Sie ein Dutzend Mann entbehren, die sich an dem Einsatz beteiligen?“

„Die sind in ein paar Minuten an Ort und Stelle!“, kündigte Lieutenant Calder an.

„Das wird dann aber kein Einsatz, der still und leise über die Bühne geht“, gab ich zu bedenken.

„Ich weiß“, sagte Clive. „Aber auch, wenn uns der eine oder andere dann keine Aussage mehr macht, wenn wir so massiv auftreten. Die Sicherheit geht vor. Wir werden mit Kevlar-Westen und Headsets in dieses Billard-Lokal hineingehen.“

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Wir fuhren zum Billard Lokal ‚The Poole’. Ich stellte den Sportwagen am Straßenrand ab. Orry und Clive waren mit ihrem Chevy aus dem Fuhrpark unserer Fahrbereitschaft hinter uns.

Zuvor hatten wir bereits Kevlar Westen und Headsets angelegt. Die Waffen waren schussbereit.

Lieutenant Calder meldete sich bei Orry über Funk. Danach waren die zusätzlichen Kräfte der City Police auf dem Weg. Ihre Sirenen hörten wir bereits deutlich.

Wir stiegen aus.

Mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei näherten sich. Uniformierte Beamte sprangen mit der Waffe im Anschlag heraus und gingen in Stellung. Der ganze Block zu dem ‚The Poole’ gehörte, wurde weiträumig abgeriegelt.

Clive betrat als erster das Billardlokal.

Wir hatten 17 Uhr – für ein Etablissement wie ‚The Poole’ natürlich noch viel zu früh. Wie wir wenig später feststellten, wurde es im Moment kaum von Gästen frequentiert.

Wir betraten das Lokal in Begleitung von vier NYPD Officers.

Ich ging auf den Schanktisch zu, hinter dem ein großer, breitschultriger Mann mit Ledermütze, Stachelhalsband und Muskel-T-Shirt die Drinks zusammenstellte.

„Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor und hielt ihm die ID-Card unter die Nase.

„Was wollen Sie? Hier gibt’s keine Drogen und auch sonst nichts, was illegal wäre. Nicht einmal Glücksspiel!“ Der Kerl mit dem Stachelhalsband grinste schief.

„Wir suchen Dustin Jennings!“, erklärte ich. „Er soll öfter hier sein.“

„Schon möglich.“

„Zurzeit wohnt er bei einer jungen Frau, deren Wohnung ein Stockwerk höher ist!“

„Dann frage ich mich, was Sie hier wollen!“

„Weil man dazu durch den Schankraum von ‚The Poole’ muss!“

Eine Treppe führte hinauf.

Milo und Orry gingen bereits hinauf. Sie nahmen immer mehrere Stufen auf einmal. Ich sah dem Kerl mit dem Stachelhalsband die Nervosität an. Seine Muskeln zuckten leicht und wirkten auf verdächtige Weise gespannt. Zweifellos dachte er darüber nach wie er Jennings warnen konnte.

In diesem Augenblick hörten wir draußen ein Motorrad aufheulen.

Das Geräusch kam von der Rückfront des Lokals.

Da machte sich unser Mann gerade aus dem Staub!

Ich zögerte nicht lange, riss die Waffe hervor und stürmte durch eine Tür, von der ich vermutete, dass ich durch sie zu einem Hintereingang gelangen würde. Es war einfach unwahrscheinlich, dass es so etwas ausgerechnet in einem so zwielichtigen Lokal wie ‚The Poole’ nicht gab.

Ich stürmte einen Korridor entlang, vorbei an einer Küche, aus der es nach angebranntem Friteusenfett roch und hatte dann die Tür erreicht, die nach hinten hinausführte.

Sie war abgeschlossen.

Das konnte unmöglich ein Zufall sein!

Ich feuerte mit der SIG auf das Schloss und trat die Tür zur Seite.

Vor mir lag ein trostloser Hinterhof.

Ein paar ausgeschlachtete Wagen standen herum. Daneben ein voll funktionsfähiger Van, über den offenbar Waren für die Küche von ‚The Poole’ angeliefert worden waren.

Ein Motorrad raste auf die Ausfahrt des von drei Seiten durch fünf- bis siebenstöckige Gebäude begrenzten Hinterhofs zu.

Der Fahrer trug einen Helm, sodass von seinem Kopf nichts zu sehen war.

Aber ich wettete, dass es sich um Dustin Jennings handelte. Er hatte uns herankommen sehen und die Situation spätestens in dem Augenblick erfasst, als die Polizeisirenen zu hören gewesen waren. Dann hatte er über die Feuerleiter das Apartment seiner Freundin verlassen, um sich aus dem Staub zu machen.

Mit quietschenden Reifen bremste der Motorradfahrer an der Ausfahrt.

Das Hinterrad brach dabei aus.

„Stehen bleiben! FBI!“, rief ich und feuerte einen Warnschuss ab.

Ich versuchte den Reifen zu treffen, verfehlte ihn aber. Der Flüchtige ließ das Vorderrad des Motorrads hochsteigen. Dann brauste er nach links davon.

Ich spurtete hinterher.

Die mehrstöckigen Häuser, die den Hinterhof von drei Seiten umgaben, waren in einem beklagenswerten Zustand. Ein Teil der Fenster war zersprungen oder mit Brettern vernagelt worden. Höchstens in einem Viertel der Wohnungen lebte überhaupt jemand. Die anderen standen leer.

Wer immer es sich irgendwie zu leisten vermochte zog aus der Gegend weg.

Es gab viele solcher halbbewohnten Ruinen in der Bronx. An einem der Fenster sah ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Mein Instinkt sagte mir, dass da etwas nicht stimmte. Doch es war schon zu spät. Ein Mündungsfeuer blitzte im Schatten einer Fensteröffnung auf.

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