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Adrian

Kurt Jahn-Nottebohm

Adrian

Frank Wallerts fünfter Fall





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1

Es ist noch früh, als ich erwache. Ich friere, denn die klamme Kälte, die sich über Nacht angeschlichen hat, ist mir bis in die Knochen gezogen. Ich richte mich auf und schaue aus dem Eingang meiner Hütte. Über dem Areal liegt eine schwere Nebeldecke, die im leichten Herbstwind hin- und herwabert. Von irgendwoher höre ich ein Rascheln. Vermutlich sucht sich Familie Ratte ihr Frühstück zusammen. Auch ich habe Hunger und Durst. Ich lege mir die alte Decke um die Schultern und greife hinter mich in die Blechkiste, in der ich die Sachen aufbewahre, die noch ess- und trinkbar sind. Als ich die Hand herausziehe, sehe ich, dass ich einen Schokoriegel erwischt habe. Danach steht mir aber jetzt nicht der Sinn. Vielleicht als Nachtisch. Ich drehe mich auf den Bauch und durchsuche die Kiste etwas zielgerichteter, bis ich auf eine Packung Salami stoße. Mit dem Rest Brot von gestern ergibt das ein recht ordentliches Frühstück. Als Getränk wähle ich das gut gekühlte Wasser, das ich im Regen der vergangenen Tage aufgefangen habe. Kauend schiebe ich die Wellblechtür meiner Hütte beiseite und trete ins Freie. Das wird ein unangenehmer Tag. Es sieht nicht so aus, als ob sich der Nebel so schnell verziehen wird. Er hängt über der Müllkippe, als will er mir zeigen, dass dies sein Revier ist und ich ein Eindringling, dem er, wenn er ihn schon nicht vertreiben kann, das Leben wenigstens so schwer wie möglich machen will. Mein Blick schwenkt nach unten, wo sich vor meinen Füßen eine Ratte mit einer leeren Milchtüte beschäftigt. Ich kicke sie mit einem Fuß weg. Sie soll wissen, dass sie hier nicht willkommen ist und dass ich nicht bereit bin, mit ihr zu teilen. Sie lässt ein wütendes Quieken hören, als sie es begreift. Gut so. Sie soll den anderen erzählen, dass sie hier nichts als einen Fußtritt erbeuten können. Mitten im Kauen halte ich inne. Da kommt jemand. Im Nebel sind die Schritte, die sich meiner Hütte nähern, deutlich zu hören. Ich lasse mich fallen und krieche. Ein Griff nach links, wo mein Messer liegt. Ich nehme es fest in die Hand und will mich gerade aufrichten, als ich einen Schlag auf den Hinterkopf bekomme, der mich umgehend wieder auf die Knie zwingt.

»Leg das Messer weg, du Ratte!«

Mein Bruder Nicolae steht vor mir. Er sieht zornig aus. Ein weiterer Schlag, diesmal auf die Wange, trifft mich. Trotzdem stehe ich auf. Ich werde doch nicht auf Knien vor meinem eigenen Bruder rutschen. Gut, er ist schon zwölf und ich erst neun. Er ist größer und stärker als ich. Trotzdem will ich aufrecht vor ihm stehen. Er mustert mich. Fast scheint es, als würde ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Aber Nicolae lächelt nie.

»Warst du die ganze Nacht hier?«, fragt er mich, als würde es ihn wundern, wenn dem so wäre.

»Klar«, erwidere ich.

Ich werfe das Messer zurück ins Innere meiner Hütte. Als ich mich wieder zu Nicolae umdrehe, schlägt er mich erneut. Meine Wange brennt, so dass mir Tränen in die Augen steigen.

»Was willst du?«, fahre ich ihn an. »Bist du gekommen, um mich zu schlagen?«

»Vater will dich sehen«, sagt er und mir werden die Knie weich.

»Was will er von mir?«

»Keine Ahnung, aber er macht einen recht wütenden Eindruck. Er hat nach dir gefragt und mich losgeschickt, dich zu holen. Also: Beweg deinen Arsch und komm mit!«

Das hat mir gerade noch gefehlt. Mein Vater ruft nach mir. Was kann der Grund dafür sein? Ich weiß, dass ich nichts angestellt habe. Im Gegenteil. Gestern erst habe ich meiner Mutter etwas Geld auf den Tisch gelegt, von dem sie normalerweise eine Woche leben kann. Warum ist Vater wütend? Ich habe keine guten Erfahrungen mit seinem Zorn gemacht, und ich fürchte, dass es auch diesmal nicht anders wird. Ich stolpere den Trampelpfad entlang, während mich Nicolae immer wieder mit kleinen Stößen in den Rücken zum Weitergehen antreibt. Ich habe Angst. Vor meinem Vater. Vor meinem Bruder. Vor den Schlägen. Die Müllkippe liegt jetzt hinter uns. Der Trampelpfad geht in eine Straße über, die zu unserem Haus führt. Ich höre die Stimme meines Vaters, der irgendetwas brüllt. Er klingt wirklich sehr zornig und hat sich wohl, solange ich noch nicht da bin, meine Mutter als Opfer ausgesucht. Unser Haus, in dem wir leben, hat keine Eingangstür. So sieht es aus wie ein Monster mit weit aufgerissenem Maul. Nicolae stößt mich die Treppe hinauf und ich spüre, wie mir trotz der Kälte der Schweiß ausbricht. Die Angst wächst, je näher ich dem Brüllen meines Vaters komme. Ein letzter Stoß von meinem Bruder befördert mich in das Zimmer, in dem sich mein Vater und meine Mutter befinden. Er hält meine Mutter mit einer Hand an den Haaren und hat die andere zum Schlag erhoben, als sein Blick auf mich fällt. Eine Weile wirkt er wie erstarrt, als krame er in seiner Erinnerung und wisse nicht, wer ich bloß sein könne. Dann lässt er meine Mutter los, die sich schnell aus dem Staub macht, mir aber noch einen merkwürdigen Blick zuwirft, als sei sie mir dankbar, dass ich die Wut ihres Mannes auf mich ziehe und sie verschont bleibt. Zuerst grunzt mein Vater nur. Er ist betrunken. Seine Schritte sind etwas unsicher und er schwankt auf mich zu. Ich drehe mich kurz um. Der Fluchtweg ist durch Nicolae versperrt, der lässig mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnt.

»Wo warst du?«, brüllt mein Vater und wartet meine Antwort gar nicht ab. Er schlägt zu. Als mein Körper zu Boden gehen will, fasst er mich am Kragen und zieht mich auf die Beine, die gerne unter mir nachgegeben hätten.

»Wo du warst, will ich wissen!«

Seine Worte quellen undeutlich aus seinem Mund. Wahrscheinlich hat er schon eine ganze Flasche getrunken. Wenn ich Glück habe, kann er sich bald nicht mehr auf seinen Beinen halten und lässt mich in Ruhe. Vorerst aber starrt er mich aus seinen kleinen und zornigen Augen an. Er will eine Antwort. Irgendeine. Ich weiß, dass ich ihm keine Zufriedenstellende geben kann. Alles was ich sage, wird ihn noch wütender machen. Also schweige ich. Tatsächlich scheint er jetzt das Interesse an mir zu verlieren. Er macht eine wegwerfende Handbewegung und murmelt etwas vor sich hin. Er greift zum Tisch, auf dem die Flasche steht, führt sie zum Mund und leert sie. Dann blickt er sie voller Abscheu an, als werfe er ihr vor, dass sie schon leer ist.

»Homieineneueflasche«, befiehlt er mir, wankt die paar Schritte bis zu dem alten Sofa und lässt sich darauf fallen. Sekunden später liegt er. Ich lausche gespannt seinem Atem, der schwer geht und bald zu einem noch verhaltenen Schnarchen wird. Erleichtert drehe ich mich um.

»Schwein gehabt«, bemerkt Nicolae, der immer noch am Türrahmen lehnt. Offensichtlich ist er enttäuscht, dass die Vorstellung unseres Vaters so glimpflich für mich ausgefallen ist. Stattdessen holt er aus und knallt mir eine, dass ich glaube, mir fallen mit einem Schlag alle Zähne aus. Ich schreie kurz auf und will die Flucht ergreifen, doch Nicolae bekommt mich zu fassen, greift mich vorne beim T-Shirt, beugt sich zu mir hinunter, bis seine Nasenspitze meine fast berührt, und zischt mir zu: »Du hast ihn gehört. Hol ihm eine neue Flasche.«

Dann lässt er mich los und ich kann mich an ihm vorbeidrücken. Ich verlasse das Haus.

***

Die Stadt, in der ich lebe, heißt Cluj und liegt in Rumänien. Früher hieß sie einmal Klausenburg. Mein Name ist Adrian und ich bin neun Jahre alt. Ich wohne mit meiner Familie nicht wirklich in der Stadt, sondern am Rand in der Nähe einer Müllkippe in Cluj-Someşeni. Ich habe eine Schwester und zwei Brüder. Gabriella ist schon sechzehn, Radu ist vierzehn und Nicolae zwölf. Ich habe auch eine Mutter und einen Vater, aber der ist immer unterwegs. Wie meine Mutter sagt, versucht er Geld zu verdienen. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben soll, denn eigentlich haben wir nie Geld, jedenfalls nicht genug. Meine Geschwister und ich bringen das Geld nach Hause, von dem wir leben können. Manchmal kommt mein Vater für ein paar Tage nach Hause. Dann ist bei uns die Hölle los. Aber meine Mutter wird dann plötzlich lebendig. Dann wuselt sie durch die Wohnung, macht sauber, wäscht und kocht Suppe, was sie alles nicht tut, wenn Vater nicht da ist. Vater ist immer sehr zornig, wenn er bei uns ist. Er trinkt dann viel und lässt seine Wut an uns aus, meistens an mir. Im Sommer hat er mich einmal so sehr verprügelt, dass ich tagelang nur liegen konnte. Ich war wütend und habe mir geschworen, nicht mehr zu Hause zu sein, wenn Vater kommt. Aber manchmal kommt er so überraschend, dass ich keine Chance habe, zu verschwinden. Damals habe ich mir eine Hütte gebaut, mitten auf der Müllkippe. Ich habe Wellblech und Kartons zusammengetragen und mir meine Hütte so eingerichtet, dass ich mich in ihr wohlfühlen kann. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass der Müll durchaus nützlich ist. Was man so alles auf einer Müllkippe findet! Lebensmittel und alles Mögliche. Mittlerweile schaffe ich es, die Sachen, die ich finde, in Cluj zu verkaufen. Die Lebensmittel behalte ich und bewahre sie in meiner Blechkiste auf. Ich bin nicht alleine auf der Müllkippe. Deshalb muss ich sehr aufpassen, dass mir nichts gestohlen oder meine Hütte gar zerstört wird. Seit der letzten Woche habe ich ein Messer. Es lag im Müll, aber es ist ein ordentliches Messer. Etwas stumpf vielleicht. Ein alter Scherenschleifer auf dem Marktplatz von Cluj hat es für mich geschliffen. Seitdem fühle ich mich sicherer auf der Müllkippe, wo es von dunklen Gestalten manchmal nur so wimmelt.

Ich habe die Müllkippe und meine Hütte fast erreicht. Mittlerweile hat sich der Nebel etwas gelichtet, so dass ich das Mädchen schon aus einigen Metern Entfernung sehen kann. Ihr Hintern ragt aus dem Eingang und streckt sich mir entgegen. Sie scheint meine Sachen zu durchwühlen. Ich gebe mir Mühe, kein Geräusch zu verursachen, trete nur mit den Fußspitzen auf, als ich mich an sie heranschleiche. Sie bemerkt mich erst, als ich direkt hinter ihr stehe. Sie fährt herum und sitzt jetzt im Eingang zu meiner Hütte, während sie mich angstvoll anstarrt. Sie ist etwa so alt wie ich. Ihre Haare hängen ihr ins Gesicht, das nun eher einen zornigen Eindruck macht. Als sie versucht aufzuspringen, mache ich einen Schritt auf sie zu. Sie prallt gegen mich und sitzt sofort wieder auf ihrem Hosenboden. Bis jetzt hat keiner von uns beiden ein Wort gesagt. Aber jetzt kommt die Mädchenmasche. Sie fängt an zu heulen, schlägt die Hände vors Gesicht und bettelt: »Lass mich gehen, bitte.«

Eigentlich will ich ihr zeigen, dass ich auf diesen Mädchenkram nicht reinfalle.

»Was wolltest du hier? Klauen?«

Sie spielt die Reumütige und nickt schluchzend. Ich reiche ihr die Hand, damit sie aufstehen kann.

»Ich hatte Hunger«, antwortet sie, während sie meine Hand ergreift und sich auf die Beine ziehen lässt. Sie nutzt diese Hilfestellung, taucht unter meinem Arm hindurch und rennt davon. Ich muss lachen und verfolge sie mit meinen Augen. Sie rennt, als wäre der Teufel hinter ihr her. Als sie merkt, dass ich ihr nicht nachrenne, bleibt sie stehen und schaut sich noch einmal nach mir um. Dann winkt sie kurz und setzt ihren Weg fort.

In meiner Hütte ist jetzt alles ein bisschen strubbelig, aber soweit ich erkennen kann, hat dieses Mädchen nichts mitgehen lassen. Ich stecke mein Messer ein und greife nach dem Beutel, den ich gestern schon gefüllt habe. Er enthält die Dinge, die ich heute in Cluj anbieten und verkaufen will: einen kleinen bronzenen Kerzenständer, einen Bilderrahmen, der für Fotos gedacht ist, einen tönernen Aschenbecher und ein paar andere Kleinigkeiten. Vielleicht kann ich heute ein bisschen Geld verdienen und mir mal wieder ein warmes Essen leisten. Zwar ist mein Vater zu Hause, so dass es heute sicher eine warme Suppe gibt, aber ich habe keine Lust, ihm wieder unter die Augen zu treten. Ich jedenfalls werde ihm keinen Schnaps kaufen.

Der Weg nach Cluj dauert etwa eine halbe Stunde. Auf dem Platz vor der Biserica Sfântul Mihail auf der Piața Unirii begrüßt mich Dorin. Ich grüße zurück und lasse mir von ihm die Decke geben, die er für mich aufbewahrt. Ich breite sie an meinem Platz aus und verteile die Dinge aus dem Beutel darauf. Zurzeit sieht es noch ziemlich schlecht aus. Es ist Mittag und von den Touristenscharen ist noch nicht viel zu sehen. Nun gut, das Wetter ist schlecht und vielleicht sitzen sie gerade in den Restaurants und essen. Während ich im Schneidersitz auf meiner Decke sitze, beobachte ich das Treiben auf dem Platz. Dorin steht in der Nähe der Reiterstatue und beobachtet mich. Es wundert mich nicht, dass er kurze Zeit später auf mich zukommt und mich anspricht.

»Wo bleibt Nicolae?«

»Was weiß ich?«, erwidere ich. »Eben war er noch zu Hause und hat den dicken Max markiert.«

»Wir waren hier verabredet. Meinst du, er kommt nicht?«

Onkel Dorin scheint sich wirklich Sorgen zu machen. Ich sehe es an seinen Augen, die normalerweise nichts ausdrücken. Diesmal spiegelt sich etwas wie Unsicherheit in ihnen.

»Ich weiß es nicht. Kann sein, dass er auf dem Weg ist. Mein Vater ist da. Möglich, dass er ihn nicht so schnell weglässt.«

»Scheiße!«, bricht es aus Onkel Dorin heraus. »In einer Viertelstunde kommt der Deutsche. Ich habe einen Job für Nicolae.«

Ich hebe die Schultern und breite die Arme aus. Dann sehe ich, wie sich Nicolae im Rücken von Dorin uns nähert. Ich zeige auf ihn, aber er ist noch gut fünfzig Meter von uns entfernt.

»Da kommt er, reg dich ab«, sage ich zu Dorin, der sich daraufhin umdreht und Nicolae entgegen geht. Ich beobachte, wie er Nicolae anschnauzt und ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gibt. Mein Bruder duckt sich weg und wirft mir einen vernichtenden Blick zu. Ich grinse zurück. Dann sehe ich, wie Dorin jemandem am anderen Ende des Platzes zuwinkt. Er greift Nicolae am Oberarm und zieht ihn mit sich. Sie laufen auf einen Mann zu, der sich unsicher umschaut, als wolle er eigentlich nicht gesehen werden. Er mustert Nicolae von oben bis unten und nickt dann. Schließlich greift er in die Gesäßtasche seiner Jeans, zieht einen Geldschein aus dem Portemonnaie und steckt ihn Onkel Dorin zu. Er nimmt Nicolae mit sich. Meine Augen verfolgen die beiden, bis sie hinter der Kirche verschwunden sind.

»Was möchtest du für diesen Kerzenleuchter haben?«, mischt sich plötzlich eine weibliche Stimme in meine Gedanken. Ich fahre herum und sehe eine Frau vor mir stehen, die mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf dieses Bronzeteil zeigt. Sie ist mit Sicherheit Deutsche. Hier in Cluj und in der Umgebung sprechen immer noch viele Menschen Deutsch, so dass ich etwas aufgefangen habe. Jedenfalls reicht es, um meine Sachen zu verkaufen.

»Ich hatte viel Arbeit damit. Das ist echte Bronze. Ich habe das Stück einen Tag lang gesäubert und poliert«, antworte ich in meiner Sprache und unterstreiche das Gesagte durch Gesten. Auf Deutsch füge ich hinzu: »Zehn Euro«, und halte der Frau meine zehn ausgestreckten Finger entgegen. Die Deutsche hat einen Mann bei sich, der plötzlich schnauft.

»Zehn Euro?«, lacht er. »In München kriegst du zwei dafür.«

»Dann kauf in München zwei davon!«, sage ich und sehe, wie sein lachendes Gesicht zusammenfällt.

Seine Frau dreht sich zu ihm, schaut ihm tadelnd ins Gesicht und legt ihre Hand auf seinen Unterarm.

»Josef«, raunt sie ihm zu, »schau dir den Jungen an. Der verdient sich hier ein wenig Geld.«

Offensichtlich glaubt sie, mir einen Gefallen tun zu müssen. Sie wendet sich mir wieder zu.

»Fünf Euro.«

Ich strahle sie an. Sie möchte handeln. Natürlich. Irgendjemand hat den Deutschen wohl mal erzählt, dass man mit den Rumänen, insbesondere mit den Roma, handeln muss. Sie strahlt zurück, denn sie ist sicher, dass wir uns verstehen.

»Zehn Euro«, erwidere ich lächelnd.

Ich sehe, wie Josef sein Portemonnaie zieht und einen Schein und eine Münze herausnimmt. Er streckt mir das Geld in der offenen Hand entgegen.

»Komm, Junge, sieben Euro oder nichts. Du hast die Wahl.«

Ich überlege etwas länger als sonst. Dann stehe ich auf und nehme das Geld entgegen. Ich halte die Hand des Deutschen fest und verbeuge mich.

»Danke. Danke. Du gute Menschen. Danke.«

Ich weiß, dass gerade die Deutschen sowas gerne hören. Ich stecke das Geld ein und reiche der Frau den Kerzenhalter. Nie hätte ich gedacht, dass ich dafür mehr als zwei oder drei Euro kriege. Ich lache die beiden an und rufe ihnen noch ein »Danke« hinterher, während sie zufrieden weitergehen. Ich bin sicher, die Frau ist glücklich, einem kleinen Roma-Jungen geholfen zu haben. Sie geht bei ihrem Mann untergehakt ihres Weges und wird mit ihm heute Nacht in einem Hotelbett schlafen, während ich in meiner Hütte auf der Müllkippe liege.

Mittlerweile ist der Platz mit Händlern und Touristen gut gefüllt. Es dauert zwei Stunden, bis ich meine Sachen alle verkauft habe. Ich krame das Geld aus meiner Hosentasche und zähle durch. Ich habe fast zwanzig Euro verdient. Nachdem ich die Decke zusammengelegt habe, suche ich Onkel Dorin und finde ihn nach ein paar Minuten. Er steht wieder mit einem Jungen und einem Mann zusammen. Ich halte etwas Abstand, denn Onkel Dorin will nicht, dass ich ihn anspreche, wenn er gerade mit einem Touristen verhandelt. Kurz darauf wiederholt sich das, was ich vor ein paar Stunden schon einmal gesehen habe. Der Mann reicht Onkel Dorin einen Geldschein und nimmt den Jungen, den ich nicht kenne, mit sich. Als ich bei Onkel Dorin ankomme, sehe ich, dass er gerade einen Zwanzig-Euro-Schein einsteckt. Ich gebe ihm die verabredeten zwei Euro, die er für die Aufbewahrung meiner Decke verlangt, und will gehen, als er mich anspricht.

»Schon fertig?«, fragt er, während er die Münze verstaut.

»Ja.«

»Erfolgreich gewesen?«

»Wie man es nimmt. Achtzehn Euro ungefähr.«

Onkel Dorin nickt anerkennend. Als er spricht, merke ich, dass er spottet.

»Achtzehn Euro. Was hast du davon?«

Er betont das »du« sehr stark. Er weiß, dass ich nichts davon habe. Dass ich mir vielleicht einen Teller Suppe leisten kann und den Rest an meine Eltern abgebe. Ich antworte nicht. Er legt mir eine Hand auf die Schulter und schaut mich ernst an.

»Adrian«, sagt er, »willst du dir nicht mal überlegen, ob du für mich arbeitest? So wie dein Bruder Nicolae? Du kannst am Tag vierzig oder sogar fünfzig Euro verdienen. Die Touristen kommen hierhin, um ihr Geld loszuwerden. Und sie haben viel davon.«

»Ich weiß«, sage ich. »Ich möchte aber mit den Touristen nichts zu tun haben.«

Onkel Dorin gibt mir einen freundschaftlichen Klaps.

»Schon klar. Sag mir, wenn du es dir anders überlegt hast. Und jetzt hau ab.«

***

Nachdem ich noch ein wenig durch die Stadt gestreift bin, kehre ich am späten Nachmittag nach Hause zurück. Als ich in unserer Straße bin, höre ich schon wieder Geschrei aus dem Haus. Diesmal gibt jemand Widerworte. Es ist meine Schwester Gabriella, die mit meinem Vater streitet. So geht das Tag für Tag, wenn mein Vater da ist: Streit folgt auf Streit. Egal wer gerade mit ihm in der Wohnung ist. Er ist zornig und streitet sich. Und trinkt. Und schlägt. Ich schleiche mich an dem Haus vorbei, auch wenn ich Gabriella gerne gesehen hätte. Aber ich müsste blöd sein, wenn ich jetzt die Wohnung beträte. Mein Vater würde mich wahrscheinlich totschlagen. Gabriella droht keine Gefahr. Ihr hat er noch nie ein Haar gekrümmt.

Als ich mich über den Trampelpfad meiner Hütte nähere, stockt mir der Atem. Neben dem Eingang sitzt das Mädchen von heute Vormittag. Sie hat die Arme über ihre Knie gelegt und blickt mir entgegen, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, als wolle sie weglaufen. Sie scheint auf mich zu warten. Das ist so ziemlich das Frechste, was mir je passiert ist. Vor ein paar Stunden wollte sie mich noch beklauen, ist vor mir weggerannt vor lauter Angst. Und jetzt sitzt sie vor meiner Hütte, wartet auf mich und tut so, als sei das völlig normal. Ich merke, wie der Zorn in mir erwacht, und ziehe mein Messer. Als ich meinen Schritt beschleunige und sie mich bemerkt, bleibt sie trotzdem sitzen. Das ist dreist!

»Was willst du? Ärger?«, brülle ich, als ich ein paar Meter von ihr entfernt bin. Ich lasse sie mein Messer sehen und stürme auf sie zu. Jetzt steht sie auf und hebt abwehrend ihre schmutzigen Hände.

»Nein! Tu das Messer weg!«, ruft sie und schaut mich dabei aus großen schwarzen Augen an. »Ich war nicht in deiner Hütte. Ich will dich nur besuchen.«

Ich bin bei ihr angelangt und halte das Messer ausgestreckt vor mich hin. Zwischen uns ist vielleicht noch ein Meter Platz. Ich bohre meinen Blick in ihr Gesicht, das keine Spur von Angst zeigt. Ich muss gestehen, ich bin ein bisschen sprachlos.

»Wie, du willst mich besuchen?«

»Ja. Jetzt steck das Messer weg. Du willst mich doch nicht abstechen, oder?«

»Das weiß ich noch nicht«, sage ich blödsinnigerweise. »Ich schaue in meiner Hütte nach, und wenn doch was weg ist, tu ich’s vielleicht.«

Ich kann diese Göre nicht leiden. Wie sie dasteht und mich anglotzt! Kein bisschen Respekt! Ich glaube, sie grinst sogar. Dennoch lasse ich mein Messer in meiner Hosentasche verschwinden und wende mich meiner Hütte zu. Das Mädchen rührt sich nicht, als ich kontrolliere, ob noch alles an seinem Platz ist. Offensichtlich hat sie die Wahrheit gesagt. Es fehlt nichts. Ich greife in meine Kiste und hole zwei Schokoriegel heraus. Dann stehe ich wieder vor ihr, und ehe ich mich versehe, halte ich ihr einen hin. Sie lacht mich jetzt offen an. Es ist ein herzliches und erfreutes Lachen, als sie die Schokolade nimmt.

»Danke«, sagt sie und fügt hinzu: »Ich heiße Tereza.«

»Du hast Glück gehabt«, sage ich zu ihr. »Wenn was gefehlt hätte, wärst du jetzt tot.«

»Sicher«, antwortet sie kauend. »Ich habe mich auch sehr gefürchtet.«

Ich schaue sie an und sie lacht. Ich muss auch lachen, weil sie so frech lügt. Sie hält noch das Papier in der Hand, in das die Schokolade eingewickelt war. Sie lässt es fallen.

»Du sollst das Papier nicht einfach hierhin werfen!«, tadele ich sie. Sie ist erstaunt.

»Was redest du?«, antwortet sie. »Schau dich um. Sieh, wo wir sind. Auf einer Müllkippe!«

»Das ist egal. Es ist mein Zuhause.«

Ich hebe ihr Papier auf und stopfe es zusammen mit meinem in einen Plastikbeutel, der rechts vom Eingang an der Hütte hängt.

»Ich habe auch eine schöne Hütte.«

»Ach, wirklich? Und wo soll die sein?«

»Da drüben«, sagt sie und weist mit einem kleinen schmutzigen Zeigefinger nach Nordosten. Natürlich sehe ich da nichts.

»Auch auf der Kippe?«, frage ich. Sie nickt.

»Willst du sie sehen?«

»Warum nicht?«, antworte ich lässig, bin aber ziemlich neugierig, wie sie an eine Hütte gekommen sein mag. Ich kann mich erinnern, wie ich meine gebaut habe. Das war Schwerstarbeit. Bis ich erst mal alles zusammenhatte! Und das Bauen war auch kein Zuckerschlecken. Sie nimmt mich an der Hand. Unglaublich, dieses Mädchen! Ich lasse mich von ihr fortziehen und führen. Nach etwa fünfzig Metern sehe ich immer noch nichts, aber Tereza streckt wieder ihren Zeigefinger aus.

»Da«, sagt sie.

Mein Blick folgt der angezeigten Richtung und dann sehe ich es. Da scheint eine Metallplatte mitten im Müll zu liegen, eine Metallplatte mit einem Griff dran. Sie geht darauf zu und klappt sie nach oben. Darunter ist ein Hohlraum.

»Bitte sehr!«, lädt sie mich ein. Ich zögere, rutsche dann aber nach unten und staune, wie groß dieser Hohlraum ist. Sie folgt mir.

»Das ist keine Hütte«, sage ich. »Das ist eine Höhle.«

Sie geht nicht darauf ein und ich schaue mich um. Über unseren Köpfen befindet sich ein Maschendrahtgeflecht, auf das Plastikplanen und -tüten gelegt worden sind. Darüber liegt der Müll. Unten hat Tereza die Höhle mit Kartonpappe und Decken ausgelegt. Es ist sogar warm hier. Ich muss zugeben, dass ich beeindruckt bin.

»Das ist gut«, sage ich deshalb. »Was ist mit Licht?«

Ohne zu antworten, knipst Tereza eine Lampe an, die den ganzen Hohlraum ausleuchtet.

»Eine Dynamolampe«, erklärt sie. »Wenn sie schwächer wird, muss ich hier kurbeln, bis sie wieder aufgeladen ist.«

Sie zeigt mir die Lampe und wie sie funktioniert. Im Licht sehe ich eine wirklich gemütliche Höhle. Hinten ist ihr Schlafplatz mit mindestens vier Decken und sogar einem Kissen. Es sieht zwar ziemlich ramponiert aus, aber es ist ein Kissen. Ich habe keins. Ich schaue sie an.

»Das hast du alleine gemacht?«, frage ich sie.

»Nein«, gibt sie zurück. »Ich habe sie gefunden. Ich habe die Platte oben aufgeklappt, und da war sie plötzlich. Sie war leer. Aber was hier drin ist, ist von mir.«

»Sie war leer?«

»Ja. Vielleicht hat mal jemand hier gewohnt. Sie war aber leer, als ich sie gefunden habe. Ich habe ein paar Wochen gewartet, und dann bin ich hier eingezogen, als ich gemerkt habe, dass sie niemandem gehört.«

»Schön«, sage ich. »Dann sind wir ja jetzt Nachbarn. Ich heiße Adrian.«

Ich strecke ihr die Hand entgegen, aber das Mädchen, das Tereza heißt, wirft sich mir an den Hals und umarmt mich.

»Ich freue mich, Adrian. Komm mich ruhig besuchen, wenn du willst. Darf ich auch zu dir kommen, ohne dass du mich mit dem Messer bedrohst?«

Ich schüttele sie ab. Was bildet sich dieses Mädchen ein? Mir einfach um den Hals zu fallen! Trotzdem höre ich mich sagen:

»Klar. Wir sind doch jetzt Nachbarn.«

»Und Freunde, oder?«

Ich nicke.

»Und Freunde.«

Ich stehe auf und klettere aus dem Eingang. Als ich noch einmal zurückblicke, strahlt mir Tereza entgegen. Ich hebe die Hand zum Abschiedsgruß und mache mich auf meinen Heimweg.

***

Als ich bei meiner Hütte ankomme, bin ich außer Atem, denn ich bin gerannt. Ich musste rennen, denn ich war voller Freude. Ich habe eine Nachbarin! Sie ist ziemlich frech, aber ich glaube, wir können ganz gut miteinander auskommen. Es ist gut zu wissen, dass Tereza keine Gefahr für mich ist. Ich werfe mich in meine Hütte und suche in der Blechkiste nach Essbarem. Ich finde eine Tüte mit einem Pulver, das ich nur in kochendes Wasser rühren muss. Dann habe ich eine Suppe. Ich gieße Wasser aus der großen Plastikflasche in meinen Aluminiumtopf und stelle ihn auf die Gasflamme meines Campingkochers. Es dauert etwas, bis das Wasser kocht. Als es so weit ist, rühre ich das Pulver hinein. Das Wasser schäumt kurz auf. Dann rieche ich die Suppe. Es ist eine Rinderbrühe mit kleinen Sternennudeln und ein paar grünen Stücken, die wohl das Gemüse sind. Ich lasse die Suppe noch ein paar Minuten ziehen und hole mir in der Zwischenzeit ein Stück Brot aus meiner Kiste. Als ich vor meiner Hütte sitzend die Suppe aus dem Topf löffele, bin ich zufrieden mit dem Tag, so blöd er auch begonnen hat. Nach dem Essen räume ich alles weg und stecke mir eine Zigarette an. Dann setze ich mich wieder vor den Eingang. Paffend beobachte ich die Umgebung. Es ist still um mich herum und die Dunkelheit senkt sich über die Müllkippe. Aber noch kann ich erkennen, dass jemand auf meine Hütte zuläuft. Es ist Gabriella, meine große Schwester. Sie blickt mir entgegen und lächelt. Sie ist der einzige Mensch in meiner Familie, den ich manchmal lächeln sehe.

Gabriella ist schön und ich bin stolz auf meine Schwester. Sie hat lange schwarze Haare, die sie sich oft im Nacken zusammenbindet. Heute trägt sie sie offen. Der leichte Wind hat sie zerzaust und so sieht sie etwas wild aus. Sie lächelt immer noch, als sie bei mir angekommen ist und sich zu mir setzt.

»Hast du auch eine für mich?«, fragt sie und schielt auf meine Zigarette.

»Nimm dir eine. Sie liegen in der Hütte.«

Als sie sich wieder neben mich setzt, rückt sie ganz dicht an mich heran und legt mir ihren Arm um die Schulter. Schweigend rauchen wir eine Zeitlang und lassen unsere Blicke über die Müllkippe streifen.

»Ich habe eine Nachbarin«, sage ich plötzlich.

Gabriella schaut mich von der Seite an.

»Eine Nachbarin? Hier?«

Sie wundert sich und staunt. Dann knufft sie mich mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Hör auf! Jetzt weiß ich! Du hast eine Freundin!«

Ich spüre, wie ich rot werde, und wende mein Gesicht ab.

»Ach was«, winde ich mich. »Es ist eine Nachbarin. Sie hat heute Vormittag versucht, mich zu bestehlen. Dort drüben hat sie eine Höhle.« Ich zeige in die Richtung, in der Tereza wohnt.

»Also keine Freundin? Ist sie denn wenigstens nett? Oder hat sie einen Buckel, eine Hakennase und Warzen im Gesicht?«

Jetzt muss ich auch lachen. Wir beide kichern eine Weile.

»Sie ist so alt wie ich, aber frech wie eine Hexe. Sie hat keinen Respekt!«, sage ich schließlich.

Gabriella packt mich im Nacken, wie eine Hundemutter ihren Welpen.

»Rede nicht so! Du bist neun Jahre alt! Was erwartest du für Respekt?«

»Dürfen Neunjährige keinen Respekt erwarten?«, wehre ich mich und schüttle Gabriellas Hand ab, die immer noch in meinem Nacken liegt. »Sie war in meiner Hütte, als ich weg war. Ich wollte sie mit meinem Messer vertreiben, aber sie hat gar keine Angst gehabt.«

»Du meinst: Wenn sie Angst gehabt hätte, wäre es das Gleiche wie Respekt gewesen?«

Ich zögere, denn ich verstehe, was sie meint. Angst ist Angst, und Respekt hat nichts mit Angst zu tun. Ich habe Angst vor meinem Vater, aber keinen Respekt. Ich schaue mir den Boden zu meinen Füßen an und sage nichts mehr. Gabriella greift mich wieder um die Schulter und zieht mich an sich. Ich mag das. Meine Schwester ist die Einzige, die das darf. Manchmal, wenn sie merkt, dass es mir nicht gut geht, nimmt sie mich auch in den Arm.

»Adrian«, beginnt sie plötzlich mit ernster Stimme zu sprechen, »ich muss dir etwas sagen.«

Ich hebe meinen Kopf und schaue sie an. Ihr Gesichtsausdruck hat sich verändert. Sie wirkt fast traurig.

»Was ist los?«, frage ich.

»Ich gehe weg.«

Jetzt schaut sie mir ins Gesicht und küsst mich auf die Stirn.

»Was heißt das?«

»Ich verlasse Cluj und damit auch euch.«

Ich verstehe immer noch nicht. Was soll das heißen? Wo will sie denn hin? Hier ist ihre Familie. Hier bin ich.

»Wo willst du hin?«, frage ich und merke, dass ich den Atem anhalte.

»Ich gehe mit Onkel Toma und Traian weg. Ich kann hier nicht bleiben.«

Langsam begreife ich. Ich springe auf und stelle mich breitbeinig vor sie hin.

»Das wirst du nicht tun!«, fahre ich sie an. »Wo wollt ihr hin? Hier ist dein Zuhause!«

Gabriella will meine Hand nehmen. Ich entreiße sie ihr und merke, wie verzweifelt ich bin. Das macht mich wütend. Ich stampfe mit dem Fuß auf.

»Du willst mich alleine lassen? Wo willst du hin?«

»Wir wollen nach Österreich. Onkel Toma und Traian glauben, dass wir dort gute Arbeit finden können.«

»Wieso arbeitest du nicht hier? Wieso musst du dazu weggehen?«

Mittlerweile schreie ich Gabriella an. Am liebsten würde ich sie schlagen und treten, doch sie schaut mich aus ihren schwarzen Augen traurig an.

»Komm, mein lieber Adrian. Setz dich zu mir. Ich will es dir erklären, aber das kann ich nicht, wenn du dich so aufführst.«

Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Ich lasse mich von meiner Schwester auf ihren Schoß ziehen, wo ich meinen Kopf auf ihre Brust sinken lasse und die Augen fest schließe, um die Tränen nicht siegen zu lassen.

»Ich hatte vorhin einen schlimmen Streit mit Vater«, beginnt sie ruhig zu erzählen. Sie küsst mich auf die Haare, bevor sie weiterspricht. »Er will, dass ich arbeite. Ich habe ihm erzählt, dass ich hier einfach nichts finde. Aber er will das nicht verstehen. Er hat mir vorgeschlagen, ein Bekannter könne sich um mich kümmern. Der hätte einige junge Mädchen, mit denen er gutes Geld verdient. Verstehst du, was er damit meint?«

Ich nicke stumm.

»Siehst du, Adrian, das will ich nicht machen. Ich will richtig arbeiten und richtiges Geld verdienen, das mir gehört und von dem ich ein eigenes Leben führen kann. Onkel Toma geht auf jeden Fall. Unser Cousin Traian auch. Wenn ich mit ihnen gehe, bin ich nicht alleine. Ich glaube, das ist meine einzige Chance. Und die muss ich nutzen, sonst gehe ich hier kaputt.«

Ich habe verstanden. Zwischen uns breitet sich langes Schweigen aus. Gabriella streichelt mir über die Haare und ich spüre an den Bewegungen ihres Brustkorbes, dass sie leise weint.

»Wann geht ihr?«, unterbreche ich das Schweigen und stehe von Gabriellas Schoß auf. Ich hole die Zigaretten aus der Hütte und setze mich wieder neben sie.

»Heute Nacht. Ich treffe mich mit Toma und Traian am Bahnhof in Cluj. Wir müssen uns jetzt verabschieden.«

Ich sitze da und bewege mich nicht, als sie mich in den Arm nimmt und drückt.

»Ich liebe dich, Adrian. Glaub mir, ich liebe dich. Ich schwöre dir, dass wir uns bald wiedersehen. Pass auf dich auf.«

»Sicher«, sage ich, und als sie aufsteht, füge ich hinzu: »Alles Gute.«

Dann sehe ich, wie Gabriella mit hängendem Kopf davongeht. Ich blicke ihr nach, und als sie außer Sichtweite ist, springe ich auf und zertrete wütend meine Zigarette. Es ist dunkel geworden. Ich krieche in meine Hütte und unter meine Decke. Nach ein paar Minuten fließen Tränen über mein Gesicht. Sie hätte mich doch mitnehmen können. Aber das hat sie nicht. Nicht einmal gefragt hat sie. Ich merke, wie müde ich bin, und werde schläfrig. Kurz bevor ich einschlafe, höre ich vor der Hütte Geräusche, als wenn sich jemand auf leisen Sohlen anschleicht. Der Eingang steht noch offen, und als ich mich umdrehe und hinausschaue, sehe ich eine kleine gebückte Gestalt, die sich schwarz vor dem Nachthimmel abzeichnet.

»Bist du da?«, fragt Tereza. »Kann ich zu dir kommen?«

»Warum?«, murmele ich. »Was ist los?«

»Ich habe Angst so alleine.«

Ich muss lächeln, obwohl ich mich hundeelend fühle.

»Komm her«, sage ich und hebe die Decke an. Ohne lange zu fackeln, kommt sie zu mir und kuschelt sich neben mich. Ihre Haare riechen etwas merkwürdig, aber das macht nichts. Ich bin nicht alleine, und sie braucht keine Angst mehr zu haben.

***

Am nächsten Morgen wache ich davon auf, dass Tereza mich an der Schulter rüttelt. Sie kniet neben mir und strahlt mich an, als ich die Augen aufschlage.

»Was ist los?«, bringe ich hervor.

»Ich muss gehen«, erwidert sie. »Danke, dass ich hier sein durfte.«

»Ist schon in Ordnung. Aber warum weckst du mich?«

»Nun, es ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint, aber es ist kalt.«

Ein schöner Tag, denke ich. Der erste Tag ohne Gabriella. Ich schlage die Decke zurück und merke, dass es wirklich kalt ist.

»Also danke nochmal. Wenn du willst, kannst du ja heute Abend zu mir kommen.«

»Mal sehen«, brumme ich und stehe auf, während Tereza geht. Ich trete vor meine Hütte und schaue ihr nach. Tatsächlich scheint die Morgensonne von einem klaren Himmel und es knirscht unter meinen Füßen. Das kommt davon, dass sich auf der Müllkippe Raureif gebildet hat. Der erste Nachtfrost dieses Herbstes. Es ist Mitte Oktober und der Winter kündigt sich an. Das ist nicht ungewöhnlich. Aber ich muss mir Gedanken machen, wie ich mich auf den Winter vorbereite. Ich habe Hunger und sehne mich nach Wärme. Ich werde wohl zu unserer Wohnung gehen. Vielleicht habe ich Glück und Vater ist schon wieder weg. Ob er weiß, dass Gabriella weggegangen ist? Ob es überhaupt jemand außer mir weiß? Ich verschließe meine Hütte und mache mich auf den Weg den Trampelpfad entlang. Auf ihm sind die Fußabdrücke meiner Schwester. Ich sehe sie zwar nicht, aber ich weiß, dass sie da sind. Ich laufe langsam, versuche Gabriellas Spuren zu erfühlen und bilde mir ein, es auch zu können. Ich werde wieder traurig. Genauso traurig, wie Gabriella war, als sie diesen Weg von mir weg gegangen ist. Als ich auf der Straße bin und mich dem Haus nähere, in dem meine Familie wohnt, höre ich nichts. Es ist still. Entweder ist niemand da, oder nur meine Mutter, oder es herrscht tatsächlich mal für ein paar Minuten Frieden. Ich zögere, als ich durch den türlosen Eingang gehe, und lausche angestrengt. Nichts. Ich gehe die Treppe hinauf und schleiche in die Wohnung, als wäre ich ein Dieb. Gerade denke ich, dass wirklich niemand da ist, als die Schlafzimmertür geöffnet wird und Vater herauskommt. Er trägt nur seine alte Hose, die er sich eben erst angezogen hat, denn er fummelt noch an dem Gürtel herum. Sein Blick fällt auf mich, aber er zeigt kein Interesse. In diesem Augenblick kommt Mutter aus dem Schlafzimmer. Sie sieht müde aus und geht an mir vorbei in die Küche, ohne dass sie mich wahrzunehmen scheint.

»Warum ist es hier so kalt?«, fragt er mehr sich selbst als mich. Dann schaut er mich an. »Hol etwas Holz von unten. Ich muss den Ofen anmachen.«

Ich greife den Korb, der vor dem Eingang steht, und stürme die Treppe hinunter. Vom Brennholzstapel fülle ich den Korb und kehre in die Wohnung zurück, wo Vater bereits die Ofenklappe geöffnet hat und mit Hilfe von Holzspänen und einem halbverbrannten Stück Holz eine Flamme zum Lodern gebracht hat. Ich reiche ihm den Korb und er schichtet behutsam die Scheite, so dass es Minuten später knistert und knackt. Ich gehe zu meiner Mutter in die Küche. Mit Freude sehe ich, dass sie Tee gekocht hat. Ich nehme mir einen Becher und fülle ihn. Der erste Schluck weckt meine Lebensgeister. Ich wärme meine Hände, indem ich mit ihnen den Becher umschließe. Als Vater in die Küche kommt, greift er in den Schrank und holt die Schnapsflasche heraus. Dann lässt er sich auf einen Stuhl fallen, öffnet die Flasche und trinkt einen gewaltigen Schluck. Er grunzt genüsslich, stellt die Flasche auf den Tisch und schaut erst mich, dann meine Mutter an, die eben Brotscheiben von einem Laib abschneidet.

»Was ist das eigentlich für eine Familie?«, fängt mein Vater an. »Ich dachte, ich hätte drei Kinder. Wo sind die anderen?«

Nein, du hast vier Kinder, denke ich, aber weiß natürlich, dass er Radu, meinen großen Bruder, nicht mehr mitzählt. Ihn hat er, ich glaube, es ist vier oder fünf Jahre her, im wörtlichen Sinne aus dem Haus geprügelt und ihm angedroht, ihn umzubringen, wenn er es wagen sollte, ihm noch einmal unter die Augen zu treten. Ich war damals noch sehr klein, kann mich aber trotzdem daran erinnern. Radu hatte nichts weiter getan, als meinem Vater Widerworte zu geben. Tatsächlich hat mein Vater seitdem nicht mehr von Radu gesprochen. Er hat ihn von der Liste seiner Kinder gestrichen. Es empfiehlt sich nicht, ihn jetzt an Radu zu erinnern. Die Frage meines Vaters bleibt also unbeantwortet.

»Was ist? Sind die verbleibenden Mitglieder meiner Familie auch noch taub geworden?«

Die Stimme meines Vaters verrät, dass es bald wieder so weit ist. Er presst die Worte so zwischen seinen Zähnen hervor, dass ein Gemisch aus Brüllen und Zischen entsteht. Meine Mutter fährt herum und starrt ihn an.

»Ich weiß es nicht, Gabriel. Sie werden unterwegs sein und vielleicht arbeiten.«

»Arbeiten? Sie sind doch nie hier! Wenn sie arbeiten würden, müsste sich doch hier vor mir das Geld stapeln. Aber ich sehe nichts!«

Doch. Er sieht etwas. Die Flasche nämlich, die er dankbar ergreift und zum Mund führt. Mutter hat inzwischen das Brot und etwas Ziegenkäse auf den Tisch gestellt, was Vater aber ignoriert. Er bekommt sogar einen Becher mit Tee, den er keines Blickes würdigt. Das Geld. Ich erinnere mich in diesem Moment an die achtzehn Euro, die ich gestern verdient und noch immer in der Hosentasche habe. Ich krame die Scheine und Münzen heraus und lege sie auf den Küchentisch. Der Blick meines Vaters nagelt das Geld darauf fest.

»Was ist das?«

Ich trinke aus meinem Becher, bevor ich antworte.

»Das habe ich gestern auf dem Markt verdient. Ich habe ein paar Sachen verkaufen können.«

Mein Vater nickt anerkennend und zählt das Geld nach, bevor er es einsteckt.

»Eigentlich wollte ich es Mutter geben, damit sie einkaufen kann.«

In dem Augenblick, als ich es gesagt habe, fährt mir der Schreck in die Glieder. Wie konnte ich nur so dumm sein und so zu Vater sprechen? Doch er schaut mich nur an. Dann winkt er ab.

»Dann verkaufst du eben noch ein paar Sachen auf dem Markt.«

Wartet er auf eine Erwiderung? Ich denke nicht daran.

»Also: Wo sind Nicolae und Gabriella? Ich muss gleich los und will die beiden noch einmal sehen. Es sind schließlich meine Kinder.«

Meine Mutter zuckt mit den Schultern und ich tue das Gleiche. Capul ce se pleacǎ sabia nu-l taie, denke ich, was soviel heißt wie: Wer den Mund hält, kommt durch.

»Was ist, mein Sohn? Ist es euer Vater nicht wert, dass er seine Kinder um sich hat, wenn er zu Hause ist?«

Diese Frage, die er auch noch ausgerechnet an mich gerichtet hat, kommt überraschend und ist gefährlich. Sein bereits glasiger Blick, schwimmend im Schnaps seiner Frühstücksflasche, ruht auf mir. Er erwartet eine Antwort. Ich versuche, ihm eine Unverfängliche zu geben.

»Natürlich bist du es wert. Aber ich weiß, dass Nicolae arbeitet. Er kann nicht hier sein.«

Meine Mutter tritt zwischen uns. Sie merkt instinktiv, dass sich da etwas anbahnt.

»Wenn du gestern Gabriella nicht so behandelt hättest, wäre sie vielleicht auch noch da«, wirft sie ein und kommt damit meiner Antwort zuvor.

Mein Vater reagiert erstaunlicherweise anders als sonst. Sein Blick heftet sich auf seine Frau, als er spricht.

»Ich will nicht, dass sie den Tag wie eine Schlampe vertrödelt. Sie soll sich nützlich machen und Geld verdienen. Sie ist alt genug.«

Er verschließt die halbvolle Schnapsflasche, steht auf und stellt sie in den Küchenschrank. Als er sich wieder setzt, nimmt er Brot und Käse und isst. Meine Mutter und ich atmen unmerklich auf. Mutter setzt sich zu meinem Vater an den Tisch, trinkt Tee und isst ebenfalls ein Brot. Auch ich nehme mir eine Scheibe. Mein Vater steht auf und verschwindet im Schlafzimmer, wo wir ihn rumoren hören. Schließlich tritt er voll bekleidet, seinen alten Armee-Rucksack auf dem Rücken, wieder zu uns.

»Ich gehe jetzt. Ich soll einem Kollegen helfen, noch vor dem Winter ein Haus in Iaşi fertigzumachen.«

Er legt eine Hand auf den Kopf meiner Mutter, anschließend tut er das Gleiche bei mir. Dann geht er und es legt sich wieder diese Stille über uns, die typisch ist, wenn Vater nicht da ist. Ich setze mich zu Mutter an den Tisch und gönne mir noch mehr Brot und Käse. Ich trinke sogar noch einen Tee. Als ich fertig bin und Mutter im Schlafzimmer verschwunden ist, gehe auch ich. Mal sehen, was ich heute in Cluj verdienen kann.

2

Gabriella, ihr Onkel und ihr fast ein Jahr älterer Cousin Traian kamen drei Tage später in Fürstenfeld in Österreich an. Die erste Etappe hatten sie mit dem Zug zurückgelegt, wofür Onkel Toma einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Ersparnisse hingeblättert hatte.

 

Seine Frau war vor drei Jahren verstorben und mehrere Versuche, sich in Rumänien mit seinem Sohn zusammen eine verlässliche Existenz aufzubauen, war an der Tatsache gescheitert, dass sie einer Roma-Familie angehörten. Man ließ sie zwar in Ruhe, aber manchmal ist das schlimmer, als den Menschen direkt zu zeigen und zu sagen, was man von ihnen hält. Von Beginn an hatte Toma Lugosi, der etwas jüngere Bruder von Gabriel, höhere Ziele verfolgt als der Rest seiner Sippe. Er wollte seiner Familie etwas bieten, es beruflich zu etwas bringen und auch seinem Sohn eine ordentliche Schulausbildung ermöglichen. Aber auch Traian musste lernen, dass Roma nicht wie andere Rumänen behandelt wurden. In der Schule durfte er nicht mit den anderen Kindern lernen, sondern wurde in einer Roma-Klasse beschult, die selten vollständig anwesend war. Auch Gabriella besuchte diese Klasse. Sie lernten wenig, die Lehrer behandelten sie wie Dreck, und nicht selten warteten sie in ihrem schäbigen Klassenraum vergeblich auf jemanden, der zumindest den Anschein erweckte, als wollte er den Kindern etwas beibringen. Das hatte natürlich direkte Auswirkungen auf die Mädchen und Jungen. Einige kamen von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht mehr zur Schule. Erst liefen sie einfach raus, wenn kein Lehrer kam. Dann blieben sie mal der einen oder anderen Stunde fern, als sie merkten, dass sie ohnehin nur beschimpft wurden. Schließlich kamen sie gar nicht mehr, und es interessierte niemanden. In den Wochen vor den Abschlussprüfungen der achten Klasse geschah es nicht selten, dass Gabriella und Traian die einzigen beiden Roma-Schüler der Klasse waren, die die Schule besuchten. Sie wollten nicht klein beigeben und fielen den Lehrern mit ihrer fordernden Anwesenheit auf die Nerven. Tatsächlich waren sie dafür belohnt worden. Gabriella bekam ihren Abschluss nach Klasse 8 und Traian schloss sogar so gut ab, dass er die Berechtigung zum Besuch einer berufsbildenden Schule erhielt.

 

Zu dieser Zeit war Toma gerade mal wieder entlassen worden. Er hatte über drei Monate in einer Schreinerei in Cluj gearbeitet und erst eine Zahlung von zweihundert Euro bekommen. Man hatte ihm versprochen, dass er sein Geld spätestens am Ende des zweiten Monats erhalten sollte. Als der dritte Monat dann vorbei war und er seine Bezahlung forderte, warf man ihm vor, schlampig gearbeitet zu haben, unpünktlich zur Arbeit erschienen zu sein, und sogar Holz und Werkzeug aus dem Betrieb gestohlen zu haben. Ein Roma eben. Man warf ihn raus, ohne dass er auch nur einen Cent von seinem Lohn bekommen hatte. Als er versuchte, dagegen aufzubegehren, drohte man ihm mit der Polizei. Toma wusste, wie es korrupte rumänische Polizisten mit Roma hielten, und gab auf.

 

Zu dieser Zeit sprachen Traian und sein Vater oft miteinander. Traian war zornig, dass sich sein Vater so etwas einfach gefallen ließ. Die Aufforderungen Tomas, sich endlich an der berufsbildenden Schule anzumelden, um seinen Traum von einem Elektrikerleben zu verwirklichen, konterte Traian mit dem Argument, als Roma würde er niemals eine Chance in Rumänien bekommen. Er habe das schließlich selbst erfahren. Das Gespräch gipfelte in dem Vorschlag, jetzt, da Mutter nicht mehr lebte, Rumänien zu verlassen und in einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen. Traian hatte ihn wörtlich gefragt, wie lange er sich noch wie eine Ratte immer wieder verscheuchen und mit Tritten traktieren lassen wollte. Beide hatten ausgiebig darüber nachgedacht und alles durchgerechnet. Wenn Toma das Häuschen verkaufte, hätte er mit seinen kümmerlichen Ersparnissen zusammen etwa zehntausend Euro, mit denen ein Neuanfang in einem westlichen europäischen Land möglich wäre. Sie hatten ihre Papiere zusammengesucht und festgestellt, dass sie vollständig waren. Eigentlich stand ihnen nichts im Wege. Als Gabriella eines Tages bei ihnen war, und verbittert darüber klagte, dass ihr niemand die Chance geben wollte, mit ordentlicher Arbeit ordentliches Geld zu verdienen, weihten sie sie in ihre Pläne ein. Sie war sofort begeistert und flehte sie förmlich an, sie mitzunehmen. Sie sprach davon, dass sie etwa dreihundert Euro zur Seite gelegt hatte, die sie gerne beisteuern wollte. Ihre Idee war es gewesen, nach Österreich zu gehen. Dort, meinte sie, würde man anders mit Roma umgehen und sie würden auch sicher gut bezahlte Arbeit bekommen. Das Häuschen, eigentlich eher eine kleine Hütte, war schnell verkauft und brachte achttausend Euro ein. Zusammen mit dem Geld von Gabriella und den paar Euro, die Traian beisteuerte, besaßen sie nun genau 9317 Euro. Das sollte und musste reichen, bis sie in Österreich eine Arbeit gefunden hatten.

 

Tausend Euro hatten sie einem Mann in der Nähe von Budapest hingeblättert, der ihnen einen alten Ford verkaufte, mit dem sie den Rest ihrer Reise zurückgelegt hatten. Und nun waren sie am Ziel. Fürstenfeld war ein kleines Kaff unmittelbar hinter der ungarisch-österreichischen Grenze. Sie parkten den Wagen vor einem Gasthaus, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift »Zimmer frei« prangte. Es war kurz nach siebzehn Uhr, also eine Zeit, zu der niemand wirklich gestört werden konnte. Dennoch machte die schwergewichtige Dame, die ihnen öffnete, genau diesen Eindruck. Ohne Zeit auf einen Gruß zu verschwenden, stand sie rahmenfüllend in der Tür, musterte die drei Ankömmlinge von oben bis unten und zischte ihnen mit breitem österreichischem Akzent »Was wollen Sie?« entgegen. Gabriella trat angesichts der gewaltigen Erscheinung hinter ihren Onkel und ihren Cousin zurück und klammerte sich an Traians Oberarm fest.

 

»Ich habe das Schild gesehen«, antwortete Toma unter Aufbietung aller gebotenen Freundlichkeit. Er sprach eigentlich gut Deutsch, obwohl der Akzent der rumänischen Roma unüberhörbar war. Gabriella und Traian hatten in der Schule etwas Deutsch gelernt. Es reichte aber keinesfalls aus, ein solches Gespräch zu führen. »Wir hätten gerne ein Zimmer«, brachte Toma nun sein Anliegen hervor.

 

»Ach, ihr seid gerade über die Grenze gekommen, nicht wahr?«

 

Der Akzent der Frau ließ die Abscheu, die in ihrem Blick lag, noch deutlicher hervortreten.

 

»Ihr seid Zigeuner, oder? Nix Zimmer frei. Nix. Was glaubt ihr eigentlich, wer wir sind? Eine Fürsorgestelle? Trollt euch! Ihr seid heute schon die Vierten, die sich hier einnisten wollen.«

 

Sie wandte sich zur Tür, riss das Schild ab, das das Gegenteil von dem ausdrückte, was die Frau gesagt hatte, warf die Tür zu und ließ die drei Roma mit offenen Mündern stehen. Traian war der Erste, der das Geschehene kommentieren musste.

 

»Geht das schon wieder los?«, fragte er, ohne von seinem Vater oder Gabriella eine Antwort zu erhalten.

 

»Eine hässliche Frau«, sagte Gabriella, als sie zu ihrem Wagen zurückgingen.

 

»Ja. Leider nicht nur körperlich, auch im Kopf.«

 

Sie stiegen ein und unternahmen zwei weitere erfolglose Versuche, ein Dach über den Kopf zu bekommen. Es war kalt, und allem Anschein nach drohte es auch in meteorologischer Hinsicht frostig zu werden. Sie brauchten einen Unterschlupf. Sie konnten unmöglich im Wagen übernachten. Mittlerweile hatten sie sich aus dem übersichtlichen Zentrum von Fürstenfeld hinaus bewegt und fuhren am nördlichen Rand des Ortes die Santnergasse entlang, als Toma plötzlich in die Bremsen stieg und auf ein Schild wies, das im Schaufenster eines Cafés hing. »Freundliche Aushilfen gesucht« stand darauf, und da Toma fand, dass sie sowohl freundlich waren als auch bereit dazu, als Aushilfen tätig zu sein, hielt er an.

 

»Da gehen wir jetzt rein«, sagte er.

 

»Wir haben noch kein Zimmer«, gab Traian zu bedenken.

 

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