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ACT OF LAW

 

 

 

 

 

 

 

Act of Law – Liebe verpflichtet

Shanghai Love Affairs 3 goes Lüneburg

 

 

Karin Lindberg

 

 

Liebesroman

 

 

 

Lektorat: Katrin Engstfeld

Korrektorat: Sandra Nyklasz

Umschlaggestaltung: Vivien Stennulat

Bilder: Shutterstock

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Copyright © Karin Lindberg

www.karinlindberg.info

 

Prolog

Lüneburg

Jan hastete in den Supermarkt Am Sande, um das berühmte Lübecker Marzipan und eine handverlesene Schokolade für Julia zu kaufen. Er wollte die Mitbringsel nicht auf der zwanzigstündigen Reise im Handgepäck spazieren tragen, vor allem, da er in Frankfurt noch einmal umsteigen musste. Lieber besorgte er sie daher direkt und nicht erst irgendwas in der Duty-free-Zone am Hamburger Flughafen. Die Frau seines besten Freundes würde ihm vor Freude um den Hals fallen und alleine das war das Risiko wert, seinen Flug vielleicht doch noch zu verpassen. Er kannte das manchmal missliche Gefühl, fernab der Heimat auf einem fremden Kontinent zu leben, allzu gut und wusste daher, wie sehr man ein Stück Heimat – und wenn es in Form einer Kalorienbombe war – wertschätzte. „Mist, verfluchter!“, entfuhr es ihm. Die Betreiber hatten anscheinend seit seinem letzten Aufenthalt vor drei Jahren den Laden umgeräumt. An der Stelle, wo früher die Schokoladenspezialitäten zu finden gewesen waren, stapelten sich jetzt Hygieneartikel in den Regalen. Er seufzte noch einmal leise auf, marschierte genervt weiter und bog im Stechschritt um die nächste Ecke, wo er geradewegs eine junge Frau umrannte. Zu allem Unglück flog alles, was sie in ihren Armen balanciert hatte, davon. Eine Packung Eier klatschte auf den kalten Boden und innerhalb von Sekundenbruchteilen lief eine weißlich-gelbe Soße über die gesprenkelten Fliesen. Das Ganze vermischte sich mit dem Inhalt eines zerbrochenen Marmeladenglases.

„Ach du Scheiße!“, rief die junge Frau aus und schlug sich die Hände vors Gesicht. Jan stammelte ein „Tut mir leid“ und suchte die Umgebung mit den Augen hektisch nach einem Supermarktmitarbeiter ab. Dann blieb sein Blick am Gesicht seines Gegenübers hängen und er erstarrte. Er kannte die feinen Gesichtszüge mit der ebenmäßigen Haut, die ein wenig wie Porzellan schimmerte. Und wie hätte er jemals diese dunklen, intensiven Augen vergessen können? Er musste schlucken. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass er im Supermarkt Inga über den Haufen rennen würde.

Seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, waren Jahre vergangen. Sie war nicht mehr sechzehn, sondern musste mittlerweile Ende zwanzig sein.

„Kannst du nicht aufpassen? Meine Güte!“, stieß sie verärgert aus und begann die Glasscherben aufzusammeln. Jan hockte sich neben sie und pickte ebenfalls aus der zähen, klebrigen Masse zwischen matschiger Erdbeermarmelade und Eierschalen Glasscherben heraus. Sie hatte ihn offenbar nicht erkannt. Einerseits war er enttäuscht, andererseits erleichtert, denn was hätte er ihr nach all den Jahren sagen sollen? Er begann zu schwitzen.

„Wie gesagt, es tut mir sehr leid. Ich, äh, kümmere mich darum“, beeilte er sich zu versichern. Dabei bemerkte er, dass ihr der kurze Pixie-Haarschnitt ganz ausgezeichnet zu Gesicht stand.

Inga sah langsam auf und musterte ihn skeptisch und voller Ärger – bis Erkennen ihre Züge entspannte. Einen Sekundenbruchteil später war ihre Miene wieder verschlossen.

„Jan“, stellte sie emotionslos fest.

Sein Herz hämmerte immer noch vom Schock des Zusammenpralls und dieses körperliche Phänomen irritierte ihn. „Inga! Mensch! Wow, du bist ja erwachsen geworden. Ich kann mich noch an dich als Mädchen erinnern …“

Gleich nachdem ihm die Worte über die Lippen gekommen waren, bereute er sie und wünschte sich, er würde sie zurücknehmen können. Inga machte keinen Hehl daraus, was sie von seinem halbherzigen Smalltalkversuch hielt: Sie warf die Scherben, die sie bereits eingesammelt hatte, wieder hin und stand energisch auf. „Ach was, Jan. Du hast dich anscheinend kein bisschen verändert. Wie auch immer, ich muss weiter. Du kümmerst dich um den Schaden, ja? Schön, dich zu sehen“, schloss sie mit einem sarkastischen Lächeln und strich ihren Rock glatt, bevor sie sich zum Gehen wandte. Sie brauchte nicht mehr zu sagen, ihm war damit mehr als klar, dass Inga auch nach all den Jahren noch sauer auf ihn war.

Jan blickte zu ihr auf; er hockte noch zwischen den zerbrochenen Marmeladengläsern und zerflossenen Eiern. „Hey, entschuldige, so war das doch nicht gemeint!“

„Natürlich nicht. Du warst ja auch früher schon immer so nett zu mir. Lass gut sein, ich muss echt los.“ Damit ließ sie ihn sitzen.

Jan ließ die Hände sinken und sah Inga hinterher. Das unverhoffte Wiedersehen hatte er gründlich verbockt. Warum war sein Mund mal wieder schneller als sein Hirn gewesen? Dabei hatte er es ganz gewiss nicht böse gemeint. Er pfefferte die Scherben zurück auf den Haufen und richtete sich fluchend auf. Selbst wenn er gewollt hätte, hatte keine Zeit mehr, sich über sein merkwürdiges Zusammentreffen mit Inga Gedanken zu machen. Gab es in diesem Laden niemanden, der sich um Missgeschicke der Kunden kümmerte? Wenn er nicht richtig auf die Tube drückte, würde er seinen Flieger garantiert verpassen! Jan stapfte zur nahegelegenen Käsetheke und teilte der Marktmitarbeiterin mit, dass ihm beim Hygieneregal ein kleines Malheur passiert war und er natürlich für den Schaden aufkommen würde. Die Mitarbeiterin schnaubte genervt auf und gab nicht weniger unfreundlich als Inga zurück, dass er das nicht zahlen müsse und sie jemanden schicken würde.

Na, besten Dank auch für den kundenfreundlichen Service – willkommen in Deutschland, dachte er und marschierte in der Hoffnung, doch noch die Schokolade zu finden, davon. Jetzt fehlte ihm nur noch ein Stau auf dem Weg zum Flughafen und sein Tag wäre perfekt. Jan freute sich sehr darauf, bald wieder in Shanghai zu sein; die kurze Zeit in Lüneburg hatte ihm gezeigt, wie wenig er mit dem Leben in einer deutschen Kleinstadt anfangen konnte. Er hatte das geschäftige Treiben in der Metropole Chinas sehr vermisst. Er lebte dort in einem modernen Wohnhaus im angesagten Stadtteil Xintiandi, der ehemaligen French Concession, und würde dieses Leben für nichts und niemanden freiwillig eintauschen.

 

Ingas Hände zitterten leicht, als sie die frischen Eier und neu ausgewählten Marmeladengläser hinter der Kasse in ihrer Einkaufstasche verstaute. Mit Jan hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Soweit sie durch ihre Schwester wusste, lebte und arbeitete er seit einigen Jahren in Shanghai. Vielleicht besuchte er ja seine Familie? Was kümmerte es sie; es ging sie überhaupt nichts an, wo der Kerl sich aufhielt. Sie sollte schleunigst verdrängen, dass sie ihm überhaupt begegnet war. Das wäre das Allerbeste für ihren Seelenfrieden.

Stattdessen ertappte sie sich dabei, wie sie ihn vor ihrem geistigen Auge mit dem Jan aus ihrer Jugend verglich. Die Jahre hatten ihm nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Seine Schultern waren breiter, als sie sie in Erinnerung hatte, die Haare anders gestylt, irgendwie erwachsener, männlicher. Aber seine strahlenden, warmen braunen Augen waren noch genau dieselben. Sie sah sich verstohlen um, aber er war nirgends zu entdecken. Zum Glück. Dann verließ sie den Supermarkt eilig; sie wollte die Kaffeerösterei nicht später als gewöhnlich öffnen.

Auf dem Weg zu ihrem angeketteten Fahrrad schweiften ihre Gedanken zu der letzten richtigen Begegnung mit Jan. Danach hatten sie sich zwar noch einmal auf der Hochzeit ihrer Schwester wiedergesehen, aber zwischen zweihundert Gästen hatte sie sich gut von ihm fernhalten können. Jene Nacht, die ihr Verhältnis zu Jan grundlegend geändert hatte, lag mehr als zwölf Jahre zurück, aber sie erinnerte sich an jedes Detail, als wäre es gestern gewesen.

Das Wetter am Lüneburger Stadtfestwochenende war wie so oft trotz Juni kalt und regnerisch gewesen, aber davon hatten sich Inga und ihre drei Jahre ältere Schwester Linda nicht abhalten lassen. Inga war erst sechzehn gewesen und durfte nur ohne Auflagen und Zeitbegrenzung feiern gehen, wenn sie mit ihrer Schwester als Aufpasserin unterwegs war. Aber es störte sie nicht im Mindesten, denn sie genoss es, mit Lindas Freunden Zeit zu verbringen. Besonders wenn ihr Schwarm Jan dabei war, Lindas bester Kumpel. Ihre Eltern sahen es nicht gerne, wenn die beiden zusammen abhingen, da es vor Urzeiten sowas wie einen Familienzwist gegeben hatte, aber das interessierte Linda und Jan nicht. Sie lernten oft zusammen oder frönten ihrem seltsamen Hobby, alte Schallplatten zu hören. Ingas Herz schlug jedes Mal schneller, wenn der supercoole Jan bei ihnen zuhause war. Natürlich wusste er nichts von ihrer Schwärmerei, das wäre auch zu peinlich gewesen. Trotzdem. Jeder einzelne ihrer Tagebucheinträge drehte sich damals um ihn und wie sehr sie in ihn verliebt war.

Inga hatte an jenem Abend schon etwas getrunken, aber sie war nicht betrunken, nur leicht beschwipst und damit einhergehend sehr beschwingt. Die ganze Clique stand vor der Bühne auf dem Platz Am Sande und sie tanzten zu den aktuellen Hits, die die Coverband vor tobendem Publikum schmetterte.

„Hey, Inga. Ist ganz schön nett von Linda, dich mitzunehmen!“ Jan hatte plötzlich neben ihr gestanden und einen tiefen Zug von seinem Bier genommen. Sie war knallrot geworden, zumindest hatte es sich so angefühlt, und natürlich wäre sie darüber vor Scham fast vergangen.

„Äh, ja. Ist echt nett von ihr.“ Am liebsten hätte sie sich für ihre dümmliche Antwort eine verpasst, stattdessen trank sie ihre Bowle aus und stocherte mit einem Pieker in den Früchten auf dem Boden des Glases herum.

„Coole Band. Die machen echt gut Stimmung.“ Jan beugte sich ein wenig zu ihr herunter, damit sie ihn besser hören konnte. Inga nahm einen Hauch von seinem Duschgel wahr. Zu gerne hätte sie den Duft eingefangen, um ihn zuhause unter ihrem Kopfkissen aufzubewahren. Leider war das nicht machbar.

„Ja, die sind einfach toll“, gab sie einsilbig zurück.

„Willst du noch was trinken? Man versteht hier ja sein eigenes Wort nicht!“

Inga nickte und brüllte über den Lärm: „Ja, klar! Gerne.“

„Super, mein Bier ist auch leer. Komm mit!“ Jan nahm ihre Hand und zog sie durch die Menge davon. Ihre Hände wurden feucht, als sie seine warmen, kräftigen Finger spürte, die ihre Hand sicher umschlossen.

O Gott! Sie war so aufgeregt und glücklich gewesen, nur weil Jan von Berghaus sie an die Hand genommen hatte. Das war ihrem intimsten Traum schon ziemlich nahegekommen.

Sie waren viel zu schnell am Bierkarussell angekommen und er hatte ihre Hand wieder losgelassen, um für sie beide Getränke zu bestellen.
„Noch so eine Bowle? Oder darfst du nicht mehr?“ Jans strahlendes Lächeln raubte ihr den Atem. Es gab in der ganzen Stadt keinen Neunzehnjährigen, der auch nur annähernd so gut aussah.

„Na klar darf ich noch, ich nehme noch eine“, versuchte sie so selbstbewusst wie möglich zu antworten.

Inga wusste, dass sie ihn anglotzte wie ein dummes Gör, aber sie konnte sich nicht von seinem Anblick lösen. Als Jan ihr das aufgefüllte Glas reichte, war sie froh, sich an etwas festhalten zu können.

„Prost, Inga!“ Jan hielt ihr seine Bierfalsche leicht schräg hin, sie schlug mit ihrer Bowle daran und erwiderte: „Prost.“

„Sollen wir ein Stück spazieren gehen?“, fragte er immer noch lächelnd.

In Ingas Bauch kribbelte es. „Ja, sehr gerne.“

„Super, dann komm. Die Songs, die gerade laufen, sind nicht so mein Ding.“

„Nein, meins auch nicht.“ Sie hatte keine Ahnung, was gerade gespielt wurde, es war ihr auch völlig egal. Sie musste sich mit all ihren Sinnen auf Jans Nähe konzentrieren, um jede Sekunde davon auszukosten. Sie hatte schon oft mit ihm geredet, aber das war es dann auch schon. Er zog sie öfter auf, weil sie Lindas jüngere Schwester war und sie sich dadurch häufig über den Weg liefen. Jan war quasi Stammgast im Hause Lorenz.

Er schlenderte mit Inga durch die Grapengießerstraße, eine der hübschen Einkaufsmeilen Lüneburgs. Es wurde ein wenig ruhiger, obwohl die Stadt im Großen und Ganzen brechendvoll mit Feierwütigen war.

Das Gespräch plätscherte etwas dahin, eigentlich redete hauptsächlich Jan, weil sie kaum ein Wort herausbrachte. Aber ihn schien das nicht zu stören und sie war restlos glücklich damit, einfach nur seiner klaren, dunklen Stimme zu lauschen. Sie merkte gar nicht, dass sie schon die ganze Innenstadt durchquert hatten, als sie plötzlich vor dem alten Kran an der Ilmenau, die durch die Stadt floss, standen.

„Wollen wir uns kurz setzen?“ Jan zeigte auf die Treppenstufen vor dem uralten Holzungetüm und es kam Inga wie ein Wunder vor, dass sie tatsächlich alleine waren. Sie hatten anscheinend einen guten Moment abgepasst. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und fühlte sich nach dem dritten Glas Bowle etwas betrunken. Abgesehen davon wäre sie mit Jan auch spontan zu einem Trip nach China aufgebrochen – je länger sie mit ihm allein war, desto besser.

„Super Idee!“, stimmte sie ihm daher zu.

Inga setzte sich auf die Stufen und hielt das leere Glas zwischen ihren Beinen in den Händen. Jan setzte sich so dicht neben sie, dass sie die Wärme und Kraft spüren konnte, die von seinem Körper ausgingen. Es fühlte sich an wie im Traum, endlich so nah bei ihm zu sein. Alleine mit ihm zu sein. Ihr fiel auf, dass er den ganzen Abend noch keinen einzigen dämlichen Scherz auf ihre Kosten gemacht hatte. Sollte er ihre Gefühle vielleicht sogar ein kleines bisschen erwidern? Sie wagte es kaum, sich Hoffnungen zu machen, und so saßen sie einige Minuten schweigend und beobachteten die Leute, die vorbeikamen. Plötzlich stellte Jan seine Bierflasche ab und drehte sich in ihre Richtung. Inga sah auf und neigte ihren Kopf fragend zur Seite. Dann spürte sie Jans warme Finger an ihrer Wange. Er strich ihr eine einzelne verirrte Strähne aus dem Gesicht und seine Berührung hinterließ eine brennende Spur auf ihrer Haut.

Die Laternen beleuchteten die Umgebung nur spärlich, trotzdem sah sie etwas in seinen sanften braunen Augen, das ihr Herz zum Schmelzen brachte und ihren Körper in einen Zustand der Euphorie versetzte. Es geschah quälend langsam, aber eigentlich war es genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Jans Hand lag mit einem Mal in ihrem Nacken und sein Gesicht kam Zentimeter für Zentimeter näher. Inga schloss erwartungsvoll die Augen; sie wusste, was gleich passieren würde. Ihren Mund hatte sie bereits leicht geöffnet, als sie Jans Lippen auf ihren spürte. Er küsste sie zaghaft und zärtlich. In seinem süßen Atem lag ein Hauch von Bier, aber das störte sie nicht. Im Gegenteil, er schmeckte wie das Paradies auf Erden. Seine Zunge strich federleicht über ihre Lippen. Ob ihm klar war, dass er mit dieser einfachen Berührung ihren Körper in Flammen versetzte? Sie verlor sich in diesem Kuss, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte.

Inga war überrascht, als er sich abrupt von ihr zurückzog. Sie war noch nicht fähig zu denken, als Jans Worte sie auf den Boden der Tatsachen zurückholten.

„Sorry, Inga. Das war ein Fehler. Ich habe mich vom Alkohol hinreißen lassen, ich sollte gehen. Ich bin viel zu alt für dich! Soll ich dich nach Hause bringen?“ Er fuhr sich durch die wirren Haare und holte tief Luft. Als sie in sein ernüchtertes Gesicht sah, zerbrach ihr Herz in tausend Stücke. Sie wandte den Blick hastig ab, schüttelte den Kopf und schluckte die Tränen, die in ihren Augen brannten, hinunter. Ihr Traum war wie eine Seifenblase zerplatzt.

„Es tut mir so leid, ich hätte dich nicht küssen dürfen. Sei mir nicht böse, ja? Du bist doch Lindas kleine Schwester! Außerdem gehe ich bald nach Berlin an die Uni …“

Jan war hastig aufgestanden und hatte Inga noch einmal angesehen. Der Ausdruck in seinen Augen war schwer zu deuten, aber es war klar, dass er bedauerte, sie geküsst zu haben, was er nun mit fadenscheinigen Begründungen vertuschte. Die Erkenntnis, dass er nicht so für sie empfand wie sie für ihn, traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. „Vergiss es doch einfach. War doch nur ein Kuss. Mir hat es nichts bedeutet“, hörte sie sich mit dünner Stimme sagen. Jan deutete ein Nicken an und zog den Reißverschluss seiner Sommerjacke nach oben. „Puh, da bin ich aber erleichtert, ich dachte schon, dass wir jetzt ein Problem hätten.“

„Quatsch. Nun geh schon“, brachte sie noch hervor und rang sich ein Lächeln ab.

„Du bist sicher, dass ich dich nicht nach Hause begleiten soll?“

„Nein, auf keinen Fall. Ich geh weiterfeiern.“ Sie gab sich bemüht gelassen; hoffentlich bemerkte er nicht, wie aufgewühlt sie tatsächlich war.

„Oh. Ach so, okay, Inga. Dann mach’s gut. Ich geh dann mal.“ Seine vertrauten braunen Augen ruhten auf ihr, aber sie wandte den Blick ab.

„Klar, ciao Jan.“

Und dann war er mit langen Schritten nach nur wenigen Sekunden verschwunden gewesen und sie hatte ihren Tränen freien Lauf gelassen. Wie hatte sie nur so dumm sein können, zu glauben, dass ein so cooler Typ wie Jan von Berghaus, auf den alle Mädchen in der Oberstufe abfuhren, etwas von einer Sechzehnjährigen wollte? Inga saß noch eine ganze Weile am alten Salzkran, unfähig, sich zu rühren. Als es wieder anfing zu regnen, realisierte sie, dass sie nach Hause gehen sollte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie komplett durchgefroren war. Sie hatte wohl ziemlich lange in ihrem Elend verharrt. Hoffentlich hatte Linda sich keine Sorgen um sie gemacht. Inga war aufgestanden und unglücklich nach Hause gelaufen. Zum Glück hatte sie es nicht weit gehabt, sie hatte sich so schwach und einsam gefühlt und wollte sich damals in ihrem Zimmer verbarrikadieren und nichts mehr von der Welt wissen.

 

Und nun musste sie ausgerechnet Jan nach so langer Zeit in einem Edeka-Laden wiedertreffen und mit ihm zusammenstoßen. Gerade heute sah sie auch noch aus wie eine Vogelscheuche und hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht, ihre Lippen und Augen zu schminken, wie sie es sonst üblicherweise tat. Inga stöhnte auf und ärgerte sich im gleichen Moment über sich selbst. Dieser Idiot! Sie hatte Jan in dem Sommer noch ein paarmal wiedergesehen, aber keiner von beiden hatte mehr ein Wort über diese Nacht verloren. Nicht mal seine üblichen Scherze hatte er mehr mit ihr gemacht. Nach dem Kuss hatte er sie eigentlich wie Luft behandelt und nur wenige Wochen später war er nach Berlin gegangen, um an der Freien Universität Jura zu studieren. Auf Lindas Hochzeit hatte sie sich mit der Begründung, die Reden und Spielchen organisieren zu müssen, im Hintergrund gehalten und damit eine Begegnung mit Jan absichtlich vermieden. Sie war sich nicht mal sicher, ob er sie damals überhaupt registriert hatte, vor allem, weil er in Begleitung einer wunderschönen Blondine dort gewesen war. Sie hatten sich nach der Trauung kurz begrüßt, das war es dann aber auch schon gewesen.

Inga trat ärgerlich in die Pedale. Sie wollte sich jetzt nicht länger den Kopf darüber zerbrechen; es hatte gereicht, dass sie sich ihre halbe Teenagerzeit mit der Schwärmerei für Jan versaut hatte. Das war definitiv Geschichte. Er war Geschichte.

An der Rösterei angekommen, stellte sie ihr Rad ab und steckte den Schlüssel ins Schloss. Dabei fühlte sie sich beobachtet und drehte den Kopf ein wenig zur Seite. Inga versteifte sich, als sie Michi, ihren Exfreund, sah, der den Eingang zur Metzgerei fegte, die nur ein paar Häuser weiter lag. Noch ein Mann, auf dessen Gesellschaft sie getrost verzichten konnte. Sie nickte ihm zu, dann ging sie hinein. Es roch irgendwie komisch … angebrannt. Inga stellte die Einkäufe auf den Tresen und legte ihre Handtasche daneben, dann folgte sie dem intensiver werdenden Geruch.

Großer Gott! Der Kaffeeröster rauchte – er brannte!

Inga stürzte zum Tresen, um Hilfe zu holen und die Feuerwehr anzurufen. In diesem Moment betrat Michi, der sich wahrscheinlich seinen üblichen schnellen Espresso gönnen wollte, die Rösterei.

„Guten Morgen“, rief er fröhlich aus, „hast du einen kleinen Schwarzen für mich? Was ist los, Inga? Du siehst ja ganz blass aus.“

„Es brennt! Es brennt! Der Kaffeeröster!“, schrie sie beinahe hysterisch und deutete in Richtung des Unglücks.

Michi schien von der Situation nicht so überfordert zu sein wie sie. Er holte den Feuerlöscher aus der kleinen Küchenecke und rannte zum Röster.

Es dauerte keine drei Minuten, dann hatte er den schwelenden Brand gelöscht.

„Das ist gerade nochmal gut gegangen! Wie konnte das passieren? Hast du vergessen, ihn abzuschalten? Du hattest wahnsinniges Glück! Wenn das letzte Nacht passiert wäre, wäre das nicht so glimpflich ausgegangen! Dein Glück, dass ich früher bei der freiwilligen Feuerwehr war und wusste, was zu tun ist.“

„Ich, äh, ich weiß es nicht. Keine Ahnung! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich den Röster nicht abgestellt habe. Das ist mir noch nie passiert. Ja, wirklich, danke“, brachte sie hervor. „Ohne dich hätte ich nicht weitergewusst …“ Ihre Stimme brach ab.

Michi überprüfte inzwischen die Schalter und die Steckdose. „Nein, der Schalter stand auf ‚Off‘, daran kann es nicht liegen. Mensch, das nenne ich wirklich Glück im Unglück.“

Michi wischte sich den Schweiß aus seinem rundlichen Gesicht. Inga bemerkte erst jetzt, dass ihre Beine zitterten. Sie musste sich setzen.

„Wie kann ich dir nur danken?“, meinte sie schließlich, als sie mit einem Glas Wasser an einem der Tische saßen, die sonst für ihre Gäste bestimmt waren.

„Das besprechen wir ein andermal. Jetzt solltest du den Schaden aufnehmen. Vergiss nicht, Bilder zu machen und so was. Für die Versicherung. Du bist doch versichert?“

„Meine Güte, ich mag überhaupt nicht daran denken, was passiert wäre, wenn ich eine halbe Stunde später dran gewesen wäre! Das Haus wurde 1460 erbaut, es besteht quasi nur aus Holz und Stroh! Natürlich bin ich versichert, ich habe zahllose Policen ausgefüllt, als ich den Laden von meinen Eltern übernommen habe.“

Michi nahm ihre Hand und drückte sie. In dem Moment kam Ingas Mutter, Brigitte Lorenz, zur Tür rein.

„Was ist denn hier los? Ist was angebrannt?“, fragte sie und hielt ihre Nase in die Höhe.

„Mama!“, rief Inga und sprang auf. „Der Röster hat gebrannt! Michi hat das Feuer gerade noch rechtzeitig löschen können. Wir hatten so ein Glück, dass er gerade reingekommen ist.“

Ingas Mutter ließ entsetzt ihre Tasche fallen.

„Feuer?“, wiederholte sie schrill.

„Ja, aber jetzt ist alles gut, Michi sei Dank!“ Inga spürte, dass die Erleichterung endlich auch in ihrem Hirn angekommen war. Den Schaden würde sie von der Versicherung ersetzt bekommen und die Hauptsache war, dass das Feuer sich nicht ausgebreitet hatte.

Was für ein Tag!

 

 

Kapitel 1

Einige Tage später in Shanghai

Jan schnaufte heftig, als er die fünfzigste Liegestütze ausführte. Seine Muskeln brannten, aber sein Wille war stärker. Dann setzte er sich auf die grüne Übungsmatte und wischte sich die Schweißperlen mit einem Handtuch von der Stirn. Er hatte nach seinem Europatrip einiges aufzuarbeiten gehabt, hatte nun aber wieder alles unter Kontrolle und auch den Jetlag hatte er glücklicherweise halbwegs überwunden. Morgens dachte er zwar noch anders darüber, denn nach der Rückkehr gen Asien fiel es ihm immer schwer, wieder in den richtigen Rhythmus zu kommen. Abends kam er nicht in die Federn, wofür er morgens eine fette Quittung in Form bleierner Müdigkeit erhielt. Egal, sagte er sich, stand auf und trank einen Schluck aus seiner Flasche. Jetzt noch schnell duschen und etwas essen. Sein Blick fiel auf die Wanduhr des Sportclubs, die ihm mitteilte, dass es bereits nach zweiundzwanzig Uhr war.

 

Jan tippte gerade den Zugangscode in die Tastatur der Alarmanlage vor seinem Apartment ein, als sein Handy klingelte. Hastig drückte er die Tür auf und ließ seine Sporttasche vor dem Spiegel im Flur fallen und zog sein Telefon aus der Jogginghose. Er runzelte die Stirn, als er sah, dass es seine Mutter, Viktoria von Berghaus, war, denn er ahnte bereits, worum es ging.

„Mama, hallo!“, meldete er sich.

„Hallo Jan. Ich hoffe, ich störe nicht! Du hast doch nicht schon geschlafen?“

„Nein, natürlich nicht.“ Jan schaltete das Licht ein und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Der Tonfall seiner Mutter verstärkte seinen Verdacht, dass etwas nicht in Ordnung war. „Was gibt es?“

„Ach, Schatz. Es geht so nicht mehr weiter. Es gab, äh, noch ein paar Vorfälle hier und … ich brauche dich. Wir brauchen dich.“

Jan presste die Lippen aufeinander und ließ langsam die Luft aus der Nase entweichen. Er hatte es schon befürchtet, aber bisher erfolgreich verdrängt. Sein Vater hatte sich wirklich seltsam verhalten, als er letzte Woche zuhause gewesen war.

„Aber muss das wirklich sofort sein? Ich bin ja gerade erst aus Europa zurückgekommen. Ich habe Verpflichtungen hier“, protestierte er halbherzig.

„Jan, Schatz, ich würde dich nicht anrufen, wenn ich eine andere Möglichkeit sehen würde. Mina steckt in ihrem Laden, Schrägstrich Deli in Hamburg fest; sie ist ja jetzt selbstständig und von den Abläufen in einer Kanzlei versteht sie sowieso nichts. Du bist der einzige Anwalt, den ich fragen kann, außerdem geht es dich doch auch was an. Es ist dein Erbe! Ich weiß nicht, was mit deinem Vater los ist, aber es ist auf jeden Fall so weit, dass die Kanzlei darunter leidet. Und du weißt, wie wichtig sie ihm immer gewesen ist. Wie wichtig sie der Familie ist“, fügte sie mit ersterbender Stimme hinzu.

Für euch, korrigierte er im Stillen, und auf das Erbe könnte ich gut und gerne verzichten. Er sagte nichts und verdrehte nur die Augen, antwortete aber pflichtbewusst: „Natürlich, okay, ich muss mal sehen, wie ich das jetzt einrichten kann. Ich muss morgen mit Damian darüber sprechen. Es ist nicht sicher, ob ich schon wieder weg kann. Ich habe hier einen Job, wie du weißt.“

„Bitte, Jan, du musst kommen!“ Er hörte ein Schniefen am anderen Ende der Leitung. Jetzt weinte sie auch noch. Verdammt! Jan öffnete den Kühlschrank, holte sich eine Flasche Wasser heraus und drehte den Schraubverschluss auf, während er sein Smartphone zwischen Wange und Schulter eingeklemmt hielt.

„Ich sag’ dir morgen Bescheid, ja? Mach dir keine Sorgen, wir bekommen das schon wieder hin.“ Die Aussicht auf einen erneuten Langstreckenflug und damit einhergehenden Jetlag ließ ihn erschaudern, aber seine Mutter im Stich zu lassen, kam irgendwie auch nicht in Frage.

„Ja … Ich weiß nicht. Stell dir vor, er hat die letzten zwei Nächte nicht geschlafen und schreit fast jeden nur noch an. Normal mit ihm zu reden, ach, es ist schrecklich und …“, sie brach mitten im Satz ab und fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Ich will dich nicht länger stören, melde dich bitte morgen, ja? Gute Nacht, Schatz!“

„Gute Nacht, Mama! Bis morgen.“

Jan steckte sein Telefon in die Ladestation und ließ sich aufs Sofa fallen. Ein erneuter Europatrip passte ihm wenig bis überhaupt nicht in den Kram, aber seine Mutter bat ihn nie um irgendwas. Er hatte keine Wahl.

 

Am nächsten Abend saß er mit seinem Boss und besten Freund Damian in der Sauna des Sportclubs. Da er selbst Single war und niemand zuhause auf ihn wartete, verbrachte er viele Abende nach den langen Bürotagen, die er größtenteils im Sitzen erlebte, beim Sport. Damian kam nach der Geburt seiner Tochter nur noch selten mit, hatte sich aber heute breitschlagen lassen.

Jan blickte nach unten auf seine Füße und Schweiß tropfte von seiner Nasenspitze auf das Handtuch, das er sich untergelegt hatte. Sie waren alleine, daher konnte er offen über seine Familienprobleme sprechen. „Ich weiß nicht, was da los ist, Damian. Mein Vater war sonst immer der absolut oberkorrekte Typ. Ein bisschen so wie du, würde ich fast sagen.“

Er sah, dass Damian eine Augenbraue skeptisch nach oben zog, als ob er überlegte, ob Jans Aussage als Beleidigung oder Kompliment gemeint war. Vielleicht ein wenig von beidem. Dennoch sparte Damian sich einen Kommentar dazu, was Jan ihm hoch anrechnete. „Seit wann hat er sich denn verändert?“, fragte Damian stattdessen.

„Ach, das weiß ich nicht genau. Unser Verhältnis ist, wie du weißt, nicht gerade das engste. Könnte nicht sagen, dass ich ihn oft anrufe, außer zu seinem Geburtstag.“

Damian strich sich sein dunkelblondes Haar aus der Stirn und veränderte die Sitzposition. „Hm, ja natürlich. Aber hast du eine Vermutung?“

Jan schüttelte den Kopf. „Nein, das Einzige wäre vielleicht Alkohol. Meine Mutter hat gesagt, dass er in den letzten Monaten sehr zerstreut und fahrig war, und wenn man ihn drauf anspricht, wird er direkt aggressiv.“

„Tja, das soll in den besten Familien vorkommen“, Damian presste seine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, „aber wenn es das sein sollte, hat er einen langen Weg vor sich. Und ihr auch. Der erste Schritt wäre ja überhaupt erstmal die Erkenntnis, dass er ein Problem hat. Bei vielen scheitert es ja schon daran.“ Jan wusste, dass Damian auf seinen eigenen Erzeuger anspielte, der seinem jahrzehntelangen Alkoholkonsum vor kurzem erlegen war, was für die Familie Stanhope der Abschluss einer langen Familientragödie gewesen war.

„Ja, aber wieso jetzt? Ich verstehe das nicht. Er hat alles: Das Geschäft läuft, die Kinder sind aus dem Haus, er liebt seinen Beruf …“

„Anscheinend reicht das nicht. Vielleicht hat er ja psychische Probleme? Zum Beispiel, weil du nicht in seine Fußstapfen trittst? Immerhin wird die Kanzlei nun in dritter Generation von deiner Familie geführt; du würdest die vierte Ära einläuten. Deine Schwester ja wohl eher nicht.“

„Ach, so ein Quatsch. Meinen Vater interessiert es nicht, ob ich da bin oder nicht. Es war doch ohnehin nie gut genug, was ich gemacht oder gesagt habe. Nicht mal der Abschluss als Jahrgangszweiter an der Freien Universität war ihm gut genug. Ich hätte der Beste sein müssen. Ich glaube nicht, dass es etwas mit mir zu tun hat, dafür ist unser Verhältnis schon zu lange eher kühl. Vorsichtig ausgedrückt.“

„Na gut, ich sehe schon. Ein weiterer Trip wird sich nicht vermeiden lassen. Vielleicht solltest du gleich einen Termin in einer Klinik zum Total-Check machen lassen. Ich kenne da eine gute Adresse in Hamburg. Ich habe sie erst vor kurzem mit Julia rausgesucht, weil ihre Mutter über ständige Magenbeschwerden klagt und wir für sie eine Untersuchung angeleiert haben. Das medizinische Präventionszentrum hat einen sehr guten Ruf und ich könnte arrangieren lassen, dass dein Vater schnell einen Termin bekommt. Wenn er ein Alkoholproblem hat, werden die Leberwerte das auf jeden Fall ganz klar anzeigen, und falls nicht, finden die dort eher den Grund für seinen Zustand als beim Hausarzt.“

„Das wäre wirklich gut, wenn du mich dabei unterstützen könntest.“

„Okay, dann erledige ich das morgen mit meiner Sekretärin. Ich gebe dir Bescheid und vielleicht sprichst du vorab schon mal mit dem Professor, dann kann er ein paar Dinge wegen der verschiedenen Check-ups gezielter planen.“

„Das ist eine sehr gute Idee. Vielen Dank, Damian.“

„Dafür sind Freunde doch da. Aber, mein Lieber, nicht dass du denkst, du kannst dich in deinem Heimatkaff auf die faule Haut legen. Ich erwarte schon von dir, dass du erreichbar bist und so bald wie möglich zurückkommst, es sei denn natürlich, du spielst mit dem Gedanken, endlich dein Erbe anzutreten. Ansonsten hast du hier immer noch deine täglichen Aufgaben und ich brauche dich. Nie ohne meinen Anwalt“, scherzte er, stand auf und fügte nur noch hinzu: „So, ich habe genug geschwitzt. Julia wartet sicher schon. Bis morgen, Jan.“

„Grüß schön, ich muss euch bald mal besuchen kommen, die kleine Amalia bestaunen. Hätte ja nie gedacht, dass mich ein Kind mal dazu bringen wird, über sein Wachstum nachzudenken, aber so ist es – sie ist einfach ein kleines Wunder. Und nein, ich habe nach wie vor kein Interesse, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Daran hat sich nichts geändert. Ich und die Lüneburger Provinz, das würde nicht gutgehen.“

„Hm, mein Freund, du kennst ja meine Meinung. Ich finde Tradition ist wichtig, aber ich bin natürlich froh, dass du so denkst. Das ist gut für unsere Firma. So, genug von der Arbeit. Mein kleiner Sonnenschein Amalia wartet und Julia auch.“ Ein strahlendes Lächeln erschien auf Damians Gesicht. „Es ist unglaublich, wie schnell sie wächst! Dabei ist sie gerade mal ein paar Wochen alt. Ich würd’ ja gerne noch mit dir plaudern, aber die Pflicht ruft mich zu meinen Damen nach Hause.“

„Verstehe ich doch. Super, dass wir reden konnten. Mach’s gut, alter Knabe. Und vielen Dank nochmal.“

Jan blieb noch einige Minuten länger, bis auch er es in der finnischen Sauna nicht mehr aushielt. Er war erleichtert, dass Damian so verständnisvoll reagiert hatte, verspürte aber weiterhin ein großes Unbehagen, wenn er an Lüneburg dachte.

 

Jan war dabei, sich um seinen Flug nach Deutschland für den nächsten Tag zu kümmern, als Damian in sein Büro eintrat und ihm einen Zettel auf den Tisch legte.

„Hier, er hat nächste Woche einen Termin frei. Es steht auch eine Telefonnummer drauf. Professor Dr. Schwind wird sich um deinen Vater kümmern.“

„Thanks.“ Jan nahm den Zettel entgegen und warf einen Blick drauf. „Irgendwie bin ich überfordert mit der Situation. Mein Vater wird sich doch von mir garantiert nichts sagen lassen.“ Die Last, die sich auf seine Schultern gelegt hatte, fühlte sich mit einem Mal noch erdrückender an.

„Du schaffst das schon. Vielleicht kann ihn ja deine Mutter oder Mina überreden.“

„Meine Schwester? Glaube ich nicht. Die ist doch im Moment rund um die Uhr mit ihrem Deli in Hamburg beschäftigt. No way. Obwohl sie immer Papas Liebling war, aber das betraf nie Geschäftliches. Da ist mein Vater erzkonservativ. Aber meiner Mutter würde er vielleicht zuhören; die beiden hatten immer ein respektvolles Verhältnis. Ich hoffe, dass er sich darauf einlässt. Ich habe in meinem Leben schon so viel mit dem Mann gestritten, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es ist, normal mit ihm zu reden.“

„Ihr bekommt es sicher hin. Melde dich zwischendurch, ja? Also ich meine zum Stand der Dinge …Ansonsten gehe ich davon aus, dass wir in regem Kontakt bleiben. Wie gesagt, deine Arbeit macht sich nicht von alleine.“ Damian klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich dann zum Gehen.

„Sicher, ich bin immer erreichbar, neuen Medien sei Dank.“ Jan sah auf die Uhr. Es war bereits nach drei in Shanghai, also konnte er in der Hamburger Klinik anrufen. Er zögerte einen Moment, bevor er die Nummer eintippte. Schließlich gab er sich einen Ruck. Vom Warten würde sich die Situation schließlich nicht verändern. Jans Anruf wurde von einer Empfangssekretärin beantwortet, die ihn gleich zu Professor Dr. Schwind durchstellte.

Das Gespräch dauerte nicht lange, aber Jan war danach keineswegs zuversichtlicher. Der Arzt hatte gemeint, ohne ihn beunruhigen zu wollen, dass man keine Ferndiagnose stellen und dass es sich nach Schilderung der Situation um alles Mögliche, von Depressionen bis hin zum Hirntumor, handeln könnte. Diese Aussage hatte natürlich genau das Gegenteil bewirkt. Bisher hatte er den Gedanken erfolgreich verdrängt, was mit der Kanzlei passieren sollte, wenn sein Vater einmal nicht mehr arbeiten konnte. Es hatte bis jetzt nicht so ausgesehen, als ob er mit fünfundsechzig in Rente gehen würde. Er war derselbe Typ wie sein Vater und sein Großvater: sie arbeiteten, bis sie tot umfielen. Dass das vielleicht bald der Fall sein könnte, machte Jan Angst. Für den Moment schob er den Gedanken beiseite und versuchte, sich auf die offenen Punkte seiner To-do-Liste zu konzentrieren. Die musste er unbedingt erledigt haben, bevor er nach Deutschland aufbrach, sonst machte ihn Damian einen Kopf kürzer.

 

Lüneburg

Ingas Hände zitterten, als sie endlich den heißersehnten Brief von der Versicherung in Händen hielt. Sie öffnete ihn in Erwartung einer Zahlungszusage des entstandenen Schadens, den der defekte Kaffeeröster verursacht hatte.

Eine eiserne Schlinge legte sich um ihren Hals, als sie die höflichen Worte las.

Sehr geehrte Frau Lorenz,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 03. April 2016, in dem Sie uns über den entstandenen Schaden informierten. Die Bilder haben wir erhalten.

Leider müssen wir Ihnen jedoch mitteilen, dass die Norddeutsche nicht verpflichtet ist, für einen Kurzschluss der Maschine eine Schadensregulierung zu übernehmen.

Wir bitten Sie höflichst, sich mit dem Maschinenhersteller in Verbindung zu setzen und den Schaden von dieser Seite aus regulieren zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

i.V. Meyer, Sachbearbeitung

 

Das konnte doch nicht wahr sein! Wieder und wieder las sie den Brief. Natürlich hatte Inga dem Maschinenhersteller ebenfalls ein Schreiben zukommen lassen, aber die Garantie war vor Ewigkeiten abgelaufen und somit hatte sie keine Chance, dort etwas zu holen. Der Röster war der beste auf dem Markt; so einer wurde heute nicht mal mehr gebaut! Wofür war man eigentlich versichert? Inga ließ sich auf einen Stuhl in ihrer Nähe sinken und legte das Schreiben auf den Küchentisch vor sich. Ihre Labradorhündin Emmi schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war, denn sie kam hechelnd angetrottet. Sie legte ihre kalte Schnauze auf Ingas Oberschenkel und sah sie mit ihren treuen Hundeaugen an, als ob sie ihr mitteilen wollte, dass sie sie nicht im Stich lassen würde, egal was passierte.

Inga tätschelte Emmi den Kopf und seufzte mehr, als dass sie sprach: „Ach, meine Süße, ich kann es gar nicht glauben. Wir sind so was von geliefert! Wenn ich keine Kaffeebohnen mehr rösten kann, kann ich den Laden dichtmachen. Davon, Kaffee und Kuchen zu servieren, können wir nicht leben. Und wer soll dann den Kredit abbezahlen?“

Emmi hob den Kopf ein wenig, nur um ihn dann sofort wieder auf ihren Oberschenkel zu legen, um sich weiter streicheln zu lassen.

„Was soll ich jetzt nur machen?“

Eine Träne lief an Ingas Wange hinunter. Sie hasste es normalerweise, Schwäche zu zeigen, aber vor Emmi war das kein Problem. Inga stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Küchentisch ab, legte ihren Kopf in die Hände und schloss die Augen für einen Moment. Emmi trollte sich mangels Aufmerksamkeit davon.

So saß sie eine ganze Weile und ging im Geist ihre Möglichkeiten durch. Sie kannte niemanden, von dem sie sich das Geld leihen könnte, um Ersatz für den defekten Röster zu beschaffen. Sie wollte auch nicht irgendeinen, sie wollte genau das gleiche Modell, denn das war noch Qualitätsarbeit. Sie hatte sogar schon einen gefunden, aber der Preis war horrend.

Die Versicherung konnte doch nicht einfach nicht zahlen! Sie verstand die Welt nicht mehr. Irgendwann kam ihr ein Geistesblitz: Sie würde die Bank um einen Termin bitten, vielleicht konnte man den Kredit aufstocken?

Ja, das war ihre einzige Hoffnung. Sie stand so hastig auf, dass der Stuhl beinahe umkippte, während sie schon das schnurlose Telefon aus der Ladestation holte. Es dauerte einige Minuten, bis sie den zuständigen Bankmitarbeiter am Telefon hatte, aber das Warten hatte sich gelohnt. Nachdem er sich ihre Lage angehört hatte, gab er ihr einen Termin für Freitag dieser Woche.

Das konnte doch nur bedeuten, dass sie eine Chance hatte!

„Komm, Emmi. Wir gehen Gassi, den schönen Maitag müssen wir genießen!“ Emmi war sofort bei ihr und sprang aufgeregt um Inga herum.

 

 

Kapitel 2

Es war nicht einfach gewesen, seine Eltern davon zu überzeugen, dass sie zwei Tage an die Ostsee reisen sollten, aber am Ende waren sie doch gefahren. Seine Mutter wusste natürlich, dass er die Zeit ihrer Abwesenheit nutzen wollte, um in der Kanzlei mit der Sekretärin seines Vaters zu reden. Das hatte er schon bei seinem letzten Besuch getan, aber die rothaarige Mittfünfzigerin war alles andere als gesprächsbereit oder kooperativ gewesen. Schön für seinen Vater, eine so loyale Mitarbeiterin zu haben, schwierig für ihn, weil er wissen musste, wie es um die Kanzlei wirklich stand. Deshalb hatte er die Gelegenheit genutzt, sie alleine aufzusuchen. Jan warf einen Blick aus dem Fenster, aus dem er eine gute Sicht auf den belebten Rathausmarkt hatte. Die Sonne strahlte und Touristen tummelten sich um den Brunnen im Zentrum des Marktplatzes. Dann wandte er sich wieder der Sekretärin seines Vaters zu.

„Kommen Sie, Frau Rappold. Ich bin nicht zum Spaß hier, sondern weil ich wissen möchte, was los ist. Sie können mir nicht erzählen, dass Sie nicht merken, dass mein Vater ein Problem hat.“

Frau Rappold rutschte unruhig auf dem Besprechungsstuhl hin und her, dann strich sie sich ihr rotgefärbtes Haar aus dem Gesicht: „Herr von Berghaus – ich fühle mich nicht wohl dabei. Ganz ehrlich, mir wäre es lieber, wenn Ihr Vater hier wäre.“

„Der ist aber an der Ostsee“, fuhr Jan sie an. „Wir machen uns alle Sorgen um ihn und Sie könnten uns da wirklich weiterhelfen. Wenn Sie ihn decken, bringt es ihm gar nichts.“

Sie hob empört die Hände. „Also bitte, Sie sprechen ja von Ihrem werten Herrn Vater, als ob er ein Verbrecher wäre!“

Jan seufzte. „Wirklich?“, gab er sarkastisch zurück. „Wissen Sie, ich verliere langsam die Geduld. Trinkt mein Vater?“

„Wie bitte?“

„Na, das würden Sie doch mitbekommen, Sie arbeiten eng mit ihm zusammen. Hat er manchmal eine Alkoholfahne?“

„Natürlich nicht. Ihr Vater hat in diesem Büro zu Geschäftszeiten noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt!“

„Haben Sie einen Schlüssel zu seinem Schreibtisch? Vielleicht versteckt er da was.“

„Jetzt hören Sie aber auf!“ Frau Rappold hatte die Hand gehoben und war offensichtlich dicht dran gewesen, mit der Faust auf den Tisch zu hauen, hatte aber die Bewegung gerade noch abgefangen und ihre flache Hand anschließend sachte auf der Tischplatte gelegt. Jan wunderte sich, wie sehr die Sekretärin um Beherrschung bemüht war.

„So kommen wir hier nicht weiter. Soll ich erst die anderen Mitarbeiter und Kollegen fragen? Das wollen Sie doch auch nicht, dass das hier die Runde macht!“

Sie fuhr hoch und blitzte ihn ärgerlich an, dann schaute sie aus dem Fenster, schien nachzudenken und lenkte ein. „Also gut. Ich sage Ihnen, was ich weiß, aber das ist nicht viel.“

Jan unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Stattdessen goss er sich noch einmal Kaffee aus der silbernen Kanne ein. Der erneute Jetlag nach so kurzer Zeit saß ihm ganz schön in den Knochen.

„Schön. Fahren Sie fort“, ermunterte er sie.

Frau Rappold schwitzte, ihr Gesicht rötete sich und mit jeder Geste gab sie zu verstehen, wie unangenehm ihr die Situation war. Zögerlich begann sie zu sprechen: „Es geht schon eine Weile so, dass er komisch ist, der Herr Senior. Zuerst habe ich mir nichts gedacht, es hat ja jeder Mal einen schlechten Tag. Das kennen wir doch alle!“ Sie machte eine theatralische Pause. „Na ja, er hat halt öfter mal Termine vergessen. Das kann ja passieren, aber dafür bin ich ja da. Aber seine Klienten, die wissen schon, warum sie zu uns kommen. Er ist doch der beste Anwalt in der Stadt!“

Jan unterdrückte ein Augenrollen. Frau Rappold knetete unterdessen ihre Hände und erzählte weiter. „Ach, ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Er hat sich in den letzten Monaten irgendwie verändert. Sonst war er immer so freundlich, aufmerksam und zuvorkommend. Jetzt ist er oft fahrig und daneben. Ich tippe ja immer die Bänder ab, die er für die Schriftsätze bespricht, und da ist mir schon aufgefallen, dass er oft irgendwie nicht so bei der Sache ist. Ich kann das gar nicht beschreiben. Oft fehlen Teile im Satz und ich muss ihn dann darauf ansprechen und dann wird er schnell ausfallend. So kenne ich ihn gar nicht.“ Frau Rappold wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. „Wir haben immer so gut zusammengearbeitet in den letzten fünfundzwanzig Jahren.“

Jan nickte; er wollte ihr das Gefühl vermitteln, sie zu verstehen, auch wenn er sich nichts weniger vorstellen konnte, als fünfundzwanzig Jahre lang mit seinem Vater zusammenzuarbeiten. „Selbstverständlich, das weiß ich doch. Aber was glauben Sie, woran es liegt – was hat er für ein Problem?“

„Ich bin mir nicht sicher, aber etwas stimmt nicht. Es ist ja sogar noch schlimmer gekommen als nur die Ruppigkeit. Seit ein paar Wochen muss ich bei jedem Termin dabei sein, weil er will, dass ich direkt die Gespräche aufnehme, um Fehler zu vermeiden. Manchmal ist er dann geistig so weit weg, dass ihm der ein oder andere Name von langjährigen Klienten nicht mehr einfällt. Ich weiß nicht, was ihn von der Arbeit ablenkt, aber es ist sicher nichts Gutes. Ich hoffe, er spielt nicht!“

Jan runzelte die Stirn. Sein Vater war ganz und gar kein Spielertyp. Im jährlichen Familienurlaub an die Ostsee hatte er sich nicht mal an der allabendlichen Kniffel-Runde der Familie beteiligt und hatte das als Zeitverschwendung abgetan.

„Ist er denn oft außer Haus?“

„Ich muss wirklich sagen, in den letzten Monaten kommt und geht er, wie er will. Manchmal sitzt er noch bis spät abends hier, wenn schon alle weg sind, und dann kommt er mal wieder zwei Tage gar nicht oder viel zu spät, auch wenn er Termine hat. Wir haben schon Bußgelder vom Gericht bekommen, weil er zu Anhörungen nicht erschienen ist.“

Jans Augen wurden groß. Das sah seinem Vater ganz und gar nicht ähnlich. Zum Glück hatten sie übermorgen den Termin im medizinischen Präventionszentrum.

„Das klingt wirklich besorgniserregend.“

„Ja, und dann ist er wieder ein paar Tage voll dabei; ich erlebe ja, wie brillant er sein kann. Ich habe keine Ahnung, wie Ihr Vater das macht, aber die Gesetze sind ihm mit den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Ich glaube, man könnte ihn nachts um drei aufwecken und er könnte Ihnen noch sagen, wo was steht. Er ist schließlich seit vierzig Jahren Anwalt!“

Frau Rappold hatte ihre Hände ehrfürchtig ineinander gefaltet und geriet ins Schwärmen.

„Äh, ja. Wirklich brillant, das ist er. Vielen Dank, Frau Rappold. Es war mir eine große Hilfe, dass Sie so offen zu mir waren.“

Ihr Gesicht hatte wieder diesen unfreundlichen, verschlossenen Ausdruck angenommen, mit dem sie ihn grundsätzlich bedachte. „Aber glauben Sie mal nicht, ich hätte das für Sie getan. Mir geht es dabei nur um Ihren Vater!“

Sie stand mit einer energischen Bewegung auf, die man ihrem fülligen Körper kaum zugetraut hätte. Jan atmete entnervt aus, sparte sich aber einen Kommentar dazu. Sie war beinahe aus dem Büro, als sie sich noch einmal umdrehte. „Ich wollte Ihnen noch sagen, ich habe Ihrem Vater schon ein paarmal geraten, sich untersuchen zu lassen, gerade diese Schusseligkeit hat mich beunruhigt. Aber Sie kennen ihn ja, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat oder etwas nicht will, dann hat man keine Chance.“

„O ja.“ Jan nickte abwesend. Er hatte noch keine Ahnung, was da auf ihn zukommen würde, aber er konnte sich kaum vorstellen, dass das Problem seines Vaters in wenigen Tagen behoben sein würde. Spiel- oder Alkoholsucht konnten das Ende seiner Zeit als Kanzleichef bedeuten und dann wäre Jan gezwungen, sich zu entscheiden. Er schüttelte den Gedanken ab. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm und alles würde sich leicht erklären lassen. Vitaminmangel oder ein Burnout. Der Arzt hatte erwähnt, dass eine Depression sich so äußern könnte. Die Betroffenen hätten gute und schlechte Tage. Soweit Jan wusste, konnte man Depressionen effektiv mit Medikamenten und therapeutischen Sitzungen in den Griff bekommen. An diesen Strohhalm klammerte er sich, als er die Kanzlei am frühen Nachmittag verließ, um das schöne Wetter zu genießen, bevor er sich um die E-Mail-Anfragen aus Shanghai kümmern musste. Er hatte sich auch schon überlegt, ob möglicherweise ein angestellter Anwalt die Leitung vorübergehend oder sogar längerfristig übernehmen könnte, aber soweit er das momentan beurteilen konnte, kam dafür keiner im Haus in Frage. Die drei Kollegen waren Fachanwälte, die in ihrem Gebiet eingespielt und mit ihrer Expertise für die Kanzlei wichtig waren, aber seiner Meinung nach war keiner von ihnen geeignet, das Ruder vollständig zu übernehmen. Nein, da würde er sich was anderes überlegen müssen.

 

„Also, Frau Lorenz, ich muss Ihnen leider sagen, dass wir da nichts machen können.“

Ingas Hände waren eiskalt und ihr Magen rebellierte. „Wie meinen Sie das?“

„Ich habe mir die Unterlagen noch einmal genau angesehen, aber wir können Ihren Kredit nicht aufstocken.“

„Herr Varenholz, ich bitte Sie, da muss es doch irgendeine Möglichkeit geben!“

Der Kundenbetreuer der Lüneburger Bank klappte die Mappe zu und rückte seinen Stuhl ein wenig nach hinten. Inga saß mit dem Rücken zu einer Glaswand, durch die die Kunden der Lüneburger Bank auch von außen hineinsehen konnten.

„Ich fürchte nein. Tut mir leid.“

„Aber wenn ich keinen Ersatz für den defekten Röster bekomme, kann ich das Geschäft so nicht weiterbetreiben! Ich müsste den Kaffee bereits fertig geröstet kaufen und das würde zum einen eine schlechtere Qualität bedeuten als das, was ich in meinem Laden verkaufen möchte, und zum anderen würde mir da ein ganzes Stück von der Marge fehlen.“

Inga redete schnell; sie atmete durch den Mund, dabei klang ihre Stimme gehetzt.

Herr Varenholz neigte den Kopf ein wenig zur Seite, als ob er ihr damit signalisieren wollte, dass er sie verstand. Aber Inga konnte in seinen grauen Augen erkennen, dass es ihm scheißegal war und er sich wünschte, dass sie ihn endlich in Ruhe ließ, weil sie ihm nur Zeit stahl.

„Leider können wir, als Lüneburger Bank, Ihnen da auch nicht helfen. Sie sollten sich noch einmal mit der Versicherung unterhalten. Sie haben doch sicher einen Rechtsschutz und manchmal muss man da härtere Bandagen anlegen bei so großen Konzernen wie der Norddeutschen.“

Inga wurde übel, sie hatte nämlich keine Rechtsschutzversicherung, die war ihr zu teuer gewesen. Ein dummer Fehler, wie sie jetzt feststellen musste.

„Aber …“

Herr Varenholz ließ sie nicht ausreden. „Wie ich schon sagte, es tut mir außerordentlich leid, dass wir Ihnen nicht mehr entgegenkommen können, aber mir sind da die Hände gebunden. Ich habe jetzt leider gleich noch einen anderen Termin …“. Er blickte demonstrativ auf seine goldene Armbanduhr. Inga sah auf ihre Hände. Nein, sie würde nicht vor dem eiskalten Banker anfangen zu heulen. Reiß dich zusammen, dachte sie, schob den Stuhl energisch nach hinten und stand auf. „Gut, dann vielen Dank, Herr Varenholz. Auf Wiedersehen.“ Sie streckte ihm die Hand hin und hob ihr Kinn noch ein wenig an, auch wenn die Tränen in ihren Augen brannten. Sie würde sich nicht von einem blöden Provinzbanker fertigmachen lassen. Irgendwo musste es eine Lösung geben und wenn sie die gefunden hatte, würde sie dieser scheiß Bank den Mittelfinger zeigen und ihre Geschäfte zukünftig über ein anderes Geldinstitut regeln.

„Auf Wiedersehen, Frau Lorenz. Wenn noch etwas ist, rufen Sie mich bitte jederzeit an.“

Ja klar, du Arschloch, dachte sie, sagte aber nichts, sondern lächelte nur und ging mit gestrafftem Rücken aus dem Büro. Sie spürte, dass ihr Gesicht zu einer Maske geworden war, aber es war ihr egal. Sie wollte den Mann nicht wissen lassen, wie enttäuscht sie darüber war, dass man sie als ortsansässige Geschäftsfrau so im Regen stehen ließ.

Ingas Kehle war staubtrocken und erst, als sie aus dem Gebäude der Lüneburger Bank an der Münze herauskam, fiel ihr auf, dass Herr Varenholz ihr nicht mal ein Glas Wasser angeboten hatte. Unglaublich, wie arrogant die Kerle mittlerweile geworden waren! Sie war halt keine junge Familie, die ein schickes Einfamilienhaus am Stadtrand kaufen wollte. In diesem Moment spürte sie die Einsamkeit der Selbstständigen im Einzelhandel deutlich. Der kleine Laden von Nebenan war denen doch völlig egal. Sie war wütend, als sie sich in der Bäckerei neben der Bank eine Apfelschorle kaufte. Sie brauchte noch ein wenig frische Luft, bevor sie in den Laden ging. Ihre Mutter und Leonie, ihre Vierhundertfünfzig-Euro-Kraft, hatten sicher alles im Griff.

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