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Acqua Mortale

Gewidmet meinen Söhnen Lorenzo und Claudio.

Sie wissen, was es heißt, Deutsche in Italien und

Italiener in Deutschland zu sein.

Inhaltsübersicht

Die wichtigsten Figuren

TEIL I

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TEIL II

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TEIL III

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TEIL IV

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EPILOG

Danksagung

Die wichtigsten Figuren:

Kaspar Lunau, 42 Journalist

Amanda Schiavon, 21 Publizistikstudentin

Vito Di Natale, 40 Wasserbauingenieur

Silvia Di Natale, 38 Vitos Frau, dazu Mirko, 10, und Sara, 7

Giuseppe Pirri, 56 Chef des Deichbauamts (AIPO)

Alberto Gasparotto, 65 Chef der Binnenschifffahrtsbehörde (ARNI)

Andrea Zappaterra, 47 Sandgrubenbesitzer

Marta Zappaterra, 44 seine Frau

Dany Bellini, 27 Sekretärin

Gustavo Bellini, 55 Schäfer, Danys Vater

Adelchi Schiavon, 51 Steuerberater, Amandas Vater

Michele Balboni, 48 Leiter der Mordkommission

Außerdem:

Marco Clerici unter ungeklärten Umständen verstorben, einst Amandas Freund

Susanna Clerici, 41 Marcos Mutter

Stefano Catozzo, 31 Brigadiere der Polizei

Sandro Massari, 35 Brigadiere der Polizei

Antonino Pulla, 26 Vicebrigadiere

Ida Gasparotto, 93 Alberto Gasparottos Mutter

Jette Lunau, 39 Lunaus Frau, dazu Stefan, 11, und Paul, 7

Dr. Wilma Gerstner, 45 Lunaus Wellenchefin

TEIL I

1

Zornig starrte Aroldo auf seine Stiefel, die bei jedem Schritt im Matsch festklebten und sich nur quatschend, mit einem plötzlichen Ruck, befreien ließen. Achtzehn Kilometer hin, achtzehn Kilometer zurück, dazwischen eine schlaflose Nacht, eigentlich hätte er zu erschöpft sein müssen, um all die Wut und Enttäuschung zu spüren. Nicht einmal Fahrräder hatten sie benutzen dürfen, »zum Schutz der Operation«. Welcher Operation?, fragte er sich.

Sie hatten die Nacht, während ihre Mägen knurrten und die Nässe durch ihre geflickten Stiefel, durch Gamaschen, Hosen und Jacken kroch, am Rande eines frisch gepflügten Feldes gelegen, zwischen Krüppelweiden und Schafdung. Sie hatten in die Stille gehorcht und das Jucken in ihren Schamhaaren gespürt. Gegen vier hatte Aroldo eine Filzlaus erwischt und mit den Nägeln geknackt, um halb sechs hatten sie die Aktion abgebrochen. Da dämmerte es, und es war klar, die Amerikaner würden nicht mehr kommen.

Aroldo blieb stehen und schaute sich um. Es war längst Tag, in der Ferne bellte ein Hund, ein Reiher flog träge an einem Kanal auf, der pfeilförmige Kopf, der zerbrechliche Hals, man hörte den Schlag seiner schweren Schwingen. Weit und breit nur nasse, schwarze Felder, durch die sich schnurgerade die Bewässerungskanäle und Wege zogen. Auf Kilometer kein Versteck, keine Deckung. Nur Felder, Wiesen, Wege, so weit das Auge reichte. Hin und wieder ein Bauernhof, auf dem sich die Versorgungseinheiten der Deutschen eingenistet hatten und den Bauern die Haare vom Kopf fraßen. »Partisanen können nur im Gebirge überleben. In Höhlen und auf verlassenen Almen«, hatte der Brigadekommandeur gesagt. »Die Bauern unterstützen uns.« – »Die Höfe sind fast alle besetzt.« – »Wenn die Deutschen in den Häusern hocken, dann wohnen wir eben im Heuschober«, hatte Aroldo trotzig erwidert. »Und wenn die Deutschen im Heuschober sind?« – »Dann quartieren wir uns im Stall ein.« Sie hatten es tatsächlich geschafft, in der Ebene einen Partisanenkrieg zu organisieren. Und mit den amerikanischen Maschinenpistolen, Panzerfäusten und Handgranaten wollten sie den Deutschen mit offenem Visier begegnen, beweisen, dass sie keine Wegelagerer und Kriminellen waren, sondern Krieger wie sie. Tapferer als sie. Sie wollten die Deutschen festsetzen, aufreiben. Noch bevor sie Ferrara, Aroldos Heimat, erreichten.

Doch kein Flugzeug war über die deutschen Linien geflogen. Die kleinen weißen Fallschirme mit den Holzkisten waren nicht vom Himmel geschwebt.

Was sollte er jetzt seinen Kameraden sagen?

Endlich war im Nebel das kleine Gehöft aufgetaucht. Am Wohnhaus konnte Aroldo das birnenförmige Loch im Dach und die sechs Fenster unterscheiden. Träge wand sich der Rauch aus dem Kamin, Fiocco, der Bastard, bellte aufgeregt. Niemand zu sehen. Offensichtlich saßen Aroldos Kameraden mit den Bauersleuten und ihrem halbwüchsigen Sohn zusammen. Teilten die Arbeiten ein: Die Schweine mussten versorgt, das kleine Wehr am Bewässerungskanal repariert werden. Die Partisanen halfen, wo es ging. Dafür bekamen sie ein Dach über dem Kopf und zu essen, jetzt, im April, nicht viel mehr als vertrocknete Fenchelknollen und Kartoffeln.

Aroldo wollte schon auf seinem Pfeifchen spielen, wollte Stefano, den vierzehnjährigen Sohn der Bauern, aus dem Haus locken, als ein Windhauch über die schmutzige Türschwelle fuhr und ein paar weiße Flocken aufwirbelte. Aroldos Herz schlug schneller. Das war kein Schnee. Das waren Flaumfedern. Und warum wurde um diese Zeit nicht auf den Feldern gearbeitet? Mit einem einzigen Blick hatte Aroldo das kleine Gebäudeensemble erfasst: Vor sich das Haus, links der kleine Schuppen, rechts der Stall. Jemand hatte ein Huhn gerupft. Sicher nicht die Bauersleute. Und erst recht kein Kamerad. Seit drei Monaten ertrugen sie ihr Gackern, aber wenn sie die Tiere zu lange anstarrten, dann erriet der Bauer ihre Gedanken und stieß wüste Beschimpfungen aus. Aroldo spürte, wie das Blut in den Schläfen pumpte, sein Atem sich beschleunigte. Abhauen. Aber das wäre verdächtig gewesen. Sicher wurde er schon beobachtet. Seine Waffe. Die musste er loswerden. Er öffnete den Hosenstall und ging, betont langsam, hinter den Schweinestall. Ein Ölfleck, Reifenspuren, dort hatte ein Krad mit Beiwagen gewendet. Aroldo zog sein Glied hervor und zielte mit dem Strahl auf den Abzugsgraben, in dem sich das Schmelzwasser gesammelt hatte. Wenn er die Pistole hineinwarf, würde man das Klatschen bis zum Haus hören. Er ließ sie neben seinen Fuß fallen und schob sie unter einen Klumpen Mist.

»Mani sù!«, schrie ein Mann mit dem eckigen Akzent der Deutschen. Hände hoch! Aroldo ließ den Urin einfach in weitem Bogen weiterlaufen.

Ein Tritt traf ihn in die Kniekehlen, und er fiel auf den Rücken. Der Soldat zerrte ihn am Kragen hoch. Er war blutjung. Mit seiner Maschinenpistole dirigierte er Aroldo zum Haus. Manchmal lächelte er schief. Wollte er freundlich sein? Er hatte ihn nicht einmal nach Waffen durchsucht, achtete auf den Matsch, statt auf Aroldo. Aroldo hatte sein Schnitzmesser im Gürtel stecken. Er musste die Halsschlagader treffen. Aber wenn er den Deutschen erstach, dann waren die Kameraden geliefert. Vorausgesetzt, sie lebten noch.

Aroldo wollte nicht glauben, dass sich innerhalb weniger Stunden die Euphorie in ein solches Desaster verkehren konnte. Und schuld waren nur die Amerikaner! Sie hatten die Deutschen durch den ganzen Stiefel gejagt, bis an die Gotenlinie. Auf dem Apennin, nur fünfzig Kilometer entfernt. Und dann war plötzlich Schluss gewesen. Die Deutschen hatten das soundsovielte Wunder geschafft. Weil die Amerikaner sie gewähren ließen. Weil der amerikanische General Alexander im November verkündet hatte: »Bei dem Wetter kann man keinen Krieg führen. Wir sehen uns im Frühling wieder.« Die Deutschen hatten sich eingegraben und hatten auch diesem brutalen Winter getrotzt. Sie schienen längst geschlagen, aber nach fünf Jahren Krieg waren sie gegen Schläge und Kälte unempfindlich geworden, während die britischen L KW von den vereisten Feldwegen schlitterten und das Schmierfett an den Panzerfahrzeugen hart wurde. Während die Treibstofftanks der Amerikaner platzten und die indischen Einheiten von Lungenentzündung und Ruhr dezimiert wurden.

Damit hatten die Deutschen Zeit, um das Hinterland zu durchkämmen. Auf Partisanenjagd zu gehen. Die Partisanen wussten ohnehin nicht, wie sie den Winter überstehen sollten. Hungrig waren sie in die Städte geflüchtet, auf der Suche nach Brot und Wolle. Manche hatten sich auf Dachböden versteckt. Wer nicht steckbrieflich gesucht wurde, war einfach wieder arbeiten gegangen, hatte weiter Gewehrläufe für die deutschen Besatzer gezogen und Kugeln gegossen, die sich in den Kopf ihrer Kameraden bohren würden. Manche hingen im Morgengrauen an einer Straßenlaterne, um den Hals eine Schlinge aus Stacheldraht und ein Schild, auf das die Deutschen, auf Deutsch und Italienisch, »Verräter« geschrieben hatten.

Die Tür führte direkt in die Stube. Rechts der Herd, auf dem ein großer dampfender Topf stand. Es duftete nach Hühnerbrühe. Man hatte sieben Stühle im Halbkreis aufgestellt. Darauf die Bauersleute, der Junge und Aroldos Kameraden. Mit ihren eigenen Schnürsenkeln gefesselt, aber unverletzt. Zwei Soldaten zielten mit Maschinenpistolen auf die Gefangenen, ein Offizier stellte in einem gepflegten Italienisch Fragen. Gott sei Dank keine S S, dachte Aroldo. Große Funkgeräte, ein paar Akkumulatoren, eine Fernmeldeeinheit.

»Wer sind Sie?«, fragte der Offizier den Bauern, der mit müder Stimme seinen Namen wiederholte und erzählte, wie lange er schon den Hof bewirtschaftete. Er musste diese Sätze schon die ganze Nacht aufgesagt haben.

»Und das?« Der Offizier deutete auf die Frau, während man einen achten Stuhl für Aroldo in den Halbkreis stellte.

»Meine Frau, Fiamma.«

»Und das?«

»Mein Sohn Stefano.«

»Und das?« Er deutete auf Lorenzo, den jüngsten der Kameraden.

»Ein Knecht.«

»Und das?« Er deutete auf den nächsten.

»Ein Knecht.«

»Und das?«

So ging es reihum, immer wieder, ein ums andere Mal.

Die spinnen, die Deutschen, dachte Aroldo, während der Offizier in seinem gelehrten Italienisch davon redete, dass es eine Schande für so eine große Kulturnation wie Italien sei, dass sie den Stahlpakt gebrochen habe, das gegebene Wort. Dass das Deutsche Reich nicht Krieg führe, um Tod und Verderben zu bringen, sondern eine höhere Idee von Volkstum und Ehre.

Aroldo spürte auf seiner Wange den flehenden Blick Stefanos. Aroldo drehte sich zu ihm, lächelte ihn an und sagte: »Mach dir keine Sorgen, wir sind nur einfache Bauern. Die Deutschen werden das feststellen.«

Der Offizier steckte sich eine Zigarette an und formulierte wieder seine Fragen. Immer dieselben.

»Wie viel Hektar Land bewirtschaften Sie?«

»Zehn.«

»Fünf Knechte für zehn Hektar Land? Sind Sie arbeitsscheu?«

Seine Leute starrten teilnahmslos vor sich hin, während im Herd das Feuer knackte, die Brühe blubberte und der Hühnerduft allen den Schweiß auf die Stirn trieb.

Zwei Soldaten wurden angewiesen, die Zimmer zu durchsuchen. Man hörte ihre verhaltenen Stimmen, leises Gepolter. Sie schienen nichts mutwillig zu zerstören. Aroldo schaute verstohlen die Kameraden an. Luigi, der erst drei Wochen bei ihnen war, geflohen vor dem Einberufungsbefehl der Faschisten, genauso wie Beppe und Aldo. Lorenzo war erst siebzehn. Er hatte beide Brüder im Abessinienfeldzug verloren. »Wenn ich sterbe, dann nicht für den Duce«, hatte er gesagt und die Faust zum kommunistischen Gruß erhoben, obwohl er noch nie ein Wort von Karl Marx oder Antonio Gramsci gelesen hatte. Aroldo dachte an seinen Lederbeutel, in dem sich ein vierter Pullover, eine wollene Unterhose und ein Korken befanden. Darin steckte ein kleiner Zettel für den Posten in Cento, ein Kassiber. Aroldo kannte den Inhalt nicht, es war ihm verboten, ihn zu lesen. Aber wenn die Deutschen ihn fanden, würde man sie erschießen, die Bauersleute inbegriffen.

Aroldo wurde steckbrieflich gesucht. Sein Bild hing in Bologna an jeder Hausecke. »Der Pfeifer«, das war sein Spitzname, fünf Kilo Salz und fünftausend Lire wurden für seine Ergreifung geboten. Partisanen zu denunzieren war seit Monaten die einzige Chance, an Salz zu kommen.

Der Offizier stellte sich vor den Bauern und sagte: »Wir haben einen Hinweis aus der Bevölkerung bekommen.«

Der Bauer antwortete nicht.

»Dem müssen wir nachgehen, das ist unsere Pflicht, verstehen Sie? Sie sollen hier Saboteure verstecken.«

»Behauptet mein Nachbar Sabelli das? Der war schon immer auf meine Felder scharf«, sagte der Bauer.

Der Offizier schüttelte den Kopf. »Wir kennen keinen Sabelli. Der Hinweis kommt aus berufenem Mund.«

Die beiden Soldaten kehrten in die Stube zurück. Sie schüttelten den Kopf. Das Funkgerät krachte, und der Funker setzte den Kopfhörer auf, schraubte an den Reglern und fing an, sich Notizen zu machen.

»Wie heißen Sie?«, fragte der Offizier Aroldo.

Aroldo nannte seinen Decknamen, sein fingiertes Alter, seinen Geburtsort, ein winziges Dorf im Po-Delta, wo sie das Geburtsregister vernichtet hatten, damit die Faschisten keine Einberufungsbefehle zustellen konnten.

»Wo waren Sie die ganze Nacht?«

»In Bologna.«

Aroldo musste sich verkneifen, die anderen anzuschauen.

»Sie wissen, dass eine Ausgangssperre herrscht.«

»Ich bin gestern Nachmittag losgegangen und erst um sechs Uhr heute Morgen wieder aufgebrochen.«

»Wo haben Sie übernachtet?«

»Bei einem Freund.«

Aroldo nannte Namen und Adresse.

»Was hatten Sie in Bologna zu suchen?«

»Fahrradschläuche.«

Das Gesicht des Deutschen entspannte sich ein wenig. Offensichtlich hatten alle dasselbe gesagt.

Der Funker rief den Offizier an den Apparat. Dieser nahm den Hörer, presste ihn sich ans Ohr, legitimierte sich und sagte mehrmals: »Jawohl.«

»Ich bin Angehöriger der Wehrmacht«, sagte der Offizier, nachdem er aufgelegt hatte. »Ich halte mich an Kriegsrecht.« Er war rot im Gesicht.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an, rauchte hektisch und ging auf und ab.

»So nehmen Sie doch Vernunft an!«, schrie er den Bauern an. »Sie setzen Ihr Leben aufs Spiel.«

Plötzlich hörte man in weiter Ferne ein Grummeln, dann einzelne Schläge. Als ob ein Gewitter heranrollte. Aber alle im Raum hatten geschulte Ohren. Das war Artilleriefeuer, etwa dreißig Kilometer entfernt. Einer der Soldaten schaute aus dem Fenster, dann sandte der Funker einen Spruch ab.

Das musste sie sein, die lang ersehnte Offensive. Sie brach mit ungeheurer Gewalt los und schien schon die Vororte Bolognas erreicht zu haben. Die Deutschen wurden hektisch. Zwei Soldaten stürmten hinaus, holten das Krad aus einem Gebüsch und den gepanzerten Funkwagen aus dem Schweinestall. Der Offizier schaute Aroldo und seine Kameraden an. Sollte er sich an die Genfer Konvention halten? An seine Soldatenehre? Acht Patronen sparen? Dann mochten ihm seine Kameraden einfallen, die er mit geplatztem Schädel, abgerissenen Gliedmaßen oder in Großwildfallen hatte verbluten sehen. Scheiß auf die Genfer Konvention! Wir haben den Italienern in Griechenland, in Afrika, auf dem Balkan den Arsch gerettet. Und das ist der Dank. Sie kämpfen nicht wie Männer, sondern schießen aus dem Hinterhalt, lockern Bahngleise, erstechen uns im Schlaf, mischen sich unter Marktweiber und stecken uns entsicherte Handgranaten in die Manteltaschen.

»Aufsitzen«, schrie er. Er legte seine Hand auf das Lederholster, das er am Gürtel trug. Dann schrie er: »Heil Hitler« und verschwand durch die Tür.

Die Augen der verbliebenen acht Personen wanderten von der Tür zur Feuerstelle: Das Huhn war längst gar.

2

Lunau überkam, als er auf seinen Schreibtisch sah, ein Gefühl von Ekel, aber er hatte sich geschworen, dass er bis zum Nachmittag die Formulare mit den Produktionsabrechnungen ausfüllen würde. Insgesamt 45 Seiten, in denen er kaschieren musste, dass er seinen Autoren einen Teil der Reisespesen erstattete. Außerdem hatte er mehrere Einladungen zu Festivals zu beantworten, zwei Manuskripte höflich abzulehnen, zwei Sendungen für Übernahmen zu prüfen, um 15 Uhr stand eine Besprechung mit den Abteilungsleitern Tagesaktualität und Künstlerisches Wort an, am Abend ein Symposium zur Meinungsfreiheit im Großen Sendesaal. Er war zum Bürokraten geworden.

Da klopfte es. Er rief: »Herein.«

Die Tür schwang auf, und Lunau traute seinen Augen nicht. Da stand Dr. Wilma Gerstner und lächelte. Sie hatte ihn noch nie angerufen, geschweige denn aufgesucht.

»Was verschafft mir die Ehre?«, fragte er und bot seiner Wellenchefin einen Stuhl an. Sie blieb stehen, als wäre ihr der physische Kontakt mit dieser Umgebung unangenehm. Eine längliche Zelle mit grauem Teppichboden, angegrauten Wänden und einem vergilbten Holzfenster von 1929. Frau Gerstner betrachtete die unzähligen Farbfotos, die Lunau an die kahlen Wände gepinnt hatte. Zwei Sudanesen in verdreckten Ärztekitteln, eine Gruppe Eritreer in Kampfanzügen und Flip-Flops, Kinder mit Macheten auf einer Kakaoplantage. Die Bilder hatten nichts mit seiner jetzigen Funktion zu tun, und das schien Frau Gerstner zu missbilligen. Sie schaute aus dem Augenwinkel noch immer auf die Fotos und sprach wie beiläufig.

»Wie Sie wissen, arbeiten wir an einer neuen Kommunikationskultur im Haus. Unser Sender muss effizienter, schlanker, dynamischer werden.«

»Und dazu schafft man immer neue Chefsessel?«

Dr. Wilma Gerstners Rücken wurde steif. Sie war Mitte vierzig. Ihr Haar dunkelblond getönt, Lider und Wangen leicht geschminkt, Feuchtigkeitscremes sollten die Furchen um Augen und Mund füllen. Ein halbes Leben lang hatte sie eisern darum gekämpft, beneidet zu werden. Und jetzt, in der zweiten Lebenshälfte, kämpfte sie eisern gegen ihre Neider. Zu denen sie auch Lunau rechnete.

»Ich weiß nicht, wie ich Ihre Bemerkung verstehen darf.«

»Alle sechs Monate wird unser Budget gekürzt, angeblich müssen wir die anderen ARD-Sender jedes Jahr um Finanzhilfe bitten. Wir haben kein Geld mehr für Reisespesen und CD-Rohlinge in den Studios. Wie hoch ist denn der Posten unseres neuen Koordinators für Kultur dotiert? Und wozu brauchen wir ihn? Um seiner Partei zu berichten, was wir hier treiben? Oder sagt ihm seine Partei, was wir hier treiben sollen?«

Frau Gerstners Wangen wurden rot. »Sie sind nicht in der Position, die Richtungsentscheidungen unseres Hauses zu beurteilen.«

»Das habe ich auch nicht vor. Ich bin ein Mann der Praxis.«

»Ach ja?« Frau Gerstners Ton war scharf geworden. »Gut, dass Sie das erwähnen. Dann lassen Sie uns über die Praxis sprechen. Eigentlich war ich gekommen, weil ich ein Zeichen setzen wollte. Ich will die langen Dienstwege abschaffen. Flache Hierarchien ist das Stichwort.«

Lunau fragte sich, warum ihn keiner vorgewarnt hatte. Entweder hatte die Gerstner die anderen nicht besucht, oder die anderen kümmerten sich nicht mehr um Lunau.

»Also zur Praxis. Ihre Redaktion beliefert fünf Mini-Programmplätze in der Woche, fünf Mal fünf Minuten, und glauben Sie mir, ich gehöre zu unseren treuesten Fans. Ich spreche jetzt sozusagen als Ihre Hörerin, nicht als Ihre Chefin. Ich habe in diesem Jahr noch nicht eine spannende Neuproduktion gehört. Und diese Reisebilder aus Kasachstan, sagen Sie mal, wollen Sie sich über unser Publikum lustig machen?«

»Ich wollte einem Anfänger eine Chance geben.«

»Wir sind kein Workshop für Stümper.«

»Der Junge ist kein Stümper. Er muss nur ein wenig geschult werden.«

»Dann schulen Sie ihn. Dazu sind Sie Redakteur.«

»Wissen Sie eigentlich, unter welchen Bedingungen wir hier produzieren? Sie wollen Reisebilder aus aller Welt, aber wir dürfen unseren Autoren keine Reisespesen erstatten. Glauben Sie, dass ein Profi unter solchen Bedingungen arbeitet?«

»Ich dachte immer, Sie wären Idealist, einer dieser Journalisten, denen es nicht ums Honorar, sondern um die Wahrheit geht.«

»Solche Leute wachsen aber nicht auf den Bäumen. Wenn Sie zu einer Konferenz nach Hamburg fahren, dann sind Sie sicher mit ganzem Herzen bei der Sache, bezahlen den Sprit aber trotzdem nicht aus eigener Tasche. Sie reisen mit Dienstwagen und Fahrer, und Sie bekommen auch noch eine Verpflegungspauschale ausbezahlt. Wenn mir ein Autor ein Thema aus Kasachstan anbietet, dann muss ich ihm sagen: Gerne, aber sieh selber zu, wie du da hinkommst.«

Frau Gerstner machte fast unsichtbare Kaubewegungen. »Sie werden doch eine Wellenchefin nicht mit einem x-beliebigen freien Autor vergleichen wollen.«

»Ich dachte, das sei mit flachen Hierarchien gemeint.«

Frau Gerstner hatte zahlreiche Kurse zu Körpersprache, Rhetorik und souveräner Mitarbeiterbehandlung besucht. Lunau nicht. Er wusste nicht, in welchem inneren Handbuch sie gerade blätterte.

»Niemand hat Sie gezwungen, diesen Redakteursposten anzunehmen. Wenn ich meinem Vorgänger glauben darf, hat man diesen Sessel sogar für Sie eingerichtet, eine Art sozialer Geste. Ich mache Ihnen einen Vorschlag : Sie gehen mal wieder selbst an die Front. Liefern Sie mir einen Grund, dass die erste radikale Sparmaßnahme im Hause nicht Ihre Stelle betrifft. Sie haben eine Woche.«

Die Tür fiel mit einem Krachen zu, das sicher aus keinem der Handbücher stammte. Lunau wollte aufstehen und sich die Beine vertreten. Er brauchte Luft. Er nahm seine Jacke vom Haken, als das Telefon klingelte. Kein wirkliches Klingeln, sondern ein elektronisches Blubbern, eine Tonleiter aufwärts. Widerwärtig. Das Telefon stand neben dem Wust der Formulare, bei deren Anblick er am liebsten laut aufgeschrien hätte. Lieber ein Tagesmarsch durch eine Bergwüste, mit fünfzehn Kilo Gepäck und Blasen an den Füßen, als ein einziges Formular für Kostenaufstellungen auszufüllen.

Er wollte schon gehen, als er die Vorwahl auf dem Display erkannte. Ein Anruf aus dem Ausland.

Lunau meldete sich. Eine junge weibliche Stimme. Die sich als Amanda Schiavon ausgab. Sie sprach Deutsch, mit starkem italienischem Akzent. Lunau setzte sich.

»Was kann ich für Sie tun?«

Die junge Frau verhaspelte sich und sprang um auf Englisch. Ein britisches Englisch, das nach Seebädern und von den Eltern finanzierten Sommerkursen klang.

»Ich rufe aus Ferrara an. Ich brauche Ihre Hilfe.«

Lunau wartete. Das Mädchen war erregt, was auch der professionelle Tonfall nicht kaschieren konnte.

»Ich schreibe für Il Tempo di Ferrara, das wichtigste Lokalblatt, aber man will meinen Artikel nicht bringen, … eine riesige Geschichte. Soll unter den Teppich gekehrt werden, das heißt, ganz unter den Teppich kehren kann man es nicht, aber der Chefredakteur will nur fünf belanglose Zeilen in einer Randspalte bringen.«

»Ich verstehe immer noch nicht, was ich für Sie tun kann.«

»Das ist eine Riesenschweinerei. Die Sache an sich schon, dass man den Jungen vermutlich … Entschuldigen Sie.«

Sie fing noch einmal von vorne an. Die Geschichte hatte vor vier Jahren begonnen. Damals war bei einer nächtlichen Polizeikontrolle ein siebzehnjähriger Schüler, Marco, ums Leben gekommen. Laut offiziellem Bericht wegen eines durch Drogenkonsum ausgelösten Kreislaufkollaps. Doch der Zufall wollte, dass ein Onkel von Marco, ein Krankenpfleger, in jener Nacht in der Notaufnahme des Krankenhauses Sant’Anna Dienst tat. Und er sah, in welchem Zustand sein Neffe eingeliefert wurde. Gesicht und Oberkörper mit Schürfwunden und Hämatomen übersät. Und diese Hämatome waren striemenförmig wie die Schlagstöcke der Polizei. Die Eltern des Jungen nahmen sich einen Anwalt, der Nachforschungen anstellen ließ. Anwohner, die sich anfangs als Zeugen gemeldet hatten, wurden von Beamten unter Druck gesetzt und wollten sich schon eine Woche später an nichts mehr erinnern können. Die Tonbandaufzeichnungen der Funksprüche zwischen Streifenwagen und Zentrale waren verschwunden. Es gab für nichts Beweise, nur einen schalen Nachgeschmack, eine stumme Wut. Doch dann wurden Marcos Freunde aktiv, eine Menschenrechtsorganisation schaltete sich ein, verschiedene Bürgerinitiativen, und nach langem Ringen kam es zu einem Ermittlungsverfahren. Der Polizeichef war plötzlich versetzt worden, und jetzt wurde gegen mehrere Polizisten Anklage erhoben, wegen Vernichtung von Beweismitteln, unterlassener Hilfeleistung und vielleicht sogar fahrlässiger Tötung.

»Dann ist doch alles im Lot«, sagte Lunau.

»Nichts ist im Lot. Nicht einmal meine Zeitung will einen ordentlichen Bericht über den Prozess drucken. Wenn die Medien den Skandal nicht aufgreifen, dann wird die Sache im Sande verlaufen. Man wird den Prozess so lange verschleppen, bis sich nur noch Gutachter und Sachverständige streiten, bis die Menschen sich gelangweilt dem Tagesgeschäft zuwenden und alle Delikte verjährt sind.«

»Wir können den Gang der Justiz nicht beeinflussen, das ist nicht unsere Aufgabe.«

»Der Prozess allein wird nicht für Gerechtigkeit sorgen. Das müssen wir tun. Marco ist tot. Aber nicht weil er ein Junkie war, sondern weil die Polizisten ihn totgeschlagen haben. Das muss den Leuten gesagt werden.«

Lunau wusste nicht, was er mit diesem Mädchen anfangen sollte. Ihre Geschichte war empörend, das gab er zu, aber es war eine von Tausenden.

»Sie haben damals Solidarnews gegründet, um genau dafür zu sorgen: dass die Wahrheit ans Licht kommt, wenn nötig über Umwege. Dass Journalisten vor Ort, denen man die Arbeit erschwert, weil man sie unterschwellig oder offen bedroht, unter die Arme gegriffen wird.«

»Machen Sie eine Radiodokumentation daraus. Wenn sie gut wird, produziere ich Sie.«

Das Mädchen schluckte. »Mein Guthaben ist gleich aufgebraucht. Könnten Sie mich zurückrufen?«

Lunau notierte die Nummer, legte auf und wählte die italienische Handynummer. Wieder ein Posten, der in der Kostenprüfungsstelle für Unmut sorgen würde.

Das Mädchen schluchzte: »Sie können sich nicht vorstellen, in welchem Klima wir hier leben.«

»Haben Sie Erfahrung mit dem Radio?«

»Nein.«

»Aber Sie haben doch sicher ein Aufnahmegerät. Wichtig ist, dass Sie sich ein gutes Mikrophon besorgen. Und nehmen Sie nicht in Mp3 auf.«

»Ich möchte, dass Sie kommen.«

»Bitte?«

»Wenn Sie eine Radiodokumentation daraus machen, dann kann der Fall nicht mehr ignoriert werden.«

»Das geht leider nicht.«

»Warum nicht? Der Flug nach Venedig kostet hundert Euro. Ich kann Sie dort abholen. Früher hat ein Anruf bei Ihnen genügt, und Sie haben sich sogar in Bürgerkriegsgebiete begeben, 2002 sind Sie allein zu Fuß über die Demarkationslinie zwischen Äthiopien und Eritrea marschiert.«

»Wer hat Ihnen das erzählt?«

»Das steht im Internet.«

»Da steht viel Unsinn.«

»Ein Toter allein ist für Sie nicht interessant genug, oder? Hier geht es nicht nur um Marco, hier geht es darum, dass die Polizei unter dieser Regierung einen Freibrief hat. Denken Sie an das Massaker beim G-8-Gipfel in Genua. Da sind Hunderte Jugendliche misshandelt, Beweise gefälscht worden. Hier geht es darum, dass ein ganzes Land sich verändert.«

»Wenn ich recht informiert bin, hat es auch wegen der Vorfälle in Genua bereits Verurteilungen von Polizisten gegeben.«

»Aber keine Konsequenzen.«

»Tut mir leid. Ich bin Redakteur in einem neuen Aufgabenbereich, eine Menge Leute hängen von mir ab. Ich kann nicht einfach ins Ausland reisen, um irgendeine Geschichte zu recherchieren.«

»Das ist nicht irgendeine Geschichte, ich dachte, das hätten Sie begriffen.«

»Setzen Sie sich mit ›Solidarnews‹ direkt in Verbindung. Dort sind großartige Leute vernetzt, ich bin nur der Gründer.«

»Und als Journalist nicht mehr großartig, wie?«

»Hören Sie …«

Das Mädchen hatte aufgelegt.

3

Dany hörte, wie im Nebenraum die Tür ging, und zitterte fast vor Erregung. Es war der vierte Tag, an dem sie fastete. Am vierten Tag kam dieses Hochgefühl auf, diese Losgelöstheit. Der Hunger war unterworfen, jetzt war sie Herrin ihrer Gelüste. Immer noch tauchten dieselben Bilder in ihrem Kopf auf: Berge aus Radicchio mit Parmesanraspeln, Kartoffelpüree, das, neben einer fettig glänzenden Salama und Erbsen, auf dem Teller ein dampfendes Gebirgsmassiv bildete, Jumbobrötchen, aus denen die Kante eines gebratenen Hamburgers ragte. Aber diese Bilder waren keine Pein mehr, sondern ein heimliches, beliebig reproduzierbares Vergnügen. Und wenn sie hinter dem Kastell an der K2, der beliebtesten Eisdiele der Stadt, vorbeikam, dann erfreute sie sich am Anblick der Menschen, die bis auf die Straße Schlange standen. Diese Menschen waren unfrei, sie nicht. Selbst der Hunger, der archaischste und stärkste aller Instinkte, hatte sich ihrem Willen unterworfen.

Schwer klang sein Schritt auf dem Linoleum. Männer hatten etwa dreißig Prozent mehr Muskelmasse als Frauen, in ihrem Fall mochte die Differenz bei siebzig Prozent liegen. Sie hörte, wie er seine Jacke an die Wand hängte, seinen Schlüsselbund lässig auf den Tisch warf. Sie wusste, dass er gleich hereinkommen würde, dass seine Schritte im Nebenraum nur dazu dienten, ihrer beider Verlangen zu steigern. Sie kannte jede seiner Gesten und doch zuckte sie zusammen, als die Tür sich mit einem Ruck öffnete, der Luftzug an den Kanten der Papiere zupfte und die Jalousie mit einem blechernen Knall gegen den Fensterrahmen schlug. Er lächelte sie an, schloss die Tür, ging vorbei und drehte an dem Sechskantstab, bis die Lamellen sich aneinander schmiegten und im Raum nur noch Schummerlicht herrschte.

Er fuhr mit seinen Fingerspitzen über das Schlüsselbein, das sich hart und zerbrechlich unter ihrer fast transparenten Haut abzeichnete. Er griff mit einer Hand an ihre Kehle und drückte so fest zu, dass sie den Druck des Blutes in ihrem Schädel spürte. Sie schaute in seine Augen, die Pupillen waren geweitet, als hätte er Kokain geschnupft. Er lächelte. Kleine Sterne flimmerten am Rand ihres Gesichtsfeldes, der Sauerstoffmangel machte sich langsam bemerkbar, war jetzt kein angenehmer Kitzel mehr. Da ließ die Hand von ihr ab und schob sich unter ihre Bluse, tastete an den Rippenbögen entlang , griff nach der fast knabenhaft flachen Brust und stimulierte ihre Brustwarze.

Seine Zunge schmeckte nach Tabak und Minze, sie war rau und hart. Als ihre Becken aneinanderschlugen, sah sie in seinen Augen die freudige Überraschung. Sie wusste, wie sehr er diesen Knochen an ihr mochte, wie gerne er sie mit beiden Händen packte, um ganz in sie einzudringen, um ganz eins zu werden mit ihrem Körper, an dessen Vervollkommnung er so großen Anteil hatte. Er schien gemerkt zu haben, dass sie noch einmal ein halbes Kilo abgenommen hatte.

Er hatte nie von ihr verlangt, dass sie etwas künstlich verändern ließ. Kein Skalpell, kein Silikon. Er war ein Naturbursche, wie er so gerne sagte. Er mochte Jagdhunde, natürlich gereifte Weine und magere Frauenkörper. Je magerer desto lieber, so einfach war die Formel.

Sie spürte, wie die heiße Flüssigkeit sie erfüllte, während er ins Hohlkreuz ging und heftig schnaubte, seine Oberschenkel zu zittern begannen und er seinen Mund von dem ihren löste. »Du, du  …«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Du kleines Biest weißt, wie du mich um den Verstand bringst.«

Sie antwortete nicht. Männer konnte man nicht um den Verstand bringen, sie hatten keinen. Sie dachte an ihren Vater, der wie ein Tier unter Tieren lebte. Der in einem plötzlichen Anfall von Blutrausch alle Ziegen geschlachtet, ihre Haut gegerbt und auf Getreidesiebe gespannt hatte, um daraus Trommeln zu machen.

Während er seine Jeans zuknöpfte, war sein Blick plötzlich wieder hellwach. Er fischte ein Foto aus seiner Jackentasche und gab es Dany. Sie war darauf zu sehen, im Bikini, unten am Lido. Man sah noch die Hitze auf ihren Wangen, den Rausch des Neuen. Warum wollte er dieses Bild nicht mehr?

»Aber …?«

»Du musst mir einen Gefallen tun.«

Sie wartete und dachte an die Neuigkeit, die sie ihm hatte mitteilen wollen. Aber die Panik war stärker als die Gedanken.

»Du musst es mit ins Büro nehmen.«

»Wieso denn?«

»Ich gebe dir noch Bescheid. Sonst irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nur ein Anruf, ein Journalist aus Deutschland, den Namen habe ich notiert«, sagte sie, aber die wirkliche Neuigkeit war eine andere: Sie hatte die Pille abgesetzt. »Ich habe schon eine Familie, ich will kein Kind von dir«, sagte er immer. Aber sie wollte ein Kind von ihm. Sie wollte, dass er in ihr weiterlebte, egal was passieren würde.

4

Es war Mittwoch, der 28. April, als Kaspar Lunau in Ferrara eintraf. Zwei Tage waren seit Amanda Schiavons Anruf vergangen. »Du lieber Himmel«, dachte er, als er das groß gewachsene Mädchen auf dem Bahnsteig winken sah. Er schob sich mit seinem Koffer durch den Ausstieg und kämpfte gegen die wogenden Massen der Pendler an. Das Mädchen rannte fast, seine Wangen glühten vor Anstrengung oder Begeisterung, als es vor ihm stand und ihm die Hand hinstreckte.

»Wie haben Sie mich erkannt?«, fragte Lunau.

»Sie sehen genau so aus wie auf den Fotos.«

»Auf welchen Fotos?«

»Von ›Solidarnews‹, aus dem Internet.«

»Sie hatte ich mir dagegen anders vorgestellt.«

Das Mädchen hatte blau gefärbte Haare, die in Zapfen von ihrem Kopf abstanden, eine ganze Batterie von Ohrringen und sorgfältig zerfetzte Jeans von einer teuren Designerfirma. Ihr wahres Alter war unter der Schminke schlecht zu schätzen, sie mochte Ende Zwanzig sein.

Als Amanda nach Lunaus Reisekoffer griff, wehrte er sich.

»Ich bin erst 42, das schaffe ich noch.«

»Ich weiß, wie alt Sie sind. Ich habe mein Auto da, ich bringe Sie erst einmal ins Hotel«, sagte das Mädchen.

Als sie aus dem Bahnhofsgebäude traten, wehte Lunau die laue Frühlingsluft entgegen, ein azurblauer Himmel und das Geknatter von Scootern und alten Vespas, Kleinwagen und ramponierten Lastern. Die Leute hupten, palaverten, grüßten einander über die Fahrbahnen hinweg. Hätte man Lunau diese Tonspur im Studio vorgespielt, er hätte gewusst, dass sie irgendwo in Mitteloder Norditalien aufgenommen worden war. Von klein auf war er von seinen Eltern mit diesem Land traktiert worden, mit seiner Kultur- und Musiksprache. Er schloss einen Moment die Augen und sog den Trubel ein. Die Geräusche euphorisierten ihn. Auf dem Vorplatz standen, in eine Art Gehege gezwängt, City- und Trekkingbikes, Mountainbikes, alte Renn- und Hollandräder, vor allem aber klassische Stahlfahrräder, leicht verrostet, mit ausladenden Lenkern.

»Ferrara ist die Stadt der Radfahrer«, sagte Amanda und öffnete per Fernbedienung die Türen eines Minis. Eine feine Schicht rötlichen Sands hing an dem Lack. Amanda fing Lunaus Blick ab.

»Aus der Sahara. Den bringt der Scirocco«, sagte sie. Lunau stieg ein und kämpfte gegen seine Irritationen an. Das Auto roch nagelneu, war peinlich sauber und beschleunigte wie ein Rennwagen.

»Das ist Ihr Wagen?«

Sie nickte.

»Was sind Sie?«, fragte er. »Ein Punk oder eine höhere Tochter?«

»Geht nicht beides?«

Er musste lachen. Und er spürte, wie sie ihn von der Seite musterte. Ihre schlanken Beine bewegten sich behände zwischen Gas-, Kupplungs- und Bremspedal hin und her. Durch die sorgfältig ausgefransten Risse im Stoff schimmerte die helle Haut. Lunau beschloss, dass er besser aus dem Seitenfenster sah. Mittelalterliche, verwinkelte Gassen, eine gewaltige, aus gebrannten Ziegeln errichtete Stadtmauer. Unten Spaziergänger und Jogger, oben Spaziergänger und Jogger. Ein Gewimmel von Fahrrädern, Fußgängern, Scootern und Autos, Frauen im Pelz, SUVs und dunkel lackierten deutschen Limousinen. Hin und wieder ein Schwarzafrikaner, der Papiertaschentücher, Socken und Gasfeuerzeuge verkaufte. Es duftete nach Espresso, nach raffiniertem Parfüm, nach Abgasen aus Zweitaktmotoren, nach frivolem Leichtsinn und Frühling.

Das Mädchen hatte eine CD mit lautem Rap eingelegt, und Lunaus Hirn begann zu ächzen. Die männliche Stimme, die über einem heftigen Bass italienische Worte ausspuckte, dazu das Jaulen des Automotors, der Verkehrslärm.

»Könnten Sie das abstellen?«

Sie schaute ihn von der Seite an. »Gefällt Ihnen nicht? Das ist Marco.«

»Ich kann mich jetzt nicht darauf konzentrieren.«

»Sie brauchen sich ja nicht zu konzentrieren.«

Sie fummelte auf der Rückbank herum, wobei das Auto, dank der empfindlichen Servolenkung, immer wieder in die Gegenfahrbahn tauchte.

»Lassen Sie mich das machen«, sagte Lunau und griff nach der Ledertasche, die auf der Rückbank lag, wobei er ihren schmalen Unterarm berührte, den sie nicht wegzog, sondern einfach unter seinem Arm liegen ließ. Als er die Tasche an sich nehmen wollte, leistete sie Widerstand.

»Ich bin kein kleines Mädchen mehr«, sagte sie.

Lunau gab es auf.

»Das ist eine Kopie meiner allerneuesten Aufzeichnungen. Um achtzehn Uhr haben wir einen Termin bei Marcos Mutter. Den Anwalt können wir morgen direkt nach dem Prozess sprechen, Marcos Onkel morgen Abend.«

»Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen mein Kommen geheim halten.«

»Nur die Guten wissen, dass Sie hier sind.«

»Den Termin um achtzehn Uhr müssen wir verschieben.«

»Warum?«

»Ich will mich erst einmal einarbeiten.«

»Haben Sie das nicht schon getan? Haben Sie meine Mails nicht bekommen?«

Lunau ließ genervt den Aktenordner sinken, in dem er geblättert hatte. »Ihr Engagement in allen Ehren, aber ich muss mir selbst ein Bild machen. Außerdem habe ich schon Termine. Heute Abend bin ich bei einem gewissen Di Natale zum Essen eingeladen.«

»Vito Di Natale?«

»Sie kennen ihn?«

»Jeder in Ferrara, der jünger als dreißig ist, kennt ihn. Er rennt durch die Schulen und erzählt allen, dass der Po nicht die größte Kloake Italiens ist, sondern ein schlummerndes Paradies.«

Sie hatte scharf gebremst. Vor einem Hotel namens »Lucrezia Borgia«. »Glauben Sie nicht, was Sie über die Borgia lesen. Sie war keine egomanische Giftmörderin und Männerfresserin. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden als Tochter eines Papstes geboren werden, der Sie vergewaltigt und mit zwölf an einen reichen Sack verschachert.«

»Hat Di Natale Familie?«, fragte Lunau.

»Wieso?«

»Ich würde gerne eine Kleinigkeit mitbringen«, sagte Lunau, aber eigentlich wollte er wissen, worauf sein Gehör sich einzustellen hatte.

»Eine Frau und zwei Kinder.«

»Mädchen oder Jungen?«

»Ein Mädchen und ein Junge.«

»Wie alt?«

Sie zuckte mit den Schultern und streckte ihren Arm zur Seite. Sie hielt die Hand auf einen Meter Höhe. »Ich hole Sie dann um acht Uhr ab.«

Ehe Lunau etwas erwidern konnte, war sie davongefahren. Er checkte im Hotel ein und folgte dem Pagen, der die beiden Koffer aufs Zimmer trug. Lunau gab ihm ein Trinkgeld und ließ sich auf das Doppelbett fallen. Von der Gasse drang gedämpft das Geklöne einiger Halbstarker herein. Ein paar Straßen weiter das gleichmäßige Rauschen von Pneus und das Brummen der Motoren, offensichtlich eine Hauptverkehrsader. Die Verbundglasfenster waren neu und effizient. Im Zimmer selbst waren nur die Minibar zu hören und die Bettfedern, die ächzten, wenn Lunau seine Stellung veränderte.

5

Amanda hatte eine Art Abendkleid angelegt, das sie vermutlich selbst geschneidert hatte. Es war aus bunten, eng anliegenden Stoffteilen, zwischen denen großzügige Risse klafften. Darunter trug sie einen schlichten cremefarbenen Body.

Sie fuhr durch die Gassen der Innenstadt, überquerte einen Seitenarm des Po und bog in eine Straße, die parallel zum Wasser verlief. Sie fuhr mit einer Geschwindigkeit, die Lunau aufbrachte.

»Haben Sie wirklich Lust auf dieses Abendessen?«, fragte er.

»Ich kann bestimmt etwas lernen. Wenn schon nicht von Di Natale, dann von Ihnen.«

Di Natales Haus stand in einer Reihe mit geduckten, etwas muffig wirkenden Fischerhäusern. Der Gehsteig war finster, die gelblichen Straßenlaternen drangen kaum durch den Dunst, der aus dem Po di Volano stieg, an den Hauswänden hochzog, über die Dächer waberte und die Gassen wie mit Flüssigstickstoff füllte.

Als sich die Tür öffnete und Di Natale ins Haus rief, der Besuch sei da, wusste Lunau, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Gute Laune, festliche Stimmung und das, was südländische Temperamente für ein normales Familienleben halten, hatten sich zu einem infernalischen Cocktail vermengt, gegen den auch seine individuell gegossenen, achthundert Euro teuren Ohrplugs wenig ausrichten konnten.

Di Natale hatte Pausbacken, listig funkelnde Augen und Kraushaar. Seine Kinder sprangen ihm in den Rücken, rutschten an ihm ab und klammerten sich an seine Beine. Di Natale schwankte, johlte, tat, als würde er der Länge nach hinschlagen und fing sich dann im letzten Moment an einer Kommode ab, wobei mehrere Telefonbücher und kleinere Plastikgegenstände auf den Boden prasselten.

»Ich habe eine Kollegin mitgebracht, ich hoffe, das ist okay«, sagte Lunau.

»Natürlich.«

Di Natale betrachtete einen Moment lang Amanda, ein bisschen länger als nötig , er gab ihr zwei Küsse auf die Wange und reichte dann Lunau die Hand. Dieser begrüßte Sara, einen schwarzen Lockenkopf mit riesigen türkisfarbenen Augen, dann den Jungen, der hager und blass war, aber athletisch wirkte. Die Kinder dankten artig für die Geschenke und rannten jubelnd in die Küche. Die Frau rief einen Gruß heraus, die Ofenluke krachte, Frau Di Natale stieß einen spitzen Schrei aus, um ein kleines Malheur mit dem Braten zu kommentieren, dann trat sie in den Flur. Sie schaute verblüfft auf Lunau und seine Begleiterin.

»Bist du nicht Amanda?«, fragte sie. Amanda senkte den Blick und schaute Silvia dann fast herausfordernd an.

»Ja, schon.«

»Wann war das?«

»Ist schon einige Jahre her«, sagte Amanda.

»So lange auch wieder nicht. Historisches Präsens?«

»Silvia unterrichtet Sprachen«, sagte Di Natale. »Ich dachte, Sie wären auch aus Berlin.«

»Leider nicht. Ich bin waschechte Ferrareserin«, sagte Amanda.

Lunau überreichte Frau Di Natale den Blumenstrauß. Sie vergrub ihr Gesicht darin und hob dann den Kopf. Silvia, so hieß Frau Di Natale, war ein süditalienischer Typ, hatte die gleichen Locken, die gleichen türkisfarbenen Augen und vollen Lippen wie ihre Tochter. Aber ihre Lippen waren ein wenig zu voll. Sie waren geschwollen wie unter Insektenstichen, wohl die Folge eines chirurgischen Eingriffs. Lunau hasste Schönheitsoperationen. Er hatte zu viele Kliniken gesehen, in denen es an allem fehlte, an Ärzten, Betten, Dachschindeln und Verbandszeug, an allem, nur nicht an Patienten. Er hatte in einer Klinik gefilmt, in der Krankenpfleger versuchten, einen Blinddarmdurchbruch zu operieren, weil der einzige Arzt verhaftet worden war, während seine Kollegen in der Ersten Welt gesunde, aber wenig graziöse Nasenbeine zertrümmerten, mit Silikonimplantaten Gesäßmuskeln rundeten und Gesichtsnerven mit Botox lahmlegten, damit durch Lächeln keine Falten entstanden. Diese Frau passte nicht zu Di Natale, zu diesem schlichten Haus und der zwanglosen Familie.

Eine peinliche Stille hatte sich über die Familie gelegt.

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Lunau, um die Situation zu überspielen.

»Ganz meinerseits.«

Sie gab ihm die Hand – angenehm entschlossen und warm – und lächelte. Ihm wurde klar, dass die Stille nur in seinem Kopf eingetreten war. Die Kinder und der Gatte hatten weiter getollt, das Papier von den Geschenken gerissen und die Pappschachteln geöffnet. Amanda ließ sich den Bagger und die sprechende Ziege vorführen.

Das Essen war exzellent, selbst gemachte Tagliatelle mit Wildschweinragout und ein Rinderbraten, und es kostete Lunau gehörige Mühe, den in den Kristallgläsern leuchtenden rubinroten Wein abzulehnen. Di Natales tranken ausgelassen und wurden immer ausgelassener. Obwohl Vito peinlich genau darauf achtete, wie viel seine Kinder aßen, ja sogar darüber Buch führte.

Die Kinder waren nicht ungezogen, aber lebendig. Lunau griff sich immer wieder an die Ohrstöpsel, schob sie tiefer in die Gehörgänge, bis er Mühe hatte, dem Gespräch zu folgen.

Lunau hatte seit längerer Zeit Probleme mit dem Gehör. Er konnte Lärm nicht ertragen, auch deshalb nicht, weil er nur bedingt fähig war, seine akustischen Wahrnehmungen zu hierarchisieren. Jeder normale Mensch hört so ähnlich wie er sieht: Er rückt etwas, das ihn interessiert, lockt, vergnügt, in den Vordergrund und blendet Störendes, Unangenehmes aus. Die Augen unterstützen diese Selektion durch Muskelbewegungen. Hals- und Nacken- sowie extraokulare Muskulatur richten den Augapfel auf das gewünschte Objekt aus und verformen ihn so weit, dass sich dessen Bild auf der Netzhaut scharf abzeichnet. Vergleichbares lässt sich mit unserem Gehör nicht bewerkstelligen. Wir hören grundsätzlich stereophon, können zwar den Kopf so drehen, dass die Ohrmuscheln bestimmte Signale besser einfangen als andere, aber wir nehmen im 360°-Winkel Reize auf. Das Gehirn muss einen größeren Aufwand betreiben, um das Interessante »laut« zu stellen und alles andere leise. Lunaus Hirn hatte diese Fähigkeit weitgehend verloren. Er hörte so »objektiv« wie ein Mikrophon. Wenn eine Gabel mit 32 Dezibel auf einen Tellerrand schlug und sein Gegenüber mit 32 Dezibel sprach, dann hörte er die beiden Ereignisse gleichberechtigt. Dazu, etwas leiser, die Schuhsohlen auf dem Boden, das Gebläse der Dunstabzugshaube in der Küche, das Knacken der Dielen im Obergeschoss, das Vibrieren der Fenster bei leichten Böen. Wenn dann noch vier recht starke Geräuschquellen wie diese Familienmitglieder auf ihn einwirkten, dann geriet sein Gehirn schnell derart in Schieflage, dass es nur noch ein Signal aussandte: Schmerz. Nichts wie weg.

»Diese ganz unvermeidliche Reaktion ist höchst problematisch«, hatten die Ärzte übereinstimmend gesagt. »Denn wenn Hören für sie zur Qual wird, dann wird ihr Gehör sie schützen wollen und unempfindlicher werden. Mit einem Wort: Wenn Ihnen Hören nicht bald wieder Spaß macht, werden Sie ertauben.«

Irgendwann war der Nachtisch gegessen, und Mirko kam mit einem bunten Beutel, auf dem ein Frosch mit riesigem Maul grinste, an den Tisch. Vito überschlug die Broteinheiten, die sein Sohn gegessen hatte, sog Insulin mit einer Spritze auf und setzte sie ihm auf den nackten Bauch. »Diabetes«, sagte Di Natale.

Während Silvia die Kinder ins Bett brachte, führte Di Natale Lunau und Amanda ins Wohnzimmer. Das Haus war unaufwendig, aber geschmackvoll eingerichtet. Die Klinkerwände unverputzt, davor Regale aus dunklem groben Holz, einige kuriose Bilder aus bunten Holzteilen. Durch die Terrassentür sah man Rasen, Plastikspielzeug, Büsche und die Lichtreflexe auf dem finsteren Fluss. Di Natale bot Lunau und Amanda einen Whiskey an, Lunau lehnte ab. Di Natale schenkte großzügig zwei Gläser ein und setzte sich in einen Sessel, Amanda und Lunau gegenüber.

»Was genau kann ich für Sie tun?«

»Ich suche nach Originalen, die es nur hier geben kann. Fischer, Fährmänner, was auch immer mit dem Fluss zusammenhängt.«

Amanda ruckelte unruhig auf dem Sofa hin und her, während Di Natale antwortete: »Sie meinen mich?«

»Zum Beispiel. Und dann will ich die Geräusche aufzeichnen, die diese Landschaft ausmachen. Vogelstimmen, aber auch Schifffahrtsverkehr, Schleusentore, Industrieanlagen, was auch immer charakteristisch ist für den Fluss und sein Delta.«

Di Natale lachte: »Da müssen Sie mindestens ein Jahr bleiben, hier hängt alles mit dem Fluss zusammen. Jede Gasse, durch die sie gehen, wurde vom Wasser des Po geformt.«

»Lassen Sie uns mit dem Interessantesten anfangen.«

»Die Zugvögel kommen aus Afrika zurück, machen hier Station Richtung Mittel- und Nordeuropa. Im Moment finden Sie nirgendwo in Europa so viele Arten wie im Delta.«

»Könnten Sie mir ein paar Stellen empfehlen?«

»Ich mache morgen ein bisschen früher Schluss, danach fahre ich Sie hin.«

Lunau wollte ablehnen. Er konnte Di Natale kein Honorar bezahlen, und im Grunde war er beim Aufnehmen lieber allein.

Aber Di Natale ließ sich nicht umstimmen. »Wenn jemand den Po sogar im Ausland zu Gehör bringen will, da bin ich zu jedem Opfer bereit!« Di Natale hatte Lunaus Blick auf die kuriosen Bilder an den Wänden abgefangen. »Ach, das ist eines meiner bescheidenen Hobbys. Ich sammle Treibholz aus dem Fluss.«

Di Natale stand auf und holte eines der Werke. Man assoziierte eine flache Landschaft, über der die Sonne als orangefarbene Scheibe stand, eine rätselhafte Ruhe ging von dem Bild aus. »Jedes dieser Holzstücke hat eine lange Geschichte, war vielleicht einmal Fischerboot oder Landungssteg, Ruder oder auch nur Obstkiste. Ich verändere die Farbe nicht, säge die Stücke nur so zurecht, dass sie in eine Komposition passen, die einem inneren Bild von mir folgt. Die eigentliche Arbeit hat der Fluss getan.«

Lunau betrachtete die je unterschiedliche Maserung der einzelnen Holzelemente und den durch Wind, Wetter und Wasser gezeichneten Lack. Winzige Risse und Blasen waren zu sehen, die man unwillkürlich berühren wollte. Und Lunau bedauerte wieder einmal, dass er für ein rein akustisches Medium arbeitete.

Di Natale redete von seiner Arbeit bei der ARNI, der Binnenschifffahrtsbehörde, die den Fluss wieder in eine florierende Wasserstraße verwandeln wollte. Amanda schaute die beiden Männer mit offenkundigem Widerwillen an und trank einen Whiskey nach dem anderen. Zum Rauchen ging sie hinaus in den Garten, und Lunau betrachtete ihre schlanke Silhouette vor dem finsteren Fluss.

Nach der fünften Zigarette schlug Lunau vor, nach Hause zu gehen. Di Natale entschuldigte sich für seine Frau, die wohl bei den Kindern eingeschlafen war.

Am Auto musste Lunau mit Amanda um die Schlüssel streiten.

»Ich habe keinen Schluck getrunken«, sagte er.

»Warum eigentlich?«, fragte das Mädchen. »Sind Sie immer so ein Langweiler? Einer, der mit einem Anglerhütchen auf dem Kopf nach Blesshühnern sucht? Ich dachte, Sie wären an Marcos Schicksal interessiert.«

Lunau merkte jetzt, dass sie lallte, und eine unsägliche Wut stieg in ihm hoch. »Wären Sie jetzt in Ihrem Zustand noch Auto gefahren? Und womöglich so schnell wie auf der Herfahrt?«

»Vielleicht, Papi.«

»Jetzt geben Sie schon her.«

Er versuchte, ihr die Schlüssel zu entwinden, sie fing an zu kichern und zeigte eine erstaunliche Kraft. »Wetten, dass Sie sie nicht bekommen?«

»Gute Nacht«, sagte Lunau und ging zu Fuß. Die Straße war verlassen, die Häuser mit Fensterläden verrammelt und feindselig. Der Nebel hatte sich verzogen, aber es war erstaunlich kalt.

»Jetzt steigen Sie schon ein.« Amanda war neben ihn gerollt.

»Nur wenn ich fahren darf.«

Amanda kroch auf den Beifahrersitz und zischte »Penner« durch die Zähne. »Eins möchte ich klarstellen: Sie sind nicht mein Erziehungsberechtigter.«

»Da wären wir uns schon mal einig. Sie lassen mich meine Arbeit machen. Wenn Sie mir dabei helfen können, gut, wenn nicht, geht jeder seiner Wege.«

»Ich dachte, wir arbeiten zusammen.«

»Haben Sie eigentlich schon einmal gearbeitet?«

Sie schaute ihn voller Hass an. Plötzlich bebte ihr Kinn, und die Schminke lief in dicken Spuren über ihre Wangen. Lunau verfluchte sich dafür, dass er jetzt in Italien saß, in diesem Minicooper, neben diesem Mädchen. Frauen und Kleinkinder, die weinten, es gab nichts, was mehr an den Nerven zerrte.

»Wo wohnen Sie?«, fragte Lunau.

»Fahren Sie zu Ihrem Hotel, das letzte Stück schaffe ich schon.«

»Ich fahre Sie nach Hause, und dann gehe ich zu Fuß oder nehme mir ein Taxi.«

Ihr Widerstand war gebrochen. Sie dirigierte ihn durch lange Boulevards, die für eine Stadt mit 135 000 Einwohnern erstaunlich großzügig wirkten. Sie bogen in eine lange Allee, die Reifen prasselten auf den Flusskieseln. Vor einer Villa mit Garten und mehreren Limousinen ließ sie ihn halten. Sie schaltete ein Navigationsgerät am Armaturenbrett ein und tippte auf dem Touchscreen herum.

»Folgen Sie den Pfeilen, dann kommen Sie zu Ihrem Hotel.«

»Ich nehme mir ein Taxi.«

»Nehmen Sie das Auto. Sie sehen ja, wir haben genug davon«, sagte sie und deutete auf den Fuhrpark, den man durch das sich öffnende Metalltor sehen konnte. Sie stieg aus, lehnte sich noch einmal in die offene Beifahrertür, und Lunau musste bewusst an ihrem Ausschnitt vorbeischauen. Noch so eine Situation, die er nicht ausstehen konnte.

»Wir sollten uns eine halbe Stunde vor Prozessbeginn treffen, vielleicht wird es eng im Saal«, sagte sie. »Holen Sie mich ab?«

»Ich dachte, die Medien interessieren sich nicht für den Fall,« sagte Lunau und startete den Motor.

»Natürlich schicken alle pro forma ihre Reporter hin, aber dann werden die Artikel auf ein paar nichtssagende Floskeln zusammengestrichen.«

Sie schlug die Tür zu, und er wartete, bis sie den weitläufigen Vorplatz überquert hatte und im Haus verschwunden war.

6

Jetzt musste er seinen Jagdinstinkt beherrschen, diese flimmernde Erregung, die ihn kurz vor dem Ziel befiel. So ruhig und überlegt agieren, als ginge es um eine von den vielen Tausend Händen, die er in letzter Zeit gespielt hatte, und nicht darum, ob er hier am Tisch die Führung übernahm und sich für das Main Event qualifizierte. Das erste Turnier der World Series, das in Italien ausgetragen wurde, mit insgesamt 1,5 Millionen Dollar Preisgeldern. Endlich hatte er seine Gegner so weit, wie er wollte. Er hatte ein Königpärchen auf die Hand bekommen und vom ersten Moment an Druck gemacht, die ganze Hand hatte er lehrbuchmäßig gespielt. Er hatte erhöht und Mad Max zum Fold gezwungen, nach dem Flop (für die anderen kam nur Müll, für ihn der dritte König ), hatten Sweet Caroline und Cavallo Pazzo die Segel gestrichen, nach dem Turn auch Öresund. Alle hatten ordentlich Geld investiert in Blätter, die nicht aufgegangen waren. Der Pott war voll, der Tisch leer, bis auf einen Gegner: Charlie’s Angel. (Die Vorstellung, dass er gegen eine Frau kämpfte, löste einen besonderen Kitzel aus. Natürlich hatte der Deckname nichts zu bedeuten, aber die Art, wie sie einen Moment zögerte, ehe sie sich zum Setzen oder Folden durchrang, wie sie mit exzellenten Händen fast scheu die Zügel in die Hand nahm, das hatte etwas Frauliches an sich.) Er hatte einen Königdrilling, mit einer passenden Karte kam ein starkes Full House zusammen, was mochte Charlie’s Angel haben? Ein Flush war nicht möglich, denn die Farben auf dem Tisch waren bunt gemischt. Ein Bube lag im Flop, im Höchstfall hatte sie, falls sie mit einem Pärchen gestartet war, einen Bubendrilling. Hielt sich also für bärenstark, zu Recht, aber er war noch stärker. Denn wenn durch den River noch ein Pärchen zu Stande kam, dann ergänzte dieses Pärchen ihrer beider Blatt. So waren nun einmal die Regeln im Texas Hold’em. Dann stand ihr Buben-Full-House gegen sein König-Full-House. Ideal. Er war dran. Wie viel sollte er setzen? Ohne sie zu verschrecken? Er musste sie ködern, indem er unsicher wirkte. Oder er erhöhte so extrem, dass sie einen Bluff witterte. Aber würde sie dann mitgehen, so viel Geld auf den Tisch werfen, nur um einen Bluff zu entlarven? Das taten Frauen selten. Das Eigenkapital war ihnen wichtiger als die Demütigung des anderen. Er durfte auch nicht wie das hilflose Opfer wirken, sonst weckte er womöglich Mutterinstinkte, dann würde Charlie’s Angel versuchen, sich den Pott zu holen, ohne ihn weiter bluten zu lassen. Er musste sie reizen, die Domina in ihr wecken. Aber gab es in ihr eine Domina?

Er hörte unten das Telefon. Seit ein paar Minuten klingelte sein Handy, aber das hatte er ignoriert, jetzt hielt der Nervtöter sich ans Festnetz. Goldene Zeiten, als noch das Telefon blockiert war, wenn man im Internet spielte, dachte er. »Geh nicht ran, ist nicht wichtig«, schrie er durch die Tür. Er hatte sich für die softe Variante entschieden, er zog das Frauenregister. Wozu hatte man sich jahrelang in sie hineingedacht und -gefühlt, hatte sich abweisen, belehren und rüffeln lassen, bis man endlich verstand, wie Frauen tickten? Er erhöhte nur um achtzig Euro. Jetzt lagen eintausendvierhundertdreißig Euro im Pott, für Online-Poker ganz beachtlich. Sie brachte die achtzig, jawohl, sie hatte angebissen. Aber … was machte sie nun? Noch einmal hundertfünfzig? Wieso erhöhte sie wieder? Und dann so verhalten? War sie tatsächlich so verrückt, auf einen Flush zu spekulieren? Das war die einzig mögliche Kombination, die über seine Könige ging. Glaubte sie tatsächlich, dass auf dem River noch ein Herz kam? Nein, der Grund war ein anderer. Sie glaubte, er habe kein starkes Paar. Sie glaubte, er spekuliere auf einen Herz-Flush. Jetzt war sie in die Falle gegangen, seine bisherigen Bluffs hatten Erfolg gehabt. Nach vier Stunden zähen Ringens und bescheidener Verluste hatte er sich an diesem Tisch das Image des Hasardeurs erworben. Diese Investition zahlte sich nun endlich aus. Anfänger meinen, man gewinne beim Poker, indem man einzelne Hände gewinnt. Der Könner weiß, dass eine entscheidende Hand zum Sieg führt. Aber diese eine Hand will vorbereitet sein, über Stunden, Tage, ja manchmal über ein ganzes Spielerleben. Natürlich brachte er die hundertfünfzig Euro, nach einer angemessenen Frist. Da ging die Tür auf.

»Kommst du bitte mal ans Telefon?«

Er nahm den Blick nicht vom Bildschirm. Der Geber ließ die oberste Karte vom Stapel und legte sie zur Seite. Dann kam die letzte. Die entscheidende. Sie würde sich gleich umdrehen, und dann stand mathematisch fest, dass er diesen Pott gewonnen hatte und mit dem größten Stack in die Finalphase ging. Charlie’s Angel konnte nur noch versuchen, ihn aus dem Spiel zu drängen, indem sie aberwitzig erhöhte. Um so besser. Sie war wie ein Fisch, der den Haken immer tiefer ins Fleisch trieb, je heftiger er sich wehrte.

»Beppe!«

»Ich hab doch gesagt, lass es klingeln. Ich kann jetzt nicht.«

»Du musst.«

»Wer ist es denn?«

»Weiß ich nicht.«

»Lass dir die Nummer geben, ich rufe sofort zurück.«

»Du musst selber an den Apparat kommen.«

Sie hatte es in einem so merkwürdigen Ton gesagt, dass er sich ablenken ließ. Sie war kreidebleich und zitterte.

»Was ist denn los, verdammt? Du siehst doch, ich bin am Arbeiten. Das, das …«

Er lief schnell die Treppe hinunter und nahm den Hörer in die Hand. »Hören Sie, im Moment kann ich leider …«

»Ich bin es.«

Er zuckte zusammen. Die Stimme war nur ein Flüstern. Dahinter rauschte etwas, wie ein Fernseher, der keinen Empfang mehr hatte.

»Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen nicht unter dieser Nummer anrufen.«

Keine Reaktion, nur dieses sonderbare Rauschen, das ihm kalte Schauer über den Rücken jagte. Ihm wurde klar, dass er einen Fehler begangen hatte.

»Nein, entschuldigen Sie, es ist nur …«

»Sie wissen nicht, was für ein Privileg es bedeutet, dass ich diesen Anruf tätige. In einer solchen Phase habe ich einen Vorgang grundsätzlich aus der Hand gegeben. Dann kümmern sich Mitarbeiter darum. Sagen wir, Ihr Privileg ist unserer langjährigen Beziehung und Ihrem Nachnamen geschuldet.«

»Am Montag. Bis Montag schaffe ich es. Am Wochenende bin ich beim größten Turnier der Geschichte, ich bin schon qualifiziert, damit habe ich garantiert ein Preisgeld von …«

»Sie haben Zeit bis morgen zehn Uhr. Bei einem Aufschlag von fünf Prozent.«

»Zehn Prozent. Montag, acht Uhr morgens. Sie können sich auf mich verlassen.«

Der andere lachte. »Natürlich. Als hätte ich jemals daran zweifeln können. Ach, übrigens …«

Beppe Pirri hielt inne. Er ließ seinen Blick durch den Flur schweifen, über die Stilmöbel, die schon seinem Vater gehört hatten, der sich einen teuren Geschmack und dessen Befriedigung durch bedingungslosen Einsatz erarbeitet hatte. Sein Vater war lange tot. Wer konnte ihm jetzt noch helfen?

»Ab jetzt bin ich nicht mehr für Sie verantwortlich.«

»Was meinen Sie damit? Sie brauchen mir nicht zu drohen«, antwortete Pirri.

»Von mir geht doch keine Bedrohung für Sie aus. Ihre Wechsel sind verkauft.«

»An wen?«, fragte Pirri.

»Der Betreffende wird sich gewiss bald bei Ihnen melden.«

»An wen?« Pirri hatte fast geschrien, aber der andere hatte bereits aufgelegt. Beppe Pirri brauchte einen Moment, um mit dem Hörer die Gabel zu treffen. Er fuhr sich hektisch durch die grauen Locken. Wer konnte ihm unter die Arme greifen? Er dachte an Di Natale. Seine erbarmungslosen und etwas stupiden Grundlinienschläge. Sein lächelndes Gesicht in der Sauna, das jede Niederlage wegsteckte. Auch wenn es Differenzen gab, Di Natale war ein echter Freund. Der selbst kaum Geld hatte. Pirri ging die Treppe hoch.

»Wer war der Mann?«, fragte seine Frau.

»Ein Geschäftspartner.«

»Um diese Zeit? Auf deinem Privatanschluss?«

»Ein Unfall auf dem Bauabschnitt zwölf. Die Deichstraße ist plötzlich abgesackt.«

»Musst du hin?«

Er schüttelte den Kopf und setzte sich an den Rechner. Scheiße, das durfte nicht wahr sein! Da lag ein ganz anderes Blatt. Auf seinem Konto waren nur noch ein paar Kröten. Sie hatten den Pott der dusseligen Kuh gegeben.

»Erica!« Er schrie wie ein Wahnsinniger. Sie kam langsam die Treppe hoch. War sie so alt geworden, dass sie nicht mehr zügig gehen konnte?

»Jetzt mach schon!«

Sie kam durch die offene Tür.

»Was war da auf dem Bildschirm?«

»Bitte?«

»Als ich weg war. Da muss eine Karte aufgedeckt worden sein. Was für eine Karte war das?«

»Du hast Karten gespielt?«

Sie schüttelte den Kopf und ging wieder hinaus. Er hätte sie umbringen können. Von nichts eine Ahnung, von gar nichts. Das wären locker zweitausend Euro geworden. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass er nicht wusste, was auf dem River gekommen war. Noch ein König ? Oder ein Bube? Oder tatsächlich noch ein Herz? Und jetzt ließ man ihn nicht mehr an dem Tisch zu.

Er wurde fahrig. Er versuchte immer wieder, sich in die Runde einzuloggen. Kein Zutritt. Er kratzte sich an den Schienbeinen und an den Handrücken, während er es wahllos mit anderen Tischen bei demselben Anbieter probierte. So kannst du nicht spielen, sagte er sich, so kannst du nur verlieren. Endlich wurde er an einem Tisch zugelassen. Unbekannte Gegner. Die Decknamen kamen aus aller Welt. Und der Tisch war kein Qualifikationsturnier fürs Wochenende. Was sollte er hier? Wenn er bis Mitternacht die Qualifikation nicht geschafft hatte, brauchte er 20 000 Euro in bar, um sich direkt einzukaufen. Er brauchte jetzt sichere Gewinne. Aber sichere Gewinne machte man nur mit Kommunalobligationen. Gewinne, die langsamer stiegen als die Inflation.

7

Kaspar Lunau wurde durch einen Streit geweckt. Die heisere Stimme eines Mannes, der seine Frau beschimpfte. Die Frau reagierte anfangs mit schüchternen Besänftigungsversuchen, aber diese brachten den Mann immer mehr auf. »Schlampe, billiges Flittchen. Ich habe eine Hure geheiratet, ich rackere mich ab, damit du dir die Fotze piercen kannst. Damit dein Stecher einen besonderen Kitzel spürt, wenn er dich leckt.« Lunau saß im Bett und schaute auf die Uhr: Halb drei. Er erkannte das Hotelzimmer. Da hörte man ein Klatschen, und einen gellenden Schrei der Frau, der schnell erstickt wurde.

Lunau fuhr aus dem Bett, schlüpfte in seine Hose, während sich drüben auch die Kinder einschalteten. Ein Mädchen flehte den Vater an, er solle der Mama nicht wehtun. Noch eine Ohrfeige, jetzt weinte das Mädchen, und der Junge bettelte. Ein Möbelstück krachte gegen eine Mauer. Wo kam der Lärm her? Durch die Wand an der Kopfseite des Bettes. Also aus Zimmer 12. Lunau lief nach draußen. Die grünen Signallampen für die Notausgänge warfen einen kränklichen Schein auf den Teppichboden. Lunau betätigte einen Lichtschalter und trat vor die 12. Die Frau heulte und wimmerte unter den Schlägen, die in immer schnellerer Folge auf sie einprasselten. Lunau klopfte, bei dem Krach ein sinnloses Unterfangen. Also hämmerte er mit beiden Fäusten, trat gegen das Türblatt, bis die Tür aufflog.

Vor Lunau stand ein Mann in gestreiftem Pyjama, das graue schüttere Haar tanzte in langen Strähnen in der Zugluft. Sein Gesicht war krebsrot.

»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Ich werde mich bei der Direktion über Sie beschweren. Wissen Sie, wie lange ich heute gearbeitet habe?«, schrie er. Lunau wollte ihn am Kragen packen, aber dann fiel sein Blick ins Zimmer. Der kreisrunde Lichtkreis auf dem Nachtschränkchen, die Decke auf dem französischen Bett, die nur an einer Ecke zurückgeschlagen war. Das Zimmer still und leer, der Ehekrach ging irgendwo anders weiter.

»Entschuldigung, ich habe mich im Zimmer geirrt.«

»Das will ich meinen.«

»Würden Sie mich einen Moment begleiten?«

»Wohin denn?«

»Wohin wohl? Da rüber. Er bringt sie um!«

Der Mann schaute skeptisch. Und tatsächlich war der Geräuschpegel gesunken. Vielleicht hatte der Schläger gemerkt, dass er inzwischen Ohrenzeugen hatte. Die Lärmquelle lag hinter der Tür zum Zimmer 19, auf der anderen Seite des Korridors.

Lunau wies mit dem Kinn in die Richtung.

Der Mann zog die Augenbrauen hoch und schüttelte verwirrt den Kopf. »Wovon reden Sie?«

Nachdem Lunau sich umgedreht hatte, kam der Lärm aus der 11. Je nachdem in welche Richtung er sah, änderte sich auch die Position der Geräuschquelle. Lunau entschuldigte sich kleinlaut bei dem Mann und ging zurück auf sein Zimmer. Cremefarbene Wände, Terrakottafliesen, ein Doppelbett, ein kleiner Sekretär mit Stuhl, ein Schrank. Genau wie am Nachmittag. Von halb rechts kam jetzt der Ehekrach, wieder aus Zimmer 12, wo der einsame Mann mit dem grauen Haar schlief. Also wieder nur eine Halluzination.

Lunaus Herz raste. Irgendwie hatte er gehofft, er hätte seine Probleme allmählich im Griff, die Einsamkeit in seiner ehemaligen Wagenremise, die stillen Stunden hätten für eine Entzerrung gesorgt. Und selbst diese Auslandsreise schien die heilsame Wirkung anfangs zu verstärken. Das gleichmäßige Singen der Flugzeugtriebwerke, das melodiöse Gewirr italienischer Stimmen. Fast drei Uhr. Er dachte an Paul und Stefan, die jetzt in ihren Zimmern lagen und schliefen. Er dachte an sein einstiges Abendritual, wie er vor dem Zubettgehen noch einmal in die beiden Kinderzimmer blickte, die süßliche Wärme spürte, die von den schlafenden Körpern aufstieg, ihren Atem an seinem Ohr. Es war der schönste Augenblick des Tages, wenn alles geschafft war und er sich zur Belohnung noch ein paar Minuten auf den Boden setzte, Paul und Stefan betrachtete, ihnen über das Haar, über einen kleinen, nackten Fuß strich, der sich aus der Bettdecke hervorgearbeitet hatte und einen Traum mit sanften Ruderbewegungen auf dem Laken begleitete.

In Lunaus Kopf ging unterdessen das Spektakel weiter. Er wusste nicht, ob das die Tonspur aus einem Film war, den er irgendwann gesehen hatte, oder seine eigene Erfindung.

Er spürte das Bedürfnis, Jette anzurufen. Ihre Reaktion konnte er sich ausmalen, um vier Uhr morgens. Er stand auf, öffnete die Minibar. Die Flaschen standen in einem strahlenden Lichtkeil, mit einem sanften Klirren waren sie aneinander gestoßen. Traubentrester, den man hatte vergären lassen, um ihn dann zu destillieren, 40 % Volumenalkohol; Kräutersud, den man mit Industriealkohol zu Likör verwandelt hatte, 28 %. Seine Zunge war trocken, seine Hände zitterten. Die Bierflaschen waren Null Zwo, fünf Prozent Volumenalkohol, das hieß, wenn er ein Bier trank, dann nahm er gerade mal ein Gramm reinen Alkohol zu sich. Was war das schon? In einem achtzig Kilo schweren Körper? In einem grenzenlosen, sich ständig weitenden Kosmos?

Wütend warf er die Tür zu und legte sich wieder hin. Er würde nicht einknicken. Den letzten Rest Selbstachtung würde er über die Zeit retten. Über welche Zeit? Und wozu? Das war das Problem. Der Alkohol fing wieder an, für ihn das Denken zu übernehmen. Wenn er sich vorsagte: Alkohol ist keine Lösung, dann antwortete der Alkohol: Kommt auf die Dosierung an. Der Alkohol hatte alle schlagenden Argumente auf seiner Seite. Und davor musste Lunau die Ohren verschließen. Die Ohren verschließen, dachte er. Mein Spezialgebiet.

8

Amanda sprang aus dem Bett und öffnete die schweren Spiegeltüren ihres Schrankes. Endlich war diese Nacht vorbei. Endlich war Donnerstag, der 29. Mai. Stundenlang hatte sie sich im Bett gewälzt, der Alkohol hatte ihr nicht den erhofften komatösen Schlaf beschert. Sie schaute unschlüssig auf die Kleider, die, auf einem Meter achtzig Breite, an der Aluminiumstange hingen. Sie fühlte sich schwach, ausgelaugt und nervös. Kein Outfit schien ihr angemessen für die Situation. Sie wollte sie selbst sein und gleichzeitig ein Zeichen setzen. Für Marco, der sie von irgendwo her betrachten würde. Aber wie? Sie lief zu ihrem Schreibtisch, fuhr den Laptop hoch, trat wieder an den Schrank, holte eine weiße Seidenbluse und einen grauen Hosenanzug hervor, dann ging sie in das kleine Bad, das zu ihrem Schlafzimmer gehörte, und stellte sich unter die Dusche. Sie schob die Mischbatterie abwechselnd auf kalt und warm, um wach zu werden.

Sie zitterte, und ihr war schlecht. Fast vier Jahre hatte sie auf diesen Augenblick gewartet, hatte Flugblätter geschrieben, Freunde versammelt, Internet-Blogs gegründet und die Fankurve im Stadion für sich gewonnen. 4 Uhr 27 zeigte damals das Display ihres Handys an. Die Stimme von Laura, Marcos Schwester, hatte sich ganz sanft in ihr Bewusstsein gedrängt: »Marco hatte einen Unfall« – »Schlimm?« Laura hatte leise zu schluchzen angefangen. »Er liegt im Krankenhaus, sie sagen mir nichts Genaues.« Amanda hatte gespürt, wie es ihren Magen langsam nach unten zog. Sie hatte gespürt, dass sich etwas für immer in ihrem Leben veränderte, gegen ihren Willen. »Hatte er einen Helm auf ?«, fragte sie. – »Er war zu Fuß unterwegs.« Gott sei Dank, dachte Amanda. Noch kannte sie die Bilder aus den Akten nicht: Die Schwellungen über den Jochbögen, die aufgeplatzte Haut, das zermatschte Gesicht, in dem man lange nach irgendeiner Spur von Marco suchen musste. Und hätte sie Marcos Eltern nicht dazu überredet, einen Anwalt zu engagieren und ihre festverzinslichen Wertpapiere für eine zweite Autopsie zu liquidieren, dann hätte sie diese Bilder aus den Polizeiakten wohl nie zu Gesicht bekommen.

Sie schaute auf ihr Handy. Keine Nachricht. Die Verhandlung war nicht im letzten Moment verschoben worden. Zwar brauchte es ein Wunder, wenn die Schweine nicht ungeschoren davonkommen sollten, aber warum sollte dieses Wunder nicht eintreten? Dass es zu einer offiziellen Anklageerhebung kommen würde, hatte auch keiner für möglich gehalten.

Es dauerte lange, bis die Zuckerlösung, mit der Amanda gewöhnlich ihre Haare in Form brachte, herausgewaschen war. Sie schlüpfte in ihren Bademantel, kehrte in ihr Zimmer zurück und legte Marcos letzte CD ein: »Kopfformat«, seine Stimme klang heiser über dem trockenen Beat: »Sie brauchen dein Hirn, aber nicht deinen Geist, ihre Viren fressen sich in deine Dateien, fressen Erinnerung, fressen Hoffnung und geben dir Angst dafür. Angst fesselt dich, an den Rechner, an die Tastatur, deine Finger geben Daten ein, für sie. Deine Finger geben Daten ein, für sie. Datensätze, die dein Hirn lähmen, Datensätze, Ecksätze, Umsätze, Zinssätze. Zeug ein Kind, bau ein Haus, nimm Kredit auf. Nimm Kredit auf, auf die Erbsünde folgt die Bausünde. Du wirst zahlen, bis ans Ende deiner Tage, für ein Paradies. Das es nicht gibt. Wenn nicht du es schaffst. Formatier deinen Kopf neu.

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