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Abserviert

Titelbild

Aus dem Amerikanischen von

Simone Salitter und Gunter Blank

Mit einem Nachwort von

Charles Ardai

JAMES M. CAIN

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INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Nachwort

— Zum ersten Mal begegnete ich Tom Barclay auf der Beerdigung meines Mannes. Aber das erfuhr ich erst sehr viel später, denn an jenem Tag war er mir nicht weiter aufgefallen, weshalb ich mich auch nicht an ihn erinnerte. Mr. Garrick, der Bestattungsunternehmer, rief häufig bei der Stellenvermittlung der Universität an, damit ihm ein paar Jungs zur Hand gingen. Doch an diesem Tag hatte einer von ihnen— ein Student namens Dan Lacey— keine Zeit, deshalb hatte dessen Vater Tom gebeten, für Dan einzuspringen. Obwohl er bereits im Jahr zuvor sein Examen gemacht hatte, kümmerte Tom sich um mich, holte mich in einer glänzenden Limousine ab und brachte mich auch wieder nach Hause. Aber er saß neben dem Fahrer, und so wechselten wir keine drei Sätze miteinander, und ich sah nicht einmal, wie er aussah. Später gestand er mir, dass er mich sehr wohl wahrgenommen hatte — nicht mein Gesicht, denn ich hatte einen Schleier getragen, aber meine „schönen Beine“ waren ihm aufgefallen. Wenn ich damals keine Notiz von ihm nahm, dann nur deshalb, weil ich genug anderes um die Ohren hatte: Da war der Schock über das, was Ron zugestoßen war, die Anspannung, weil ich mich mit der Polizei auseinandersetzen musste, und dann inszenierte meine Schwägerin eine für mich völlig überraschende Intrige, mit dem Ziel, mir mein Kind wegzunehmen. Ethel ist Rons Schwester, und ich weiß, wie schlimm es für sie ist, dass sie aufgrund einer Operation nie ein eigenes Kind wird haben können. Ich halte ihr das zugute. Dennoch war es ein Schock für mich, als ich feststellen musste, dass sie meinen Tad behalten wollte. Ich wusste, wie lieb sie ihn hatte, deshalb war ich auf ihren Vorschlag eingegangen, ihn so lange bei sich aufzunehmen, bis ich mich wieder gefangen hätte. Aber niemals hätte ich mir träumen lassen, dass sie ihn so sehr liebte und vorhatte, ihn für immer bei sich zu behalten.

Doch ich wusste schnell, was Sache war. Noch am Grab kam sie auf mich zu. Sie löste sich von Jack Lucas, ihrem Mann, und von Mr. und Mrs. Medford, ihren Eltern, die natürlich auch Rons Eltern waren, schüttelte dann Dr. Weeks die Hand, dankte ihm vermutlich für den schönen Gottesdienst, den er abgehalten hatte, und kam anschließend zu mir herüber.

„Nun, Joan“, legte sie los, „endlich hast du erreicht, was du wolltest — ich hoffe, du bist jetzt zufrieden.“

„Was meinst du?“, fragte ich.

„Ich glaube, das weißt du genau.“

„Wenn ich’s wüsste, würde ich nicht fragen. Also spuck’s aus.“

„Na, die Polizei wird es doch bestimmt komisch gefunden haben, wie alle anderen übrigens auch, dass du ihn mit nichts als seinem Pyjama am Leib rausgeworfen und im Regen hast stehen lassen, sodass er irgendwohin fahren musste, um ins Trockene zu kommen. Und ich glaube nicht, dass du sehr überrascht und bestürzt darüber gewesen bist, als es hieß, er sei gegen eine Kanalmauer geknallt.“

„Ich habe ihn rausgeworfen“, erklärte ich ihr, „weil er am Sonntag um zwei Uhr morgens betrunken nach Hause gekommen ist und lautstark nach einem weiteren Bier verlangt hat. Und weil er dann auf die grandiose Idee kam, Tad für etwas zu bestrafen, was zwei Wochen zurücklag. Dabei hatte Tad die letzte Abreibung noch nicht überwunden. Ich wusste auch nichts von diesem Auto, das er sich übers Wochenende geliehen hat. Er muss es ein Stück die Straße runter abgestellt haben, und die Schlüssel hat er vermutlich auch stecken lassen, sonst hätte er nicht so davonrauschen können. Und als ich aus dem Fenster sah und feststellte, dass er weg war, habe ich mir auch keine großen Gedanken gemacht. Denn nichts, was er getan hat oder hätte tun können, hat mich da noch überrascht. Deshalb bin ich einfach ins Bett gegangen, nachdem ich Tad beruhigt hatte. Und erst am Nachmittag, als man ihn schließlich identifiziert hatte, habe ich erfahren, was ihm zugestoßen ist. Wenn du also denkst, ich hätte das so geplant, dann irrst du dich gewaltig.“

„Sagst du!“

„Und du wirst es auch sagen.“

„… wie bitte, Joan?“

„Ethel, sag hier und jetzt, dass du dich geirrt hast, oder ich hau dir vor allen Leuten eine runter, vor Dr. Weeks, vor den Medfords, vor Rons Freunden, du fängst dir eine Schelle, die du nicht vergessen wirst. Ethel …“

„Ich habe mich geirrt.“

„Das dachte ich mir.“

„Ich hab’s gesagt. Denken tue ich es nicht.“

„Was du denkst, interessiert mich nicht. Nur was du sagst, ist für mich von Interesse.“

Wir standen uns einen Augenblick gegenüber und funkelten uns böse an; dann jagte mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Mir schoss nämlich durch den Kopf, was, wenn sie mir richtig fies käme und von mir verlangte, Tad zu mir zu nehmen? Ich dachte mir: Im Moment kann ich ihn noch nicht bei mir haben, denn wenn ich auf ihn aufpassen muss, kann ich nicht arbeiten, aber genau das muss ich, um Essen auf den Tisch zu bringen und für ihn aufkommen zu können, denn die Kosten für seinen Unterhalt kann ich nicht einfach Ethel aufbürden.

Ich schluckte und schluckte noch einmal und schluckte schließlich schwer. Dann sagte ich: „Ethel, ich will mich für meinen Ton entschuldigen. Ich habe einiges durchgemacht, und auf diese Art des Mordes beschuldigt zu werden oder etwas unterstellt zu bekommen, das ganz danach klingt, ist mehr, als ich verkraften kann. Also …“

„Schon gut, Schwamm drüber.“

„Dann kommen wir also miteinander klar?“

„Wenn du Tad meinst, klar, für den ist gesorgt.“

„Dann danke ich dir.“

Doch ich klang wohl gestelzt, denn sie blaffte: „Joan, es gibt nichts, wofür du mir danken müsstest. Tad ist mein eigen Fleisch und Blut. Er ist mir jederzeit willkommen, und zwar mehr als willkommen, solange es nötig sein wird. Und je länger das ist, desto lieber ist es mir.“

An diesem Punkt hat sie es überzogen. Weniger mit dem, was sie sagte, sondern wie sie es sagte, mit diesem komischen Leuchten in den Augen. Und da dämmerte mir, dass es ihr absolut nicht ähnlich sah, alles einfach so zu schlucken, schon gar nicht eine Beleidigung von mir, und wenn sie es doch tat, musste es einen Grund dafür geben. Sie hatte mich kalt erwischt. Doch was konnte ich dagegen tun? Hier an Rons noch offenem Grab, an dem sein Vater, seine Mutter und seine Freunde noch immer Freundlichkeiten über ihn austauschten. Ich war ratlos; ihr eine runterzuhauen würde nichts nützen — das bringt eigentlich nie was, wie ich leider schon oft genug habe feststellen müssen. Mir fiel einfach nichts ein. Das Einzige, was mir blieb, war mit den Wimpern zu klimpern, und dann hörte ich mich auch schon kleinlaut fragen: „Übrigens, wo ist Tad denn?“

„Joan, ich dachte, ich bringe ein dreijähriges Kind besser nicht zu einem Begräbnis mit, aber keine Sorge, er ist in guten Händen.“

Ich weiß nicht mehr, was mich dazu veranlasste, mich umzudrehen, vielleicht hatte sie über meine Schulter nach hinten geschaut, wie auch immer, ich drehte mich um, und da war mein Sohn, gar nicht weit weg spielte er neben Ethels Wagen. Wie immer nahm er die linke Hand zu Hilfe, um den Ball aufzuheben, während Eliza, die Frau, die Ethel den Haushalt machte, zuschaute. Ich ging auf ihn zu und lüftete meinen Schleier, indem ich ihn nach hinten über den Hut warf. Just in dem Moment entdeckte er mich und kam auf mich zugerannt, ganz in der Art der Dreijährigen, den Körper nach vorne gebeugt, sodass seine Füße Schwierigkeiten hatten, mit seinem Kopf Schritt zu halten. Das schafften sie auch nicht ganz, doch als er stolperte, war ich bei ihm und fing ihn auf. Er jammerte, als meine Hand seine Schulter berührte, deshalb ließ ich los und drückte ihn stattdessen fest an mich, herzte und küsste ihn. Als ich unseren innigen Moment beendete, versicherte mir Eliza: „Er war wie ein Lamm, Miss Joan — kein bisschen unartig. Es tut mir ja so leid, was mit Mr. Ron geschehen ist.“

„Danke, Eliza, tut gut, das zu hören.“

„Soll ich ihn jetzt wieder nehmen?“

„Bitte.“

Als ich zurückkam, hatte Ethel sich wieder zu Jack und ihren Eltern gesellt. Ich dankte Dr. Weeks, schüttelte Rons Freunden die Hand, Männern, die er überwiegend in Bars kennengelernt hatte, eine nicht übermäßig elegante, aber anständige Truppe in Arbeitshosen und Windjacken. Dann nickte ich Mr. und Mrs. Medford zu, die eisig zurücknickten, es war unübersehbar, dass sie Ethels Unsinn Glauben schenkten. Danach ging ich wieder zu Tom, der sich ein paar Schritte zurückgezogen hatte, als Ethel auf mich zukam.

„Sind wir so weit?“, fragte ich.

„Wann immer es Ihnen recht ist, Mrs. Medford.“

Und so verließ ich an einem Frühlingsnachmittag den Friedhof in College Park, Maryland, und machte mich zu meinem Heim in Hyattsville auf, einem Vorort von Washington, D.C., das vielleicht fünf Meilen entfernt lag, um mich dem Rest meines Lebens zu stellen, in dem ich den Unterhalt für mich und meinen kleinen Sohn würde verdienen müssen, obgleich ich keine Ahnung hatte, wie ich das bewerkstelligen sollte. Aber wer bin ich eigentlich, und warum erzähle ich dies alles? Mein Mädchenname lautet Joan Woods, und geboren wurde ich in Washington, Pennsylvania, einem Vorort von Pittsburgh. Mein Vater Charles Woods ist Rechtsanwalt, ein führendes Mitglied unserer Gemeinde und hat, soweit ich weiß, nur einen einzigen Fehler: Er tut, was meine Mutter sagt. Und zwar immer. Mit siebzehn besuchte ich die University of Pittsburgh, doch dann klopfte das Schicksal an meine Tür. Ein junger Mann aus einer der Stahlfamilien verliebte sich in mich und bat mich bald darauf, ihn zu heiraten. Meine Mutter war ziemlich begeistert, und mein Vater sagte zu allem Ja und Amen. Doch Fred langweilte mich zu Tode, und so gab es bald Knatsch. Um ein bisschen Gras über die Sache wachsen zu lassen, machte ich mich nach Washington, D.C. auf, wo ein Mädchen, das ich kannte, einen Job im Regierungsviertel hatte. Sie dachte, sie könnte mich auch auf dem „Hügel“, wie die Leute es nannten, unterbringen, und nahm mich in ihrer Wohnung auf, wo ich auf ihren Anruf warten sollte. In Wahrheit passierte nichts, und das tagelange Herumsitzen fing an, mich zu ermüden, zumal ich mich mörderisch einsam fühlte. Als der Kerl vom Apartment gegenüber klopfte, ließ ich ihn herein, und so kam eins zum anderen. Ehe ich mich versah, war ich schwanger und hatte nicht die leiseste Ahnung, dass man etwas dagegen tun könnte. Soweit ich wusste, trat ein schwangeres Mädchen schnellstmöglich vor den Traualtar. Und genau das tat ich. Auch wenn Ron einen zögerlichen Bräutigam zu nennen die Untertreibung des Jahres wäre. Er hasste es, heiraten zu müssen, hasste den kleinen Tad, und ich glaube, er hasste auch mich.

Meine Mutter hasste mich, und mein Vater wies mir die Tür und entzog mir die Unterstützung. Ich war auf die Gnade der Medfords angewiesen, die mich auch beide hassten. Mr. Medford gab Ron einen Job als Makler in seiner Immobilienfirma. Ron schlug sich wirklich ausgezeichnet — betrank sich aber regelmäßig. Dann feuerte Mr. Medford ihn, stellte ihn aber in der Woche darauf wieder ein. Er heuerte und feuerte ihn so oft, dass Ron anfing, sich darüber lustig zu machen und sich Finnegan Medford nannte. Allerdings fand das alles ein jähes Ende, als Ron den Verkauf an die Castles vermasselte, weil er betrunken bei ihnen aufkreuzte und Mrs. Castle angrapschte. Aus Versehen, wie er behauptete. Danach gab es keine Wiedereinstellung mehr, und Ron verbrachte die folgenden Monate damit, seinen Vater zu verfluchen und mich und meinen Sohn ebenfalls. Er vergaß bei alledem allerdings ein Gehalt mit nach Hause zu bringen, und so schmolzen unsere Ersparnisse zügig dahin, bis die Versorgungsunternehmen keine Ausreden mehr akzeptierten und uns Strom und Wasser abstellten.

Das Haus, ebenfalls ein Geschenk von Mr. Medford, ein halbes jedenfalls, weil es mit einer Hypothek von 7 500 Dollar belastet war, um Ron einen „Anreiz“ zu bieten, sich, wie er sagte, am Riemen zu reißen und seiner Verantwortung gerecht zu werden. Nur dass das Ganze seine Wirkung verfehlte und stattdessen nur dazu führte, dass mir, noch ehe ich zwanzig war, graue Haare wuchsen, weil ich zusehen musste, wie ich jeden Monat die 110 Dollar für die Rate auftrieb, damals, als Geld noch aufzutreiben war. Jetzt ist es aufgebraucht, und die Räumungsdrohungen in der Post häufen sich.

Vor diesem Haus, einem Bungalow aus den Zwanzigerjahren, hielten wir nach der Beerdigung an, Tom sprang heraus, reichte mir die Hand zum Aussteigen und wartete auf dem Gehweg, bis ich die Veranda erreicht, meinen Schlüssel herausgekramt und die Haustür aufgeschlossen hatte. Dann drehte ich mich um, winkte und warf ihm (wie er später behauptete) einen Kuss zu (was ich nicht glaube). In dem Moment hatte ich keine Ahnung, dass ich einen Job in einem Restaurant unten am Hügel in Aussicht hatte und den Mann vor Augen, den ich bald begehren sollte wie das Leben selbst.

Wo also schwimmt das Haar in der Suppe, und warum erzähle ich das alles? Ich hoffe, dass es gedruckt wird und dass ich so meinen Namen von den Verleumdungen reinwaschen kann, die in Verbindung zu meinem Job, der Heirat und all dem, was danach kam, kursierten. Sie laufen alle auf dasselbe hinaus, auf das, was Ethel mir ins Gesicht spuckte, nämlich dass ich eine Femme fatale sei, die einen so cleveren Weg gefunden habe, ihren Ehemann zu ermorden, dass man ihr nichts nachweisen könne. Unglücklicherweise kann man ihnen auch nicht das Gegenteil beweisen, zumindest nicht vor Gericht, denn solange die Zeitungen „mutmaßlich“ schreiben, kann man niemanden verklagen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als es zu erzählen, und zwar alles zu erzählen, einschließlich der Details, die keine Frau freiwillig preisgibt. Mir bereitet das keinerlei Vergnügen, aber wenn es so sein muss, dann soll es so sein.

Was auch immer ich gemacht habe, Tom warf mir eine Kusshand zu und fuhr davon.

S-16

We’re off duty, Mrs. Medford.

— Den Schleier hatte ich nicht aus altmodischen Erwägungen getragen oder weil es sich für eine Witwe schickt, sondern um mein grün und blau verfärbtes Kinn zu verbergen. Die Schläge hatte Ron mir verpasst, als wir um Tad gerungen hatten. Ich hätte die Flecken mit Make-up überdecken können, doch ich wusste, die Medfords hätten das missbilligt, und so war der Schleier die einfachste Lösung, denn den wahren Grund konnte ich ihnen nicht nennen. Doch dafür schraubte ich nun meinen Max-Factor-Tiegel auf und machte mich an die Arbeit. Das heißt, zuallererst zog ich mich aus, entledigte mich des schwarzen Kostüms, streifte Pumps den schwarzen BH und die Strumpfhose, die ich anhatte, ab, dann setzte ich mich vor den Spiegel meiner Frisierkommode. Und wer wissen will, wie ich nackt aussah: Nun, das war vor dreizehn Monaten, und ich war gerade mal einundzwanzig. Ich bin knapp mittelgroß, normal gebaut, ein bisschen schlanker vielleicht mit kräftiger Oberweite, wie man so sagt. Doch das Beste an mir sind meine Beine, das hat man mir immer und immer wieder versichert. Gerade, schön gewölbt, sanft und anmutig. Mein Gesicht ist breit und ein bisschen zu feist, aber ein paar Lidstriche unter den Augen wirken Wunder, soll heißen, ich sehe nicht schlecht aus. Mein Haar ist blond, ein dunkles Blond, Maishülsenblond nennen es manche, mit den grauen Strähnen, die ich schon erwähnt habe. Meine Augen sind grün und ein bisschen groß geraten. Im Zusammenspiel mit dem Lidstrich haben sie was Katzenhaftes, das muss ich schon sagen.

Ich legte das Make-up auf, puderte mich, stäubte mich mit meiner Hasenpfote ab und hatte schließlich ein ganz passables Gesicht vor mir. Dann zog ich mich an: Einen weißen BH, weiße Schlüpfer, rote Socken und flache Schuhe, Levi’s und eine rustikale Bluse, damit ich für den Job, der mir vorschwebte, gerüstet war. Doch dazu gleich mehr. Ich war gerade fertig, als ich die Türklingel hörte. Wegen des abgestellten Stroms klingelte sie nicht, aber ich vernahm ein Klicken, und kurz darauf klopfte es. Ich ging hinunter in die Diele und öffnete. Ich hatte einen Geldeintreiber oder Gerichtsvollzieher erwartet und mir schon eine Ausrede zurechtgelegt. Doch stattdessen standen zwei Männer vor mir, mit denen ich bereits unten im Rathaus gesprochen hatte, Polizisten.

„Sergeant Young, Private Church, kommen Sie herein.“

„Sie erinnern sich also an uns?“, sagte der ältere der beiden, der Sergeant, und nahm beim Eintreten die Uniformmütze ab.

„Nun, so schnell werde ich Sie nicht vergessen.“

„Unsere Namen, meine ich.“

„Die stimmen doch, oder?“

„Ja, aber das ist ungewöhnlich.“

Inzwischen hatte ich sie ins Wohnzimmer geleitet, auf das ich nicht besonders stolz war, beim Sofa fehlte ein Bein, das einer von Rons lebhafteren nächtlichen Eskapaden zum Opfer gefallen war. Stattdessen hielt nun ein Stapel Bücher das Gleichgewicht. Ich setzte sie jedoch mit dem Rücken zum Sofa, ließ mich dann selbst nieder und fragte: „Nun, meine Herren, was kann ich für Sie tun?“

„Sag es ihr“, meinte der Sergeant zu Church. Der jüngere Polizist warf ihm einen, wie ich fand, etwas zögerlichen Blick zu, wandte sich dann aber doch zu mir.

„Wir sind außer Dienst, Mrs. Medford“, sagte Church. „Aber da Sie neulich, als wir Sie gefragt haben, was passiert wäre, so kooperativ waren, sind wir dieses Mal vorbeigekommen, um Ihnen etwas mitzuteilen, und nicht, um Sie etwas zu fragen, etwas, von dem wir glauben, dass Sie es wissen müssten. Zumal wir alles Recht haben, es Ihnen zu erzählen, denn die Frau, die gestern Abend anrief, wollte ihren Namen nicht nennen, von daher kann sie auch nicht auf Vertraulichkeit pochen, wie es neuerdings so schön heißt. Auf Vertraulichkeit pochen, wie sich das schon anhört, völlig affektiert.“

Wir mussten alle lachen, aber in mir keimten Schuldgefühle auf, dass ich an diesem bedeutungsschwangeren Tag etwas komisch finden konnte. Doch dann sagte ich: „Okay, Private Church, ich höre. Was wollten Sie mir mitteilen?“

„Es geht um diesen Anruf, den wir bekommen haben. In dem von einem Kerl die Rede war, den Sie zufällig auch kennen, Joe Pennington ist sein Name.“

„Jetzt weiß ich auch, wer Sie angerufen hat.“

„Das haben wir uns fast gedacht.“

„Und? Was hat sie über Joe gesagt?“

„Dass er hier war, dass er am Samstagabend bei Ihnen gewesen sei, als Ihr Mann nach Hause kam. Dass nicht Ihr kleiner Junge, sondern er der Grund für den Streit war, und dass er Ihnen geholfen hat, Ihren Mann auf die Veranda zu stoßen, dass …“

„Ich habe ihn seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen.“

„Was wir auch herausgefunden haben, Mrs. Medford.“

„Das ist doch nur eine plumpe Lüge.“

„Das wissen wir, Mrs. Medford. Wir haben Joe Pennington über- prüft, er trieb sich an jenem Abend nämlich auf The Block herum, drüben in Baltimore, und er hat auch eine Zeugin, die es bestätigt, eine äußerst hübsche Zeugin, die ziemlich ins Detail ging …“

„Weshalb wir hier sind, ist …“, unterbrach ihn der Sergeant. „Warum sollte diese Frau so etwas sagen, so eine völlig aus der Luft gegriffene Anschuldigung in die Welt setzen? Nun, nachdem wir Joe überprüft haben, glauben wir die Antwort zu kennen, und da sie Sie direkt betrifft, dachten wir, wir kommen vorbei und sagen es Ihnen. Diese Frau, die anrief, die hat nämlich noch etwas gesagt, über Ihre Schwägerin, die Ihren Jungen bei sich aufgenommen hat. Aus irgendeinem Grund sagte sie immer und immer wieder …“

„… aus reiner Herzensgüte.“

„Genau das hat sie gesagt, wir nahmen an, dass Sie diese Floskel kennen, weil sie wie einstudiert klang, etwas, das sie sehr häufig sagt. Und da kam uns nämlich der Gedanke, dass die Frau, die anrief, und Ihre nette Schwägerin ein und dieselbe Frau sind. Aber wie passen Sie in dieses Szenario, und was sollte die Geschichte mit Joe bezwe- cken? Nun, Sie passen eigentlich überhaupt nicht ins Bild, und das mit Joe würde auch keinen Sinn ergeben, außer … Außer, sie ver- suchte uns dazu zu bringen, etwas gegen Sie zu unternehmen, Sie als nicht tauglich zu erklären, als Mutter ungeeignet für das Kind, um das sie sich derzeit kümmert. Mit anderen Worten: Wenn sie beweisen könnte, dass Sie sich unmoralisch verhielten, könnte sie das Kind behalten, so etwas, dachten wir beide, muss sie im Sinn gehabt haben, und deshalb sind wir vorbeigekommen, um es Ihnen zu sagen. Und? Reimt sich das zusammen?“

„Sie hat es mir vor kaum einer Stunde genau so unter die Nase gerieben. Am Grab meines Mannes kam sie auf mich zu und gab unumwunden zu, dass sie meinen Jungen für sich haben möchte. Ich kann es ihr nicht verübeln, dass sie ihn lieb hat, alle mögen ihn, und sie hatte ja auch einen harten Schlag zu verkraften, eine tragische Geschichte. Sie kann keine eigenen Kinder mehr haben, und ganz sicher hat sich das in ihren Gedanken festgesetzt. Aber …“

Ich konnte nicht mehr, saß einfach nur da und versuchte mich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Deshalb sind wir ja zu Ihnen gekommen“, sagte Sergeant Young sanft. „Wir dachten, Sie sollten das wissen.“

Ich saß immer noch da, merkte aber, wie er meine Kleidung musterte. „Ich habe mich zum Arbeiten umgezogen“, erklärte ich. „Ich muss heute noch anfangen.“

„… was arbeiten Sie denn?“

Ich hasste die Antwort, aber ich dachte, ich müsste unbedingt etwas erwidern. „Nun, ab heute, so hoffe ich, kann ich für mich selbst aufkommen. Unter der Terrasse hinten steht ein Rasenmäher, und ein Kanister Benzin ist auch noch da, und ein Stück die Straße hoch, wo man mich nicht kennt, gibt es Rasen, die gemäht werden müssen, und ich dachte, das könnte ich übernehmen, das heißt, wenn die Leute es mir erlauben, es würde mir ein paar Dollar einbringen, und damit könnte ich etwas zu essen besorgen und einen Tag zum Nachdenken gewinnen. Wenn ich mir etwas Zeit verschaffe, könnte ich vielleicht einen Job bei Woodies ergattern, oder bei Hecht’s oder Murphy’s — als Verkäuferin, meine ich. Ich habe nichts Spezielles gelernt, auf der Highschool hatte ich Englische Lyrik als Hauptfach, und auf dem College, nun, ich hatte ja kaum angefangen, da musste ich es abbrechen, und wie Sie sich denken können, musste ich dann heiraten, und dann kam mein Kleiner zur Welt und — tja, jetzt stehe ich da.“

Ich weiß nicht, warum ich so viel redete, aber sie schienen wirklich besorgt um mich, deshalb wollte ich ihnen alles erzählen. Außerdem war ich nervös, ich nehme an, jeder wird nervös, wenn er mit der Polizei reden muss.

„Haben Sie schon mal daran gedacht, in einem Restaurant zu arbeiten?“, fragte der Sergeant nach einer kleinen Pause.

„Was meinen Sie damit — in einem Restaurant arbeiten?“

„Nun, als Kellnerin.“

Ich muss ihn befremdet angesehen haben, denn hastig und ein bisschen verlegen fuhr er fort: „Schon gut, schon gut, ich hab ja nur gefragt und wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Denn die Sache hat eins für sich: Am meisten verdient man durch Trinkgelder. Und die können Sie jeden Abend mit nach Hause nehmen. Da müssen Sie nicht, wie bei anderen Jobs, bis Samstag warten … oder bis zum Monatsersten.“

„… sprechen Sie ruhig weiter“, sagte ich.

„Nun, hinzu kommt noch, dass das Garden of the Roses hier nur ein paar Blocks die Straße runter ist. Für Woodies bräuchten Sie ein Auto, für Hecht’s und Murphy’s auch, wie für alle anderen Geschäfte an der Plaza. Und Mrs. Rossi könnte tatsächlich jemanden gebrauchen, sie braucht öfter jemanden, und Sie könnten sich auf mich berufen.“

„Wer ist Mrs. Rossi?“

„Bianca Rossi, die Eigentümerin. Ihr Mann, ihr verstorbener Mann, war Italiener, sie nicht. Und sie ist in Ordnung. Ein bisschen mürrisch vielleicht, aber anständig und kein bisschen bösartig.“

„… klingt wie für mich gemacht.“

„Außerdem haben Sie’s doch mit Namen, das hilft gewaltig, gerade bei den Trinkgeldern.“

„Meine Mutter“, erklärte ich ihnen, „ging auf eine Privatschule, wo sehr auf Benehmen Wert gelegt wurde, besonders auf die Bedeutung von Namen, und das hat sie mir eingetrichtert. Dass Freundlichkeit der Kern guten Benehmens ist haben sie ihr allerdings nicht beigebracht.“

„Wir könnten Sie hinfahren.“

„Wenn Sie so lange warten, bis ich mir was angezogen habe.“

„Was Sie anhaben, genügt vollkommen. Damit sehen Sie wie eine hart arbeitende junge Frau aus, und das sucht Bianca, ich meine, wenn sie überhaupt jemanden sucht. Und wenn sie Sie einstellt, gibt sie Ihnen eine Uniform.“

„Worauf warten wir dann noch?“

Alles kam so schnell und unerwartet, dabei war es die wichtigste Entscheidung meines Lebens. Bis dahin hatte ich nie daran gedacht, Kellnerin zu werden. Und Zeit, mich zu fragen, ob ich vielleicht zu stolz war, Trinkgelder anzunehmen, oder mir überhaupt Gedanken zu machen, blieb mir auch nicht. Die Hauptsache war Geld zu verdienen, und zwar schnell. Deshalb saßen wir auch keine Minute später im Auto, und Sergeant Young fuhr mich den Hügel hinunter ins Restaurant.

S-23

And, by her looks she’s been broken in.

— Das Garden of Roses befindet sich in der Upshur Street in Hyattsville, gegenüber von der Bezirksverwaltung, deren Hauptgebäude im Süden der Stadt am Highway No. 1 steht, am „Boulevard“, wie wir sagen. Das Restaurant ist nur eingeschossig, aber sein Parkplatz erstreckt sich über einen halben Block. Es besteht aus zwei Flügeln mit einem Verbindungstrakt in der Mitte, eine Art Foyer oder Lobby mit Rezeption und Garderobe, das man durch eine halbhohe Schwingtür betreten kann. Einer der Flügel beherbergt das Restaurant, der andere eine Cocktailbar.

Sergeant Young half mir beim Aussteigen und begleitete mich zum Eingang, während Private Church im Auto wartete.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mir helfen, obwohl Sie gar nicht dazu verpflichtet sind und gar keinen Grund dazu haben …“

„Verpflichtet vielleicht nicht, aber einen Grund habe ich schon.“

Ich ertappte ihn dabei, wie er seinen Blick einmal mehr über meine Kleidung schweifen ließ und vielleicht auch über das, was sich darunter befand, und verkrampfte ein wenig. Er muss das gesehen haben, denn als er weitersprach, klang er gleich etwas formeller.

„Mrs. Medford, ich kann mir vorstellen, was Sie durchgemacht haben. Ich habe die Akte gesehen, die angelegt wurde, als Sie Ihren Sohn zur Behandlung seines Armes ins Krankenhaus brachten. Ihre blauen Flecken und wie es bei Ihnen zu Hause aussieht, sehe ich auch. Verzeihen Sie mir, dass ich am Tag seiner Beerdigung so deutlich werde, aber Ihr Mann war ein Unmensch, und Sie können froh sein, dass Sie ihn los sind, vorausgesetzt natürlich, dass Sie darüber nicht auch noch Ihr Kind verlieren.“

Ich nickte dankbar. Wir verharrten noch einen Augenblick, und es schien mir, als wolle Sergeant Young mir noch etwas sagen, aber ohne dass sein Partner ihm dabei zusah. Er erwiderte mein Nicken und ging zu seinem Wagen zurück.

Als er und Private Church weggefahren waren, betrat ich das Foyer. Da kein Licht brannte und ich aus der Sonne kam, konnte ich einen Moment lang nichts sehen. Doch dann kam eine Kellnerin aus dem Restaurant geeilt und sagte: „Wir haben bis fünf geschlossen. Versuchen Sie es im Abbey am College Park.“

„Ich möchte Mrs. Rossi sprechen.“

„Worum geht es?“

„Wenn Sie nichts dagegen haben, sage ich ihr das selbst.“

„Ich muss wissen, was Sie von ihr wollen.“

Nun ist mein mitunter aufschäumendes Temperament, wie Sie vielleicht schon vermutet haben, eines der großen Probleme meines Lebens. Deshalb stand ich ein paar Sekunden lang stumm da und versuchte mich unter Kontrolle zu halten, als plötzlich eine Frau auftauchte. Sie war mittleren Alters, nicht größer als ich, aber breit und kräftig. Die Kellnerin sagte: „Mrs. Rossi, das Fräulein da möchte mit Ihnen sprechen, will aber nicht sagen, warum. Ich habe versucht, es aus ihr herauszukriegen, aber sie will einfach …“

„Sue!“

Mrs. Rossis Stimme war schneidend, und Sue hielt prompt die Klappe. „Neugierige Kätzchen verbrennen sich die Tätzchen, Sue, und überhaupt, was geht es dich an, was sie von mir will?“

Sue verschwand, und Mrs. Rossi wandte sich an mich. „Also, was willst du?“

„Arbeit.“

„Was für eine Arbeit?“

„Die Tische bedienen.“

Sie musterte mich und sagte schließlich: „Ich kann ein Mädchen gebrauchen, aber ich fürchte, eines wie dich nicht, ich nehme keine ohne Erfahrung.“

„Nun also … ich habe nur drei Worte gesagt, und schon wissen Sie, dass ich keine Erfahrung habe.“

„Eben die drei Worte ‚Die Tische bedienen‘, wenn du schon mal in dem Job gearbeitet hättest, hättest du gesagt: ‚Die Gäste bedienen‘ … Also, hast du Erfahrung oder nicht?“

„Nein, aber …“

„Nun denn, ich nehme keine unerfahrenen Kräfte. Hast du zu Mittag gegessen?“

„Ich hatte heute Mittag keinen Hunger.“

„Gefrühstückt?“

„Mrs. Rossi, Sie sind zu gütig — das sage ich Sergeant Young, der mich ermutigt hat, mich bei Ihnen vorzustellen, weil Sie immerhin ein Herz haben.“

„Du kennst Sergeant Young?“

„Oh ja, ich glaube, ich kann ihn einen Freund nennen.“

„Und er hat dich zu mir geschickt?“

„Er sagte, Sie würden vielleicht jemanden brauchen.“

„Und wie kommt er darauf, dass ich dich gebrauchen könnte?“

Tja, was brachte ihn wohl darauf, dass sie mich brauchen könnte? Ich versuchte mir etwas einfallen zu lassen, und plötzlich kam ich wieder drauf: „Mein Namensgedächtnis hat ihn beeindruckt. Er glaubte, bei dieser Art Arbeit wäre das von Nutzen.“

„Wie heiße ich?“

„Mrs. Rossi. Mrs. Bianca Rossi.“

„Und das Mädchen eben?“

„Sue.“

Sie streckte den Arm aus, sodass man vom Restaurant aus ihre Hand sehen konnte, und schnalzte mit den Fingern. Als Sue wieder auftauchte, fragte sie mich: „Und wie heißt du?“

Ich wollte schon sagen: „Mrs. Medford“, fing mich aber noch und sagte stattdessen: „Joan. Joan Medford.“

„Miss oder Misses?“

„Ich bin Witwe, Mrs. Rossi. Misses.“

Mrs. Rossi sagte zu Sue: „Das ist Joan. Nimm sie mit nach hinten, zeig ihr einen Spind und such eine Uniform für sie raus. Aus dem Stapel, der vorhin aus der Wäscherei gekommen ist. Er liegt im Regal, im Vorratsraum.“

Dann, an mich gerichtet: „Wenn du dich umgezogen hast, kommst du wieder hierher, und ich sage dir, was als Nächstes zu tun ist.“

„Ja, Mrs. Rossi. Und danke auch.“

„Irgendetwas stimmt nicht mit dir.“

„Das wird schon noch, Mrs. Rossi, geben Sie mir etwas Zeit.“

Sue führte mich durchs Restaurant in eine Küche, wo ein Küchenchef und zwei Beiköche Zwiebeln hackten, Gemüse schnitten und in Töpfen rührten. Dann in einen Flur, der in einen Raum mit Spinden führte, vor denen eine Bankreihe stand. Sie nahm einen Schlüssel vom Brett und schloss mir einen auf. Dann verschwand sie, und bis ich mich ausgezogen hatte, war sie mit meiner Uniform wieder zurück, trug den kurzen Rock mit der Schürze in der einen und die Bluse in der anderen Hand. Sie sah mir zu, wie ich meine Sachen in den Spind hängte und die Uniform anzog. Der Schlüssel war an einem Armbändchen befestigt, und als ich abgeschlossen und es übergestreift hatte, musste ich dabei auf meine Beine geschaut haben, die natürlich nackt waren, denn sie sagte: „Das ist schon okay, manche der Mädchen tragen keine Strumpfhosen. Bei manchen Dingen, wie den Fingernägeln zum Beispiel, ist mit Mrs. Rossi nicht zu spaßen, aber in anderen Fragen ist sie nicht so streng.“

Sie brachte mich zu Mrs. Rossi zurück, die mich im Restaurant erwartete. Bei ihr saß eine grauhaarige, etwa vierzigjährige gut aussehende Frau. Sie trug eine Bauernbluse, dazu purpurrote Shorts und hautfarbene Feinstrumpfhosen, die ein Paar überwältigende Beine betonten.

„Ich bin gleich bei dir“, rief Bianca mir zu und setzte ihre Unterhaltung fort. Doch die Frau unterbrach sie: „Hey, Moment mal, wer ist das denn?“

„Ein neues Mädchen“, erwiderte Bianca, „aber was den importierten Gin betrifft …“

„Moment, Moment! Warum trägt sie die Restaurant-Uniform?“

„Weil sie da arbeiten wird.“

„Oh nein, das wird sie nicht. Da versprichst du mir ein neues Mädchen, aber wenn es dann eintrifft, teilst du es für die andere Seite ein.“

„Sie ist neu, sie ist noch völlig grün hinter den Ohren, sie kann nicht in der Bar arbeiten, dazu fehlen ihr die Voraussetzungen.“

„Oh doch, die hat sie!“ Und dann, zu mir gewandt: „Zeig ihr deine Voraussetzungen, dein Fahrgestell, meine ich.“

Ich drehte mich und präsentierte meine nackten Beine, und sie fuhr fort: „Und so wie sie aussieht, ist sie alles andere als grün hinter den Ohren.“ Und wieder zu mir: „Nicht wahr, meine Liebe?“

„Wenn Sie das meinen, was ich glaube, dann ja. Ich bin Witwe. Seit Kurzem erst, mit einem Kind.“

„Also, Bianca?“

Es war nicht das erste Mal — so viel bemerkte ich —, und bei Weitem nicht das letzte Mal, dass sie ihre Meinung änderte, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlte. „Okay, dann nimm sie mit.“

„Komm mit“, sagte die Frau und führte mich wieder in den Umkleideraum. „Den Namen, bitte.“

„Joan. Joan Medford.“

„Liz. Liz Baumgarten.“

Liz musste man einfach mögen, ich glaube, das ging nicht nur mir so, doch plötzlich fragte ich: „Wann schließt denn die Cocktailbar?“

„Um eins. Warum?“

„Weil ich mich frage, wie ich nach Hause komme. Das Restaurant schließt um neun, um die Zeit könnte ich noch gut zu Fuß nach Hause gehen. Aber um ein Uhr morgens …“

„Kein Problem. Ich fahre dich, Joan. Ich habe ein Auto.“

Wir waren im Umkleideraum angekommen, und Liz schloss die Tür hinter sich. Ich zog Rock, Schürze und Bluse aus und sie brachte mir die gleichen Hosen, die sie trug, dazu eine dieser Bauernblusen. Dann öffnete sie einen Spind und holte ein Paar noch eingepackte Strumpfhosen heraus. „Hier, hautfarben, ist das okay?“

„Oh mein Gott … danke, Liz.“

„In der Bar kriegst du um ein Uhr in der Frühe kalte Beine, aber wenn ich dir einen Vorschlag machen darf: Mit dem, was du da in der Bluse hast, würde ich den BH weglassen.“

„Meinst du wirklich?“

„Aber natürlich. Das macht sich bei den Trinkgeldern mehr als bezahlt.“

„Na dann mach ich’s. Trinkgelder sind ja wohl die Hauptsache.“

„Für uns alle, Joan, für uns alle, deshalb musst du dich auch kein bisschen schämen.“

Und dann erklärte sie mir: „Falls du dich wunderst, warum ich mir Konkurrenz ins Haus hole, wenn ich doch alles für mich alleine haben könnte: Weißt du, alleine in der Cocktailbar zu arbeiten, das kann auch nach hinten losgehen. Wenn es nämlich richtig voll ist, komme ich mit den Bestellungen nicht nach, und das ist genau das, was du dir in einer Bar nicht erlauben kannst. Aufs Essen warten sie schon mal ein bisschen länger, aber der Drink muss sofort auf dem Tisch stehen. Wenn man da nicht hinterherkommt, werden die Typen direkt sauer. Und wenn sie sauer sind, geben sie kein Trinkgeld. Was ich sagen will, ab einem bestimmten Punkt nützt es nichts, wenn der Laden brummt, jedenfalls nicht, was das Trinkgeld angeht. Ganz im Gegenteil.“

Und dann, als ich die Strumpfhose anzog, die Shorts überstreifte und die Bluse, die vorne ziemlich spannte, meinte sie: „Das reicht. Ich würde sagen, es gibt mehr als einen guten Grund, dich hier arbeiten zu lassen.“

„Du siehst auch nicht schlecht aus.“

„Ganz okay für eine alte Frau — in einer Gruppe würde ich nicht unangenehm auffallen.“

Sie sah natürlich viel besser aus, und auf jeden Fall auch jünger, als sie tatsächlich war. Ich habe nie herausbekommen, wie alt genau, aber immerhin war sie alt genug, um gänzlich ergraut zu sein. Aber sie hatte wundervolles graues Haar, beinahe silbern, und es war gelockt und reichte bis knapp an die Schultern. Sie war mittelgroß, und ich muss sagen, ihr Gesicht war ein bisschen derb, aber nichtsdestotrotz sah sie verdammt gut aus. Ihre Augen waren leuchtend blau, erfahren, aber nicht hart. Ihre Beine waren ganz anders als meine. Wo meine weich und rund waren, waren ihre straff und muskulös, aber mit klaren Konturen und anmutig, wenn sie sie bewegte.

Sie ging voran. Über das Restaurant und das Foyer gelangten wir in die Bar, wo ein untersetzter Mann in einem weißen Jackett mit einem Leinentuch Gläser polierte und sie ordentlich im Regal aufreihte.

„Joan, Jake, Jake, Joan — unser neues Mädchen. Hab ein bisschen Geduld mit ihr, sie hat noch nie in einer Bar gearbeitet.“

Sprach’s und verschwand in der Küche.

„Hallo, Joan.“

„Hallo, Jake.“

Wie sich herausstellte, begann mein Dienst jede zweite Woche bereits um vier statt um fünf, um für Jake die Ingredienzien vorzubereiten und die Tische zu richten. Das hieß die Stühle aufzustellen, die nachts immer hochgestellt wurden, damit die Bar gefegt werden konnte, und Schüsselchen mit Kartoffelchips zu verteilen.

Weil gerade ein junger Bursche dabei war, den Boden zu fegen, kümmerte ich mich zuerst um Jakes Cocktail-Zutaten.

„Zuerst die für den Old Fashioned. Weißt du, was das ist?“

„Du meinst die Orangenschnitze und die Kirschen?“

„Genau die.“ Er musterte mich eindringlich, dann fuhr er fort: „Und für die Martinis?“

„Packe ich die Oliven in eine Schüssel und stecke einen Zahn-

stocher durch.“

„Für die Gibsons?“

„Perlzwiebeln, keine Zahnstocher.“

„Okay, nun zum Manhattan …“

„Kirschen.“

„Wenn sie noch die Stängel dran haben, brauchst du keine Zahnstocher, aber manchmal liefern sie die falschen, ohne Stängel, für die nimmst du Zahnstocher. Die Margaritas?“

„Salz? In einem tiefen Teller? Und Zitrone, eingeschnitten, damit man den Glasrand einreiben kann.“

„Da wir gerade von Zitronen sprechen …“

„Scheiben? Wie viele?“

„So viele, wie drei Zitronen hergeben. Schneid sie ruhig dick, dann legst du sie in eine Schüssel und packst reichlich Eis drauf, damit sie mir nicht wabbelig werden. Ich hasse wabbelige Zitronenscheiben.“

Er sah mich an, als sei ich ein Dressurpferdchen oder sonst ein

Wunderding.

„Bist du sicher, dass du noch nie …“

„Meine Mutter pflegte immer Partys zu geben, und mein Vater mixte dann die Drinks. Und ich war Papas kleine Assistentin.“

„Himmel, du hast einen Vater … na, ich hätte es wissen müssen, tja, es gibt solche und solche, nicht wahr?“

Die Bemerkung hätte ich ihm übel nehmen können, aber da er dabei lächelte, lächelte ich zurück. „Was noch?“

„Die Chips. Die sind umsonst, aber du musst darauf achten, dass die Schüsseln immer voll sind. Die sorgen dafür, dass die Gäste noch einen Drink wollen.“

„Du meinst, weil sie salzig sind?“

„Meine ich nicht und du auch nicht. Ich glaube, dass sie eine Aufmerksamkeit von Bianca sind, und wenn du weißt, was gut für dich ist, dann denkst du das auch.“

„Eine kleine Aufmerksamkeit von Mrs. Rossi.“

„Vergiss das nicht. Sie ist ganz besessen davon.“

Er warf sein Tuch auf die Bar, nahm die Schürze ab und kam nach vorne. „Komm, ich zeige dir den Rest.“

Er zeigte mir die Addiermaschine, meine Registrierkasse und mein Quittungsbuch, erklärte mir, wie man die Belege in unterschiedlichen Stapeln sortierte und wie man, wenn jemand eine Rechnung verlangte, sie auf der Addiermaschine ausrechnete, dem Gast die Summe zeigte, sein Geld zur Kasse trug, den Betrag eintippte, das Wechselgeld entnahm und es dem Gast brachte.

„Und mach um Himmels willen bloß keinen Fehler“, brummte er und sah mir in die Augen. „Manche Dinge lässt Bianca dir durchgehen, etwa wenn dir der Wind die Bluse aufbläht, aber bei anderen Sachen, sauberen Fingernägeln und vor allem beim Geld ist sie mehr als genau. Wenn du einen Fehler machst, musst du dafür geradestehen.“

„Ich werde keine Fehler machen.“

Ich hatte gerade die Stühle von den Tischen genommen und die Chips verteilt, als Liz aus der Küche zurückkam. „Dann lass uns mal die Tische aufteilen“, sagte sie. „Ich schlage vor, wir teilen einfach in der Mitte und wechseln uns ab. Eine Woche nehme ich die Hälfte von der Tür bis zu den Toiletten, und die andere Woche machen wir’s umgekehrt. Klingt das fair?“

„Für mich schon. Aber dann solltest du diese Woche die Hälfte beim Eingang nehmen, damit du sie begrüßen kannst, die Gäste, meine ich, denn für mich sind das erst mal alles Fremde.“

„Genau so machen wir’s. Aber jetzt muss ich los, da kommt Mr. Four-Bits, der ist immer der erste Gast. Und so wie er seine zwei Vierteldollars auf den Tisch rollt, könnte man meinen, sie seien aus reinem Silber, direkt aus der Prägeanstalt in Philadelphia.“

Ich sah auf und bemerkte, dass Mrs. Rossi einen Gast hereingeleitete, einen wichtig aussehenden Mann mittleren Alters, der Gabardine-Hosen und ein Polohemd trug. Liz winkte ihr zu, und Mrs. Rossi wollte ihm in ihrem Bereich einen Tisch zuweisen. Doch als er mich sah, blieb er abrupt stehen, schaute mich an und sagte etwas. Bianca sah ihn verwundert an, brachte ihn aber zu mir herüber. So kam ich zu meiner ersten Begegnung mit Mr. Earl K. White, und ich war genauso verblüfft wie Liz.

S-34

His gaze wandered down to my legs.

— Er war groß gewachsen, eher blass und offensichtlich ein bedeutender Mann. Ich ging zu ihm, händigte ihm die Weinkarte aus, natürlich mit der Liste der Cocktails obenauf, und fragte: „Darf ich Ihnen etwas bringen, Sir?“ Ohne die Karte aufzuschlagen, bestellte er ein Tonic auf Eis, und als ich mich zur Bar umwandte, öffnete Jake bereits die Flasche und stellte sie neben ein Highball-Glas, in das er einen Eiswürfel gelegt hatte.

„Stell dein Tablett ab“, riet er mir, „und achte auf die Korkfläche in der Mitte. Eigentlich soll sie verhindern, dass dir die Gläser verrutschen, aber sie kann tricky sein, wenn man nicht daran ge- wöhnt ist.“

Ich ging wieder zum Tisch, stellte das Glas ab und goss ein. Die Flasche nahm ich wieder mit und warf sie in den Container unter der Bar. Dann ging ich an Mr. Four-Bits vorbei zu meinem Platz in der Nähe der Herrentoilette. Doch er drehte sich nach mir um und winkte mich heran.

„Sind Sie neu hier?“, fragte er.

„Ja, Sir — mein erster Abend heute … Wenn Sie es genau wissen wollen, Sie sind mein erster Gast.“

„Wie heißen Sie?“

„Mrs. Medford.“

Da rutschte es mir schließlich doch noch heraus, obwohl ich mich den ganzen Tag bemüht hatte, doch ich korrigierte mich sofort. „Joan.“

„Jetzt haben Sie sich verraten.“

„… ich sagte ja, es ist mein erster Abend.“

„Ich muss sagen, ich habe noch nicht viele Cocktailkellnerinnen getroffen, die Mrs. genannt wurden. Das klingt in etwa so, als würde sich eine Lady vorstellen.“

„Ich bin eine Lady, hoffe ich zumindest.“

„Das mag gut sein, aber nicht jede Kellnerin ist eine“, sagte er mit einem Blick in Liz’ Richtung. Ich konnte mir nicht vorstellen, was er im Vergleich zu mir an ihr nicht ladylike finden sollte, außer vielleicht, dass ich ihn Sir genannt hatte. Immerhin trugen wir die gleiche knappe Uniform, mit derselben Anzahl offener Knöpfe an den Blusen.

„Die, die ich kenne, sind Ladys“, sagte ich. „Und ich denke, die meisten anderen auch. Kellnerin und Lady sind keine inkompatiblen Gegensätze.“

„Das ist aber ein gewaltiges Wort für eine Kellnerin.“

„Tut mir leid, Sir, wenn Sie ein gewöhnlicheres vorziehen, dann sage ich, eine Frau kann beides sein.“

„Nun, wie soll ich Sie denn dann nennen?“

„Wie immer Sie wünschen, Sir.“

„Mrs. Medford?“

„Ich gebe zu, in einer Bar klingt das ein bisschen blöd.“

„Das sehe ich genauso. Ich glaube, ich nenne Sie lieber Joan.“

„Ja, bitte, tun Sie das.“

Wir klangen beide selbstbewusst, und unsere Blicke hatten sich ineinander verhakt. Dann ließ er seinen über meine Beine schweifen, sah mir aber schnell wieder in die Augen. Ich spürte, dass dieser Mann trotz oder gerade wegen unseres kleinen Zwists sich zu mir hingezogen fühlte. Ich wartete einen Moment ab und fragte ihn dann auf verhalten vertrauliche Weise: „Wie wünschen Sie denn, dass ich Sie nenne?“

Er zögerte ebenfalls, indes sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln formten, dann sagte er würdevoll: „Ich bin Earl K. White the Third.“

Er sagte es, als müsste ich wissen, wer Earl K. White the Third war, und vielleicht sogar vor Überraschung umkippen, doch ich hatte noch von keinem Earl K. White the Third gehört. Aber da ich keinen Mann enttäuschen wollte, der wohlgeboren genug war, dass es drei von ihm gab, ließ ich meine Stimme einen Tick schriller klingen, als ich erwiderte: „Ach was? Tatsächlich?“

„Ja, jetzt wissen Sie’s.“

„Mr. White, ich fühle mich geehrt.“

„Ganz meinerseits, Mrs. Medford, äh, Joan.“

Und nachdem er mich ein weiteres Mal von oben bis unten, vor allem unten, gemustert hatte, fügte er hinzu: „Wenn ich Ihnen etwas Persönliches sagen darf, Joan, dann würde ich sagen, dass Ihr Gatte ein glücklicher Mann sein muss.“

Ich verstand, dass es als Frage gemeint war, deshalb ließ ich einen Augenblick verstreichen, ehe ich antwortete: „Ich habe keinen Gatten, Mr. White, ich bin seit Kurzem verwitwet. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich habe ein Kind, das ich versorgen muss, einen kleinen, drei Jahre alten Sohn, seinetwegen habe ich diesen Job angenommen und mir diese ausgefallene Tracht angezogen. Ich darf hinzufügen, dass ich mich für die Stelle im Restaurant beworben hatte, aber mir wurde gesagt, ich würde hier gebraucht oder wäre besser für den Job hier qualifiziert, was auch immer. Ich weiß den Grund nicht genau, warum sie mich hierher beordert haben, außer vielleicht, weil sie denken, ich würde mich gut in dieser Uniform machen, diesem Kostüm oder besser gesagt, diesem Nichts an Kostüm, wie immer Sie es nennen wollen.“

„Was immer es ist, es steht Ihnen vorzüglich“, entgegnete er. „Und Joan, ich nehme an, Sie haben einiges durchmachen müssen, darf ich Ihnen mein Mitgefühl aussprechen? Nachträglich, aber aufrichtig. Ich habe Ähnliches durchlebt. Ich bin selbst auch Witwer, meine Frau ist vor ein paar Jahren verstorben.“

„Oh? Dann möchte auch ich Ihnen mein tiefstes Mitgefühl aussprechen.“

„Ich danke Ihnen, Joan. Vielen herzlichen Dank.“

Es klang alles sehr steif und förmlich, doch wir brachten es heraus: Ich war frei und er war es auch. Dann sagte er, um das Thema zu wechseln: „Schönes Wetter haben wir, nicht?“

Und da kamen mir die Worte meiner Mutter wieder in den Sinn, die einmal zu mir gesagt hatte: „Alle Welt wird dir eintrichtern wollen, nicht übers Wetter zu reden, aber Joan, rede übers Wetter, wann und wo du kannst. Das Wetter ist das, was alle gemeinsam haben, und oft ist es das Einzige, worüber man sich unterhalten kann. Sich zu unterhalten ist nicht immer einfach, deshalb unterhalte dich über das, worüber man sich unterhalten kann.“

„Oh ja, ganz, ganz hervorragend“, entgegnete ich. „Irgendwo habe ich gelesen, dass über das Wetter im Juni häufiger geschrieben und gesprochen wird als über das jedes anderen Monats. An einem Tag wie heute weiß man, warum.“

„Interessant, Joan, ich werde es im Bartlett nachschlagen.“

Ich hatte keine Ahnung, wer oder was Bartlett war, aber am nächsten Tag sollte ich es herausfinden.

Indes unterhielten wir uns weiter über den Unterschied, den ein schöner Tag ausmachen kann, bis er unvermittelt nach der Rechnung verlangte. Ich ging zur Bar und stellte sie aus. Als ich sie ihm brachte, holte er einen Fünfdollarschein heraus und legte ihn daneben, doch als ich danach greifen wollte, legte er seine Hand auf die meine und zog ihn weg. Dann nahm er den Fünfer, steckte ihn wieder in seine Brieftasche und nahm stattdessen einen Zwanziger heraus, den er auf den Tisch legte. Ich trug ihn zur Kasse, tippte 85 Cents ein und nahm das Wechselgeld heraus, drei Fünfer, vier Einer und 15 Cent in Münzen. Dann erinnerte ich mich an seinen Spitznamen, Mr. Four-Bits, Mr. Fünzig-Cent, und legte einen Dollarschein wieder zurück und nahm vier Vierteldollarstücke heraus. Dann legte ich die Scheine und die Münzen auf ein Zinnschälchen, das neben der Kasse stand, und ging damit zurück zum Tisch. Ich gestehe, es schoss mir durch den Kopf, die zwei Vierteldollarmünzen, die er mir geben würde, abzulehnen — „aber Mr. White, doch nicht von Ihnen“. Denn ich scheue mich nicht zu sagen, dass ich einen reichen Witwer, der Gefallen an mir fand, nicht als Gast behandeln würde. „Ich betrachte Sie als einen Freund“, wollte ich murmeln, doch er kam mir zuvor. Als ich das Schälchen vor ihm hinstellen wollte, bremste er mich, bereits im Stehen, mit einer knappen Geste. „Das stimmt so, Joan, besten Dank für den überaus angenehmen Plausch. Ich schätze, ich schaue morgen wieder herein und freue mich schon, Sie wiederzusehen.“

Ich brachte es nicht über mich, ihm die 19,15 Dollar zurückzugeben. Ich brauchte sie so dringend.

Er ging, und zum ersten Mal bemerkte ich den Mann in der Chauffeurs-Uniform, der im Foyer auf ihn wartete. Mir war klar, dass ich einen Treffer gelandet hatte, der wichtig für mich werden konnte. Doch gleichzeitig schoss mir durch den Kopf: ‚Ich wünschte, ich fände ihn sympathischer.‘

S-40

Take it easy, Joan.

— Falls Jake bemerkte, wie ich mir die Scheine in die Tasche schob, die ich in der Hose entdeckt hatte, ließ er es sich nicht an- merken. Liz dagegen sah es und blinzelte mir auf eine Art zu, die offen ließ, was sie dazu meinte. Kein Wunder, auch ich wunderte mich, ein bisschen zumindest. Doch für mehr war keine Zeit, denn die Bar füllte sich, und plötzlich ging es nur noch um Drinks. Natürlich beschlossen manche Gäste auch, statt sich ins Restaurant zu begeben, direkt in der Bar zu essen, und so musste ich ihnen das Essen am Tisch servieren. Dazu musste ich mich mit dem Küchenchef auseinandersetzen, einem Litauer mit einem immensen Brustkorb, der zwar Bergovizi hieß, von allen aber nur mit Mr. Bergie angesprochen wurde. Er erklärte mir, wie die Sache in der Küche gehandhabt wurde, besonders wie ich die Bestellungen „nennen“ sollte, wenn ich sie ihm übermittelte. Besonders wenn es um die Saucen ging, legte er Wert auf besondere Bezeichnungen, wenn der Gast sie getrennt verlangte, wie die „Meunière“ beim Fisch, dann musste ich sagen „im Schiffchen“ und nicht so etwas Kompliziertes wie „Servieren Sie die Sauce getrennt“. Wenn der Gast auf die Sauce verzichtete, hieß es „keine Sauce“. Mir war klar, dass es für all das gute Gründe gab, und ich mühte mich auch, mir alles zu merken, dennoch war es ziemlich anstrengend, und bald schon war ich — nach allem, was ich an diesem Tag durchgemacht hatte — erschöpft. Als Jake es bemerkte, flüsterte er mir zu: „Keine Hektik, Joan. Niemand hetzt dich. Lass sie ruhig ihre Chips mampfen.“

Ich musste lachen, und das half, und als Liz mir auf die Schulter klopfte, half das noch mehr, zumal sie noch sagte: „Um acht kannst du Pause machen und etwas zu Abend essen, Mr. Bergie macht dir was.“ Dennoch wurden es mehr und mehr Gäste, die Mrs. Rossi hereinführte, die als ihr eigener Maître d’ fungierte oder besser gesagt als Maîtresse d’. Gegen halb neun ließ der Ansturm ein wenig nach, und Liz sagte mir, ich solle etwas essen, was ich auch machte. Ich setzte mich an einen Klapptisch zwischen dem sechsflammigen Gasherd und der aufgesperrten Tür zur Vorratskammer. Es war meine erste anständige Mahlzeit seit Monaten. Mr. Bergie schnitt mir eine dicke Scheibe Roastbeef ab, das ich zusammen mit einer Ofenkartoffel verschlang, danach holte ich mir aus der Tiefkühltruhe einen Schlag Vanilleeis und schenkte mir einen Kaffee ein. Das brachte mich wieder auf die Beine. Besonders der Kaffee gab mir das Gefühl, den Rest des Abends bewältigen zu können.

Bis kurz vor Feierabend klappte auch alles ganz gut, doch dann fing ein Mann, der in einer Sechsergruppe den Ton angab, an, über die Ölgesellschaften herzuziehen, und zwar mit einer solch ausladenden Geste, dass er dabei sämtliche Gläser vom Tisch wischte. Ich hätte am liebsten laut losgeschrien und fühlte mich unfähig, die Sauerei wegzuputzen. Doch da kam schon Jake mit einem Geschirrtuch, und Liz kniete sich hin und fing an aufzuwischen, bevor ich auch nur „Hoppla“ sagen konnte. Ich kniete mich daneben und war plötzlich auch nicht mehr wütend. Als der Mann seine Rechnung bezahlte, die mit Essen und Getränken für sechs fast 50 Dollar ausmachte, ließ er 15 Dollar Trinkgeld da, die ich mit Liz und Jake teilte, und so fühlte ich mich am Ende gut ...

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