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ASTRONOMIE contra ASTROLOGIE

Prof. Dr. Karl Stumpff (Autor), Claus H. Stumpff (Herausgeber)

ASTRONOMIE contra ASTROLOGIE

Eine naturwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Kritik der Sterndeutekunst





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

ASTRONOMIE contra ASTROLOGIE

Eine naturwissenschaftliche und

erkenntnistheoretische Kritik

der Sterndeutekunst 

von

Univ.-Prof. Dr. Karl Stumpff

1895 - 1970

 

Erschienen 1955 im

Verlag für angewandte Wissenschaften

Baden-Baden

 

Gesamtgestaltung:

 Claus H. Stumpff - Herausgeber

 

Zum Inhalt

Karl Stumpff – mein Vater und einer der bedeutendsten Astronomen des 20. Jahrhunderts und astronomischer Berater der NASA –  hatte bereits 1953 auf Ersuchen der Astronomischen Gesellschaft den Standpunkt der Wissenschaft gegenüber dem sich immer weiter ausbreitenden Aberglauben in Gestalt der Astrologie oder Kosmobiographie dargelegt. 

 Seine 1955 im Verlag für angewandte Wissenschaften, Baden-Baden, erschienene Abhandlung ›ASTRONOMIE gegen ASTROLOGIE‹ hat bis heute nichts von ihrer Aussagekraft verloren. Da dieser Verlag nicht mehr existiert und um das Werk wieder einer gebildeten bzw. interessierten Leserschaft zugänglich zu machen, habe ich es nunmehr als eBook herausgegeben. Der Text wurde - im Stil eines öffentlichen Vortrags - bereits vor über einem halben Jahrhundert verfasst, weshalb Satzbildung und Wortwahl nicht mehr zeitgemäß sind.

Da bei eBooks keine Fußnoten angebracht werden können, wurden diese jeweils als Klammertext eingefügt.

Eine kurze Biografie von Karl Stumpff befindet sich am Schluss dieses eBooks.

Claus H. Stumpff

Herausgeber

Vorwort des Autors

Die Grundgedanken dieses Werkes sind die gleichen, die ich im Oktober 1953 anlässlich der Tagung der Astronomischen Gesellschaft in Bremen in einem öffentlichen Vortrag entwickelt habe. Der Vorstand der Astronomischen Gesellschaft hatte mich gebeten, den Standpunkt der astronomischen Wissenschaft gegenüber dem sich überall breitmachenden Aberglauben in Gestalt der sogenannten Astrologie oder Kosmobiographie darzulegen. Ich habe daraufhin die erkenntnis-theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaften, auf denen auch die Astronomie und das gegenwärtige Bild vom Bau des Weltalls aufgerichtet sind, mit den geistigen Fundamenten verglichen, auf denen die alte Kunst der Sterndeutung beruht. Das Ergebnis dieses Vergleichs ist unzweideutig und unanfechtbar: Die der Astrologie zugrundeliegende Weltanschauung steht und fällt mit dem geozentrischen Weltbild, das seit den Tagen des Kopernikus zusammengebrochen ist. Die Astrologie als Wissenschaft hat heute keine Daseinsberechtigung mehr, da ihr Lehrsystem weder durch die Erfahrung gestützt wird noch in seinem Aufbau den allgemeingültigen Gesetzen des logischen Denkens genügt.

Die nachfolgenden Ausführungen sollen nicht nur die Irrwege kenntlich machen, auf denen sich das menschliche Denken im Aberglauben zu verlieren droht, sondern auch die Gründe verständlich machen, durch die viele Menschen für solch geistige Infekte anfällig wurden. Sie sollen die richtigen und einzig wirksamen Maßnahmen gegen den Rückfall in mittelalterliche Denkweisen aufzeigen.

Es ist leider unmöglich, allein mit wissenschaftlichen Argumenten die von der astrologischen Irrlehre erfassten Kreise von ihrer vorgefassten Meinung abzubringen. Selbst durch vernünftige Beweisführung kann man niemanden überzeugen, der die Denkgesetze missachtet oder nicht anerkennt, auf denen diese Beweisführung beruht. Dieses Buch ist daher nicht an jene gerichtet, die dem Aberglauben verfallen sind oder an diejenigen, die daraus Profit ziehen. Vielmehr richtet sie sich an Skeptiker, die zwischen dem Für und Wider nach dem richtigen Weg suchen, vor allem aber an Menschen, die bereit sind, die Wissenschaft in ihrem Kampf gegen Aberglauben und gewissenlose Geschäftemacherei zu unterstützen

Göttingen, Dezember 1954

Karl Stumpff

Erstes Kapitel

Eine versunkene Weltanschauung

lebt wieder auf

 

Die Astrologie oder Sterndeutekunst, eine uralte Wissenschaft, die noch bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein in hoher Blüte stand, verlor mit dem Anbruch der Neuzeit und mit der sich damals anbahnenden raschen Entwicklung der Naturwissenschaften allmählich an Ansehen und konnte etwa zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts praktisch als erloschen betrachtet werden. Zwar spielte diese auf dem geozentrisch-anthropozentrischen Weltbild des Altertums fußende Lehre von der kosmischen Bedingtheit des Menschen, seines Charakters und Schicksals auch dann noch in unkritischen und mystischen Spekulationen zuneigenden Kreisen eine gewisse Rolle, aber das ungeheure Ansehen, das sich die exakten Wissenschaften und die rationalistische Denkungsweise in einer mehr als zweihundertjährigen stetigen Aufwärtsbewegung erworben hatten, verhinderten ein übermäßiges Umsichgreifen und Zurschautreten jener überlebten Weltanschauung. In der Tat hatte die Astrologie seit der Revolution des astronomischen Weltbildes, die mit Kopernikus begann und von Kepler, Galilei und Newton siegreich zu Ende geführt wurde, den Boden unter den Füßen verloren, denn sie war ja gewachsen auf der Vorstellung, dass die Erde im Mittelpunkt des Weltalls ruht und die Gestirne sie als Trabanten umkreisen. Der Mensch, als Beherrscher der Erde, war auf Grund des alten Weltbildes noch berechtigt, sich als das vornehmste und vor allen anderen Wesen bevorzugte Geschöpf des Kosmos zu fühlen, und durfte mit Recht erwarten, dass die Gestirne – deren physische Natur ihm unbekannt war, und deren verwickelte Bewegungen ihm dem Sinne nach unbegreiflich blieben – nur um seiner selbst willen da seien. So hielt er sie für himmlische Zeichen der Götter, die ihm durch sie symbolhafte Antworten auf seine Opfer und Gebete gaben. Das alles musste notwendig zusammenbrechen in dem Augenblick, als dem Menschen bewusst wurde, dass seine Erde keineswegs der Weitenmittelpunkt ist, wie er geglaubt hatte, sondern als kleiner unbedeutender Planet unter vielen um die Sonne kreist, und dass auch diese Sonne nur ein ziemlich kleiner und unbedeutender Stern ist, der irgendwo am Rande einer ungeheuren Wolke aus Milliarden seinesgleichen einen unauffälligen Platz einnimmt.

Wenn seit dem Ende des ersten und in noch weit größerem Maße des zweiten Weltkriegs die Astrologie aufs neue ihre Zeit gekommen sieht und sich nicht ohne Erfolg bemüht, das verlorene Terrain wiederzugewinnen, so hat das verschiedene Ursachen, die insgesamt die Erscheinung verständlich machen, dass eine derart in ihren Grundfesten erschütterte Weltanschauung ihre Anhängerschaft plötzlich vervielfacht und sich im öffentlichen Leben eine Stellung erobert, die ihr nach alledem, was oben gesagt wurde, nicht zukommt.

Die gewöhnliche Erklärung dieses überraschenden und den Wissenschaftler wie den Volkserzieher gleich beunruhigenden Phänomens ist die: das Unglück zweier Weltkriege mit ihren verheerenden Folgeerscheinungen hat so viel Verzweiflung und seelische Not über die Menschheit gebracht, dass diese nun nach Auswegen sucht, die ihr weder die Religion noch der wissenschaftliche Rationalismus bringen oder zu bringen scheinen. Was im neunzehnten Jahrhundert undenkbar schien, einem Zeitalter, das dem Einzelmenschen trotz mannigfacher gärender Strömungen und Umwälzungen doch das Gefühl einer sicher und stetig fortschreitenden Entwicklung gab, wurde nun Ereignis: an Stelle der Lebenssicherheit, die vernünftige Planung für die eigene und die kommende Generation ermöglichte, trat die Lebensangst, die Unsicherheit des Heute und die gänzliche Ungewissheit des Morgen und des Übermorgen. Wen sollte es da wundern, dass der Mensch nach Zeichen sucht, die ihm die Zukunft deuten, die Fragwürdigkeit seines Schicksals mindern und ihm bei schwierigen Entscheidungen mit Rat und Hinweis dienen? In solchen Zeiten, wie wir sie erlebt haben und noch erleben, haben es die Propheten leicht, die jene alten Spielregeln wieder ausgraben, nach denen unsere Vorfahren ihr Schicksal aus den Sternen zu lesen vermeinten, und sie der nach Rat und Hilfe dürstenden Menschheit als uralte und ewig neue Weisheit vorsetzen. Die Kritik der Wissenschaft, die imstande ist, die Hohlheit jener Regeln und Lehren zu durchschauen, wird von jenen falschen Propheten kaum gefürchtet, denn diese wissen ja, dass erfahrungsgemäß der Ertrinkende zum Strohhalm greift, und dass der Kranke, dem der Arzt nicht mehr zu helfen weiß, auch zum Quacksalber geht, selbst wenn er dessen primitive Heilmethoden in gesunden Tagen verachtet hat.

Unbestreitbar hat die allgemeine Weltunsicherheit, die tägliche Bedrohung der persönlichen, wirtschaftlichen und nationalen Existenz der Menschen und Völker das meiste zum Wiederaufleben der Astrologie beigetragen. Statistische Erhebungen haben gezeigt, dass ein ungewöhnlich großer Prozentsatz der Bevölkerung fest an die Möglichkeit astrologischer Voraussagen glaubt und nur ein verhältnismäßig kleiner Teil sie unbedingt ablehnt. Kaum eine Wochenzeitschrift in Westdeutschland darf es wagen, auf die regelmäßige Wiedergabe von sogenannten ›Sonnenhoroskopen‹ zu verzichten, ohne damit einen großen Teil ihrer Leser zu verärgern – und das, obwohl diejenigen Astrologen, die ihre Wissenschaft ernsthaft betreiben, diesen allzu offenkundigen Unsinn ablehnen und heftig bekämpfen.

Dieses Nebeneinander von zwei verschiedenen Richtungen oder Wertstufen innerhalb der sterngläubigen Welt ist ebenso merkwürdig wie für die Unklarheit des astrologischen Denkens bezeichnend. Die ›wissenschaftliche‹ Astrologie – nach ihrer eigenen Meinung die allein berechtigte und richtige Sterndeutekunst überhaupt – ist tatsächlich die unmittelbare Fortsetzung der mittelalterlichen Astrologie und hat sich nur notgedrungen den modernen Fortschritten der Astronomie angepasst, soweit dies eben möglich ist. Ihre Charakteristiken und Prognosen beruhen wie ehedem auf den sogenannten ›Geburtshoroskopen‹, d. h. schematischen Skizzen, in die für den Augenblick der Geburt eines Menschen die Stellung der beweglichen Gestirne (Sonne, Mond, Planeten) im Tierkreise und die Lage des Tierkreises bezüglich des Horizontes des Geburtsorts säuberlich eingetragen wird. Aus diesen Skizzen, die natürlich von Mensch zu Mensch sehr verschieden in Bezug auf die gegenseitige Stellung von Gestirnen, Tierkreiszeichen und Himmelsabschnitten (Häusern) ausfallen, wird dann der Astrologe nach zum Teil althergebrachten, zum Teil auch neugeschaffenen Regeln seine Aussagen über Charakter und Anlagen der betreffenden Person (des ›Horoskopträgers‹) machen und, durch Vergleich zukünftiger Gestirnskonstellationen mit ihrer Geburtsstellung, auch Aussagen über den weiteren - bereits vergangenen oder zukünftigen - Lebenslauf des Horoskopträgers versuchen. Die astrologischen Tages- oder Wochenhoroskope dagegen, die in Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind und offensichtlich törichte Leser in Mengen finden, beruhen auf einem weit primitiveren Prinzip. Sie geben für bestimmte Tage oder Wochen Direktiven an, die verbindlich sein wollen für alle Leute, die ›unter einem bestimmten Zeichen‹ geboren sind, d. h. während sich die Sonne in einem der zwölf ›Zeichen‹ des Tierkreises befunden hat. Das einzige Merkmal, nach dem sich die Rat- und Auskunftheischenden hierbei unterscheiden, ist also der Stand der Sonne in ihrem Geburtshoroskop, während auf die Stellung der übrigen Gestirne ebensowenig Rücksicht genommen wird wie auf die Geburtsstunde, die ja wesentlich die Lage der Tierkreiszeichen zum Horizont beeinflusst, also anzeigt, welche Zeichen sich unter oder über dem Horizont befinden, auf- oder untergehen usw. Da nun die Sonne die zwölf Zeichen alljährlich in derselben Reihenfolge durchwandert, gibt es bei diesen ›Sonnenhoroskopen‹ nur zwölf Merkmale, und jede einzelne Voraussage oder jeder einzelne Ratschlag gilt somit für alle Menschen gleichzeitig, deren Geburtstag auf einen bestimmten Zeitraum von Monatslänge fällt, ganz unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft usw., mit anderen Worten: für ein Zwölftel der ganzen Menschheit.

Es ist wahrhaft erschütternd, dass es Millionen von Menschen gibt, die gedankenlos auf solchen offenkundigen Unsinn hereinfallen und leichtgläubig für lautere Wahrheit nehmen, was sich geschäftstüchtige Skribenten aus den Fingern saugen und ihnen für gutes Geld anpreisen. Es ist daher auch verständlich, wenn sich die ›wissenschaftlichen Astrologen‹ von diesen primitiven Methoden entrüstet abwenden. Sie tun das allerdings wohl nicht nur aus Zorn über unlauteren Wettbewerb oder darüber, dass ihre eigenen Bemühungen durch die allzu plumpe Bauernfängerei dieser Astrologen niederen Grades in Misskredit gebracht werden, sondern auch mit schlecht verhehlter Genugtuung darüber, dass sie ja die wahre, ernsthafte und allein maßgebliche Astrologie vertreten und sich somit turmhoch über jene Scharlatane erheben dürfen, die die Menschheit mit solchen unwissenschaftlichen Machwerken überschwemmen. Gerade die bewusste Gegenüberstellung zwischen wissenschaftlicher und Zeitungsastrologie hilft sehr dazu, den Eindruck zu erwecken, als handele es sich bei der ersteren tatsächlich um eine ernst zu nehmende Sache. Wir werden im Folgenden noch sehr eingehend zu untersuchen haben, ob dieser Eindruck richtig ist, oder ob sich die beiden Grade der Astrologie nur dadurch unterscheiden, dass der Unsinn, der bei dem einen klar auf der Hand liegt, bei dem andern durch einen komplizierten und undurchsichtigen Formalismus verdeckt wird. Wir werden in der Tat zu dem letzteren Schluss gelangen und uns überzeugen, dass Unsinn Unsinn bleibt, auch wenn er noch so sehr mit gelehrten Ausdrücken, schwierigen Formeln und tiefsinnigen Betrachtungen verbrämt wird.

Nun erhebt sich die Frage, ob die Nöte unserer Zeit wirklich die einzige Ursache dafür darstellen, dass heute der Aberglaube in der verführerischen und ansprechenden Form der Sterndeuterei wieder üppig in den Gärten der menschlichen Zivilisation wuchert, aus denen er vor zwei Menschenaltern schon ausgerottet zu sein schien. Es muss wohl noch ein anderer Umstand hinzukommen, der das Klima unserer Gegenwart für sein Gedeihen so günstig macht. Sollte nicht neben der politischen auch die geistige Entwickung der Menschheit in diesem halben Jahrhundert zu dem Wiederaufleben der Astrologie beigetragen haben? Es ist eine der Aufgaben unserer Schrift, das Phänomen dieser Renaissance zu begreifen. Nur wenn wir erkennen, wie tief die Wurzeln von Aberglaube und Pseudowissenschaft mit denen des echten Kulturlebens verflochten sind, mag es gelingen, das Unkraut vom Weizen zu sondern. Die nächsten Abschnitte sollen dieser Frage nachgehen.

Zweites Kapitel

Die Erweiterung des

physikalisch-astronomischen

Weltbildes im zwanzigsten Jahrhundert

 

Nach einem Zeitalter großer Umwälzungen im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert hat die astronomische Wissenschaft eine zweihundertjährige Periode ruhiger und stetiger Entwicklung erlebt. Wir pflegen diese Periode, die mit der Entdeckung des Gravitationsgesetzes durch Isaak Newton (1687) begonnen hat und mit der letzten Jahrhundertwende zu Ende gegangen ist, als die ›Klassische Epoche der Astronomie‹ zu bezeichnen, weil es in ihr gelungen war, die früher so beunruhigend-verwirrten und rätselhaften Dinge des Himmels in eine kristallklare und durch formvollendete Schönheit und Harmonie ausgezeichnete Gestalt zu bringen – ähnlich wie dies auf anderen Gebieten in den klassischen Zeitaltern der bildenden Künste und der Dichtung geschehen ist. Dieser Epoche war als Hauptaufgabe das Problem gestellt, die Bewegungen der Himmelskörper unseres Sonnensystems, der Planeten, Monde, Kometen und Meteore, durch Beobachtung und Theorie zu erforschen. Diese Arbeit ist heute in ihren Grundzügen abgeschlossen, wenn auch aus ihrem Wesen immer neue Fragestellungen entspringen, zu deren Beantwortung jetzt und in aller Zukunft fortgesetzte Anstrengungen nötig sein werden. Die ›klassische‹ Einfachheit und Schönheit der ›Mechanik des Himmels‹ (unter welchem Namen man die Gesamtheit aller dieser Dinge zusammenfasst) beruht auf der durch die Erfahrung tausendfach bestätigten Erkenntnis, dass die Lösung aller Probleme der Bewegung der Himmelskörper im leeren Raum in einer einzigen Formel von äußerster Einfachheit und Symmetrie verborgen ist, eben in der Formel des Newtonschen Gravitationsgesetzes, nach der jede Masse des Weltalls jede andere mit einer Kraft anzieht, deren Größe proportional dem Produkt dieser Massen und umgekehrt proportional dem Quadrat ihres Abstandes ist. Aus dieser Urformel heraus lassen sich alle Einzelheiten der Himmelsbewegungen ableiten und begreifen und mit einer Genauigkeit berechnen, die bisher praktisch jeder noch so sorgfältigen Nachprüfung standgehalten hat.

Neben diesen klassischen Problemen traten im Laufe des vorigen Jahrhunderts neue Aufgaben auf den Plan und gaben Anlass zur Entwicklung neuer Zweige der astronomischen Wissenschaft, der Astrophysik und der Stellarstatistik. Die Astrophysik, die sich mit der Erforschung der physikalischen Beschaffenheit der Gestirne beschäftigt, geht zurück auf die Entdeckung der Absorptionslinien im Sonnenspektrum durch Wollaston und Fraunhofer anfangs des neunzehnten Jahrhunderts; ihr eigentliches Aufblühen begann aber erst in den sechziger und siebziger Jahren, als die instrumentellen Methoden der Spektralanalyse so sehr vervollkommnet waren, dass man sie mit Erfolg auf die Untersuchung des Lichtes der Sonne, der Planeten und der Fixsterne anwenden konnte. Die Stellarstatistik, d. h. die Untersuchung der großen Menge der Fixsterne mit ihren zahlreichen Unterscheidungsmerkmalen unter Anwendung der Methoden der Statistik, bildet ein Bindeglied zwischen Astrophysik und klassischer Astronomie. Ihre Geschichte beginnt gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit den Studien des älteren Herschel über die Verteilung der Fixsterne im System der Milchstraße; sie lässt sich ganz allgemein bezeichnen als die Wissenschaft vom Aufbau des Fixsternsystems. Die Forschungsmethoden der Stellarstatistik stützen sich einerseits auf die Beobachtung der Bewegungen der Fixsterne und die Bestimmung ihrer Entfernung nach den Methoden der klassischen Astronomie, andererseits aber auch auf die von den Astrophysikern gewonnenen Erfahrungen über die physikalische Natur der Sterne (ihre Helligkeit, Temperatur, Farbe, Masse, Dichtigkeit usw.), die es gestatten, sie in bestimmte Klassen und Typen einzuordnen.

Die bis dahin stetig und ruhig fortschreitende Entwicklung der Himmelskunde wurde in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts durch eine sprunghafte Bewegung abgelöst, bei der die Astrophysik mit ihrem unerschöpflichen Reichtum an fruchtbaren Ideen und neuen, vorwärtsweisenden Aufgaben schnell den Vorrang über die alte klassische Astronomie gewann. Veranlassung dieses bemerkenswerten Vorgangs waren eine Reihe bedeutender Entdeckungen auf dem Gebiete der Physik, aus denen die Astrophysik großen Nutzen zog. 1900 begründete Max Planck die Quantentheorie, die schon für sich allein eine völlige Umwälzung unserer Vorstellungen vom Wesen der Materie und der Energie bedeutete. 1905 trat Albert Einstein mit seiner speziellen Relativitätstheorie und rund zehn Jahre später mit der allgemeinen Relativitätstheorie hervor, die an den Grundlagen der alten Newtonschen Physik rüttelte, die Idee von einem den Raum erfüllenden Weltäther beseitigte, eine ganz neue und unanschauliche Auffassung vom Wesen des Raumes und der Zeit brachte und selbst jene einfache Urformel der klassischen Mechanik, das Newtonsche Gravitationsgesetz, nur noch als eine Näherung gelten ließ, die außerhalb der Bereiche menschlich-sinnlicher Wahrnehmung, also im Makrokosmos des Universums ebenso wie im Mikrokosmos der Moleküle und Atome nicht mehr stichhaltig ist. Parallel mit diesen beiden revolutionären Entdeckungen und offensichtlich durch sie gefördert und beeinflusst liefen die rasch aufeinanderfolgenden Fortschritte der Atomphysik , die nach den Zeitaltern des Dampfes und der Elektrizität eine ganz neue Epoche der technischen Zivilisation – mit glänzenden Aussichten und furchtbaren Gefahren – heraufzubeschwören bestimmt ist.

Dass das tiefe Eindringen der Forschung in die unsichtbar kleine, geheimnisvolle Welt der Atome innig verknüpft ist mit bedeutsamen Einsichten in die großräumige Welt der Fixsterne und Nebelflecke, erscheint bei oberflächlicher Betrachtung paradox, ist aber bei genauerer Überlegung leicht verständlich: Wir erhalten unsere Kunde von den Sternen fast ausschließlich durch das Licht.

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