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A Hunter's Wife

Liz Shereako

A Hunter's Wife


Dieses Buch ist all den geduldigen Lesern gewidmet. Vielen Dank, dass ihr meine Gedanken so mögt.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

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Mein Name ist Riley und ich bin die Frau eines Hunters.

Einer aus Fleisch und Muskeln bestehenden Kampfmaschine, die dazu ausgebildet wurde, den Feind mit bloßen Händen zu zerreißen.

Ein tödliches Geschöpf, faszinierend und erschreckend zugleich.


Hier möchte ich euch meine Geschichte erzählen.

  

 

1. Kapitel

 


Er starrte mir auf die Brüste, während er mit mir sprach. Das übliche Gerede, von wegen, ich solle mich etwas erkenntlicher zeigen, dafür, dass er mir eine Arbeit gab und ich nicht auf der Straße leben musste. Dass es sich um einen miesen Job in einer Bar handelte, wo mich die betrunkenen Besucher regelmäßig betatschten oder mir widerliche Angebote unterbreiteten, interessierte ihn natürlich überhaupt nicht. Ich bekam jede Woche Geld von ihm und das war in unserer Welt von großem Wert. Einer Welt, geprägt von Armut, Hunger und Gewalt. Die meisten Menschen hatten kein Zuhause, zogen umher wie Nomaden oder lebten auf der Straße, bis der nächste Winter sie unter seiner samtenen Schneedecke begrub und dahinraffte.

Es gab nur wenige Orte, an denen die Finsternis noch nicht vorrangig herrschte: die Empire. Dort lebten die Privilegierten, geschützt von hohen, undurchdringlichen Mauern. Entweder hatte man Glück und wurde in diese höhere Gesellschaft hineingeboren oder man lebte außerhalb der Mauern im Umland und kämpfte sich von einem Tag in den nächsten.

Ich hatte kein Glück gehabt, denn ich kam außerhalb der Mauern zur Welt. Aber damals war es noch nicht so schlimm gewesen, und so konnte ich eine halbwegs friedliche Kindheit mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester in einer Siedlung verbringen. Bis diese eines Tages von einer Gruppe überrannt und dem Erdboden gleichgemacht worden war.

Als einzige Überlebende, hatte ich entkommen können und war seitdem quer durch das Land gezogen. Vor einem knappen Jahr traf ich schließlich auf Karen und Danika, die mich bei sich aufnahmen und mich ihrem widerlichen Arbeitgeber vorstellten. Seitdem stand ich jeden Abend hinter dem morschen Tresen der Spelunke und versorgte die armselige Kundschaft mit billigem Alkohol. Dafür bekam ich ein regelmäßiges Einkommen und Sicherheit. Und deshalb musste ich mich erkenntlich zeigen. Auf welche Weise, das hatte mein Chef bisher noch nicht deutlich klargemacht.

Und wofür das Ganze? Nun, das musste ich wohl erst noch herausfinden. Denn momentan wusste ich nicht, wofür ich mich von Tag zu Tag durchkämpfte. Das Leben schien nicht besser zu werden, sondern nur trister, dunkler und hoffnungsloser. Jeder Tag war ein weiteres dunkles Kapitel, das ich aufschlug, nicht wissend, wann ich beim letzten ankommen würde.

»Besorg dir endlich anständige Kleidung, damit die Kundschaft auch was zu gucken hat«, sagte Baris und holte mich aus den Gedanken und Erinnerungen und damit zurück in das kleine, verdreckte Hinterzimmer, in dem wir beide standen und ich mir seine wöchentliche Predigt anhören musste.

Jedes Mal, wenn er nach vorne in den Hauptbereich der Spelunke kam, um mich zu einem Dienstgespräch zu holen, lief mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Ich konnte Baris nicht ausstehen - wahrscheinlich konnte das niemand - , aber ich durfte mir das nicht zu sehr anmerken lassen, denn auch wenn der Job ziemlich mies war, brauchte ich ihn und das Geld. Er verschaffte mir ein Dach über dem Kopf, und das war im tristen Umland wirklich Gold wert.

Nach seinen abfälligen Worten schaute ich an mir herunter und runzelte die Stirn. »Was stimmt denn nicht mit meiner Kleidung?«, fragte ich ihn, auch wenn ich die Antwort bereits ahnte.

»Zu viel Stoff. Männer wollen Haut sehen, dann zahlen sie mehr. Du willst doch dein Gehalt weiterhin bekommen, oder?«

Männer können mich mal am Arsch lecken. Und du auch!, entgegnete ich in Gedanken, hielt jedoch den Mund und nickte. »Schön, dann besorge ich mir demnächst etwas Neues zum Anziehen«, gab ich mich gefügig.

»Ich könnte dir bei der Wahl helfen«, schlug Baris nun mit einem anzüglichen Lächeln vor und strich mit zwei Fingern über meinen Oberarm.

Ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen, um ihm nicht ins Gesicht zu springen oder mich zu übergeben. Stattdessen trat ich einen Schritt zurück und öffnete die Tür. »Danke für das Angebot, aber ich komme prima allein zurecht.«

»Noch zierst du dich, mein hübsches Täubchen, aber ich weiß genau, was in deinem verdorbenen Kopf vor sich geht.«

»Nein, tust du nicht«, entgegnete ich mit einem gezwungenen Lächeln und schlüpfte schnell aus dem Hinterzimmer. »Ich gehe jetzt wieder an die Arbeit«, rief ich dabei.

Schnell hastete ich zurück hinter den Bartresen und atmete tief durch, um das aufsteigende Übelkeitsgefühl zu verdrängen. Danika, die zusammen mit mir Dienst hatte, musterte mich besorgt.

»Alles in Ordnung, Riley?«, fragte sie leise, damit die Gäste nichts mitbekamen.

»Er hat schon wieder diese Andeutungen gemacht«, erwiderte ich und stützte mich an der Spüle ab, während ich kurz die Augen schloss und tief Luft holte.

»Baris ist ein notgeiler Lüstling, aber er hat bloß eine große Klappe und nichts dahinter«, versuchte sie mich zu beruhigen.

»Bist du sicher?« Ich füllte ein Glas mit kaltem Wasser und trank es in einem Zug. So gelassen wie ich mich eben im Hinterzimmer gegeben hatte, war ich gar nicht. Es ekelte mich wahnsinnig an, wenn Baris so mit mir umging, aber ich zeigte es ihm nicht. Ich hoffte, dass er diese Annäherungen bald sein ließ, wenn er merkte, dass ich nicht darauf einging.

»Na klar. Er lässt hier und dort ein paar nervige Sprüche ab, aber sobald es ernst werden sollte, würde er sofort den Schwanz einziehen«, meinte Danika überzeugt.

»Das hoffe ich für ihn. Denn sollte er es wirklich irgendwann darauf anlegen und seinen Schwanz nicht einziehen, wird er Bekanntschaft mit meinem Knie machen. Eine sehr unschöne, schmerzhafte Bekanntschaft.«

Sie kicherte und zwinkerte mir mit einem Auge zu, bevor sie sich an einen Gast wandte, der wild mit der Hand herumwedelte und damit unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte.

»Schon gut, schon gut. Was kann ich Ihnen -« Danika stockte mitten im Satz, und als ich ihrem Blick folgte, erkannte ich den Grund dafür. Am Tresen standen zwei großgewachsene, breitschultrige Männer in Kampfmontur. Schwarze Lederjacken, schwarze Hosen und schwarze Stiefel. Und wenn das nicht schon furchterregend genug war, trugen sie auch noch ihre Waffen offensichtlich zur Schau.

Hunter.

Ich hatte die Krieger, die im Auftrag der Empire-Elite im Umland für Recht und Ordnung sorgten, bereits des Öfteren aus der Ferne gesehen. Doch jetzt, wo sie nur knapp zwei Meter von mir entfernt standen, wirkten sie noch machtvoller und bedrohlicher. Sehr beeindruckend.

»Wir nehmen zwei Whiskey«, sagte derjenige, der eben mit den Fingern geschnipst hatte. Seine dunklen Augen glitten von Danika zu mir, verharrten kurz auf meinem Gesicht und wandten ihren Blick schließlich seinem Begleiter zu.

Die Finger meiner Freundin zitterten leicht, als sie zwei Gläser mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit füllte und den beiden Huntern reichte. Das großzügige Trinkgeld stopfte sie in ihre Bauchtasche und warf mir einen fragenden Blick zu. Wir dachten wohl beide dasselbe: Was zum Teufel machten die Krieger hier in unserer trostlosen Spelunke? Es gab im Umland genug Hunter-Bars, in denen sie für ihre Getränke nicht einmal bezahlen mussten und wo willige Frauen arbeiteten, die nicht nur den Getränkeservice anboten, sondern auch ihre Körper. Was also führte die beiden hierher zu uns?

Während wir weiter unserer Arbeit nachgingen, bemerkte ich, dass der Hunter, der bestellt hatte, mich immer wieder von der Seite musterte. Das machte mich ziemlich nervös, auch wenn ich mir nach außen hin nichts anmerken ließ.

»Wie heißt du?«, fragte er plötzlich, und obwohl ich erst so tun wollte, als hätte ich ihn nicht gehört, entschied ich mich dagegen und teilte ihm meinen Namen mit.

Man hörte viel über die Hunter. Dass sie stark und erbarmungslos waren; dass sie einen Menschen mit ihren bloßen Händen töten konnten. Ich hatte garantiert nicht vor, mich mit einem von ihnen anzulegen. Sollte er doch meinen Namen kennen, das war mir egal.

»Ich bin Nikk«, fuhr er fort und hob sein mittlerweile leeres Glas an. »Schenkst du mir noch einen ein?«

»Natürlich.« Ich wischte meine feuchten Hände an einem Tuch ab und griff nach der Whiskey-Flasche. Zum Glück zitterten meine Finger nicht, als ich sein Glas wieder auffüllte, auch wenn ich sehr nervös war. Sein Blick war ziemlich aufdringlich.

»Du bist hübsch, Riley«, sagte Nikk unvermittelt und nahm einen großen Schluck von dem neu eingeschenkten Whiskey. »Was machst du an einem Ort wie diesem?«

»Arbeiten«, erwiderte ich schlicht. Auf sein Kompliment ging ich nicht ein. Schönheit war in meiner Welt bedeutungslos. Für mich sogar behindernd, denn sie lockte Verehrer an, die ich nicht haben wollte. So wie scheinbar auch den Hunter.

»Ja, das sehe ich, aber wieso ausgerechnet hier? Es gibt andere Bars, wo du viel besser hineinpassen würdest.«

»Wollen Sie mir etwa meine beste Bedienung abwerben, Sir?«, erschien plötzlich Baris neben mir und lachte ein ziemlich künstliches Lachen, das stark nach einem von zu viel Alkohol und Zigarren herrührenden Husten klang.

»Möchtest du denn abgeworben werden, Riley?«, richtete Nikk seine Frage an mich und seine dunklen Augen nahmen meinen Blick gefangen.

Ich verstand nicht, was das hier werden sollte, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich auf keinen Fall auf das Angebot des Hunters eingehen sollte, auch wenn Baris ein Widerling war und ich meinen Job hasste. »Nein, ich bin zufrieden mit meiner Arbeit hier«, erwiderte ich deshalb so aufrichtig wie möglich.

»Zu schade. Aber vielleicht änderst du ja deine Meinung noch.«

»Ich denke nicht, Sir.«

»Das werden wir schon noch sehen.« Er trank den Whiskey in einem letzten Zug aus und stellte das Glas zurück auf den Tresen. Dann nickte er seinem Begleiter knapp zu und verließ mit ihm zusammen die Bar.

»Eingebildeter Fatzke«, knurrte Baris neben mir und ließ seine Finger mit einem unschönen Geräusch knacken. »Ich hab zwar gesagt, dass du den Kunden schöne Augen machen sollst, Riley, aber keine falschen Hoffnungen.«

»Ich habe überhaupt nichts davon getan«, verteidigte ich mich sofort.

»Ja, ja, geh jetzt wieder an die Arbeit.«

Baris verschwand im Hinterzimmer und ich trat seufzend zu Danika, die das Ganze aus sicherer Entfernung beobachtet hatte.

»Was hatte das zu bedeuten?«, fragte sie nun und runzelte ihre Stirn, was mein ungutes Gefühl nur noch verstärkte.

»Keine Ahnung«, erwiderte ich und strich mir die losen Strähnen aus der Stirn.

Danikas Blick folgte meiner Bewegung. »Dein Ansatz ist kaum zu sehen«, murmelte sie und grübelte weiter. »Glaubst du, der Hunter hat es trotzdem bemerkt?«

Mein von Natur aus weißblondes Haar färbte ich mir nun schon seit einem Jahr in einem hässlichen Rotbraun. Laut Gerüchten, die überall kursierten, wurden Frauen mit hellem Haar von den privilegierten Männern gesammelt, als wären sie irgendwelche seltenen Kunstwerke. Vielleicht traf das Wort >selten< sogar exakt zu, denn außer meiner Schwester und mir kannte ich kein weibliches Wesen mit dieser Haarfarbe. Und wenn ich doch einer blonden Frau begegnete, dann stellte sich die Haarfarbe als nicht echt heraus.

»Wir müssen deinen Ansatz vorsichtshalber nachfärben«, fuhr Danika im Flüsterton fort.

»Ja, du hast Recht«, bestätigte ich nickend und drängte die aufsteigenden Sorgen beiseite. Ich durfte mich jetzt nicht verrückt machen. Wahrscheinlich hatte das Interesse des Hunters bloß darin bestanden, mich für sein Vergnügen anzuwerben. Das war schließlich nicht verboten, solange er auch ein Nein akzeptierte.


Die nächsten Abende verbrachte ich in angespannter Erwartung. Jedes Mal, wenn die Tür der Bar aufging, hielt ich den Atem an und entließ die Luft erst aus meinen Lungen, als ich unter den Ankömmlingen keinen Hunter erblickte. Und schließlich kam ich zu der Ansicht, dass ich viel zu viel in Nikks Worte hineininterpretiert hatte. Also nahm mein Leben wieder seinen gewohnten Lauf. Karen, Danika und ich blieben tagsüber in unserer kleinen Wohnung, wo wir uns vor den Gefahren, die überall lauerten, sicher fühlten, und abends wurden wir von Baris' Sicherheitsleuten abgeholt und zur Arbeit gefahren.

Oft kam ich mir vor wie eine Maschine, die funktionierte, aber nicht lebendig war. Mein Leben war seit knapp einem Jahr zur Routine geworden. Und manchmal - ganz selten - vermisste ich sogar das Leben, das ich davor geführt hatte. Zwar war es hart und unerbittlich gewesen, aber es hatte mich auch belebt. Der ständige Kampf ums Überleben hatte mich auf Trab gehalten, ich sah darin einen Sinn, indem ich jeden Tag von Neuem darum kämpfte, am Leben zu bleiben. Die einzige Freude, die ich jetzt noch empfand, bestand darin, einmal im Monat zusammen mit den anderen Frauen aus dem relativ sicheren Nord-Quarter im Umland in ein Einkaufszentrum vor den Toren des Empire zu fahren und mir dort Lebensmittel und Kleidung zu besorgen. Ansonsten waren wir gefangen in unseren vier Wänden oder mussten für einen Kerl schuften, den wir aufrichtig hassten.

»Aufwachen!« Karen schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht und grinste mich mit ihrem einnehmenden Lächeln an. Ihr feuerrotes Haar kringelte sich in wilden Locken um ihren Kopf und verlieh ihren nahezu perfekten Gesichtszügen etwas Abstraktes, was ich von Anfang an bewundert hatte. »Da ist jemand, der nach dir fragt.«

»Nach mir?« Ein Blick auf die andere Seite des Tresens ließ mich erstarren. »Verdammt.«

»Ich schätze, der Gute hat doch noch nicht aufgegeben.« Sie zuckte mit den Schultern und deutete mit einem Nicken auf den großgewachsenen Gast.

Ich straffte meine Schultern und trat zu ihm. »Was darf ich Ihnen bringen, Sir?«, fragte ich freundlich.

»Hallo, Riley. Wie geht es dir?«, entgegnete Nikk, ohne auf meine Frage einzugehen.

»Gut, danke der Nachfrage.«

»Schön. Hast du mich vermisst?«

»Dafür kenne ich Sie nicht gut genug«, wich ich diplomatisch aus.

Er lachte und seine dunklen Augen funkelten ganz schön furchteinflößend. »Ich möchte dir eine Frage stellen, Riley.«

Nervös deutete ich ihm mit einem Nicken an, dass er fortfahren sollte.

»Wenn du die Chance hättest, hier herauszukommen, würdest du sie nutzen?«

Ich schluckte. Nahezu jede Nacht lag ich nach der Arbeit in meinem schmalen Bett und fragte mich, ob es irgendeine Möglichkeit gab, dem elenden Leben im Umland zu entkommen. Seit Jahren hegte ich die Hoffnung, dass es eines Tages besser werden würde, auch wenn es nicht danach aussah, und jetzt stand dieser gefährliche Mann vor mir und bot mir etwas an, an das ich nicht mehr zu glauben wagte.

»Kommt darauf an, wie die Bedingungen aussehen«, erwiderte ich schließlich mit belegter Stimme.

Nikks Mundwinkel verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. »Die sind gar nicht mal so übel«, sagte er geheimnisvoll und strich sich mit den Fingern über das kantige Kinn.

»Und das bedeutet?«, hakte ich nach, auch wenn mir eine innere Stimme riet, das Thema nicht weiter zu vertiefen.

»Ein besseres Leben, keine widerlichen Kerle, die ihre dreckigen Finger nach dir ausstrecken, Sicherheit.«

»Die Bedingungen, Sir«, wiederholte ich eindringlich. Das, was er da aufzählte, klang ja schön und gut, aber welchen Preis musste ich dafür zahlen? Wie hoch war er?

»Eine einzige Bedingung«, sagte Nikk und beugte sich ein Stück weiter zu mir vor. »Werde meine Geliebte.«

 


»Also, ich würde da nicht lange überlegen und zugreifen«, verkündete Karen ihre Meinung, als wir am nächsten Tag zu dritt am Küchentisch saßen und frühstückten.

Ich hatte Nikk am Vorabend keine Antwort auf seine Frage gegeben und war jeder weiteren Konversation ausgewichen, aber das bedeutete nicht, dass ich nicht länger über das, was er gesagt hatte, nachdachte. Seit Stunden tat ich nichts anderes mehr. In meinem Kopf wog ich Pro und Contra gegeneinander ab - und kam zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

»Du würdest einfach mit dem Hunter abhauen und uns hier zurücklassen?«, fragte Danika bestürzt nach und musterte Karen mit gerunzelter Stirn.

»Natürlich nicht. Ich würde ihn schnell um meinen Finger wickeln und dafür sorgen, dass er euch ebenfalls aus dem Elend hier herausholt«, fügte unsere Freundin sogleich hinzu.

»Und wie?«, wollte Danika nun wissen. Ich hätte auch gerne eine Antwort darauf gehabt.

»Wie ich ihn um den Finger wickeln würde?«

»Ja. Du weißt doch, was man über die Geliebten der Hunter erzählt. Sie bleiben nur für eine bestimmte Zeit und werden anschließend wie gebrauchte Ware weggeworfen.«

»Dann muss Riley sich eben unersetzbar machen«, sagte Karen so überzeugt, als wäre das ein Kinderspiel. »Hunter sind vielleicht knallhart, aber nicht komplett gefühlsfrei. Wenn dieser ... äh, Nikk ... sich in Riley verguckt, lässt er sie bestimmt nicht einfach wieder gehen. Und dann kann sie ihn sicher davon überzeugen, auch ihren Freundinnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Vielleicht in einem der Hunter-Hauptquartiere. Dort soll es unglaublich schön sein, habe ich gehört.«

Ich schüttelte den Kopf. »Wie soll ich ihn denn dazu bringen, sich in mich zu vergucken? Ich kenne ihn doch überhaupt nicht.«

»Dann lernst du ihn eben kennen, findest heraus, was er mag, wie er tickt. Und schwupps«, sie schnipste mit den Fingern, »hast du ihn um den Finger gewickelt.«

»Dir ist doch bewusst, dass die Realität nicht aus albernen Liebesmärchen besteht, oder?«, meldete sich Danika wieder zu Wort. »Die Hunter wollen ihre Geliebten vögeln, nicht heiraten.«

Bei diesen Worten verzog ich das Gesicht. Wenn ich mir vorstellte, mit einem Mann wie Nikk ins Bett zu gehen ... Verdammt, diese Vorstellung sollte mich mehr verängstigen, als sie es tat! Sie war gar nicht so abstoßend, wie ich zunächst gedacht hatte. Dennoch kam es natürlich nicht in Frage, dass ich mich einfach so als willige Liebessklavin darbot.

»Das eine schließt das andere ja nicht automatisch aus«, entgegnete Karen lächelnd. »Sie verbringt ein paar nette Stunden mit ihm und schleicht sich nach und nach in sein Herz.« 

»Das ist eine verdammt naive Vorstellung«, warf ich ein. »Wir haben schon so viele Geschichten über die Hunter und ihre Geliebten gehört. Selbst wenn da mehr als bloße körperliche Anziehung vorhanden sein sollte – Hunter haben ihr Leben dem Schutz des Empire verpflichtet. Sie können ihre Aufgaben nicht einfach vernachlässigen und einen auf fröhliche Familie mit Frau und Kindern machen.«

Karen lehnte sich zurück gegen die Stuhllehne und zuckte resigniert mit den Schultern. »Fein. Ich wollte dir ja bloß ein wenig Mut zusprechen. Du hast die Chance, hier herauszukommen, Riley. Und meiner Meinung nach wärst du ganz schön dumm, diese Chance nicht zu ergreifen. Aber es liegt allein bei dir, was du draus machst.«

2. Kapitel



Die Stunden bis zum Abend verbrachte ich damit, mir ihre Worte immer und immer wieder durch den Kopf gehen zu lassen. Ein Teil von mir, der größere Teil, lehnte es komplett ab, auch nur daran zu denken, das Angebot des Hunters anzunehmen. Aber der andere Teil, so klein er auch sein mochte, sehnte sich danach, diesem ständigen Kampf ums Überleben und der stets präsenten Hoffnungslosigkeit im Umland zu entkommen. Und wäre es nur für eine befristete Zeit.

»Hör auf, zu träumen«, ermahnte ich mich selbst, schüttelte den Gedanken ab und machte mich für die Arbeit fertig.

Nikk befand sich bereits in der Bar, als Danika und ich dort zusammen mit Baris' Leibwächtern eintrafen. Ich grüßte ihn höflich, wich seinem Blick jedoch permanent aus, während ich meiner Arbeit nachging. Die ganze Zeit focht ich dabei einen inneren Kampf aus, in dem es darum ging, die richtige Entscheidung zu treffen. Falls es überhaupt eine richtige Entscheidung gab. Egal, welchen Weg ich wählte, er würde Gutes und Schlechtes mit sich bringen.

»Du wirst es nicht bereuen«, flüsterte plötzlich eine Stimme in mein Ohr und ich schreckte auf, als ich bemerkte, dass Nikk neben mir stand. »Wovor hast du Angst, Riley? Dass es dir zu sehr gefallen könnte?«

Ich trat einen Schritt von ihm weg, um die Distanz zwischen uns zu vergrößern. »Ich habe keine Angst«, sagte ich mit fester Stimme und war froh, dass ich wirklich überzeugend klang. »Ich steige bloß nicht mit jedem dahergekommenen Kerl ins Bett.«

Seine Lippen kräuselten sich wieder zu diesem selbstgefälligen Lächeln, das viele Frauen sicher sehr anziehend fanden. Auch in mir löste es ein aufregendes Kribbeln aus, aber bloß weil mein Körper auf seine Reize reagierte, bedeutete das nicht, dass ich mich Hals über Kopf in seine Arme stürzen würde. Nein, so naiv war ich nicht, dafür hatte ich bereits zu viel Grauen und Schrecken erlebt. Und von Huntern hielt ich grundsätzlich nicht besonders viel. Vielleicht noch weniger als von den Männern im Umland, die mir wenigstens einigermaßen vertraut waren.

»Im Klartext heißt das: Du möchtest mich erst einmal näher kennenlernen. Richtig?«, fragte Nikk im nächsten Moment.

»Zumindest wäre das ein Anfang.«

»Leider habe ich nicht die Zeit für romantische Verabredungen. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, Riley.«

»Das ist mir bewusst. Sie sind ein Hunter, Sir. Und aus irgendeiner Laune heraus haben Sie beschlossen, mich zu umwerben. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil Ihnen ein wenig langweilig war oder weil Sie irgendetwas an mir entdeckt haben, das Ihnen gefällt. Ist ja auch egal, Sie haben sich nun mal in den Kopf gesetzt, mich zu Ihrer Geliebten zu machen. Aber bevor ich auch nur darüber nachdenke, mit zu Ihnen zu kommen, würde ich gerne mehr über Sie erfahren.«

»Gut. Was möchtest du wissen?« Er stützte sich mit einem Arm an der Wand in meinem Rücken ab und schaute mich auffordernd an.

Etwas überrumpelt, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er sich auf mein Frage-und-Antwort-Spiel einlassen würde, begann ich zu stottern: »Ähm ... naja, zuallererst ... würde ich gerne wissen, was genau Sie von mir ... beziehungsweise von einer Geliebten erwarten.«

»Ich muss dich aber doch nicht aufklären, oder?«, hakte er belustigt nach.

Ich verdrängte die aufkeimende Scham und reckte mein Kinn. »Nein, das ist nicht nötig, Sir. Ich bin bereits aufgeklärt.«

»Gut. Dann müsstest du ja wissen, was ich von dir erwarte. Gewisse körperliche Dienste. Sex. Heiße Spiele auf kühlen Laken. Und wenn du wünschst, kann ich auch noch weiter ins Detail gehen.«

»Nein, nein, das ist ausführlich genug«, unterbrach ich ihn hastig und schaute mich um, ob uns auch ja niemand belauschte. Danika war fleißig dabei, die wenigen Tische abzuwischen, und die drei Typen am Tresen waren bereits viel zu betrunken, um etwas mitzubekommen. Gott sei Dank!

»Hast du noch mehr Fragen, Riley?«, lenkte der Hunter meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

»Ich habe unzählige Fragen«, sagte ich und blies die Wangen auf.

»Zu schade, dass uns für das Geplauder keine Zeit mehr bleibt. Aber ich komme morgen Abend wieder«, versprach er.

»Ich dachte, Sie sind ein schwer beschäftigter Mann«, entgegnete ich herausfordernd. »Und doch haben Sie Zeit, ihre Abende in einer Bar zu verbringen und Fragen zu beantworten.«

»Hm.« Er lächelte und strich mit einem Finger über meine Unterlippe. »Diese Zeit nehme ich mir, weil ich dich will.«

Ein angenehmer Schauer rieselte meinen Rücken herab. Ich trat einen Schritt zur Seite, um seiner Berührung, die mich viel zu sehr aufwühlte, zu entkommen. »Na, dann sehen wir uns wohl morgen Abend wieder.« Ich nickte ihm knapp zu und huschte davon. Erst als er aus der Tür trat, wich die Spannung aus meinem Körper.



Nachdem die letzten Gäste gegangen waren, räumten Danika und ich den Laden auf und holten anschließend unseren Wochenlohn bei Baris ab.

»Riley, ich muss noch mit dir sprechen«, sagte dieser mit einem Blick auf seine Leibwächter. »Deine Freundin kann schon mal nach Hause fahren, du kommst später nach.«

Ich schluckte und schaute wenig begeistert in Danikas skeptische Miene. »Ich warte«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es ist ein privates Gespräch«, blaffte Baris sie an. »Und wenn du deinen Job behalten willst, solltest du das tun, was ich dir sage. Fahr nach Hause, ich sorge dafür, dass Riley später heil ankommt.«

»Schon okay.« Ich gab Danika mit einem Nicken zu verstehen, dass sie gehen sollte. Auf keinen Fall wollte ich, dass sie wegen mir ihren Job verlor. Und mit Baris würde ich schon fertig werden … Irgendwie.

Zögernd drehte sie sich um und ließ sich von den beiden muskelbepackten Leibwächtern hinaus begleiten.

Sobald sich die Tür hinter ihnen schloss, ging in meinem Inneren jeder Alarmknopf an. Ich trat ein paar Schritte zurück, um den Abstand zwischen Baris und mir zu vergrößern, und gab mich nach außen hin so gelassen wie möglich. »Worüber möchtest du sprechen?«, fragte ich ihn in einem lockeren Ton.

»Dieser Hunter macht dir hübsche Augen, nicht wahr?«, begann mein Chef und zog jedes einzelne Wort in die Länge.

Aha, darum ging es also. Er sah es nicht gerne, wenn jemand in seinen Gewässern fischte. »Er ist interessiert, aber ich nicht«, erwiderte ich sachlich. »Keine Sorge, du musst dir keine neue Bedienung suchen.«

»Wie überaus beruhigend.« Baris trat zu mir und ich wich automatisch zurück. »Ach, Täubchen, jetzt zier dich doch nicht so.« Seine Finger glitten über meinen Arm.

»Lass das!«, zischte ich ihm zu und machte einen weiteren Satz von ihm weg. »Oder ich überlege es mir vielleicht doch noch anders und nehme das Angebot des Hunters an.«

»Tust du das, ja?« Er lachte höhnisch und entblößte dabei seine vergoldeten Zahnkronen. »Wird er dich auch noch wollen, wenn ich dich bereits besudelt habe?«

Baris preschte vor und schnappte nach meinem Arm, da ich jedoch seine Bewegung schnell registriert hatte, duckte ich mich weg und griff nach den Beinen eines Hockers, um diesen hoch zu wuchten und gegen meinen Angreifer zu stoßen. Panik und Angst trieben meinen Adrenalinspiegel in die Höhe und verliehen mir ungeahnte Kräfte. Als Baris mit einem wütenden Knurren auf mich zuflog, sprang ich über den Tresen, griff mir eine Flasche aus dem Spirituosenschrank und schlug sie ihm hart auf den Kopf, sodass ein Teil davon in lauter Glassplitter zerbrach.

»Du verdammtes Miststück!«, stieß Baris aus und schwankte benommen. Entsetzt starrte ich die Platzwunde auf seinem kahlrasierten Schädel an, aus der nun feine Blutrinnsale sickerten. »Das wirst du mir büßen!«

Mein Arm schnellte erneut nach vorne und ich befand mich in einer Art Trance: Ich konnte sehen, wie meine Hand die abgebrochene Flasche in Baris' Brust rammte, eigentlich eine sehr schnelle und brutale Bewegung, doch in diesem Augenblick lief sie wie in Zeitlupe ab. Er schrie auf vor Schmerz und riss seine Augen weit auf. Aus seiner Brust spritzte Blut und benetzte meine weiße Bluse und meine Unterarme wie eine dunkelrote Fontäne.

»Oh, mein Gott!« Als hätte ich mich verbrannt, ließ ich abrupt von meiner tödlichen Waffe ab, die in seiner Brust stecken blieb, und stolperte nach hinten, fiel über den umgekippten Hocker und richtete mich hastig wieder auf, um aus der Bar zu rennen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter mir her.

Du hast ihn umgebracht!, hämmerte es in meinem Kopf auf mich ein, während ich orientierungslos durch die dunklen Straßen lief und meine Lungen vor Anstrengung brannten.

Mörderin!

Meine Sicht verschwamm von den Tränen, die mir in die Augen stiegen. Ich stolperte, lief weiter, bekam kaum noch Luft und blieb schließlich stehen, vornüber gebeugt, die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt und hustend, während ich gleichzeitig nach Luft schnappte.

Er wird wieder, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Solche Verletzungen können heilen.

Ach wirklich? Bist du ein Arzt, um das beurteilen zu können?

Schluchzend ließ ich mich auf die Knie sinken und vergrub mein tränennasses Gesicht in beiden Händen. Mein Körper wurde von einem Weinkrampf durchgeschüttelt, bis ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte und zur Seite auf die schmutzige, feuchte Straße sank.

Erst als ich ein Rascheln und gleich darauf Schritte vernahm, erwachte ich aus der Schockstarre und richtete mich hastig auf. Nur wenige Meter von mir entfernt schleppte sich eine gebeugte Gestalt auf mich zu. Im ersten Augenblick dachte ich, es wäre der verletzte Baris, doch dann sah ich, dass es sich um einen alten Mann mit schütterem Haar und zahnlosem Mund handelte. Er murmelte etwas, das ich nicht verstand, und streckte eine Hand aus mit völlig verdreckten Händen und langen, dunklen Fingernägeln.

Panisch machte ich ein paar Schritte zurück, drehte mich um und lief weiter, obwohl meine Beine und Knie sich wie aus Beton anfühlten. Ich wusste nicht, wo ich mich befand, und deshalb musste ich mich schnell in Sicherheit bringen. Schon am Tage waren die Straßen ein gefährliches Terrain, in der Nacht grenzte es an Selbstmord, sich hinauszuwagen.

Der alte Mann von eben hätte mir wahrscheinlich nichts getan und wollte bloß betteln, aber ich konnte mir nicht erlauben, zu lange an einer Stelle zu verharren. Man musste stets in Bewegung bleiben, wenn man nicht in ernste Schwierigkeiten geraten wollte. Und diesmal hatte ich keine Alkoholflasche zur Hand, um mich zu verteidigen.

Baris' schmerzverzerrtes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Es kam mir beinahe so vor, als könnte ich den kupfernen Geruch des Blutes riechen.

Mühsam drängte ich diese Bilder beiseite und konzentrierte mich auf die Umgebung. Ich befand mich mitten in der Stadt, oder besser gesagt: Mitten in den Ruinen, die einst vor sehr, sehr langer Zeit eine Stadt dargestellt hatten. Mittlerweile waren die Häuser völlig zerfallen, überall stapelten sich Müll- und Geröllberge, es war dreckig und kalt und diejenigen, die hier noch lebten, mussten wirklich hart im Nehmen sein. Oder kurz vor ihrem Ende stehen, wie der alte Mann in der Gasse.

Als ich keine Kraft mehr hatte, weiterzurennen, drückte ich mich in einen Hauseingang und atmete tief durch, um meinen Herzschlag auf Normaltempo herunterzudrosseln. Plötzlich hörte ich Schreie und dann Schüsse. Erschrocken schlug ich mir eine Hand vor den Mund, um keine lauten Geräusche zu verursachen. Weg hier!, war mein einziger Gedanke.

So gefährlich die Nacht war, sie gab mir auch Schutz. Wie ein Schatten huschte ich aus dem Hauseingang und lief in die entgegengesetzte Richtung, aus der die Schreie und Schüsse gekommen waren. Die Ruinen und Baracken um mich herum wirkten im Dunkeln noch bedrohlicher; in den Fenstern, die in den Steinmauern wie die dunklen Augen eines Totenschädels wirkten, glaubte ich, finstere Gestalten, die mich beobachteten, ausmachen zu können. Stünde ich nicht so unter Adrenalin, wäre ich wie gelähmt gewesen vor Angst und Panik.

Ich erreichte einen Waldrand und schlüpfte zwischen die Bäume. Zu spät stellte ich fest, dass es keine gute Idee gewesen war, diesen Fluchtweg zu wählen, denn prompt verfing ich mich in einer aus dem Boden herausragenden Wurzel und fiel der Länge nach hin. Instinktiv schlang ich die Arme um meinen Kopf, um ihn vor dem Aufprall zu schützen, doch auf diese Weise wurden meine Ellbogen und zusätzlich auch noch mein rechter Knöchel in Mitleidenschaft gezogen.

Der Schmerz zog bis ins Schienbein, als ich mich wieder aufrappelte. »Verdammt«, zischte ich und biss die Zähne fest aufeinander. Ich humpelte bis zum nächsten Baumstamm und stützte mich mit einer Hand ab, während ich mit der anderen über meinen verletzten Fuß tastete. »Das ist alles bloß deine Schuld!«, richtete ich in unbestimmte Richtung und verspürte neben der Hilflosigkeit und Verzweiflung auch Wut auf Baris. Hätte er mich nicht bedrängt und mir eine Heidenangst eingejagt, wäre ich jetzt bereits zu Hause und alles wäre in Ordnung. Doch stattdessen musste ich mich in einem dunklen Wald mit einem verstauchten Knöchel herumschlagen und hatte keinen Schimmer, wo ich mich befand. Nicht zu vergessen die Angst vor den Gestalten, die sich in der Finsternis herumtrieben und denen ich ausgeliefert war wie ein Festmahl auf dem Präsentierteller.

Nach kurzem Überlegen zog ich mir die blutbespritzte Bluse aus, dessen schwarzes Muster in der Dunkelheit grotesk aussah, und verband meinen rechten Fuß notdürftig mit dem feuchten Stoff. Es half nicht wirklich, aber allein der Wille und das Bemühen ließen mich wieder vorwärts kommen.

Wohin?, fragte ich mich, während ich von einem Baum zum nächsten humpelte. Ich fror und zitterte, was jedoch nicht nur an der Kälte lag, sondern auch an den furchterregenden Geräuschen um mich herum. Der Wald und seine Bewohner. Hier war ich der Eindringling; ein Störenfried, den man nicht dahaben wollte. Den man notfalls vernichten musste.

»Ich will hier auch nicht sein«, murmelte ich vor mich hin und blieb abrupt stehen, als hinter mir ein Knurren ertönte. Die Angst kroch mir bis ins Mark bei diesem Geräusch. Wilde Hunde. Ein Bellen bestätigte meine Vermutung.

Ich schrie auf und lief los; meinen verstauchten Knöchel hatte ich in diesem Moment völlig ausgeblendet. Doch mein Fuß erinnerte sich gut an seine Misere und knickte prompt erneut weg. Ich fiel hin, schürfte mir die Knie auf und tastete den Boden nach etwas ab, womit ich mich verteidigen konnte.

Bewaffnet mit einem relativ stabilen Ast, fuhr ich herum und schlug aus, um die Angreifer, deren geschmeidige Schatten um mich herum huschten, zu vertreiben. »Lasst mich in Ruhe!«, rief ich dabei und gab mir alle Mühe, meine Stimme bedrohlich klingen zu lassen. »Verzieht euch! Kusch! Weg mit euch!«

Ein scharfer Schmerz durchzuckte meine Schulter, als sich spitze Zähne hineinbohrten. Ich schrie erneut, kämpfte, brüllte und verlor schließlich das Bewusstsein.

Wie durch einen dichten Nebel nahm ich erneut Schüsse wahr, dann folgten eilige Schritte und leise Stimmen. Starke Arme fuhren unter meinen Körper und hoben mich vom Boden auf.

»Sie ist verletzt. Boss, wir müssen sie zum Stützpunkt bringen.«

Ich blinzelte mit letzter Kraft und sah drei hochgewachsene Gestalten, eine davon hielt mich in den Armen. Eine raue Hand legte sich um mein Kinn und drehte meinen Kopf zur Seite.

»Sie ist bei Bewusstsein«, stellte eine weitere Stimme fest und ein dunkles Augenpaar fixierte mein Gesicht. »Verstehst du mich, Mädchen?«

Ich nickte und brachte ein kaum hörbares »Ja« heraus.

»Wir nehmen dich jetzt mit. Du bist in Sicherheit.«

Erleichtert lehnte ich mich an die Brust desjenigen, der mich hielt, und spürte kühles Leder an meiner Wange.

Hunter-Leder, war mein letzter Gedanke, bevor ich die Augen schloss und mich der Erschöpfung hingab. 



Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer Pritsche, eingehüllt in einen wärmenden Schlafsack. Hastig richtete ich mich auf und zuckte sofort zusammen, als mein Körper an jeder nur erdenklichen Stelle mit einem ziehenden Schmerz auf meine abrupte Bewegung antwortete. Langsam ließ ich mich wieder nach hinten sinken und tastete vorsichtig an mir herum, um herauszufinden, inwieweit ich verletzt war.

Meine Schulter brannte und war verbunden, ebenso meine Ellbogen und beide Knie, der rechte Fuß steckte in einer harten Schale. Ich fühlte mich, als hätte ich unzählige Schlachten hinter mir.

Zu meiner Linken raschelte es, und als ich den Kopf drehte, sah ich, wie ein riesiger Mann das Zelt betrat. »Du bist wach«, stellte er fest, griff sich einen aufklappbaren Stuhl, der neben dem Zelteingang stand, und platzierte ihn neben der Pritsche, auf der ich lag. »Wie fühlst du dich?«

Ich konnte sofort sehen, dass es sich um einen Hunter handelte, auch wenn er nicht die gewohnte Kampfmontur der Krieger trug. Sein gestählter Körper steckte in einer schwarzen Hose und einem kurzärmeligen, grauen T-Shirt. Die nackten Unterarme waren von kräftigen Adern durchzogen und übersät mit den Hunter-Zeichen. Dunkle Tinte, die unter die Haut gespritzt worden war, wie ich mehrmals aus vereinzelten Erzählungen herausgehört hatte.

»Beschissen«, erwiderte ich nicht gerade damenhaft und seufzte, weil allein das Sprechen mich schon so sehr anstrengte. »Wo befinde ich mich hier, Sir?«

»Auf einem Hunter-Stützpunkt«, klärte er mich auf und setzte sich auf den Stuhl. Seine Augen fixierten mein Gesicht und ich erkannte plötzlich in ihm denjenigen wieder, der mich bereits im Wald auf diese Weise gemustert hatte. Mein Retter. »Wir mussten deine Wunden desinfizieren und verarzten, sonst hätten sie sich entzündet und du hättest sicher eine tödliche Infektion davongetragen.«

Ich verzog das Gesicht bei diesem Gedanken. Am meisten störte mich jedoch, dass mich jemand entkleidet hatte, während ich bewusstlos gewesen war. »Danke«, sagte ich schließlich und tastete erneut nach meiner brennenden Schulter. Sofort kam mir die Erinnerung an die wilden Hunde in den Sinn. »Ich wurde gebissen.«

»Ja«, bestätigte der Hunter mit einem Nicken. »Aber die Bisswunde ist glücklicherweise nicht tief und wird schnell heilen. Dein Fuß dagegen wird etwas mehr Zeit benötigen, bis du ihn wieder ohne große Vorsicht beanspruchen kannst.«

»Und sonst bin ich in Ordnung?«

»Sag du es mir. Hast du Kopfschmerzen oder ist dir schwindelig? Übelkeit?«

Ich dachte kurz nach und schüttelte vorsichtig den Kopf. »Nein, Sir.«

»Das ist gut. Keine Gehirnerschütterung.« Er stand auf, trat zu mir und rückte meine Beine ein wenig zur Seite, um jetzt auf der Pritsche Platz zu nehmen. Dann beugte er sich vor und umfasste mein Kinn, während er mit der anderen Hand eine winzige Taschenlampe hochhielt und mir in die Augen leuchtete. Ich blinzelte sofort los und er forderte mich mit sanfter Bestimmtheit auf, still zu halten. »Keine Pupillenerweiterung. Sehr gut«, murmelte er, eher zu sich selbst.

»Werde ich es überleben?« Ich konnte nicht verhindern, dass meine Äußerung leicht sarkastisch klang.

Sein Mundwinkel hob sich zu einem Beinahe-Lächeln. »Das hoffen wir doch.« Er packte die Taschenlampe wieder weg und setzte sich zurück auf den Stuhl. »So, und jetzt beantwortest du mir noch ein paar Fragen. In Ordnung?«

Meine Antwort darauf war ein zögerndes Nicken.

»Wie ist dein Name?«, legte er auch schon los.

»Riley. Riley McDermont«, sagte ich geradeheraus. Wieso sollte ich ihn belügen? Er hatte mir geholfen und er war ein Hunter. Mit ihm wollte ich es mir nicht verscherzen.

Im Nachhinein konnte ich nicht sagen, ob ich es mir bloß einbildete, aber in seinen Augen flackerte etwas auf, als ich ihm meinen Namen nannte. Erkenntnis, war mein erster Gedanke. Doch sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos, also tat ich diesen Gedanken gleich wieder ab. Ich hatte den Hunter nie zuvor gesehen, woher sollte er mich also kennen?

»Wie alt bist du, Riley?«, fuhr er ruhig fort.

»Das weiß ich nicht genau. Laut meiner Rechnung bin ich einundzwanzig.« Nachdem unsere Siedlung überfallen worden war und ich fliehen musste, hatte ich keinen meiner Geburtstage mehr gefeiert und konnte deshalb kein genaues Alter bestimmen. »Vielleicht auch älter, aber nicht viel«, fügte ich nachdenklich hinzu.

»Das reicht als Antwort. Wo kommst du her?«

Diesmal dauerte mein Zögern so lange, dass er sich vorbeugte und sein Blick nun eindringlicher wurde. Ich wand mich ein wenig unter der Eindringlichkeit und antwortete: »Ich lebe im Nord-Quarter nicht weit vom Fluss entfernt.«

»Allein?«

»Nein, mit zwei Freundinnen.«

»Wo?«

»Was meinen Sie mit wo, Sir?«

»Habt ihr eine sichere Unterkunft?«, fügte er hinzu.

»Ja. Wir bezahlen für unsere Sicherheit.«

»Gehst du einer Tätigkeit nach?«

Ich sah Baris' schmerzverzerrtes Gesicht vor mir, seine weit aufgerissenen Augen ... und dann fiel mir auch meine blutbespritzte Bluse ein. Sofort begannen meine Hände zu zittern. »Ich ...« Ich konnte ihm nicht verraten, was ich getan hatte. Wenn der Hunter erfuhr, dass ich einen Geschäftsmann ermordet hatte, und sei es nur aus Selbstschutz, würde ich dafür sicher bestraft werden. »Nein, ich nicht«, log ich deshalb. »Nur meine beiden Freundinnen. Sie haben mich vor einem Jahr bei sich aufgenommen und versorgen mich seitdem.«

»Du sagst nicht die Wahrheit«, stellte er daraufhin fest und verengte seine Augen.

Meine Hände zitterten noch stärker und ich klemmte sie zwischen meine Oberschenkel. »Nein, Sir«, gab ich bedrückt zu.

Der Hunter sagte eine Weile nichts und starrte mich weiterhin aus seinen hellen Augen an, was mich beinahe um den Verstand brachte. Was ging in ihm vor? Überlegte er sich bereits eine Strafe?

»Ich kann in deinem Gesicht lesen, Riley«, setzte er schließlich erneut an. »Und es verrät mir, dass du etwas verschweigst. Wieso?«

Ich saß in der Falle. Wie ein gefangenes Tier im Käfig ließ ich meinen Blick ruhelos durch die Umgebung kreisen und nach einem Fluchtweg suchen. Doch wie sollte ich einem Hunter, der für den Kampf und für die Verfolgung ausgebildet war, entkommen? Ich hatte nicht den Hauch einer Chance.

»Was ängstigt dich so sehr, dass du am ganzen Körper zitterst?«, fuhr er fort und runzelte die Stirn. »Vor wem bist du weggelaufen?«

»Ich ... bin nicht ... weggelaufen«, flocht ich mein Lügengebilde stotternd weiter, obwohl mir klar war, dass er mir kein Wort glaubte. Seufzend ließ ich den Kopf auf die Brust sinken und schloss die Augen. »Es war Notwehr«, flüsterte ich leise und dachte an die Ereignisse des Vorabends zurück. Mit einem Mal stand ich wieder in der Bar und forderte Baris auf, mich in Ruhe zu lassen, kurz bevor das Unglück seinen Lauf nahm. »Mein Chef, er ... er hat mich bedrängt. Ich hatte Angst und habe mich gewehrt. Ich habe ihm eine Flasche auf dem Kopf zerschlagen. Und ...« Nervös leckte ich mir über die trockenen Lippen. »Und sie ihm in die Brust gerammt. Dann bin ich einfach losgelaufen. Ich weiß nicht, wie schwer ich ihn verletzt habe.« Oder umgebracht.

»Schon gut, nicht aufregen.« Ich spürte, wie sich eine warme Hand auf meine unverletzte Schulter legte, und öffnete die Augen.

»Ich wollte ihn nicht umbringen«, beteuerte ich und richtete mich noch ein Stück auf, ignorierte dabei den Schmerz, der in meinem Körper wütete.

»Ich glaube dir«, sagte der Hunter mit einem angedeuteten Nicken und drückte meine Schulter sanft. »Aber du wirst mir den Namen deines Chefs nennen müssen, damit wir herausfinden können, wie schwer er verletzt ist.«

Ich gab alles, was ich über Baris wusste, an den Krieger weiter und war erstaunt, wie erleichtert ich mich nach dieser Beichte fühlte. Die Last der Schuld ruhte nun nicht mehr allzu schwer auf mir. Und der Hunter schien mir wirklich zu glauben, dass ich Baris nicht hatte umbringen wollen, sondern mich lediglich gewehrt hatte.

»Wir haben es fast geschafft«, sagte er schließlich und steckte das Gerät, auf dem er sich eben Namen und Adresse notiert hatte, zurück in seine Hosentasche. »Nur noch ein paar Fragen, dann kannst du dich weiter ausruhen.«

Doch dazu kamen wir nicht, denn im nächsten Moment wurde der Zelteingang aufgezogen und eine mir nur allzu bekannte Gestalt steckte den Kopf durch den Spalt.

»Nikk?«, entfuhr es mir sogleich überrascht.
   Er schaute mich flüchtig an, trat herein und salutierte vor dem Hunter, der neben mir saß. »Boss, ich bitte um Erlaubnis, mich der Frau annehmen zu dürfen.«

Boss? Der Mann, der so freundlich und verständnisvoll mit mir gesprochen hatte, war der Anführer der gefährlichsten Männer des ganzen Landes? Und dabei schien er selbst kaum älter als Nikk zu sein. Ich hatte mir den Anführer der Hunter immer anders vorgestellt. Härter, gefährlicher, angsteinflößend.

»Revera, was machst du hier?«, entgegnete der diensthöhere Hunter nun und stand auf. Die Sanftheit war aus seinem Blick verschwunden und auch seine Haltung zeugte von Härte und Überlegenheit. Ja, so kam er meiner Vorstellung schon näher. »Du bist für den Außenposten eingeteilt, wenn ich mich nicht irre?« Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er sich nie irrte.

»Montana hat Riley wiedererkannt und mich benachrichtigt. Er ist für mich am Außenposten eingesprungen, Boss«, erklärte Nikk.

»Und wer hat diese Anweisung erteilt?«

Nikk wirkte kurz verlegen, doch dann reckte er sein Kinn beinahe trotzig nach oben. »Riley ist meine Geliebte, Boss. Ich bin hier, um mich um sie zu kümmern. Daher habe ich diese Anweisung selbst erteilt.«

Wie bitte?

Beide Augenpaare waren nun auf mich gerichtet, und ich hatte Mühe, Nikk keine wüsten Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Er konnte doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg etwas bestimmen und mir somit meine Entscheidung abnehmen!

»Du bist die Geliebte eines Hunters?«, wollte der Anführer nun von mir wissen.

»Ich habe mich noch gar nicht entschieden«, erwiderte ich mühsam beherrscht und kämpfte mich aus dem Schlafsack hervor, wobei ich darauf achtete, dass nicht zu viele Einblicke auf meinen halbnackten Körper gewährt wurden.

»Muss ich das hier verstehen?« Der Anführer, dessen Namen ich nicht kannte, heftete seinen strengen Blick jetzt auf Nikk. »Wir haben keine Zeit für Spiele. Du wirst sie nicht zu deiner Geliebten nehmen, wenn sie es nicht möchte.«

»Ich habe sie gefragt und sie wollte es sich überlegen«, entgegnete Nikk und sein markanter Kiefer spannte sich an.

»Wie es aussieht, hat sie es noch nicht getan. Und jetzt geh zurück auf deinen Posten. Solltest du noch einmal auf die Idee kommen, dich meinen Anweisungen zu widersetzen, wird das Folgen haben.«

»Verstanden, Boss«, presste Nikk mühsam hervor, salutierte und verließ das Zelt.

Ich starrte auf den breiten Rücken des Anführers und wusste nicht, wie ich mich nun verhalten sollte. Wieso war Nikk hergekommen und hatte Anspruch auf mich erhoben? Ich schämte mich dafür, auch wenn ich nicht einmal sagen konnte, warum.

»Du musst dich ausruhen«, sagte der Hunter-Anführer schließlich, drückte mich behutsam zurück auf die Pritsche und ging hinaus.

Vor Schmerz aufstöhnend, suchte ich mir eine bequemere Liegeposition und schloss die Augen. Die Erschöpfung nach meinen gestrigen Kämpfen hatte mich immer noch fest im Griff und ich hieß die heilende Schwärze des Schlafs willkommen.

3. Kapitel


Als ich das nächste Mal wach wurde, war es draußen wieder dunkel, wie ich durch die Stoffwände des Zeltes feststellen konnte. Demnach musste ich eine halbe Ewigkeit geschlafen haben, und das trotz der nicht sehr bequemen Pritsche erstaunlich gut.

Ich entdeckte bereitgelegte Kleidung auf dem Stuhl und zog mir eilig die schwarze Hose und das schwarze Langarmshirt an. Die Kleidungstücke konnten unmöglich von einem Hunter stammen, denn sie passten mir. Vielleicht trug ich ja die Sachen einer Geliebten.

Gewöhn dich lieber daran, erklang es in meinem Kopf. Du solltest Nikks Angebot annehmen.

Ich verzog das Gesicht. Dieser Gedanke schien gar nicht mehr so abwegig zu sein wie noch am Tage zuvor, denn immerhin hatte ich meinem Chef eine Flasche in die Brust gerammt. Damit war ich sicher meinen Job los. Und falls Baris es nicht überlebt hatte, würde ich dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn nicht von einem Hunter, so doch zumindest von Baris' Männern.

Der Eingang des Zeltes bewegte sich und ich richtete mich mühsam auf, als der Anführer hereinkam.

»Du bist wach. Gut«, stellte er fest und trat zu einem Tisch auf der anderen Seite. Er schaute auf einen beschriebenen Zettel und nickte. »Die Untersuchung deines Blutes ergab nichts Auffälliges. Alles im normalen Bereich.«

Blutuntersuchung? Wann war das geschehen?

»Kannst du laufen?«, fuhr er fort und schaute auf meinen rechten Fuß.

»Mit diesem ... Ding dran wahrscheinlich nicht«, erwiderte ich und trat vorsichtig auf. Es tat noch weh, aber nicht mehr so sehr wie am Abend zuvor. Ich kam sogar ein paar Schritte vorwärts, ohne zusammenzuzucken. »Was ist das? Ein Wundermittel?«

»Ein spezielles Gel, das beschädigtes Knochenmaterial wiederherstellt«, klärte er mich auf und ging vor mir in die Hocke. Seine Finger tasteten an meinem Fuß herum und ich zuckte leicht zusammen. »Und eine Gipsschale, die den Fuß stützt, bis alles vollständig verheilt ist.«

»Ein Wundermittel also. Das sagte ich doch.«

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln. Er wirkte so ... normal und absolut nicht wie das Oberhaupt einer gefährlichen Kampftruppe. Hätte ich nicht mitbekommen, dass er auch einen autoritären und sehr strengen Ton anschlagen konnte, würde ich wohl nicht glauben, dass er wirklich der Anführer der Hunter war.

Aber was wusste ich denn schon über die Hunter? Nur das, was man so über sie hörte. Sie sollten gefühlskalt und unerbittlich sein; ihre Befehle befolgen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und das traf nicht gerade auf den Mann vor mir zu. Er schien besonnen und gerecht zu handeln. Prinzipien zu haben. Auch Nikk hatte keinen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Zumindest nicht bis zu seinem überheblichen Auftritt vor einigen Stunden.

»Wir haben deinen Chef gefunden«, sprach das Oberhaupt in meine Gedanken hinein und richtete sich wieder zu seiner vollständigen Größe auf. Er überragte mich um gut zwei Köpfe.

Ich verspannte mich augenblicklich und wartete auf die Worte, die mir verkündeten, dass ich einen Menschen umgebracht hatte.

»Er lebt«, fuhr er fort und ich atmete hörbar aus. »Du hast ihn schlimm erwischt, aber er hat es überlebt und wird momentan versorgt.«

»Hier?«, fragte ich nach und verspannte mich noch mehr.

»Nein, in einem Lazarett im östlichen Quarter.«

»Und wo befinde ich mich hier? Wenn ich fragen darf, Sir.«

»Auf einem Hunter-Stützpunkt im Norden«, erklärte er. »Wir haben dich auf einer unserer Patrouillen im Wald gefunden.«

»Ach, richtig. Als mich die wilden Hunde angegriffen haben«, bestätigte ich und schauderte leicht bei der Erinnerung daran, wie ich von den bellenden und schnappenden Tieren angegriffen wurde. »Und ihr habt sie erschossen«, fuhr ich fort.

»Ja. Sie hätten dich sonst zu Tode gebissen.«

»Ich weiß. Das sollte kein Vorwurf sein.« Es war nicht meine erste Bekanntschaft mit wilden Tieren. Auf meiner jahrelangen Flucht durch das Land war ich bereits das ein oder andere Mal dieser Gefahr begegnet und hatte ebenfalls nur überlebt, indem ich sie ausgeschaltet hatte oder rechtzeitig geflohen war. »Ich möchte Ihnen dafür danken, Sir. Für die Hilfe und die medizinische Versorgung«, fügte ich hinzu.

Er nahm meinen Dank mit einem knappen Nicken an. »Bist du hungrig?«, schob er hinterher.

Automatisch legte ich mir eine Hand auf den Bauch, und als hätte dieser nur auf seine Frage gewartet, ließ er ein leises Knurren verlauten. »Ja, Sir.«

»Ich lasse dir etwas bringen. Bleib im Zelt.«

Ich schaute ihm nach, als er hinausschlüpfte, und fragte mich, was nun geschehen würde. Baris war nicht tot, also erwartete mich auch keine Strafe, denn seine Verletzung rührte nur daher, dass ich mich gewehrt hatte. Aber ich bezweifelte, dass er mich nach diesem Abend noch in seiner Bar arbeiten lassen würde. Wie sollte ich jetzt Geld verdienen, um den Schutz, den Karen, Danika und ich in unserem Zuhause erhielten, sowie das Essen bezahlen zu können? Ich brauchte neue Arbeit, doch an eine Stelle zu kommen war schwierig, vor allem, wenn Baris mich bei den anderen Geschäftsmännern anschwärzen sollte. Und das würde er, da brauchte ich mir gar keine falschen Hoffnungen zu machen. Vielleicht wollte er auch Rache nehmen ...

»Du sitzt ganz schön in der Scheiße«, murmelte ich und ließ mich auf die Pritsche sinken, weil das Stehen allmählich zu anstrengend wurde. Mit den Fingern fuhr ich durch mein zerzaustes Haar und versuchte, ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Es fühlte sich verklebt und verknotet an und ich fragte mich, wie ich wohl aussah nach meiner abenteuerlichen Flucht. »Das ist doch vollkommen egal«, beantwortete ich mir diese Frage gleich selbst und ließ die Hände wieder sinken.

Der Zelteingang bewegte sich und ein anderer Hunter, den ich zuvor noch nicht gesehen hatte, trat mit einem Tablett in den Händen herein. Er trug die Kampfmontur der Truppen, jedoch keine Waffen, was ich als beruhigend empfand. Waffen machten mir Angst.

»Zimmerservice«, sagte er und zwinkerte mir mit einem Auge zu, als er den Stuhl zu mir heranschob und das Tablett darauf abstellte. Sofort stieg mir der köstliche Duft in die Nase und ließ meinen Bauch erneut knurren. »Hau rein, Mädel.«

»Danke«, erwiderte ich zögernd lächelnd und schnappte mir das Besteck. Ich hatte keine Ahnung, was da vor mir auf dem Teller lag. Es sah aus wie ein wildes Durcheinander. Aber ich hatte solchen Hunger, dass es mir vollkommen egal war, und so schob ich mir eine Gabel nach der anderen in den Mund und seufzte erleichtert, weil es so gut schmeckte.

»Gesunder Appetit«, stellte der Hunter grinsend fest. »Gut, dann kommst du schnell wieder auf die Beine.«

Ich fragte mich, wieso er nicht ging, nachdem er mir das Essen gebracht hatte. Wahrscheinlich wartete er, bis ich fertig war, um das Geschirr wieder mitzunehmen.

»Mehr?« Mit einem belustigten Gesichtsausdruck deutete er auf den leergegessenen Teller.

Ich wollte die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren und schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank, Sir«, erwiderte ich höflich. Es konnte nicht schaden, sich auf guten Fuß mit den Huntern zu stellen, bis sie mich wieder gehen ließen.

»Hier ist noch eine Flasche Wasser für dich.« Er reichte mir die Plastikflasche, die er die ganze Zeit in seiner Hand gehalten hatte, und nahm das Tablett. »One kommt gleich wieder zu dir, um noch ein paar Dinge zu besprechen.«

»One?«

»Ja. Der Boss«, fügte der Hunter mit einem weiteren Augenzwinkern hinzu und verließ das Zelt.

Der Hunter-Anführer hieß One? Wirklich? Oder war das bloß ein Titel?

Ich zuckte mit den Schultern. Es war unwichtig, wie das Oberhaupt der Truppe hieß. Viel wichtiger war die Frage: Was wollte er noch mit mir besprechen? Wieso ließ man mich nicht einfach wieder gehen, jetzt, wo ich einigermaßen stabil war?

Angespannt blieb ich auf der Pritsche sitzen und wartete darauf, was als nächstes geschah.

Der Anführer erschien nur wenige Augenblicke, nachdem ich gegessen hatte, diesmal in seiner vollen Kampfmontur: schwarze Hose, schwarze Lederjacke, schwere Stiefel und ein beachtliches Arsenal an Waffen. Hinter seinem dunklen Schopf konnte ich eine Schwertklinge herausragen sehen, um die Beine spannten Gürtel mit jeweils einem Messer und einer Pistole.

»Ich bringe dich zurück«, verkündete er und stellte sich vor mich. In seinen Händen hielt er eine schwarze Weste. »Zieh das an. Der Weg könnte gefährlich werden.«

Etwas umständlich schlüpfte ich in das Kleidungsstück, das mir schwer am Leibe hing. »Ich kann also einfach wieder nach Hause gehen?«, hakte ich dabei skeptisch nach.

»Wenn du das möchtest, ja«, bestätigte er und half mir, die Weste zu schließen.

»Wenn ich es möchte? Was wäre denn die Alternative?«

»Du kannst auch die Geliebte eines Hunters werden«, sagte er und ich glaubte zu sehen, dass sich sein Kiefer bei dieser Aussage anspannte. War das Missbilligung? Hielt er nicht viel von Frauen, die ihren Körper zur Verfügung stellten? Er selbst nahm doch sicher auch solche Dienste in Anspruch. »Einer meiner Männer hat dir ein Angebot gemacht«, fuhr er fort und seine Miene war wieder vollständig neutral. »Nimmst du es an, dann bleibst du.«

»Hier?«

»Vorübergehend. In ein paar Tagen bringen wir dich dann ins Hauptquartier.« Er drehte sich um und griff in einen Sack, den er ebenfalls mitgebracht hatte. Aus diesem zog er ein Paar schwarze, stabile Stiefel. Eindeutig Frauengröße. Dann war ich sicher nicht die erste Frau in einem Hunter-Stützpunkt. »Wie geht es deinem Fuß?«, wollte der Anführer einen Moment später wissen.

»Ähm ... besser, Sir.« Ich trat vorsichtig auf und untermalte meine Aussage mit einem Nicken. »Ich spüre fast keinen Schmerz mehr.«

»Gut, dann muss ich dich nicht tragen.«

Tragen? Ich konnte nicht verhindern, dass mir bei dieser Vorstellung etwas wärmer wurde. Mein Körper reagierte auf das herbe Testosteron, das der große Krieger verströmte. Fast instinktiv glitt mein Blick über seine beeindruckende Statur und ich schluckte. Schnell schaute ich zur Seite und atmete tief durch. Ein Überschuss weiblicher Hormone war mir im Moment wirklich nicht willkommen!

»Setz dich hin.«

Ich leistete seiner Anweisung Folge und beobachtete seine Hände dabei, wie sie mir die Stiefel anzogen. Bei meinem verletzten Fuß wurden sie ganz vorsichtig. Und diese sanften Hände konnten Menschen einfach so töten? Im Moment war es schwer, das zu glauben, doch ich zweifelte keine Sekunde daran.

»Sie sind ein wenig zu groß, aber das müsste gehen«, bemerkte der Anführer und richtete sich wieder auf. »Schau, ob du in ihnen laufen kannst.«

Ich machte ein paar Schritte und nickte. »Das ist in Ordnung, Sir.«

»Gut. Dann sollten wir aufbrechen.« Er trat zum Zelteingang und drehte sich noch einmal zu mir um. »Es sei denn, du hast es dir anders überlegt und möchtest als Nikk Reveras Geliebte bleiben?«

Etwas in mir, was ich nicht näher bestimmen konnte, wollte wirklich bleiben, aber ich schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Ich möchte zurück zu meinen Freundinnen.«

Er schaute mich noch einen Augenblick lang an und wandte sich schließlich wieder ab, um den Eingang zu öffnen und hinauszutreten. Ich folgte ihm und sah mich nach allen Seiten um, sobald wir das Zelt verlassen hatten. Es war recht dunkel, sodass ich nur die Umrisse der anderen Zelte ausmachen konnte. Es waren sieben an der Zahl, das, in dem ich mich aufgehalten hatte, eingeschlossen. Hier und dort konnte ich kleine Grüppchen von schwarz gekleideten Huntern ausmachen, die sich leise unterhielten oder ihre Waffen luden.

Das Oberhaupt der Truppe bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, zu ihm aufzuschließen, da ich in meiner Neugier ein wenig zurückgefallen war.

»Kellegha«, sagte er plötzlich, und der Mann, der mir vorhin das Essen gebracht hatte, trat aus einer Ecke zu ihm. »Du hast das Kommando, bis ich zurück bin«, fuhr der Anführer fort und gab ihm noch einige weitere Befehle, die ich nicht verstand.

Wir gingen weiter, und nachdem er mich zu einer abgelegenen Stelle gebracht hatte, wo ich mein notdürftiges Geschäft erledigen konnte, kamen wir schließlich zu einer Umzäunung, die durch ein Tor getrennt wurde. Dort standen zwei weitere Hunter, jeweils ein Gewehr in den Händen.

Wachposten.

Der Anführer richtete ein paar Worte an sie, bevor das Tor geöffnet wurde und wir den Stützpunkt verließen. Nur wenige Meter entfernt stand ein Fahrzeug mit großen Rädern, die mir sicher bis unter die Brust reichten. Es war schwarz und glänzte leicht im silbrigen Schein des Mondlichts.

Mein Begleiter öffnete die Tür und deutete auf eine halbrunde Schale zwischen den Rädern. »Steig ein. Hier kannst du deinen Fuß abstützen.«

Ich setzte meinen unverletzten Fuß in die Schale und hielt mich oben an dem Sitz fest, um mich hochzuhieven. Da spürte ich seine Hände an meiner Taille, die mich sanft hochdrückten. Ich zuckte leicht zusammen und hoffte, dass er es nicht bemerkte. Die Berührung war mir nicht unangenehm, das nicht, aber ich war den Huntern gegenüber immer noch vorsichtig und skeptisch, auch wenn man mich bisher wirklich gut behandelt hatte.

Als ich mich gesetzt hatte, schloss er die Tür mit einem leisen >Rumms< und ging um den Wagen herum. Fasziniert ließ ich meinen Blick über das Innere und die verschiedenen Dinge gleiten, die ich nicht benennen konnte. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen.

Auf der anderen Seite ging die Tür auf und der Anführer schwang sich auf den Sitz neben mir. Vor ihm befand sich ein merkwürdig geformtes Rad, nach dem er nun fasste. Er bewegte seine Finger und gleich darauf ertönte ein lautes Geräusch.

»Du musst dich anschnallen«, sagte er und griff nach etwas hinter mir, um es mir anschließend über die Brust bis zur Hüfte zu ziehen. »Der Gurt dient deiner Sicherheit«, erklärte er dabei.

»Bin ich denn in diesem Fahrzeug nicht sicher, Sir?«, erwiderte ich darauf.

»Ich bin ein guter Fahrer und beherrsche meinen Wagen, aber auf die Außenwelt habe ich keinen Einfluss. Es kann immer etwas Unvorhergesehenes geschehen, und dafür ist der Anschnallgurt da.«

Das klang vernünftig und ich nickte, um ihm zu zeigen, dass ich verstanden hatte.

Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und als es an Geschwindigkeit zunahm, breitete sich ein aufregendes Kribbeln in meinem Bauch aus. Im Wagen war es nun beinahe so dunkel wie draußen, nur hier und dort blinkten einzelne Knöpfe oder Zahlen auf. Ich lehnte mich zurück in den Sitz und schaute raus auf die vorbeiziehenden Silhouetten der Bäume, die die leere Straße säumten.

Der Hunter neben mir schwieg fortwährend, nachdem er mich nach der genauen Adresse gefragt hatte, und so döste ich schließlich weg.

Ich verlor mich in einem Traum, den ich schon Ewigkeiten nicht mehr geträumt hatte.

Ich war wieder fünfzehn Jahre alt und der Tag begann wie jeder andere davor. Malenne und ich machten uns für die Schule fertig: Während meine ein Jahr ältere Schwester ihr langes Haar durchbürstete, flocht ich meine weißblonden Locken zu zwei Zöpfen. Wir waren allein in dem kleinen Haus, unser Vater war bereits in der Fabrik und arbeitete, Mama längst in der Schule, um ihren Unterricht vorzubereiten.

Ich sah meine Schwester durch den leicht beschlagenen Spiegel an und erwiderte ihr breites Lächeln, das sie mir zuwarf. Doch plötzlich veränderte sich ihre Mimik. Ihr schönes, herzförmiges Gesicht begann, an einigen Stellen schwarz zu werden. Sie schrie auf vor Schmerz und ging im nächsten Moment in Flammen auf.

»Riley!«

Die Stimme des Hunter-Anführers ließ mich ruckartig hochfahren. Verwirrt sah ich mich um und atmete erleichtert aus, als ich feststellte, dass es nur ein Traum gewesen war. Auch wenn der Inhalt eine meiner schrecklichsten Erinnerungen darstellte, denn meine Schwester war damals während des Angriffs auf die Siedlung zusammen mit unseren Eltern in unserem Haus verbrannt.

Ich ließ mich zurück gegen die Lehne sinken und verlangsamte meine viel zu schnelle Atmung, während ich mir vereinzelte Strähnen aus dem Gesicht strich.

»Ein schlechter Traum?«, erkundigte sich der Hunter neben mir.

»Nicht der Rede wert, Sir«, entgegnete ich ausweichend.

»Wer ist Malenne?«

Ich zuckte zusammen, als er den Namen meiner Schwester erwähnte. Anscheinend hatte ich ihn im Schlaf laut gesagt. »Nicht so wichtig«, wiederholte ich leise und richtete meinen Blick nach draußen. Den Traum und die Erinnerung verdrängte ich schnell wieder. »Wie lange brauchen wir noch?«

»Wir sind bereits im Quarter. Nur noch ein paar Minuten.«

Kurz darauf hielten wir vor einem der wenigen Häuserblocks, die noch nicht der Zerstörung zum Opfer gefallen waren.

»Sind wir hier richtig?«, wollte der Hunter wissen.

Ich verengte meine Augen, um besser sehen zu können, und nickte. »Ja, Sir.«

»Ich begleite dich hinein.«

Wir stiegen aus dem Wagen - diesmal schaffte ich es ohne Hilfe - und begaben uns zum Eingang des Gebäudes.

Das Hunter-Oberhaupt blieb vor mir stehen und streckte einen Arm zur Seite aus, um mich am Weitergehen zu hindern. »Moment. Ist es üblich, dass die Eingangstür unverschlossen ist?«

Ich schüttelte langsam den Kopf und sah mich zu dem kleinen Häuschen um, in dem normalerweise zwei Männer saßen, die Wache hielten. »Nein«, erwiderte ich und in meiner Brust wurde es plötzlich eng, sodass meine Atmung stockte. Karen, Danika ...

»Du bleibst hinter mir«, ordnete der Hunter an. »Direkt hinter mir, Riley, und keine Geräusche. Hast du das verstanden?«

»Ja, Sir.« Ich presste mich an seinen Rücken und zögerte nur kurz, bevor ich meine Finger in seiner Lederjacke vergrub. Zu dem Schwert in der Scheide hielt ich dennoch bewusst Abstand.

Mit langsamen, bedachten Schritten und gezogener Waffe betrat er das Gebäude und holte etwas aus seiner Brusttasche hervor. Ich erkannte eine schwarze Brille und wunderte mich darüber, dass er sie mitten in der Nacht aufsetzte. Ich wollte ihn schon danach fragen, als mir einfiel, dass ich ja keine Geräusche machen durfte. Also hielt ich den Mund und kämpfte innerlich mit der Angst, die sich in mir breit machte.

Eine Stufe nach der anderen nehmend und dabei dicht an die Wand gedrückt, begaben wir uns nach oben. Im letzten Stockwerk angekommen, deutete ich auf eine der beiden Türen und nickte, um ihm zu symbolisieren, dass es sich um die Wohnung handelte, in der ich lebte.

Der Anführer legte sich einen Finger auf die Lippen und schob mich hinter seinen Rücken. Ich spürte die kalte Betonwand selbst durch die Weste und fror bereits innerlich, weil mich eine schlimme Vorahnung beschlich, als ich sah, dass unsere Wohnungstür ebenfalls unverschlossen war.

Bitte nicht, flehte ich im Stillen, sobald der Hunter die Tür langsam öffnete und mit gestreckter Waffe hineinschlüpfte. Ich folgte ihm schnell und presste mir eine Hand auf den Mund, um nicht aufzuschreien, als ich das Chaos im Inneren sah. Obwohl es dunkel war, konnte ich erkennen, dass jedes Möbelstück und jegliches Inventar zerstreut herumlagen.

Mein Beschützer schloss die Tür hinter mir und drückte mich in eine Ecke, um anschließend nachzusehen, ob sich noch jemand in den Zimmern befand. In der Zeit stand ich wie erstarrt da und betete im Stillen zu einem Gott, an den ich nicht glaubte. Als One wenige Minuten später zurückkehrte, hatte er eine Taschenlampe eingeschaltet. An seiner versteinerten Miene sah ich, dass er etwas gefunden haben musste, das ihm nicht gefallen hatte.

»Diejenigen, die hier eingedrungen sind, sind nicht mehr da«, verkündete er ruhig. »Du sagtest, dass du hier mit zwei Freundinnen lebst.«

»Ja, Sir«, bestätigte ich zögernd. »Sind die beiden ...« Die Worte in meinem Kopf kamen einfach nicht über meine Lippen. »Verletzt?«, fügte ich stattdessen hinzu.

»In einem der Schlafzimmer befindet sich eine tote Frau«, fuhr er fort und legte mir eine Hand auf die Schulter. Ihm musste mein heftiges Zittern aufgefallen sein, denn er beugte sich vor und schaute mich sehr eindringlich an. »Ich vermute, dass es sich um eine deiner Freundinnen handelt.«

»Ich muss sie sehen«, hauchte ich und spürte, wie mein Magen sich zu einem eiskalten Klumpen formte. »Ich muss wissen, ob es ... ob es eine meiner Freundinnen ist.«

»Bist du sicher?«

Ich antwortete mit einem heftigen Nicken und löste mich von der Wand in meinem Rücken, um ein paar Schritte hinein in die Wohnung zu machen. Mein Kopf platzte beinahe vor lauter Gedanken. Ich wollte nicht glauben, dass das hier tatsächlich geschah, und suchte fieberhaft nach einer Erklärung. Karen oder Danika ... tot? Das konnte doch nicht wahr sein! Dort musste eine andere tote Frau sein.

Es war wahr. Ich sah den leblosen Körper bereits aus dem Wohnzimmer. Er lag direkt vor der geöffneten Tür zum Schlafzimmer. Ich musste nicht näher treten, um zu erkennen, dass es sich dabei um Karen handelte. Um meine Freundin Karen. Ihr wirres Haar verriet sie, genauso wie der leere Blick aus ihren dunklen Augen, die vom Mondlicht, das durch das Fenster drang, angeschienen wurden.

»Scheiße.« Ich presste mir eine Hand auf den Mund und drehte mich weg, stieß dabei gegen die Brust des Hunters.

»Sie wurde erschossen«, sagte er und sein tiefes Timbre vibrierte in seiner Brust, gegen die ich mich instinktiv gelehnt hatte, um dem Anblick meiner ermordeten Freundin zu entkommen.

»Erschossen?«, hakte ich kaum hörbar nach, denn ich hatte gesehen, dass Karen vollständig nackt gewesen war. »Wieso zieht man jemanden aus, um ihn zu erschießen?«

»Komm, wir gehen wieder.« Ohne auf meine Frage einzugehen, legte er mir einen Arm um die Schultern und führte mich aus dem Wohnzimmer. Bevor wir die Wohnung verließen, schob er mich erneut hinter seinen Rücken und wies mich an, keine Geräusche zu machen und hinter ihm zu bleiben.

Erst als wir zurück in seinem Wagen saßen und er den Motor startete, brachen in mir alle Dämme und die Tränen flossen über meine Wangen. Ich versuchte, leise zu weinen, aber hin und wieder entfuhr mir ein Schluchzen, das sich nicht mehr zurückhalten ließ.

Wer hatte Karen das angetan? Und wieso? Wo war Danika? Ging es ihr gut? War sie verletzt oder ... auch tot?

Diese Fragen brannten sich in meine Gedanken und ließen mir keine Ruhe. Ich verstand einfach nicht, wie sich mein Leben innerhalb von zwei Tagen so drastisch hatte verändern können. Es war beinahe so wie damals, als die Rebellen unsere Siedlung überfallen hatten. Von einem Moment auf den anderen war alles vorbei.

»Es tut mir Leid, Riley«, vernahm ich die Stimme des Anführers neben mir. »Ich werde gleich morgen mit einem Trupp wieder hinfahren und überprüfen, was geschehen ist.«

»Ihr müsst Danika finden«, brachte ich kaum hörbar hervor. »Meine andere Freundin. Sie war ... nicht dort.«

»Wir werden es versuchen, aber du musst damit rechnen, dass es sie ebenfalls erwischt hat«, sagte er geradeheraus, ohne mir falsche Hoffnungen zu machen. Und dafür war ich ihm dankbar, denn das Leben hatte mich schon oft gelehrt, vom Schlimmsten auszugehen und sich nicht in falsche Trugbilder zu verrennen.

Ich nickte knapp und zog mir den Ärmel über die Hand, um die Tränen und den Rotz wegzuwischen. Es war mir egal, dass es unappetitlich aussah. Ich fühlte eine Leere in mir, die ich mit Gleichgültigkeit auszufüllen versuchte. Es war besser, nichts zu empfinden, als den schweren Verlust eines geliebten Menschen. Wie oft würde ich diese Prozedur noch durchmachen müssen?

Den Rest der Fahrt zum Hunter-Stützpunkt verbrachten wir schweigend und ich nutzte diese Zeit, um eine Mauer in mir zu errichten, die mich vor jedem weiteren Schicksalsschlag schützen sollte. Bis vor einem Jahr noch war ich als menschliche Hülle ohne tiefe Gefühle durchs Land gezogen, dann traf ich auf Karen und Danika. Sie hatten mich bei sich aufgenommen und meine Schutzmauer zum Einstürzen gebracht; hatten mich wieder empfänglich für Gefühle wie Freundschaft und Zuneigung gemacht. Und jetzt waren sie nicht mehr da. Ich musste also schleunigst zusehen, dass ich mich wieder gegen die grausame Außenwelt verschloss, um nicht noch weiter verletzt zu werden.

Der Anführer der Hunter stoppte den Wagen wieder dort, wo wir vor einigen Stunden eingestiegen waren. Ich wischte mir noch einmal über die Wangen, die zwar mittlerweile getrocknet waren, aber sehr spannten, und hüpfte nach draußen, als er die Tür öffnete.

»Du bleibst erst einmal hier«, sagte er auf dem Weg zum Tor und rief den Wachen dahinter etwas zu. Wir gingen hinein und ich folgte ihm mit gesenktem Blick, bis er schließlich vor einem Zelt stehen blieb. »Warte hier.«

Er blieb nicht lange weg und kehrte zurück mit einem Schlafsack in den Händen. Ich registrierte nur nebenbei, dass er seine Waffen abgelegt hatte. Dann öffnete er den Zelteingang und bedeutete mir mit einem Nicken, hineinzutreten.

Ich sah sofort, dass es sich um ein anderes Zelt handelte als das, in dem ich mich bei meinem ersten Aufenthalt im Stützpunkt aufgehalten hatte. Die Pritsche war größer und auch der Tisch stand an einer anderen Stelle.

Das Hunter-Oberhaupt trat zu der Pritsche und tauschte den Schlafsack, der darauf lag, gegen den, den er mitgebracht hatte. »Du kannst hier schlafen«, sagte er dabei und rollte den größeren Schlafsack zusammen.

»Ich möchte niemandem den Platz wegnehmen«, wandte ich leise ein, auch wenn ich in diesem Augenblick nichts lieber tun wollte, als mich hinzulegen und alles um mich herum auszublenden.

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Das ist mein Zelt und ich habe heute Nacht Wache«, erklärte er und schlug den Schlafsack auf. »Komm, ich helfe dir aus den Stiefeln.«

Ich setzte mich und schloss die Augen, während er meine Füße aus dem festen Schuhwerk befreite. Mühsam kämpfte ich weiter gegen die Trauer, die immer wieder ihre gierigen Finger nach mir ausstreckte. Hinter meinen Augenlidern kribbelte es bereits, aber ich wollte nicht noch einmal weinen. Ich musste es irgendwie schaffen, mich vor allem und jedem abzuschirmen. Ich wollte diese ganzen schrecklichen Gefühle wieder loswerden, um überhaupt funktionieren zu können.

»Riley, wie geht es deinem Fuß?«, holte die Stimme des Hunters mich zurück in das Hier und Jetzt.

»Alles in Ordnung«, sagte ich und befreite mich umständlich aus der Weste.

Seine blauen Augen richteten sich auf mein Gesicht und die Eindringlichkeit in seinem Blick ließ mich den meinen senken. »Und wie geht es dir?«, wollte er im Anschluss wissen.

»Darüber möchte ich nicht reden und nicht nachdenken. Danke«, fügte ich hinzu und zog meine Knie hoch, nachdem er mich aus den Stiefeln befreit hatte. »Für alles.« Ich schlüpfte in den Schlafsack, deckte mich zu und drehte mich auf die andere Seite, sodass mein Blick nun auf die Wand gerichtet war. Ich hörte, wie er kurz darauf das Zelt verließ, und atmete erleichtert aus, als ich endlich allein war.

Erneut wollten die Tränen sich an die Oberfläche kämpfen, aber ich presste meine Augenlider fest zusammen und drängte sie mit aller Macht zurück. Zu weinen, würde mir jetzt auch nicht weiterhelfen. Viel wichtiger war es, an meiner inneren Stärke und Stabilität zu arbeiten, anstatt in Trauer zu versinken. Ich musste einen Schnitt machen und dieses Kapitel meines Lebens abschließen. Ein Kapitel, in dem ich nach so vielen Jahren der Einsamkeit wieder eine Art Zuhause und Menschen, die mir etwas bedeuteten, gehabt hatte. Es lag nun hinter mir. Es war vorbei. Ein neuer Abschnitt begann und ich wusste nicht, was er enthielt. Deshalb musste ich mich auf alles Mögliche vorbereiten. Für Trauer war da eindeutig kein Platz.

»Jetzt bist du wieder auf dich allein gestellt«, flüsterte ich der stabilen Zeltwand entgegen und atmete noch einmal tief ein und wieder aus, bis ich sicher war, dass ich meine Gefühle unter Kontrolle hatte. Dann schloss ich die Augen und ließ mich von der Schwärze in ihre friedlichen Arme ziehen.

4. Kapitel


Ich wachte schweißgebadet auf und wusste instinktiv, dass ich erneut einen Alptraum gehabt haben musste. Glücklicherweise konnte ich mich nicht an den Inhalt erinnern. Schlimme Träume waren mir nicht neu, und ich war dankbar, dass ich mich mittlerweile an sie gewöhnt hatte, sodass sie mich nicht mehr komplett beeinträchtigten. Nur noch ganz selten warf ein Traum mich aus der Bahn, dann, wenn die Erinnerungen besonders intensiv hervortraten, die Bilder gestochen scharf und zum Greifen nah waren.

Schnell schälte ich mich aus dem Schlafsack und strich mir das wirre Haar aus dem Gesicht. Es war feucht und klebte mir an Stirn und Wangen. Ich stand auf und orientierte mich kurz in der Umgebung. Es dämmerte draußen, wie ich durch die Stoffwände feststellen konnte, und hin und wieder waren Stimmen zu vernehmen.

Was sollte ich nun tun?

Meine Frage wurde mit dem Aufreißen des Eingangs beantwortet. Das Oberhaupt der Hunter betrat das Zelt und nickte mir knapp zu. »Hunger?«, fragte er und ging zum Tisch, auf dem er seinen Waffengürtel ablegte.

»Nein, Sir«, erwiderte ich, denn nach den Ereignissen der letzten Stunden war mir der Appetit erst einmal vergangen. »Nur Durst.«

Er griff unter den Tisch und förderte eine Flasche Wasser zutage. Diese warf er mir zu und ich fing sie geschickt auf.

»Danke.«

»Ich muss ein wenig schlafen«, sagte der Hunter und schlüpfte aus seiner Lederjacke. »Ich bin seit knapp zwei Tagen wach und mein Körper braucht Ruhe, um richtig funktionieren zu können. Kann ich mich darauf verlassen, dass du keinen Unsinn anstellst, während ich mich hinlege?«

Ich nickte zögernd. Er wollte schlafen ... und was sollte ich in der Zeit tun?

»Die Waffen sind für dich tabu«, fuhr er fort und hantierte noch einen Augenblick an der silberglänzenden Pistole in seinen Händen. »Und du verlässt das Zelt nicht. Da draußen sind zu viele Kerle, die schon eine Weile keine Frau mehr gesehen haben. Mach es ihnen nicht unnötig schwer. Verstanden, Riley?«

»Ja, Sir.« Ich nickte und riss die Augen auf, als er sich plötzlich sein schwarzes Shirt über den Kopf auszog.

Was zum ...?

Schnell wandte ich meinen Blick ab und betrachtete die kahle Zeltwand. Mein Herz stolperte und meine Atmung schien ebenfalls von dem Bild, das sich mir eben geboten hatte, durcheinander geraten zu sein.

Straffe Muskeln und Sehnen, die sich unter der goldbraunen Haut deutlich abzeichneten. Dieser Anblick hatte mir regelrecht die Sprache verschlagen. Hunter waren allesamt von beeindruckender Statur, aber einen von ihnen mit freiem Oberkörper so nah zu sehen ... das musste man erst einmal verarbeiten!

Hinter mir raschelte es, dann war ein leises Seufzen zu hören und kurze Zeit später ein gleichmäßiges, beruhigendes Atmen.

Ich presste meine Lippen aufeinander und drehte mich langsam um, darauf bedacht, keinen Mucks von mir zu geben.

Er schlief. Der Schlafsack bewegte sich in einem trägen Tempo auf und ab, dort, wo sich seine Brust befand. Ich entdeckte den Schlafsack, in dem ich die Nacht verbracht hatte, vor der Pritsche. Seiner war länger und breiter, er musste immerhin auch eine viel größere Person beherbergen.

Was sollte ich nun tun?

Ihn im Schlaf zu beobachten, kam mir viel zu intim vor, auch wenn ich mir ganz kurz gestattete, ihn genauer zu betrachten. Jetzt, wo seine Gesichtszüge entspannt waren, wirkte er sehr anziehend. Vielleicht sogar schön, auf irgendeine merkwürdige Weise, denn schön war nun wirklich keine passende Bezeichnung für einen Hunter. Seine dunklen Augenbrauen hoben sich deutlich von der helleren Haut ab und die dichten Wimpern warfen lange Schatten über seine Wangen.

Moment, Moment!, unterbrach ich mich selbst in Gedanken. Das war nicht die Richtung, die ich gedanklich anstreben wollte. Garantiert nicht! Mein Leben war von einem Tag auf den anderen aus den Fugen geraten, ich musste mich auf meine ungewisse Zukunft konzentrieren und mich nicht von albernen Gedankengängen über das Aussehen eines Hunters ablenken lassen.

Ich wandte meinen Blick ab von dem schlafenden Mann und setzte mich auf den Stuhl vor dem Tisch. Und da blieb ich für eine sehr lange Weile still sitzen, bis mir der Hintern wehtat und ich kurz davor war, vor lauter Nichtstun die Wände hochzugehen. Immer wieder glitten meine Augen über den glänzenden Stahlmantel der Pistole. Obwohl ich Waffen nicht mochte, übte diese hier einen gewissen Reiz auf mich aus. Ich durfte sie schließlich nicht anfassen ...

Ein Schielen zur Seite verriet mir, dass der Anführer weiterhin seelenruhig schlummerte. Seine Atmung war mittlerweile lauter geworden, er hatte sich zur Seite gedreht und entblößte damit seinen nackten Rücken.

Ich wollte ihn nicht anstarren, aber ich konnte für einen kurzen Moment meinen Blick nicht von der ebenmäßigen Haut abwenden, die an vereinzelten Stellen von Narben unterbrochen wurde. Wie Striemen verteilten sie sich über seinen gesamten Rücken und ich fragte mich, wer ihm diese Wunden zugefügt hatte. Und warum.

Das geht dich nichts an, wies ich mich selbst zurecht und heftete meine Augen wieder auf die Waffe. Zögernd streckte ich eine Hand aus und streifte sie mit den Fingerspitzen. Kühl, glatt ... tödlich. Ich hatte nicht wenige Menschen durch dieses Mordwerkzeug sterben sehen. Meistens irgendwelche Fremden; arme Leute aus dem Umland, die sich gegenseitig bekriegten, weil die Verzweiflung ihnen den letzten Rest an Verstand und Menschlichkeit geraubt hatte. Und nun war auch meine Freundin von einer solchen Waffe getötet worden.

Ich schaute noch einmal zum Hunter, überzeugte mich davon, dass er immer noch schlief, und nahm die Waffe in die Hand. Sie war schwerer, als sie aussah, fühlte sich fremd an. Ich hatte noch nie zuvor eine Pistole gehalten, auch wenn ich wusste, dass Danika eine besessen hatte.

Danika.

Langsam streckte ich den Arm aus und griff auch mit der zweiten Hand zu, um sie zu stabilisieren. Ich zielte auf die Zeltwand und sah dabei ein verschwommenes Gesicht vor mir. Das Gesicht des Mörders meiner Familie. Und meiner Freundinnen. Es war unscharf, nicht zu identifizieren, dennoch verhöhnte es mich.

»Finger weg von den Waffen.«

Eine Hand packte meine Arme an den Handgelenken und entwendete die Pistole blitzschnell und geschickt aus meinem Griff.

»Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt.« Der Hunter stand über mich gebeugt da und warf mir einen strengen Blick zu.

»Es tut mir leid, Sir«, beeilte ich mich zu sagen und rückte weg, als sein warmer Körper mich berührte.

»Abgesehen davon, dass ich dich nicht kenne und nicht weiß, wozu du fähig bist, könntest du dich leicht selbst verletzen«, fuhr er fort und schob die Pistole zurück in den Gürtel. »Waffen sind keine Spielzeuge.«

»Das weiß ich!«, entgegnete ich trotzig, weil es mich ärgerte, dass ich mir bei seinen Worten dumm vorkam. »Glauben Sie mir, Sir, das weiß ich nur zu gut. Ich hasse diese Dinger. Sie bringen nur Leid und Tod.« Meine Finger zitterten.

»Du hast Angst vor ihnen«, stellte er daraufhin fest. »Und das solltest du. Es ist eine gesunde Reaktion.«

»Ich habe viele Menschen durch sie sterben sehen«, sagte ich leise und senkte den Blick, weil meine Augen sich auf gleicher Höhe befanden wie sein Schritt. Und darauf wollte ich nun wirklich nicht starren!

»Das passiert, wenn Waffen in falsche Hände geraten.« Der Hunter griff hinter mich und nahm das schwarze Shirt mit den langen Ärmeln, das über der Stuhllehne hing, um es sich wieder anzuziehen.

Erleichtert darüber, dass er nicht mehr halbnackt vor mir stand, schaute ich wieder nach oben in sein Gesicht. »Es tut mir leid, dass ich Ihre Anweisung missachtet habe«, entschuldigte ich mich noch einmal. »Herumzusitzen und nichts zu tun, das macht mich nervös und unruhig.«

»Das verstehe ich. Aber in Zukunft solltest du darauf achten, meine Anweisungen zu befolgen. Das müssen alle.«

»Ja, Sir.«

In Zukunft? Was meinte er damit?

Bevor ich ihn danach fragen konnte, wie es nun weitergehen sollte, wurde gegen den Eingang geklopft. Dann ertönte eine Stimme, die mir äußerst bekannt vorkam.

»Boss? Revera hier. Bitte um Erlaubnis, eintreten zu dürfen.«

Es war Nikk. Ich hatte ihn bereits völlig vergessen.

»Komm rein.« One warf mir noch einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte, und wandte sich an den Hunter, der ins Zelt trat.

Nikk grüßte mich mit einem schmallippigen Nicken und salutierte vor seinem Befehlshaber. »Montana und ich sind eben eingetroffen.«

»Gut. Wir brechen gleich zu einer neuen Mission auf. Sammle Kerr und Statan ein. Wir treffen uns in fünf Minuten vor dem Tor.«

»Verstanden, Boss.« Nikk wollte sich zum Gehen abwenden, hielt jedoch inne und schaute noch einmal zu mir. »Geht es dir gut, Riley? Ich habe das von deiner Freundin gehört. Mein Beileid.«

»Ich bin okay«, erwiderte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wollte kein Mitleid, von niemandem. Am besten man verschonte mich damit, denn so konnte ich die Erinnerung leichter verdrängen.

»Überlege es dir und bleib bei mir«, ließ er im nächsten Atemzug verlauten.

»Revera, ich habe dir eine Anweisung erteilt«, fuhr sein Boss ihm ins Wort.

»Bin schon dabei.« Nikk warf mir einen letzten Blick zu, salutierte und verschwand.

Der Anführer der Hunter schlüpfte in seine Jacke und legte den Waffengurt um. »Du solltest dir sein Angebot noch einmal durch den Kopf gehen lassen«, sagte er dabei. »Im Hunter-Hauptquartier wärst du sicher.«

»Ich müsste dafür bloß Leib und Seele verkaufen«, bemerkte ich spitz, auch wenn meine Gedanken bereits rotierten und ich mir wirklich überlegte, ob Nikks Angebot nicht die Lösung für meine momentan ungewisse Zukunftsaussicht war.

»Geliebte sind keine Sklavinnen«, entgegnete der Hunter ruhig. »Sie sind kostbar und werden auch dementsprechend behandelt. Du bekommst ein Heim, Versorgung und die Möglichkeit, dich zu bilden.«

Bei dem letzten Wort wurde ich hellhörig. »Bildung?«, hakte ich nach.

»Ja«, bestätigte er nickend. »Wenn du es wünschst, kannst du dich in deiner Freizeit weiterbilden. Dafür stehen geschulte Lehrkräfte zur Verfügung.«

Als Kind wollte ich immer in die Fußstapfen meiner Mutter treten und Lehrerin werden. Von klein auf hatte ich mich für die wenigen Bücher, die uns zur Verfügung gestanden hatten, interessiert und jede freie Minute damit verbracht, sie in- und auswendig zu lernen. Und ständig war ich meiner Mutter mit meinem Wissensdurst auf die Nerven gegangen, auch wenn sie sich nie etwas davon anmerken lassen und jede meiner Fragen so gut sie konnte beantwortet hatte.

Es bestand also die Chance, dass ich wieder Zugang zu Büchern und zu einer Schule bekam? Diese Aussicht verdrängte jeden Zweifel in mir und ließ mich vor freudiger Erwartung erzittern.

»Überlege es dir, Riley«, sagte das Hunter-Oberhaupt noch einmal und trat zum Zelteingang. »Dein Aufenthalt hier ist nur vorübergehend, bis deine Wunden verheilt sind. Du bestimmst, wie es danach weitergeht. Kehrst du zurück in dein altes Leben oder schlägst du einen neuen Weg ein? Überlege es dir gut, dein Fuß sollte bis morgen früh wieder stabil genug sein, sodass du ohne Schale laufen kannst. Nutze die Zeit bis dahin zum Nachdenken.«

»Kann ich auch bei Ihnen bleiben, Sir? Ihre Geliebte sein?« Die Frage war heraus, bevor ich überhaupt wusste, dass meine Gedanken diese Richtung eingeschlagen hatten.

Seine Miene verfinsterte sich für einen Moment, bevor sie wieder ausdruckslos wurde. »Ich habe bereits eine Geliebte«, erwiderte er ruhig. »Bleib im Zelt. Gleich bringt dir jemand etwas zu essen.« Mit dieser letzten Anweisung trat er hinaus.

Beschämt hielt ich mir die Hände an die glühenden Wangen. Wieso hatte ich das gesagt? Wo war dieses Bedürfnis, an seiner Seite zu bleiben, hergekommen? Wahrscheinlich hatte mich meine verzweifelte Lage in eine viel zu empfängliche Situation getrieben. Er hatte sich um mich gekümmert, als es mir schlecht ging, und ich hatte unbewusst Vertrauen zu ihm entwickelt. Aber das war noch lange kein Grund, mich ihm auf diese peinliche Weise darzubieten. Nicht er hatte mich gefragt, ob ich seine Geliebte werden wollte, sondern Nikk. Und an den sollte ich mich halten.

»Nikk«, murmelte ich vor mich hin und lief in dem kleinen Raum auf und ab. Sollte ich sein Angebot annehmen und ihm meinen Körper zur Verfügung stellen? Die Aussicht auf ein sicheres Heim, aber vor allem auf die Möglichkeit, sich weiterzubilden, war verdammt verlockend. Und erst recht nach den Ereignissen der vergangenen Nacht. Ich sehnte mich nach Ruhe und Frieden. Nach einem Neuanfang. Wo sollte ich denn auch sonst hin? Karen war tot, Danika wahrscheinlich ebenfalls und ich hatte keinen Schimmer, was da vorgefallen war. Die Person, die in unsere Wohnung eingebrochen war und dieses fürchterliche Chaos hinterlassen hatte, war immer noch da draußen. Wartete vielleicht auf mich. Die Option, in mein altes Leben zurückzukehren, bestand demzufolge nicht. Es blieben nur noch die Möglichkeiten, ohne Ziel umherzuwandern und darauf zu hoffen, dass ich den Tag überlebte, oder die Geliebte eines Hunters zu werden.

Das Rascheln am Zelteingang deutete einen weiteren Besucher an. Der Hunter, der mir am Vortag etwas zu essen gebracht hatte, erschien erneut mit einem Tablett in der Hand und seinem entwaffnenden Grinsen. Kellegha hatte das Oberhaupt ihn genannt.

»So, hau ordentlich rein, kleine Lady«, sagte er, nachdem er das Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte. »Und diesmal verlange ruhig Nachschlag, wenn du willst.«

»Was ist das?«, fragte ich und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie unappetitlich ich die Pampe auf dem Teller fand.

»Hausgemachte Lasagne«, erklärte er schmunzelnd. »Schmeckt besser, als es aussieht.«

»Essen ist Essen.« Ich atmete geräuschvoll durch und griff nach der Gabel. Der erste Bissen explodierte regelrecht in meinem Mund und ich riss erstaunt die Augen auf. »Wow, das ist wirklich verdammt lecker!«, brachte ich ungeniert hervor.

Der Hunter lachte kehlig. »Sage ich doch. Und ich habe dir sogar Nachtisch mitgebracht.« Er zog die silberne Folie von dem zweiten, kleineren Teller und wackelte mit den Augenbrauen. »Pudding.«

»Das hat ... meine Mom früher immer gemacht. Ich habe es schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen.« Bei der Erinnerung daran presste ich meine Lippen fest aufeinander und sammelte mich wieder. Keine Gefühlsduseleien mehr! »Vielen Dank, Kellegha«, fügte ich mit fester Stimme hinzu und hoffte, dass er es mir nicht übel nahm, weil ich ihn so unförmlich ansprach. Aber dieser gut gelaunte Hunter strahlte etwas Nettes und Vertrauenswürdiges aus, sodass ich nicht anders konnte.

»Arron«, entgegnete er mit einem Augenzwinkern. »Das ist mein Vorname.«

»Oh, verstehe. Ihr nennt euch gegenseitig bei eurem Nachnamen, nicht wahr?«

»Das hat sich in den Truppen etabliert, ja«, bestätigte er.

Ich nahm noch einen Bissen von der Lasagne und kaute bedächtig. »Darf ich fragen, wie euer Anführer heißt? Oder ist das streng geheim?«

»Der Mistkerl hat sich nicht vorgestellt, war ja klar!« Arron ließ erneut sein bebendes Lachen verlauten und ich war erschrocken, dass er seinen Boss eben als Mistkerl betitelt hatte. »Er heißt Taleon. Taleon One«, fügte der gutgelaunte Riese im nächsten Atemzug hinzu. »Aber du solltest ihn lieber nicht beim Vornamen ansprechen. Er besteht auf dieses ganze Gesieze und die Höflichkeitsformen, weißt du. Das verschafft ihm Autorität – und die braucht er auch, wenn er einen Haufen testosterongeladener Männer unter Kontrolle halten will.«

Ich nickte und versicherte ihm damit, dass ich verstanden hatte. Taleon One. Ein interessanter Name ... der mich natürlich nicht weiter kümmerte. Aber diese letzte Neugier bezüglich des Hunter-Anführers konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Doch fortan würde ich mich hüten, weiter in die Privatsphäre dieses Mannes einzudringen. Ich hatte mich vorhin schon genügend blamiert.

»Nachschlag?«, fragte Arron, nachdem ich meinen Teller bis auf den letzten Bissen leergemacht und auch den Pudding verschlungen hatte.

»Nein, mein Hunger ist gestillt«, erwiderte ich lächelnd und lehnte mich zurück. »Aber es gibt noch andere, ganz dringende Bedürfnisse, die ebenfalls gestillt werden müssen.« Ich verzog qualvoll das Gesicht, als sich meine Blase mit einem heftigen Druck meldete, und presste die Oberschenkel fest zusammen.

Er zeigte erneut seine etwas schiefen Zähne und nickte. »Dann folge mir mal unauffällig.«




Die Stunden im Zelt zogen sich hin und bald schon fühlte ich mich wie ein eingesperrtes Tier, das vor lauter Verzweiflung den Verstand verlor.

Ich musste etwas tun ... hier raus ... mich beschäftigen ... wenigstens den Himmel sehen.

Ein letztes Zögern, dann trat ich zum Zelteingang und schob ihn Stück für Stück auf. Sofort fiel mein Blick auf die zwei Hunter, die nur wenige Meter von mir entfernt dastanden und sich mit ernsten Mienen unterhielten.

Ob sie mich wohl erschießen würden, wenn ich die Anweisung ihres Anführers missachtete und das Zelt auf eigenen Wunsch verließ? Andererseits - ich war nicht ihre Gefangene! Und so trat ich hinaus und hob die Hände, als sich ihre Blicke auf mich richteten.

»Ich brauche Luft«, erklärte ich und blieb stehen. »Ich weiß, ich soll im Zelt bleiben, aber ich werde da drin verrückt ohne Beschäftigung.«

»Riley.« Hinter mir erschien Arron und ich atmete erleichtert aus, als ich seine Stimme hörte.

Ich drehte mich zu ihm um und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Bitte nimm es mir nicht übel, dass ich es keine Sekunde länger dort drin ausgehalten habe. Ich ... Kann ich nicht irgendetwas tun? Egal was. Meinetwegen wasche ich eure Sachen oder putze. Was auch immer. Gib mir irgendeine Aufgabe, bitte!«

Er nickte verständnisvoll und winkte mich mit einer Kopfbewegung zu sich. »Wir finden schon etwas, womit wir dich beschäftigen können. Komm mit.«

»Gott sei Dank.« Die Anspannung wich augenblicklich aus meinem Körper, als ich lächelnd zu ihm trat.

»Wahrscheinlich wünschst du dir jetzt, das Zelt nicht verlassen zu haben«, bemerkte Arron mit einem mitfühlenden Lächeln kurze Zeit später.

Wir befanden uns hinter einem der anderen Zelte und ich starrte mit vor Entsetzen und Ekel geweiteten Augen auf die erlegten Hasen, die in einer Reihe zu seinen Füßen lagen.

»Hast du einen schwachen Magen?«, wollte er wissen und ging in die Hocke.

»Ich ...« Reiß dich zusammen!, ermahnte ich mich selbst, weil ich vor ihm nicht als verweichlichte Frau dastehen wollte. »Was soll ich tun?«

Arron erklärte mir, was nun mit den Hasen geschehen würde, und ich hatte unglaublich große Mühe, mich bei seinen Worten nicht zu übergeben. Wir befanden uns mitten im Wald und die großen Männer brauchten Nahrung. Fleisch. Ich selbst hatte bereits das ein oder andere Mal ein wildes Tier erlegen müssen, um nicht zu verhungern. Doch das lag über ein Jahr zurück und mein Empfinden, was das Ausweiden betraf, hatte sich in der Zeit ganz schön sensibilisiert.

»Bist du sicher, dass du das hinbekommst?«, wollte der Hunter noch einmal wissen und musterte mich prüfend.

»Ich schaffe das schon«, erwiderte ich und nickte fest. Dann griff ich nach dem Messer, das er mir hinhielt, und drängte jegliche Emotionen beiseite, um mich meiner Aufgabe zu widmen.

Als wir eine geschlagene Weile später fertig waren, klopfte Arron mir auf die Schulter und lächelte breit. »Du hast Mumm, Riley. Das war nicht das erste Mal, dass du ein Tier ausgenommen hast, nicht wahr?«

»Ich bin jahrelang durchs Land gezogen, ohne ein Dach über dem Kopf zu haben, und musste zusehen, wie ich überlebte«, sagte ich leise und fragte mich, ob mir dieses Schicksal erneut blühte, jetzt, wo ich nicht in mein Leben mit Danika und Karen zurückkehren konnte.

»Jahrelang?«, hakte der Hunter nach und nickte anerkennend. »Dann musst du wirklich etwas auf dem Kasten haben, wenn du so lange überlebt hast.«

Ich ging nicht weiter darauf ein, denn ich sprach nicht gern über diese schwere Zeit. Zum Glück drängte Arron nicht darauf und lotste mich stattdessen zu einem Kanister mit Wasser, wo wir uns die Hände wuschen.

»One und die anderen müssten bald zurück sein«, sagte er anschließend und schaute gen Himmel. »Die Sonne geht unter und wir handhaben unsere Missionen lieber bei Tageslicht, wenn es sich einrichten lässt.«

Mir fiel auf, dass er den Anführer nie als Boss betitelte, und ich fragte mich, ob die beiden sich näher standen. Ich hatte das Gefühl, dass Arron hier ebenfalls etwas zu sagen hatte, denn sonst würde er mich sicher nicht einfach herumführen und sich damit dem Befehl des Anführers indirekt widersetzen dürfen.

»Ich bringe dich zurück ins Zelt. Komm.«

Ich folgte ihm und bemerkte, dass die Hunter, an denen wir vorbeikamen, mich interessiert musterten. Ich konnte es ihnen nicht verübeln, denn immerhin war ich die einzige Frau weit und breit. Und ganz plötzlich befiel mich eine Angst, die vorher nicht dagewesen war.

Ich war eine Frau inmitten von zahlreichen kräftigen Männern. Vollkommen wehrlos, ihnen ausgeliefert.

Sie werden dir nichts tun, beruhigte ich mich selbst, konnte es jedoch nicht verhindern, dass meine Finger zitterten. One wird es nicht zulassen. Und Arron ebenfalls nicht.

Aber was wusste ich schon? Man hörte überall Geschichten über die Armee des Empire. Die Hunter waren tödlich und unerbittlich, sie folgten ihren eigenen Gesetzen. Sie bräuchten sich keine Sorgen um Konsequenzen zu machen, wenn mir in ihrer Obhut etwas geschah. Sie waren das Gesetz hier draußen.

Wenn sie vorgehabt hätten, dir etwas anzutun, hätten sie es längst getan. Dieser Gedanke beruhigte mich. Ja, es gab keinen Grund, sich vor dem Anführer oder vor den anderen zu fürchten. Bisher hatte man mich sehr gut und freundlich behandelt. Bloß weil Gerüchte etwas anderes besagten, mussten sie nicht auf jedermann zutreffen. Es gab sicher Hunter da draußen, die ihre Machtposition für niederträchtige Taten missbrauchten, aber weder Taleon One noch Arron Kellegha gehörten zu ihnen. Ich vertraute darauf, auch wenn ich mir dumm und naiv dabei vorkam. Mir blieb schließlich nichts anderes übrig. Eine Flucht unter so vielen wachen Augen würde mir kaum gelingen.

Im Zelt angekommen, setzte ich mich auf die Pritsche und warf meinem Begleiter ein dankbares Lächeln zu. »Danke, dass du mich mitgenommen hast.«

»Ich bin froh, dass du nicht umgekippt bist oder mir vor die Füße gekotzt hast.«

Ich lachte und erschrak selbst über diesen ungewohnten Laut. In meinem Leben gab es nicht viele Momente, die mich erheiterten. In der Zeit mit Karen und Danika hatte ich mich hin und wieder solchen Gefühlsausbrüchen hingegeben, aber meine Freundinnen waren nicht mehr da und ich sollte mich an diesen heiteren Klang meiner Stimme nicht zu sehr gewöhnen.

»Wenn du noch etwas brauchst, gib Bescheid«, holte mich Arrons nächster Satz aus den Gedanken. »Ich bleibe in der Nähe, bis One wieder zurück ist.«

»Danke«, sagte ich noch einmal und schaute ihm nach, als er das Zelt verließ. 

Wieder allein, schlüpfte ich mühsam aus den Stiefeln und legte mich in den Schlafsack. Das ist nicht meiner, stellte ich sofort fest, als ich den Geruch des Hunters darin vernahm. Eine ganz eigene Note, herb und irgendwie ... beruhigend. Ich ignorierte die Stimme, die mir sagte, dass ich die Schlafsäcke tauschen sollte, und schloss stattdessen die Augen. Obwohl ich an diesem Tag nicht viel getan hatte, war ich völlig ausgelaugt und brauchte nicht lange, um einzuschlafen.


»Riley, geh ins Haus.«

Verwirrt starre ich meinen Vater an. Sein Gesicht, das sonst immer lächelt, ist so ernst, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.

»Papa, was ist denn los? Wieso schreien die Menschen so?«, will ich wissen und klammere mich ängstlich an seine Hand.

Von überall her ertönt Gebrüll und vermischt sich mit Hilferufen. Mein Vater beugt sich zu mir herab und schaut mich eindringlich an. »Geh ins Haus und versteck dich. Und bleib dort, verstanden? Komm unter keinen Umständen heraus. Verstehst du das, Riley?«

»Papa, du machst mir Angst!«

»Geh ins Haus!«

»Papa...«
    ...
    ... Papa?

5. Kapitel


Ich fuhr hoch und spürte sofort, dass ich wieder schweißgebadet war. Die Erinnerung an den Traum ließ mein Herz so stark pochen, dass ich fürchtete, es würde mir jeden Augenblick aus der Brust springen. Verdammt, die Erinnerung war diesmal intensiver als sonst gewesen! Ich glaubte, die Flammen des ausbrechenden Feuers auf meiner Haut zu spüren.

»Alles in Ordnung. Du bist in Sicherheit.«

Die beruhigende Stimme des Hunter-Oberhaupts drang nach und nach zu mir und vertrieb die letzten Traumfetzen, die noch hartnäckig an mir hafteten.

Ich schaute zur Seite und nickte, während ich mir das schweißnasse Haar hinter die Ohren strich.

»Hier, trink etwas.«

Er reichte mir eine Flasche Wasser und ich setzte sie so gierig an, dass es überschwappte und meine bereits feuchte Kleidung weiter durchnässte.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich sofort und wischte mir über den Mund und den Hals.

»Du solltest dich umziehen.« Im nächsten Augenblick hielt er mir ein schwarzes Kleidungsstück hin und drehte sich um.

Ich stellte die Flasche nach unten und zog mir hastig das nasse Shirt über den Kopf aus. Dann schlüpfte ich in Windeseile in das trockene, saubere Oberteil und setzte die Flasche erneut an, diesmal vorsichtig und gesittet.

Der Hunter drehte sich wieder zu mir herum und nahm auf der Kante der Pritsche Platz. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht und seine Stirn war leicht gerunzelt.

»Wurden du und deine Freundinnen von jemandem bedroht?«, wollte er im nächsten Moment wissen.

Ich zuckte leicht zusammen, als er die beiden erwähnte, und schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Nicht, dass ich wüsste.«

»Du sagtest, dein Chef hätte dich bedrängt, sodass du dich wehren musstest. Hat er oder jemand sonst auch deine Freundinnen bedrängt?«

Bei der Erinnerung an Baris und den letzten Abend in der Bar wurde mir ganz kalt. »Unser Chef ... er war ein widerlicher Kerl, aber er hat uns nicht allzu schlecht behandelt. Zumindest nicht bis zum besagten Abend. Glauben Sie, dass er dahinter steckt?«

»Ich kann es nicht komplett ausschließen. Aber wahrscheinlich nicht, bisher führt keine Spur zu ihm. Ich werde eine kleine Gruppe abrufen, die morgen wieder hinfährt und weiter nachforscht.« Sein Blick verließ mein Gesicht und richtete sich auf die Zeltwand. Er dachte nach und wirkte dabei höchst konzentriert; jeder Muskel in seinem Gesicht schien angespannt zu sein. Kurz darauf kehrten seine Augen zurück zu mir. »Hast du dich entschieden, Riley?«

Ich brauchte einen Moment, um den Themenwechsel zu realisieren und seine Frage zu verstehen. Und dann nickte ich. »Ich möchte bei ... Nikk bleiben.« Die Entscheidung fiel genau in diesem Augenblick, denn ich wollte nicht wieder da raus und ziellos durch das Land streifen, mit der Ungewissheit, ob ich es bis in den nächsten Tag schaffen würde oder nicht. Und mit dem Wissen, dass jemand meine Freundinnen auf dem Gewissen hatte und womöglich auch hinter mir her war.

»Bist du dir sicher?«, hakte das Oberhaupt nach und musterte mich prüfend.

»Ja, Sir.« Ich senkte den Blick, als mir wieder einfiel, dass ich ihn vor Stunden gefragt hatte, ob ich nicht seine Geliebte werden konnte.

»Gut. Dann bringe ich dich jetzt zu ihm.« Er erhob sich und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, mich richtig hinzusetzen. Dann nahm er mir den Gips vom Fuß ab.

Kurz darauf verließen wir sein Zelt und ich konnte nicht verhindern, dass mich ein bedrückendes Gefühl befiel. Plötzlich zweifelte ich an meiner Entscheidung und fragte mich, ob ich das Richtige getan hatte. Gleichzeitig war da ein unerwünschtes Verlangen in mir, bei ihm zu bleiben. Obwohl ich ihn überhaupt nicht kannte, vertraute ich ihm. Würde es mir mit Nikk genauso ergehen? Oder machte ich gerade einen riesigen Fehler?

Wir kamen zu einem der hintersten Zelte und der Anführer kündigte uns laut an, bevor wir hineintraten.

»Riley.« Nikk saß auf einer der beiden Pritschen, die sich jeweils links und rechts an der Zeltwand befanden. Auf der anderen hockte ein zweiter Hunter, den ich nach genauerem Hinsehen wiedererkannte. Er war zusammen mit Nikk in Baris‘ Bar gewesen, als sie zum ersten Mal dort aufgetaucht waren.

»Montana, nimm deine Sachen«, sagte One neben mir und unterstrich seine Worte mit einer auffordernden Kopfbewegung. »Du schläfst heute in einem anderen Zelt.«

»Verstanden, Boss.« Der Hunter mit der dunkelbraunen Haut stand auf und faltete seinen Schlafsack zusammen. Falls es ihm etwas ausmachte, dass er gehen musste, so ließ er es sich nicht anmerken.

»Du hast dich entschieden«, bemerkte Nikk und sprang ebenfalls auf die Füße. Sein breites Grinsen schmeichelte mir, bewirkte sogar, dass sich meine Mundwinkel ein wenig nach oben verzogen.

»Revera, du solltest sie ganz genau darüber aufklären, was sie erwartet«, wies sein Boss ihn an. »Morgen früh kannst du sie ins Hauptquartier bringen.«

»Verstanden, Boss.« Nikk wandte seinen Blick nicht von mir ab und in seinen Augen blitzte es verheißungsvoll.

Mir wurde ein wenig mulmig. Konnte ich das wirklich tun? Konnte ich mich diesem Mann hingeben, um in Sicherheit zu sein?

Ich dachte an die unzähligen Nächte, die ich draußen in der Kälte und voller Angst verbracht hatte, und seufzte leise. Ja, das konnte ich. Es gab Schlimmeres, als das Bett mit einem Hunter zu teilen. Viel Schlimmeres. Einiges davon hatte ich bereits erlebt und wollte es nicht wieder tun. Die körperliche Liebe war gegen all die Grausamkeit, die im Umland herrschte, ein wahrer Segen, selbst wenn ich dabei etwas von meinem Stolz und meiner Würde ablegen musste.

»Gut. Melde dich bei mir ab, bevor ihr aufbrecht.« Der Hunter-Anführer bedachte mich mit einem letzten Blick, nickte knapp und verließ das Zelt. »Beeil dich, Montana«, rief er dabei über die Schulter.

Ich blieb etwas unsicher auf meinem Platz stehen und beobachtete den dunkelhäutigen Hunter, der sich seinen Schlafsack griff und mit der anderen Hand einen Beutel. »Viel Spaß euch beiden«, sagte er an seinen Kameraden gewandt, lächelte mir kurz zu und folgte seinem Befehlshaber.

»Komm her.« Nikk trat zu der nun freien Pritsche und winkte mich heran. Er nahm mir den mitgebrachten Schlafsack ab und breitete ihn darauf aus. »Machen wir es uns ein wenig bequemer, dann kann ich dir alles erzählen, was du wissen musst.«

Es uns ein wenig bequemer machen? Mit einem skeptischen Gesichtsausdruck ließ ich mich auf sein aufforderndes Klopfen hin auf der Pritsche nieder.

»Schau nicht so finster«, sagte er lächelnd und nahm neben mir Platz. »Ich beiße nicht, und wenn, dann nur ganz sanft.«

Dieser plumpe Spruch ließ mich die Augen verdrehen, aber er löste auch ein wenig die Anspannung in meinen Schultern. Nikk war eben Nikk. Bereits bei seinen Besuchen in der Bar war er um keinen direkten Spruch verlegen gewesen. Ich konnte damit umgehen, sogar besser als mit einem verschlossenen Charakter, bei dem ich nicht wusste, woran ich war.

Nikk wollte mich als seine Geliebte, ich sollte ihm seine körperlichen Bedürfnisse stillen und durfte im Gegenzug bei ihm bleiben. Das verstand ich und das würde ich hinbekommen. Der körperliche Geschlechtsakt war mir nämlich vertraut, hatte ich doch in manch einsamen und eiskalten Nächten Schutz in den Armen eines Mannes gesucht. Es würde mich einiges an Überwindung kosten, diesen intimen Moment mit dem beinahe völlig fremden Hunter zu teilen, aber darüber konnte ich hinwegsehen. Hierbei ging es um meine Zukunft, um meine Sicherheit. Und um die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Das war mehr als ich irgendwo sonst bekommen würde.

»Okay, hast du irgendwelche Fragen?« Nikks braune Augen glitzerten und ich hatte das Gefühl, diese Situation würde ihn amüsieren.

»Du willst doch nicht etwa jetzt sofort loslegen?«, entgegnete ich und verzog das Gesicht.

»Nein. Wir legen los, wenn du soweit bist. Jetzt beantworte ich dir erst einmal deine Fragen. Du möchtest sicher wissen, was dich erwartet.«

»Ja, das würde mir weiterhelfen.«

Er lehnte sich entspannt zurück und stützte sich auf einem Arm ab. »Okay. Morgen bringe ich dich erst einmal ins Hauptquartier. Unser Einsatz hier ist noch nicht beendet, was bedeutet, dass ich anschließend wieder hierher zurückkehren muss. In meiner Abwesenheit kannst du dich schon mal eingewöhnen. In der Zeit wirst du auch untersucht und auf meine Rückkehr vorbereitet.«

Das klang doch einigermaßen beruhigend. Ich hätte also noch eine Weile Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen, die Geliebte eines Hunters zu sein.

»Nach dem Einsatz haben wir ein paar Tage Urlaub«, fuhr Nikk fort und ließ seine Augen über meinen Körper gleiten. »Und diesen möchte ich nicht allein verbringen, wenn du verstehst.«

Ich schluckte unauffällig, seine eindringlichen Blicke machten mich etwas nervös. »Und ... stehe ich dir in dieser Zeit rund um die Uhr zur Verfügung?«, hakte ich mit belegter Stimme nach und räusperte mich schnell.

»Das hoffe ich doch«, sagte er und lachte. »Aber jetzt schau doch nicht so entsetzt. Ich werde dafür sorgen, dass es dir gefällt. Du bist nicht meine Gefangene, Riley. Du bist die Frau, die mir die einsamen Stunden versüßen soll. Und ich werde mich dafür entsprechend revanchieren, versprochen.«

Seine Worte schickten mir ein angenehmes Kribbeln über den Rücken. Ich war schon so lange nicht mehr mit einem Mann zusammen gewesen. Und auch wenn ich den männlichen Geschöpfen von Grund auf misstraute, konnte ich dem Geschlechtsakt durchaus etwas abgewinnen. Diese intime Nähe gefiel mir, vorausgesetzt, sie beruhte auf beidseitigem Einverständnis und geschah nicht unter Zwang.

»Komm her.« Nikk setzte sich aufrecht hin und klopfte auf seinen Schoß. »Wir können ja mal schauen, ob es funkt.«

Ich atmete einmal tief durch und überbrückte den Abstand zwischen uns. Ich hatte mich entschieden, mit ihm zu gehen, und jetzt gab es kein Zurück mehr. Außerdem war er ein durchaus ansehnlicher Mann, der eine verführerische Aura ausstrahlte. Vielleicht würde es mir gefallen, ihm näher zu kommen. Das konnte ich nur herausfinden, wenn ich es probierte.

»Du kaufst die Katze im Sack, Hunter«, sagte ich und ließ mich nach einem letzten Zögern auf seinen Schoß sinken. Nach außen hin gab ich mich ruhig, doch meine Nervosität stieg mit jedem Augenblick, der verstrich. »Vielleicht bin ich nicht das, was du suchst.«

»Das werden wir sehen.« Nikks braune Augen wurden noch einen Ton dunkler, als er mit den Fingern über meinen Hals fuhr und sie in meine wirren Locken gleiten ließ. Ein leichtes Ziehen brachte meine Kopfhaut zum Kribbeln. »Du wirkst so, als hättest du bereits die ein oder andere Erfahrung mit Männern gesammelt«, stellte er fest. »Oder irre ich mich?«

»Ich bin nicht unschuldig, falls du das meinst«, erwiderte ich und war froh, dass meine Stimme fest klang. Wenn ich mich ihm schon darbot, dann mit Stolz und Würde und nicht wie ein kleines, ängstliches Mädchen. Das widerspenstige Stimmchen in mir, das sich mit diesem Gedanken immer noch nicht anfreunden konnte und dagegen protestierte, sperrte ich weg. Weit weg zu meiner Trauer um meine beiden Freundinnen und zu der Verzweiflung, die mich letztendlich in die Arme des Hunters getrieben hatte. Ich wollte nicht mehr so viel nachdenken und mich einfach meinem Schicksal überlassen. Alles war besser, als ziellos im Umland umher zu irren, wo an jeder Ecke Gefahr und Tod lauerten.

»Sehr schön«, ließ Nikk nach meiner Aussage hin verlauten und strich mit seinen Händen meine Arme herunter. Sie glitten rüber auf meine Hüfte, wo er mich sanft packte und mich so platzierte, dass ich rittlings auf ihm zum Sitzen kam. Die Beule, die in seinem Schritt prangte, war nicht zu übersehen. Und auch mein Schoß empfand in dieser Position eine gewisse Hitze. Oder zumindest ein leichtes Aufglühen.

»Das gefällt dir«, stellte Nikk fest und fuhr mit seinen Fingerspitzen über meine Seiten. Es kitzelte und ich wand mich ein wenig hin und her. »Mir gefällt es auch, Riley. Du gefällst mir.«

Die Worte waren schmeichelhaft, aber ich ging nicht auf sie ein. Auch wenn mein Körper positiv auf ihn und seine Berührungen reagierte – das hier war so etwas wie ein Geschäft. Ich bot ihm meine Dienste, er würde mir im Gegenzug ein sicheres Heim gewähren. Für mich waren wir Geschäftspartner, keine Liebenden. Vielleicht würde sich das im Verlauf unserer gemeinsamen Zeit ändern, aber ich bezweifelte es, denn ich wollte keine Gefühle für den Hunter entwickeln. Wozu auch? Immerhin war die Zeit mit ihm begrenzt. Er würde mich nur so lange dabehalten, bis er meiner überdrüssig wurde.

Nikk deutete einen Stoß mit seinem Becken an und holte mich damit zurück ins Geschehen. »Das mit uns, es wird funktionieren«, sagte er überzeugt und packte mit beiden Händen meine Gesäßbacken. Es war eine besitzergreifende Geste und sie ließ mich nicht kalt. Nein, im Gegenteil, mir wurde nun ziemlich warm. »Wir werden viel Spaß miteinander haben. Ich kann es kaum erwarten, bis die Mission zu Ende ist. Verdammt, ich würde dich am liebsten jetzt sofort vögeln, aber Sex ist hier tabu. One ist so ein Spießer.«

Bei der Erwähnung des Anführers verschwand die Hitze aus meinem Körper und auf einmal kam mir die Situation – ich auf Nikks Schoß, die große Beule in seiner Hose – falsch vor. Langsam, ohne ihn mit meiner plötzlichen Eile zu kränken, kletterte ich von seinen festen Oberschenkeln und brachte wieder Abstand zwischen uns.

»Es ist ganz gut, dass wir noch ein bisschen Zeit haben, um einander kennenzulernen«, sagte ich. »Ich werfe nämlich sämtliche meiner Prinzipien über Bord, weil ich dein Angebot angenommen habe«, fügte ich offen heraus hinzu. »Und ich möchte wissen, dass ich das für einen anständigen Kerl tue.«

Nikks Mund nahm wieder den höhnischen Zug an, der ihm einen gewissen Charme verlieh. »Anständig? Das ist nicht gerade die Eigenschaft, mit der man mich beschreiben würde.«

Das glaubte ich ihm auch ohne weitere Beteuerungen. »Solange du mich respektierst, kannst du so unanständig sein wie du willst.«

»Das tue ich«, versicherte er mit einem nachdrücklichen Nicken. »Wir alle respektieren die Frauen, die wir in unser Bett holen. Du hast ein falsches Bild davon, was eine Geliebte ist, Riley. Aber keine Sorge, du wirst bald schon deine Meinung revidieren.«

 


Am nächsten Morgen brachen wir in aller Frühe auf und ich war Nikk dankbar dafür, dass er ununterbrochen vor sich hin plapperte und mir keinen Raum für weitere intensive Gedankengänge ließ. Ich hatte bereits die halbe Nacht wach gelegen und mir immer wieder versichert, dass ich das Richtige tat, bis ich mich endgültig davon überzeugt hatte.

»Du bist so ruhig, Riley«, sprach Nikk mich schließlich direkt an. »Wahrscheinlich spinnst du dir in deinem hübschen Köpfchen alle möglichen Horrorszenarien zusammen. Habe ich Recht?«

»Nein, eigentlich denke ich im Moment an gar nichts Konkretes«, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

»Nicht einmal an mich?«

»Wieso sollte ich an dich denken, wenn du direkt neben mir sitzt?«

»Du bist eine harte Nuss, Baby«, sagte er lachend und griff nach meiner linken Hand, die auf meinem Oberschenkel ruhte. »Aber ich mag Herausforderungen. Und ich werde dich schon knacken.«

Was auch immer, dachte ich und ließ ihn weiterreden. Je länger wir fuhren, desto schwerer fiel es mir, die aufkeimende Nervosität zu verdrängen. Was würde mich im Hunter-Hauptquartier erwarten? Wie waren die wirklichen Lebensbedingungen dort? Diese und andere Fragen kreisten in den kurzen Pausen, in denen Nikk kein Wort von sich gab, in meinem Kopf herum.

Nach vielen Stunden erreichten wir eine breite, von Schutzwällen umgebene Straße, die direkt auf ein riesiges Tor zuführte. »Home sweet home«, murmelte Nikk und grinste breit. »Wir sind gleich da.«

Ich gab mir keine Mühe, mein Staunen zu verbergen. Mit großen Augen und leicht geöffnetem Mund, der sich zu einem O verzog, legte ich den Kopf in den Nacken und starrte das imposante Gebäude an, das sich direkt an das breite Tor anschloss. Es war so gewaltig, dass mich sein Anblick beinahe erdrückte.

»Sind wir hier im ... Empire?«, fragte ich schließlich, als ich meine Stimme wiederfand.

»Nein, das ist das Hunter-Hauptquartier«, erwiderte Nikk und ich sah aus dem Augenwinkel, dass er mich amüsiert musterte.

»Es ist so gigantisch.«

»Wir sind viele und brauchen dementsprechend viel Platz.«

Am Tor angekommen, trat ein bewaffneter Hunter zum Fahrerfenster und wechselte ein paar Worte mit Nikk. Kurz darauf stieg mein Begleiter aus und sie setzten ihre Unterhaltung draußen fort, sodass ich nichts mehr davon mitbekam. Immer wieder glitt der Blick der Wache zu mir und musterte mich abschätzig. Erst nach unzähligen Minuten, in denen mir der Schweiß ausbrach, setzte sich Nikk wieder ans Steuer und wir durften passieren.

»Bevor ich es vergesse - du wirst dich noch einigen medizinischen Untersuchungen unterziehen müssen«, sagte er und fuhr den Wagen im Schritttempo zu einem weiteren Tor. »Hier wird hoher Wert auf Sicherheit gelegt und wir müssen sichergehen, dass du keine ansteckenden Krankheiten hast.«

»Ich bin gesund«, erwiderte ich daraufhin.

»Das sind die Vorschriften, Riley. Keine Sorge, wir haben hier sehr fähiges Personal. Es wird schnell gehen und nicht wehtun. Reine Routine.«

»In Ordnung.« Ich nickte und konzentrierte mich wieder auf das Bild, das sich mir außerhalb des Wagens bot.

Nachdem wir auch den zweiten Wachtposten hinter uns gelassen hatten, fuhren wir durch einen Tunnel und gelangten schließlich ins Innere des Hunter-Hauptquartiers. Ich konnte all die Eindrücke, die auf mich einprasselten, gar nicht richtig erfassen. Das hier war eine andere Welt. Eine Welt, die ich nicht kannte, voll von faszinierenden Bauten und Technologien. Wunderschön, gigantisch und geschützt.

In der Schule war uns einiges über das Empire und die Privilegierten, die darin lebten, berichtet worden, aber ich hatte mir nicht im Traum vorstellen können, wie es wirklich war, ein solches Leben zu führen.

Doch in diesem Moment, als ich mit dem Hunter durch das Hauptquartier fuhr und so vieles sah, wofür ich nicht einmal einen Namen kannte, vermischten sich Fantasie und Realität und nahmen mich auf in dieser Traumwelt.

»Die Geliebten der Hunter leben im jeweiligen Abschnitt, in dem auch ihre Männer untergebracht sind. Du wirst dein eigenes kleines Reich haben, das an meine Suite grenzt«, erklärte Nikk während unserer Fahrt.

»Suite?«

»Ja, ist so ähnlich wie eine Wohnung, nur viel größer.«

»Und wieso bleibe ich nicht einfach bei dir?«

»Das wirst du wahrscheinlich«, entgegnete er mit seinem breiten Dauergrinsen. »Solange du willst, Baby. Aber falls du doch mal die Schnauze voll von mir haben solltest, hast du einen Rückzugsort. Und während meiner Außenmissionen eine eigene Bleibe.«

Das klang gut. Ich würde den sogenannten Rückzugsort wohl öfter in Anspruch nehmen, als Nikk vermutete. Er schien sehr davon überzeugt zu sein, dass ich ihm schon bald regelrecht verfallen wäre. Na, wenn er sich da mal nicht irrte ...

Nach einer Weile machten wir Halt vor einem eckigen, komplett verglasten Gebäude. Es war hoch und schmal, erinnerte mich ein wenig an einen Turm.

»Hier lebst du?«, fragte ich und schaute an der Glasfassade hoch. Einfach nur ... wow!

»Ich und viele andere aus meiner Truppe«, bestätigte Nikk und drückte auf irgendwelchen Knöpfen an dem Lenkrad des Wagens herum. »Und jetzt auch du und all die anderen Frauen.«

»Hier sind noch mehr Frauen?«

Er bedachte mich mit einem Blick, der mich leicht wütend werden ließ, weil ich mir danach so dämlich vorkam.

»Riley, natürlich sind hier noch mehr Frauen«, fügte er im nächsten Moment freundlicher hinzu. »Wir haben alle unsere Bedürfnisse. Glaub mir, du wirst keinen Hunter finden, der sich nicht eine Geliebte herholt. Oder mehrere.«

»Mehrere?«, entkam es mir leicht schrill, was ihn zum Lachen brachte.

»Ja, ich fände es auch zu anstrengend. Aber diese Art von körperlicher Betätigung ist ein guter Ausgleich zu unseren Missionen. Und viele meiner Kameraden bekommen einfach nicht genug von Frauen.«

Sex war eine Handelsware, das wusste ich bereits. Aber dass ein Hunter sich gleich mehrere Geliebte hielt, die ihm allesamt zu Diensten stehen mussten, war mir neu. Wie sich diese Frauen wohl fühlten, wenn sie genau wussten, dass sie ihrem Hunter nicht allein zur Verfügung standen? Vielleicht war es gar nicht so übel, wenn man nicht allein war. Immerhin konnte man sich dann mit den anderen austauschen.

Nikk fuhr den Wagen in eine Tiefgarage, wie er es nannte. Dort stellte er ihn neben einigen anderen glänzenden Fahrzeugen ab. »Ich bringe dich noch rauf, dann muss ich wieder zurück«, erklärte er und half mir, auszusteigen.

»Muss ich in deiner Abwesenheit die ganze Zeit in ... meinem kleinen Reich bleiben?«, wollte ich wissen, als wir vor einer aus dunkelgrauem Metall bestehenden Tür stehen blieben.

»Nein, im Gegenteil. Euch Frauen stehen hier unzählige Möglichkeiten der Beschäftigung zur Verfügung.« Die Türen glitten auseinander und enthüllten einen viereckigen, verspiegelten Raum. »Das ist ein Fahrstuhl«, klärte Nikk mich auf, der sah, dass ich zögerte, bevor ich ihm hinein folgte. »Damit fahren wir nach oben in meine Etage.«

Beeindruckend. Ich stellte mich neben ihn und griff seinen ersten Satz wieder auf. »Und welche Möglichkeiten sind das? Eine Schule?« Ich konnte es kaum noch erwarten, mich der Weiterbildung zu widmen. Immerhin war das der Grund gewesen, wieso ich mich dazu entschieden hatte, bei Nikk zu bleiben. Das und die weniger verlockende Alternative, die da lautete: Im Umland umherwandern und jeden Tag um mein Leben kämpfen.

»Wir bezeichnen es als Universität«, entgegnete der Hunter lächelnd. »Aber dich wird doch eher der Schönheitssalon interessieren.«

»Nein«, sagte ich schlicht.

»Frisör? Wellnessbereich? Spa? Die Einkaufspassage?«, schlug er weiter vor.

»Das meiste davon kenne ich nicht einmal.«

»Dort kannst du dich verwöhnen lassen. Das volle Schönheitsprogramm. Danach fühlst du dich und siehst auch aus wie ein neuer Mensch.«

»Wozu? Du hast dich doch für mich entschieden, so wie ich jetzt bin. Wieso soll ich mich ändern?« Ich zog meine Augenbraue skeptisch hoch und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Hey, das wollte ich damit nicht sagen«, wehrte Nikk mit erhobenen Händen ab. »Ich finde die Vorstellung, dass du nicht auf diesen ganzen Beauty-Quatsch stehst, sogar sehr angenehm. Aber die meisten Frauen fahren eben auf dieses Programm total ab.«

»Nun, mir ist es vollkommen egal. Ich möchte viel lieber lernen.« Das Wort zerging mir regelrecht auf der Zunge und brachte so viele wunderbare Erinnerungen an meine Schulzeit mit sich. Und an meine Mutter, die Lehrerin aus Leidenschaft gewesen war. Diese Erinnerung verdrängte ich jedoch sofort wieder, weil sie mich traurig machte.

Nikk zuckte mit den breiten Schultern. »Wie du willst. Deine Freizeit kannst du dir nach Lust und Laune gestalten. Sobald du die ärztlichen Untersuchungen hinter dich gebracht hast, kannst du dich in den offenen Bereichen frei bewegen.«

Der Fahrstuhl hielt und öffnete seine Türen, damit wir aussteigen konnten. Vor uns erstreckte sich ein langer, schmaler Flur, von dem drei weitere Türen abgingen. Nikk ging voran und ich folgte ihm, als er auch schon vor einer der Türen stehen blieb. Aus seiner Hosentasche holte er einen winzigen Knopf hervor und hielt ihn an eine kleine Tafel direkt neben dem Türrahmen. Es piepte leise und dann erschienen weitere Knöpfe, die er in einer scheinbar willkürlichen Reihenfolge drückte.

»Gib mir deinen Zeigefinger«, forderte er mich anschließend auf. Ich reichte ihm meine Hand und er hielt die Kuppe meines Zeigefingers an das glatte Feld. »Das System hat sich deinen Abdruck gespeichert. Damit kannst du die Tür öffnen und schließen.«

»Oh. So etwas ist möglich?«

»Baby, du wirst noch sehr viel Spaß mit unseren Technologien haben«, erwiderte er belustig und zwinkerte mir mit einem Auge zu.

Gleich darauf betraten wir ein großes Zimmer, in dem sich ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle befanden. »Das alles ist für mich?«, fragte ich sofort und starrte auf das breite Bettgestell.

»Ja, das ist dein Schlafzimmer.« Er ging zu einer weiteren Tür, die sich neben dem Tisch befand, und öffnete sie. »Hier hast du noch einen kleinen Wohnbereich und ein angrenzendes Badezimmer.«

Ich stellte mich hinter ihn und lugte hinein. »Ist das ... ein Fernseher?«, fragte ich und deutete an die Wand gegenüber, an der eine schwarze, glänzende Scheibe hing. »Ich habe davon gehört, aber ich wusste nicht, dass es so etwas wirklich gibt.«

Nikk trat zu einem niedrigen Tischchen und griff sich das schmale Ding, das darauf lag. Er drückte darauf herum und sofort flackerte die Scheibe auf und zeigte eine Frau, die mit einem älteren Mann sprach. »Hauptsächlich Unterhaltungsprogramm. Das ist die Fernbedienung, mit ihr kannst du umschalten, lauter oder leiser machen, zwei Filme gleichzeitig gucken.« Er hielt mir das schmale Ding entgegen und ich griff zögernd danach. »Mit der Zeit werde ich dir alles beibringen, aber jetzt muss ich wieder zurück zu meiner Truppe. Ich schicke gleich jemanden zu dir, der dir die grundlegenden Dinge erklärt und dich zu den ärztlichen Untersuchungen begleitet.«

»In Ordnung«, erwiderte ich nickend, drückte einen der vielen Knöpfe auf der Fernbedienung und schaute begeistert dabei zu, wie sich das Bild auf der Scheibe veränderte.

Nikk trat zu mir, umfasste mein Kinn mit den Fingern und beugte sich ein wenig vor. »Und sobald ich zurück bin, machen wir dort weiter, wo wir gestern Abend aufgehört haben.«

Ich schluckte mein Unbehagen herunter. »Verstanden«, griff ich das Zustimmungswort der Hunter auf und nickte.

»Sehr schön. Bis bald, Riley.« Er drückte seine Lippen flüchtig auf meine und verschwand durch die Tür.

Die nächsten Minuten war ich so vertieft darin, das fremdartige Spielzeug in meinen Händen auszutesten, dass ich das Klopfen an der Tür zunächst nicht wahrnahm. Erst als es lauter und drängender wurde, riss ich mich aus meiner Faszination und trat ins Schlafzimmer.

»Ja?«, fragte ich und suchte nach der Türklinke, als mir wieder einfiel, dass ich die Türen mit meinem Zeigefinger öffnen konnte.

»Hier ist Rose«, erklang es von der anderen Seite. »Mr. Revera schickt mich.«

Ich hielt meinen Zeigefinger an die Metalltafel neben dem Rahmen und die Tür glitt zur Seite. Vor mir stand nun eine ältere Frau in einem dunkelgrauen Anzug. Ihr schwarzes Haar war zu einem strengen Knoten zusammengebunden und ihre braunen Augen stachen regelrecht aus dem blassen Gesicht hervor.

»Bitte begleiten Sie mich zu unserer Krankenstation«, sagte sie, und laut ihrer ernsten Miene war das sicher keine Bitte, sondern eine Aufforderung.

»Ja, sicher.« Ich straffte meine Schultern und trat hinaus auf den Flur.

6. Kapitel

 



Wie Nikk es mir vorhergesagt hatte, verliefen die ärztlichen Untersuchungen recht schnell und waren kaum unangenehm. Nur die Blutabnahme war etwas schmerzhaft, und als ich mich ausziehen und auf einen hohen Stuhl mit Halterungen für die Beine setzen sollte, wäre ich am liebsten geflohen. Aber die Ärztin, die mich untenrum untersuchte, war freundlich und erklärte mir haarklein, was sie da tat, sodass ich mich schnell wieder beruhigte.

Als ich fertig war, brachte Rose mich zurück in mein Zimmer und erklärte mir dabei, an welche Regeln ich mich zu halten hatte, solange ich mich als Geliebte eines Hunters im Hauptquartier aufhielt. Ich versuchte, mir alles zu merken, und kam ein wenig durcheinander, weil es viel zu viel auf einmal war. Glücklicherweise überreichte Rose mir eine Mappe, in der alle Regeln ausführlich aufgelistet waren.

»Für den Fall, dass Sie lesen können«, schob sie noch hinterher. »Ansonsten dürfen Sie mich gerne ansprechen, falls sie Fragen haben.«

»Ich kann lesen!«, erwiderte ich daraufhin und konnte nicht verhindern, dass ich leicht pikiert klang. Mir war bewusst, dass die Bildung bei den Menschen im Umland meist sehr rar ausfiel. Nicht jeder hatte das Privileg gehabt, zur Schule zu gehen, weshalb Roses Nachfrage auch verständlich war. Dennoch nahm ich es ihr übel.

»Das ist gut«, sagte sie, ohne auf meinen beleidigten Ton einzugehen. »Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, lasse ich Sie jetzt wieder allein.«

»Eins noch - wo ist die Uni ... äh ... versität? Ich möchte sie gerne besuchen.«

»Die Vorlesungen finden innerhalb der Werktage statt. Eine Liste hängt direkt im Haupteingang des Gebäudes. Schauen Sie in die Mappe, dort steht alles noch einmal ausführlich und mit einer Wegbeschreibung.«

»Ah, okay. Also kann ich da einfach hin?«, hakte ich nach und blätterte bereits durch die abgehefteten Papiere.

»Natürlich. Die Universität steht allen Interessenten zur Verfügung. Warten Sie noch bis morgen früh, bis Ihre Untersuchungsergebnisse da sind. Wenn die Ärzte ihr Okay geben, können Sie Ihr neues Leben hier beginnen.«

Nachdem Rose wieder gegangen war, setzte ich mich mit der Mappe aufs Bett und verbrachte die nächsten Stunden damit, jedes Detail darin aufzusaugen und zu verinnerlichen. Ich war angenehm überrascht von den zahlreichen Möglichkeiten, die einer Geliebten hier geboten wurden, und musste meine Meinung über diesen Dienst wohl von Grund auf ändern.

Ja, ich würde meinen Körper einem Hunter zur Verfügung stellen, aber im Gegenzug konnte ich ein Leben führen, von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Ein Leben, das voll von wundervollen Dingen zu sein schien.

Ich legte die Mappe zur Seite, lehnte mich zurück, bis mein Rücken das Kissen berührte, und starrte zur Decke. Der letzte Abend mit Karen und Danika kam mir in den Sinn und damit auch das Gespräch, welches wir geführt hatten. Ich drängte den Schmerz über den Verlust meiner Freundinnen schnell beiseite und erinnerte mich an die Worte, die Karen gesagt hatte: Wickele ihn um den Finger. Mach dich unersetzbar.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich es tun sollte, aber ich wusste, dass ich es tun musste. Denn ich wollte hier bleiben. Allein der Gedanke, wieder hinaus in die grausame Welt des Umlands zu gehen, schürte in mir eine Verzweiflung, die mir die Brust zudrückte und das Atmen erschwerte.

Wie konnte ich Nikk dazu bringen, sich in mich zu verlieben? Oder ihn zumindest so weit zu umgarnen, dass er mich nicht durch eine andere Frau ersetzte. Dass er nicht genug von mir bekam.

»Er will deinen Körper«, murmelte ich vor mich hin und richtete mich ein wenig auf, um an mir herunterzuschauen. Ich trug immer noch die Kleidung, die mir der Anführer am Vortag gegeben hatte. »Das ist dein Kapital. Du musst ihn pflegen.«

Langsam glitt ich vom Bett und ging rüber in das Badezimmer, das an den Wohnbereich grenzte. Es war unglaublich! Sauber, glänzend und mit Dingen ausgestattet, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Ich brauchte eine Weile, um herauszufinden, wie ich die Wanne, die auf einer kleinen Erhebung mitten im Raum stand, mit Wasser füllen konnte. Das glitzernde, saubere Nass lief aus einem schmalen Rohr hinein und ließ sich mit einem Knopf regulieren.

»Wow«, flüsterte ich immer wieder ehrfurchtsvoll, während ich all die anderen Dinge ausprobierte und mich schließlich entkleidete, um in die Wanne zu steigen.

Himmlisch, war das Wort, das durch meinen Kopf kreiste, als das warme Wasser meinen Körper sanft umspülte.

Vielleicht träumte ich das alles nur? Befand ich mich wirklich im Hunter-Hauptquartier in einer großen Wanne und genoss die wohlige Wärme und den wohltuenden Duft, den das Wasser verströmte? Oder spielte mir mein Verstand einen Streich? Lag es wirklich erst wenige Tage zurück, als ich vor meinem am Boden liegenden, blutenden Chef geflohen war und von wilden Hunden angegriffen wurde?

Und das Chaos in meiner alten Wohnung ... der leblose Körper meiner Freundin. Hatte ich all das wirklich gesehen? Wie konnte sich mein Leben innerhalb von wenigen Tagen so grundlegend ändern? Durfte ich endlich aufatmen? Konnte ich die Grausamkeiten der vergangenen Jahre, Wochen und Tage hinter mir lassen? Ein neues Leben beginnen, hier im Hunter-Hauptquartier.

»Vergiss das Vergangene einfach«, sprach ich mir selbst zu und legte allen Nachdruck in meine Stimme, um mich davon zu überzeugen. Ich musste die Bilder und Erinnerungen an all das Grausame, das ich erlebt hatte, ganz weit wegschließen. Endgültig! Vergangenes konnte man nicht ungeschehen machen, das hatte ich bereits früh gelernt. Entweder ging man daran kaputt oder man schloss es aus und lebte weiter. Vor sechs Jahren war ich beinahe an dem, was geschehen war, kaputt gegangen, aber letztendlich hatte ich einen Überlebenswillen entwickelt, der mich bis hierher gebracht hatte, und dafür hatte ich mich innerlich von jeglicher Schwäche abgrenzen müssen. Trauer und Bedauern waren einer kühlen Akzeptanz gewichen; Zuneigung meist präziser Berechnung. Wer leben wollte, musste hart sein. Und wenn ich ein neues Leben hier im Hunter-Hauptquartier beginnen und es auch behalten wollte, musste ich geschickt vorgehen und meinen Gönner für mich gewinnen.

Während ich in der Wanne lag und meinen vor kurzem in Mitleidenschaft gezogenen Körper, der mittlerweile kaum noch etwas von den Verletzungen aufwies, entspannte, machte ich mir einen Plan zurecht, wie ich Nikk um meinen Finger wickeln könnte. Und es würde funktionieren. Es musste!

 



Am nächsten Morgen holte Rose mich erneut ab und brachte mich in die Krankenstation, wo mir mitgeteilt wurde, dass ich gesund war, allerdings auch etwas unterernährt. Ich bekam Vitaminpräparate, die ich täglich mit dem Essen einnehmen sollte, und zusätzlich noch eine Spritze, die mich vor einer Empfängnis schützen würde.

Anschließend wurde ich von Rose zu einem Gebäude mit abgerundetem Dach aus Glas geleitet. Sie blieb vor einer Doppeltür stehen und deutete auf ein Schild über dem Rahmen. »Das ist die Cafeteria. Hier können Sie zu jeder Tageszeit etwas zu essen oder zu trinken bekommen. Sie können hier zusammen mit den anderen Damen speisen oder das Essen mit auf Ihr Zimmer nehmen.«

»Okay.« Ich nickte und spähte durch die Glasscheibe hinein, konnte jedoch kaum etwas erkennen.

»So, hiermit überreiche ich Ihnen noch Ihren Ausweis und dann sind Sie auf sich allein gestellt. Wenn Sie weitere Fragen haben, finden Sie mich im Personalgebäude. Das befindet sich direkt neben der Krankenstation.« Rose griff in eine Tasche ihres Oberteils und förderte eine Karte zutage. »Tragen Sie den Ausweis immer bei sich. Wenn ein Hunter oder Mitarbeiter Sie auffordert, sich auszuweisen, können Sie ihn vorzeigen. Das ist wichtig, vergessen Sie das nicht.«

»Verstanden«, bestätigte ich mit einem weiteren Nicken und nahm das stabile Kärtchen, mit meinem Namen und einem Bild von mir darauf, entgegen.

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging davon.

Ich schaute der älteren Frau nach, bis sie um eine Ecke bog, und richtete meinen Blick anschließend wieder auf die verglaste Doppeltür. »Na, dann mal rein ins Vergnügen«, murmelte ich und griff nach der glänzenden Türklinke.

Leise Musik drang in meine Ohren, als ich die Cafeteria betreten hatte. Verwirrt schaute ich mich nach allen Seiten um, konnte aber nicht ausmachen, wo sie herkam. Doch ich genoss die fröhlichen Klänge in vollen Zügen. Wie lange war es her, dass ich so etwas vernommen hatte?

Früher hatte mein Vater ein Instrument gespielt, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern konnte, und Malenne und ich hatten ihm dabei fasziniert gelauscht.

Ich drängte die Erinnerung fort und begab mich tiefer hinein in das Gebäude. Nur wenige Meter weiter gelangte ich zu einem offenen, vom Tageslicht durchfluteten Raum, in dem verteilt Tische und Stühle standen. Erstaunt über die vielen Frauen, die in kleinen und größeren Gruppen zusammensaßen, blieb ich unschlüssig stehen. Dann registrierte ich, dass nicht wenige von ihnen blondes Haar hatten. Ob das echt war?

Und während ich noch überlegte, was ich jetzt tun sollte, kam eine der Frauen – eine große Schönheit mit langen, schwarzen Locken und wippenden Hüften – auf mich zu und lächelte mich freundlich an.

»Hallo, Riley.«

Verwirrt trat ich einen Schritt zurück. Woher kannte sie meinen Namen?

»Du fragst dich sicher, woher ich deinen Namen kenne«, fuhr sie auch schon fort, als hätte sie meine Gedanken erraten. Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter. »Nun, mein Verlobter hat ihn mir verraten«, fügte sie mit einem geheimnisvollen Zwinkern hinzu.

Ihr Verlobter? Etwa einer der Hunter aus dem Stützpunkt?

»Du hast ihn im Außenstützpunkt kennengelernt. Arron Kellegha. Sagt dir der Name etwas?«

Vor mir stand Arrons Verlobte? Aber wie war das möglich? Hunter hatten Geliebte für einen bestimmten Zeitraum, das wusste ich, doch ich hatte geglaubt, dass es keine festeren Bindungen zwischen ihnen und den Frauen gab.

Mein Gesicht musste Bände sprechen, denn auch diesen Gedanken erriet die Schönheit vor mir. »Ich bin eine kleine Berühmtheit hier«, fügte sie leise hinzu und wirkte sehr amüsiert darüber. »Plötzlich wollen alle meine Freundinnen sein und schleimen mir die Ohren voll.« Sie griff nach meiner Hand und deutete mit einer Kopfbewegung in eine Richtung. »Du hast sicher unzählige Fragen. Komm, setzen wir uns. Arron hat mich kontaktiert und mich gebeten, dir ein wenig unter die Arme zu greifen.«

»Arron hat dich kontaktiert? Wie?«, war der erste Satz, den ich nach ihrem kurzen Monolog hervorbrachte.

»Die Masten, die überall in der Nähe des Hauptquartiers und der Stützpunkte verteilt stehen. Du hast sie sicher schon öfter gesehen.« Auf mein Nicken hin fuhr sie fort. »Sie übertragen die Kommunikation auf weite Entfernung. Keine Sorge, mit der Zeit wirst du jede Menge dazulernen. Ich habe auch Monate gebraucht, bis ich alles verstanden hatte.«

»Monate ... Wie lange bist du schon hier?« Ich bemerkte, dass die anderen Frauen uns beobachteten, während wir den Raum durchquerten.

»Zwei Jahre«, erwiderte sie schmunzelnd.

»So lange? Wow.«

»Ich weiß. Eigentlich ist der Aufenthalt einer Geliebten auf höchstens sechs Monate begrenzt, aber mein Verlobter wollte mich einfach nicht wieder gehen lassen.« Sie zwinkerte mir erneut zu und blieb schließlich vor einem langen Tisch stehen, auf dem sich unzählige verschiedene Speisen stapelten. »Greif zu, danach setzen wir uns und reden in Ruhe weiter.«

Ich nahm mir einen Teller und belegte ihn mit köstlich duftenden Brotscheiben und Aufschnitt.

»Probiere unbedingt den Karamell-Cappuccino«, sagte Arrons Verlobte und zeigte auf ein Gerät mit vielen Knöpfen. »Der ist verdammt lecker.« Sie nahm einen Becher und stellte ihn auf eine Ablage. Dann drückte sie zwei Knöpfe und ich beobachtete fasziniert, wie ein schmaler brauner Strahl aus dem kleinen Röhrchen über dem Becher herausschoss.

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