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4 Extra Arztromane April 2018

Glenn Stirling, A. F. Morland

4 Extra Arztromane April 2018

Cassiopeiapress Sammelband





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

4 Extra Arztromane April 2018

Arztroman Sammelband 4 Romane – Das Mädchen aus Paris /Es war eine schreckliche Nacht / Der geheimnisvolle Patient / Dr. Mertens setzt sich durch

Der talentierte Assistenzarzt Jürgen Kirstein arbeitet mit großer Hingabe in der vorbildlich geführten Paul Ehrlich-Klinik in Bonn, dessen Verbleib jedoch durch den Verkauf an einen französischen Investor bedroht ist. Eine geheimnisvolle, junge Gutachterin aus Paris soll über das Schicksal der Klinik entscheiden und sorgt für großen Wirbel – nicht nur in der Klinik, sondern auch in Jürgen Kirsteins Gefühlen.

Das Mädchen aus Paris

Arztroman von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 182 Taschenbuchseiten.


Der talentierte Assistenzarzt Jürgen Kirstein arbeitet mit großer Hingabe in der vorbildlich geführten Paul Ehrlich-Klinik in Bonn, dessen Verbleib jedoch durch den Verkauf an einen französischen Investor bedroht ist. Eine geheimnisvolle, junge Gutachterin aus Paris soll über das Schicksal der Klinik entscheiden und sorgt für großen Wirbel – nicht nur in der Klinik, sondern auch in Jürgen Kirsteins Gefühlen.


1

Renate Angern erfuhr es in der Kantine beim Essen. Es war die Arztsekretärin von Professor Faulhaber, dem Chef der Chirurgie, die es ihr erzählte:

„Weißt du schon das Neueste? Die Klinik wird verkauft.“

Renate Angern blieb fast der Bissen im Hals stecken. Aus weitaufgerissenen Augen blickte sie Frau Schmidt an. „Verkauft?“, fragte sie erschrocken. „An wen denn?“

„An eine französische Bank. Und sie wollen alles umbauen hier, werden einige Abteilungen schließen, wollen ein Unfall-Krankenhaus aus der Klinik machen.“

„Dann würde ... dann würde ja auch die gynäkologische Abteilung geschlossen“, meinte Renate Angern entsetzt.

„Wenn sie ein Unfall-Krankenhaus daraus machen wollen“, meinte Frau Schmidt, „dann werden sie natürlich auch die gynäkologische und die geburtshilfliche Abteilung schließen. Darauf kannst du wetten. Dein Professor findet ja eine andere Stelle, dafür ist er einfach zu bekannt. Vielleicht fällt er sogar die Treppe hinauf. Aber dich wird er da nicht mitnehmen können, dich nicht und vielleicht auch eine ganze Reihe von seinen Ärzten nicht. Von den Schwestern gar nicht zu reden. Aber es trifft ja nicht nur euch“, fuhr Frau Schmidt fort, „es trifft auch die anderen, die Urologen, die Innere und was wir noch alles haben. Nur bei uns, da wird alles ganz groß. Aber ob Faulhaber bleibt, das kann natürlich auch keiner sagen, jetzt noch nicht.“

„Weiß es denn... weiß es denn Professor Winter schon?“, fragte Renate Angern verstört.

Die dunkelhaarige, etwa fünfzigjährige Frau Schmidt zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, Renate. Du kannst ihn ja einfach mal fragen.“

„Und woher weißt du es?“ „Telefongespräche. Es geht ja alles über mich, was Faulhaber macht.“

„Wenn er es weiß, dann wird es doch sicher auch Professor Winter wissen. Die verstehen sich doch gut und Professor Faulhaber hält doch mit so etwas nicht hinterm Berge. Hast du es schon anderen erzählt?“ Maria Schmidt schüttelte den Kopf. Sie beugte sich ein wenig vor und flüsterte: „Da ist eine Kommission unterwegs aus Paris, die wollen hier alles untersuchen. Vielleicht sollen sie schon die ersten Verbesserungen anbringen.“

„Sind das Ärzte?“, wollte Renate Angern wissen.

Maria Schmidt blickte ihr blondes Gegenüber mitleidig an. „Was kümmert es dich, ich weiß es ja auch nicht. Vielleicht sind es Ärzte, vielleicht irgendwelche Wirtschaftsleute, Steuerprüfer oder so etwas. Ich kann es dir nicht sagen.“

„Mein Gott“, entfuhr es Renate Angern nachdenklich, „wenn ich so richtig überlege, das ist ja wirklich eine Katastrophe. Wie viele Leute wir allein in der Gynäkologie haben. Und dann die Geburtshelfer, die Kreißsäle. Und das alles soll verschwinden, einfach weg. Die ganzen Leute einfach auf die Straße setzen? Das gibt’s doch gar nicht. In letzter Zeit nehmen die Geburten zu. Und es ist ständig etwas los. Alle Betten sind belegt. Wo sollen die Patienten mit einmal hin? Die kann man doch nicht Knall und Fall einfach nach Hause schicken und andere nicht mehr aufnehmen, die in Not sind. Wie soll denn das gehen?“

„Es gibt genug andere Krankenhäuser, verlass dich darauf. So etwas geht natürlich nicht mit einem Schlag, das muss allmählich gemacht werden. Du brauchst also keine Angst zu haben, eine Weile bist du bestimmt noch hier. Vielleicht ein Jahr oder auch zwei, obgleich ich mir nicht denken kann“, fuhr Maria Schmidt nachdenklich fort, „dass die Franzosen zwei Jahre warten werden. Aber womöglich bekommen sie Auflagen gemacht. In solchen Dingen hat auch die Regierung mitzureden.“

„Wie können die denn das einfach ans Ausland verkaufen?“, fragte Renate Angern verständnislos. „Die Paul Ehrlich-Klinik ist doch nun schon so lange hier. Die gibt es doch schon...“

„Wenn es um Geld geht“, meinte Maria Schmidt überlegen, „dann zählen doch solche nationalen Belange nicht mehr. Wir leben schließlich in Europa, was spielt da für eine Rolle, ob das Geld aus Frankreich, Deutschland, Dänemark oder England kommt. Das sind genauso Europäer wie wir.“

„Aber meinen Arbeitsplatz möchte ich behalten“, stellte Renate Angern fest.

„Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, warte erst mal ab.“

„Stimmt es auch wirklich, was du mir erzählt hast?“

„Es stimmt, du kannst dich darauf verlassen.“

„Und das soll eine Unfallklinik werden?“, erkundigte sich Renate Angern zweifelnd.

„Das weiß ich nun nicht so genau. Es war davon die Rede. Ja, davon ist die Rede gewesen. Jedenfalls schicken sie jetzt eine Untersuchungskommission. Die Leute haben ihr Geld hineingesteckt und wollen schließlich wissen, was sie dafür bekommen.“

„Deshalb haben wir in letzter Zeit so gespart, nicht wahr? Die Verwaltung ist uns ja pausenlos mit allem möglichen Quatsch auf den Schlips gestiegen. Immer wieder hieß es: Da gebt ihr zu viel aus und dort gebt ihr zu viel aus.“

Maria Schmidt nickte. „Das hat mein Chef auch immer gesagt. Die waren in Geldschwierigkeiten. Und nun sind diese Schwierigkeiten behoben und unsere fangen an. Das heißt, meine wohl kaum, falls Faulhaber dabeibleibt. Aber ich habe so meinen Verdacht. Er ist auch nicht mehr der Jüngste. Gut möglich, dass er die Gelegenheit nutzt, um auszusteigen.“

„Aber wenn doch hier alles größer wird. Hör mal, Maria, gibt es eigentlich so viel Unfallverletzte hier, dass man eine ganze Klinik ...“

„Du weißt doch, wie es ist“, meinte Maria Schmidt. „Oben auf dem Venusberg können sie die kaum noch unterbringen. Die versuchen ja abzuwimmeln, was abzuwimmeln geht. Ich weiß nicht, was sich die Franzosen gedacht haben. Aber irgendetwas werden sie sich denken.“ „Wie dem auch sei“, meinte Renate Angern, „ich kann mir nicht denken, dass es Professor Winter schon weiß. Wenn er es wüsste, dann hätte er bestimmt mit uns darüber gesprochen.“

„Es kann sein, dass er nicht sprechen darf. Auch Faulhaber hat nichts gesagt, kein Wort. Und ich weiß genau, dass ihm das alles bekannt ist. Er hat auch nicht mit seinen Ärzten gesprochen. Weder mit Doktor Rose noch mit einem anderen.“

„Das ist ja ein bösartiges Spiel, aber du kannst mir glauben, ich spreche mit ihm.“

„Aber wenn er dich fragt, woher du es weißt, dann sagst du es nicht, verstehst du? Du musst mir das versprechen“, forderte Maria Schmidt. Renate Angern nickte nur.

Den Nachtisch ließ sie stehen. Ihr war der Appetit gründlich vergangen. Sie rauchte noch hastig eine Zigarette, dann stand sie auf und sagte: „Ich gehe jetzt zurück.“

„Jetzt schon?“, fragte Maria Schmidt überrascht.

„Ja, jetzt schon. Ich habe einfach keine Ruhe mehr.“

„Aber dein Professor ist doch noch beim Essen, den kannst du sowieso noch nicht fragen.“

„Ganz egal. Ich halte es hier nicht mehr aus, hier herumsitzen, während mir die Felle davonschwimmen ...“



2

Erika Heigel war eine neue Patientin für Professor Winter. Die junge, dunkelhaarige Frau wirkte ausgesprochen hübsch und das lag nicht nur an ihrem buntbedruckten attraktiven Kleid mit dem weiten schwingenden Rock. Aber das strahlende Lächeln, mit dem sie Professor Winter ansah, täuschte ihn nicht darüber hinweg, dass sie innerlich ängstlich wirkte. Er spürte das richtig, als er ihr gegenübersaß.

„Sie waren bei Doktor Kaufmann in Behandlung? Das ist ein Allgemeinpraktiker, nicht wahr?“

„Ja, er ist unser Hausarzt“, erwiderte sie. „Er hat mir auch geraten abzustillen, weil ich ja die Brustentzündung hatte.“

„Wann war das?“, wollte Professor Winter wissen.

„Vor einem halben Jahr. Da ist auch meine Jüngste geboren.“ Professor Winter studierte die Karteikarte. Renate Angern hatte schon das Wesentlichste eingetragen. Die Patientin war dreifache Mutter.

„Eine Brustentzündung also nach dem letzten Kind und dann abgestillt. Wo haben Sie das Kind bekommen?“

„In Siegburg, im Krankenhaus.“ „Aha. Und dann im Wochenbett die Brustentzündung oder zu Hause?“

„Zu Hause. Ich habe mich so vorgesehen und alles so saubergemacht und trotzdem ist es passiert.“

„Es kommt immer mal wieder vor, schön ist es nicht“, entgegnete Professor Winter. „Und nach der Brustentzündung waren Sie in Behandlung bei Ihrem Hausarzt?“

„Ich bin noch ein paar Mal hingegangen und dann vor allen Dingen, als ich den Knoten spürte in der linken Brust. Hier an der linken Brust, da ist es, da.“

„Das untersuchen wir nachher. Ein großer Knoten?“

„Nein, ziemlich klein. Und ich habe es sofort Doktor Kaufmann gesagt, aber er hat es betastet und meinte dann, das hinge mit der Brustentzündung zusammen.“

„Kann sein. Ich will es mir nachher noch genau ansehen. Was gibt es noch? Haben Sie Beschwerden? Schmerzen in der Brust oder dergleichen?“

„Nein, nein, das war nur, als ich abgestillt habe. Aber jetzt ist wieder alles gut. Ich spüre nichts mehr.“

„Ja, dann würde ich vorschlagen, wenn sonst keine Beschwerden sind, wollen wir und das mal ansehen. Sie können sich dort drüben ausziehen, gleich nebenan. Und dann legen Sie sich schon mal auf den Tisch.“

„Alles ausziehen? Oder nur den Oberkörper?“

„Nur den Oberkörper, das genügt“, erwiderte Professor Winter lächelnd, „und legen Sie sich auf den Tisch!“ Renate Angern kam durch die zweite Tür in den Untersuchungsraum und stellte die Kopfhöhe der Liege ein. Als die Patientin auf dem Tisch lag, gab Renate Angern, die blonde Sprechstundenhilfe, ihrem Chef einen Wink und Professor Winter kam herüber.

„Nehmen Sie bitte die Arme ganz nach hinten“, forderte er die Patientin auf und betastete dann ihre Brust. Er spürte den Knoten sofort auf, aber da gab er dem Hausarzt der Patientin recht. Noch sagte er nichts, denn ein Stück entfernt, da machte er plötzlich eine Feststellung. Ein Stück tiefer war es. Er spürte es bei der Palpation ganz deutlich, dass da noch ein Knoten war. Und der lag ziemlich tief. Er konnte ihn nicht deutlich abgrenzen.

Die Patientin stöhnte. Die Drückerei auf ihrer Brust tat ihr nicht besonders gut.

„Setzen Sie sich mal bitte auf, heben und senken Sie jetzt die Arme, so wie ich es Ihnen sage. Jetzt nach oben, jetzt nach unten.“

Professor Winter achtete auf die Einziehung der Haut sowie die Verschiebbarkeit der Haut und des Knotens. Aber noch immer war es sehr schwer, eigentlich noch viel schwerer als im liegenden Zustand der Patientin, diesen relativ tiefsitzenden Knoten überhaupt zu tasten. Der andere, auf den die Patientin selbst aufmerksam geworden war, hatte wirklich nichts zu bedeuten. Ein Fettknoten, sonst nichts. Aber der tiefer saß, der war verdächtig.

„Sie können die Arme jetzt senken“, sagte er, blickte die Patientin an und meinte: „Es ist vielleicht besser, wenn wir mal eine Mammographie machen. Der Knoten, auf den Sie aufmerksam geworden sind, der hat tatsächlich nichts zu bedeuten. Aber ich habe etwas anderes ertastet und das möchte ich mir einmal ganz genau ansehen.“

„Eine Mammographie?“, fragte Erika Heigel ängstlich. „Aber das ist doch mit Strahlen verbunden? Ist das nicht schädlich? Ich habe gelesen, dass es schädlich ist.“

„Wir werden die Strahlendosis so gering wie möglich halten, aber es gibt im Augenblick nur eine Methode, die sogar noch besser ist als die Mammographie, aber das ist eine so teure Sache, dass wir sie uns noch nicht leisten können, die heißt Xeroradiographie. Wir müssen uns also mit der Mammographie begnügen, aber immerhin bringt sie bis zu neunzig Prozent richtige Ergebnisse. Ich habe, muss ich ehrlich sagen, überhaupt noch kein falsches Ergebnis damit erzielt. Wir wollen doch schließlich wissen, was mit Ihrer Brust los ist, nicht wahr?“, fügte er eindringlich hinzu.

Sie nickte und sah ihn aus großen Augen gläubig an.

Renate Angern wusste schon Bescheid. Sie führte die Patientin nach nebenan in den Röntgenraum. Die Aufnahme aber machte dann Professor Winter selbst.

Nachdem der Patientin der Gonadenschutz wieder abgebunden war, sagte Professor Winter zu ihr: „Sie können sich jetzt wieder anziehen, Frau Heigel. Es dauert einen kleinen Augenblick, bis die Aufnahme fertig ist. Sie können dann schon in den anderen Raum hinübergehen.“

Während die Patientin nach drüben ging, blickte Renate Angern Professor Winter gespannt an. „Ich wollte Sie schon lange fragen, eigentlich schon sofort nach dem Essen, aber es ergab sich keine Gelegenheit bisher. Mir wurde erzählt, die Klinik ist verkauft worden. Herr Professor, was ist daran wahr?“

Professor Winter erkannte auf Anhieb die ganze Not seiner bewährten Sprechstundenhilfe. Renate Angern schien völlig außer sich zu sein. Das also, sagte er sich, ist der Grund, warum sie seit Beginn der Nachmittagssprechstunde so konfus gewirkt hatte.

„Es ist richtig, dass sich jemand dafür interessiert, Anteile, wesentliche Anteile, an dieser Klinik zu erwerben. Für die Klinik ist das eine Notwendigkeit, weil man neue Geräte braucht, Investitionen dringend erforderlich sind und weil wir überhaupt in ziemlichen Geldschwierigkeiten stecken. Das hängt zum großen Teil damit zusammen, dass die Kosten uns einfach auf und davon laufen.“

„Es soll eine Unfallklinik daraus gemacht werden, habe ich gehört.“

Er fragte nicht, von wem sie es gehört hatte. Er ging sofort darauf ein und erwiderte ihr: „Eine Unfallklinik will man nicht daraus machen, man will nur die Unfallstation bedeutend erweitern. Und diese Interessenten möchten bestimmte Spezialteile der Klinik abstoßen. Dazu gehören wir vorerst aber nicht. Die urologische Abteilung ist damit gemeint, auch unser Nebengebäude mit der neurologischen und psychiatrischen Abteilung sollen wegkommen. Ob das geschieht, darüber ist noch gar nicht entschieden. Wir jedenfalls bleiben zunächst, wo wir sind. Im Gegenteil, wir werden möglicherweise in Zukunft den OP III dazubekommen und das gibt uns eine ganze Reihe von zusätzlichen Möglichkeiten. Denn als erstes wollen die Geldgeber einen neuen hochmodernen OP für die chirurgische Abteilung bauen und hier soll eben die Unfallrettung absoluter Schwerpunkt sein.“

Renate Angern atmete hörbar auf. „Dann ... dann ist es also nicht so, dass wir alle gefeuert werden.“

Professor Winter lächelte nachsichtig. „Nein, damit ist nicht zu rechnen, im Gegenteil, ich wollte, ich hätte noch zwei Renate Angern und nicht nur eine. Aber eins müssen Sie mir

versprechen. Sie werden kein Klatschweib sein und das, was ich Ihnen erzählt habe, herumtragen, nicht wahr?“

Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen, als müsse sie befürchten, jetzt schon etwas herausrutschen zu lassen, von dem, was sie wusste.

„Und jetzt gehen Sie und erledigen das mit den Aufnahmen. Sie können mir schon die nächste Patientin in den Untersuchungsraum schicken.“ Für Erika Heigel wurde die Viertelstunde lang, die sie warten musste, ehe Professor Winter dann zu ihr kam. Er hatte inzwischen noch eine andere Patientin nebenan untersucht.

Bevor er sich setzte, steckte er die Röntgenaufnahme, die er in der Linken hielt, in den Leuchtschirm, setzte sich dann aber nieder und blickte auf diesen Leuchtschirm, der zwei Meter neben seinem Schreibtisch stand.

„Sehen Sie“, sagte er, „das ist Ihre Brust. Da oben dieser Kreis, das ist die Stelle, die Sie selbst ertastet hatten, die Ihnen verdächtig vorgekommen ist. Ich glaube nicht, dass sie etwas zu bedeuten hat. Aber ein Stück links davon, sehen Sie, da ist etwas Kleines, auch mit einem Ring, wie es scheint, dieser Fleck da. Der gefällt mir nicht. Um ehrlich zu sein, da müssen wir etwas tun. Es kann sein, Frau Heigel, dass sich das als völlig harmlos erweist. Es kann aber auch sein, dass die Geschichte böse ist.“

Er sah deutlich ihr Erschrecken und fügte sofort hinzu:

„Es ist ein sehr früher Zeitpunkt. Wenn wir sofort etwas tun, ist es früh genug. Voraussetzung dafür ist, dass die Geschichte noch da an dieser Stelle festsitzt und sich noch nicht bis in die Lymphdrüsen ausgedehnt hat. Mit anderen Worten, wir müssen operieren. Und während der Operation werden wir feststellen, ob diese Geschwulst bösartig ist oder nicht. Es kann harmlos sein, es kann aber auch bösartig sein. Das stellen wir während der Operation sofort fest. Zu fünfundneunzig Prozent ist diese Vorabuntersuchung sicher. Danach wird von dem Gewebe eine genaue Untersuchung durchgeführt, die allerdings drei bis vier Tage dauert, bis wir ein Ergebnis haben. Wenn wir bei der Sofortuntersuchung des Gewebes feststellen, dass dieses Gewächs bösartig ist, darüber müssen wir jetzt reden, denn da hat einiges zu geschehen.“

Erika Heigel saß wie versteinert. Sie glaubte seine Stimme gar nicht mehr zu hören.

„Ich wiederhole noch einmal“, sagte er ernst, „es ist ein so früher Zeitpunkt, dass ich Ihnen voraussagen kann, dass Sie alle Chancen haben. Aber es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen, wir müssen der Sache wirklich ins Auge sehen.“

„Muss ich sterben?“, fragte sie. Sie fragte nur das und sah ihn dabei aus glänzenden Augen an. Ihr hübsches Gesicht wirkte mit einem Male fahl.

„Sie wollen sicher wissen, ob Sie jetzt sterben müssen, denn sterben müssen wir alle einmal, früher oder später. Aber die Chancen, dass Sie jetzt sterben, sind sehr gering. Wie gesagt, falls das Gewebe bösartig ist, sind wir gezwungen, verschiedene Maßnahmen zu treffen. In welcher Form diese Maßnahmen getroffen werden müssen, das hängt ganz davon ab, was sich während der Operation herausstellt. Durch das palpieren, also durch das Abtasten und auch durch die Mammographie allein lässt sich nicht alles darüber sagen, was wir wissen müssen. Vor allen nichts über Gutartigkeit und Bösartigkeit dieses neugebildeten Gewebes.“

„Und wenn es bösartig ist, müssen Sie mir die Brust und alles Mögliche wegnehmen?“

Professor Winter seufzte. „Das werde ich natürlich immer wieder in solchen Fällen gefragt. Wissen Sie, die Meinungen über die Therapie des Mammakarzinoms, so heißt das, sind sehr geteilt. Richtige stichhaltige Vergleichsuntersuchungen hat bisher niemand durchgeführt. Manche Ärzte glauben, die Therapie der Wahl bestehe in der Röntgenvorbestrahlung mit nachfolgender Radikaloperation, einschließlich der Achsellymphdrüsen und eventueller nachfolgender Nachbestrahlung. Die vor der Operation angewandten Röntgenstrahlen sollen angeblich die Krebszellen in ihrer Lebensfähigkeit schädigen und die Lymphbahnen verstopfen, sodass die Aussaat von Karzinomzellen unter der Operation vermieden würden. Die Anhänger der Vorbestrahlung verwerfen die histologische Sicherung der Diagnose, das heißt, sie meinen, es wäre gar nicht erst nötig, das Gewebe histologisch untersuchen zu lassen.

Ich persönlich halte eine so umfangreiche Therapie ohne exakte Diagnose für nicht gerechtfertigt. Die Behauptung, eine Probeaufnahme von verdächtigem Gewebe mobilisiere die Tumorausbreitung, ist allerdings auch nicht bewiesen. Ich persönlich bin aber dagegen. Ich werde vor der Behandlung den Knoten möglichst im Ganzen entfernen und sofort im Schnellschnitt histologisch untersuchen lassen. Wie ich Ihnen sagte, ergibt sich dabei in fünfundneunzig Prozent der Fälle eine sichere Diagnose. Und wenn diese Diagnose zweifelhaft bleibt, wird das Material in Paraffin eingebettet und weiter untersucht. Je nach Befund erfolgt dann die Operation in einer zweiten Sitzung. Aber das ist sehr, sehr selten der Fall. In der Regel, und ich hatte bisher immer nur die Regel, haben wir die Operation sofort angeschlossen.

Ich will Ihnen erklären, was eine klassische Radikal-Operation ist. Sie besteht nach dem Halstead-Verfahren in der Entfernung der Brust, des großen und eventuell auch des kleinen Pectoralismuskels sowie der Ausräumung der Achsellymphknoten. Das ist eine, zugegebenermaßen sehr umfangreiche Operation, aber sie hat bis jetzt erhebliche Erfolge, von denen man immerhin weiß, dass es Erfolge sind. Ich habe allerdings seit etwa anderthalb Jahren bei einem relativ kleinen Karzinom nur eine subkutane Mastektomie durchgeführt, das heißt eine begrenzte Entfernung des Karzinoms und des Karzinom-Umfeldes. Aber wo es erforderlich ist, führe ich auch heute noch die Radikal-Operation im klassischen Sinne aus.

Es gibt heute sehr viele Möglichkeiten der plastischen Wiederherstellung, die allerdings nicht unmittelbar an die Operation angehängt werden kann. Zu der Ausdehnung des Eingriffs ist die Feststellung von Fall zu Fall während der Operation unterschiedlich und es ist wichtig herauszufinden, ob Lymphknoten Metastasen in der Achsel oder im Zwischenrippenbereich vorhanden sind oder nicht. Und es ist auch wichtig, wie groß der Primärtumor ist und wie er sich seiner Umgebung gegenüber verhalten hat.“

„Und wie groß sind meine Chancen?“

„Wenn die Lymphknoten nicht angegriffen sind, und ich hoffe, dass es bei Ihnen nicht der Fall ist, da besteht ein Therapieerfolg nach fünf Jahren von siebzig bis achtzig Prozent. Sind die Lymphknoten aber schon angegriffen, dann um die vierzig Prozent.“

„Und das alles können Sie erst während der Operation entscheiden?“

„Sie haben es verstanden, genauso ist es. Über den Umfang der Operation kann ich erst entscheiden, wenn ich weiß, ob der Tumor schon mit der Umgebung verbacken ist oder nicht, ob die Lymphknoten frei sind oder nicht Dies alles ergibt sich erst dann und ist jetzt von mir durch einfache Betastung nicht festzustellen. Ich gehe bei Ihnen von folgendem aus: Wenn die Aufnahme der Wirklichkeit entspricht, das heißt, wenn sich herausstellt, dass der Tumor noch nicht verbacken ist und er wirklich nicht größer sein sollte, dann genügt eine einfache partielle Mastektomie, das heißt ein einfaches Entfernen des Karzinoms und seines Umfeldes mit einer anschließenden Nachbestrahlung. Ich habe bis jetzt dieselben Ergebnisse erzielt wie mit der Radikal-Operation ohne Nachbestrahlung. Es gibt aber etwas, was ich Ihnen auch sagen sollte und was sehr, sehr wichtig ist. Man hat herausgefunden, dass die Östrogene vermutlich das Karzinom-Wachstum begünstigen, und Sie wissen, dass bei einer Frau wie Ihnen die Östrogenbildung noch sehr stark ist, das heißt, die weiblichen Hormone. Jetzt möchte ich Sie etwas fragen: Wollen Sie noch mehr Kinder? Sie haben drei.“

Sie schüttelte lebhaft den Kopf. „Nein, das dritte hatten wir eigentlich schon nicht mehr gewollt.“

„Sprechen Sie mit Ihrem Mann darüber. Sollte er derselben Meinung sein wie Sie, dann würde ich Ihnen raten, in jedem Falle, falls es sich um ein bösartiges Gewächs handelt, das in Ihrer Brust ist, eine radiologische oder noch besser eine operative Unfruchtbarkeit durchzuführen. Denn das würde die Östrogenbildung ausschließen und damit das Karzinomwachstum vermindern.“

„Fürchten Sie denn, dass ich noch mehr Geschwülste haben könnte als dieses, was Sie gefunden haben?“, fragte Erika Heigel erschrocken.

„Wir müssen zunächst dafür sorgen, dass die Bildung von neuen Karzinomen unterbleibt. Es gibt keine Gewähr dafür, dass dies mit Ihrer Brustentzündung in Zusammenhang gestanden hat, aber möglich ist es schon. Darauf deutet auch der frühe Zustand hin. Hatten Sie denn schon einmal eine Brustentzündung?“

„Ja, bei meinem Ältesten.“

„Und Sie haben sich immer laufend untersuchen lassen, nicht wahr?“

„Ja.“

Er sah, dass das mit der Kastration sie noch mehr zu erschüttern schien als die Erkenntnis, womöglich Krebs zu haben.

„Das mit dem Unfruchtbarkeitseingriff möchte ich Ihnen noch einmal erklären. Es bedeutet lediglich ein Entfernen der Eierstöcke oder, wenn Sie dies wünschen und dies nicht durch Operation geschehen soll, durch röntgenologische Methoden einer Unfruchtbarmachung der Eierstöcke.“

„Aber Sie hatten doch gesagt, Sie wollten es lieber operieren.“

„Wir könnten das in einem Zug machen, während wir Ihre Brustoperation durchführen. Vorausgesetzt Sie sind damit einverstanden, dass wir es tun. Aber alles das gilt nur für den Fall, dass die Geschichte bei Ihnen bösartig ist. Das wissen wir ja noch gar nicht. Es kann durchaus sein, und das ist mehr in meiner Praxis passiert als anders, dass es sich um gutartige Geschwülste handelt, die zwar auch entfernt werden müssen, die aber nichts als eine winzige Narbe hinterlassen. Am Anfang wird eine kleine Vertiefung sein, die füllt sich aber aus, mit der Zeit ist da nichts mehr. Und dann machen wir natürlich nichts weiter als die Entfernung dieser kleinen Geschwulst.“

„Es besteht also Hoffnung, dass es gutartig ist?“, meinte sie ein wenig erleichtert.

„Natürlich, diese Hoffnung besteht sehr, aber ich wollte ehrlich mit Ihnen sein und Ihnen auch sagen, dass es anders sein kann.“

Am Anfang hatte sie es als einen furchtbaren Schock empfunden, diese schlimmen Dinge so ins Gesicht geschleudert zu bekommen, aber jetzt erschien es ihr gar nicht mehr so schlimm. Sie hatte irgendwie das Gefühl, dass es sie selbst gar nicht betraf. Die Angst war mit einem Male weg. Nein, dachte sie, es ist doch bei mir nichts Schlimmes, bestimmt ist es nicht bösartig. Und wenn, dann wird mir geholfen. Es ist ja noch so früh. Ich brauche nicht zu sterben, nicht daran.

Professor Winter war sich darüber klar, dass sie mit ihren Ängsten und ihrem Hoffen und ihrer Furcht noch nicht am Ende war. Das alles würde im Gespräch, das sie mit ihrem Mann führen würde, noch einmal aufleben. Aber andererseits wusste er, dass bei einer so jungen Frau bösartige Geschwülste derart rasch wuchern, dass es allerhöchste Zeit war, die Operation durchzuführen.

Da konnte man nicht x-beliebige Zeit warten. Gerade junge Frauen waren, wenn so ein Fall eintrat, im allerhöchsten Maße gefährdet.

„Wir wollen also nicht zu lange warten, sondern die Operation bald durchführen, vorausgesetzt, Sie sind damit einverstanden. Ich muss Sie aber dringend daran erinnern, dass bei Ihnen eine Operation schnellstens durchgeführt werden muss, wenn Sie die Chance behalten wollen, auf die wir beide hoffen.“

„Und wann ... wann soll das sein?“, fragte sie ängstlich. „Ich habe nun doch niemanden, der sich ... ich meine, dass niemand da ist, der die Kinder versorgt. Und mein Mann ist doch auf Arbeit. Allerdings könnte er sich Urlaub nehmen."

„Dann bitten Sie ihn, sich Urlaub zu nehmen und kommen Sie am Besten morgen. Ich würde Sie übermorgen früh operieren. Sie sollten morgen Mittag schon da sein, am frühen Nachmittag spätestens. Meinen Sie, das bewerkstelligen zu können?“

„So dringend ist es?“, fragte sie erschrocken.„Wenn wir eine so gute Chance haben wollen, dann müssen wir es schnell, machen“, sagte er eindringlich.

Erika Heigel nickte nur. Kurz darauf machte sie mit Renate Angern den Termin aus. Inzwischen behandelte Professor Winter schon die nächste Patientin. Danach sagte Renate Angern: „Herr Professor, ich sollte Sie daran erinnern, dass Sie jemand zum Bahnhofschicken wollen.

„Ja, richtig.“ Professor Winter sah auf die Uhr. „Lassen Sie doch mal Doktor Kirstein zu mir kommen, das ist der richtige Mann dafür.

„Wofür?“, wollte Renate Angern wissen.

Professor Winter tat, als habe er ihre Frage gar nicht gehört. Sie wandte sich dann ab. Kurz darauf kam Doktor Jürgen Kirstein herein. Er war einer der Assistenzärzte, die vor einem halben Jahr in der Klinik angefangen hatten. Aber Kirstein verfügte über eine sehr solide Ausbildung. Er war nach dem Studium an der Sorbonne vier Jahre lang an einer französischen Klinik in der Facharztausbildung gewesen und wollte die fachärztliche Lehrzeit an der Paul-Ehrlich-Klinik abschließen, um sich in Deutschland als Facharzt niederzulassen.

Kirstein war ein großer kräftiger Mann mit blondem Haar und braungebranntem Gesicht und leuchtend blauen Augen. E wirkte wie dreißig,war aber, wie Professor Winter aus den Personalakten wusste, einige Jahre älter.

„Herr Kirstein“, sagte Professor Winter nach der Begrüßung, „ich habe einen Auftrag für Sie, wobei ich weniger an den Arzt in Ihnen denke als vielmehr an einen Mann, der fließend Französisch spricht. Wie ich schon mal angedeutet habe, wird haben diese Klinik neue Gesellschafter bekommen. Es ist zwar nicht endgültig entschieden, vor allen Dingen diese Gesellschafter haben sich noch nicht endgültig entschieden, doch wir wollen dem Besitzerwechsel nichts entgegenstellen. Vorausgesetzt, es kommt zu dieser Transfusion, dann werden eine französische Bank und deren Gesellschafter die Mehrheit in dieser Klinik übernehmen. Diese Bank muss sich natürlich ein sehr genaues Bild von dem machen, was sie hier erwirbt Die Leute wollen schließlich wissen, wo sie ihr Geld lassen. Man hat deshalb für alle Abteilungen Sachverständige in Bewegung gesetzt, in unserem Fall ist es eine Dame. Herr Legrand, der Abgesandte der Bank, der schon seit zwei Wochen bei uns ist und, wie ich weiß, mit Argwohn von allen beobachtet wird, die noch nicht wissen, was hier geschieht, wird diese Dame auf dem Bahnhof abholen. Ich habe Herrn Legrand versprochen, dass ich jemand mitschicke, jemand von meinen Ärzten. Denn diese Dame wird meines Erachtens eine Ärztin sein. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie dieser Jemand sind. Und ich stelle Sie für die Begleitung dieser Dame frei. Wenn Sie Glück haben, ist es eine charmante Dame. Wenn wir Pech haben, und da sage ich ,wir‘, ist sie es nicht. Auf alle Fälle haben wir es die nächste Zeit mit ihr zu tun.“

„Und Sie wissen nicht, wie sie heißt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht kann es Ihnen Herr Legrand sagen. Warten Sie mal, ich werde ihn anrufen. Er ist in der Verwaltung, wie ich annehme.“

Professor Winter telefonierte, hatte dann den Verwaltungsdirektor und als er aufgelegt hatte, sagte er zu Doktor Kirstein:

„Legrand erwartet sie also unten im Foyer. Ich nehme an, Sie haben den untersetzten grauhaarigen Akzent, dass ihn selbst ein Kind als Franzosen entlarven würde. Vielleicht können Sie dann Ihre Französischkenntnisse frisch erhalten. Ich wünsche Ihnen also viel Erfolg, Herr Kirstein. Und denken Sie daran, dass Sie eine sehr wichtige Mission erfüllen.“ Leiser fuhr er fort: „Es hängt sehr von Ihnen ab, wie sehr Sie dieser Dame klarmachen können, dass unsere gynäkologische Abteilung, was die medizinischen Dinge angeht, auf dem Laufenden ist. Fällt die Beurteilung, die diese Dame nach Hause bringt, sehr negativ aus, könnte uns sehr wohl das Schicksal der Urologen blühen, dass man nämlich diese Abteilung schließt. Ich befürchte das im Grunde nicht, man hat mir auch zugesagt, dass das überhaupt nicht vorgesehen ist, aber wissen, mein lieber Kirstein, kann man das nie. Und jetzt drücke ich Ihnen die Daumen.“

„Ich werde mein Bestes tun, Herr Professor. Hoffentlich ist sie eine zugängliche Dame und nicht irgendein Monster. Sind Sie sicher, dass es eine Ärztin ist?“

„Nicht absolut, ich vermute es nur. Ich hoffe, dass sie eine Ärztin ist, dann nämlich haben wir eine Chance. Ist sie aber nicht vom Bau, dann wird es schlimm, denn dann weiß sie ja nicht, was bei uns läuft. Dann können wir auf sie einreden, soviel wir wollen, beweisen können wir das eigentlich nur einem Fachmann. Und wenn sie keiner ist...“ Professor Winter hob beschwörend die Hände, „dann sieht’s bös für uns aus.“ Kirstein lächelte. „Dann drücken Sie mir jetzt schon die Daumen, Herr Chefarzt, ich glaube, das kann ich gebrauchen.“

„Vor allem ist es wichtig, dass Sie die Trumpfkarte Ihres guten Französisch ausspielen.“

„Hoffen wir das Beste“, meinte Kirstein, als er ging.

Und Professor Winter, der ihm nachsah, murmelte: „Das hoffe ich auch. Die Sache ist, weiß Gott, nicht so einfach, wie ich das meiner lieben Renate dargestellt habe. Aber sollte ich dem armen Mädchen vielleicht sagen, dass sie recht hat, dass die Franzosen nur noch überprüfen wollen, ob sie nicht doch alle Abteilungen bis auf die Chirurgie schließen sollten, weil sie angeblich unrationell sind. Und deshalb kommt diese Dame hierher. Ich kann nur beten, dass es eine Kollegin ist und kein kaufmännischer Pfeffersack.“



3

Doktor Jürgen Kirstein war ein ruhiger, zurückhaltender Mensch. Obgleich er auch zu gerne gewusst hätte, wer diese Dame sein möchte, die er abholen sollte, zügelte er doch seine Neugier und stellte keine diesbezügliche Frage an den kleinen Legrand.

Der Franzose war ein echter Pariser und machte aus seiner Freude keinen Hehl, in Kirstein einen Gesprächspartner gefunden zu haben, der seine Sprache perfekt beherrschte. Deutsch sprechen zu müssen, war für Legrand eine Mühsal. Aber nun könnte er in seiner Heimatsprache mit Kirstein reden. Und das schien ihn richtig fröhlich zu machen. Der sonst immer ein wenig verbiestert wirkende kleine grauhaarige Mann, der zu seinem grauen Haar auch immer noch graue Anzüge und graue Krawatten trug, war an diesem Nachmittag ausgesprochen, guter Laune.

Eigentlich hatte Legrand ein Taxi nehmen wollen, aber Kirstein hatte sich angeboten, seinen Wagen zur Verfügung zu stellen und so fuhren sie jetzt zum Bahnhof. Schräg gegenüber vom Bahnhof war ein Parkplatz und Kirstein hatte das Glück, dort eine freie Lücke zu finden.

Ein paar Minuten später standen sie dann auf dem Bahnsteig. Der Schnellzug war noch nicht eingetroffen.

Legrand ging nervös auf und ab. Er hatte die Hände auf dem Rücken gefaltet, hielt den Kopf gesenkt, lief ständig zehn Schritt vor und zehn zurück. Dabei machte er eine Kehrtwendung wie ein Wachtposten.

Kirstein stand indessen in lässiger Haltung, die Hände in den Taschen und machte sich einen Spaß daraus, die Leute zu beobachten. Den Gedanken an jene Unbekannte, um die er sich „kümmern“ sollte, hatte er im Augenblick völlig verdrängt.

Da wurde der D-Zug angesagt und kurz darauf kam der Zug aus Paris in den Bahnhof gefahren.

Legrand wirkte wie aufgezogen; er lief ein ganzes Stück dem Zug entgegen, als könnte er so besser feststellen, in welchem Wagen der von den beiden erwartete Fahrgast saß.

Und er hatte Glück. Plötzlich hatte er jemanden entdeckt, fuchtelte mit den Armen herum, wandte sich Kirstein zu und rief etwas, das Kirstein im Lärm, der beim Einlaufen des Zuges entstanden war, nicht verstehen konnte. Aber dann hielt der Zug endlich und der kleine Legrand wieselte bis zum dritten Wagen vor, wobei er eine Geschwindigkeit entwickelte, dass Kirstein Mühe hatte, ihm zu folgen.

Kirstein hatte im Einzelnen noch gar nicht darüber nachgedacht, was es für ihn bedeutete, jene Dame zu begleiten, von der er noch nicht einmal wusste, ob sie alt oder jung, schön oder hässlich war.

Umso überraschter war Kirstein, als Legrand einer jungen blonden Frau aus dem Wagen half, die Legrand fast um Haupteslänge überragte. Und sie war weder alt noch war sie hässlich, sondern genau das Gegenteil davon. Kirstein war so perplex, dass er sich selbst wie ein Schuljunge vorkam, als er auf diese Frau zuging. Ein paar Augenblicke lang hatte er Schwierigkeiten, die richtigen Worte auf Französisch zu finden. Er überlegte noch, als er Legrand auf Französisch sagen hörte: „Susanne, meine Liebe, das ist Doktor Kirstein.“

Noch größer war die Überraschung für Jürgen Kirstein, als die Fremde plötzlich in einwandfreiem Deutsch sagte:

„Guten Tag, Herr Doktor Kirstein.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Er kam sich wirklich reichlich dämlich vor und sah sie an, als hätte er noch nie eine junge Frau gesehen. Sie lächelte ein wenig belustigt. Und schließlich nahm er ihre Hand, begrüßte sie verwirrt auf Deutsch und fragte sofort:

„Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?“

Sie lachte ein glockenhelles Lachen und erwiderte: „Es ist schließlich meine Muttersprache, warum soll ich nicht Deutsch sprechen?“ „Ihre Muttersprache?“ fragte er verwirrt.

Legrand runzelte die Brauen, es gefiel ihm nicht so sehr, dass sie deutsch miteinander sprachen. Eine Sprache, mit der er seine Schwierigkeiten hatte, aber immerhin verstand er, was sie sagten. Doch er hatte zugleich den Eindruck, dass ihn keiner der beiden zu beachten schien.

„Sie sind Deutsche?“, fragte Kirstein fassungslos, „und mich hat Professor Winter ausgewählt, so ein bisschen Ihr Führer und Begleiter zu sein, weil ich Französisch kann.“

„Es wäre nicht nötig gewesen. Hat Ihnen niemand gesagt, dass ich Deutsche bin? Allerdings, das gebe ich zu“, ergänzte sie, „ich lebe schon eine ganze Reihe von Jahren in Paris, trotzdem komme ich regelmäßig nach Hause.“

„Nach Hause? Ist das Bonn?“, fragte Kirstein.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, mein Zuhause ist Braunschweig.“ „Braunschweig, na, da sind wir noch eine ganze Ecke davon entfernt. Ob Ihnen Bonn da so gefällt ...?“

Sie lachten beide. Legrand, der die letzten Worte von Kirstein nicht verstanden hatte, machte ein ausgesprochen böses Gesicht. Aber dann wandte sich Susanne Bork, wie sie sich Kirstein gegenüber vorgestellt hatte, dem kleinen Grauhaarigen zu und sagte auf Französisch:

„Es ist schön, dass du gekommen bist, Henri. Ich hatte gedacht, deine Mission sei schon beendet.“

„Es wird noch eine Menge Arbeit zu tun sein“, erklärte Legrand geschäftig. „Und jetzt drängt die Zeit. Kommt, Kinder, wir müssen zur Klinik zurück! Es gibt viel zu tun.“ Jürgen Kirstein hörte gar nicht richtig hin. Er hatte nur Augen für diese Frau, für diese Susanne Bork, diese blonde, sehr hübsche Frau aus Frankreich. Der Himmel, dachte er, hat mir ein Geschenk gemacht. Er hat mir ein Mädchen aus Paris beschert. Ich werde mich um sie kümmern. Oh, und wie ich mich um sie kümmern werde, mein lieber Professor Winter. Ich werde diesen Befehl wörtlich nehmen, ich werde ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen, ich werde ihr nicht von der Seite weichen. Und das nicht nur wegen dieser Klinik oder deiner heißgeliebten gynäkologischen Abteilung. Ich werde es tun, weil sie mir gefällt. Ich weiß nicht, ob ich es mir einbilde, aber ich habe das Gefühl: das ist sie. Und ich habe dieses Gefühl immer mehr.

Susanne Bork zeigte allerdings in den nächsten Minuten kaum ein bedeutendes Interesse für Jürgen Kirstein. Besonders als er fuhr, überließ sie ihm das Fahren von seinem Wagen, hatte sich auch zusammen mit Legrand in den Fond gesetzt und unterhielt sich nun mit ihm angeregt, als säße sie in einem Taxi. Kirstein kam sich schon nach kurzer Zeit in die Rolle des Chauffeurs versetzt vor, erfüllte aber diese Aufgabe, wenn auch mürrisch, so doch tadellos.

Der Verkehr war jetzt so stark, dass sie eine ganze Weile brauchten, bis sie zurück zur Paul Ehrlich-Klinik gelangten. Dort ließ Kirstein seine beiden Fahrgäste am Portal aussteigen und versicherte, sofort nachzukommen, sobald er seinen Wagen drüben auf dem Parkplatz für die Belegschaftsangehörigen des Krankenhauses abgestellt hatte.

Und obgleich er sich beeilte, so rasch wie möglich in die Klinik zu kommen, als er das Foyer betrat, war von den beiden nichts mehr zu sehen.

Er suchte sie zuerst in der Verwaltung, aber dort waren sie auch nicht aufgetaucht. Schließlich fuhr er nach oben, in der Annahme, dass Legrand seine Begleiterin zur Gynäkologie hinaufgebracht hatte, aber auch da waren weder Susanne Bork noch Legrand.

Schließlich erkundigte sich Jürgen Kirstein an der Pforte und erfuhr, dass der Pförtner durch Zufall gesehen hatte, wie die beiden die Treppe hinunter zum Kasino gegangen waren.

Erleichtert stürmte Kirstein nach unten und fand die beiden tatsächlich im noch leeren Kasinosaal. Jetzt, um die Nachmittagszeit, konnte sich kaum jemand leisten, ins Kasino zu gehen. Das war dann erst am Abend wieder der Fall.

Die beiden saßen an einem Tisch, blickten sich suchend um, und Kirstein trat lächelnd zu ihnen.

„Hier ist Selbstbedienung“, sagte er. „Soll ich Ihnen irgendetwas bringen? Das ist wie in der Mensa.“

„Ach so, ich habe eigentlich im Zug Kaffee getrunken und wollte nichts weiter. Henri hat mich heruntergeschleppt.“ Sie warf lächelnd einen vorwurfsvollen Blick auf Legrand, der das mit einem Achselzucken quittierte.

„Möchten Sie etwas?“, erkundigte sich Kirstein bei Legrand.

„Einen Pernaud“, verlangte Legrand, „wenn es einen gibt.“

„Es gibt keinen. Keine Schnäpse, höchstens ein Bier.“

„Dann ein Bier.“

„Oh, ein Bier würde ich auch trinken, es war heiß im Zug“, erklärte Susanne Bork.

Kirstein nickte und verschwand in Richtung Büfett. Kurz darauf kam er mit drei Flaschen Bier und drei Gläsern zurück. Er hoffte, dass Legrand bald verschwinden möge, aber wie es aussah, musste er darauf noch eine ganze Weile warten. Die beiden, Susanne und Legrand, befanden sich in einem angeregten Gespräch, auf Französisch natürlich. Zwar verstand das Kirstein absolut, doch er empfand Legrand im Augenblick als den überflüssigsten Menschen auf dieser Erde. Am liebsten wäre er mit Susanne Bork völlig allein gewesen. Und auch nicht hier in diesem Saal, der so unpersönlich und kalt wirkte. Warum war Legrand nur mit ihr hier heruntergegangen? Es hätte hundert gemütlichere Ecken in diesem Hause gegeben als diesen Saal hier.

„Wenn ich mal unterbrechen darf“, mischte sich Kirstein in das Gespräch, „haben Sie denn schon ein Hotelzimmer oder dergleichen? Soll ich irgendetwas organisieren für Sie?“

„Es ist alles organisiert“, sagte Legrand. „Sie hat ein Zimmer im Steigenberger Hotel, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Wir benötigen Sie jetzt auch nicht mehr. Es war nett, dass Sie mitgekommen sind. Aber heute tun wir ja in der Klinik nichts, das kommt morgen. Am besten, wenn Sie mit ihr eine Zeit ausmachen, wann Sie morgen ...“

Susanne Bork sah Legrand vorwurfsvoll an. Dann wandte sie sich Kirstein zu und fragte auf Deutsch: „Wollen Sie nicht bleiben? Er kann Sie nicht einfach wegschicken. Oder haben Sie keine Zeit? Und keine Lust? Ich würde mich freuen, wenn Sie bleiben.“

Natürlich, dachte Kirstein, habe ich Zeit. Und wie ich Zeit habe. Ich bin ja freigestellt; ich brauche mich nur noch um dich zu kümmern, du mein Mädchen aus Paris, du blonder Engel. Du hast recht, ich möchte bleiben. Und dieser grauhaarige Teufel, Legrand, der sollte zurück in seine Hölle gehen, woher er gekommen ist.

Aber er sagte: „Natürlich habe ich noch anderes zu tun, aber für ein paar Augenblicke reicht meine Zeit.“ Und dann setzte er sich wieder.

Legrand betrachtete das als Aufforderung, noch intensiver mit Susanne zu sprechen. Doch sie schien ebenfalls keine Lust mehr zu haben, ihm zuzuhören, wandte sich immer öfter Kirstein zu, stellte ihm Fragen über Bonn und wollte wissen, wo der Venusberg läge, weil sie von den dort befindlichen Universitätskliniken gehört hatte, sie erkundigte sich nach einer Verbindung nach Köln und schließlich traf sie bei Kirstein voll ins Schwarze, als sie ihn fragte, ob er nicht zufällig schon an diesem Abend Lust hätte, ihr mal das Nachtleben von Bonn zu zeigen.

Legrand schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Nachtleben! Ein Nachtleben gibt es hier nicht, meine Liebe. Hier werden die Bürgersteige bei Einbruch der Dunkelheit hochgeklappt. Bonn, das ist ein Nest, das ist nicht Paris, das ist nicht Hamburg, das ist Provinz, auch wenn es die Hauptstadt ist. Du wirst vor Langeweile sterben, das schwöre ich dir. Ich kenne dich. Hier ist nichts von dem, was du in Paris so geliebt hast. Du wirst unglücklich sein, am besten, du vergisst, dass es so etwas geben könnte.“

„Nun, so schlimm ist es nicht“, widersprach Kirstein. „Sie müssen nicht nur auf ihn hören“, sagte er zu Susanne. „Wer weiß, ob ihm einer schon mal gezeigt hat, was sich hier für reizvolle Dinge bieten. Zugegeben, es ist nicht Paris. Aber ich kenne eine ganze Reihe von netten Ecken hier in dieser Stadt, wo Sie sich sehr wohlfühlen werden. Und ich will sie Ihnen gern zeigen. Immerhin ist es die Geburtsstadt von Beethoven.“

„Geboren ist er hier“, sagte Legrand, „aber dann hat er gemacht, dass er fortkommt. Gelebt hat er in Wien und da war er glücklich.“ „Glücklich?“ Kirstein lächelte ungläubig. „Er hat dort Geld verdient, er war da berühmt, aber ob er da glücklicher war als hier...“

„Streitet euch nicht! Ich glaube, wir gehen weg von hier. Hier ist es nicht sehr gemütlich“, meinte Susanne Bork und stand auf. Zu Kirsteins Überraschung streckte sie Legrand die Hand hin und sagte: „Es war reizend von dir, Henri, dass du mitgekommen bist. Aber wenn ich Herrn Kirstein richtig verstanden habe, dann ist er mir als Betreuer zugeteilt worden. Und du hast doch dafür keine Zeit. Deine Zeit ist Gold wert. Du hast einmal selbst gesagt, sie ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Ich möchte deshalb nicht so unverschämt sein, dir dieses Wertvolle zu stehlen. Bis morgen früh, mein lieber Henri.“

Legrand war so überrascht, dass der sonst so schlagfertige Mann diesmal keine Worte fand. Immerhin reagierte er schnell genug, indem er säuerlich lächelte und sich dann auch von Kirstein verabschiedete, ihn aber beschwor:

„Geben Sie bloß auf sie acht, nicht, dass ihr was passiert. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wer sie ist?“

„Und wer ist sie?“, fragte Kirstein lächelnd.

Bevor Legrand irgendetwas sagen konnte, mischte sich Susanne Bork ein und sagte:

„Er muss immer übertreiben. Kommen Sie, Herr Kirstein, Sie wollen mir Bonn zeigen. Es ist zwar noch etwas früh, aber vielleicht begleiten Sie mich zu meinem Hotel und ich kann nur hoffen, dass meine Koffer auch angekommen sind.“ Sie wandte sich wieder Legrand zu. „Sind sie das, Henri?“ Das hatte sie Französisch gefragt.

„Was?“

„Die Koffer.“

Er nickte eifrig. „Natürlich, das ist alles in Ordnung. Das ist organisiert. Ich habe es gemacht.“

„Schon gut, schon gut, Henri. Also dann bis morgen früh.“ Sie hakte sich bei Kirstein ein und ging, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, mit ihm auf den Ausgang zu.

Dort blickte Kirstein noch einmal zu Legrand zurück, der wieder in den Stuhl gesunken war und sich den Rest des Bieres aus seiner Flasche ins Glas goss. Er verschwendete nicht einmal einen Blick auf die beiden, als die nach draußen gingen.

Auf der Treppe fragte Kirstein: „Und wer sind Sie wirklich? Ich kenne nur Ihren Namen, Susanne Bork. Sind Sie eine Kollegin von mir?“

Sie sah ihn belustigt an, zwinkerte ihm zu und fragte: „Und was wäre, wenn?“

„Ich platze vor Neugier.“

„Wenn Sie zerplatzt sind, können Sie mir kein Begleiter mehr sein. Es wäre unheimlich traurig. Da müsste ich diese Stadt allein erforschen. Machen Sie sich um mich und meine Herkunft keine Gedanken, Herr Kirstein. Ob ich nun eine Kollegin bin oder nicht, spielt doch für Sie gar keine Rolle. Heute zeigen Sie mir Bonn und morgen die gynäkologische Abteilung. Richtig?“

„Richtig“, bestätigte er. „Ich weiß allerdings nicht, welche Vorstellungen Sie davon haben, wenn ich Ihnen Bonn zeige. Wie gesagt, Sie sollten es nicht mit der Pariser Elle messen.“

„Vielleicht eher mit der braunschweigischen?“, fragte sie spitzbübisch.

„Das wäre wirklich richtiger und angebrachter.“

„Also gut, ich hatte sowieso nicht erwartet, hier ein zweites Paris zu finden. Und ehrlich gestanden, sehne ich mich auch nicht danach. Sie wollten mir zeigen, was Ihnen selbst gefällt. Also zeigen Sie mir das und Sie müssen durchaus keinen Streifzug durch die Lokale machen. Darauf lege ich gar keinen Wert. Führen Sie mich irgendwo hin, wo es sehr nett ist. Einfach kann es sein, die Hauptsache, es ist gemütlich. Einverstanden?“

„Einverstanden, nichts lieber als das“, versicherte er ihr. „Wollen Sie nicht mit mir nach oben fahren und Professor Winter begrüßen?“

„Morgen früh, heute nicht“, entschied sie. „Es ist schon relativ spät. Ich möchte diesem Mann den Tag nicht noch dadurch verlängern, sodass er sich gezwungen fühlt, mit mir Konversation zu treiben. Ich nehme an, dafür hat er Sie abgestellt. Eine reizende Idee, einen Arzt zum Fremdenführer abzuordnen.“ Sie lachte wieder dieses perlende Lachen, das ihm so gefiel.

Kurz darauf brachte er sie in seinem Wagen zum Steigenberger Hotel. Dort war sein größtes Problem, einen Parkplatz zu finden. Immerhin ließ er Susanne Bork vor dem Portal aussteigen, um ewig herumzufahren, bis er schließlich einen Parkplatz gefunden hatte. Er lief zu Fuß zum Hotel, um dort an der Rezeption zu hören, dass Susanne Bork längst zu ihrem Zimmer gefahren war.

Er wartete in dem luxuriös ausgestatteten Foyer, aber es schienen Ewigkeiten zu vergehen, bis Susanne Bork auftauchte. Diesmal trug sie zu einem dunklen Rock eine weiße Bluse und darüber ein Bolerojäckchen. Sie ging auf hochhackigen Schuhen direkt auf Kirstein zu und sagte:

„Es ist ziemlich heiß draußen, nicht wahr? Oder glauben Sie, dass es sehr abkühlt?“

„Das glaube ich nicht.“

„Ich hätte sonst einen leichten Mantel mitgenommen.“

Er schüttelte den Kopf. „Das wäre bestimmt nicht nötig. Tut mir leid, das Auto steht eine ganze Ecke weg, es war kein Parkplatz zu finden.“ „Sollten wir nicht zu Fuß gehen?“

„Da, wo ich mit Ihnen hinmöchte, ist es ziemlich weit zu Fuß hinzugehen.“

Sie nahmen das Auto. Aber bevor sie es erreicht hatten, fragte Kirstein noch einmal:

„Spielen wir nicht Versteck, sagen Sie mir ehrlich, wer Sie sind. Und ich versichere Ihnen, dass ich ebenso ehrlich mit Ihnen verfahren werde.“ Sie warf ihm einen kurzen, prüfenden Blick zu, antwortete aber nicht sofort. Den Kopf gesenkt, ging sie weiter und sagte:

„Sie kennen doch die Geschichte mit Lohengrin. Die Elsa von Brabant wollte unbedingt wissen, wer er ist und woher er kommt, selbst auf die Gefahr hin, den ganzen Zauber zu zerstören. Fragen Sie nicht. Ich werde Ihnen alles erzählen, zu gegebener Zeit allerdings, nicht jetzt. Vergessen Sie, dass Sie mir regelrecht zugeteilt worden sind, vergessen Sie, dass Sie in der Klinik arbeiten und weshalb ich gekommen bin. Ich nehme an, Sie wissen, weshalb ich da bin.“

„Natürlich weiß ich es.“

„Denken wir beide einmal jetzt nicht daran. Sie wollten mir einen gemütlichen Fleck in dieser Stadt zeigen.“ Sie lachte und meinte aufmunternd: „Und sehen Sie mich nicht so böse an. Oder müssen Sie morgen früh schon Bericht erstatten?“

Er schüttelte den Kopf. „So ist es doch nicht. Ich soll einfach so etwas wie Adjutant sein, Ihre Ordonnanz, wie Sie wollen, jemand, der sich um Sie kümmert, aber Legrand hat ja schon alles organisiert.“ „Organisieren kann er gut, er ist ein hervorragender Organisator. Er ist auch ein Pionier. Wenn man ihn irgendwo hinschickt, er bringt alles in Schwung. Ich kann mir keinen

besseren Mann als ihn vorstellen!“

„Sie sind Ärztin und arbeiten für eine Bank?“, fragte Kirstein plötzlich.

Sie tippte ihm mit dem rechten Zeigefinger vor den Mund. „Sie sollen nicht solche Fragen stellen. Ich werde Ihnen alles erzählen, das verspreche ich Ihnen, aber nicht jetzt. Ist das nicht Ihr Auto?“

„Ja“, sagte er. Und sie stiegen ein.

Als sie fuhren, spürte er fast körperlich, wie sie ihn von der Seite beobachtete, aber er tat ihr nicht den Gefallen, ihr den Kopf zuzuwenden. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht.

Von ihren Gedanken ahnte er nichts. Aber sie gefiel ihm. Schon das Rascheln ihres Kleides löste in ihm ein prickelndes Gefühl aus. Er kannte sie noch keine zwei Stunden und wusste, dass er sich hoffnungslos in sie verliebt hatte, vom ersten Augenblick an war er fasziniert von ihrem Anblick.

Sie beobachtete ihn, aber in ihrem Gesicht war nichts von ihren Gedanken abzulesen.

Ein netter Junge, dachte sie. Er gibt sich solche Mühe, mich glauben zu lassen, dass er sich für mich interessiert. Nicht sehr nett von seinem Chefarzt, ihn in eine solche Rolle zu zwängen. Vielleicht hat er irgendwo ein nettes Mädchen, an dem er sehr hängt. Und nun muss er mir etwas vorgaukeln, was er vielleicht nur mit Widerwillen tut. Was glauben die eigentlich, bilden die sich ein, dass ich mich von einem netten jungen Arzt herumkriegen lasse? Damit mein Urteil für sie günstig ausfällt? Nur deshalb haben sie doch diesen Kirstein losgeschickt. Er ist eigentlich zu schade dafür. Wirklich ein netter Bursche.

Seine Gedanken liefen in völlig anderen Bahnen.

Vielleicht hat sie einen Freund, dachte er. Einen Franzosen natürlich, denn sie wohnt ja in Paris, auch wenn sie eine Deutsche ist. Gesprochen hat sie jedenfalls ein Französisch, als wäre sie eine Pariserin. So habe ich es in all den Jahren nicht gelernt. Auch sonst kommt sie mir wie ein Mädchen aus Paris vor, ja wie eine richtige Pariserin. Gar nicht wie eine Deutsche. Ein Mädchen aus Paris, träumte er weiter und sah sich in Gedanken, Arm in Arm mit ihr durch einen Park schlendern und träumte, Susanne Bork in die Arme zu nehmen.

Dieser Traum fand ein jähes Ende, als er fast einen Lastwagen gerammt hätte, der an der Ampel scharf bremste.



4

„Hallo!“, rief Susanne Bork. „Hat der liebe Onkel Doktor ein bisschen geschlafen?

Kirstein warf ihr einen schiefen Blick zu, grinste dann wie ein Schuljunge und meinte: „Der Kerl ist ja auch wie ein Irrer auf das Pedal gestiegen.“

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten sie zehn Minuten später das von Kirstein angesteuerte Lokal. Zwei Laternen vor der Tür signalisierten Susanne Bork Gemütlichkeit, die sie so sehr erhofft hatte.

Und wenig später bekam sie die Bestätigung für ihre Annahme. Es war kein sehr großes Lokal, aber innen sehr anheimelnd eingerichtet.

Zufällig verließen an einem Ecktisch gerade zwei Gäste ihre Plätze. Kirstein meinte erfreut: „Da haben wir Glück gehabt. Sonst ist es immer hier knallvoll.“

Die Tatsache, hierhergefahren zu sein und durch Zufall einen freien Tisch zu bekommen, konnte nicht vorgeplant sein, sagte sich Susanne Bork. Zumindest hier hat der Zufall mitgespielt. Ich werde vorsichtig sein mit dem Trinken. Er selbst wird sich darauf herausreden, dass er Autofahren muss und deshalb kaum Alkohol zu sich nehmen kann, möchte ich hoffen. Es wird also bei ein oder zwei Gläsern bleiben.

Ganz geschickt ausgedacht von diesem Professor Winter. Er hätte mir keinen besseren Mann schicken können als Dr. Kirstein. Der Junge ist charmant, versteht es mit Frauen umzugehen und hat ein hervorragendes Talent zum Schauspielern. Er macht mir persönliches Interesse vor, dass ich es schwer habe zu durchschauen, was wirklich dahintersteckt.

Das übliche Ritual folgte. Der Ober brachte die Speisekarte, dann die Sucherei nach dem, worauf man Appetit hatte, schließlich eine gegenseitige Absprache, dann die Bestellung. Das Übliche eben.

Sie beobachtete indessen Kirstein und sein Verhalten. Er war ihr so sympathisch, dass sie Mühe hatte, sich daran zu erinnern, weshalb er mit ihr hier saß. Sie war fest überzeugt von ihrer These, dass Kirstein zu nichts anderem an ihrer Seite weilte, als sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass die gynäkologische Abteilung in der Paul Ehrlich-Klinik um Biegen oder Brechen erhalten werden musste.

Ich werde es ihm nicht so leicht machen, wie er sich das vorstellt. Wenn er eine Rolle spielt, so spiel’ ich ebenfalls eine. Soll er denken, ich falle auf sein Spiel herein. Ich mache also mit; werde, soweit ich das vor mir selbst vertreten kann, auf das eingehen. Er gefällt mir, er gefällt

mir sehr. Das ist schlimm. Ich muss aufpassen. Ich darf mich nicht mitreißen lassen von meinen Gefühlen.

Ach was, Gefühle! Ich habe bei Rene den Kopf auch oben behalten. War es eigentlich Liebe? Ist es noch Liebe, was ich für Rene empfinde? Ach, neulich, das hat doch nur bewiesen, dass wir uns schon seit langem nicht mehr verstehen. Gewohnheit einfach. Die Gewohnheit zusammen zu sein. Eigentlich reiner Schlendrian, wenn man es sich richtig überlegt. Man gewöhnt sich daran, miteinander zu essen, miteinander zu leben, einfach alles miteinander zu tun, ohne eigentlich noch füreinander Gefühle zu entwickeln.

Nein, das mit Rene ist ein schlechtes Beispiel. Diese Verbindung ist eigentlich im Grunde regelrecht abgestorben. Da ist nur noch wenig übrig. Und mit Liebe hat das überhaupt nichts zu tun. Nein, mit Liebe nicht.

Er erzählte ihr etwas von seinem Beruf. Er hätte zu gerne gewusst, was sie macht. Es amüsierte sie, wie geschickt er versuchte, sie auszuhorchen, herauszufinden, ob sie Ärztin ist und weshalb sie hergekommen war, was sie eigentlich genau wissen wollte.

Ihre Versuche vom Thema abzulenken, nahm er nicht hin. Beharrlich bohrte er immer weiter, und schließlich fragte er: „Warum machen Sie ein Geheimnis aus allem? Sie haben doch nichts zu verbergen. Ich nehme an, Sie sind hergekommen, um sich anzusehen, wie es um die Klinik steht, zumindest um die gynäkologische Abteilung.“

„Das ist nicht falsch“, gab sie zu.

„Sie können mir doch offen sagen, ob wir Kollegen sind, wirkliche Kollegen im Sinne des gynäkologischen Fachs?“

Ich werde ihm gar nichts sagen, entschloss sie sich. Im Gegenteil, er soll mich für einen Laien halten, umso eher wird er sich verraten; er und auch die anderen alle, die ich morgen kennenlerne. Ich bin gespannt auf diesen Professor Winter, was das für ein Mann ist. Auf alle Fälle ein guter Taktiker. Fr hat sich sehr viel dabei gedacht, Kirstein abzuordnen. Aber ich bin gespannt, wie die anderen sind. Morgen werde ich es wissen. Im Augenblick kenne ich nur ihn. Es wäre vielleicht doch besser gewesen, ich hätte mich heute noch mit Winter bekannt gemacht. Nun, warten wir einfach ab.

„Sie schulden mir noch eine Antwort“, mahnte er und lächelte sie an.

„Nehmen wir an, ich wäre ganz einfach eine Vertrauensperson, jemand, dem die Bank zutraut, dass er ein objektives, gerechtes Urteil abgibt. Und wer die Bank ist, das wissen Sie ja.“

„Also keine Kollegin.“ Er lehnte sich zurück, atmete hörbar ein und sah sie ein wenig bedrückt an.

Was ist daran schlecht, wenn ich keine Kollegin bin? überlegte sie. Ich hatte das Gegenteil erwartet, dass er nichts mehr fürchten werde als eine Kollegin.

„Wäre es Ihnen lieber“, erkundigte sie sich, „einer Ärztin gegenüberzusitzen?“

Er strahlte sie sofort an und nickte eifrig. „Und ob! Sehen Sie, eine Ärztin, eine Kollegin, die sieht doch, was gut und was schlecht ist, der kann man nichts vormachen. Und vor der stehen auch die positiven Dinge absolut positiv da. Wir haben nichts zu verbergen. Wir können nur das Pech haben, an jemanden zu geraten, der positive Dinge nicht als solche erkennt und negativ beurteilt, weil er nichts davon versteht. Das ist die Gefahr bei der Geschichte.“

„Hat Ihnen das Professor Winter gesagt?“

Er zuckte zurück, als habe sie ihn geschlagen. „Warum fragen Sie das? Trauen Sie mir keine eigene Meinung zu?“

Sie lächelte spöttisch. „Natürlich traue ich Ihnen die zu. Aber Sie sind doch nicht aus freien Stücken hier. Warum sollen wir Katze und Maus miteinander spielen? Sie werfen mir Geheimnistuerei vor. Aber ist es bei Ihnen anders?“

Er sah sie verwirrt an. „Wie meinen Sie das?“

Sie wurde ernst. „Sie haben einen so sympathischen Eindruck auf mich gemacht, schon auf dem Bahnhof, dass ich mich einfach verpflichtet fühle, Ihnen die Wahrheit zu sagen; die Wahrheit von dem, was ich denke. Ich glaube, dass Sie einer Aufforderung von Professor Winter Folge geleistet haben, mich zu begleiten. Sie sind ein guter Botschafter. Sie geben sich sehr viel Mühe. Aber ich durchschaue es.“

„Sie durchschauen was?“, fragte er verständnislos.

„Ich durchschaue, dass Sie versuchen wollen, mir Ihre gynäkologische Abteilung schmackhaft zu machen. Das ist Ihr gutes Recht. Aber wäre es nicht besser gewesen, Winter hätte mir das erzählt? Er hätte sich darum bemüht, statt dass er jemanden schickt, der...“ Sie zögerte weiterzusprechen, fuhr dann aber fort: „der in etwa zu mir passt, ich meine, einen Mann, der mir als Mann gefallen könnte und weniger als jemand, der mich hier unterstützt, meine Aufgabe zu erfüllen.“

„Welche Aufgabe erfüllen Sie denn?“, fragte er. Das Lächeln war aus seinem Gesicht wie weggewischt. Er starrte sie an wie einen Feind. Nichts mehr von Sympathie, vom charmanten Gastgeber, vom fröhlichen jungen Mann.

„Meine Aufgabe, die Leistungsfähigkeit Ihrer gynäkologischen Abteilung zu beurteilen. Das ist meine Aufgabe. Dafür bin ich hier.“

„In welchem Verhältnis stehen Sie denn zu dieser Bank? Sind Sie eine Ärztin, die einen Auftrag erhalten hat, ein solches Gutachten zu erstellen, eine sogenannte Sachverständige? Aber Ihren Worten nach sind Sie gar nicht sachverständig. Sie haben vorhin durchblicken lassen, dass Sie gar keine Ärztin sind.“

„DAS habe ich nicht gesagt. Ich hab’ Sie nur gefragt, ob das sein muss und ich habe Ihnen erklärt, dass ich das Vertrauen dieser Bank habe.“

„Jeder Sachverständige, der vereidigt ist, hat bei uns das Vertrauen des Auftraggebers, sonst wäre er nicht beauftragt worden. Aber bei uns sind Sachverständige vom Fach. Ein Mann, der Autos beurteilen muss als Sachverständiger, kommt aus dieser Branche und der es in der Medizin tut es ebenfalls. Man müsste also erwarten können, dass Sie eine Kollegin sind.“

Sie lachte schalkhaft. „Sie können es ja erwarten, wenn es Ihnen Spaß macht, aber die Ansichten gehen dazu auseinander. Vielleicht haben meine Auftraggeber eine ganz andere Vorstellung von einem Sachverständigen.“

Er sah sie fast wütend an. Eine steile Falte hatte sich auf seiner Stirn gebildet. „Also sind Sie keine Kollegin?“ Das klang schon nicht mehr wie eine Frage, sondern wie eine barsche Feststellung.

Sie lächelte noch immer, lehnte sich zurück und musterte ihn amüsiert. „Haben Sie mich hierhergeführt, damit wir uns streiten?“

Sie konnte richtig sehen, wie er sich beherrschte, wie er sich zu höflicher Freundlichkeit zwang. Der Zorn aus seinem Gesicht verschwand, er quälte sich zu einem Lächeln, zuckte die Schultern und meinte: „Sie haben recht. Ich bitte um Entschuldigung! Das war nicht sehr gut von mir. Auf der anderen Seite bin ich ein Typ, der immer gern weiß, woran er ist. Und ich glaube, Sie machen sich von mir eine völlig falsche Vorstellung.“

„Ich weiß nicht, ob ich mir eine falsche Vorstellung mache“, erwiderte sie. „Möglicherweise habe ich genau die richtige Vorstellung von Ihnen.“

Sie konnte erkennen, wie es ihn Mühe kostete, sich jetzt immer noch zu beherrschen. Aber es gelang ihm. Er lächelte sogar. Und diesmal war es kein so gequältes Lächeln wie eben noch.

„Vielleicht beurteilen Sie mich falsch. Ich bin sogar sicher, dass Sie mich falsch beurteilen, auch wenn Sie das jetzt nicht sehen. Sie denken nämlich, Professor Winter hat mich beauftragt, Sie auszuquetschen wie eine Zitrone. Aber genau das habe ich gar nicht vor. Jedenfalls nicht für ihn, für mich höchstens. Ich will wissen, wer dieser Mensch ist, dem ich gegenübersitze, dem ich zugegebenermaßen Sympathien entgegenbringe und bei dem ich möglicherweise im Gespräch im Eifer des Gefechtes Dinge sage, die man am Ende, gegen mich verwenden kann; gegen mich und gegen die Klinik, speziell gegen die Abteilung. Das befürchte ich ein wenig. Und deshalb möchte ich gerne vorher wissen, ob Sie es ehrlich meinen. Ich spiele nicht gern den Kämpfer mit geschlossenem Visier. Und ich erwarte das auch von meinem Gegenüber.“

Sie sah ihn interessiert an. Wenn ich nicht wüsste, dachte sie, dass er ganz zweifellos zu meiner Begleitung abgestellt worden ist, würde ich ihm ja glauben. Er sagt das so überzeugend und doch misstraue ich ihm. Ich misstraue ihm deshalb, weil er offenbar einen ganz klaren Auftrag hat. Weshalb sonst säße er hier. Auf der anderen Seite hätte er sich ja damit begnügen können, mich zum Hotel zu begleiten und dann mich mir selbst zu überlassen. Er hätte mich morgen früh abholen können und dann in die Abteilung führen. Ist er nun mit mir ausgegangen, um mich wirklich auszuquetschen wie eine Zitrone, wie er es nennt, oder hat er es getan, weil ihm dazu zumute war?

Ich hätte nicht mitgehen sollen. Dieser Mensch macht mich unsicher. Auf der einen Seite gefällt er mir, hat mir vom ersten Augenblick an gefallen, auf der anderen Seite fürchte ich, dass er schauspielert, dass alles nur abgekartet sein könnte. Die Enttäuschung wäre furchtbar. Und sie sagte:

„Wissen Sie, Herr Kirstein, ich habe einen Horror vor Enttäuschungen. Ich will damit sagen, dass es mich entsetzlich träfe, würde ich erfahren, dass Sie eben doch das vorhatten, was Sie, wie Sie jetzt erklären, nicht im Sinne haben, mich nämlich, wie Sie eben gesagt haben, wie eine Zitrone ausquetschen wollen.“

„Hatten Sie nicht dasselbe mit mir vor? Wollten Sie nicht auch auf den Busch klopfen?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und sah ihn leicht gekränkt an. „Ich habe nie eine solche Frage gestellt, die mich da in Verdacht bringen könnte. Aber Sie wollen immerzu wissen, wer ich bin.“

„Ich will es doch nicht wegen der Klinik wissen. Meinetwegen möchte ich es wissen. Verstehen Sie das nicht? Sie werden doch auch wissen wollen, wer ich bin. Nun, zufällig wissen Sie es. Für Sie bin ich wie ein offenes Buch. Aber von Ihnen weiß ich gar nichts außer Ihrem Namen und eben die Tatsache, dass eine Bank Sie schickt.“

„Würden Sie diese Fragen auch stellen, wenn Sie nicht ein Mitglied des Ärztekollegiums dieser Klinik wären?“

Sie sah ihn herausfordernd an, beugte sich ein wenig vor, aber in diesem Augenblick kam, bevor Kirstein antworten konnte, der Ober mit der Vorspeise.

Erst als der Ober weg war und sie beide in ihrem Krabbencocktail herumpickten, sagte Kirstein: „Natürlich würde ich Ihnen auch dann diese Fragen stellen.“ Er sah sie an und versuchte etwas von ihren Gedanken zu erraten. Ihr hübsches Gesicht faszinierte ihn, besonders ihre Augen, die im Kerzenlicht wie Aquamarine leuchteten.

„Ich finde es albern, dass wir uns misstrauen.“

„Tun wir das?“, fragte sie lächelnd. „Der Krabbencocktail ist fantastisch. Das ist ja eine sehr vielversprechende Sache. An diesen Krabbencocktails könnte man die Qualität dieses Restaurants testen. Mein Vater sagt immer, Vorspeise, Suppe und Soße verraten das Etikett der Küche.“

„Ihr Herr Vater lebt in Deutschland?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er lebt in Paris.“

Für Kirstein wurde die Sache mysteriös. Sie stammt aus Braunschweig dachte er; der Vater und sie leben in Paris. Sie will mir nicht sagen, ob sie Ärztin ist oder nicht.

Diese Bank! Sie hat von Vertrauen gesprochen, das man in sie gesetzt hat. Offensichtlich riesengroßes Vertrauen, sofern sie nicht mal eine Ärztin sein sollte. Ich denke, überlegte er, dass sie keine Ärztin ist. Man müsste sie ein wenig auf die Probe stellen. Aber wie ich sie einschätze, geht sie nicht in diese Falle. Sie wird so tun, als sei sie keine Kollegin, selbst wenn sie eine wäre. Aber ich will doch einmal versuchen es herauszufinden. Wenn sie keine Ärztin ist, und für die Bank ein Gutachten abgeben soll, dann könnte eine Verbindung zu dem Vater bestehen, und nicht nur die der verwandtschaftlichen Beziehungen. Vielleicht ist dieser Vater irgendwie mit dieser Bank liiert.

Dieser Gedanke, dass der Vater mit der Bank zu tun habe, fraß sich regelrecht in ihm fest. Es war etwas, das ihn einfach nicht mehr losließ. Ein Verdacht, wie er es nannte, der da ganz plötzlich aufgekommen war; rein gefühlsmäßig, wie er sich sagte.

Als sie ihn ansah, musste sie lachen. Sie konnte ganz deutlich erkennen, wie angestrengt er nachdachte. Nein, sagte sie sich, er ist doch kein guter Schauspieler. Vielleicht meint er es wirklich ehrlich. Er hätte sich jetzt nicht so verraten. Wäre das alles abgekartetes Spiel gewesen, hätte er sich jetzt auch nicht anders verhalten und mir gegenüber nicht einen so deutlichen Eindruck der Verwirrung gemacht.

„Ich glaube, ich habe Ihnen doch unrecht getan“, sagte sie. „Wir sollten uns wieder vertragen.“ Sie hob ihren Aperitif, Kirstein griff ebenfalls zum Glas, und sie tranken einander zu. Für den Moment schien jeder Zwiespalt beseitigt.

Aber schon nach kurzer Zeit bohrte in Kirstein wieder die Frage nach ihrem Woher und dem Geheimnis um ihre Person. Eine Frage, die er nicht mehr stellen wollte.

Grübelnd aß er seine Vorspeise zu Ende, trank dann wieder und versuchte ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen. Aber gerade da, wo er nun tatsächlich einmal schauspielern wollte, war er ein so miserabler Mime, dass ihn Susanne Bork spielend durchschaute. Sie amüsierte sich und hätte am Liebsten laut gelacht, aber sie beherrschte sich, um ihn nicht zu kränken. Sie hatte schon gemerkt, wie dünnhäutig er in dieser Beziehung war.

Ohne ihn anzusehen und ihn damit in Verlegenheit zu bringen, als wollte sie ihn prüfen, fragte sie sanft: „Darf ich denn auch einmal eine Frage zu Ihrer Person stellen, Herr Kirstein?“

„Natürlich dürfen Sie das“, erklärte er spontan, sah sie aber misstrauisch an. All seine Skepsis schien neu erwacht zu sein.

Sie erwiderte seinen Blick, beugte sich ein wenig vor und fragte: „Sind Sie verheiratet, Herr Kirstein?“

Er schüttelte den Kopf.

„Seien Sie ganz ehrlich! Haben Sie sich gefreut, diesen Auftrag zu bekommen?“

„Ich möchte Ihnen etwas sagen“, erklärte er ernst, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe überhaupt nicht gewusst, wer es ist, um den ich mich kümmern muss. Und das hab’ nicht nur ich nicht gewusst, das wusste auch Professor Winter nicht. Das einzige, was wir wussten, war die Tatsache, dass Sie eine Vertrauensperson jener Bank sind und eine Frau. Sie konnten eine Frau von siebzig sein, oder eine von zwanzig; sie konnten hübsch sein oder hässlich; am Stock gehen oder wie eine Gemse herumspringen; Sie konnten mir unsympathisch sein oder sympathisch. Nichts davon wussten wir. Und auf dem Bahnhof hatte ich mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit einer Frau wie Ihnen.“

Sie sah ihn überrascht an. „Darf ich das als Kompliment auffassen oder...“

„Nehmen Sie es, wie Sie es wollen. Aber ich möchte Ihnen eines sagen: Ich bin kein Idiot! Ich lasse mich nicht zum Narren halten! Ich habe Ihnen alles gesagt. Es gibt nichts mehr zu sagen. Ich habe versucht, die Sympathie, die ich für Sie empfunden habe, auch zu zeigen. Ich wollte nett zu Ihnen sein und ich bin es auch gerne gewesen, zunächst. Ich habe Sie gerne eingeladen, meinetwegen. Mit der Klinik hatte das gar nichts zu tun. Soweit geht meine Begeisterung für das Institut nicht. Aber jetzt, jetzt ist es mir egal, Fräulein oder Frau Bork. Ich habe auch keine Angst vor Konsequenzen. Es wird auch keine Konsequenzen geben. Dazu kenne ich meinen Chefarzt doch schon gut genug. Er ist kein Mensch, der einer solchen Sache wegen einem anderen Nachteile entstehen lässt.“

„Von welcher Sache reden Sie?“, fragte sie überrascht. Sie ahnte etwas, aber sie wollte es genauer wissen.

„Ich rede davon, dass Sie mich wie einen dummen Jungen behandeln wollen, so wie einen Laufburschen von Professor Winter. Ich bin aber für solche Unterhaltungen der falsche Partner.

Entschuldigen Sie, das mit dem Kellner regle ich. Und wenn Sie morgen zur Klinik möchten, nehmen Sie sich ein Taxi. Der Fahrer wird Sie hinbringen. Station 3 b, dritter Stock. Der Lift bringt Sie nach oben. Sagen Sie nur den Schwestern, wer Sie sind, und man wird Sie zum Oberarzt Doktor Mittler führen. Ich, meine Gnädigste, möchte mit dieser Geschichte nichts mehr zu tun haben. Ich habe die Ehre und wünsche einen vergnüglichen Abend.“

Er stand auf, deutete eine Verbeugung an und ging vom Tisch. Unterwegs traf er auf den Kellner. Sie sah, wie er mit dem Kellner leise sprach, ihm dann etwas in die Hand steckte und weiterging. Der Kellner blickte Kirstein überrascht nach, zuckte dann die Schultern und ging weiter.

„Das ist doch...!“, entfuhr es Susanne Bork, dann erhob sie sich ebenfalls und verließ wütend das Lokal. Als sie auf den Kellner traf, fragte sie, ob schon alles erledigt sei. Aber der nickte und bedankte sich noch einmal, als habe er von ihr ein Trinkgeld bekommen. Sie suchte tatsächlich in ihrer Handtasche danach und sagte: „Können Sie mir nicht ein Taxi bestellen?“

„Gnädige Frau, ein Taxistand ist genau vor dem Haus gleich links.“

Sie gab ihm doch ein Trinkgeld und verließ das Restaurant. Draußen wandte sie sich nach links, aber der Taxistand war leer.

Ein Blitz zuckte vom Himmel, Donner rumorte kurz danach und es begann zu regnen.

Unschlüssig trat Susanne Bork unter das Vordach des Restaurants zurück, überlegte noch, was sie tun solle, da sah sie drüben vom Parkplatz Dr. Kirstein mit seinem Wagen losfahren. Er musste direkt an ihr vorbei. Sie sah, wie er in ihre Richtung blickte. Aber sie wandte sich ab.

Dann hielt der Wagen, die Beifahrertür wurde aufgestoßen und sie hörte Kirstein rufen: „Ich sehe schon, es ist keine Taxe da. Also, zu Ihrem Hotel bringe ich Sie auch noch. Kommen Sie!“

Ihr Stolz ließ es nicht zu, dass sie seiner Aufforderung nachkam. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, wandte sich halb zur Seite und drehte ihm die rechte Schulter zu.

„Nun machen Sie schon! Es regnet immer mehr. Um diese Zeit kriegen Sie keinen Wagen“, rief er.

Er hat ja recht, dachte sie. Wer weiß, wann hier ein Taxi kommt. Und ich stehe hier wie bestellt und nicht abgeholt. Eine Frechheit von ihm, mich einfach so am Tisch sitzen zu lassen.

Sie wollte sich schon ihm wieder zuwenden, wollte in den Wagen einsteigen, aber sie hatte sich noch nicht einmal bewegt, da hörte sie, wie die Tür zuschlug, der Motor aufheulte und der Wagen davonfuhr.

Zornig sah sie dem Fahrzeug nach und hätte am liebsten mit dem Fuß aufgestampft vor Zorn. Aber sie beherrschte sich.

Sie stand vielleicht noch zwei Minuten, während es draußen nur so herunterrauschte, da tauchte ein Scheinwerferpaar auf, tastete sich durch die Regenschleier und kam näher. Da sah sie oben das beleuchtete Taxischild, winkte und der Fahrer sah sie gut, wie sie vor der beleuchteten Halle stand. Er hielt vor dem Portal und sie stieg ein. Sie nannte ihr Hotel und dachte, als sie sich in dem Sitz zurücklehnte: Das wirst du mir büßen, mein lieber Doktor Kirstein! Warte nur, morgen!



5

Das Licht des Mondes fiel durchs offene Fenster ins Schlafzimmer und so konnte Hannes Heigel das Profil seiner Frau sehen. Sie lag neben ihm auf dem Rücken, schaute zur Decke. Und sie hielt die Augen geöffnet, das konnte er deutlich erkennen.

„Warum schläfst du nicht, Erika? Du brauchst deinen Schlaf. Morgen musst du in die Klinik und...“

Sie wandte ihm das Gesicht zu. „Hannes“, sagte sie leise, aber mit gepresster Stimme, „ich habe Angst. Ich habe wahnsinnige Angst, Hannes.“

Er langte mit seinem muskulösen Arm zu ihr hinüber und seine prankenhafte Hand strich ihr sanft übers Haar.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Erika. Wirklich nicht. Er ist doch ein wunderbarer Arzt, sagen alle. Er hat auch die Frau von Adams operiert. Und die war schlimm dran, sag’ ich dir. Jetzt ist das schon sieben Jahre her. Da ist nichts wiedergekommen bis jetzt. Und das war ein Gebärmutterkrebs. Adams sagt, wenn die nicht so fantastisch operiert worden wäre, hätte die kein halbes Jahr mehr gemacht.“

„Denkst du denn, dass es Krebs ist? Er weiß es ja noch gar nicht. Er sagt, das ist nicht sicher.“

„Und wennschon. Mein Gott, ich liebe dich auch, wenn sie dir die Brust amputieren müssen. Du brauchst dir da keine Gedanken zu machen. Und außerdem habe ich dieser Tage erst gelesen, gibt es plastische Operationen, dass man gar nichts mehr sehen kann. Ein paar Wochen danach können sie das machen. Das stand alles in dem Bericht drin. Und du hast so eine Brust wie jede andere Frau auch. Es gibt sogar Ärzte, die das sofort in einer Operation machen. Aber da soll es wohl Schwierigkeiten gegeben haben. In Deutschland nicht; in Amerika haben sie das gemacht. Bei uns dauert es ein paar Wochen. Aber vielleicht hast du gar keinen Krebs. Vielleicht ist es gutartig.“

„Er hat gesagt, dann ist es nur eine kleine Vertiefung, die sich mit der Zeit ausfüllt; ich meine, wenn es gutartig ist. Aber wenn es Krebs ist... Ich habe furchtbare Angst. Das kann tödlich sein. Du, das ist bestimmt tödlich.“

„Ach, es gibt so viele, die haben Brustkrebs gehabt. Das ist schon so lange her. Die leben heute noch. Denk doch mal an die Knef. Die singt sogar noch.“

„Ich kenne aber auch andere, die kurz danach schon gestorben sind. Bei jungen Frauen sind die Aussichten nicht so günstig, habe ich gehört.“

„Ach was! Er hat dir doch gesagt, dass es früh genug ist.“

„Er hat es gesagt, aber ob er mir auch die Wahrheit…“

„Hör mal, wenn er dir schon gesagt hat, dass es Krebs sein könnte und das, was du mir da erzählt hast, das ist doch ganz schön. Früher haben die Ärzte den Patientinnen das nicht gesagt. Er hat dir alles erklärt.“

„Ich hatte zunächst auch gar keine Angst. Aber jetzt... ich hatte gedacht, du schläfst... jetzt hab’ ich Angst.“

„Du musst aber keine Angst haben. Ich bin doch bei dir. Und ich lasse dich nicht im Stich. Ich liebe dich auch, wenn sie dich so operieren müssen, dass es nicht mehr schön aussieht. Das ist nur für eine kurze Zeit. Dann wirst du dich noch einmal operieren lassen und alles ist in Ordnung.“

„Ob die Kasse das auch bezahlt?

Und mit den Kindern. Das ist doch ein Problem.“

„Ich hab’ doch alles geregelt. Hör doch auf! Mit den Kindern, das geht in Ordnung. Ich nehme mir Urlaub und die sind einverstanden. Das geht alles in Ordnung. Hauptsache, bei dir kommt alles in die Reihe. Und davon bin ich überzeugt.“

Ihre Hand tastete zur Brust. „Es ist komisch. Ich merke gar nichts. Nur den einen Knoten. Und um den hatte ich solche Sorgen. Und da ist nichts, sagte er. Und dabei hat er den anderen entdeckt, den gefährlichen. Merkwürdig, nicht wahr?“

„So hat der harmlose Knoten dir geholfen, dass der andere, der gefährliche, sofort entdeckt wird. Aber vielleicht ist der auch nicht gefährlich. Vielleicht geht alles gut. Du solltest wirklich keine Angst haben. Es ist doch früh genug. Denke doch daran, dass es früh genug ist! Hör auf, dich zu ängstigen!“, mahnte er.

„Und wenn sie es doch machen müssen, wenn sie mir die Brust wegnehmen?“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Dann sehe ich ja entsetzlich aus, dann bin ich ja verstümmelt!“

„Aber nicht für mich. Nicht für mich, hörst du. Ich seh’ es nicht so. Sieh mal, Erika, ich war nicht mehr so wahnsinnig jung, als wir geheiratet haben. Mädchen habe ich viele gekannt. Ich hab’ eigentlich nie heiraten wollen. Bis du gekommen bist. Da hab’ ich mir gedacht: Wenn du dieses Mädchen heiratest, wenn sie deine Frau ist, dann nicht nur an heiteren Tagen. Dann muss es auch mal schlimm kommen können und wir müssen uns gegenseitig unterstützen. Das hab’ ich dir auch gesagt.“

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