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1948

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Taschach (1948)

bei Yedioth Ahronoth Books and Chemed Books, Tel Aviv 2010.

ISBN 978-3-8412-0558-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Januar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2010 by Yoram Kaniuk

Published by agreement with the Institute for the Translation of

Hebrew Literature

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Bürosüd, München

unter Verwendung mehrerer Bilder von © Getty Images / Keystone-France / Kontributor

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

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Epilog

Anhang

Yoram Kaniuk – Porträt

Zeittafel

Glossar

Meinen toten und lebenden Kameraden von der Harel-Brigade, und für Chanoch Kossowski, den edlen Helden, der den liebt, der ich bin, und mich befeindet, ein Mann des Landes, ein Mann des Blutes, wie wir alle. In großer Liebe für all jene, die mit dabei waren in diesem mörderischen Inferno und, ja, auch einen Staat gegründet haben.

»Da ging ich an dir vorüber und sah dich zappelnd in deinem Blute, und ich sprach zu dir: In deinem Blute lebe! Und ich sprach zu dir: In deinem Blute lebe!«

Hesekiel 16,6

1

Es war einmal oder auch nicht, so oder anders, keine Erinnerung hat einen Staat, kein Staat hat eine Erinnerung. Ich kann mich erinnern oder eine Erinnerung erfinden, dabei gleichzeitig einen Staat erfinden oder denken, er sei früher anders gewesen. Ein Staat kann nicht anders sein, wenn ihm kein nicht-anderer vorangegangen ist.

Am wichtigsten ist jedoch, ob der verwirrte Mann vorm Krankenhaus mir tatsächlich ungefragt unter Tränen gesagt hat, dass alles im Leben und vielleicht auch im Tod (den er allerdings noch nicht erlebt hatte, wie er mir gestand) auf drei Grundsätzen beruhe: Rache, Untreue und Neid. Ich fragte ihn, was mit der Liebe sei, und er sagte, Liebe – nur wenn sie betrogen wird oder scherzhaft ist. Die Liebe kommt nach der Untreue, aber bei dir wird sie vorher kommen.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, das Gegenteil eines würdigen Buches zu schreiben und es »Das Komischste, was mir im Krieg passiert ist« zu nennen. Letzten Endes habe ich es unter diesem anderen Titel, »1948«, verfasst, der kein bisschen komisch ist, denn ich wollte tatsächlich über das Komischste, was mir im Krieg passiert ist, schreiben.

Gleich nach dem Gespräch mit dem verwirrten Mann im umkämpften Jerusalem, vor dem Krankenhaus, einem italienischen Kloster, das man in ein Schlachthaus für Soldaten verwandelt hatte, kam ich in ein richtiges Bett und war selig, weil ich nach all diesen Monaten auf einem Leintuch lag. Mein Bein tat sehr weh, aber als ich die richtige Lage gefunden hatte, ging es mir gut. Mein Rücken berührte das Leintuch, ein Glas Wasser stand am Bett, ich trank daraus, und gerade als ich mich wie ein Mensch fühlte, gab es einen furchtbaren Knall. Eine Granate schlug durch die Zimmerdecke, die in Fetzen hing, zwei Nonnen hasteten herbei und legten mich auf eine Trage, und auf dem Weg zum Keller bestäubte mich alter christlicher Putz, der unaufhörlich von der Decke rieselte. Die eine Schwester sah mich an, ich war halbnackt, und sie sagte auf Hebräisch mit deutschem Akzent, der Versuch, den Satan zu überwinden, gleiche dem Höllenfunken, der auf das Hochzeitskleid der Seele falle. Laut dem Talmud – so hat sie gesagt, das weiß ich noch! – habe Ben Asai auf die Aufforderung, sich fortzupflanzen, erwidert: »Was soll ich tun, wenn meine Seele nach der Thora gelüstet; die Welt kann durch andere erhalten werden.« Es bestand durchaus ein Zusammenhang. Ich war jung. Sie war jung. Ich war halbnackt. Sie trug Nonnenkleidung. Aber sie hatte sich freiwillig entschieden, jungfräulich zu bleiben, und ich war es notgedrungen. Weiter sagte sie, warum, weiß ich nicht mehr: Die Ärzte spielen Gott!

Die Erinnerung scheint also zu erwachen. Den grauenhaften Schmerz kann man ja nicht im Gedächtnis behalten, aber ich erinnere mich, dass ich Schmerzen hatte. Die Schwestern legten mich staubbedeckt auf eine Matratze, diesmal ohne Leintuch. Ich lachte komischerweise, und eine der Nonnen – die, weil es im Himmel angeblich keinen Humor gibt, wohl noch nie ein Lachen gehört hatte und nicht recht wusste, was dieser Laut war, der mir da entfuhr, und wieso meine Miene sich plötzlich löste – reinigte mich mit beachtlicher Gründlichkeit und fragte, woran ich dächte, wenn ich so den Mund verzöge. Sie sprach gut Hebräisch, und ich antwortete ihr, das sei bloß so, ich würde nichts denken, nix weiter. Aber du siehst mir nun gerade aus wie einer, der denken kann, beharrte sie, und ich sagte ihr, ich versuchte es vielleicht, und sie erwiderte: Aber du kannst es, du bist ein Lieber. Dann verstummte sie plötzlich, weil sie nicht wusste, was sie einem Achtzehnjährigen sagen sollte, dem man bald ein Bein abnehmen würde. Ich erklärte ihr, mein Lachen rühre daher, dass mir erst jetzt, wo ich nicht mehr kämpfen würde, aufging, dass ich kaum wusste, an welchem Krieg ich teilgenommen hatte und was mir dabei passiert war und warum ich auch dann noch weitergekämpft hatte, als kaum noch Aussicht bestand, wieder nach Hause zu kommen. Ich sagte ihr, ich wüsste eindeutig nicht genau, wer ich sei, was ich täte oder wo ich mich aufgehalten hätte. Sobald sie mich auf der muffigen Matratze in dem Keller versorgt hatte, der sich rasch mit Verwundeten füllte, rannte sie auf den Flur, um noch wen zu holen.

All die Tage im Gefecht hatte ich mir keine Gedanken gemacht, keine Pläne geschmiedet. Ich tat, was man mir sagte, und ergriff nur dann die Initiative, wenn nichts anderes übrigblieb, als zu improvisieren. Hieß es »schlafen«, schlief ich, hieß es »aufstehen«, stand ich auf. Gab es was zu essen, aß ich. Gab es nichts, kannte ich keinen Hunger. Es kann gut angehen, dass man uns Natron ins knapp bemessene Trinkwasser getan hat, denn ich dachte nicht an die Mädchen, die mich im Jahr zuvor schier verrückt gemacht hatten mit ihrer erblühenden Weiblichkeit. Ich weiß noch sehr wohl, dass ich nichts in meinem angeschlagenen Schädel hatte. Wir waren wie Kinder, geradezu unverschämt jung, hatten uns freiwillig gemeldet. Einfaltspinsel waren wir, Partisanen. Außer mir hatte sich keiner in einer Jugendbewegung engagiert. Deren Mitglieder wurden erst später einberufen, als wir ihnen den Staat schon beinah fix und fertig hingestellt hatten. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen, einer von hier, einer von dort, besaßen noch keine Papiere, außer der Geburtsurkunde aus Palästina/Erez Israel, die wir natürlich nicht bei uns trugen. Warum habe ich dann in diesem durstgeplagten Loch ausgeharrt, warum bin ich nicht nach Hause gegangen, als die Belagerung noch durchlässig war? Ja, warum bin ich nicht einfach heimgekehrt? Schließlich hätte kein Mensch gewusst, was mit mir passiert war, und es hatte auch keiner Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wahrscheinlich hätte man angenommen, ich sei in jordanische Gefangenschaft geraten oder gestorben und an unbekannter Stelle begraben worden, sei vielleicht ein Galmud – ein Alleinstehender, wie es auf dem Totenacker in der Tel Aviver Trumpeldor-Straße auf manchen Gräbern steht, und vielleicht würden sie meinen Leichnam finden, wenn ich tatsächlich an einem Ort gestorben war, wo kein Mensch mich vermutet hätte.

Ich war ein Tor, der sich aufgemacht hatte, ein Held zu werden und den Feind zu schlagen. Das war ich. Bin ich so früh, mit siebzehneinhalb Jahren, eingerückt, weil ich ein Held war, oder weil ich Angst hatte und vor etwas weglief? Und wenn ja, wovor? Ich war sicher ein Angsthase. Phantasiebegabte Menschen fürchten sich. Sie können auch so dumm sein, sich freiwillig für aussichtslose Missionen zu melden. Aus Angst wurde ich ein Held, der seine Ängste überwand. Früher war ich nämlich ein ziemliches Angstbündel. Hatte Angst vor der Dunkelheit. Vor dem Tod. Vor Menschen. Vor dichtem Gedränge. Vor krankheitsübertragenden Fliegen, vor diesen Malaria verbreitenden Anopheles-Mücken, von denen meine Mutter Sarah redete, weil sie in ihrer Jugend in Erez Israel Bekanntschaft mit ihnen geschlossen hatte. Ich war kein so edler Recke wie viele meiner Kampfgenossen. Ich war einer, der nicht aufgab. Einer, der dem Tod trotz aller Angst ins Auge sah, ohne den Kopf zu beugen. Ich wusste, dass Tausende obdachlose Holocaustüberlebende an Bord kleiner Schiffe auf dem Meer umhertrieben, weil kein Land sie haben wollte. Ich hatte gelesen, dass Herr Goebbels drei Jahre zuvor gesagt hatte: Wenn die Juden so schlau und so begabt seien und so schön musizierten – wie komme es denn dann, dass kein Staat sie haben wolle? Und ich erinnere mich, dass mich das auf die Palme brachte und ich mithelfen wollte, diese Juden ins Land zu bringen.

Aber bin ich wirklich deswegen im November 1947, kurz vor dem UN-Teilungsbeschluss, eingerückt? Abgehauen eines schönen Tages im ersten Trimester der zwölften Klasse am Neuen Gymnasium, wo es doch nicht schöner hätte sein können? Mit der hinreißenden Direktorin Tony Halle, die wie eine prächtige Maus aussah und einmal auf einen Stuhl stieg, die Augen schloss und dabei Tränen vergoss, die mit ihrer schönen, tiefen Stimme wie gebannt zu schildern begann, wie Heinrich IV. im Jahr 1077 vor der Felsenburg in Canossa ankam, in der Papst Gregor VII. sich hinter einem Vorhang versteckte, wie der arme Heinrich in Kälte und Schnee barfuß auf der kahlen Erde ausharrte, wie er ohne Schuhe und Strümpfe, ohne Unterwäsche, Hemd oder Mantel weinend dastand, während sich der Papst, warm angezogen, den brennenden Kamin im Rücken, verbarg und Heinrich IV., den schönen Helden und hohen, geliebten, von ihm wahrhaft geliebten König, beobachtete, der halb erfroren um sein Leben flehte. Und wir alle, die ganze Klasse, weinten, als wir von Heinrichs IV. Schicksal hörten. Ich erinnere mich nur, dass ich eines Tages einfach so von dieser wunderbaren Schule abging, mit einem Ausspruch, den ich selbst nicht glaubte: Mit Quadratwurzelziehen würden wir die Briten nicht aus dem Land kriegen. Und dann meldete ich mich zur Paljam, der Marineeinheit der Sturmtruppe Palmach, weil ich sagte, ich wolle die Überlebenden an die Küsten des Landes bringen, ohne richtig zu überlegen, wohin die Flüchtlingsschiffe tatsächlich gelangen würden. Und gleich nach den Übungen auf See ging’s ja ab zum Kämpfen ins Bergland von Jerusalem und Judäa. Ich war vorgeblich eingerückt, um Juden an Land zu holen – und dann? Dachte ich etwa, die Schiffe würden im Hafen von Jerusalem einlaufen, der zwischen Wüste, grüner Flur und dem Bab el-Wad, dem »Tor der Schlucht«, lebendig begraben lag? Und vorher hatten unsere lächerlichen Lehrer uns doch noch mühsam eingetrichtert, dass wir »das Land erbauen und von ihm erbaut werden« sollten, wobei wir kaum richtig begriffen, was sie damit meinten. Wir waren ja hier geboren. Mitten rein zwischen Disteln und Schakalen, zwischen Karren, die von Mauleseln mit Scheuklappen gezogen wurden, umringt von Kaktusfeigen und Granatäpfeln und herrlich dichten Zypressen. Und wie macht man das eigentlich: erbauen und erbaut werden?

Hier und da war schon von einem hebräischen Staat die Rede. Der Begriff »Staat« klang unvertraut, unecht. Seit wann hatte unser Volk denn einen Staat, nach zweitausend Jahren? Und was für ein Staat sollte das wohl werden? Wie würde dieses kleine Staatsgebilde aussehen? Wie Liechtenstein, wie der Kongo? Sollte Ben Gurion einen Zylinder aufsetzen und sich auf eine Kiste stellen, wie weiland Herzl auf dem berühmten Balkon in Basel, um größer zu wirken? Sollte ein hebräischer Polizist trillern? Und womit? Mit einem Widderhorn?

In einem alten Band, der versteckt hinter den deutschen Büchern meines Vaters stand, fand ich die Geschichte der historischen Auseinandersetzung zwischen Rabbi Schneur Salman von Ladi und Rabbi Israel von Konitz über die mögliche Eroberung Moskaus durch Napoleon. Mein Vater hatte sie mit Rotstift angestrichen und in der verschnörkelten Raschi-Schrift kommentiert, die er gern benutzte – mit jenem Funken des Juden aus Galizien, der in Berlin geboren zu sein meinte und zuweilen hebräische Gebete zwischen den Schubert- und Brahms-Liedern trällerte. Die beiden Rabbis wollten ein für allemal klarstellen, ob ein Triumph Napoleons gut oder schlecht für die Juden wäre. Der Rabbi von Konitz war für Napoleons Sieg, der Rabbi von Ladi war dagegen. Und weil es um das Schicksal der Juden ging, war der dynamische Rabbi von Ladi so erschüttert ob der großen Aufgabe, dass ihm die Tränen aus den Augen rannen, und er bestellte den Konitzer ins Bethaus, um zu entscheiden, wer recht hatte. Das sollte der sein, der von beiden zuerst das Schofar blies. Wie es sich nun ergab, kam der Rabbi von Ladi ein wenig zu spät, und der Rabbi von Konitz legte als Erster sein Schofar an die Lippen und stieß hinein, aber der Rabbi von Ladi stürmte ins Bethaus, schnappte dem Rabbi von Konitz das Schofar aus der Hand und entriss ihm den Fanfarenstoß – und das führte zu Napoleons Niederlage vor Moskau und bestimmte das Schicksal der Juden.

Genauso erging es uns. Wir waren ausgezogen, um Juden vom Meer an Land zu bringen, und haben schließlich in den Jerusalemer Bergen einen Staat gegründet. Es wäre falsch zu behaupten, wir hätten für die Gründung dieses Staates gekämpft. Woher sollten wir denn wissen, wie man einen Staat gründet? Hatte es uns schon mal einer vorgemacht? Unsinn, der hebräische Staat war ein Fanfarenstoß, der dem Schofar anderer Leute entrissen wurde, und ja, kraft des Wunders, das die wahre Tat darstellte, hat der Fanfarenstoß irgendwie sein Ziel erreicht. Als die Palmach Safed eroberte (ich war nicht dabei), behauptete ja der Stadtrabbiner, Safed sei durch Taten und Wunder erobert worden: Die Taten seien die Gebete gewesen und das Wunder habe darin bestanden, dass die Palmach eingetroffen sei. Unser Auftrag lautete, Wunder zu vollbringen. »Staat« war ein nebulöser oder gar komischer Begriff. Das Erste, was wir von der Geschichte unseres Volkes wussten, war doch, dass unser Urvater Abram aus seiner Heimat floh, weil er einen Gott – nicht den von Moses, sondern einen anderen, kanaanitischen, in Mesopotamien – hatte sagen hören: »Zieh weg aus deinem Heimatland!« Woher sollten wir dann wohl wissen, was Heimatliebe war? Sollten denn ausgerechnet wir unter all den Völkern nun plötzlich ein Volk werden, das ein Land, das noch gar nicht sein Eigen war, liebte und darin einen Staat gründete? Wir waren doch ein Volk der gepackten Koffer, der Wanderer, erfüllt von Sehnsucht nach einem Ort, an dem wir noch nie waren. Abram kam und fand Hungersnot im Land seiner Träume und zog gleich weiter nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Nach langer Zeit kehrte er zurück, wie heutzutage ein amerikanischer Israeli steinreich aus Kalifornien zurückkehrt. Und der Gott der Hebräer war es ja müde geworden, Welten zu erfinden, und hatte beschlossen, eine neue hebräische Welt zu erschaffen, die er im Himmel schuf, bevor sie zur Erde gelangte, denn Staaten wohnen schließlich nicht im Himmel. Sollten wir also einen Nomadenstaat gründen? Wir – die Muschiks des Heiligen, gelobt sei er, den wir verabscheuten, wir, für die »Ausland« der Name irgendeines Staates war, wir, die richtige Staaten nur von unseren Briefmarkensammlungen kannten und folglich, wegen der Größe und Schönheit der jeweiligen Marken, Luxemburg für größer hielten als die Vereinigten Staaten, und wenn wir etwas über Staaten lernten, dann doch nur, wie man einen Staat anstrebt, nicht, wie man einen aufbaut, besonders wenn er in einer feindlichen Umgebung wie hier entstehen sollte –, wir also sollten ihn gründen?

Man muss auch bedenken, dass wir diesen lieben Irren, Benny Marshak, den Politruk, unter uns hatten, diesen weltlichen Chassid, der von einem jüdischen Staat träumte, förmlich vor Sehnsucht danach triefte und Israels Feinde sogar im Schlaf noch schmähte, Benny, der mit uns von Caesarea, wo wir auf illegale Einwanderer warteten, die nicht kamen, in die Berge hinaufzog zum Krieg, der sehr wohl kam, und der ein ums andere Mal schrie – und schreien konnte er ja –, wir sollten nun endlich den Staat gründen. Und wir dachten, der Ärmste, liebt einen Staat, der nicht existiert, und wenn er denn entsteht, wird er sicher nur Afula umfassen, damals die einzige jüdische Stadt im Nordbezirk, auch wenn die Wohnhäuser fern vom Stadtkern standen und sie kaum mehr war als eine Bushaltestelle auf dem Weg durch die Jesreel-Ebene oder ein Toilettenstopp auf der Fahrt nach Haifa. Der arme Benny wartete ja tatsächlich zweitausend Jahre zuzüglich einiger Tage, deren Länge in keinem Schreibheft verzeichnet stand. Also taten wir ihm den Gefallen, denn er hatte zwei Monate nicht geschlafen, das haben wir überprüft, haben ihm nachspioniert, er hat tatsächlich nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht getrunken, sich nicht gewaschen (Letzteres merkten wir auch ohne ihm nachzuspionieren). Er war die ganze Zeit mit der Gründung eines Staates beschäftigt, dessen Gestalt vor ihm noch kein Mensch gesehen hatte, und wenn er ihn zu beschreiben versuchte, verzerrte sich sein Gesicht vor lauter Weinen, das ihm die Kehle zuschnürte, und er kreischte vor Aufregung. Und als wir die Nase schon gestrichen voll hatten von seinen Sehnsüchten und meinten, man müsse nun echt was in der Angelegenheit unternehmen und für Benny endlich einen Staat errichten, damit er uns in Ruhe ließ, steckten wir in einer befestigten Stellung, ich weiß nicht mehr, welcher, wo ein gutaussehender Bursche, dessen Name ich vergessen habe, sich einen Moment aufrichtete und mit voller Wucht eine Mörsergranate von drei Inch abkriegte, die ihn buchstäblich durchhieb, als wäre die Granate ein scharfes Messer gewesen, so dass wir seinen Leib in zwei Teilen zu den beiden Seiten fallen sahen, die er vorher gehabt hatte, als er noch ein schöner Mann gewesen war und keine blutende menschliche Wurst wie jetzt. Und das Blut floss in Strömen. Wir bedeckten ihn mit unseren Militärmänteln – diesen schweren, langen Wollmänteln, die in der schöngeistigen Literatur gern als Waffenröcke bezeichnet werden –, und jemand fragte, wer er sei, vielleicht war er ein Neueinwanderer, der bei uns gelandet war, und dann schliefen wir ein.

Wir froren ohne unsere Militärmäntel als Zudecke. Plötzlich hörten wir Schreie. Nicht Schreie, sondern wildes Gekreische. Jemand kam und weckte uns im Stockfinstern und berichtete unter Weinen und Lachen und mit heiserer Stimme, er habe von einem, der ein batteriebetriebenes Radio besitze, erfahren, dass Ben Gurion einen Staat gegründet habe, und fügte hinzu: Ho, lasst uns (solche Worte benutzten wir damals) die Hatikwa singen, und wir fragten den Potz, wieso das denn nun? Wir kannten nicht mal den Text auswendig, und wo hatte Ben Gurion denn überhaupt seinen Staat gegründet? Es habe geheißen, in Tel Aviv, sagte der Ankömmling, und wir sagten ihm: Hör mal, wir werden hier belagert, vor Jerusalem, wir sind am Bab el-Wad, hier gibt’s keinen Staat, und Jerusalem liegt nicht in dem Staat von Tel Aviv. Und schon pennten wir wieder.

Früh um vier oder fünf Uhr tauchte Benny Marshak aus dem Nebel auf, und wir fanden, dass quasi zweitausend Jahre und ein paar Tage von ihm abgefallen waren. Er war plötzlich jung, kühn und fröhlich, »sprang über die Berge, hüpfte über die Hügel«, um das Hohelied zu zitieren, sang aus voller Brust, und einen Moment dachte ich sogar, sein alter Schweißgeruch sei verflogen. Er war voll in Fahrt, übersah den zweigeteilten Mann, der auf dem Boden unter den Militärmänteln lag. Benny stand stramm und wieder locker, das Haar zerzaust, und versuchte, die Hatikwa zu singen, brachte aber nur das erez-israelische Krächzen einer Generation heraus, die meinte, je lauter einer schreie, desto mehr sei er im Recht. Feststehend, in die Erde gepflanzt, fast ohne sich vom Fleck zu bewegen, begann er eine ungelenke und schwerfällige Hora zu tanzen, wie die Einwanderer sie aus der Diaspora mitbrachten, eine Art chassidische Hora, tanzte in seiner abgetragenen Khakihose mit der Parabellumpistole am Gürtel, denn auf Gott vertrauten wir damals nur mit der Knarre in der Hand. Das war eine Hora von einem Mann mal zweitausend Jahren und ein paar Tagen, und er sprang und stampfte und schmetterte aus voller Kehle: »Gott wird Galiläa erbauen / Gott wird Galiläa erbauen«, und wir sagten ihm, wir sind hier in Jerusalem, und einer von uns deklamierte plötzlich im Halbschlaf das Lied: »Der Mensch ist zum Sterben geboren / die Kuh zum Kalben / erklimmst du einen Masten / musst du wieder runtersteigen.« Darauf erging Benny Marshak sich in biblischen Flüchen: Ihr Söhne der Ruchlosigkeit, ihr Söhne verkehrter Widerspenstigkeit, was denkt ihr euch eigentlich? Das ist ein historischer Moment! Der historischste Moment in zweitausend Jahren! Und plötzlich weinte er, und ich stand auf, um mitzumachen, wollte nicht, war müde, aber Benny flehte nun geradezu und packte mich mit seiner in vierzig Kibbuz-Jahren gestählten Hand, und mitten im Nirgendwo, um vier oder fünf Uhr morgens, am Arsch der Welt, neben einer Leiche, die zu stinken anfing, auf einer verpissten befestigten Stellung, die hin und wieder beschossen wurde, tanzten ein paar junge Dussel und schrien »Gott wird Galiläa erbauen«, in Jerusalem, das noch nie was von Galiläa gesehen hatte, und skandierten »hebräischer Staat, hebräischer Staat«, und mitten im Tanzen fing ich an zu zittern, mir fielen die Augen zu, ich steckte mir Streichhölzer zwischen Brauen und Wangen, dämmerte aber beim Tanzen ein, und Benny rannte weg, um andere Kumpels zu benachrichtigen. Später trugen wir den durchtrennten Mann nach Kirjat Anavim, übergaben ihn den älteren Genossen vom Kibbuz, die für die Begräbnisse zuständig waren, und schliefen ein bisschen. Dann wurden wir geweckt und in ein anderes Gefecht geschickt. Warum, wussten wir wieder nicht, und das ist das Komischste, was mir in jenem Krieg passiert ist: Dass ich einen Staat gegründet habe, während ich schlief oder neben einem namenlosen Kameraden, den es in zwei Teile zerrissen hatte, Hora tanzte.

2

Ein paar Nächte später gingen wir über die Berge und sangen »Wir gehen wie Tote«, dessen Text, soviel ich weiß, nicht von unserem Nationaldichter Chaim Nachman Bialik stammt, und sangen auch das Lied »Wenn die Mädels Flaschen sind / sind die Jungen Korken / bumsen / bumsen«, das nicht sein gleichfalls berühmter Kollege Schaul Tschernichowski verbrochen hat. Und die Stadt Jerusalem war leer, Granaten fielen auf die Ewige Stadt, die Einwohner verkrochen sich hungrig und durstig in den steinernen Häusern. Andauernd knallte es, und Menschen starben auf offener Straße und in Häusern und Schulen oder mitten beim Absingen blödsinniger Lieder. Nach einem gottverlassenen Gefecht, wo, weiß ich nicht mehr, erfuhr ich, dass fünf der sieben Kameraden, die mit Benny Marshak und mir auf der lächerlichen Fete in der befestigten Stellung getanzt hatten, tot waren und man die beiden Überlebenden einem anderen Bataillon zugeteilt hatte. Ich war also allein übrig von dem ganzen Trupp, der seit dem Gefecht im Kibbuz Hulda gemeinsam gekämpft hatte. Ich saß mit meinem Bündel in Kirjat Anavim auf dem Rasen, wollte Wasser trinken, aber es gab keins. Einer, der am nächsten Tag sterben sollte, kam an und fragte, wo die Kumpels seien. Ich antwortete ihm, fünf seien tot und zwei zu David »Dado« Elazars Bataillon übergewechselt, und er sagte, komm mit in unseren Panzerwagen, du bist allein übriggeblieben, und wir haben Arbeit für dich.

Major Eban, das heißt Abba Eban, musste nach Tel Aviv zurück, meine ich – oder vielleicht war es jemand anders. Und Jerusalem war ja abgeschnitten. Abu Hadscher, wie Eser Weizman ihn später nannte, sprach mit einem schönen, weichen britischen Akzent, sah uns bewundernd an und schien uns zu vertrauen, was ich an seiner Stelle nicht getan hätte. Nach einer holprigen Nachtfahrt über kurvenreiche Umgehungssträßchen und durch trockene Bachbetten, hinter oder hart an den feindlichen Linien – wobei wir beschossen wurden, weil wir nicht deutlich zu erkennen waren, und hier und da zurückfeuerten, ohne genau zu wissen, auf wen eigentlich, und wo einer von uns angeblich einen Esel abknallte, aber keiner außer mir Mitleid mit dem armen arabischen Vierbeiner zeigte –, erreichten wir frühmorgens Tel Aviv. Wir fuhren stadteinwärts und hörten Fliegeralarm. Ägyptische Bomber bombardierten die Stadt, Menschen hasteten in die Luftschutzbunker. Wir stiegen am Busbahnhof aus dem Panzerwagen, sahen von weitem Verletzte und rannten hin, um ihnen zu helfen, doch da fielen noch mehr Bomben, und die Flugzeuge italienischen Fabrikats flogen langsam und laut knatternd am Himmel. Da wir jedoch müde waren und sich auch schon viele Leute um die Verletzten kümmerten, reckten und streckten wir uns im Stehen, nachdem wir acht Stunden lang in dem beschissenen Panzerwagen zusammengepfercht gesessen hatten. Abba Eban suchte den nächsten Bunker auf, es gab weitere Explosionen, und ich ging nach Hause.

Die Straßen waren menschenleer, und es kehrte Ruhe ein, abgesehen von ballernden Flakgeschützen. Ich sah Männer im Alter meines Vaters mit schwarzen Barett, auf denen »Bürgerwehr« stand. Ich hörte sie pfeifen und rufen, »bitte das Licht löschen«, obwohl der Tag ohnehin schon anbrach und es nicht mehr dunkel war. Aber die Alten mit ihren Gasmasken über der Schulter schrien, »bitte die Luftschutzräume aufsuchen«, »bitte das Licht ausmachen«, und wer sagt heutzutage denn noch »bitte«? Diese schöne alte Sprache war in Berlin geblieben, das damals nur in Tel Aviv zur Miete wohnte.

Ich betrachtete die Häuser, die so bodenständig wirkten, fest gefügt an den vertrauten Straßen, in denen ich aufgewachsen war. Ich beneidete die Menschen, die nicht draußen zu sehen waren, von denen ich vielleicht wie durch Milchglas geträumt hatte. Ich dachte an meinen Vater, der beim italienischen Luftangriff auf Tel Aviv im Großen Krieg nicht in den Luftschutzraum gegangen war, weil die Wahrscheinlichkeit, in Tel Aviv zu Schaden zu kommen, statistisch betrachtet eins zu fünfzig Millionen stand, wie er erklärte. Deshalb blieb er in seinem Zimmer im vierten Stock, mit Blick auf das Meer und die Schakale, die nachts um den muslimischen Friedhof strichen, und las Jean Paul oder Heine – bis er eines Tages doch im Luftschutzraum auftauchte. Alle fragten ihn überrascht: Mosche, was ist denn mit deiner Statistik?, und er antwortete, er habe im BBC gehört, dass der einzige Elefant, der im Moskauer Zoo überlebt hatte, vorgestern einem Luftangriff zum Opfer gefallen sei.

Ehe ich noch unsere Wohnung in der Ben-Jehuda-Straße 129 erreicht hatte, fielen Bomben in der Nähe, wahrscheinlich in der Arlozoroff-Straße. Als ich das Haus betrat, sah ich die Nachbarn in Decken gehüllt im Hausflur, der, durch eine weiße Backsteinmauer gegen Splitter geschützt, als Luftschutzraum diente, und vermutlich haben sie mir guten Morgen gesagt und sich wohl auch gewundert, mich zu sehen, weil sie wussten, dass ich weg war. Ich grüßte mit einem Nicken zurück, brachte aber kein Wort heraus und stieg die Treppen hoch zu unserer Wohnung. Meine Mutter rannte mir nach. Später erzählte sie mir, ich sei grußlos eingetreten und ohne ein Wort in mein Zimmer geeilt, das ich mit meiner damals siebenjährigen Schwester Mira teilte, hätte die Tür hinter mir zugeknallt und sei lange nicht mehr herausgekommen. Ich aß nichts, trank nichts. Stunden über Stunden bemalte ich die Wände mit farbigen Kreiden, die ich in meiner Tischschublade gefunden hatte. Anscheinend habe ich den Tisch verrückt und bin draufgeklettert, um auch die Decke zu bemalen. Ich malte böse, monströse Bilder, malte Geier, malte einen Adler, der ein Menschenauge im Schnabel hielt, malte Holocaustüberlebende, die man damals schon auf den Straßen sah, malte Dächer und besonders eines, von dem ich wohl springen wollte. Ich ließ keinen rein. Als ich die Bilder nach dem Krieg wiedersah, wischte ich sie mit Putzmitteln ab.

Beim Malen stieg mir durch das Fenster über dem Bett meiner Schwester Bratwurstgeruch in die Nase, das weiß ich noch. Ich schlich zur Küche und verschlang die Wurst. Ich entsinne mich vage an den Dochtbrenner, und es gab dort auch einen Primuskocher, auf dem ein Topf Gulasch vergebens auf mich wartete. Ich hörte meine Mutter weinen, und wie im Traum erinnere ich mich irgendwie, dass ich auf den Balkon trat und auf mein Meer starrte, das für mich mehr ein Zuhause war als alle Häuser, in denen ich je gewohnt habe. Sein tiefes Blau an Winterabenden war mein verborgenes Leben, und ich hörte das schmachtende Heulen der Schakale am muslimischen Friedhof, und noch heute erinnere ich mich an die Musik der Regenrinnen, wenn der Regen auf mich niederprasselte, und an die Sonne, die das Meer durchschnitt, und all das gab mir anscheinend einige Sicherheit.

Mein Vater und meine Mutter hatten Verständnis, wie sie später sagten, und stellten keine Fragen. Sie wussten nicht einmal, dass ich aus Jerusalem gekommen war. Eine Nacht und einen halben Tag später verließ ich das Haus und ging zum Busbahnhof, der schwer beschädigt war. Einen Teil des Weges rannte ich. Dort wartete der Panzerwagen, und es trudelten noch ein paar Jungs ein, die im Stehen zu schlafen schienen. Ein Flugzeug flog am Himmel vorüber. Ein dicker Mann gab mir eine ägyptische Zigarette Marke Simon Arzt mit goldenem Mundstück, wie sie hierzulande damals kaum noch zu bekommen war. Ich stellte mich zu den anderen. Wir begrüßten uns nicht. Den Anfang der Fahrt habe ich nicht mehr in Erinnerung, nur dass es schon heller Mittag war und wir am Bab el-Wad entdeckt und massiv beschossen wurden. Wir feuerten zurück durch die Schießscharten, die wir aufgeschoben hatten, und als ich etwas zurücktrat, um das Magazin zu wechseln, drang eine Kugel durch eine offene Schießscharte und schwirrte von Wand zu Wand. Sie brummte wie eine bleierne Biene, schlug nur schwach an die Wände. Eine Fluchtmöglichkeit gab es nicht. Wir sahen Feuerblitze vorbeisausen, saßen eingesperrt, die Kugel flog und flog und flog, und in der Luft hing mehr Verblüffung als Angst, denn auf so was hatte uns keiner vorbereitet. Man erkannte die Kugel nur an den schwachen Lichtstreifen, die sie im Flug zeichnete, und zwei Kameraden sackten uns auf die Füße. Sie regten sich ein bisschen, schrien, verstummten dann abrupt, und ihr Blut rann uns über die Stiefel. Die Kugel schwirrte weiter, bis ihre Kraft erloschen war. Dann packte Mischka sie und schleuderte sie raus, als wollte er sich an ihr rächen. Den Leichen zu unseren Füßen rann Speichel aus den Mündern, und wir fuhren weiter.

Schon neunundfünfzig Jahre lang versuche ich diese Dinge niederzuschreiben. Als ich 1949 als Matrose auf der »Van York« mithalf, Holocaustüberlebende ins Land zu bringen, schrieb ich ein Buch mit dem Titel »Bennys Kameraden«, über Benny Marshak. Eine schöne Frau aus Kfar Jehoschua kopierte das Manuskript, aber kein Mensch wollte es haben, und es ging verloren.

Ich bin nicht sicher, woran ich mich tatsächlich erinnere, traue dem Gedächtnis ja nicht, denn es ist trügerisch und enthält mehr als eine Wahrheit. Und warum sollte die Wahrheit so wichtig sein? Eine Lüge, die aus der Suche nach Wahrheit entsteht, kann wahrer sein als die Wahrheit selbst. Du denkst nach und hast eine Minute später nur das in Erinnerung, was du willst. Ich war ein Junge von siebzehneinhalb Jahren, ein braves Tel Aviver Kind mitten im Blutbad. Ich versuche mich aus meinen vermeintlichen Erinnerungen herauszufischen, aber vielleicht war ich woanders? Ein vertrauenswürdiger Mann sagte mir Jahre später, die Geschichte mit der Kugel im Panzerwagen habe sich nicht am Bab el-Wad zugetragen, sondern auf dem Zionsberg – vielleicht hat er recht? Na und? Vielleicht habe ich fünf Monate unterm Federbett in der Luxusvilla meines seligen Großvaters Jankele Hariri, eines jüdischen Aristokraten in Venezuela, gelegen und das alles nur geträumt?

Wer war ich damals überhaupt, was habe ich genau gemacht?

Bin ich auf die Toilette gegangen? Hatten wir überhaupt Toiletten? Habe ich mir jemals die Zähne geputzt? Hatte ich eine Zahnbürste? Und wenn ich mir wie jeder gute Junge in Erez Israel die Zähne geputzt habe, wo hatte ich dann Zahnpasta her? Und was habe ich zwischen den Gefechten gemacht? Wer war ich, woran dachte ich, abgesehen von den wenigen Gedanken, an die ich mich erinnere? Und was ist Erinnerung? Erinnerung ist das, was ich als Erinnerung aufzeichne.

Ich bin alt, nicht bei bester Gesundheit, denke an den neuen Staat, den Ben Gurion gegründet hat. Gut sechzig Jahre ist der Staat heute alt, seine Eltern leben nicht mehr, und seine Erben sind Dummköpfe, Narren, Räuber, Bösewichte, die vergessen haben, woher sie gekommen sind. Und das Erinnern ist doch heikel für einen, der nicht dabei war und nicht gesehen hat, wie gute Menschen irrten oder nicht irrten, wie sie schwer verständliche, aber auch kühne Entscheidungen fällten. Und von denen, die mit mir dort gewesen sind und sich erinnern könnten, wird ja bald keiner mehr übrig sein, obwohl ich sehe, dass es heute mehr davon gibt als damals. Sie haben sich nach dem Tod auf wundersame Weise vermehrt. Es gibt heute ein »Haus der Palmach«, das Palmach-Museum, das größer ist, als die ganze Palmach zur Zeit ihres Bestehens je gewesen ist, und es gibt eine »Generation der Palmach«, die Palmach-Filme dreht und Palmach-Kongresse veranstaltet und Palmach-Gedenkausschüsse finanziert und Palmach-Preise verleiht und die Geschichte der Palmach neu schreibt – eine ganze Organisation zur Klitterung der Erinnerung an die Palmach haben sie ins Leben gerufen! Die echte Palmach wurde 1948 abgeschafft, auf Befehl Ben Gurions, der in seiner rigorosen Zielstrebigkeit erkannte, dass man die Privatarmeen der Parteien, zu denen nun mal auch die Palmach gehörte, auflösen musste, egal, wie viel Blut die Palmach hatte lassen müssen und wie viel Glück sie letzten Endes gebracht hatte, indem sie mit ein paar weiteren Bataillonen einen Staat aus dem Nichts schuf. Bei einer traurigen Abschiedsversammlung im Volkshaus riefen die Anwesenden damals: »Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.« Nach ihrem Tod wurde die Palmach eine große Armee mit einem großen Palast, wobei neunzig Prozent derer, die sich dort treffen, nie der Palmach angehört haben, als sie noch eine kämpfende Truppe war. Wie man sagt, gibt es ein Leben nach dem Tod, zumindest was die israelischen Untergrundarmeen anbelangt.

Israel. Jehuda. Der hebräische, jüdische, israelische Staat. Vielleicht ist er nichts als das neue Kanaan, das Land der Amoriter, der Hiwiter und der Jebusiter, der Staat der Juden. Anstelle von Lehrern hatten wir phrasendreschende Propheten, denen wir die Erlösung bringen, die Nazis, ausgelöscht sei ihr Name, besiegen sollten. Mich schloss dieses »Wir allerdings nicht« ein, denn meinem Vater waren neue Staaten im Nahen Osten ziemlich gleichgültig. Er las deutsche Bücher, hörte Beethoven-Quartette und Musik von Monteverdi und träumte auf Deutsch von Berlin, aber die Eltern der meisten meiner Freunde sprachen Jiddisch oder Rumänisch oder Ungarisch, und angesichts des drohenden Krieges erschraken sie furchtbar, weil sie gerade erst erfahren hatten, dass ihre in Europa verbliebenen Angehörigen in der erst vor kurzem beendeten Schoa umgekommen waren. Sie schickten uns mit Begeisterung aus, einen Staat für ihre ermordeten Verwandten zu errichten, einen Staat für ihre Toten, ohne zu ahnen, dass dieser Staat eine Art Irrenhaus in der Wüste werden würde, über und über bestäubt mit dem Knochenmehl der Juden, die nicht lebend eingetroffen waren.

Israel ist tatsächlich ein Totenstaat. Er wurde für Tote errichtet. Er erinnert stets daran, dass sie vielleicht nicht hätten sterben müssen, wenn wir ihn fünfzig Jahre früher gegründet hätten. Wie kann ein jüdischer Staat mit dem historischen Kitt eines Heiligen, gelobt sei er, leben, der gefühllos, gleichgültig ein Drittel seines Volkes ermordet hat? Hinter uns standen melancholische, alte Revolutionäre, die an das »Dennoch« des großen hebräischen Schriftstellers Josef Chaim Brenner glaubten. Einige von ihnen waren aufgetakelt, klein und fanatisch, schön in ihrem Eifer und in ihrer Liebe für die Geschichte, die ihren Söhnen das Recht verlieh, an ihrer Stelle Rache zu üben. Vielleicht waren sie sogar Aristokraten im armseligen Wortsinn und sahen uns in den Annalen Israels, des ewigen Volkes, eines uralten Volkes, das schon jahrtausendelang ein würdiges Leben anstrebt, ohne zu wissen, wie man in Würde lebt, ein Volk, das lieber sehnt als lebt. Ein Volk, das in der Wüste geboren und aus seinem Heimatland und aus seinem Vaterhaus gegangen war, um sich auf Wanderschaft zu begeben, nichts Kühnes mit seinen Sehnsüchten anzufangen wissend. Unsere Lehrer dachten doch, wir würden unser uraltes Land, unsere nationale Heimstätte wiederaufleben lassen und Israel rächen, Vergeltung für die Pogrome üben. Sie wollten, dass wir eine riesige Vergeltungsaktion gegen die jüdische Geschichte starteten, wie etwa in Chaim Hasas’ Erzählung Die Predigt, die wir alle auswendig kannten. Wir sollten eine neue, eigenständige, männliche jüdische Geschichte schaffen, damit wir nicht mehr auf Gedeih und Verderb der Geschichte anderer Nationen ausgeliefert wären, sollten dem gedemütigten, bis zur Ausrottung verfolgten Volk Ehre einbringen. Und so zogen wir denn aus, einen Staat zu gründen, gegen Chmielnicki und gegen die Kosaken und gegen die Deutschen, fanden aber nichts vor als Araber. Die kannten wir von den Schüssen auf uns in den dreißiger Jahren, wenn wir nach Gedera fuhren, und von den Eseln und vom Markt in Jaffa und von den Schreien »itbach al-yahud«, metzelt die Juden, und von der schmackhaften Tahina, dem Kaffee mit Kardamom, dem Khayat-Strand des edlen Arabers, den mein Vater gern in seiner Luxusvilla in Haifa besuchte, aus den Geschichten über Kibbuz Hanita und Orde Wingate und von dem Töten und der Wut und dem Kampf seit den zwanziger Jahren.

Was hier vor zweitausend Jahren passierte, war für unsere Väter Legende und gebrannte Tonscherben, für uns war es Geschichte und Geographie des Landes. Wir waren Kinder der Bibel, aber auch Kinder des Buchs der Haggada, der Legendensammlung aus Talmud und Midrasch, die Chaim Nachman Bialik und Jehoschua Rawnitzki zusammengestellt hatten. Wir lasen gern, wie Mose Josua ins Stiftszelt kommen sah und ihn beneidete und zu Gott sagte: »Hundert Tode, nur keinen einzigen Neid.« Unsere Eltern waren Polen, Russen, Deutsche, Rumänen oder Griechen, die Sorgen und Erniedrigung gekannt hatten und in ihre historische Heimat gekommen waren, um getreu dem bekannten Gebet »unsere Tage zu erneuern wie ehedem«. Vor über sechzig Jahren, von Dezember 1947 bis Ende 1948, waren wir die gern besungenen Jungen »von schöner Haartolle und Gestalt«. Ja, das waren wir wirklich, das kann ich beschwören.

Es gab damals drei Sorten Zahnpasta: Shemen aus der gleichnamigen Speiseölfabrik, Shenhav von der Krankenkasse und die britische Marke Dr. Collins, die ungekrönte Königin unter den dreien.

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