Logo weiterlesen.de
Acht Top Thriller - 1000 Seiten Krimi Spannung

Acht Top Thriller - 1000 Seiten Krimi Spannung

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2015.

Inhaltsverzeichnis

Copyright Page

Eine Kiste voll Krimis: Acht Top Thriller

Special Agent Owen Burke: Jack the Ripper II.

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Münster-Wölfe

1

2

Dedication

Ich begann mit sieben Jahren, Geschichten zu schreiben. Meine Eltern hatten ein Haus gebaut und da wohl in allen Familien, die so etwas wagen, das Geld etwas knapp ist, verkauften sie nebenberuflich als Provisions-Vertreter Häuser jener Fertighaus-Firma, von der sie ihr eigenes Haus erworben hatten. Unser Haus fungierte als Muster-Haus. Zu einem besonderen Werbe-Event waren über den Tag verteilt ca. 3000 Menschen bei uns, um sich das “Muster-Haus” anzusehen.

Ich saß da und schrieb. Dutzende dieser Leute fragten mich: “Na, machst du Hausaufgaben?”

Und ich sagte: “Nein, ich schreibe einen Roman!” Wenn ein Siebenjähriger das sagt, erntet er dafür nur ungläubige Blicke. Ich versuchte vergeblich, das zu erklären. “Also du schreibst etwas für die Schule”, bekam ich dann beispielsweise von verständnislosen Erwachsenen zur Antwort. Ich habe zunächst tapfer zur Flagge der Wahrheit gestanden und meinen Gesprächspartnern versucht zu erklären, was ich tue. Irgendwann, nach vielleicht einem Dutzend  “Machst-du-Hausaufgaben?”-Fragen, habe ich es dann aufgegeben und nur noch gesagt: “Ja, ich mache Hausaufgaben.” Manchmal will die Wahrheit eben einfach niemand wissen, und vor allem dann, wenn sie von der erwarteten Antwort abweicht, irritiert sie die meisten Menschen  nur.

ALFRED BEKKER

Eine Kiste voll Krimis: Acht Top Thriller

von Alfred Bekker, Carsten Zehm, Karl Plepelits, Robert W. Arndt, Hendrik M. Bekker, Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1000 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende vier Krimis:

Pete Hackett: Jack the Ripper II

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Carsten Zehm: Büttners Totschlag

Karl Plepelits: Von Mord zu Mord

Alfred Bekker: Blumen auf das Grab

Alfred Bekker: Bluternte 1929 – Umgelegt in Chicago

Robert W. Arndt: Requiem in Windy City

Hendrik M. Bekker: Die Akte Poe – Gesamtausgabe

Special Agent Owen Burke: Jack the Ripper II.

Gesamtausgabe

Krimi von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 80 Taschenbuchseiten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Am Montag, dem 14. September, wurde im Central Park die Leiche einer Prostituierten namens Hildred Turner aufgefunden. Wie drei jungen Frauen vor ihr – ebenfalls Prostituierte - war ihr Leib aufgeschlitzt und ihr das Herz entnommen worden. Der Leichenfund sorgte in den Medien für Schlagzeilen. In der New York Times, die vor Special Agent Owen Burke auf dem Schreibtisch lag, hieß die Schlagzeile: ‚Jack the Ripper II. hat wieder zugeschlagen‘.

Der Special Agent las den Bericht durch.

Da war von einem Serienmörder die Rede. Ähnliche Morde, hieß es in dem Bericht, waren in den vergangenen Wochen in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis geschehen. Der Verfasser des Artikels wandte jedoch ein, dass nicht ein und derselbe Täter am Werk gewesen sein konnte, da zwei Morde zur selben Zeit in Indianapolis und New York geschehen waren, und zwar am 23. August.

Es war auch von möglichen Ritualmorden die Rede. Das schloss der Journalist der New York Times aus der Tatsache, dass den Frauen jeweils die Herzen herausgeschnitten worden waren.

War eine Sekte am Werk?

Teufelsanbeter vielleicht und waren die Ladies Opfer schwarzer Messen geworden?

Owen Burke sprach mit seinem Kollegen Ron Harris darüber, und der sagte: „Eines ist Fakt: Es wurden nur Frauen vom Straßenstrich ermordet. In New York hier sind alle vier Ladies in Harlem verschwunden. Dass es sich um ein und denselben Täter handelt, dürfte keine Frage sein. Entweder es ist einer, der die Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis nachahmt, oder es handelt sich um eine Gruppe von Leuten, die in mehreren Städten gleichzeitig aktiv ist.“

„Eine Sekte“, stieß Owen Burke hervor.

„Möglich. Wir sollten vielleicht mal mit der Mordkommission Verbindung aufnehmen.“

Owen Burke rief beim Police Department an. Detective Lieutenant James Howard, der mit der Sache betraut war, erklärte, dass es keinen Hinweis auf den oder die Mörder gebe. Dass immer derselbe Täter am Werk gewesen war, stand zur Überzeugung des Kollegen jedoch fest. „Warum interessiert dich der Fall?“, fragte Howard abschließend.

„Weil es in einigen anderen Staaten ähnliche Morde gab“, versetzte Burke. „Es könnte also ein Fall für das FBI werden.“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht, Kollege“, sagte der Detective Lieutenant. „Zumindest hätte ich ihn dann vom Tisch.“

„Weißt du, was das Schöne an dir ist?“, fragte Owen Burke mit einem Anflug von Sarkasmus.

„Sicher, alter Freund. Ich bin überhaupt nicht egoistisch.“ Howard lachte und auch Owen Burke grinste, dann bedankte er sich bei dem Kollegen und beendete das Gespräch.

„Vielleicht sollten wir mal mit dem Chef drüber sprechen“, schlug Ron Harris vor.

„Keine schlechte Idee. Ich schätze aber, dass es unser Fall ist, sobald wir den AD wieder verlassen.“ Burke verzog das Gesicht. „Das bedeutet, dass wir vor dem Rätsel stehen werden, vor dem im Moment noch die Mordkommission steht.“

„Rätsel sind da um gelöst zu werden“, versetzte Ron philosophisch.

„Alter Optimist.“ Burke rief Amalie Shepard an und ließ sie – also ihn und Ron – beim Assistant Director anmelden.

Wenig später saßen sie am Besuchertisch im Büro ihres Vorgesetzten. Es gab keine Debatten. Der AD war damit einverstanden, dass die beiden Agents den Fall übernahmen. Nachdem es sich wahrscheinlich um einen Täterkreis handelte, der in verschiedenen Staaten sein Unwesen trieb, war es Bundessache und damit Sache des FBI.

Tags darauf hatten sie auch die Ermittlungsakten von den vier New Yorker Mordfällen auf dem Tisch. Der Eintritt des Todes bei Hildred Turner war den Feststellungen der Gerichtsmedizin zufolge Sonntag, der 13. September. Am 10. September war die junge Frau spurlos verschwunden.

Die beiden Special Agents studierten die Akten ausgiebig. Ron Harris sagte dazwischen einmal: „Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass die Frauen jeweils an einem Donnerstag entführt werden? Der Mörder schlägt seit dem 23. August im Wochentakt zu.“

„Und der Tod ist laut Gerichtsmedizin jeweils an einem Sonntag eingetreten.“

„Das bedeutet, dass am 17. September wieder eine Frau entführt werden wird.“

„Die Frauen wurden auch nie dort ermordet, wo sie aufgefunden worden sind. Man hat sie nach Eintritt des Todes zu den jeweiligen Fundorten gebracht. Leider konnte niemand Angaben darüber machen, was es für Fahrzeuge waren, in die die Ladies gestiegen sind.“

„Wann geschahen die Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis?“, fragte Ron.

Eine halbe Stunde und drei Telefongespräche später wussten es die Agents. Die Mordserie begann am 23. August. Die Frauen wurden an unterschiedlichen Tagen entführt, die Morde jedoch wurden jeweils an einem Sonntag verübt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Ritualmorde handelte, nahm Formen an. Die Agents waren sich einig, dass irgendwelche Teufelsanbeter für die Morde verantwortlich waren, die jeweils an den Sonntagen schwarze Messen abhielten, sowohl in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis als auch in New York.

Blutiger Satanskult! Anders war es nicht erklärbar, dass den Frauen die Herzen herausgeschnitten worden waren. Es konnten nur Satansjünger sein, die in verschiedenen Städten ihrem schrecklichen Glauben frönten und die miteinander in Verbindung standen.

Die Agents waren sich einig: Es handelte sich um Ritualmorde. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie mit Satanskult konfrontiert wurden.

Die Frage war, wo sie ansetzen sollten. Sie gingen ihre Möglichkeiten durch, das Ergebnis war allerdings nicht besonders zufriedenstellend, denn es lief im Endeffekt darauf hinaus, dass sie einschlägig Vorbestrafte überprüfen mussten.

Owen Burke klickte sich in den Zentralcomputer des FBI ein, Ron versuchte sein Glück im Zentralcomputer des Police Department, zu dem das FBI Zugang hatte.

Nach einiger Zeit hatten sie einige Namen und Adressen von Leuten, die sich in der Szene des Okkultismus einen Namen gemacht hatten. Sie sortierten jene Leute aus, die nicht in New York wohnten oder die sich derzeit in Haft befanden. Übrig blieben:

Miguel Sola, peruanischer Abstammung, lebte seit zwölf Jahren in New York. Seine derzeitige Adresse war Greene Street, SoHo.

Yul Bennan, wohnhaft in East 38th Street, Murray Hill. Bennan hatte wegen Körperverletzung mit Todesfolge sieben Jahre auf Rikers Island verbracht.

Ed Allister, er wohnte in der 77th Street, Upper West Side. Er hatte wegen Totschlags 12 Jahre hinter Gittern gesessen und war auf Bewährung frei.

Wesley Cohan, 42 Jahre alt. Er war wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung vorbestraft. Cohan wohnte in Staaten Island, 1465 Rockland Avenue.

Diese vier Männer pickten sich die Agents heraus, denn jeder von ihnen hatte irgendwann einmal einem Satanszirkel angehört.

Ron sprach aus, was Owen Burke dachte: „Damit haben wir vier potentielle Täter, Owen, die aber nur für die Morde in New York in Frage kommen. Es wurden aber – zum Teil zeitgleich -, in Cincinnati, Baltimore und Indianapolis Morde nach demselben Muster verübt. Das Täterprofil ist dasselbe. Die Leichen der Frauen waren immer auf dieselbe Art verstümmelt.“

„Kümmern wir uns erst einmal um unsere vier Kandidaten“, versetzte Owen Burke. „Sollte einer dabei sein, der sich verdächtig macht, bleiben wir solange an ihm dran, bis wir ihn haben. Und dann löst sich vielleicht der Rest des Rätsels von selbst.“

„Vielleicht könnten wir einen schnelleren Erfolg erzielen, wenn wir ihm einen Köder hinwerfen würden?“, kam es von Harris.

„Du denkst an eine Frau?“

„An eine Agentin.“

Owen Burke grinste. „Sind Agentinnen keine Frauen?“

„Es sind besondere Frauen“, knurrte Ron.

Burke dachte kurz nach, dann meinte er: „Keine schlechte Idee, Kollege. Aber zunächst sollten wir mal die vier Gentlemen unter die Lupe nehmen. Mal sehen, ob sie Alibis für die Tage haben, an denen die Ladies verschwanden.“

2

Zunächst fuhren Burke und Harris in die Greene Street, wo Miguel Sola wohnte. Der Stadtteil SoHo war nur einen Katzensprung von der Federal Plaza entfernt. Von einer Nachbarin erfuhren die Agents, dass sich Sola in der Arbeit befand. Er fuhr eine Straßenkehrmaschine. Die Lady nannte den Agents auch den Namen des Betriebes, bei dem Sola angestellt war. Sie ließen Sola eine Vorladung zurück, wonach er am folgenden Tag um 8 Uhr im Federal Building vorsprechen sollte. Ron Harris vermerkte seine Zimmernummer auf der Vorladung.

Als nächstes statteten die Agents Yul Bennan in der 38th Street einen Besuch ab. Er war zu Hause und bat die G-men – nachdem sie sich ausgewiesen hatten -, in seine Wohnung. Bennan war nur mit einem grauen, ausgewaschenen T-Shirt und einer abgewetzten Jeans bekleidet. Er hatte sich seit mindestens drei Tagen nicht mehr rasiert. Übler Geruch stieg den G-men in die Nasen und in dem Apartment sah es aus wie in einem Schweinestall. Auf der Couch im Wohnzimmer lag eine Decke, auf dem Tisch stand eine halbleere Flasche billigen Weines, und der Aschenbecher quoll über. Ein Blick in Bennans gerötete Augen sagte Burke, dass der Bursche schon am helllichten Vormittag angesäuselt war.

Für Owen Burke schied er als Mörder aus.

„Ich bin arbeitslos“, erklärte Bennan. „Wenn ich mich bei einem Arbeitgeber vorstelle und in den Bewerbungsbogen schreibe, dass ich sieben Jahren eingesperrt war, habe ich schon verloren. Unterbezahlte Gelegenheitsjobs – ja. Aber eine richtige Anstellung finde ich nicht.“

Ron Harris dachte: Ich könnte dir schon sagen, warum du von jedem potentiellen Arbeitgeber abgelehnt wirst. Dann sagte er: „Anlässlich der Verhandlung gegen Sie damals kam zur Sprache, dass Sie einem Satanszirkel angehörten, Bennan. Sind Sie nach Ihrer Haftentlassung diesem Zirkel wieder beigetreten. Haben Sie wieder begonnen, an schwarzen Messen teilzunehmen und ...“

Bennan lachte fast belustigt auf, sodass Ron abbrach, dann stieß der angetrunkene Bursche hervor: „Ich habe mich damals den Satansjüngern zugewandt, weil sie Drogen- und Sexorgien feierten. Allerdings war ich kein überzeugter Anhänger Satans.“ Wieder lachte Bennan auf, leckte sich über die Lippen, ging zum Tisch, nahm die Schachtel Marlboro, und schüttelte sich einen Glimmstängel heraus. Als er brannte und nachdem Bennan den ersten Zug inhaliert hatte, fuhr er fort: „Ich glaube weder an Gott noch an den Satan. Meine Teilnahme an den schwarzen Messen diente ausschließlich der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Im Suff erwürgte ich beim Sex eine dieser Schlampen, die Satan anbeteten. Das brachte mir zehn Jahre ein, von denen ich sieben absaß.“

„Wo waren Sie am 20. und 27. August sowie am 3. und 10. September?“, fragte Burke.

Bennan blinzelte den Agent an. „Wahrscheinlich habe ich hier auf der Couch gelegen und in die Röhre geglotzt. Es kann aber auch sein, dass ich auf der Couch lag und geschlafen habe. Warum fragen Sie das?“

„Weil an diesen Tagen – es war jeweils donnerstags -, junge Prostituierte in der Morningside Avenue, oben in Harlem, entführt worden sind. Man hat sie einige Tage später mit aufgeschlitzten Leibern und fehlenden Herzen in irgendwelchen Parks gefunden.“

Bennan kratzte sich hinter dem Ohr. „Sie sprechen von den Opfern Jack the Rippers II., nicht wahr?“ Hastig saugte er an der Marlboro.

„Jack the Ripper II.“, echote Burke. „Diesen Namen haben ihm die Medien gegeben. Vielleicht bildet sich der Kerl sogar etwas darauf ein. Aber er ist nicht Jack the Ripper. Der hat irgendwann – ich glaube im 19. Jahrhundert -, in London gelebt und ist längst tot.“

„Aber die New York Times nennt ihn doch so.“

„Ja, ich weiß. Irgendeinen Namen mussten sie ihm wohl geben, und Jack the Ripper II. bot sich geradezu an.“

„Ich hab mal einen Film gesehen ...“

Burke winkte ungeduldig ab.

Bennan schoss dem Agent einen unfreundlichen Blick zu, ging zur Couch und ließ sich drauf fallen. Sie ächzte verdächtig in der Federung. Das Ding sah aus, als hätte er es sich vom Sperrmüll besorgt. Der Bursche zog wieder an seiner Zigarette, als wäre es der letzte Zug eines Lebens, dann schnappte er: „Schieben Sie mir nur nichts in die Schuhe, G-men. Mit dem Satanskult hab ich nichts mehr am Hut. Wie ich schon sagte: Meine Tage verbringe ich mit Schlafen und Fernsehen ...“

... und Saufen, fügte Owen Burke in Gedanken hinzu und vernahm Bennans weitere Ausführungen:

„Da ich alleine lebe, habe ich für die Tage, die Sie genannt haben, natürlich kein Alibi. Aber ich muss meine Unschuld nicht beweisen ...“

„Besitzen Sie ein Auto?“

Bennan tippte sich mit dem Daumen gegen die Brust. „Ich – ein Auto?“ Er lachte fast belugstigt auf. „Nein. Wie sollte ich mir ein Auto leisten können? Wenn ich ein geregeltes Einkommen hätte, dann wäre das was anderes. Aber so ...“

Er brach viel sagend ab.

Die Agents verabschiedeten sich von Bennan. Als sie wieder im Dienstwagen saßen, sagte Ron Harris im Brustton der Überzeugung: „Bennan scheidet aus. Wie hätte er die Leichen der Frauen transportieren sollen? Außerdem vermittelte er ganz den Eindruck, vom Alkohol abhängig zu sein. Als Schluckspecht dürfte er andere Interessen haben, als Frauen die Herzen aus der Brust zu schneiden.“

Owen Burke war gleicher Meinung. Alles sprach gegen eine Täterschaft Bennans.

Sie fuhren zu Ed Allister. Er war zu Hause. Im Gegensatz zu Bennan wohnte er in einem ordentlich eingerichteten Apartment, er sah gepflegt aus, und er erklärte den Agents, dass er seit einem halben Jahr verheiratet sei. Seine Frau sei berufstätig und sorge für das Einkommen, während er den Haushalt versorge.

„Haben Sie nach Ihrer Haftentlassung wieder Kontakt mit einem Satanszirkel aufgenommen?“, fragte Burke. „Frönen Sie wieder dem Teufelskult?“

„Woran ich glaube müssen Sie schon mir überlassen, G-man“, stieß Allister etwas ungehalten hervor. „Ja, ich glaube an den Satan. Aber ich bin nicht mehr aktiv tätig.“ Nach einer kurzen Pause fügte er murmelnd hinzu: „Meine Frau würde dafür kein Verständnis aufbringen.“

Auf Burkes Frage nach einem Alibi für die Tage, an denen die Frauen entführt wurden, antwortete Allister: „Meine Frau wird Ihnen bestätigen können, dass ich an den jeweiligen Tagen zu Hause war.“ Er räusperte sich, dann fuhr er fort: „Wie Sie wahrscheinlich wissen, bin ich auf Bewährung draußen. Zwölf Jahre habe ich abgebrummt und ich habe nicht vor, mir die Bewährung zu verscherzen. Ich habe damals jenem Kerl, der mich angriff, eine verpasst, allerdings fiel er derart unglücklich, dass er einen Schädelbasisbruch davontrug, woran er starb. Ich bin kein Straftäter im herkömmlichen Sinn, keiner von denen, die kriminelle Energie an den Tag legen und immer wieder rückfällig werden. Meine Straftat ordne ich mehr dem Bereich Unfall oder Unglücksfall zu.“

„Sie sind also der Meinung, zu Unrecht verurteilt worden zu sein?“, fragte Burke.

„Man hat mir fünfzehn Jahre aufgebrummt und ich bin immer noch davon überzeugt, dass Jury und Richter auf Grund der Tatsache, dass ich einem satanischen Zirkel angehörte, nicht objektiv waren.“

„Das Urteil wurde in der zweiten Instanz bestätigt“, wandte Burke ein.

Allister winkte ab und sagte abschließend: „Ich habe mit den Morden an den Prostituierten nichts zu tun. Meine Frau kann Ihnen bestätigen, dass ich meine Abende zu Hause verbringe.“

Burke glaubte es ihm.

Zuletzt begaben sie sich nach Staaten Island, in die Rockland Avenue, wo Wesley Cohan lebte. Cohan war nicht zu Hause. Die Agents fragten bei einer Nachbarin nach. Die Frau sagte: „Cohan arbeitet bei Jamesons-Industries Ltd., drüben, in New Jersey. Die Firma stellt Pflanzenschutzmittel her.“ Die Stimme der Frau sank herab und nahm einen geradezu verschwörerischen Ton an. „Vor ungefähr zwei Monaten ist Cohan die Frau weggelaufen. Man sagt, Cohan sei mit HIV infiziert. Er soll sich bei einer Hure angesteckt haben. Was Genaues weiß man nicht. Cohan sieht jedenfalls schlecht aus. Vielleicht liegt es auch daran, dass er in der Pestizidefabrik mit Giftstoffen umgeht.“

„Wo lebt seine Frau?“

„Das müssen Sie Cohan schon selber fragen“, erwiderte die Lady. „Soviel ich weiß, muss er Unterhalt an sie bezahlen. Wahrscheinlich hat er sie sogar angesteckt. Aber das ist nur eine Vermutung. Man muss vorsichtig sein mit solchen Äußerungen, denn man kann leicht in Teufels Küche kommen, wenn man Unwahrheiten in die Welt setzt.“

„Ja“, sagte Ron Harris lächelnd, „das kann man. Darum sollte man sich hüten, unbestätigte Gerüchte in die Welt zu setzen.“

Die Frau nickte ernsthaft. „Das ist der Grund, weshalb ich immer ausgesprochen zurückhaltend bin.“

„Eine gute Einstellung, Ma'am“, lobte Owen Burke lächelnd.

Sie ließen auch Cohan eine Vorladung, und zwar für den kommenden Tag, 9 Uhr, zurück.

3

Kurz vor 8 Uhr erschien Miguel Sola im Federal Building. Er saß auf der Bank im Flur, als Owen Burke und Ron Harris den Dienst antraten. Da war es Punkt acht. Burke bat den Mexikaner in sein und Rons gemeinsames Büro und bot ihm einen Sitzplatz an.

„Weswegen haben Sie mich vorgeladen?“, fragte Sola. Er trug ein hohes Maß an Selbstbewusstsein zur Schau. „Ich hatte seit einigen Jahren Ruhe vor der Polizei.“

„Einige Morde sind geschehen, Mister Sola“, antwortete Burke. „Wir nehmen an, dass es sich um Ritualmorde handelt. In New York waren es bisher vier Frauen, die auf gewaltsame Art ums Leben gebracht wurden. Allen wurden die Herzen herausgeschnitten.“

Sola schluckte würgend. Jetzt wirkte er gar nicht mehr selbstbewusst. „Was habe ich damit zu tun?“, ächzte er.

„Sie waren mal als Priester in einer Satanssekte tätig. Damals wurde gegen Sie wegen Drogenhandels ermittelt. Das Verfahren wurde eingestellt. Allerdings nicht, weil Ihre Unschuld bewiesen wurde, sondern aus Mangel an Beweisen.“

„Das ist sieben Jahre her. Wir haben den satanischen Zirkel damals aufgelöst und ich habe auch nie wieder versucht, einen zu gründen.“ Jetzt verlieh er seiner Stimme ganz besondere Eindringlichkeit. „Ich habe mich vom Satanskult losgesagt und begonnen, mich mit der Bhagavad Gita zu beschäftigen.“

„Das bedeutete ein Gesinnungswandel von 360 Grad“, sagte Ron.

„So ist es. Ich war immer bemüht, die Wahrheit zu ergründen. Der Satan ist Wahrheit. Er verkörpert das Böse. Also muss es auch einen Gott geben, der das Gute personifiziert. Ich ...“

„Schon gut“, unterbrach ihn Burke etwas ungeduldig. „Wir haben Sie nicht vorgeladen, um von Ihnen bekehrt zu werden. Wo waren Sie in der Nacht vom 20. auf den 21. August?“

„Zu Hause, in meinem Bett. Ich gehe jeden Abend gegen zehn Uhr schlafen. Ich muss morgens immer früh raus, und ich brauche mindestens sieben Stunden Schlaf.“

„Besitzen Sie ein Auto?“

„Ja, einen alten Chevy.“

„Sind Sie mit dem Wagen da?“

„Natürlich. Warum sollte ich mit der Subway fahren, wenn ich ein Auto besitze?“

„Haben Sie ein Alibi für die Nacht vom 20. auf den 21. August?“

„Ich lebe allein.“

„Leider müssen wir Ihren Wagen vorübergehend beschlagnahmen“, erklärte Owen Burke. „Er muss von der SRD auf Spuren untersucht werden. Sie werden also einige Tage die Subway benutzen müssen.“

Mit einem Ruck stand Sola. „Stehe ich etwa im Verdacht, der so genannte Jack the Ripper II. zu sein?“

„Wir müssen jeder möglichen Spur nachgehen, Mister Sola“, versetzte Ron Harris. „Es gibt Grund zu der Annahme, dass die Frauen im Rahmen schwarzer Messen ermordet wurden. Sie waren mal Satanspriester und die Katze lässt das Mausen nicht. Sie verstehen?“

„Nein. Was hat das mit meinem Wagen zu tun?“

„Die Frauen wurden nicht dort ermordet, wo sie aufgefunden worden sind. Also müssen die Leichen mit einem Fahrzeug befördert worden sein. Auf entsprechende Spuren wird Ihr Auto untersucht. Sie bekommen Ihren Chevy innerhalb von drei Tagen wieder zurück, sollten sich keine Verdachtsmomente gegen Sie ergeben.“

„Ich werde einen Rechtsanwalt einschalten!“, erregte sich Sola. „Sie haben schon einmal bei mir auf Granit gebissen. Dieses Mal wird es nicht sein Bewenden damit haben, dass man das Verfahren gegen mich einstellen muss. Ich werde mich bei Ihrer vorgesetzten Dienststelle beschweren. Es ist eine Ungeheuerlichkeit ...“

Burke unterbrach seinen Redefluss, indem er sagte: „Gegen Sie ist kein Verfahren eröffnet, Mister Sola. Sollten Sie uns aber Ihren Wagen nicht freiwillig überlassen, werden wir eine richterliche Anordnung erwirken – die wir ganz sicher auch bekommen werden. Wenn Ihr Wagen sauber ist, wird an Ihnen wird nicht der geringste Makel haften bleiben. Sie als steuerzahlender Staatsbürger müssen doch Interesse daran haben, dass die Polizei ihren Job ordentlich macht. Wenn sich Ihre Unschuld herausstellt, ist das auch zu Ihrem Besten. Also beginnen Sie nicht, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.“

Sola beruhigte sich. „Gut. Untersuchen Sie meinen Chevy auf Spuren. Sie werden nichts finden, denn ich habe mit den Morden nichts zu tun.“ Er warf den Autoschlüssel vor Burke auf den Tisch und erklärte ihm, wo er den Wagen abgestellt hatte. Außerdem gab er die Zulassungsnummer bekannt, die der Special Agent auf einem Zettel notierte.

Sola verabschiedete sich.

„Was meinst du?“, fragte Ron, als die Agents alleine waren. „Ist er ein Mörder?“

„Das sieht man ihm leider nicht an der Nasenspitze an“, versetzte Burke. „Aber wenn ich meiner Menschenkenntnis vertrauen kann, dann ist er nicht unser Mann.“

„Heute ist der 17. September“, meinte Ron. „Donnerstag. Dem Gesetz der Serie entsprechend, nach dem – hm, Jack the Ripper II. zuschlägt, ist wieder eine Entführung fällig.“

„Und wir stehen dem machtlos gegenüber.“

„Es ist zum Heulen.“

Die Agents widmeten sich wieder ihrer Schreibtischarbeit.

Um 9 Uhr klopfte es gegen die Tür.

„Herein!“, rief Burke und vermutete, dass es sich um Wesley Cohan handelte, der geklopft hatte.

Die Tür öffnete sich und ein hohlwangiger Mann mit bleicher Gesichtshaut streckte den Kopf ins Büro. „Mein Name ist Cohan. Ich habe für heute um 9 Uhr eine Vorladung von Ihnen erhalten.“

„Treten Sie ein“, forderte Burke den Mann noch einmal auf. Als er im Büro war und die Tür hinter sich zugedrückt hatte, bot er ihm einen Sitzplatz auf dem Stuhl an, auf dem vorhin noch Miguel Sola gesessen hatte.

„Es geht um die Morde an vier Prostituierten“, begann Owen Burke.

Sofort stand Cohan senkrecht. „Was habe ich damit zu tun?“

Burke wies auf den Stuhl. „Setzen Sie sich wieder, Mister Cohan. Es handelt sich um eine reine Routineüberprüfung. Sie sind vor einigen Jahren als Satansjünger in Erscheinung getreten. Da wir annehmen müssen, dass die Prostituierten Ritualmorden zum Opfer fielen, überprüfen wir die Leute, die irgendwann mal mit Satanskult in Verbindung standen.“

Cohan setzte sich wieder. In seinem Gesicht arbeitete es. „Ich habe von den Morden in den Nachrichten gehört“, sagte er schließlich mit sachlichem Tonfall. „Man spricht von Jack the Ripper II.“

„Sehr richtig“, erwiderte Burke, dann fragte er Cohan nach seinem Alibi für die Tage, an denen die Frauen verschwunden waren. Cohan hatte keines. „Ich gebe mich kaum mit jemand ab. Meine Frau hat mich verlassen ...“

„Warum hat Sie Ihre Frau verlassen?“, klinkte sich Ron Harris ein.

Cohan zögerte etwas und es mutete an, als musste er sich die Antwort erst im Kopf zurechtlegen, doch dann sagte er: „Wir haben uns auseinandergelebt und hatten uns nichts mehr zu sagen.“

„Wo wohnt Ihre Frau jetzt?“

Cohan zögerte ein wenig. „Ich weiß es nicht.“

„Müssen Sie nicht an sie Unterhalt bezahlen?“

„Doch. Das Geld geht auf ein Konto bei der Citi Bank.“

Owen Burke fragte ihn, ob er ein Auto besaß, und als er bejahte, erklärte er ihm, dass sie seinen Wagen für einige Tage konfiszieren mussten, damit er von der SRD unter die Lupe genommen werden konnte.

„Ich brauche den Wagen für den Weg zur Arbeit“, stieß Cohan hervor.

„Es verkehrt sicher ein öffentliches Verkehrsmittel zwischen Staten Island und New Jersey“, entgegnete Burke. „Außerdem nehmen wir Ihnen den Wagen nicht weg. Sie bekommen ihn auf der Stelle zurück, wenn sich keine Spuren von den Frauen finden.“

„Welche Spuren?“

„Haare, Hautschuppen, vielleicht auch Speichel ...“

„Ah, für eine DNA-Analyse. Ich verstehe. Kann ich mich weigern, Ihnen das Auto zu überlassen?“

Owen Burke wies auch ihn darauf hin, dass er mit Sicherheit eine richterliche Anordnung für eine Beschlagnahme erhalten würde.

Cohan zuckte ergeben mit den Schultern. „Na schön, G-men. Sehen Sie zu, dass ich mein Auto bald zurückbekomme. Ich brauche es.“

„Was für einen Wagen fahren Sie denn?“

„Einen Ford. Ein älteres Fabrikat.“

„Welche Farbe hat der Wagen?“

„Silbermetallic.“

„Sie arbeiten in einer Pestizidefabrik. Werden Sie regelmäßig auf Ihren Gesundheitszustand durchgecheckt?“

„Ja.“ Cohan zögerte ein wenig, dann erklärte er: „Mir fehlt nichts. Noch nicht. Welche Langzeitschäden sich infolge des Umgangs mit den Giftstoffen ergeben, ist allerdings nicht abzusehen.“ Nach diesen Worten grinste er starr, man könnte fast sagen betreten.

Schließlich hatten die beiden Agents keine Fragen mehr, Burke kassierte den Autoschlüssel von Cohan und die Zulassungspapiere, fragte ihn, wo er den Wagen geparkt hatte und wie das Kennzeichen lautete, dann durfte der Mann gehen.

„Möglicherweise handelt es sich gar nicht um Ritualmorde“, meinte Ron. „Wenn es auf den ersten Blick vielleicht auch so aussieht. Kann es nicht sein, dass der Mörder vom Hass auf Prostituierte geleitet wird.“

An diesen Aspekt hatte Owen Burke auch schon gedacht, ihn aber noch keiner intensiveren Beurteilung unterzogen, denn es sprach einiges dagegen. „In Baltimore, Cincinnati und Indianapolis geschehen Morde nach demselben Strickmuster. Am 23. August müsste sich der Täter gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten aufgehalten haben. Das spricht gegen diese Theorie.“

„Ein Nachahmer“, mutmaßte Ron Harris. „Der Personenkreis der Opfer lässt diesen Schluss zu. Dadurch, dass der Killer den Frauen die Herzen aus dem Leib schneidet, will er vielleicht eine falsche Spur legen.“

Owen Burke konnte sich dem Gedankengang seines Kollegen nicht völlig verschließen.

Ron Harris fuhr fort: „Es handelt sich jedes Mal um Prostituierte. Und zwar nur um Frauen, die auf den Straßenstrich gehen. Würde es sich um Ritualmorde handeln, wäre es den Tätern egal, woher ihre Opfer kommen. So aber steckt System dahinter. Bei dem Täter handelt es sich möglicherweise um einen Psychopaten, der vom Hass auf die Huren vom Straßenstrich geleitet wird. Vielleicht ein Kindheitserlebnis, ein Trauma, eine Neurose.“

„Das erweitert unseren Täterkreis immens“, knurrte Burke ohne die Spur von Begeisterung. „Es gibt auch keinen Hebel, wo wir ansetzen könnten. – Was hältst du von Cohan?“

„Sieht krank aus, der Mann. Im Übrigen ist er schlecht einzustufen. Wir sollten vielleicht mal mit seiner Gattin ein paar Worte wechseln.“

„Dazu müssen wir ihre Anschrift herausfinden. Ich bin überzeugt davon, dass Cohan sie kannte, sie uns aber verschwieg.“

„Warum sollte er?“

„Ist nur 'ne Vermutung“, sagte Burke und beendet das Thema. „Vielleicht verrät man uns bei der Citi Bank ihre Anschrift.“

Ron wiegte skeptisch den Kopf. „Wir werden eine richterliche Anordnung erwirken müssen.“

„Dann erwirken wir sie eben“, stieß Burke entschlossen hervor.

4

Es hatte tatsächlich eines richterlichen Beschlusses bedurft, damit die Agents von der Citi Bank die erforderlichen Auskünfte bezüglich der Gattin Wesley Cohans erhielten. Obwohl sie ihren Vorgesetzten eingeschaltet hatten, dauerte es einen vollen Tag, bis sie den Beschluss in Händen hielten. Sie fuhren damit zur Citi Bank. Der zuständige Sachbearbeiter nannte ihnen nach Vorlage des Beschlusses die Adresse. Mrs Cohan wohnte in Brooklyn, 427 Strauß Street. Die Agents bekamen auch die Telefonnummer der Frau. Ehe sie nach Brooklyn fuhren, rief Ron sie an, um festzustellen, ob sie überhaupt zu Hause war.

Sie nahm ab und nannte ihren Namen.

„Special Agent Harris, FBI New York“, stellte sich Ron vor. „Wir hätten Sie gerne mal gesprochen, Mrs Cohan.“

„Das FBI will mich sprechen?“, fragte sie nahezu entsetzt.

„Ja. Es ist wegen Ihres Mannes. Wir haben ihn betreffend ein paar Fragen.“

„Dieses verdammte Schwein! Ist er straffällig geworden? Sperrt ihn ein, bis er schwarz wird!“

Das war eine Reaktion, die Ron Harris nicht erwartet hatte, und so wirkte er geradezu betroffen. „Nein“, erwiderte er. „Es handelt sich um einige Routinefragen, seine Vergangenheit betreffend. Wann können wir Sie sprechen?“

„Ich bin zu Hause. Arbeitsunfähig. Das habe ich diesem elenden Hurenbock zu verdanken.“

„Wir sind in einer Stunde bei Ihnen“, erklärte Ron und unterbrach die Verbindung. Da er den Lautsprecher aktiviert hatte, hatte Owen Burke alles hören können, was Mrs Cohan von sich gegeben hatte. Er sagte:

„Besonders gut ist sie ja nicht auf ihren Mann zu sprechen. Schwein, Hurenbock, das sind nicht gerade Kosenamen, mit denen sie ihn tituliert.“

„Fahren wir zu ihr“, knurrte Ron, „und hören wir uns an, was sie zu sagen hat.“

Sie nahmen die Brooklyn Bridge, und eine knappe Stunde später standen die Agents vor dem Gebäude mit der Nummer 427 in der Strauß Street. Es war ein Wohnblock. Sie fanden das Apartment Mrs Cohans in der 3. Etage. Ron läutete. Die Frau öffnete und Burke schaute in ein eingefallenes Gesicht, in dem fiebrige Augen glänzten und das von einer fahlen Blässe war. Die dunklen Haare, die das Gesicht einrahmten, verstärkten diesen krankhaften Eindruck noch.

Sie ließ die Agents in die Wohnung und bot ihnen im Wohnzimmer Platz zum Sitzen an. Burke schaute sich um und stellte fest, dass Mrs Cohan ziemlich ärmlich eingerichtet war. Kein Möbelstück passte zum anderen. Der Agent konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Wohnung nur für eine vorübergehende Inanspruchnahme eingerichtet worden war.

Hatte es etwas mit der Erkrankung der Frau zu tun?

Er erinnerte sich der Aussage der Nachbarin Cohans, die davon gesprochen hatte, dass Wesley Cohan an Aids erkrankt sein sollte.

„Stellen Sie Ihre Fragen“, forderte Susan Cohan von den Agents.

„Ihr Mann gehörte mal einer Teufelssekte an.“

„Das stimmt.“ Mrs Cohan hob die Schultern. „In den ersten Jahren unserer Ehe hatte er noch Kontakt mit den Teufelsanbetern. Dann ist der Zirkel aufgelöst worden und ich habe hinterher nie mehr feststellen müssen, dass das Schwein dem Satanskult frönte.“

„Wie lange waren sie mit Wesley Cohan verheiratet?“

„Neun Jahre.“

„Sie sind nicht gut auf Ihren Mann zu sprechen“, konstatierte Ron.

„Seinetwegen bin ich dem Tod geweiht“, erklärte die Frau. „Er hat mich mit Aids angesteckt. Bei mir kam die Krankheit nach sieben Jahren zum Ausbruch. Er hat sich bei einer Hure vom Straßenstrich infiziert. - Ich habe nur noch kurze Zeit zu leben. Sehen Sie sich nur um hier. In meiner Wohnung finden sie nur altes Gerümpel, das mir Bekannte und Freunde geschenkt haben. Es rentiert sich für mich nicht mehr, mich neu einzurichten. Außerdem hätte ich gar nicht das Geld dazu. Mit dem Unterhalt, den mir der Schuft zahlt, komme ich gerade so über die Runden. Manchmal gibt mir mein Bruder etwas Geld. Er ist auch der einzige, zu dem ich noch Kontakt habe. Nach und nach haben sich alle Freunde und Bekannten zurückgezogen, weil sie fürchten, ich könnte sie anstecken.“

Mrs Cohan lachte bitter auf.

Das war eine Eröffnung, die Owen Burke zuerst einmal verdauen musste. In seinem Kopf klickerte es und ein Wort zog ihm durch den Sinn. Es lautete: Rache! Plötzlich betrachtete er Rons Mutmaßung, wonach der Täter ganz profane Beweggründe hatte, mit völlig anderen Augen.

Ein Mann, der allen Grund hatte, sich zu rächen, war Wesley Cohan. Er hatte sich bei einer Hure mit Aids infiziert, seine Ehe war in die Brüche gegangen, er war ein Todgeweihter. Und er hatte seine Frau, die er sicher mal geliebt hatte, mit ins Verderben gerissen. Obendrein hatte er früher einmal zu einer Satanssekte gehört.

Alles passte wunderbar zusammen, wie ein Mosaikstein zum anderen.

Ist Cohan unser Mann?, fragte sich Owen Burke.

Vieles sprach dafür.

„Wann erfuhren Sie und Ihr Mann, dass Sie HIV positiv sind?“, fragte Owen Burke.

„Diesen Tag werde ich niemals vergessen“, antwortete Susan Cohan. „Es war der 14. Juli. Ich bin einige Zeit vorher zum Arzt gegangen, weil ich mich absolut elend fühlte. Organisch schien ich gesund zu sein, also nahm man mir Blut ...“

Vielsagend brach sie ab.

Weil auch die Agents schwiegen, fuhr sie fort:

„Ich habe mich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen“, erzählte sie. „Denn ich war der Meinung, im Verein mit anderen Betroffenen könnte ich darüber hinwegkommen, dass mein Leben so gut wie beendet ist. Aber es ist nicht so einfach, zu akzeptieren, dass man in wenigen Wochen oder Monaten tot sein soll. Solange es einem gut geht, solange man gesund ist, verschwendet man kaum einen Gedanken an den Tod. Das ändert sich aber schlagartig, wenn man direkt damit konfrontiert wird. Ein positiver HIV-Test ist ein Todesurteil. Und plötzlich fragst du dich, ob das wirklich alles gewesen sein soll im Leben. Ich bin achtunddreißig Jahre alt. An der statistischen Lebenserwartung gemessen habe ich noch nicht mal die Hälfte des Lebens hinter mir. Real ist, dass ich meinen neununddreißigsten Geburtstag wohl nicht mehr erleben werde. Darum habe ich nur noch Hass für Wesley übrig. Er hat mir ein halbes Leben gestohlen.“

Susan Cohans Augen schimmerten feucht.

Es waren bittere Worte gewesen, die sie gesprochen hatte. Was sollten die Agents darauf antworten? Sie wechselten einen betretenen Blick, dann fragte Owen Burke: „War der 14. Juli auch der Tag, an dem Ihr Mann erfuhr, dass er sich mit HIV infiziert hat?“

Mrs Cohan nickte und schniefte.

„Wann trifft sich die Selbsthilfegruppe jeweils?“

„Jeden Donnerstag. Immer in der Wohnung eines anderen Betroffenen.“

„Wer leitet diese Sit-ins?“

„Dr. Andrew Ramsey. Er ist Diplompsychologe.“

„Wo wohnt Dr. Ramsey?“

Susan Cohan stand auf, ging zu einem Sideboard, zog einen Schub auf und griff hinein. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Visitenkarte. Sie kam zum Tisch zurück und reichte sie wortlos dem Agent.

Es war eine Visitenkarte Dr. Ramseys. Danach wohnte der Psychologe in East 22th Street. Auch seine Telefonnummer war angegeben.

„Dr. Ramsey ist Professor an der Columbia Universität“, erklärte Mrs Cohan. „Er betreibt aber auch eine eigene Praxis.“

„Besitzen sie einen Pkw?“, fragte Burke und schob die Visitenkarte ein.

„Nein. Ich lebe sozusagen von der Hand in den Mund. Ein Auto kann ich mir nicht leisten. Warum fragen Sie?“

„Im August und September wurden vier Frauen vom Straßenstrich in New York ermordet. Es hat den Anschein, als stecke ein Zirkel von Satansanbetern dahinter. Nach dem, was wir jetzt von Ihnen hörten, ist aber nicht auszuschließen, dass Rache das Motiv für die Morde ist. Die Frauen wurden nicht dort ermordet, wo sie gefunden wurden. Darum muss der Mörder ein Auto besitzen, mit dem er sie transportierte.“

„Sie denken doch nicht, dass ich ...“ Mrs Cohan verschluckte sich fast und musterte die Agents mit allen Anzeichen des tiefen Entsetzens.

„Nein“, erklärte Owen Burke. „Sie verdächtigen wir nicht, Mrs Cohan.“

„Verdächtigen Sie Wesley?“ Während sie dies fragte, schaute sie den Agent derart intensiv an, als wollte sie ihn hypnotisieren.

Burke zuckte nur mit den Achseln. „Wir werden ihm sicher einige Fragen stellen.“

Da sie keine weiteren Fragen mehr hatten, verließen die Agents Mrs Cohan.

Als sie wieder im Dodge saßen, brachte Owen Burke zum Ausdruck, was ihn beschäftigte. Ron hörte ihm schweigend zu, doch als Burke geendet hatte, sagte er:

„Sicher, Cohan könnte unser Mann sein. Irgendwie aber kommt mir das alles zu einfach vor. Warten wir ab, was die Kollegen vom SRD feststellen, wenn sie seinen Wagen checken. Wenn sie keinen Hinweis darauf finden, dass eine der Ladies in dem Auto transportiert wurde, bleiben wir auf unserer Vermutung sitzen. Dann können wir ihn allenfalls beschatten und darauf warten, dass wir ihn auf frischer Tat ertappen.“

„Das ist sicher kein Zufall“, betonte Burke noch einmal. „Im Juli erfuhr Cohan, dass er sich mit HIV infiziert hat. Und im August beginnt die Mordserie an den Prostituierten.“

Burkes Handy dudelte, er holte es aus der Jackentasche und ging auf Empfang. Es war der Assistant Director, der sagte: „In der vergangenen Nacht wurde wieder eine Frau in der Morningside Avenue entführt. Ihr Name ist Kathleen Anderson. Andere Frauen haben beobachtet, dass sie in einen weißen Ford Lincoln eingestiegen ist. Eine der Ladys hat das Kennzeichen notiert. Danach ist ein gewisser Jim Pickett der Wagenbesitzer. Allerdings fährt Pickett einen Dodge. Die Kennzeichen waren von seinem Wagen gestohlen worden.“

Die Nachricht schockierte Owen Burke und sekundenlang spürte er tief in seiner Seele die Qual des Hilflosen. „Heute ist der 18. September, Sir“, presste er schließlich hervor. „In drei Tagen ist Sonntag. Großer Gott! Der Killer wird die Frau töten, wenn es uns nicht gelingt, ihn bis übermorgen zu entlarven und festzunehmen.“

„Das ist zu befürchten“, meinte der AD. „Bis jetzt haben wir noch nicht mal einen Anhaltspunkt, außer der Theorie, dass es sich um Ritualmorde handelt.“

Burke erzählte dem AD, was sie bei Mrs Cohan in Erfahrung gebracht hatten. „Cohan hätte also ein Motiv“, endete er. „Deshalb werden wir ihm in der nächsten Zeit etwas genauer auf die Finger sehen.“

„Hat nicht auch Mrs Cohan ein Motiv?“, wandte der AD ein.

Owen Burke war einen Moment ziemlich verdutzt, dann antwortete er: „Bei der gegebenen Sachlage – ja, Sir. Das Motiv ist sicherlich auch bei ihr vorhanden. Aber bei ihr ist die Krankheit bereits ausgebrochen. Sie sieht schwach aus. Außerdem besitzt sie kein Auto. Mrs Cohan schließe ich aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Wenn diese Frau im Stande wäre, einen Mord zu begehen, dann den Mord an ihrem Ehemann, der sie mit der Krankheit infizierte.“

„Sie haben Recht, Agent“, sagte der AD. „Nach allem, was wir wissen, kommt Wesley Cohan als Hauptverdächtiger in Frage. Tun Sie und Agent Harris alles, um die Frau, die sich wahrscheinlich in der Gewalt eines brutalen Serienkillers befindet, zu retten. Wir haben nur noch zwei Tage Zeit.“

Der AD beendete das Gespräch.

„In die Rockland Avenue“, knurrte Owen Burke. „Wir stellen das Haus Cohans auf den Kopf.“

5

Cohan war Zuhause und ließ die Agents in die Wohnung. Misstrauisch musterte er sie abwechselnd. Owen Burke sagte:

„Wir haben mit Ihrer Frau gesprochen, Mister Cohan. Sie ist ziemlich sauer auf Sie.“

„Wundert Sie das?“, fragte Wesley Cohan. „Sicher wissen Sie nach dem Besuch bei Susan Bescheid. Ich habe sie mit Aids angesteckt. Ein einmaliger Ausrutscher von mir, als ich zu einer Hure ging. Ich suchte schlicht und einfach nur mal etwas Abwechslung.“

Er wirkte ziemlich zerknirscht, sein Blick schien sich nach innen verkehrt zu haben.

„Dürfen wir uns etwas in Ihrer Wohnung umsehen?“

„Was gedenken Sie zu finden?“

„Gestern in der Nacht wurde wieder eine Frau in der Morningside Avenue entführt. Sie hätten ein Motiv, die Ladies vom Straßenstrich zu hassen.“

Cohan prallte regelrecht zurück, Erschrecken zeichnete sich in seinen Zügen ab, und er sagte kehlig: „Sie verdächtigen den falschen Mann. Ich habe seit gestern Nachtschicht und war nachweislich ab 22 Uhr in der Fabrik. Da ich nicht hingeflogen sein kann und Sie mein Auto konfisziert haben, musste ich mich gegen 21 Uhr auf den Weg machen, um mit dem Omnibus rechtzeitig den Betrieb zu erreichen. Zu spät zu kommen kann ich mir nicht leisten, denn man hat dafür im Betrieb wenig Verständnis, und wenn es sich wiederholt, fliegt man.“

Burke war wie vor den Kopf gestoßen.

Cohan hatte ein Alibi. Der Special Agent zweifelte keinen Augenblick daran, dass das, was er von sich gegeben hatte, der Wahrheit entsprach. Eine Lüge hätte ihm nichts genützt. Denn er musste davon ausgehen, dass die Agents seine Angaben überprüfen würden.

Auch Ron Harris schaute nicht besonders geistreich drein. „Wir würden uns trotzdem gerne mal in Ihrer Wohnung umsehen, Mr. Cohan“, sagte er.

„Gerne“, erwiderte Cohan.

Diese spontane Bereitschaft war für Owen Burke ein Hinweis darauf, dass sie nichts finden würden, was einen Schluss auf eine Täterschaft Cohans zuließe.

Cohan führte die Agents durch sämtliche Räume, die die Wohnung aufwies. Es waren drei Zimmer und Küche. Sogar den Keller und den Dachboden ließen sie sich zeigen. Es gab in der Tat nicht den geringsten Hinweis, dass in Cohans Wohnung jemals jemand gegen seinen Willen festgehalten worden wäre.

„Haben Sie sich auch einer Selbsthilfegruppe angeschlossen?“, fragte Burke.

„Nein. Das bringt nichts, außer dass man ständig an seine lebensbedrohliche Erkrankung erinnert wird.“

Burke und Harris fuhren zu der Pestizidefabrik in New Jersey, wo sie die Bestätigung erhielten, dass Cohan am vergangenen Abend um 22 Uhr seinen Dienst angetreten und bis morgens um 6 Uhr 30 gearbeitet hatte.

Das Kartenhaus, das sich die beiden G-men für kurze Zeit aufgebaut hatten, stürzte haltlos in sich zusammen.

„Vielleicht gibt es einen Helfershelfer“, sagte Ron, als sie nach Manhattan zurückfuhren. „Nachdem es in anderen Städten identische Morde gab, ist davon auszugehen, dass es sich eine ganze Gruppe zur Aufgabe gemacht hat, Straßenmädchen auf die brutale Art aus dem Verkehr zu ziehen. Ob das nun Satansjünger sind oder einfach nur Leute, die sich rächen wollen, lasse ich mal dahingestellt.“

Das war ein völliger neuer Aspekt.

Ron fügte hinzu: „Von Susan Cohan wissen wir, dass sich die Selbsthilfegruppe jeweils donnerstags trifft. Die Entführungen der Frauen fanden ebenfalls immer an einem Donnerstag statt. Diese Übereinstimmung kann Zufall sein, muss aber nicht. Es ist auf jeden Fall ausgesprochen seltsam.“

„Eine Gruppe“, sinnierte Owen Burke laut. „Gleichgesinnte, die sich irgendwo gefunden haben.“ Er schaute seinen Kollegen an. „... gefunden haben in einer Selbsthilfegruppe. So etwas gibt es sicherlich in jeder größeren Stadt. Warum sollten sie nicht miteinander kommunizieren, Erfahrungen austauschen, Treffs vereinbaren? Himmel, Ron, das ist ein hervorragender Gedanke.“

„Ab und zu findet auch ein blindes Huhn ein Korn“, knurrte Ron und grinste seinen Kollegen an. Doch sogleich dämpfte er dessen Enthusiasmus, indem er hinzufügte: „Leider auch nur Spekulation. Bis wir die Wahrheit herausfinden, dürfte es für die Lady, die sich in der Gewalt des Verrückten befindet, zu spät sein. Und der Gedanke, dass wir ihr nicht helfen können, macht mich krank.“

„Wir sollten mal in den anderen Städten anrufen, ob dort auch Frauen entführt wurden“, schlug Burke vor.

„Also fahren wir zurück ins Büro“, knurrte Ron. „Mir schwant Fürchterliches.“

Burke rief in Baltimore an. Der Kollege, mit dem er sprach, konnte keine Entführung feststellen. Währenddessen sprach Ron mit einem Beamten des Police Department in Cincinnati.

Nachdem Owen Burke das Gespräch mit Baltimore beendet hatte, wählte er die Nummer des Field Office in Indianapolis. Der Kollege sagte: „Ein neuer Entführungsfall ist nicht bekannt. Wir benutzen eine Agentin als Köder. Es ist zwar ein Spiel mit dem Feuer, aber anders kommen wir dem Mörder kaum auf die Spur. Sollten wir zu irgendwelchen Erkenntnissen gelangen, werden wir Sie auf jeden Fall informieren.“

Burke legte auf.

Auch Ron Harris hatte sein Gespräch beendet.

„Und?“, fragte Burke wenig erwartungsvoll.

„Nichts.“

„In Indianapolis arbeiten sie mit einem Köder. Eine Agentin hat sich dafür hergegeben.“

„Diese Möglichkeit habe ich auch schon mal in Erwägung gezogen“, erklärte Ron.

„Wir müssten es mit dem Chef abklären“, antwortete Burke. „Es kann auch schief gehen. Und dann möchte ich nicht in der Haut des AD stecken, der die Verantwortung für den verdeckten Einsatz übernehmen muss.“

„Wir sollten auch mal mit der einen oder anderen Frau in der Morningside Avenue reden“, schlug Ron vor. „Kathleen Anderson ist in einen Ford mit gestohlenen Kennzeichen gestiegen. Vielleicht hat jemand irgendwelche Beobachtungen gemacht, die uns weiterhelfen können.“

„Keine von denen, die in der Morningside Avenue herumstehen, wird zugeben, dass sie auf den Strich geht“, verlieh Owen Burke seiner Überzeugung und auch seinen Zweifeln Ausdruck. „Ich muss dir ja nicht sagen, dass Prostitution illegal und strafbar ist. Diese Frauen schaufeln sich nicht ihr eigenes Grab.“

„Wir ermitteln dort wegen einiger Mordfälle und der Entführung von Kathleen Anderson“, knurrte Ron Harris. „Was die Ladies in der Morningside Avenue treiben, ist uns schnuppe – und das werden wir ihnen auch klarmachen.“

„Gut, ich bin dabei. Das heißt, wir müssen eine Abendschicht einlegen“, gab Burke zu verstehen. „Tagsüber triffst du kaum eine der Frauen an. Für die meisten von denen beginnt der Tag erst am Abend.“

Sie begaben sich zum Assistant Director und erklärten ihm zunächst, dass Wesley Cohan ein Alibi für den vorhergehenden Abend hatte, dass er also nicht als Entführer Kathleen Andersons in Frage kam. Ron Harris wies auch darauf hin, dass möglicherweise eine ganze Gruppe am Werk war, die hinter den Morden an den Stricherinnen steckte. Er brachte die Sprache auch darauf, dass Mrs Cohan einer Selbsthilfegruppe angehörte, die sich jeweils donnerstags traf, und dass die Frauen bisher allesamt an einem Donnerstag entführt worden waren. Schließlich kam Owen Burke auf den Einsatz einer Agentin als Köder zu sprechen.

Die Brauen des AD hatten sich zusammengeschoben und über seiner Nasenwurzel hatten sich zwei steile Falten gebildet. „An wen haben Sie gedacht?“, fragte er schließlich.

„An Agent Dexter“, versetzte Owen Burke.

Der AD nickte. „Es muss auf freiwilliger Basis geschehen. Ich will Agent Dexter auf keinen Fall zwingen, sich auf dieses Vabanquespiel einzulassen.“

„In Indianapolis arbeitet bereits eine Kollegin undercover auf dem Straßenstrich“, rückte Burke mit der Sprache heraus.

„Die Idee ist nicht schlecht“, gab der AD zu. „Aber es kann ins Auge gehen. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben, doch eines wissen wir ganz genau: Er ist konsequent und skrupellos und mordet brutal. Außerdem muss es strikt geheim bleiben, dass einer unserer weiblichen Agents auf den Killer angesetzt ist, was natürlich die Gefahr birgt, dass die echten Prostituierten in ihr eine Konkurrenz sehen und ihre Zuhälter auf sie hetzen.“

„Wir werden unsere Kollegin beschützen“, erklärte Owen Burke mit Nachdruck in der Stimme. „Mir oder Agent Harris wird es nicht schwerfallen, in die Rolle ihres Zuhälters zu schlüpfen. Unabhängig davon sollten wir unseren Köder mit einem Funkpeilsender ausstatten und in der Nähe der Morningside Avenue einen Funkpeilwagen platzieren.“

Der AD griff zum Telefon und wählte eine Nummer. Dann sagte er: „Agent Dexter, kommen Sie doch bitte zu mir. Es geht um einen Einsatz. – Danke.“

Der AD legte auf.

Zwei Minuten später kam Lucy Dexter, die junge, hübsche Polizistin, mit der die beiden Agents schon des Öfteren zusammengearbeitet hatten. Nachdem sie sich begrüßt hatten, bot der AD Lucy einen Sitzplatz an, dann begann er: „Die Agents Burke und Harris ermitteln in Sachen des so genannten Jack the Ripper II., der bis jetzt vier Frauen ermordet und eine fünfte entführt hat. Sicher sagt Ihnen das etwas, Agent.“

Lucy erwiderte: „Natürlich. Die lokalen Nachrichten sind voll davon. In einigen anderen Städten sollen aber ähnliche Morde geschehen sein.“

„Ja, und zwar in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis. Die Agents Burke und Harris kommen nun mit der Idee zu mir, dem Killer einen Köder anzubieten. Ich finde den Gedanken nicht schlecht, will und kann aber niemand dazu zwingen, sich dafür zur Verfügung zu stellen, denn es ist ausgesprochen gefährlich – wahrscheinlich tödlich gefährlich. Wir wissen bisher nur, dass wir es mit einem gnadenlosen, brutalen Mörder zu tun haben, wahrscheinlich einem Psychopathen. Die Kollegen in Indianapolis arbeiten bereits mit einem Köder.“

„Kein Problem, ich stelle mich zur Verfügung“, erklärte Lucy Dexter spontan.

Burke sagte: „Bisher sind die Frauen immer an einem Donnerstag entführt und an einem Sonntag ermordet worden. Da identische Morde auch in anderen Städten geschahen, ist es nicht auszuschließen, dass es sich eine ganze Gruppe zum Ziel gesetzt hat, den Straßenstrich zu bekämpfen. Es kann dafür unterschiedliche Beweggründe geben. Religiöser Wahn, Rache, es ist auch nicht auszuschließen, dass Satanskult dahintersteckt. Auf letztere Annahme lässt die Tatsache schließen, dass den getöteten Frauen die Herzen herausgeschnitten worden sind.“

Lucy verzog das Gesicht.

„Auch wenn wir dem Mörder einen Köder präsentieren“, wandte der AD ein, „so wird er seinem Rhythmus entsprechend erst wieder am kommenden Donnerstag zuschlagen. Das ist der 24. September. Wir müssen aber davon ausgehen, dass er Kathleen Anderson bereits am 20., am kommenden Sonntag also, ermordet. Was können wir unternehmen, um das zu verhindern?“

Owen Burke und Ron Harris mussten passen. Es traf jeden von ihnen zwar bis in den Kern, aber keiner hatte eine Idee, wie sie verhindern sollten, dass der skrupellose, brutale Killer am kommenden Sonntag die Frau ermordete, die er in der Nacht von Donnerstag auf Freitag entführte.

„Wir können Kathleen Anderson nicht einfach abschreiben“, murmelte der AD und schaute ratlos von einem zum anderen.

6

Die Special Agents Burke und Harris waren in die Morningside Avenue gefahren. Es war abends, nach 22 Uhr. Ron Harris stellte den Dodge Avenger am Straßenrand ab, dann stiegen die Agents aus. Im Schatten eines Gebäudes stand eine Frau. Da zwei Kerle – nämlich die beiden G-men – auf sie zukamen, verhielt sie sich abwartend und beobachtete die beiden nur. Ein kleines Stück weiter konnte Owen Burke eine Kollegin von ihr wahrnehmen, die sich soeben in eine dunkle Hofeinfahrt zurückzog.

Die Agents näherten sich der Lady vom horizontalen Gewerbe, die im Schatten stand und nur schemenhaft wahrzunehmen war. Sie versuchte nicht zu fliehen, und als die Agents bei ihr angelangt waren, fragte Burke: „Werden Sie uns ein paar Fragen beantworten, eine Kollegin von Ihnen betreffend?“

„Seid ihr Bullen?“

Burke spürte geradezu körperlich den Anprall von Misstrauen und kühler Reserviertheit. „FBI“, sagte er. „Ich bin Special Agent Burke.“ Mit einer knappen Handbewegung auf Ron weisend fügte er hinzu: „Mein Kollege Ron Harris. Es geht um Kathleen Anderson.“

„Kenn ich nicht.“

„Okay“, stieß Owen Burke hervor, „reden wir Klartext. Uns ist klar, weshalb ihr hier steht und wartet. Und ihr wisst genauso gut wie wir, dass das, was ihr hier treibt, verboten ist. Aber mein Kollege und ich sind nicht hierhergekommen, um euch wegen eures verbotenen Tuns einen Strick zu drehen. Nein, ganz sicher nicht. Wir sind hier, weil Kathleen Anderson entführt wurde und zu befürchten ist, dass der Kidnapper sie am Sonntag ermordet, nachdem er sie drei Tage lang gequält hat. Also haben Sie Vertrauen, Ma‘am, und beantworten Sie unsere Fragen.“

Sie zögerte noch kurze Zeit, entschied sich aber und sagte: „Ich kann euch nicht viel sagen. Kathleen ist in einen Ford eingestiegen und nicht mehr aufgetaucht. Eine Freundin hat die Nummer des Wagens aufgeschrieben. Die Nummer hat die Polizei.“

Die Frau schwieg.

„Wie heißen Sie?“, fragte Ron.

„Penny. Sagen Sie einfach Penny zu mir.“

„Wurde der weiße Ford schon öfter hier gesehen?“

„Wer achtet schon darauf? Viele unserer Kunden fahren einen weißen Ford. Nachdem Hildred Turner ermordet worden war, haben wir begonnen, uns die Zulassungsnummern der Wagen der Kunden zu notieren.“

„Wer hat die Nummer des Wagens notiert, mit dem Kathleen weggefahren ist?“

„Ann. Sie müssen etwa dreihundert Yards weiterfahren. Dort steht Ann. In ihrer Nähe befand sich auch Kathleen.“

Die Agents gingen die dreihundert Yards zu Fuß. Eine Prostituierte lehnte an einer Hauswand, hatte den linken Fuß angewinkelt und dagegengestemmt. Sie maß die Agents misstrauisch von oben bis unten.

„Sind Sie Ann?“, fragte Owen Burke.

„Ja. Ihr seid Bullen, nicht wahr? Das sehe ich euch an der Nasenspitze an. Ihr könnt mir gar nichts. Ich darf hier stehen, solange ich will. Das ist ein freies Land und ...“

Burke unterbrach sie, indem er hervorstieß: „Wir ermitteln wegen der Entführung Kathleen Andersons. Zuvor wurden vier Frauen, die hier anschafften, brutal ermordet. Es ist zu befürchten, dass sich Kathleen in der Gewalt des Mörders befindet.“

Ann gab ihre lässige Haltung auf und kam einen Schritt näher. „Es muss ein Verrückter sein, ein Wahnsinniger. Wir alle haben furchtbare Angst.“

„Sie haben die Zulassungsnummer des Wagens notiert, in den Kathleen gestiegen ist.“

„Ja.“

„Wurde der Ford schon vorher einmal hier gesehen?“

„Am Tag vor ihrem Verschwinden fuhr Kathleen ebenfalls mit einem weißen Ford weg. Ich hatte seine Nummer aufgeschrieben. Nachdem Kathleen unversehrt zurückkehrte, habe ich den Zettel in die Mülltonne geworfen.“

„In welche Mülltonne?“

Ann wies mit dem Daumen über ihre Schulter. Einige Schritte entfernt stand ein Müllcontainer. „Er ist heute geleert worden“, sagte Ann. „Der Unrat ist zwischenzeitlich wohl in der Müllverbrennung gelandet.“

„Haben Sie die Zulassungsnummer noch im Kopf? Überlegen Sie mal, denken Sie nach!“ Burkes Stimme klang zuletzt drängend.

„Es war eine New Yorker Nummer“, erwiderte Ann und starrte nachdenklich auf einen unbestimmten Punkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß die Nummer nicht mehr. Tut mir leid.“

Ohne einen Schritt weitergekommen zu sein verließen die Agents die Morningside Avenue. „In diesem Fall scheint sich alles gegen uns verschworen zu haben“, knurrte Ron Harris. „Warum mussten hier ausgerechnet heute die Mülltonnen entleert werden?“

Ja, es war zum Verzweifeln.

Sie kamen nicht weiter, sie traten sozusagen auf der Stelle.

Und sie hatten nicht mehr viel Zeit. Am Sonntag – dessen waren sich sowohl Owen Burke als auch Ron Harris sicher -, sollte Kathleen Anderson sterben. Wenn sie es nicht schafften, sie vorher aus den Klauen des Killers zu befreien, würde man ihnen am Montag die Leiche der jungen Frau präsentieren.

7

Am Samstag, dem 19. September, ging ein Brief bei der New York Times ein, in dem der Killer den Mord an Kathleen Anderson ankündigte. Das FBI wurde unverzüglich in Kenntnis gesetzt. Der Brief war mit einem Computer geschrieben und mit einem Tintenstrahldrucker ausgedruckt worden und ließ keinen Schluss auf den Verfasser zu.

Am 21. September wurde die Leiche Kathleen Andersons gefunden. Der Mörder hatte ihr das Herz aus der Brust geschnitten.

An diesem Tag erfuhren Burke und Harris auch von der Spurensicherung, dass in den konfiszierten Autos nicht ein einziger Hinweis auf die getöteten Frauen gefunden worden war. Jetzt war Wesley Cohan endgültig aus dem Schneider.

In der Pathologie wurde festgestellt, dass bei Kathleen Anderson der Tod schon am Sonntag, dem 20. September eingetreten war. Dem Gesetz der Serie entsprechend: An einem Donnerstag entführt, drei Tage später, an einem Sonntag, ermordet.

Was für ein System steckte hinter dieser Kontinuität?

Beim FBI hatte sich die Vermutung, dass es sich um Rachemorde handelte, verfestigt. Dass den Frauen die Herzen herausgeschnitten worden waren, sollte die Polizei auf eine falsche Spur führen.

„Vielleicht sollten wir mal die Selbsthilfegruppe unter die Lupe nehmen, der Mrs Cohan angehört“, schlug Ron vor.

Owen Burke holte die Visitenkarte, die ihm Mrs Cohan gegeben hatte, aus der der Jackentasche. „Ich will mal mit dem Leiter der Gruppe sprechen“, sagte er, nahm den Telefonhörer zur Hand und tippte die Telefonnummer Dr. Ramseys. Wenig später meldete sich eine männliche Stimme:

„Dr. Ramsey.“

„Hier spricht Special Agent Burke vom FBI New York“, sagte der Agent. „Sie leiten eine Selbsthilfegruppe, in der sich einige HIV-Infizierte zusammengeschlossen haben?“

„Das ist richtig. Warum fragen Sie?“

„Es geht um die Morde an den Frauen vom Straßenstrich. Sicher haben Sie in den Nachrichten davon gehört.“

„Ja. Schrecklich. Ich denke, dass ein Psychopath am Werk ist. Ein normaler Mensch würde den Frauen nicht die Herzen herausschneiden ...“

„Es gab ähnliche Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis. Wir nehmen daher an, dass eine Gruppe dahinter steckt. In New York wurden die die Frauen jeweils donnerstags entführt. Es begann am 20. August. Donnerstags werden auch die Treffs Ihrer Gruppe abgehalten.“

„Ja, das ist seltsam“, sagte der Professor. „Unsere Sit-ins finden immer in der Zeit zwischen 20 und 22 Uhr statt. Denken Sie etwa, dass jemand aus meiner Gruppe dahintersteckt?“

„Wir müssen jeder Möglichkeit nachgehen“, versetzte Burke.

„Ich verstehe. In meiner Gruppe befinden sich acht Männer und fünf Frauen. Einen Mord traue ich allerdings niemand von ihnen zu.“

„Mrs Cohan ist auch in Ihrer Gruppe.“

„Ja. Ihr Mann hat sie angesteckt, nachdem er irgendwann mal auf dem Straßenstrich sein Vergnügen gesucht hatte. Tragisch für die Frau. Bei ihr ist die Krankheit schon zum Ausbruch gekommen.“

„Wir haben mit Mrs Cohan gesprochen. Sie hasst Ihren Mann. Wie haben sich die anderen Mitglieder Ihrer Gruppe infiziert?“

„Fast alle durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Die Frauen wurden – bis auf eine – von ihren Ehemännern angesteckt. Die Ehemänner wiederum haben sich bei Seitensprüngen infiziert.“

„Spielt der Straßenstrich eine große Rolle bei der Verbreitung von Aids?“, erkundigte sich Burke.

„Die Prostitution ist eine der Hauptursachen von Aids. Die Frauen werden von Freiern infiziert und geben den Virus weiter an andere Kunden, und die wiederum stecken ihre Ehefrauen, Lebensgefährtinnen und Freundinnen an. Es ist ein Teufelskreis. Hunderttausende sind auf der ganzen Welt schon infiziert. Die Dunkelziffer dürfte noch um einiges höher sein. Irgendwann wird die Krankheit Ausmaße annehmen wie die Pest im Mittelalter. Sie entwickelt sich zu einer Geißel für die gesamte Menschheit.“

Der Special Agent konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Stimme Dr. Ramseys zuletzt gepresst und verzerrt geklungen hatte, als hätte ihm etwas die Kehle zugeschnürt.

„In wessen Wohnung fand das letzte Sit-in statt?“, fragte Burke.

„Das war am 17. September. Wir waren in der Wohnung William Tobins in der 94th Street. Er hat sich auch bei einer Hure angesteckt.“

„Welche Nummer?“

„Was meinen Sie?“

„Die Hausnummer Tobins.“

„Moment.“

Es verstrich fast eine Minute. Dann meldete sich Ramsey wieder. „Ich habe in meinen Unterlagen nachgesehen. Es ist die Hausnummer 421.“

„Vielen Dank“, sagte Burke. „Sollte es noch Fragen geben, werde ich mich wieder an Sie wenden.“

„Jederzeit, Agent. Soweit ich dazu in der Lage bin, werde ich Ihnen gerne Rede und Antwort stehen.“

Owen Burke fiel noch etwas ein. „Eine Frage noch, Dr. Ramsey. Bei wem findet das nächste Treffen statt.“

„Moment, ich muss einen Blick in meinen Terminkalender werfen.“ Es dauerte wieder eine gute Minute. „Am 1. Oktober, bei Dennis Gray, Queens, 55th Street, Nummer 254.“

„Stehen Sie mit anderen Gruppen in Kontakt?“

„Nein. Aber ich leite eine weitere Gruppe, mit der ich mich jeweils dienstags treffe.“

Burke bedankte sich noch einmal, dann legte er auf und sagte an seinen Kollegen gewandt: „Die Sitzungen finden jeden Donnerstag zwischen 20 und 22 Uhr statt. Die Frauen wurden immer nach 22 Uhr entführt. Langsam werden es der Zufälle zu viele.“

Ron nickte. „Ich denke, wir sollten uns zu dem Treffen am 1. Oktober begeben.“

„Nein“, wehrte Burke ab. „Wir sollten lediglich mal beobachten, wer mit welchem Auto in die 55th Street in Queens kommt. Und wenn ein weißer Ford dabei ist, sollten wir den Fahrer beschatten, sobald das Sit-in beendet ist.“

„Am 1. Oktober wird auch Lucy in der Morningside Avenue stehen“, sagte Ron. „Wenigstens einer von uns sollte aufpassen.“

„Ja“, pflichtete Burke bei. „Übernimmst du das?“

„Warum nicht?“

8

Am 25. September teilte das Field Office in Indianapolis dem FBI New York telefonisch mit, dass die Falle, die man dem Prostituiertenmörder gestellt hatte, wahrscheinlich zugeschnappt war. Eine Agentin, die sich als Köder hergegeben hatte, hatte einen Sexualstraftäter überwältigt und mit Hilfe einiger Kollegen dingfest gemacht.

Es handelte sich um einen Mann namens Rufus Purdie.

„Gibt es Hinweise, dass er auch für die anderen Morde in Indianapolis verantwortlich ist?“, fragte Owen Burke den Kollegen am anderen Ende der Leitung.

„Sein Wagen und seine Wohnung werden auf Spuren durchsucht. Wir werden aber frühestens übermorgen Bescheid erhalten. Haare, Hautschuppen und ähnliches, was die Spurensicherung in dem Fahrzeug und in der Wohnung findet, müssen erst einer DNA-Analyse unterzogen werden.“

„Ist der Mann mit HIV infiziert?“

„Wieso diese Frage?“

„Bei uns besteht der Verdacht, dass sich einige HIV-Infizierte zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen und den Ladies vom Straßenstrich den Kampf angesagt haben.“

„Das ist ja ein völlig neuer Aspekt“, stieß der Kollege hervor. „Aber so abwegig erscheint mir das gar nicht. Ich werde mich drum kümmern. Sollte Purdie nicht bereit sein zu sprechen, werden wir sein Blut analysieren lassen. Sie hören wieder von mir, Kollege.“

Schon eine Stunde später schellte wieder das Telefon Burkes. Es war noch einmal der Kollege aus Indianapolis, der sagte: „Purdie hat zugegeben, mit HIV infiziert zu sein. Er bestreitet jedoch, etwas mit der Ermordung der Huren in den vergangenen Wochen zu tun zu haben. Er behauptet auch, nicht den Schimmer einer Ahnung zu haben, wer dahinter stecken könnte.“

„Er lügt“, erklärte Burke im Brustton der Überzeugung. „Einige HIV-Infizierte, die in verschiedenen Städten leben, haben sich zusammengeschlossen, um Rache zu üben dafür, dass sie irgendwann mit Aids angesteckt wurden. Wahrscheinlich – sehr wahrscheinlich sogar - haben Sie sich die Krankheit bei Stricherinnen geholt. Das würde einiges erklären.“

„Purdie schweigt wie ein Grab. Als Erklärung dafür, dass er unsere Kollegin zu misshandeln versuchte, gibt er an, dass sie sich weigerte, mit ihm zu seiner Wohnung zu fahren. Er wollte keinen Sex im Auto.“

„Wir können nicht auszuschließen, dass die Morde von verschiedenen Personen begangen wurden“, sagte Burke. „Es ist also durchaus möglich, dass Purdie mit den Morden in den vergangenen Wochen nichts zu tun hat, dennoch aber zum Kreis der Täter gehört. - Geben Sie uns Bescheid, sobald sein Wagen durchsucht und das Ergebnis ausgewertet ist.“

„Natürlich“, versprach der Kollege. „Umgekehrt werden Sie uns auch verständigen, wenn Sie etwas herausfinden.“

„Selbstverständlich.“

9

Es war Donnerstag, 19 Uhr 50. Owen Burke parkte den Dienstwagen, den er sich im Fuhrpark des FBI ausgeliehen hatte, in der Nähe des Hauses Nummer 254 in der 55th Street in Queens. Innerhalb eines Zeitraums von etwa zehn Minuten fuhren mehrere Autos vor. Männer oder Frauen stiegen aus und gingen in das Gebäude. Einer der Männer war mit einem weißen Ford gekommen, eine Frau mit einem beigefarbenen. Der Mann war grauhaarig. Wenig später sah Burke auch Susan Cohan aus einem weißen Lincoln steigen. Sie verschwand ebenfalls in dem Haus. Der Wagen, mit dem sie gekommen war, fuhr wieder weg. Am Steuer saß ein Mann um die vierzig Jahre. Der Special Agent erinnerte sich, dass Mrs Cohan von einem Bruder gesprochen hatte.

Owen Burke schaute auf die Uhr. Es war kurz nach acht Uhr. Um 21 Uhr 30 wollte Lucy Dexter ihre ‚Arbeit‘ in der Morningside Avenue aufnehmen. Sie würde mit einem Funkpeilsender ausgerüstet sein, ein Funkpeilwagen würde sich in der Nähe der Morningside Avenue befinden. Und Ron Harris stand bereit, um gegebenenfalls einzuschreiten, sollten sich Probleme jedweder Art ergeben. Um 22 Uhr würde das Sit-in der Selbsthilfegruppe enden.

Was danach kam, stand in den Sternen. Burke war inzwischen felsenfest davon überzeugt, dass die jeweiligen Sit-ins in einer Entführung gipfelten. Die Frauen wurden danach drei Tage misshandelt, möglicherweise auch missbraucht – und am darauffolgenden Sonntag getötet. Mit dieser Kontinuität und damit, dass man ihnen die Herzen herausschnitt, wollte man der Polizei Ritualmorde suggerieren. Sie sollte davon ausgehen, dass die Frauen im Rahmen schwarzer Messen geopfert wurden, die jeweils am Sonntag abgehalten wurden.

Die Gedanken des Special Agents arbeiteten. Zwei Mitglieder der Gruppe waren mit einem weißen Ford gekommen. Kathleen Anderson war in einen weißen Ford gestiegen, ehe sie spurlos verschwand, um wenige Tage später ermordet aufgefunden zu werden.

Die Frau, die mit dem beigefarbenen Ford gekommen war, schied als Mörder aus. Blieben der Grauhaarige übrig und der Mann, der Susan Cohan in die 55th Street chauffiert hatte.

Die Zeit verrann nur zähflüssig. Irgendwann wurde es düster und die Schatten der Abenddämmerung woben zwischen den Gebäuden. Burkes Handy dudelte und er ging auf Empfang. Es war Ron Harris, der Burke erklärte, dass Lucy in der Morningside Avenue angekommen war.

Von Seiten Owen Burkes gab es nichts zu berichten. Die Agents vereinbarten, in Kontakt miteinander zu bleiben.

Owen Burke schaute auf die Uhr. Es war 21 Uhr vorbei.

Noch eine knappe Stunde!

Hinter zwei Fenstern des Gebäudes Nummer 254 flammte Licht auf, dann wurden die Jalousien heruntergelassen.

Die Dunkelheit nahm zu. Die Minuten reihten sich aneinander. Die Stunde kam Owen Burke vor wie eine kleine Ewigkeit. Ein Auto fuhr vor. Ein weißer Ford. Er wurde am Straßenrand geparkt und die Scheinwerfer gingen aus.

Schließlich war es 22 Uhr. Die Lampe neben der Tür des Hauses ging an und die Tür öffnete sich. Lichtschein flutete auf den Gehsteig vor dem Gebäude und sogleich drängten die Mitglieder der Selbsthilfegruppe ins Freie. Stimmendurcheinander drang an Burkes Gehör. Vor dem Haus trennten sich die Leute und gingen zu ihren Autos. Susan Cohan stieg in den Ford, der eben vorgefahren war. Zu den beiden anderen Fords gingen der grauhaarige Mann und die Frau, die der Agent schon beobachtete, als sie kurz vor 20 Uhr hier eintrafen.

Owen Burke beschloss, dem Grauhaarigen zu folgen.

Er fuhr nach Manhattan. Um über den East River zu gelangen, benutzte er die Williamsburg Bridge. Der Special Agent hängte sich an. In Manhattan angekommen fuhr der Mann ein Stück auf der Delancy Street, bog dann in die Allan Street ein und wandte sich nordwärts.

In der 22nd Street bog der Mann ab und fuhr nach Osten, um schließlich vor einem Hochhaus den Ford zu parken. Burke rangierte sein Auto ein Stück hinter ihm in eine Parklücke. Der Grauhaarige stieg aus, verschloss per Fernbedienung das Fahrzeug und verschwand in dem Gebäude.

Burke ließ seinen Blick an der Fassade des Hochhauses hinaufwandern. Es verfügte über zehn Stockwerke. Hinter vielen Fenstern brannte Licht. Der Agent stieg aus und begab sich in das Gebäude, bei dem es sich um ein Wohn- und Geschäftshaus handelte. Hinter einer Rezeption saß ein Mann und las in einer Zeitschrift. Owen Burke trat an die Rezeption heran und sagte: „Soeben hat ein Mann mit grauen Haaren das Gebäude betreten. Wohnt er hier?“

Der Doorman schaute ihn durch dicke Brillengläser, die seine Augen immens vergrößerten, an. „Warum wollen Sie das wissen?“

Burke zückte seine ID-Card und hielt sie ihm vor die Nase. „FBI“, sagte er dazu. „Special Agent Burke.“

Der Mann zeigte sich nicht besonders überrascht oder beeindruckt. „Ja, er wohnt hier“, erklärte er. „Es handelt sich um Dr. Andrew Ramsey. Dr. Ramsey ist Diplompsychologe. Er wohnt in der 7. Etage.“

„Ist er verheiratet?“

„Nein, Junggeselle. Er lebt nur für seinen Job.“

Burke bedankte sich und verließ das Gebäude.

Draußen setzte er sich in den Dienstwagen und rief Ron an. Der berichtete, dass gegen 20 Uhr 45 ein weißer Ford im Schritttempo durch die Morningside Avenue gefahren sei, allerdings nicht angehalten habe.

„Hast du dir die Zulassungsnummer notiert?“, wollte Burke wissen.

„Ja.“

„Gut. Wir werden sie morgen auswerten.“

Für Owen Burke begann das Warten.

10

Es war 23 Uhr 45. Eine gute Stunde stand der Spezial Agent nun schon vor dem Gebäude, in dem Dr. Ramsey wohnte. Der Psychologe war nicht mehr erschienen. Wahrscheinlich lag er in seinem Bett und schlief den Schlaf der Gerechten. Burke rief seinen Kollegen an.

Ron Harris meldete keine besonderen Vorkommnisse und Burke erklärte ihm, dass er den Einsatz in der 22nd Street abbrechen werde. Mitten im Satz brach er ab, denn er sah einen weißen Pkw aus der Tenth Avenue in die 22nd Street einbiegen und langsam näherrollen. Ein Lichtkegel huschte vor dem Wagen her über den Asphalt.

„Was ist?“, fragte Ron.

„Da kommt ein weißer Wagen auf mich zu“, sagte Burke ins Handy. „Sieht aus wie ein Ford. Verdammt, Ron, es ist ein Ford. Ich melde mich wieder!“

Owen Burkes Instinkt meldete Gefahr. Er unterbrach die Verbindung und warf das Mobiltelefon auf den Beifahrersitz, ließ den Motor an und seine Rechte tastete sich zur SIG im Holster an seiner rechten Hüfte.

Der Special Agent war von einer fast fiebrigen Anspannung erfasst, seine Nerven vibrierten geradezu, er war hundertprozentig konzentriert.

Der weiße Ford war nur noch einen Steinwurf weit entfernt und Burke konnte erkennen, dass er nur mit dem Fahrer besetzt war. Er schaute auf die Zulassungsnummer, da sah er es auch schon aus dem Seitenfenster blitzen. Mündungsfeuer! Der Bursche schoss mit einer Pistole. Burke hörte es krachen, rutschte auf dem Sitz nach unten und verschwand fast unter dem Lenkrad. Der Dienstwagen sackte ein wenig nach links vorne ab. Glas klirrte. Dann war der Ford vorbei.

Burke riss die Tür auf und sprang ins Freie.

Der Ford war beschleunigt worden, der Special Agent sah die Rücklichter und riss den Arm mit der Pistole hoch. Die Bremslichter glühten auf und im nächsten Moment wurde der Wagen auch schon herumgerissen und verschwand in der 8th Avenue.

Der Special Agent wandte sich um. Der linke Vorderreifen des Dienstwagens war platt, außerdem befand sich im Kotflügel ein Kugelloch. Eine andere hatte beide hinteren Seitenscheiben durchschlagen, war also durch das linke Fenster ein- und durch das rechte wieder ausgetreten.

Burke begriff, dass es der Schütze gar nicht auf sein Leben abgesehen hatte. Es war eine Warnung. Der Special Agent fragte sich, wer ihm den Schützen auf den Hals gehetzt hatte. Kurzentschlossen betrat er das Hochhaus. Der Portier las nicht mehr in der Zeitschrift, sondern hatte den kleinen Fernseher angemacht und schaute sich irgendeinen Film an. Jetzt erregte der G-man seine Aufmerksamkeit.

„Welches Apartment bewohnt Dr. Ramsey?“

„705“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Soll ich Sie anmelden?“

„Nein“, versetzte der Special Agent, ging zum Aufzug und drückte den Knopf. Laut Stockwerksanzeige stand der Lift in der 5. Etage. Burke vernahm durch die geschlossene Tür im Schacht ein leises Rumpeln, als sich der Aufzug nach unten in Bewegung setzte.

Dann glitten die beiden Türhälften fast lautlos auseinander und er betrat die Kabine. Seine Finger legten sich auf den Knopf mit der Nummer sieben. Die Türhälften aus Edelstahl glitten wieder zusammen, der Lift hob ab und schwebte mit dem Agent höher und höher. In der 7. Etage stieg er aus, fand das Apartment mit der Nummer 705 und läutete.

Es dauerte einige Zeit, dann sah er Licht durch den Spion schimmern, und im nächsten Moment erklang eine dunkle Stimme: „Wer ist draußen?“

„Burke, FBI. Machen Sie auf, Dr. Ramsey.“

Der Agent hörte, wie die Sicherungskette entfernt und die Tür entriegelt wurde, dann schwang das Türblatt auf und ein Mann, der mit einem rot und blau gestreiften Schlafanzug bekleidet war, stand vor ihm.

„Was führt Sie zu mir, Agent?“, fragte Dr. Ramsey. Seine Haare standen vom Kopf ab, was Burke verriet, dass er schon im Bett gelegen hatte. „Es ist ziemlich spät. Ich muss morgen früh um acht Uhr in der Uni sein ...“

„Entschuldigen Sie“, sagte Burke und drängte den Mann einfach zu Seite, betrat das Wohnzimmer und sah den Telefonapparat auf einer Konsole an der Wand. Der Agent ging hin, nahm den Hörer ab und drückte den Knopf für die Rufwiederholung. Fünfmal ertönte das Freizeichen, dann meldete sich der automatische Anrufbeantworter der Columbia Universität.

Burke legte wieder auf. „Besitzen Sie ein Handy?“

Dr. Ramsey hatte die Tür geschlossen und musterte den Agent mit einer Mischung aus stummer Frage und Verärgerung. Jetzt sprangen seine Lippen auseinander. „Was soll das, Agent? Nein, ich besitze kein Handy.“

„Haben Sie, nachdem Sie von ihrem Sit-in in Queens zurückgekehrt sind, telefoniert?“

„Nein. Wieso beschatten Sie mich?“

„Die Frauen vom Straßenstrich wurden jeweils donnerstags nach 22 Uhr entführt“, erklärte Burke. „Ein weißer Ford Lincoln spielt dabei eine tragende Rolle. Die Entführungen fanden also jeweils nach Beendigung des Sit-ins Ihrer Selbsthilfegruppe statt. Und Sie fahren einen weißen Lincoln, Professor.“

„Und damit habe ich mich verdächtig gemacht, wie?“

„Wir müssen jede Möglichkeit ins Kalkül ziehen. – Ich muss Ihren Wagen beschlagnahmen.“

„Was wollen Sie mit meinem Wagen? Himmel, Agent, Sie verdächtigen doch nicht etwa mich, Jack the Ripper II. zu sein?“ Entgeistert, um nicht zu sagen fassungslos schaute der Professor den G-man an.

„Sie gehören zu dem Personenkreis, der für die Morde in Frage kommt, Dr. Ramsey. Wie ich schon sagte, dürfen wir keine Möglichkeit auslassen, die uns bei der Fahndung nach dem Mörder möglicherweise weiterbringt. Wenn sich in Ihrem Wagen keinerlei Hinweise auf die entführten Frauen ergeben, sind Sie über jeden Verdacht erhaben. Es muss also auch in Ihrem Interesse liegen ...“

Im Gesicht Dr. Ramseys zuckten die Muskeln. „Aber ich brauche meinen Wagen.“

„Zur Uni gelangen Sie auch mit der Subway“, versetzte Burke. „Geben Sie mir bitte die Autoschlüssel.“

„Das ist ungeheuerlich“, blaffte Dr. Ramsey. „Ich ...“

„Beruhigen Sie sich“, sagte Burke. „Wenn Sie sich nichts vorzuwerfen haben, gibt es keinen Grund zur Aufregung. In drei Tagen haben Sie Ihr Auto wieder, wenn sich keine Hinweise auf die Frauen ergeben. – Ich kann es natürlich auch auf dem offiziellen Weg machen. Die Rede ist von einer richterlichen Anordnung. Ihr Auto bekomme ich – so oder so.“

Scharf stieß der Professor die Luft durch die Nase aus. Es sah so aus, als hätte er eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, doch plötzlich wandte er sich ab, ging zur Garderobe, nahm einen Schlüsselbund aus der Tasche einer Jacke, löste einen der Schlüssel von dem kleinen Stahlring und reichte ihn dem Special Agent. Mit erzwungener Ruhe sagte er: „Sicher, Agent, Sie tun nur Ihre Pflicht. Und ich will Sie in Ihrer Arbeit auf keinen Fall behindern. Ja, lassen Sie meinen Wagen auf Spuren untersuchen. Sie werden sehen, dass ich über jeden Verdacht erhaben bin.“

„Davon bin ich überzeugt, Professor“, erklärte Owen Burke.

11

Burke hatte den Wagen Dr. Ramseys benutzt, um zur Federal Plaza zu gelangen. Der Dienstwagen hatte vorne links einen Plattfuß und musste entweder abgeschleppt werden oder ein Mechaniker aus dem Fuhrpark musste das Rad auswechseln.

Jetzt stand der Ford Ramseys in der Tiefgarage und Burke telefonierte mit Ron Harris, der ihm erklärte, dass sich in der Morningside Avenue heute wohl nichts mehr tue. „Lucy hatte nichts anderes zu tun, als einige Kunden abzuwimmeln. Es gab auch einige Anfeindungen durch echte Bordsteinschwalben, die in unserer Kollegin wahrscheinlich ernstzunehmende Konkurrenz sehen. Ansonsten war es ruhig hier.“

„Ich habe mit Dr. Ramsey gesprochen. Er besitzt einen weißen Ford, wie wir ihn suchen. Den Wagen habe ich beschlagnahmt und in die Tiefgarage des Federal Building gebracht.“

„Oh verdammt, was ist das?“, schnappte Ron plötzlich. „Sie kommen mit drei Autos und halten bei Lucy. Wahrscheinlich sind es die Zuhälter der Stricherinnen, die hier anschaffen. Es sind insgesamt sechs Kerle. Ich muss Schluss machen, Owen ...“

Dann war die Leitung tot. Burke eilte zum Aufzug und fuhr in die Tiefgarage. Er war sich sicher, dass seine Anwesenheit in der Morningside Avenue vonnöten war. Während er wenig später mit einem Dienstfahrzeug bei eingeschaltetem Blaulicht auf dem Autodach und mit heulender Sirene nach Norden raste, war er sich absolut darüber im Klaren, dass er zu spät kommen würde. Der Verkehr war zu dieser nächtlichen Stunde zwar recht kommod, aber es waren immer noch genug Autos unterwegs, die ihn am schnellen Vorwärtskommen behinderten.

12

Das Handy Owen Burkes klingelte, der Agent fuhr rechts ran und nahm das Gespräch an. „Alles im Griff, Partner“, hörte er Ron Harris sagen. „Es waren ein halbes Dutzend Zuhälter, die uns aus der Morningside Avenue vertreiben wollten. Jetzt haben sie sicherlich gegen eine große Not anzukämpfen.“

„Ich bin auf dem Weg nach Harlem“, sagte Burke.

„Nicht mehr nötig“, erklärte Ron. „Lucy und ich haben den Kerlen gezeigt, was eine Harke ist. Wir brechen für heute den Einsatz hier ab. Fahr nach Hause, Partner. Hier gibt es nichts mehr zu tun für dich.“

Kaum, dass die Leitung tot war, dudelte Burkes Handy erneut. Es war der Kollege im Field Office, der die Nachtbereitschaft leitete. Er sagte: „Es hat soeben in der Tiefgarage eine Explosion gegeben, Owen. Jemand hat den Wagen, den du konfisziert hast, in Brand gesetzt. Die Rauchmelder lösten Alarm aus. Die Sprinkleranlage konnte den Brand nicht löschen. Es muss jemand einen ganzen Kanister voll Benzin ins Wageninnere geschüttet und angezündet haben.“

Damit waren sämtliche Spuren, die der Ford vielleicht aufgewiesen hatte, vernichtet. Das sagte dem Special Agent, dass Dr. Andrew Ramsey etwas zu verbergen gehabt hatte. Aber leider hatte er keinen Beweis für diese These. Das FBI würde ihm wahrscheinlich sogar noch Schadenersatz für den Pkw leisten müssen. Es war zum Heulen.

Und das war noch nicht alles.

Als Burke am Morgen den Dienst antrat, erreichte ihn eine Meldung, wonach in der Nacht in der 116th Street ein Straßenmädchen entführt worden sei. Ihr Name war Patricia Shriver, 23 Jahre alt, und sie schaffte seit einem Jahr etwa in der 116th an. Es handelte sich um eine Afro-Amerikanerin.

Andere Prostituierte hatten beobachtet, dass Patricia in einen weißen Ford Lincoln eingestiegen war. Eine von ihnen hatte das Kennzeichen sogar notiert, doch die Überprüfung hatte ergeben, dass es sich wiederum um gestohlene Nummernschilder handelte.

Jack the Ripper II. hatte wieder zugeschlagen.

Er hatte lediglich sein Jagdrevier gewechselt.

Und wieder war ein weißer Lincoln das Tatfahrzeug gewesen.

Ein weißer Ford Lincoln! Sofort tauchte die Frage auf, weshalb in der Nacht Dr. Ramseys Ford in Brand gesteckt worden war.

Arbeiteten die Täter mit mehreren weißen Fords?

Owen Burke kam in den Sinn, dass Susan Cohan mit einem weißen Ford nach Queens zum Sit-in der Selbsthilfegruppe gebracht worden war. Er sprach mit Ron Harris darüber ...

13

Zunächst besorgten sich die Agents bei der Telefongesellschaft eine Liste mit den Gesprächen, die Dr. Ramsey am Vortag geführt hatte. Es waren in der Tat lediglich drei Anrufe bei der Columbia Universität. Im Besitz eines Handys zu sein hatte der Professor bestritten.

Sein ausgebrannter Wagen war abgeschleppt worden und stand nun in der Werkstatt der SRD, wo er nach Spuren untersucht wurde. Wobei es ausgeschlossen war, dass Spuren jener Personen auffindbar waren, die vor dem Brand mit dem Fahrzeug gefahren waren. Es ging nur noch um die Klärung der Brandursache.

Burke und Harris fuhren nach Brooklyn. Susan Cohan ließ sie in ihr Apartment und schaute fragend von einem zum anderen. „Ich habe Ihnen alles erzählt“, sagte sie. „Was führt Sie noch einmal zu mir?“

„Sie wurden gestern mit einem weißen Ford nach Queens zum Sit-in Ihrer Selbsthilfegruppe chauffiert“, sagte Burke. „Wem gehört der Wagen?“

„Meinem Bruder Keith. Ich habe Ihnen doch von ihm erzählt. Er unterstützt mich finanziell.“

„Wie heißt Ihr Bruder mit vollem Namen, und wo wohnt er?“

„Keith Goodman. Er wohnt in Manhattan, in der Henry Street. Warum wollen Sie das wissen? Sie verdächtigen doch nicht meinen Bruder, dieser brutale Mörder zu sein?“

„Wir müssen seinen Wagen einer Routineüberprüfung unterziehen“, versetzte Burke. „Bringt Sie ihr Bruder immer zu den Versammlungen der Selbsthilfegruppe?“

„Ja.“

„Wie steht ihr Bruder zu Ihrem Mann?“

„Warum fragen Sie das?“

„Beantworten Sie einfach meine Frage.“

„Was soll ich sagen? Mein Bruder und ich hatten schon immer eine sehr enge Beziehung zueinander. Das änderte sich auch nicht, nachdem ich Wesley geheiratet habe. Als Keith erfuhr, dass Wesley mich mit Aids infiziert hatte, drohte er im ersten Impuls, ihn umzubringen. Aber schon bald besann er sich. Er gab nicht Wesley die Schuld, sondern der Hure, bei der sich mein Mann angesteckt hatte. Die Huren gehören ausgerottet, meinte Keith.“

„Haben Sie eine Ahnung, was Ihr Bruder treibt, sobald er Sie jeweils zu Hause abgeliefert hat?“

„Nun, ich denke, er fährt zu sich nach Hause.“

„Haben Sie mit ihm schon einmal über den so genannten Jack the Ripper II. gesprochen?“

„Keith brachte einmal die Sprache darauf. Er meinte, dass es wohl noch mehr Menschen gibt, die voll Hass auf die Huren sind.“

„Die Zeitungen schrieben von Ritualmorden. Wie kommt Ihr Bruder darauf, dass Hass auf die Prostituierten das Motiv ist?“

„Das müssen Sie meinen Bruder schon selber fragen.“

„Das werden wir“, versicherte Burke. „Ist Ihr Bruder beschäftigt?“

„Ja, er arbeitet bei der Golden Corporation in der Leroy Street als Buchhalter. Zu Hause werden Sie ihn um diese Zeit nicht antreffen.“

Die Agents verabschiedeten sich von Susan Cohan.

Eine Stunde später sprachen sie Keith Goodman. Er hatte ein eigenes Büro bei der Golden Corporation.

Burke glaubte ein unruhiges Flackern in seinen Augen wahrzunehmen, als er und Ron sein Büro betraten. Er bot ihnen an dem runden Konferenztisch Sitzplätze an und sie ließen sich nieder. Goodman verließ seinen Platz hinter dem Schreibtisch und setzte sich zu ihnen. „Was darf's sein, meine Herren?“, fragte er.

„Wo waren Sie in der vergangenen Nacht nach 22 Uhr?“, fragte Owen Burke und fiel damit gleich mit der Tür ins Haus.

Der Mann überlegte nicht lange. „Ich habe um 22 Uhr meine Schwester vom Treffen ihrer Selbsthilfegruppe abgeholt. Zwischen 22 Uhr 15 und 22 Uhr 30 haben ich Sie vor ihrem Haus in Brooklyn abgesetzt und bin anschließend nach Hause gefahren. Ich wohne in der Henry Street in Manhattan.“

„Haben Sie ein Alibi für die Zeit zwischen 22 Uhr 30 und 2 Uhr?“

„Wozu brauche ich das?“

„Haben Sie ein Alibi?“, wiederholte Burke seine Frage mit Schärfe im Tonfall, denn er hatte keine Lust, irgendwelche Debatten zu führen.

„Ich bin geschieden und lebe alleine. Meine Schwester kann bezeugen, dass ich sie gegen 22 Uhr 30 vor ihrer Wohnung in Brooklyn abgesetzt habe.“

„Sie fahren einen weißen Ford Lincoln.“ Das war keine Frage, sondern eine glasklare Feststellung.

„Das ist richtig. Ist das etwas Besonderes?“

„Ein weißer Ford Lincoln spielt eine große Rolle bei der Entführung und Ermordung einiger Frauen vom Straßenstrich.“

Keith Goodman lächelte starr, doch er schwieg.

Burke fuhr fort: „Fünf der Frauen wurden in der Morningside Avenue entführt, Nummer sechs gestern Nacht in der 116th Street. Die Entführungen geschehen jeweils nach den Sit-ins der Selbsthilfegruppe, der Ihre Schwester angehört. Einige Tage später werden die Frauen ermordet aufgefunden. Der Killer schneidet ihnen die Herzen aus dem Leib.“

Goodman nickte. „Sie sprechen von Jack the Ripper II., nicht wahr?“

Burke nickte. „Kathleen Anderson und Patricia Shriver wurden zuletzt gesehen, als sie in einen weißen Ford Lincoln stiegen.“

„Ich stelle Ihnen meinen Wagen gerne zur Verfügung, damit sie ihn auf Spuren nach den Frauen durchsuchen können“, bot Goodman ohne mit der Wimper zu zucken an. „Was sollte ich für einen Grund haben, irgendwelche Frauen vom Straßenstrich zu ermorden.“

„Ihre Schwester hat sich bei ihrem Mann mit HIV infiziert, und der hat sich auf dem Straßenstrich angesteckt. Vielleicht sind Hass und Rachsucht das Motiv.“

Goodman erhob sich, ging zu einem Kleiderschrank, öffnete ihn und griff in die Tasche seiner Jacke, die an einem Bügel hing. Seine Hand förderte einen Schlüsselbund zu Tage, von dem er einen Schlüssel abnahm. Den Schlüsselbund ließ er wieder in die Tasche gleiten, kam zu den Agents zurück und reichte Burke den Schlüssel. „Er ist für die Tür und das Zündschloss“, sagte er.

Der Agent nahm den Schlüssel und war ein wenig verdutzt. Entweder Goodman hatte mit der Sache wirklich nichts zu tun, oder er war ganz besonders unverfroren und kaltschnäuzig.

Burke schob den Schlüssel ein.

„Der Wagen steht im Hof“, sagte Goodman und ein hintergründiges Lächeln umspielte seinen Mund. „Es gibt nur den einen weißen Ford Lincoln auf den Firmenparkplätzen. Sie können ihn gar nicht verfehlen.“

„Haben Sie noch Kontakt zu Wesley Cohan?“

„Nein. Er hat meine Schwester auf dem Gewissen.“

„Hassen Sie ihn deswegen?“

„Nun, ich bin ihm nicht gerade freundlich gesinnt. Schließlich und endlich aber ist er selbst Opfer seines Sexualtriebes geworden. Nein, ich hasse ihn nicht. Vielleicht bedauere ich ihn sogar. Er hat das Leben meiner Schwester nicht vorsätzlich zerstört. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem klar wurde, dass er meine Schwester mit der tödlichen Seuche angesteckt hat, führten die beiden sogar eine recht harmonische Ehe.“

„Zu ihrer Schwester sprachen Sie davon, dass der Täter kein Ritualmörder sei, sondern vom Hass getrieben werde.“

„Ja, das ist meine Auffassung. Aber eben nur eine Vermutung. Vielleicht spielt sogar beides eines Rolle. Ritual und Hass.“

Das war eine dritte Variante, die Keith Goodman ins Spiel brachte. Owen Burke ging nicht mehr weiter drauf ein. „Sie erhalten Ihren Wagen zurück“, sagte er, „sobald die erforderlichen Untersuchungen stattgefunden haben.“ Als er es sprach, war er davon überzeugt, dass sie in Goodmans Wagen nichts finden würden, was auf seine Täterschaft hindeuten würde.

Was hatten sie bisher?

So gut wie nichts!

Einige Verdächtige. Wesley Cohan, Dr. Andrew Ramsey, Keith Goodman. Cohan fuhr einen Chevrolet, der auf Spuren untersucht worden war. Ergebnis negativ.

Dr. Ramsey hatte einen weißen Ford Lincoln besessen, der in der Nacht Opfer einer Brandstiftung wurde. Das warf natürlich Fragen auf. Wurde der Wagen angezündet, um Spuren zu vertilgen? Wer hatte den Wagen in Brand gesetzt? Sollte das FBI auf eine falsche Spur gelockt werden? Wenn es so war, dann war Burke von dem Killer überwacht worden.

Und auch Keith Goodman besaß einen weißen Ford Lincoln. Er überließ ihn dem FBI freiwillig, damit er auf Spuren untersucht werden konnte. Soviel Sicherheit wie Goodman kann nur ein Mann vermitteln, der weiß, dass sein Wagen sauber ist.

Es sah ganz und gar nicht danach aus, dass sich eine Lösung des Rätsels, vor dem die Agents standen, anbahnte.

Wie eine tonnenschwere Last legte sich das Wissen auf Owen Burke, dass sich seit der vergangenen Nacht wieder eine Frau in den Händen des Mörders befand. Sie tappten im Dunkeln. Kathleen Anderson zu retten war ihnen nicht gelungen. Der Mörder hatte das FBI geradezu vorgeführt. Irgendwann würde sich der Assistant Director einer Pressekonferenz stellen müssen. Und er würde eingestehen müssen, dass das FBI mit seinen Ermittlungen noch kein Jota weitergekommen war. Ein gefundenes Fressen für die Medien.

Aber darum ging es nicht. Es ging um ein Menschenleben - nämlich um das Leben Patricia Shrivers. Nicht das Ansehen des FBI in der Öffentlichkeit musste für die Agents Triebfeder sein, sondern die Rettung Patricias.

Sie verließen Keith Goodman. Ron übernahm es, dessen Ford zur SDR zu schaffen, damit er auf Spuren untersucht werden konnte.

14

Als Owen Burke ins Field Office zurückkehrte und sein Büro aufsuchte, lag ein Fax auf seinem Schreibtisch. Er las es und war geschockt. Das Büro in Baltimore meldete, dass in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag eine Frau vom Straßenstrich verschwunden war und es keinen Hinweis auf ihren Verbleib gäbe. Die ermittelnden Kollegen ordneten die Entführung dem Mörder zu, der in den vergangenen Wochen schon drei Frauen vom Straßenstrich ermordet hatte.

In Baltimore, Cincinnati, Indianapolis und New York waren zwischenzeitlich insgesamt über ein Dutzend Frauen verschwunden und ermordet worden. Und jetzt lagen zwei neue Entführungsfälle vor.

Owen Burke rief in Indianapolis an. Der Kollege erklärte ihm, dass Rufus Purdie nichts ausgesagt hatte, was ihn belasten konnte. Er sei lediglich ausgerastet, als die vermeintliche Hure nicht mit ihm zu seiner Wohnung fahren wollte. „Wahrscheinlich wird Purdie innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden auf freien Fuß gesetzt“, gab der Kollege zu verstehen. „Einen Anwalt hat er bereits eingeschaltet. Es gilt nur noch die Höhe der Kaution festzusetzen.“

Das nächste Gespräch führte Burke mit Cincinnati. Dort war weder eine Entführung noch ein neuer Mord bekannt geworden.

Der Special Agent war zwischenzeitlich davon überzeugt, dass eine Bande Gleichgesinnter am Werk war. Auch ging er davon aus, dass in jeder Stadt nicht nur ein Bandenmitglied operierte, sondern dass es sich jeweils um zwei, drei oder noch mehr Leute handelte, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ihre Stadt von der Prostitution zu säubern.

Was für ein verrückter Gedanke! Doch je länger Burke darüber nachdachte, umso klarere Formen nahm er an. Bald würde sich keine der Frauen vom Strich mehr auf die Straße wagen. Wenn der Straßenstrich lahm lag, hatten die Mörder den Erfolg erzielt, den sie erzielen wollten.

Trotzdem war es absurd. Die Prostitution ließ sich nicht ausmerzen. Dafür sorgten schon verschiedene Mafias, die sich damit eine goldene Nase verdienten. In den Kneipen und Clubs schafften Mädchen und Frauen an; das älteste Gewerbe der Welt war einfach nicht totzukriegen.

Burke und Harris hatten es mit fanatischen Hassern zu tun. Sie ermordeten Freudenmädchen stellvertretend für die gesamte Gilde der Ladies vom horizontalen Gewerbe. Das war es. Die Morde geschahen wahllos. Um von den wahren Gründen abzulenken und eine falsche Spur zu legen, hatte man den Opfern die Herzen herausgeschnitten, um der Polizei Ritualmorde vorzugaukeln. Einige Zeit war es den Tätern sogar gelungen, dem gesamten Polizeiapparat Sand in die Augen zu streuen.

Ja, die Agents glaubten das wahre Motiv der Täter zu kennen. Hass und Rache. Sie befanden sich auf der richtigen Spur. Doch es war nur der Anfang einer Fährte; bei wem sie endete, wussten sie nicht. Sie hatten nichts in Händen, was über den bloßen Verdacht hinausreichte.

Susan Cohan!, fuhr es Burke durch den Kopf. Sie war unschuldiges Opfer des Sexualtriebes ihres Mannes geworden. Eigentlich müsste sie von allen Verdächtigen den größten Hass auf die Prostituierten haben. Doch sie konnte die Taten nicht alleine verübt haben. Wer wäre im Fall des Falles also ihr Handlanger, ihr Werkzeug? Keith Goodman, ihr Bruder? Ihr Ehemann vielleicht sogar, den sie vorgab zu hassen wie der Teufel das Weihwasser?

Der Special Agent zerbrach sich den Kopf.

Irgendwann kam Ron, der den Wagen Keith Goodmans zur Werkstatt der SRD chauffiert hatte. Ein Kollege hatte ihn zur Federal Plaza gefahren.

Guter Rat war teuer.

Plötzlich aber kam Owen Burke eine Idee, und ohne ein Wort zu verlautbaren rief er bei der Kfz-Zulassungsstelle an. Von dort aus hatte der Beamte Zugriff auf alle in New York zugelassenen Kraftfahrzeuge und die dazugehörigen Besitzer.

Der Agent erkundigte sich, welche Autos auf Dr. Andrew Ramsey, Keith Goodman und Wesley Cohan zugelassen seien.

Auf Dr. Ramsey war der Ford Lincoln zugelassen, den er konfisziert hatte und der in Flammen aufgegangen war.

Auf Keith Goodman war ebenfalls ein Ford Lincoln zugelassen, und zwar jener Wagen, den sie heute beschlagnahmt hatten und den Ron zur Spurensicherung gebracht hatte.

Und schließlich sagte der Beamte am anderen Ende der Strippe: „Auf Wesley Cohan sind zwei Wagen zugelassen. Ein Chevy, Baujahr 2005, und ein Ford Lincoln, Baujahr 2009.“ Der Mann nannte die Zulassungsnummer.

Owen Burke war wie elektrisiert, bedankte sich bei dem Beamten und schrieb die Zulassungsnummer auf ein Blatt Papier.

Er hielt, nachdem er aufgelegt hatte, den Zettel hoch und zeigte ihn Ron. „Wir haben den Killer“, sagte er triumphierend. „Es ist Wesley Cohan. Neben seinem Chevy läuft ein Ford Lincoln auf seinen Namen.“

„Da gibt es ein Problem“, sagte Ron. „Für den Zeitpunkt der Entführung Kathleen Andersons hat Cohan ein Alibi. Er war in der Arbeit. Nachtschicht.“

„Die Entführung hat sein Komplize durchgeführt“, antwortete Burke. „Ich gehe davon aus, dass es sich um Dr. Ramsey handelt. Dass sein Auto nur aus dem einen Grund in Brand gesteckt wurde, nämlich um Spuren zu beseitigen, ist für mich Fakt.“

„Der Haftbefehl dürfte nur noch Formsache sein“, meinte Ron Harris und erhob sich entschlossen.

15

Owen Burke und Ron Harris waren mit einem Haftbefehl nach Staten Island gefahren, doch das Haus Nummer 1465 in der Rockland Avenue war verwaist. Ron öffnete mit seinem Spezialwerkzeug die Tür und die Agents schauten in sämtlichen Räumen nach, auch im Keller und auf dem Dachboden.

Wesley Cohan war nicht zu Hause. Burke rief das Polizeihauptquartier in Staten Island an und bat, einige Einsatzfahrzeuge und die Spurensicherung zu Cohans Haus zu schicken. Mit knappen Worten erklärte er dem Kollegen, dass es sich bei Wesley Cohan mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Jack the Ripper II. handelte.

Dann rief der Special Agent bei Jamesons-Industries Ltd. in New Jersey an und erfuhr, dass sich Cohan nicht in der Arbeit befand.

Es gab nur eine Möglichkeit. Er war bei der Frau, die in der Nacht aus der 116th Street entführt worden war.

Kamen die Agents zu spät?

Würde er Patricia Shriver grausam umbringen, während sie fieberhaft nach ihm fahndeten?

Natürlich hatte Burke die Fahndung nach dem weißen Ford Lincoln mit dem Kennzeichen, das er von der Kfz-Zulassungsstelle erfahren hatte, auf die Reihe gebracht. Jeder Polizist in New York wusste Bescheid. Eine Rückmeldung, dass der Wagen irgendwo gesehen worden wäre, hatte er jedoch noch nicht erhalten.

Da dudelte das Handy Burkes. Es war ein Kollege vom Police Department. Er sagte: „Man hat mir im Field Office Ihre Handynummer gegeben, Agent. Eine Frau namens Patricia Shriver ist völlig aufgelöst von einer Polizeistreife in Harlem angetroffen worden. Sie behauptet, Jack the Ripper II. entkommen zu sein. Leider war sie völlig verwirrt und orientierungslos.“

„Großer Gott“, entfuhr es Owen Burke. „Wo befindet sich die Frau jetzt?“

„Im Polizeirevier in Harlem. Sie ist total außer sich, stammelte ziemlich wirres Zeug, spricht von Rache und Satanskult und ist mit den Nerven völlig am Ende.“

„Halten Sie Patricia Shriver auf jeden Fall fest“, gebot Burke. „Und – seien Sie versichert -, wie es scheint, ist sie tatsächlich einem geistesgestörten Mörder entkommen.“

Burke beendete das Gespräch, Ron schaltete die Sirene ein, Burke setzte das magnetische Blinklicht auf das Autodach, und dann rasten sie in Richtung Bayone Bridge, um nach New Jersey und von dort aus nach Manhattan zu gelangen.

16

Patricia Shriver war zum Polizeirevier in der 119th Street Ost gebracht worden. Dieses Revier war für den 25. Bezirk zuständig, zu dem auch Harlem gehört.

Als die Agents ankamen, hatten die Beamten herausgefunden, dass sie in einer Kellerwohnung in einer Straße festgehalten worden war, in der es fast nur verlassene, abbruchreife Gebäude gab. Sie habe den Mann, der sie festhielt, mit einem Stuhl niedergeschlagen und sei dann durchs Fenster geflohen.

Patricia war fix und fertig - sie war mit ihrer Psyche am Ende. Um sie würde sich wohl ein Psychologe kümmern müssen. Als Owen Burke mit ihr sprechen wollte, wurde sie von der Erinnerung überwältigt und weinte nur noch hemmungslos.

„Da es sich nur um die 121th Street handeln kann“, meinte einer der Cops, die sich um die völlig am Boden zerstörte Frau gekümmert hatten, „habe ich einen Streifenwagen dorthin geschickt. Eine Rückmeldung habe ich allerdings noch nicht erhalten. Nun, das kann dauern. Die 121th endet beim Marcus Garvey Park und setzt sich westlich des Parks fort. Zu bemerken ist, dass es auf der Westseite noch viele Bewohner gibt.“

Da klingelte auch schon das Telefon auf dem Schreibtisch des Cops. Er nahm den Hörer ab, lauschte, nickte und senkte die Hand mit dem Hörer. „In einer der Kellerwohnung haben die Kollegen eine männliche Leiche entdeckt. Der Mann wurde erschossen. Wahrscheinlich handelt es sich um die Wohnung, in der die Frau festgehalten wurde.“

Burke und Harris fuhren sofort hin. Vor dem Gebäude stand das Patrolcar, so dass sie es gar nicht verfehlen konnten. Noch war niemand von der Mordkommission oder von der Spurensicherung da. Die Agents gingen in die Wohnung. „He, hier gibt es nichts zu glotzen“, empfing sie einer der Cops, als sie die Wohnung betraten. „Verschwindet ...“

„FBI“, sagte Burke. „Special Agent Burke, mein Kollege Harris. Wir befanden uns gerade im Revier, als Ihr Anruf einging.“ Owen Burke hatte seine ID-Card gezückt und hielt sie dem wenig freundlichen Burschen vor die Nase.

„In Ordnung“, sagte er. „Fassen Sie nichts an und lassen Sie alles, wie es ist, damit die Spurensicherung alles unverändert vorfindet.

„Wir sind schon ein paar Tage dabei“, knurrte Burke gereizt. „Darum wissen wir Bescheid.“

Der Leichnam lag mit dem Rücken zu den Agents am Boden. Burke sah die Haare des Mannes, die sich bereits grau zu färben begonnen hatten, ging um den Toten herum und erkannte ihn auf Anhieb. „Cohan!“, entfuhr es ihm. „Ron, es ist Wesley Cohan.“

„Das ist 'n Hammer“, stieß Ron Harris hervor und kam an die Seite seines Kollegen. „Also hatte er doch etwas mit den Morden an den Freudenmädchen zu tun.“

„Satansjünger und mit HIV infiziert. Wegen des Motives, das ihn geleitet hat, brauchen wir wohl nicht lange nachzudenken.“

„Er war aber nicht allein“, wandte Ron ein. „Sein Mörder dürfte ebenfalls dem Verein angehören.“

„Wo sich wohl der Ford Lincoln befindet, mit dem er die Frauen entführt und hierher geschafft hat?“

„Vielleicht hat ihn der Mörder weggefahren.“

Burke nickte. Anders konnte es nicht sein. „Wahrscheinlich hat sich Cohan zu einem Risiko entwickelt, nachdem Patricia Shriver entkommen konnte“, sagte er. „Bemerkenswert ist die Kaltblütigkeit, mit der der Mörder vorgegangen ist. Er musste doch damit rechnen, dass jeden Moment die Polizei auftaucht, nachdem Patricia die Flucht gelungen war.“

„Ja“, pflichtete Ron seinem Kollegen bei, „das ist in der Tat von einer Unverfrorenheit, die ihresgleichen sucht.“

Einer der beiden Cops ging hinaus und die Agents folgten ihm. Er setzte sich auf den Beifahrersitz des Einsatzfahrzeuges und Burke sah, wie er sich das Mikrofon des Funkgerätes schnappte. Er ging zu ihm hin und hörte ihn sagen: „... handelt es sich nach der Aussage des FBI-Mannes um einen gewissen Wesley Cohan. Auf dem Bett im Schlafzimmer der Wohnung liegen einige Schnüre. Es ist also sicher, dass es sich um die Wohnung handelt, in der die Frau festgehalten wurde. Um den Schlupfwinkel des Nuttenkillers.“

„Mordkommission und Spurensicherung sind informiert“, kam es aus dem Mikro. „Sie werden innerhalb der nächsten Minuten eintreffen. Bleibt bei der Wohnung. Niemand darf sie betreten ...“

Burke ließ sich das Mikrofon geben und sagte: „Hier spricht Special Agent Burke, FBI. Veranlassen Sie sofort die verstärkte Fahndung nach einem weißen Ford Lincoln, Zulassungsnummer ...“ Er gab die Nummer durch, schließlich endete er mit dem Hinweis: „Mit dem Wagen ist vielleicht der Mörder Cohans unterwegs.“

Burke übergab dem Cop wieder das Mikro.

Nach einiger Zeit kamen die Kollegen von der Mordkommission und der Spurensicherung. Es erschienen auch weitere Streifenfahrzeuge, die die Gegend um das Haus mit der Leiche absperrten. Einige Reporter tauchten auf. Schließlich kamen ein Vertreter der Staatsanwaltschaft und der Coroner.

Und dann kam der Funkspruch, dass ein weißer Ford Lincoln im Central Park aufgefunden worden war. Er war mit gestohlenen Kennzeichen ausgestattet.

Es konnte nur der Wagen sein, den die Agents suchten.

Sie verließen die 121th Street und fuhren zur Transverse Road No. 4 in den Central Park. Ein Abschleppwagen war bereits an Ort und Stelle, außerdem waren die Besatzungen zweier Streifenwagen anwesend. Owen Burke gab zu verstehen, dass der Ford zum Gelände der SRD zu bringen sei.

Jetzt mussten sie nur noch die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten.

Zwei Tage später wussten sie Bescheid.

In dem Ford Keith Goodmans waren keine Spuren von den ermordeten Frauen gefunden worden. Man hatte aber die DNA des Wagenbesitzers analysiert. Im Wagen, der in der Transverse Road No. 4 gestanden hatte, wurden Spuren von Kathleen Anderson und Patricia Shriver gefunden. Man hatte auch an der Rückenlehne des Fahrersitzes Haare gefunden und analysiert. Die meisten stammten von Wesley Cohan.

Ein Haar aber stammte von – Keith Goodman.

Der Abgleich der DNA-Analysen hatte es eindeutig ergeben.

Keith Goodman, der Bruder Susan Cohans, hatte in dem Wagen gesessen, in dem Kathleen Anderson und Patricia Shriver befördert worden waren.

Er gehörte also zu der Bande, die sich auf die Ermordung Prostituierter spezialisiert hatte. Und er war wahrscheinlich der Mörder Wesley Cohans.

Burke und Harris fuhren zu seiner Wohnung in der Henry Street.

Keith Goodman war nicht zu Hause.

Also fuhren sie zu dem Betrieb in der Leroy Street, wo Goodman als Buchhalter beschäftigt war.

Als sie sein Büro betraten, diktierte er gerade seiner Sekretärin einen Brief oder etwas in der Art. Da sie ohne anzuklopfen in sein Büro geplatzt waren, kniff er die Augen zusammen, über seiner Nasenwurzel erschienen zwei senkrechte Falten, und er schnappte: „Was fällt Ihnen ein ...“

Und dann schien er zu begreifen.

Jetzt ging alles blitzschnell.

Goodman griff rechts in seinen Schreibtisch und hielt plötzlich eine Pistole in der Hand, die er auf seine Sekretärin anschlug.

Die G-men waren überrumpelt. Mit dieser Reaktion des Gangsters konnten sie nicht rechnen.

Jetzt sprang Goodman auf. Sein Bürostuhl rollte ein Stück zurück. „Lassen Sie nur ihre Pistolen stecken, Agents“, stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Oder ich erschieße Kath.“

Die Sekretärin war steif vor Schreck.

Goodman trat hinter sie, legte ihr den linken Arm um den Hals und zog sie in die Höhe. „Rühren Sie sich nicht vom Fleck“, knurrte er und drückte Kath die Pistolenmündung unter das Kinn. Die Frau schien gar nicht zu begreifen, was mit ihr geschah. Lediglich in ihren weit aufgerissenen Augen spiegelten sich Schreck und Entsetzen wider.

„Geben Sie auf, Goodman“, sagte Burke. „Sie machen alles nur noch schlimmer.“

Der Gangster lachte klirrend. „Ich kann nichts mehr schlimmer machen. Was gibt es Schlimmeres als Mord? Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Städte von den elenden Huren zu säubern, die skrupellos Elend über die Menschheit bringen. Mein Schwager war dem Tod geweiht, meine Schwester wird sterben, hunderte - tausende sind gestorben und werden noch an Aids zu Grunde gehen.“

„Wer ist wir?“, fragte Burke.

Goodman bewegte sich rückwärtsgehend auf die Tür zum Nebenzimmer zu. Es war das Büro seiner Sekretärin.

„Das würden Sie gern wissen, Burke, wie? Aber ich werde es Ihnen nicht sagen. Wie sind Sie auf mich gekommen?“

„Sie haben in Cohans Ford Lincoln ihren genetischen Fingerabdruck hinterlassen. Warum musste Cohan sterben?“

Goodman richtete die Pistole auf Owen Burke. „Stellen Sie sich dort an die Wand“, kommandierte er, ohne auf die Frage des Agents einzugehen. „Auch Sie, Harris. Vorher aber legen sie Ihre Waffen auf den Fußboden.“

Er hatte fast die Tür erreicht, die ins Nachbarbüro führte.

„Wird's bald?“ Goodman drückte wieder seiner Geisel die Mündung unter das Kinn. Jeder Zug im Gesicht der Frau war von Angst und Schrecken geprägt. Sie schien begriffen zu haben, dass sie sich in der Gewalt eines gewissenlosen Killers befand.

Vorsichtig zogen die Agents ihre Pistolen, legten sie auf den Fußboden und traten zurück. Burke ließ Goodman nicht einen Moment aus den Augen. Ein entschlossener Ausdruck hatte sich um seinen Mund festgesetzt. Dieser Mann würde über Leichen gehen. Das war dem Special Agent plötzlich klar.

„Haben Sie allen Ernstes angenommen, Sie könnten die Prostitution bekämpfen und ausmerzen?“, fragte Ron.

„Jede tote Hure war ein Gewinn für die Menschheit. Cohan war der Vollstrecker. Er betete zum Satan. Die Herzen der Huren opferte er. Wir ließen es zu, weil es nach Ritualmorden aussah. Um eine falsche Spur zu legen, wurden auch in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis den Huren die Herzen herausgeschnitten.“

„Beinahe wäre es Ihnen gelungen, eine falsche Spur zu legen“, sagte Burke. „Wir ermittelten zunächst in Richtung Ritualmord.“

„Wir haben Sie und Ihren Kollegen unterschätzt, Burke. Wie sind Sie uns auf die Spur gekommen?“

„Ihnen das jetzt zu erzählen würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen, Goodman. Sagen Sie uns, wer noch zu Ihrem Killerverein gehört. Ist es Dr. Ramsey?“

Goodman nahm seinen Arm vom Hals der Frau. „Hol deine Autoschlüssel, Kath!“, kommandierte er. „Und versuch lieber nicht zu fliehen. Eine Kugel ist immer schneller als du.“

Er versetzte seiner Sekretärin einen Stoß, die Frau taumelte zur Seite und war für die Agents nicht mehr zu sehen. Goodman ließ die Mündung der Pistole über die Agents pendeln.

Plötzlich holte er mit der linken Hand ein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Ohne seine Aufmerksamkeit länger als einen Sekundenbruchteil von den G-men zu nehmen klickte er eine Nummer her, dann drückte er den Verbindungsknopf, und sogleich sagte er:

„Sie haben uns. Ich habe eine Geisel. Burke und Harris stehen in meinem Büro. Ich fahre mit der Geisel zur Wohnung meiner Schwester. Du solltest auch hinkommen.“

Goodman lauschte. Sein Gesprächspartner redete einige Zeit auf ihn ein. Schließlich sagte Goodman: „Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Aber denk nur nicht, dass ich den Kopf allein in die Schlinge stecken werde. Wir treffen uns in einer halben Stunde bei Susan. Und dann sehen wir weiter.“

Goodman unterbrach die Verbindung und ließ das Handy wieder in die Jackentasche gleiten. „Bist du bereit, Kath?“

„Ja“, kam es zaghaft von der Frau, die die Agents nicht sehen konnten.

„Sie haben gehört, dass ich zu meiner Schwester will. Versuchen Sie nicht, mich aufzuhalten. Kath würde dafür bezahlen. Wenn ich bei Susan bin, werde ich meine Forderungen stellen.“

Goodman verschwand aus der Tür.

Burke hörte einen ersterbenden Aufschrei, als er sich wahrscheinlich wieder die Geisel schnappte.

Fast gleichzeitig traten die Agents vor und hoben ihre Pistolen auf, dann öffnete Burke die Tür zum Korridor, sicherte nach draußen und trat in den Flur. Goodman hielt seine Sekretärin wie ein lebendes Schutzschild vor sich. Rückwärtsgehend bewegte er sich in Richtung Treppenhaus. Dort gab es auch einen Aufzug ...

17

Owen Burke rief von Goodmans Büro aus seinen Vorgesetzten an und berichtete ihm, was vorgefallen war.

Der AD machte ihm keine Vorwürfe, sondern sagte: „Das sind Nachrichten, die ich nicht so gern höre. Ich werde veranlassen, dass ein Polizeiaufgebot in Brooklyn bereitsteht. Begeben Sie und Agent Harris sich ebenfalls dorthin, Agent Burke. Wir werden uns anhören, was Goodman fordert. Und dann sehen wir weiter.“

„Die Kollegen sollen Goodman auf jeden Fall ungeschoren passieren lassen“, sagte Burke.

„Natürlich“, antwortete der AD. „Die Geisel darf auf keinen Fall gefährdet werden. – Ob Susan Cohan mit ihrem Bruder gemeinsame Sache gemacht hat?“

„Ich weiß es nicht, Sir. Ich will es aber nicht ausschließen.“

Ron stand am Fenster und schaute in den Hof hinunter. Als Burke aufgelegt hatte, sagte er: „Goodman und seine Geisel sind mit einem dunkelgrünen Toyota weggefahren. Wir sollten uns beeilen.“

Sie fuhren von der Leroy Street zur Houston Street und folgten ihr nach Osten. Auf der Bowery wandten sie sich nach Süden und erreichten bald die Williamsburg Bridge. Auf dem Brooklyn-Queens Expressway wandten sie sich in Richtung Brooklyn.

Schließlich erreichten sie das Gebäude, in dem Susan Cohan wohnte.

Der grüne Toyota stand vor der Tür. Goodman und Kath, seine Sekretärin, saßen noch drin.

In der Nähe standen auch einige Einsatzfahrzeuge des Police Department. Das Haus war sozusagen umstellt. Sicher hatten sich auch einige Scharfschützen der Polizei in den umliegenden Gebäuden postiert.

Ron Harris stellte den Dodge etwa hundert Yard von dem Wohnhaus entfernt hinter einem Patrolcar ab. Zwei Polizisten, die ihre Pistolen in den Händen hielten, waren hinter dem Fahrzeug in Deckung gegangen.

Owen Burke wies sich aus und erkundigte sich nach dem Einsatzleiter.

Sein Name war Ackerman, sein Dienstrang Captain. Er hatte sich hinter einem Mannschaftstransportwagen der State Patrol verschanzt. Einige andere Uniformierte waren bei ihm.

Die beiden Agents liefen zu dem Captain hin.

„Was ist los?“, fragte Burke. „Warum sitzen Goodman und die Geisel noch in dem Toyota?“

„In Susan Cohans Wohnung befindet sich Goodmans Komplize. Sein Name ist uns unbekannt. Er droht, Susan Cohan zu erschießen, sollte ein Polizist das Haus betreten. Wir stehen mit dem Mann telefonisch in Kontakt. Er fordert ein vollgetanktes Fluchtfahrzeug und ein startklares Flugzeug auf dem La Guardia Airport.“

„Sein Name ist schätzungsweise Andrew Ramsey“, erklärte Burke. „Dr. Andrew Ramsey, Dozent an der Columbia Universität. Er dürfte der Kopf der Bande sein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die illegale Prostitution in New York und ein paar weiteren Großstädten auszumerzen. Lässt er Goodman nicht in die Wohnung?“

„Goodman, so scheint es, wartet ab, ob wir auf die Forderung seines Komplizen eingehen. Wahrscheinlich steht auch er mit Ramsey in Verbindung.“

„Ich kann es kaum glauben, dass Goodman es gutheißt, dass Ramsey seine Schwester als Geisel genommen hat“, knurrte Ron. „Ihretwegen hat er ja wohl der illegalen Prostitution den Krieg erklärt.“

„Was hat Susan Cohan für eine Telefonnummer?“, fragte Burke und zückte sein Handy.

Der Captain diktierte ihm die Zahlen, er tippte sie und ging auf Verbindung.

„Was ist?“, kam es aus dem Lautsprecher. „Gehen Sie auf meine Forderung ein? Sie wollen doch nicht Susan Cohans Leben aufs Spiel setzen?“

„Hier spricht Burke, FBI New York“, sagte dieser. „Hallo, Dr. Ramsey. Glauben Sie allen Ernstes, damit durchzukommen? Sie wissen doch, dass der Polizeiapparat nicht erpressbar ist. Warum ergeben Sie sich nicht?“

„Woher wissen Sie, dass ich... Hat Goodman, dieser verdammte Narr, meinen Namen genannt?“

„Nein. Es war nicht schwer, es herauszufinden, Dr. Ramsey. Nachdem ihr Ford in Flammen aufgegangen war, stand es für mich fest, dass Sie zu der Bande gehören. Zwischenzeitlich bin ich sogar davon überzeugt, dass Sie der Boss sind. Sie sind seit Jahren mit dem Elend der HIV-Infizierten konfrontiert worden. Das ließ Ihren Frust, aber auch Ihren Hass anwachsen und letztlich eskalieren. Schließlich fanden sich ein paar Betroffene, die Sie vor Ihren Karren spannen konnten. Liege ich richtig mit meiner Annahme, Professor?“

„Ja, Agent Burke, Sie sind ein ziemlich ausgeschlafener Bursche. Ihnen kann man so schnell nichts vormachen, wie?“ Es klang zynisch. „Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich im Moment am Drücker bin. Ich warte jetzt noch genau eine Viertelstunde. Und wenn dann der Fluchtwagen nicht vor der Tür steht, erschieße ich Susan.“

„Warum nehmen Sie nicht den Toyota, in dem Goodman und seine Geisel sitzen?“

„Was interessiert mich Goodman. Ich habe mit ihm gesprochen. Er will, dass ich seine Schwester freilasse. Doch ich denke nicht dran.“

„Warum nicht? Goodman hat seine Sekretärin als Geisel. Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Ramsey: Ich stelle mich Ihnen im Austausch gegen Susan Cohan und Goodmans Sekretärin als Geisel zur Verfügung. Nehmen Sie mit Goodman Kontakt auf und besprechen Sie mit ihm meinen Vorschlag.“

„Nein, o nein, Burke. Sie legen mich nicht herein. Susan Cohan ist und bleibt mein Faustpfand. Es sind jetzt noch dreizehn Minuten.“

„Wenn Sie die Geisel erschießen, haben Sie auch verloren, Ramsey. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar.“

„Lebendig kriegt ihr mich nicht!“, stieß Ramsey wild hervor. „Und ihr werdet Susan Cohan auf dem Gewissen haben.“

„Sie bekommen das Auto“, versprach Burke.

„Das will ich Ihnen auch geraten haben, Agent“, schnaubte der Gangster, den Owen Burke für hochgradig geistesgestört hielt. Die Idee, die seinen Verbrechen zu Grunde lag, zeugte davon. Aber gerade das machte ihn unberechenbar und gefährlich.

Der Special Agent unterbrach die Verbindung.

In diesem Moment sagte Captain Ackerman: „Einer unserer Scharfschützen hat Goodman im Visier. Soll ich Befehl geben, den finalen Rettungsschuss abzufeuern?“

„Nein“, sagte Burke schnell. „Wenn wir Goodman erschießen, könnte Ramsey die Nerven verlieren.“

Ackerman rief dem Beamten, der das Funkgerät bediente, eine entsprechende Antwort zu. Der Cop hob das Mikrofon vor seinen Mund und sprach etwas.

Burke sagte zu Ackerman: „Lassen Sie einen Streifenwagen vorfahren.“

„Er will auch ein Flugzeug“, stieß Ackerman hervor.

„Ich denke nicht, dass Ramsey bis zum Airport kommt“, versetzte der Special Agent.

„Was haben Sie vor?“

„Zunächst einmal müssen wir versuchen, Goodman zu überwältigen. Es muss so ablaufen, dass Ramsey nichts davon mitkriegt. Es wäre vielleicht gut, Ron, wenn du den Streifenwagen vor die Haustür fahren würdest.“

„Goodman kennt mich“, gab Ron Harris zu bedenken. „Er wird sofort Verdacht schöpfen.“

„Du wirst den Wagen hinter den Toyota fahren und ihn verlassen, bleibst jedoch neben dem Fahrzeug stehen. Ich werde zwischen den vorderen Rückenlehnen und dem Rücksitz verborgen sein. Während Goodman sein Augenmerk ausschließlich auf dich richten wird, krieche ich aus dem Einsatzfahrzeug und robbe zur Fahrerseite des Toyotas. So befinde ich mich im toten Winkel zu Goodman, der auf dem Beifahrersitz sitzt. Und dann muss alles blitzartig ablaufen. Während ich die Sekretärin aus dem Auto zerre, rennst du zur Beifahrertür und überwältigst Goodman.“

„Das kann verdammt ins Auge gehen“, murmelte Ron.

„Vor allem müssen wir verhindern, dass ein Schuss fällt“, sagte Burke achselzuckend. „Ramsey darf nicht mitkriegen, was sich vor dem Haus abspielt. Er muss der Überzeugung sein, dass wir ihm freien Abzug gewähren.“

„Ihr Einsatz gegen Goodman wird ihm nicht verborgen bleiben“, gab Ackerman zu bedenken.

„Er müsste sich aus dem Fenster beugen, um sehen zu können, was sich vor der Haustür abspielt“, antwortete Burke. „Und das wird er sich nicht wagen, da er weiß, dass rundum in den Gebäuden Scharfschützen versteckt sind.“

Ackerman schaute skeptisch.

Dann aber gab er Befehl, einen Streifenwagen zu bringen.

Burke rief noch einmal Ramsey an. „Sie bekommen ein Einsatzfahrzeug. Auf die Schnelle ein ziviles Auto herbeizuschaffen ist unmöglich. Wird Ihr Komplize Goodman die Ruhe bewahren, wenn das Einsatzfahrzeug auf ihn zukommt?“

„Ich sagte Goodman Bescheid“, kam es von Ramsey.

Das Patrolcar kam und hielt an einer Stelle, an der es den Gangstern nicht möglich war, Owen Burke zu beobachten. Er kroch in den Fußraum zwischen Vorder- und Rücksitzen. Ron Harris klemmte sich hinter das Steuer, fuhr vor die Tür des Gebäudes, in dem Susan Cohan wohnte und parkte das Fahrzeug unmittelbar hinter dem Wagen, in dem Goodman und dessen Geisel saßen.

Ron Harris stieg aus, ließ aber die Tür offen. Im Schutz der aufstehenden Fahrertür öffnete Burke die linke hintere Tür und kroch auf den Gehsteig. Ron ging vorne um das Einsatzfahrzeug herum. Er hatte die Hände in Schulterhöhe angehoben. Wenn Burkes Rechnung nicht aufging, dann hing sowohl Rons Leben an einem seidenen Faden wie auch das Leben der Geisel in dem Toyota.

Owen Burke hielt die SIG in der rechten Faust. Noch schien Goodman ihn nicht entdeckt zu haben. Auf allen Vieren bewegte er sich dicht an der linken Seite des Toyotas nach vorne. Und dann riss er die Fahrertür auf, seine Linke schoss hoch und erwischte die Sekretärin am Arm. Ein scharfer Ruck und die Frau kippte ihm entgegen. Ihr entrang sich ein erschreckter Aufschrei. Burke kam halb hoch und richtete die SIG auf den Gangster auf dem Beifahrersitz, der noch keine Zeit gefunden hatte, zu reagieren. Doch jetzt schlug er seine Waffe auf den Agent an.

Da riss auch schon Ron die Tür auf der Beifahrerseite auf.

Die Hand Goodmans mit der Waffe zuckte zu ihm herum.

„Fallen lassen!“, peitschte Burkes Stimme.

Ron Harris aber schlug schon zu, Goodman bekam den Lauf der SIG gegen die Stirn und sackte auf dem Sitz zusammen. Mit einem Griff entwand Ron ihm die Pistole. Burke vermutete, dass mit dieser Waffe Wesley Cohan erschossen worden war.

Handschellen klickten. Ron ließ Goodman auf dem Beifahrersitz, drückte die Tür zu und kam um den Toyota herum. Owen Burke half schon Kath, der Sekretärin, auf die Beine. Die Frau schluchzte, in ihrem Gesicht zuckten die Muskeln, ihre Augen waren gerötet vom Weinen.

Burke bedeutete seinem Kollegen, Kath zu Captain Ackerman zu bringen, und Ron führte die Frau davon. Er blieb auf der Seite, auf der sich das Gebäude befand, in dem sich Andrew Ramsey verschanzt hatte. So konnte Ramsey sie von der Wohnung aus nicht sehen, es sei denn, er hätte sich weit aus dem Fenster gebeugt.

Burke ging auf der dem Haus abgewandten Seite des Einsatzfahrzeuges in Deckung und gab Ackerman ein Zeichen. Der Captain verschwand hinter dem Mannschaftstransportwagen aus seinem Blickfeld und Burke vermutete, dass er jetzt mit Andrew Ramsey telefonierte. Ron Harris überquerte mit Kath etwa hundert Yard entfernt die Straße.

Wenig später tauchte Ackerman wieder auf und bedeutete Burke, dass es gleich so weit sei.

Ron war mit Kath hinter dem Fahrzeug, bei dem Ackerman postiert war, verschwunden. Dass es ihnen gelungen war, die Sekretärin aus der Gewalt des Gangsters zu befreien, verschaffte Burke eine immense innere Befriedigung. Wenn es ihnen jetzt auch noch gelang, Susan Cohan zu befreien, dann würde ihnen wieder einmal ein voller Erfolg in der Verbrechensbekämpfung beschieden sein.

Einige Minuten verstrichen. Dann erschien Andrew Ramsey mit seiner Geisel in der Haustür. Er hatte den linken Arm von hinten um Susan Cohans Hals geschlungen und hielt der Frau die Mündung seiner Waffe gegen die Schläfe. Langsam bewegten sich der Gangster und die Geisel auf das Einsatzfahrzeug zu. Ramsey gebot Susan, die Tür zu öffnen. Dann musste sie einsteigen und vom Beifahrersitz auf den Fahrersitz rutschen. Dicht hinter ihr stieg Andrew Ramsey ein.

Burke, der neben der Fahrertür lauerte, riss sie jetzt auf. Als er nach Susans Cohans Arm greifen wollte, um sie aus dem Wagen zu zerren, reagierte Ramsey schon. Sein Gesicht verzerrte sich, seine Hand mit der Pistole zuckte etwas herum und die Mündung starrte den Special Agent an.

Owen Burke drückte mehr instinktiv als von einem bewussten Willen geleitet ab. Er gehorchte einem der ältesten Prinzipien der Menschheit: Der Selbsterhaltung. Seine Kugel warf den Professor gegen die Tür und Ramseys Faust mit der Pistole sank nach unten. Der entsetzte Blick des Verbrechers war auf Burke gerichtet, doch plötzlich fiel sein Kopf nach vorn und sein Kinn sank auf die Brust. Die Hand, die die Pistole hielt, öffnete sich. Die Leere des Todes hielt Einzug in seinem Gesicht.

Burke atmete auf.

Die Gefahr war gebannt.

Ron Harris kam mit langen Sätzen die Straße herauf.

18

Andrew Ramsey war tot.

Aber die Agents hatten Keith Goodman. Und dessen Zunge löste sich, als er merkte, dass er der einzige war, der für die Verbrechen hier in New York zur Verantwortung gezogen werden konnte. Er versuchte für sich herauszuholen, was herauszuholen war. Die Idee, sich an den Prostituierten zu rächen, sei von Andrew Ramsey gekommen. Über Susan Cohan hatte Dr. Ramsey ihn, Keith Goodman, und Wesley Cohan, einen unmittelbar und einen mittelbar Betroffenen also, kennengelernt und für seine Idee gewinnen können. Auch in den anderen Städten hatten sich Betroffene bereit erklärt, mitzumachen.

Goodman verriet die Namen der Gangster, die unter den Prostituierten in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis Angst und Schrecken verbreiteten. Es fiel auch der Name Rufus Purdie, der Name des Mannes also, der der Agentin in Indianapolis ins Netz gegangen war.

Goodman würde die Freiheit nie wieder sehen.

Die Verbrecher in den anderen Städten zu verhaften war nur noch Formsache.

Der Fall war gelöst.

Jack the Ripper II. war in Wirklichkeit eine verbrecherische Interessengemeinschaft, die von einem Wahnsinnigen angeführt worden war.

Die Verbrecher würden verurteilt werden. Dem Gesetz war Genüge getan. Doch Ruhe würde in Owen Burkes und Ron Harris‘ Alltag nicht einkehren. Der nächste Fall wartete schon.

E N D E

Münster-Wölfe

von Alfred Bekker

Tatort: Ein Mietshaus in Münster. Michael Hellmer schreibt unter dem Pseudonym Mike Hell Groschenromane. Ein Stromausfall, der seinen Computer lahmlegt, vernichtet die letzten Seiten seines Western-Romans GNADENLOSE WÖLFE. Ursache ist der Föhn eines Mannes, der bereits seit einer Stunde tot in seiner Badewanne liegt... Damit beginnt für Hellmer eine Kette aberwitziger Verwicklungen. Ein inkompetenter Kommissar verdächtigt ihn und so hat Hellmer bald nur noch eine Wahl: Die Sache selbst aufklären!

1

Meine Finger glitten wie von selbst über die leichtgängige Computertastatur. Ein leises Klackern war dabei zu hören und vermischte sich mit dem unablässigen Summen des Ventilators, der meinen Rechner kühl hielt. Der Cursor blinkte auf, rutschte über die Benutzeroberfläche und zog eine Schriftspur hinter sich her.

Ich schrieb:

Jake McCord kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als er die drei Reiter herannahen sah.

Das muss Dickson mit seinen Bluthunden sein!, ging es ihm durch den Kopf.

Er erhob sich von seinem Lagerplatz und nahm noch einen tiefen Schluck aus der mit heißem Kaffee gefüllten Blechtasse.

Die Tasse hielt er mit der Linken, die Rechte glitt unterdessen zur Seite - dorthin, wo der Griff seines 45er Colts aus dem tiefgeschnallten Revolverholster ragte.

Als die drei Reiter näher heran waren, konnte er deutlich Barry Dicksons blasses Gesicht erkennen, das von einem dünnen, schwarzen Bart umrahmt wurde.

Das wird Ärger geben!, dachte McCord.

Doch er ließ sich keineswegs aus der Ruhe bringen und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Indessen waren die Reiter herangekommen. In einer Entfernung von kaum mehr als einem Dutzend Yards zügelten sie ihre Pferde.

McCords Augen begegneten Dicksons kaltem Blick.

"Hatte ich Ihnen nicht gesagt, dass es besser wäre, aus der Gegend zu verschwinden?", zischte Dickson dann, während seine beiden Begleiter ihre Hände zu den Revolvern gleiten ließen.

McCord nickte. "Das hatten Sie gesagt. Aber so leicht bin ich nicht einzuschüchtern!"

"Wenn Sie glauben, dass ich mir von einem Satteltramp wie Ihnen auf der Nase herumtanzen lasse, dann sind Sie schief gewickelt, McCord!"

"Das Gesetz ist auf meiner Seite", erwiderte McCord ruhig. "Und das wissen Sie auch!"

Dickson verzog höhnisch das Gesicht. "Das Gesetz? Ich bin das Gesetz hier in der Gegend!"

McCord ließ den Blick von einem zum anderen schweifen. In den Augen dieser Männer las er den Tod. Seinen Tod. Er sah die Anspannung in den Gesichtern von Dicksons Leuten. Die Hände waren bei den Revolvern, bereit, sie jeden Augenblick zu ziehen. Die Männer warteten nur noch auf ein Zeichen, um loszuschlagen.

Und dieses Zeichen kam schließlich auch. Es war ein kaum merkliches Nicken, mit dem Barry Dickson die Hölle losbrechen ließ.

Die Männer rissen ihre Eisen aus den Holstern. Sie waren schnelle, aber lausige Schützen. McCord zog ebenfalls blitzartig den Revolver und feuerte.

Der Kerl rechts von Dickson schrie auf, als ihm McCords Kugel in die Schulter fuhr, ihn nach hinten riss, und er die Waffe fallen ließ.

McCord warf sich zu Boden, während der Kugelhagel seiner Gegner über ihn hinwegpfiff. Noch im Fallen feuerte er ein zweites Mal und holte damit Barry Dickson aus dem Sattel. Schwer stürzte der Vormann der Morton-Ranch zu Boden und blieb reglos auf dem Rücken liegen. Ein kleines, rotes Loch hatte sich mitten auf seiner Stirn gebildet, während seine Augen starr in den Himmel blickten.

Dicht neben sich fühlte Jake McCord eine Kugel in den Boden einschlagen, die den Sand zu einer kleinen Fontäne aufwirbelte. Er rollte sich herum, riss dann den Revolverlauf empor und jagte dem dritten Kerl eine Kugel mitten in die Brust.

Ich lehnte mich zurück und war zufrieden mit mir. Zwanzig Seiten hatte ich heute schon geschrieben, die letzten zehn davon in einem Zug.

Es war einfach so aus mir herausgeflossen. Durch meine Finger hindurch in die Computertastatur.

'Gnadenlose Wölfe' sollte das Werk heißen. Heute Morgen hatte ich nichts weiter als diesen Titel gehabt. 'Gnadenlose Wölfe'! Ich fand, dass das gut klang.

Wenn alles glatt ging, würde ich in einer Woche die 120 Manuskriptseiten in die Tastatur gehackt haben.

In zirka sechs Monaten konnte man es dann aller Voraussicht nach an jedem Kiosk als Romanheft kaufen. Mit einem knalligen Titelbild versehen.

'GNADENLOSE WÖLFE' - Untertitel vielleicht: 'Sie kannten kein Erbarmen - ein neuer, ungewöhnlich faszinierender Roman von MIKE HELL.'

Aber davor hatten der Herrgott und der Redakteur noch ein bisschen Schweiß gesetzt. Seite Zwanzig. Heute war ich gut in Form, und vielleicht würde ich nachher noch einmal zehn Seiten schreiben.

Doch im Augenblick war mir mehr nach einer Tasse Kaffee.

Ich wollte gerade den Text sichern, da wurde der Bildschirm plötzlich dunkel.

Auch das Licht war ausgegangen.

Ein Kurzschluss! Ich fluchte innerlich. Die letzten fünf Seiten waren nicht gesichert gewesen und damit unwiederbringlich verloren.

Wahrscheinlich war es wieder der defekte Föhn von dem Kerl, der die Wohnung eine Treppe höher bewohnte.

Es war immer dasselbe. Der Kerl benutzte das Gerät, und wenn ich Pech hatte, sprang die Hauptsicherung raus.

Das Leitungsnetz in diesem Haus war völlig veraltet. Baujahr irgendwann vor dem Krieg oder kurz danach. Eigentlich hätten hier alle Leitungen herausgerissen und erneuert werden müssen. Abends, wenn die Fernseher nach und nach angingen, wurde es immer besonders kritisch.

Am besten ließ sich zwischen Mitternacht und Frühstück arbeiten. Dann war man relativ sicher davor, dass der Strom auf einmal weg war. Nur weil zwei Dutzend Idioten plötzlich alle gleichzeitig ihre sämtlichen elektrischen Geräte anstellen mussten. Und selbst der Typ mit dem kaputten Föhn trocknete sich dann seltener die Haare.

Ich war sauer.

Der blöde Kerl über mir - vorausgesetzt mein Zorn traf ihn in diesem Fall zu Recht - hatte mir fünf Seiten vernichtet.

Beim nächsten Mal sollte ich ihn auf Schadensersatz verklagen!, dachte ich.

Diese Seiten waren schließlich bares Geld für mich gewesen!

Andererseits war der Kerl aber selbst offensichtlich zu geizig, um sich endlich einen neuen Föhn zu besorgen, der sich mit der Hauptsicherung besser vertrug!

Ich atmete tief durch. So lange ich in diesem Haus lebte, würde ich mich mit diesen Zuständen abfinden müssen.

Ich knipste Bildschirm und Zentraleinheit des Computers off, damit - wenn die Sicherung wieder eingeschaltet war - der Strom nicht mit voller Wucht in die Geräte schlug. Das soll nämlich schädlich sein.

Dann erhob ich mich und überlegte einen Moment, was ich tun sollte.

Es gab mehrere Möglichkeiten.

Ich konnte in den Keller gehen, um die Sicherung wieder einzuschalten.

Ich konnte aber auch abwarten, bis einer der anderen Hausbewohner in den Keller ging, um die Sicherung wieder einzuschalten.

Ich sah auf die Uhr. Genau 17.30 Uhr.

Das bedeutete, dass schon eine ganze Reihe von Leuten zu Hause war, vor dem Fernseher saß, Radio hörte und so weiter. Meine Chancen, mich nicht selber aufmachen zu müssen, weil sich jemand anders durch den stromlosen Zustand noch mehr genervt fühlte als ich, standen also gar nicht so schlecht.

Ich ging in die Küche.

Da stand noch Kaffee in der Maschine. Die war natürlich auch ohne Strom, also war klar, dass der Kaffee bald kalt sein würde. So entschloss ich mich, mir erst einmal eine Tasse einzuschenken und abzuwarten.

Draußen, vom Treppenhaus her, hörte ich Geräusche und Stimmen. Da hatte sich also tatsächlich jemand in den Keller aufgemacht, genau wie ich vermutet hatte.

Ich schlürfte meinen Kaffee und wartete ab.

Dann war plötzlich wieder Strom da. Das Licht ging an, das Kontrolllämpchen der Kaffeemaschine leuchtete wieder, und das Radio in der Küche, das ich abzuschalten vergessen hatte, murmelte vor sich hin.

Doch das währte keine zwei Sekunden.

Dann war es schon wieder vorbei. Der Strom war erneut weg, was nur daran liegen konnte, dass der Kurzschluss immer noch bestand.

Wahrscheinlich hat dieser Idiot seinen Haartrockner einfach wieder eingeschaltet und versucht, sich zu Ende zu föhnen!, dachte ich grimmig.

Er war ein Ignorant.

Ich hatte ihn schon einmal wegen dieses verdammten Föhns angesprochen, aber er meinte, es liege an meinem Computer. Der ziehe zuviel Strom, und deshalb könne das Leitungsnetz seinen Föhn nicht verkraften. So ein Blödsinn!

Ich glaube, ich muss nicht besonders betonen, dass ich ihn nicht leiden kann. Wie sollte es anders sein, da er mir ja schließlich in mehr oder minder regelmäßigen Abständen Geld stahl.

Nein, pardon, ›stahl‹ ist nicht richtig ausgedrückt. Er vernichtete es. Er vernichtete Geld - und dummerweise gehörte dieses Geld mir.

Zur Hölle mit ihm!‹, oder so etwas in der Art hätte Jake McCord aus GNADENLOSE WÖLFE, diesem ungewöhnlich spannenden, wenn auch noch ziemlich unfertigen Western-Roman, in einem solchen Fall gesagt! ›Zur Hölle mit ihm ...‹ Wenn ich in jenem Augenblick gewusst hätte, dass er sich dort vielleicht schon befand ...

Aber es ist müßig, über solche Dinge nachzudenken.

Wieder kam für einen Augenblick Strom durch die Leitungen, der abermals sofort versiegte. Irgendjemand hatte es also ein zweites Mal versucht. Und ebenso erfolglos.

Ich trank meinen Kaffee aus.

Wie es aussah, würde ich mich doch selbst um die Sache kümmern müssen, wenn ich heute noch eine Seite in die Tasten bringen wollte!

Verdammt, ich war so gut drin gewesen, und dann das!

Die Probleme von Jake McCord lösten sich auf Seite 120, das war von vorn herein klar. Meine eigenen Probleme musste ich selbst meistern.

Kein gottgleicher Autor löste sie für mich in Wohlgefallen und einem Happy-End inklusive einem schönen Mädchen und dem Ende aller Schurken auf!

Ich ging in den Flur, öffnete meine Wohnungstür und trat hinaus ins Treppenhaus.

Von unten hörte ich Stimmen.

Es waren Frauenstimmen, und zwar mindestens zwei.

Sie kamen aus dem Keller die Treppe herauf und hatten wohl eingesehen, dass es so einfach, wie sie gedacht hatten, nicht war.

Indessen schloss ich sorgfältig die Tür hinter mir ab. Auch wenn man nur kurz aus der Wohnung ist, sollte man das tun. Es ist hier schon passiert, dass jemand nur den Mülleimer hinausgebracht hat, ohne abzuschließen, und dann das Familiensilber vermisste.

Ich warf einen Blick hinunter zu den Frauen.

Aber auch von oben kam jemand. Und auch das war eine Frau, das hörte ich an den Schuhen.

Ich wirbelte herum und blickte in ein fein geschnittenes, von dunkelbraunen Haaren umrahmtes Gesicht mit grüngrauen Augen. Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig.

Sie war hübsch, aber das war nicht der Hauptgrund, weshalb mein Blick an ihr haften blieb.

Für einen kurzen Moment sahen wir uns an.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine Sekunde lang blieb sie stehen und trat dann an mir vorbei. Sie wirkte irgendwie gehetzt, so als sei ihr jemand auf den Fersen. Aber ein kurzer Blick die Treppe hinauf sagte mir, dass dort niemand war.

"Hey!", rief ich ihr hinterher.

Sie blieb auf dem Absatz stehen, atmete tief durch und drehte sich dann zu mir herum. Es lag auf der Hand, dass sie nur aus der Wohnung jenes Mannes kommen konnte, dessen verfluchter Föhn vermutlich dafür verantwortlich war, dass ich jetzt hier im Treppenhaus stand, anstatt an den Tasten zu sitzen!

"Was ist?", rief sie ziemlich außer Atem.

Als sich unsere Blicke begegneten, wusste ich, dass sie Angst hatte. Schweiß stand ihr auf der Stirn, und ich konnte mir bei ihrer sportlichen Figur einfach nicht vorstellen, dass dieser durch die paar Stufen bis zum Absatz entstanden war.

Und für eine Herzkranke hatte sie einfach noch nicht das richtige Alter.

Ich deutete mit dem Daumen hinauf zur Wohnung meines Intimfeindes, der mit Vorliebe das Geld eines armen Romanschreibers vernichtete.

"Hat er sich wieder die Haare gewaschen?"

"Wer?"

Sie schien wirklich nicht zu begreifen. Ihre Augen verengten sich ein wenig.

"Na, der Kerl, der da oben wohnt. Ich weiß nicht, wie er heißt, aber sein Föhn ..."

"Föhn?"

Das Wort schien etwas in ihr auszulösen. Ich begriff noch nicht, was. Später sollte es mir klarer werden. "Was wollen Sie eigentlich?", meinte sie dann etwas unwirsch.

"Ich wollte nur wissen, ob er zu Hause ist!", erwiderte ich dann. Wenn nicht, konnte er auch logischerweise nicht seinen Föhn eingeschaltet haben, und dann musste der Stromausfall durch etwas anderes verursacht worden sein.

"Was weiß ich ..." murmelte sie, dann wandte sie sich um und rannte weiter. Sie hastete die Treppen hinunter, als ob buchstäblich der Teufel hinter ihr her sei.

Ich verzog das Gesicht.

Der Kerl mit dem Föhn − dessen Name mir nicht einmal mehr einfallen wollte − war sicher ein Ekel. Wen wunderte es schon, wenn jemand Reißaus vor ihm nahm? Mich jedenfalls nicht.

Eine Viertelstunde später sollte mich überhaupt nichts mehr wundern!

2

Unterdessen kamen die Frauen von unten zu mir herauf. Der davoneilenden Schönen warfen sie einen kurzen, kritischen Blick hinterher.

Dann waren sie bei mir angelangt.

Ich kannte sie flüchtig und wusste, dass sie in der Wohnung unter mir wohnten. Sie hießen beide Meyer und waren Mutter und Tochter. Meyer mit Ypsilon, so stand es an ihrer Wohnungstür, an der ich zwangsläufig vorbeikam, wenn ich hinunter zur Straße wollte.

Die Mutter war klein, gedrungen und ziemlich dick. Deshalb schnaufte sie jetzt auch gut hörbar. Sie pfiff wie eine Dampflok. Aber das war kein Wunder.

Ich hätte auch so gepfiffen, hätte ich ihr Gewicht die vielen Stufen hinaufschleppen müssen.

Die Tochter war schon fast dreißig und hatte immer noch Akne. Ihr selbst gemachter Kurzhaarschnitt stand ihr nicht besonders. Zudem waren ihre Haare eigentlich immer fettig und ungewaschen, wenn sie mir begegnete.

Ich weiß nicht, ob meine Begegnungen mit ihr repräsentativ für ihr äußeres Erscheinungsbild waren, aber ich denke schon.

Die beiden machten unzufriedene Gesichter. Bei der Tochter war das eigentlich immer so. Es war gewissermaßen ihr Markenzeichen.

Aber die Mutter war sonst immer ganz fröhlich, besonders wenn sie in der Pizzeria gewesen war und man ihr dann auf der Treppe mit einem Turm von Schachteln vor der Brust begegnete. Irgendwoher mussten die Pfunde ja auch schließlich kommen, die sie sich angefressen hatte.

"Es wird wieder der Kerl mit dem defekten Föhn sein!", meinte die Tochter, während sie auf ihrem Kaugummi kaute.

Fehlte nur noch, dass sie eine Blase machte, aber dazu war sie dann doch vielleicht schon etwas zu erwachsen.

Selbst sie.

Trotzdem, wenn ich sie sah, fragte ich mich immer, ob es so etwas wie lebenslange Pubertät geben konnte.

"Jedenfalls haben wir nichts gemacht, was den Kurzen verursacht haben könnte", fügte die Mutter hinzu. Sie setzte trotz ihres Ärgers jetzt ein überaus freundliches Gesicht auf und meinte dann: "Machen Sie das?"

"Was?"

"Dem Kerl Bescheid stoßen! Sie sind schließlich ein Mann!"

"Was hat das damit zu tun?"

"Naja, der da oben ist doch immer so unfreundlich. Und wenn man ihn mal trifft, dann grüßt er einen noch nicht einmal!"

Ich vollführte eine hilflose Geste. Das war nun wirklich nicht das Schlimmste an ihm! Und wenn man es genau nahm, dann grüßte sich in diesem Haus ohnehin fast niemand. In dem Punkt unterschied er sich kaum von den anderen Bewohnern.

"Wir hatten schon ein paar Begegnungen der unerfreulichen Art", meinte ich. "Ich fürchte, er reagiert auf mich allergisch ..."

"Nicht allergischer als auf den ganzen Rest der Menschheit", murmelte die pickelige Tochter und drückte dabei völlig ungeniert an einer ihrer unappetitlichen Eiterbeulen herum.

Wir gingen also die Treppe zu seiner Wohnung hinauf.

Ich wusste, dass es darauf hinauslaufen würde, dass ich dem guten Mann klarmachen musste, sich endlich einen neuen Föhn zu kaufen. Die beiden Frauen trauten sich nicht, den Kotzbrocken anzusprechen.

Bei der Mutter war mir das plausibel. Ihre ganze Art war eher zurückhaltend.

Aber bei der Tochter verstand ich das nicht. Ich wusste nämlich zufällig, dass sie ziemlich laut schreien konnte, um ihre Interessen durchzusetzen. Doch das galt anscheinend nur im Umgang mit ihrer Mutter, die wirklich keinen einfachen Stand ihr gegenüber hatte. Ansonsten spielte sie den verschüchterten Hasen.

Am liebsten hätte ich ihr in diesem Augenblick vorgeschlagen: ›Schrei den Kerl von oben doch nur einmal so an, wie du das bei deiner Mutter schaffst − wahrscheinlich hätten wir dann für ein Jahr Ruhe!

Aber ich verkniff es mir.

Dann waren wir oben, vor seiner Tür.

Ich warf erst einmal einen Blick auf das Namensschild an der Klingel. Er hieß Jürgen Lammers. Irgendwo in einem hinteren Winkel meines Gedächtnisses schien sich etwas zu regen. Ich kannte diesen Namen irgendwoher, aber er wäre mir jetzt nicht mehr eingefallen.

"Na, los!", sagte die Mutter und drückte auch schon auf die Klingel.

"Klopfen Sie lieber", riet ich ihr. Die gute Frau hatte wohl vergessen, dass wir gegenwärtig keinen Strom hatten und Jürgen Lammers schon aus diesem Grund nichts von der Klingelei hören konnte.

"Häh?", meinte sie, und so klopfte ich selber, anstatt darauf zu warten, dass sie es begriff.

Ich erwartete, dass er jetzt jeden Moment aufmachte, wahrscheinlich in seinem speckigen Jogging-Anzug, der den Bierbauch besonders gut zur Geltung brachte. Ich erwartete, in seine böse blitzenden Augen zu blicken, die in dem grobschlächtigen Gesicht mit der dicken Nase, den dunklen Augenbrauen und den knorrigen Wangen einen überaus passenden Platz hatten.

Aber nichts dergleichen geschah.

Jürgen Lammers machte nicht auf, und ich klopfte noch einmal, diesmal schon deutlich ungeduldiger.

Und dabei gab die Tür plötzlich nach. Offenbar war sie nur angelehnt gewesen.

"Wenn die Tür offen ist, wird er ja wohl zu Hause sein", meinte die Tochter.

Ich nickte, öffnete dabei die Tür vollends und trat zögernd ein.

Die beiden Frauen folgten mir, und dann staunten wir alle drei erst einmal über das außergewöhnliche Chaos, das sich uns bot.

Mein erster spontaner Gedanke war, hier hat jemand das Unterste zuoberst gekehrt! Aber dann schalt ich mich einen Narren. Dies ist kein Roman!, sagte ich mir. Dies ist die Wirklichkeit.

Und in Wirklichkeit war die Ursache für eine chaotische Wohnung meistens die, dass der Inhaber nicht aufgeräumt hatte. Ich kannte das aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Hinter mir hörte ich die Mutter aufatmen, während wir alle den Blick zu Boden gerichtet hatten, verzweifelt auf der Suche nach freien Stellen, auf die man die Füße setzen konnte. Die Kleidung, die man an sich an der Garderobe vermutet hätte, bedeckte den Fußboden des kleinen Flures. Die Schubladen der Kommode waren herausgerissen und ausgeleert.

Als wir schließlich ins Wohnzimmer kamen, sah es dort ebenso schlimm aus.

"Das ist nicht normal!", meinte die Mutter. "Hier ist etwas passiert. Vielleicht ein Einbruch ..."

Die pickelige Tochter verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Einbruch? Mama!", meinte sie dann spöttisch. Sie zuckte mit den Schultern und machte eine ziemlich herablassende Geste. "Die Tür war unversehrt! Wie soll der Dieb gekommen sein? Durch das Fenster vielleicht? Warum nicht. Mit einer Bergsteigerausrüstung an der Fassade hoch bis in den fünften Stock! Dann durch das Fenster und alles durchwühlen und schließlich auf demselben Weg wieder hinaus − natürlich nicht, ohne das Fenster zuvor von innen wieder sorgfältig zu schließen! Und selbstverständlich hat der Einbrecher dann noch absichtlich einen Kurzschluss verursacht, um uns alle zu ärgern!"

Sie kam sich sehr scharfsinnig vor, aber ihrer Mutter war das Ganze eher peinlich. Das war nicht zu übersehen.

Ich achtete nicht weiter auf das Gerede der beiden, sondern sah mich stattdessen lieber ein bisschen um.

Zwei Minuten später hörte ich plötzlich einen markerschütternden Schrei − einen Schrei, der selbst für die darin ansonsten recht geübte pickelige Tochter erstaunlich war.

Sie war ins Bad gegangen und hatte dort offenbar etwas entdeckt − oder war vielleicht auch einfach nur ausgerutscht. Ich traute ihr das Letztere zu. Besonders geschickt war sie nämlich nicht.

Jedenfalls beeilte ich mich, nach ihr zu sehen.

Die Mutter schnaufte hinter mir her.

Die Tatsache, dass kein zweiter Schrei folgte, legte ich für mich so aus, dass sie sich nichts Ernstes angetan hatte.

Einen Augenblick später sah ich sie mit offenem Mund und starr vor Schreck auf die Badewanne blicken.

In der bis über den Rand gefüllten Wanne lag ein Mann, den wir alle immerhin gut genug kannten, um ihn identifizieren zu können. Es war Jürgen Lammers, und bezeichnenderweise trug er auch jetzt seinen geschmacklosen Jogging-Anzug, der den runden Bierbauch stramm umspannte.

Seine Augen waren so giftig, wie sie es immer schon gewesen waren, aber diesmal hatten sie wahrlich Grund dazu, so zu schauen.

Lammers war nämlich mausetot.

Und dann sah ich auch die Ursache für den Kurzschluss.

Es war tatsächlich der Föhn, wie wir alle vermutet hatten. Jürgen Lammers musste ziemlich schlecht beraten gewesen sein, als er den defekten Apparat mit in die Wanne genommen hatte ...

"Mein Gott!", stieß die dicke Mutter hervor und schlug dann die Hände vor ihren offenen Mund. Sie schüttelte anschließend stumm den Kopf.

"Wir werden die Polizei rufen müssen", murmelte ich.

In meinen Romanen gibt es alle paar Seiten eine Leiche, aber dies war die Wirklichkeit. Und die ist dann doch ein bisschen anders.

"Mein Gott, wie furchtbar!", seufzte die dicke Mutter noch einmal aus tiefster Seele.

"Rühren Sie nichts an!", meinte ich.

"Wieso?"

"Damit keine Spuren verloren gehen!"

"Es ist doch Selbstmord, oder?"

"Das weiß ich nicht. Aber ich denke, die Polizei wird das herausbekommen − vorausgesetzt, wir lassen ihr die Chance dazu und bringen nicht alles durcheinander."

Irgendwie klang das seltsam angesichts der zerwühlten Wohnung. Was sollte da noch durcheinander zu bringen sein? Eine Fehlleistung von mir, ganz klar. Und eine Sekunde, nachdem dieser Schwachsinn über meine Lippen gegangen war, wurde es mir auch bewusst.

Aber wer wägt in einer solchen Situation schon so genau seine Worte ab? Nicht einmal ein Autor. Und ein Autor von Western-Romanen tut es sowieso nie.

Ich verließ also das Bad und suchte im Wohnzimmer nach dem Telefon, das sich zunächst einfach nicht auftreiben lassen wollte.

Die beiden Frauen harrten indessen in andächtiger Stille bei Lammers Leiche aus.

Schließlich fand ich das Telefon unter dem Sofa, aber die Schnur war herausgerissen.

Ich fluchte innerlich. Hier hatte jemand wirklich ganze Arbeit geleistet!

Mein Blick glitt über das Durcheinander, das auf mich jetzt wie ein völlig überladenes Stillleben wirkte.

Nein, je länger ich die Sache betrachtete, desto unwahrscheinlicher schien es mir, dass Lammers für dieses Chaos selbst verantwortlich war.

Hier hatte entweder einer gezielt etwas gesucht − und war dann vom Besitzer dieser Räuberhöhle überrascht worden. Oder jemand hatte einen Einbruch vorzutäuschen versucht, um die Polizei bei der Suche nach dem Mörder auf die falsche Spur zu locken.

Und um Mord handelte es sich meiner Ansicht nach.

Lammers war zwar ein ziemlich begriffsstutziger Kerl gewesen, aber dass er freiwillig in voller Bekleidung in eine Badewanne stieg und dann auch noch so bescheuert war, den Föhn mit ins Wasser zu nehmen − das mochte ich einfach nicht so recht glauben. Es erschien mir zu unwahrscheinlich.

Kein Redakteur hätte mir so etwas durchgehen lassen, wenn ich auf die Idee gekommen wäre, es in einem der Kurz-Krimis zu bringen, die ich hin und wieder für Illustrierte fabriziere. Es war einfach zu absurd.

Blieb also nur Mord.

In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, während ich die Lammers-Wohnung verließ, die Treppe hinunter eilte, um dann zu meinem eigenen Telefon zu gelangen.

Ich nahm den Hörer ab und hatte ein paar Augenblicke später einen tranig klingenden Beamten an der Strippe, der alles andere als einen besonders aufgeweckten Eindruck machte.

Aber schließlich konnte ich ihm doch klarmachen, was los war. Die Trantüte auf der anderen Seite der Leitung brauchte dann eine halbe Ewigkeit, um meine Personalien aufzunehmen. Ich war froh, als der Hörer wieder in der Gabel hing.

Ich atmete tief durch.

Und dann fiel mir wieder die junge Frau im Treppenhaus ein, die an mir vorbei gerannt war, als ob der Teufel hinter ihr her gewesen sei.

Vielleicht war ja auch genau das der Fall gewesen, wer konnte das schon sagen? Vielleicht hatte sie Angst vor Lammers bösem Geist gehabt (wofür ich Verständnis gehabt hätte); vielleicht konnte sie auch einfach keine Leichen sehen (vorausgesetzt, sie war auch in der Wohnung gewesen).

Vielleicht war sie auch seine Mörderin ...

Nachdenklich ging ich wieder hinauf. Ich sah mir die Tür genauer an, die zu Lammers Wohnung führte.

Kein Kratzer. Nicht die geringsten Spuren irgendeiner Manipulation − von Gewalteinwirkung gar nicht zu reden.

In diesem Augenblick hätte es mich brennend interessiert, ob Lammers noch am Leben gewesen war, als ihm die Schöne mit den grüngrauen Augen einen Besuch abgestattet hatte. Lammers schien mir nicht der Typ Mann zu sein, auf den die Frauen nur so fliegen. Aber der äußere Schein mochte ja durchaus trügen.

Vielleicht hatte er unter seiner ätzenden Fassade noch irgendwelche besonderen Qualitäten verborgen, die diese Frau dazu gebracht hatten, sich mit ihm abzugeben.

Aber, halt!, sagte ich mir eindringlich, du gehst jetzt schon entschieden ein Stück zu weit! Ist wohl eine Berufskrankheit.

Eins, zwei, drei, und es ist gleich eine Story aus ein paar dürftigen Versatzstücken gezimmert. So arbeitet mein Gehirn eben.

Und das hat auch sein Gutes! Es muss so sein, sonst würde ich längst am Hungertuch nagen und selbst die Miete für diese schäbige Wohnung nicht mehr aufbringen können!

Andererseits − falls sich bestätigte, dass dies ein Mordfall war, war die Schöne natürlich eine Verdächtige ersten Ranges!

Als ich ins Wohnzimmer kam, traf ich dort auf die beiden Frauen, die inzwischen offenbar genug davon hatten, den toten Lammers anzustarren. So schön war er ja auch wirklich nicht anzusehen. Weder im Leben, noch im Tode.

"Kommt die Polizei?", fragte die Mutter.

Ich nickte. "Ja. Sie schicken jemanden."

"So etwas hat es hier noch nie gegeben", meinte die Mutter. "Vor zwei Jahren wurde in der Disco im Erdgeschoss mal eingebrochen. Und die Bombendrohung vor zwei Monaten, die haben Sie ja auch mitgekriegt. Ich weiß noch, wie wir alle mitten in der Nacht auf die Straße mussten. Ich habe auch den Rest der Nacht kaum ein Auge zumachen können, obwohl ich doch am nächsten Morgen wieder früh raus musste ..."

Ich hatte von dieser Sache gehört, war aber keineswegs dabei gewesen. Vor zwei Monaten hatte ich mich unter spanischer Sonne im Urlaub befunden. Aber das sagte ich ihr nicht.

Es spielte keine Rolle, und ich hatte auch wenig Lust dazu, diese Sache länger als unbedingt notwendig zu diskutieren.

Ich murmelte irgendetwas Zustimmendes. Aus Höflichkeit.

"Wir könnten wenigstens den Föhn aus der Steckdose ziehen, damit wir endlich wieder Strom bekommen!", nörgelte indessen die Tochter.

"Davon würde ich abraten. Wir sollten wirklich alles so lassen, wie es ist!", meinte ich dazu.

"Woher wissen Sie soviel über diese Dinge?", meldete sich die Mutter wieder zu Wort.

Ich verzog das Gesicht. "Ich sehe mir immer den 'Tatort' im Fernsehen an!"

"Im Ernst?"

"Ja."

Manche Menschen beruhigen sich dadurch, dass sie unablässig Worte produzieren. Bei anderen wirkt genau das Gegenteil. Die dicke Mutter gehörte leider zur ersten Gruppe.

"Das Ganze erinnert mich an diesen Politiker. Wie war doch noch mal der Name ...? Der, der sich auch in einer Badewanne umgebracht hat! Ich denke, das hier war auch Selbstmord."

Ich ließ den Blick umherschweifen. "Einen Abschiedsbrief habe ich nicht gesehen", erwiderte ich sachlich.

"Muss es denn einen geben?" Die Mutter machte eine unbestimmte Geste und holte dann tief Luft. Das gab immer ein besonderes, unnachahmliches Geräusch. Eines, an dem man sie mit hundertprozentiger Sicherheit akustisch identifizieren konnte.

Ich zuckte mit den Schultern. "Ich will nicht ausschließen, dass es auch Leute gibt, die sich ohne Abschiedsbrief umbringen!"

"Ja, so wie der Politiker! Der lag auch angezogen in einer Wanne. Allerdings hatte er vorher Tabletten geschluckt. Ein Föhn spielte dabei keine Rolle."

"Und warum sollte Lammers das gemacht haben?"

"Vielleicht war er einfach verzweifelt!", meinte die Tochter, und ich dachte, wenn ich so ein Gesicht hätte, wäre ich auch verzweifelt. Und wenn sie mit mir in einer Wohnung gewohnt hätte, noch viel mehr. Und wenn sich alle Verzweifelten dieser Welt wirklich umbringen würden, dann wären diese beiden Frauen kaum noch am Leben.

"Warum sollte er verzweifelt gewesen sein?", murmelte ich schulterzuckend.

"Vielleicht war er unheilbar krank!", meinte die Tochter. "Manche Leute drehen dann durch. Ich habe neulich noch einen Fernsehfilm darüber gesehen."

"Sie haben doch auch diese Frau gesehen ..." ließ ich dann einen Versuchsballon aufsteigen.

Die beiden sahen mich an. "Welche Frau?", fragte die Tochter vorlaut.

Oh, Mann!, dachte ich. Blind ist sie auch noch! Welch ein Schicksal! "Ich meine die Frau, die von oben gekommen ist und so fluchtartig davonrannte."

"Ja, richtig ..." sagte die Mutter gedehnt. "Und Sie meinen, dass sie hier bei Lammers war?"

"Woher sollte sie sonst gekommen sein? Hier oben ist doch nur diese eine Wohnung. Und die Tür stand offen."

"Ja, das stimmt."

"Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?"

"Nein!", sagte die Mutter.

"Nein!", grunzte die Tochter.

Sie schüttelten beide den Kopf, die pickelige Tochter etwas heftiger als ihre Mutter − vielleicht deswegen, weil die Mutter ihre Wasserwelle nicht durcheinanderbringen wollte. Die Tochter konnte ihren Kurzhaarschnitt so doll schütteln, wie sie wollte. Er sah immer gleich schlecht aus.

"Und Sie?", fragte die Mutter an mich gewandt.

"Was ist mit mir?"

"Kennen Sie vielleicht diese Frau?"

"Nein. Und es wundert mich ehrlich gesagt, dass es diesem Ekel gelungen ist, so eine Lady für sich zu interessieren!" Ich seufzte. "Mannomann, da komme ich einfach nicht drüber hinweg!"

"Er ist tot!", meinte die Tochter tadelnd.

Das durfte ja nicht wahr sein! Jetzt machte sie auch noch einen auf Pietät! Das passte nun wirklich nicht zu ihr! Absolut nicht!

MEGAunpassend sozusagen.

Aber was passte denn überhaupt schon zu ihr? Mir fiel da spontan nichts ein.

Vielleicht irrte ich da aber auch, und es war genau umgekehrt: Sie selbst war es, die ihrerseits zu nichts und niemandem passte!

Eine andere Möglichkeit war, dass ich sie einfach nicht leiden konnte. Schlechte Schwingungen, neudeutsch: bad vibrations. Ein übelriechendes Karma. Man kann das nennen, wie man will, es läuft immer auf dasselbe hinaus.

"Er ist tot", bestätigte ich mit einem dünnen Lächeln. "Aber das ändert doch nichts daran, dass er ein Kotzbrocken war!"

"Trotzdem", meinte die Tochter.

"... und bei einem solchen Ekelpaket gibt es vermutlich jede Menge Leute, die ihn lieber heute als morgen aus dem Weg haben würden", fuhr ich fort.

Die Tochter kratzte sich wieder an einem ihrer zahllosen Pickel. Und jetzt war mir auch klar, warum es immer mehr wurden und die Vorhandenen nicht abheilen konnten, sondern sich nicht selten zu üblen Geschwüren auswuchsen.

Sie kratzte und drückte halt gerne dran. Was ließ sich auch sonst schon mit Pickeln anfangen? Und sie − als geborene Kratzbürste ...

"Es ist doch schon erstaunlich", meinte die Mutter.

Ich hob die Augenbrauen. "Was ist erstaunlich?", fragte ich.

"Dass wir hier zusammenleben, ohne etwas voneinander zu wissen!" Sie hob die Hände zu einer hilflosen Geste. "Das ist doch furchtbar, finden Sie nicht?"

Ich nickte leicht, obwohl ich ihre Meinung nicht unbedingt teilte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "1000 Seiten Krimi Spannung - Acht Top Thriller" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Empfehlen