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10 Weihnachtsgeschichten

Zum Buch

Inhalt: Weihnacht auf der See. Auf dem Christmarkt. Christkindleins Bild. Jugenderinnerungen einer alten Puppe. Goldchen. Christbäume. Rudolfs Geheimnis. Schwarz und weiß. Weihnachtsfeier. Wir haben seinen Stern gesehen!

Die Autorin Margarete Lenk wurde 1841 in Leipzig geboren, war Lehrerin und wanderte nach ihrer Heirat gemeinsam mit ihrem Mann nach Amerika aus. Als sie 40 Jahre alt war, kehrten sie nach Deutschland zurück, und Margarete Lenk wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin von Kinder- und Jugendliteratur.

Sie starb 1917 in Dresden.

In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

1. Weihnacht auf der See

Ein rauer Wind blies vom Hafen her über die Hafenstadt; dennoch herrschte in einer engen, nicht allzu sauberen Gasse reges Leben. Das große Haus dort drüben war ja eine Herberge für Auswanderer und heute bis aufs letzte Stübchen besetzt, da gegen Abend ein schönes Segelschiff nach Südamerika abgehen sollte. Eine große Anzahl hoffte sich dort den Wohlstand zu erwerben, den sie hier trotz Anstrengung aller Kräfte nicht errungen hatten.

Eigentlich hätte das Schiff schon längst fort sein sollen, und der Aufschub war den Reisenden recht unangenehm, da sie manchen Taler im Logierhaus lassen mussten.

Der hübsche, blondgelockte, etwa zwölfjährige Junge aber, der die Gasse auf und nieder ging, machte sich offenbar gar keine Sorgen um die Zukunft. Hatte man ihm doch das neue Vaterland als ein rechtes Paradies geschildert, wo einem, wie man so zu sagen pflegt, die Tauben in den Mund fliegen.

Wohl aber sorgte er jetzt ernstlich, wie er das Dreimarkstück, das ihm der gute, alte Pate zum Abschied geschenkt, am besten verwenden könne.

„Mach dir noch eine Freude damit im lieben Vaterland“, hatte er gesagt.

So ging Hans die Gasse auf und ab und prüfte die Herrlichkeiten, die in den kleinen Ladenfenstern ausgestellt waren.

Warum wollte ihm nichts so rechte Freude machen?

Ach, der Abschied ward ihm so schwer! Vom Paten, vom freundlichen Lehrer, von der alten Großmutter, die jetzt gewiss in ihrem Dachstübchen weinte; wohl weniger nach ihm als nach ihrem Liebling, dem Schwesterchen Lotte.

Aber es gab noch einen Grund zum Weinen!

Ach, man musste das Weihnachtsfest auf offener See feiern! Es ging gar nicht anders.

Dass von Geschenken nicht die Rede sein werde, wusste er ja; doch betrübte ihn das am Wenigsten. Aber Weihnachten ohne Christbaum, ohne ein Kripplein und ohne die schönen Lieder konnte er sich gar nicht vorstellen.

In solche Gedanken versunken blieb er vor einem kleinen Spielwarenladen stehen.

O, da war ein Püppchen, wie Lotte es sich schon längst wünschte. Es hatte blonde Härchen und ein zierliches blaues Kleidchen. Auch wusste Hans, dass solche Püppchen schreien konnten, wenn man sie drückte; die Mutter hatte es selbst gesagt.

Aber, o weh! Es kostete eine ganze Mark! Man konnte es auf dem Zettelchen am Kleide lesen. Für ein Spielzeug so viel auszugeben, wagte er nicht. Vater, Mutter und Brüderchen Otto, das noch nicht laufen konnte, sollten doch auch was haben.

„Na, Junge, wie lange stehst du denn schon hier?“, rief eine etwas raue Stimme ganz in der Nähe. Ein stattlicher Herr in Seemannsuniform stand hinter ihm.

„O ich wollte gern recht viel kaufen, aber das Geld will nicht langen“, fuhr der Junge heraus.

„Wozu brauchst du denn so viele hübsche Sachen?“

„O für Lotte und Otto und Vater und Mutter. Der Pate hat mir drei Mark geschenkt, weil wir übers Meer fahren. Und unterwegs wird Weihnachten sein, da möcht’ ich gern allen was schenken.“

„Wie heißt denn das Schiff, mit dem ihr fahren wollt?“

„Es heißt ‚Hektor‘ und ist sehr schön und stark. Hektor war vor langer Zeit lebendig und ein furchtbar starker Held, der ...“

„Halt, halt!“, rief der Seemann, „jetzt ist nicht Zeit, alte Geschichten zu erzählen. Komm in den Laden! Wir wollen was für Weihnachten kaufen. Sag, kannst du auch ein Weihnachtslied?“

„O viele, viele! Ich war der Oberste im Singen.“

Nun traten sie in den Laden und kauften, o so unglaublich viel! Püppchen, Bleisoldaten, Schachteln mit Häuschen, mit Kaffeegeschirr, mit Bausteinen, ein paar kleine Flinten und Säbel und noch vieles andere.

Hans war ganz starr vor Staunen und wagte nur einmal leise zu sagen:

„O so viel brauche ich nicht! Ich kann es ja gar nicht bezahlen.“

„Aber ich brauch’s und kann’s auch bezahlen“, sagte der Seemann kurz.

Nun ward alles in eine sehr große, feste Schachtel gepackt und bezahlt.

„Schicken Sie’s sofort nach dem ‚Hektor‘. Um fünf Uhr muss es dort sein.“

„O da muss ich ja heim und der Mutter helfen! Ach, ich meine ins Gasthaus!“

„Freilich! Auf dem ‚Hektor‘ seh’n wir uns wieder! Bis Weihnachten vertrau mir nur deine Sachen. Wir feiern es dann gleich zusammen.“

Fort war der brave Mann im Nu, und Hans eilte ins Gasthaus.

Nach wenigen Stunden ging es fort zum Schiffe. Dort lag es vor Anker!

O wie groß war es! Es konnte nicht bis dicht ans Ufer kommen; die Reisenden wurden in Kähnen an Bord gebracht. Alles größere Gepäck war schon am Tage vorher herübergeschafft worden.

Ängstlich sah sich Hans nach seinem Paket um; es war nirgends zu sehen. Aber als alles „klar“ zur Abfahrt war und Hans mit dem Vater am Gitter stand, um sie zu beobachten, siehe, da nahte sich ein schöner kleiner Kahn, in dem mehrere Herren in Uniform saßen, dem großen Schiffe.

Die ganze Schiffsmannschaft rief laut: „Hurra! Hurra!“, und jetzt sah Hans, das der vornehmste der Herren sein Freund war. „Das ist der Kapitän“, hörte er sagen.

Ja, er war es. Er erkannte gleich seinen kleinen Freund unter der Menge und winkte ihm fröhlich zu. Gern hätte Hans nach der Schachtel gefragt, wagte es aber nicht, denn alles war in feierlicher Stimmung.

Auf ein Zeichen des Kapitäns begann das große Schiff sich zu bewegen. „In Gottes Namen!“, rief der brave Mann, und die Leute riefen es ihm nach.

Langsam löste sich das schöne Fahrzeug aus der Menge der Schiffe, die im Hafen ruhten, und endlich schwamm es hell und majestätisch wie ein Schwan frei und stolz auf den leicht bewegten Wellen. Kein Wölkchen war am Himmel; die strahlende, sich schon neigende Sonne spiegelte sich glänzend in den Wogen.

Der Raum, der jeder Familie unten im Zwischendeck angewiesen ward, war sehr eng. Doch verstand die liebe, verständige Mutter dennoch Sauberkeit und etwas Behaglichkeit darin zu erhalten, wobei Hans emsig half.

Den Kapitän sah er in den ersten Tagen nur selten von Weitem, wenn die Mutter ihm etwas Freiheit ließ.

Bald aber erreichte das schöne Schiff wärmere Gegenden, und die Sonne schien freundlich, während ein leichter, günstiger Wind in die Segel blies.

Nun durfte Hans sein Lottchen oben spazieren führen, ja sogar den kleinen Otto hüten, der in einem mit Betten ausgepolsterten Körbchen lag. Da konnte der wissbegierige Junge um sich schauen! O wie entzückte ihn der täglich veränderte Anblick des Meeres; wie andächtig, mit gefalteten Händen sah er am Abend den glühenden, strahlenden Sonnenball untersinken!

Zuweilen ging dann der Kapitän vorüber, und, o wie glücklich war Hans, wenn er zu ihm sagte:

„Komm mit! Ich hab ein wenig Zeit und will dir was zeigen!“

O war’s nicht schon eine Ehre, von des Kapitäns Hand geführt zu werden, um die Teile des Schiffes kennen zu lernen, das Auf- und Abziehen der Segel und die Schnelligkeit des schönen Fahrzeugs zu beobachten? Dazu bekam Hans noch Wunderdinge erzählt von fernen Ländern und Meeren, ja auch von den großen Fischen und seltsamen Tieren, die im Grunde der See wohnten.

„Was willst du denn einmal werden?“, fragte der Kapitän eines Tages den Jungen.

Der schwieg eine Weile und sagte dann zögernd:

„Was ich will, weiß ich wohl, aber ’s nützt mir nichts! Ich muss eben ein Bauer werden; Farmer nennen sie’s in Amerika. Vater will ja ein Stück Land in der Wildnis anbauen; da muss ich schon helfen.“

„Das ist brav. Aber wenn dich der Vater nicht braucht, was dann?“

„O dann wollt’ ich früher ein Pfarrer oder ein Lehrer werden, aber seit ich auf dem Schiffe bin, ist’s ganz weg. Jetzt würd’ ich gern ein Seemann.“

„Hast du auch Mut dazu?“

Der Junge zögerte mit der Antwort und sprach endlich leise:

„Ich denke, Gott würde mir Mut geben.“

Solche Gespräche führten die beiden oft miteinander, und Hans fand täglich mehr Gefallen am Seemannsleben.

Aber, aber! Eines Tages stiegen schwarze Wolken am Himmel empor, ein seltsames Sausen erklang in der Luft, große, schäumende Wellen hoben das Schiff hoch empor und ließen es wieder herabschießen wie in tiefe Abgründe. Schlimmer und schlimmer ward es! Die Eingänge zu den Kajüten wurden geschlossen; kein Passagier durfte auf Deck.

Am längsten hatte es Hans oben ausgehalten, fest ans Gitter geklammert. Der Kapitän aber, der im Wettermantel und Kapuze auf seiner Kommandobrücke stand, schrie ihm barsch zu:

„Runter mit dir, Junge! Keine Landratte oben!“

‚„Landratte“! Welch garstiger Name!‘, dachte Hans, als er im engen, halbdunkeln Raum am Boden saß und den kleinen Otto hütete, der in steter Gefahr war, aus seinem Körbchen zu fallen.

Doch führte Gott das Schiff bald wieder aus den stürmischen Regionen und ließ die Sonne freundlich scheinen, sodass Hans seine Kleinen aufs Verdeck bringen konnte, damit sie ein wenig Luft schöpfen möchten.

Viel lieber hätte er freilich am Gitter stehend die Wellen beobachtet oder den Matrosen, die ihn alle gern hatten, kleine Dienste geleistet. Als ihn aber der Kapitän einst so freundlich die Kleinen hüten sah, klopfte er ihn auf den Lockenkopf und sagte:

„So ist’s recht, mein Sohn. Wer der Mutter gehorcht und hilft, aus dem macht Gott einen braven Mann!“

Ein paar Wochen mochte man schon gefahren sein, als der liebe 24. Dezember kam, der für so viele Kinder auf der weiten Welt ein Tag der Freude ist.

Die kleinen Reisenden im Zwischendeck waren heute recht wehmütig, ja sogar verdrießlich gestimmt.

„Mutterle, ist heute wirklich Weihnachten? Man sieht es ja gar nicht“, sagte das eine.

„Kriegen wir denn dies Jahr gar kein Christkindel?“, fragte ein anderes.

„Diesmal nicht“, war die Antwort. „Wo sollen wir eins hernehmen? Auf dem Wasser ist nichts zu kaufen. Ist auch gut so; die Reise kostet Geld genug.“

Das war freilich schlechter Trost für Kinderherzen!

Immerhin gab’s einige, die ihre Kleinen zu sich riefen, um ihnen von dem herrlichen Geschenk zu erzählen, dass Gott heute der ganzen Welt brachte, wenn sie’s nur im Glauben annehmen wolle.

Ganz leise hatte auch Hans den kleinen Geschwistern vom Christkindlein in der Krippe erzählt, dann war er entschlüpft und blieb lange unsichtbar.

Die guten Eltern gönnten’s ihm. Sie meinten, er ergötze sich oben im milden Sonnenschein, um seine Weihnachtssehnsucht zu überwinden.

Aber Hans war nicht auf dem Verdeck, half auch nicht in der Küche Kartoffeln schälen, wie er so oft tat.

O, er hatte Besseres zu tun!

Er kam nicht einmal zum Mittagessen, guckte nur flüchtig in den düsteren Raum und rief:

„Esst nur meinen Anteil auf; ich habe schon was Gutes bekommen.“

„Der Junge wird doch nicht etwa ein Schmarotzer werden, der sich von dem vornehmen Volk hätscheln und füttern lässt?“, sagte Vater.

Aber die Mutter nahm es fast übel.

„Mein Junge ein Schmarotzer!“, rief sie. „Nimmermehr! Ein Herz hat er wie Gold und ist jetzt gewiss bemüht, jemand zu helfen oder eine Freude zu machen.“

Ja, dabei war er wirklich, und als der Nachmittag etwas trübselig vergangen war, kam’s ans Tageslicht.

Plötzlich fing die helle Mittagsglocke an zu läuten, obgleich ihre Zeit längst vorüber war.

Was mochte wohl geschehen sein? Doch nicht etwa ein Unglück, zum lieben Christtag?

O nein, etwas ganz anderes! Plötzlich trat der Kajütenjunge, der sonst die „Zwischendeckler“ ein wenig verächtlich behandelte, in den heute recht trübselig düsteren Raum und sprach mit heller Stimme:

„Der Herr Kapitän befiehlt, dass sich alle Kinder aus dem Zwischendeck in einer halben Stunde im Speisesaal versammeln; sauber gewaschen und gekämmt. Wer schmutzig ist, bleibt draußen! Wer noch nicht laufen kann, darf getragen werden!“

Mit feierlichem Ernst hatte der Junge gesprochen, sodass alle aufs Höchste erstaunt waren.

In den schönen Saal, wo man sonst nur einmal verstohlen hineinguckte!

Nun ging’s an ein Waschen und Kämmen, wie sonst noch nie; und manches, das zwei saubere Kittelchen besaß, borgte dem eins, der keines hatte.

Horch! Die Glocke läutete wieder. Jetzt war’s Zeit.

Etwas mühsam ging’s die steile Treppe hinauf und den langen, schmalen Gang hinab zum Speisesaal der Kajütenpassagiere.

Jetzt ward der schwere Vorhang, der sonst stets geschlossen war, aufgezogen, und ein Meer von Licht strahlte den staunenden entgegen.

Die lange Tafel war weiß gedeckt und darauf strahlten vier kleine Christbäumchen mit vielen Lichtern.

Auf dem weißen Tuch aber waren Wunderdinge zu sehen, wie sie auf der See wohl niemand sucht: Püppchen, Schachteln mit Spielzeug, Trommeln, Trompeten, Zappelmänner, Pferdchen und Schäfchen, kurz alles, was der Kapitän damals eingekauft, war nun hier ausgebreitet. Dazu noch für jedes ein kleiner runder Kuchen und ein paar Äpfel und Nüsse.

Die Kleinsten jauchzten laut und hätten gleich gern zugegriffen, wurden aber vom Obersteuermann zurückgehalten. Der war sehr musikalisch und fing mit heller Stimme an zu singen:

„Vom Himmel hoch da komm ich her,

Ich bring euch gute neue Mär’,

Der guten Mär’ bring ich so viel,

Davon ich sing’n und sagen will.“

Erst zaghaft, bald aber aus vollem Herzen stimmten Kinder und Eltern ein:

„Euch ist ein Kindlein heut geborn

Von einer Jungfrau auserkorn,

Ein Kindelein, so zart und fein,

Das soll eu’r Freud und Wonne sein.

Es ist der Herr Christ, unser Gott,

Der will euch führ’n aus aller Not;

Er will eur’r Heiland sein,

Von allen Sünden machen rein!“

Nun begann der Kapitän zu sprechen:

„Ihr lieben Leute! Kurz ehe mein Schiff abging, lernte ich einen Knaben kennen, der euch auch nicht fremd ist. Ihm habt ihr diese kleine Weihnachtsfreude zu danken. Er gab alles hin, was er hatte, ohne an sich selbst zu denken. Da wollte ich auch einmal versuchen, ob Geben seliger ist als Nehmen!

Ja, es ist viel seliger! Aber all die kleinen Geschenke sollen euch nur an das eine, ewige und wunderbare Geschenk erinnern, was Gott uns heute machte, indem er seinen Sohn als armes Kindlein auf die Welt sandte, um uns alle selig zu machen.

So nehmt die kleinen Gaben freundlich hin, und wenn euch Gott im fernen Lande eine Heimat beschert hat, so denkt noch manchmal an das ‚Weihnachten auf der See‘.“

Mit tiefer Rührung hatten die Leute zugehört und blieben eine Weile ganz still. Dann aber rief eine helle Knabenstimme:

„Gott segne unseren Kapitän!“

„Gott segne ihn!“, erschallte es in vollem Chor.

Nun ward alles ausgeteilt, was das Christkindlein aufs Meer gebracht, und es entstand ein großer Jubel. Die Trommeln wurden gerührt, die Trompeten schmetterten, die Püppchen tanzten, aber die kleinen Kuchen waren in wenigen Minuten ganz verschwunden.

„Nun singt mir noch ein Weihnachtslied und geht dann in eure Behausung. Der heute geboren ward, hatte auch nicht mehr Platz als ihr.“

Da traten einige gute Sänger zusammen, und es erklang gar lieblich:

„Es kommt ein Schiff, geladen

Bis an den höchsten Bord,

Trägt Gottes Sohn in Gnaden,

Des Vaters ew’ges Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,

Trägt eine teure Last;

Das Segel ist die Liebe,

Der Heil’ge Geist der Mast.

Der Anker schlägt zu Erden,

So ist das Schiff an Land;

Das Wort zu Fleisch soll werden,

Der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren

Ist uns ein Kindelein,

Gibt sich für uns verloren!

Gepriesen muss es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden

Umfangen, küssen will,

Der muss erst mit ihm leiden

Der Pein und Marter viel.

Danach auch mit ihm sterben

Und geistlich auferstehn,

Das ew’ge Heil zu erben,

Wie an ihm ist geschehen.“

Als das Lied zu Ende war, musste sich der Kapitän gefallen lassen, dass er viele kleine Händchen bekam, ja sogar ein paar Küsschen von roten Lippen, die noch Spuren des verschwundenen Kuchens zeigten.

Auch die Eltern dankten ihm herzlich für die Weihnachtsfreude und versprachen, sie nie zu vergessen.

Nach und nach ward Ruhe im Schiff. Die Mannschaft hatte ein gutes Abendbrot bekommen, die Nachtwachen standen auf ihren Posten. Wer schlafen durfte, suchte die Hängematte auf und summte wohl irgendein Weihnachtslied, das ihn die Mutter vor Jahren gelehrt.

Wie mochte es ihr wohl gehen? Betete sie vielleicht jetzt für den fernen Sohn?

‚Ja, beten will ich auch wieder‘, dachte der jüngste Schiffsjunge. ‚Ich hab’s manchmal vergessen.‘

Oben auf dem Deck war’s ganz still. Die Wachen blickten sehnsüchtig in die Ferne. Wohl jeder gedachte der Heimat, mancher wohl auch der himmlischen.

Auf einer großen Taurolle saß der Kapitän, neben ihm Hans. Der Junge hielt ein großes Buch in den Händen und hätte gar zu gern drin gelesen, wenn’s nicht schon zu dunkel gewesen wäre. So streichelte er den bunten Einband und fragte:

„Soll es wirklich ganz mein sein?“

„Ja“, erwiderte der Kapitän. „Du musst doch auch ein Weihnachtsgeschenk haben. Lies darin, sooft du Zeit hast. Es enthält die Anfangsgründe alles dessen, was ein Seemann wissen muss. Ich weiß, du bist ehrlich. Gefällt es dir nicht, so bist du eben nicht zum Seemann bestimmt. Bete auch, dass Gott deine Gedanken lenke. Aber jetzt geh schlafen! Behüt dich Gott, mein Junge!“

Lesen war bisher nicht die Lieblingsbeschäftigung des Jungen gewesen. Ein Verschen, ein Märlein und die Schulaufgaben, das war alles, was ihm in die Hand gekommen war.

Und nun das große Buch!

Aber die vielen, vielen Bilder von Schiffen und Schiffsteilen, von Segeln, Wimpeln, Rudern und Masten, von Maschinen und Werkzeug aller Art zogen ihn an.

Das Brüderlein auf dem Schoß oder neben sich im Körbchen, machte er sich an das große Buch.

Zum Glück hatte Klein-Otto zwei neue Zähnchen bekommen und war nun oft ruhig und zufrieden mit der Klapper, die das Christkind gebracht.

Hans aber las, nicht schnell und flüchtig, nein, mit tiefem Ernst und großem Eifer.

Wie oft er aber mit dem Buch zum Obersteuermann oder zu einem Seekadetten oder gar zum Kapitän lief, um etwas zu fragen, war ganz erstaunlich.

Woche auf Woche verging, das Wetter war schön, und Hans lernte so viel, dass er sich selbst manchmal darüber wunderte. Dabei blieb er der Mutter guter Sohn und stand ihr bei, wo er nur konnte.

Die Freundschaft zwischen ihm und dem Kapitän war dieselbe geblieben, aber die Ehrfurcht des Jungen vor dem Manne, der alles, alles verstand und fast auswendig wusste, was in dem Buche zu lesen war, wuchs täglich mehr.

Er sprang ihm nicht mehr entgegen, sondern stand stramm zur Seite, mit der Hand an der alten, abgetragenen Mütze. Aber sehr glücklich war er, wenn der so hoch Verehrte ihm zurief:

„Komm, bringe das Buch mit; ich habe ein wenig Zeit für dich.“

O wunderbar viel lernte man da in einer Stunde!

Indes nahte sich das Ende der Reise, allen zur Freude, nur dem Knaben zum Leid.

Aber in jenen warmen Regionen, wo der Himmel so hell strahlt wie ein Edelstein, umzieht er sich auch zuweilen ganz plötzlich mit dunkeln Sturmwolken. Das sollte auch Hans noch erleben.

Am Abend eines schönen, klaren Tages stieg im Westen eine kleine dunkle Wolke auf, in der es zuweilen zuckte, als werde ein Licht angezündet und schnell wieder ausgelöscht. Auf dem Schiff aber ward es unruhig. Allerlei Befehle wurden gegeben, die Kajüten geschlossen, und kein Passagier durfte an Deck bleiben.

Und doch einer, und zwar ein recht kleiner. Als man alle hinunterkommandierte, war Hans mit gefalteten Händen vor den Kapitän getreten und hatte mit Tränen gebeten, man solle ihn oben lassen.

„Dich? Gewiss!“, war die ruhige Antwort. „Du willst ja ein Seemann werden!“

Nun war es ausgesprochen, was Hans schon längst auf dem Herzen hatte. Nun sollte er die Probe bestehen, ob er zu dem Beruf taugte, der ihm fast unbewusst, ganz im Stillen lieb geworden war während dieser langen Reise.

Und er bestand sie gut!

O es war ein wirklicher, heftiger, gefährlicher Sturm, nicht so ein harmloser Wind, den die Landratten gern einen Sturm nennen.

Hans war keine Landratte mehr! Flink, geschickt, mit klopfendem Herzen, äußerlich aber ganz ruhig, leistete er den Seeleuten allerhand kleine Dienste, stand fest auf den schwankenden Brettern und blickte mit glänzenden Augen in die wilden Wellen hinaus.

Ja, ein Sturm war furchtbar, aber wenn man sich in Gottes Schutz gab, war er auch schön.

Zum Glück währte er nicht lange, und als die hochgehende See sich etwas beruhigte, da lag das ersehnte Land vor den Augen der Auswanderer.

Nun ging’s ans Zurüsten für die Landung. Der Kapitän hatte so viel zu tun, dass er sagte, er möchte überall sein, und doch hatte er noch Zeit für Hans.

„Nun, Junge, jetzt wirst du bald den Pflug führen im neuen Vaterland.“

„Nimmer!“, rief der Knabe, die Hände bittend erhebend. „O behalten Sie mich! Lassen Sie mich ein Seemann werden!“

Da lachte der brave Mann, legte dem Buben die Hand auf den Kopf und sprach:

„Ja, in Gottes Namen! Du sollst ein wackerer Seemann werden. Ich hab dich beobachtet die ganze Zeit, und ich weiß: Gott will es!“

„O wie herrlich! Darf ich Ihnen dienen als Schiffsjunge?“

„Nein, du sollst was Besseres werden. Siehe, ich bin kinderlos! Du sollst mir ein Sohn sein, denn ich hab dich liebgewonnen, schon am Weihnachtstag. Du sollst die Seemannsschule besuchen in der Hafenstadt, die dort in der Ferne vor uns liegt.

Dein Vater wird sich in der Nähe ansiedeln; ich werde ihm dazu helfen. Ist’s so recht?“

Und ob es recht war!

Mit Freudentränen hing er am Hals des guten Mannes; auch die Eltern traten herzu und teilten sein Glück.

Er ward ein eifriger Schüler, ein schmucker Seekadett, ein mutiger Offizier und endlich wirklich der geehrte Kapitän eines schönen, großen Auswandererschiffes.

Viele, viele Reisen übers weite Meer hat er gemacht, aber die liebsten waren ihm die Winterfahrten, da man an Bord Weihnachten feierte.

2. Auf dem Christmarkt

„Fröhlich soll mein Herze springen

Dieser Zeit, da voll Freud

Alle Engel singen.

Hört, hört, wie mit vollen Chören

Alle Luft laut ruft:

Christus ist geboren!“

 

So sang eine helle Knabenstimme auf der stillen Straße in der Vorstadt.

Der gute Junge kam etwas zu früh mit seiner Weihnachtsfreude, denn es war erst Anfang November. Der Himmel war grau und trübe und die ersten Schneeflocken wirbelten in der Luft. Leichtfüßig sprang er dahin, das Schulränzchen auf dem Rücken, ein großes Zeichenbrett unter dem Arm.

Man musste ihm gut sein, wenn man ihn nur ansah. Aus den hellen Augen, der hohen, offenen Stirn und dem freundlichen Mund sprach ein frisches, liebreiches Herz. Eben fing er den zweiten Vers seines Liedes an:

„Heute geht aus –“

„Rudolf, Rudolf!“, rief eine Stimme hinter ihm. „Sing doch nicht auf der Straße, schäme dich doch!“

Es war seine Schwester, die ihn eilig laufend einholte.

„Wie kannst du nur so laut singen, wo alle Leute es hören? Und noch dazu dieses Lied, jetzt, wo nach lange nicht Weihnachten ist?“

„Ja, siehst du, Hannchen, ich freue mich eben so sehr auf Weihnachten, und da fing ich an zu singen und zu springen, ohne dass ich’s recht wusste.“

„Wie kannst du dich nur freuen?“, tadelte die Schwester. „Du bist doch recht leichtsinnig. Siehst du nicht, wie traurig die Mutter immer noch ist? Denke nur, wie schrecklich es am letzten Christabend war; diesmal wird’s auch nicht viel besser werden.“

„Ja, voriges Jahr“, sagte Rudolf, „da war ja der Vater erst vor vier Wochen gestorben; da haben wir ja alle sehr geweint am Weihnachtsabend. Aber diesmal muss es wieder schön werden, sonst kann ich’s nicht aushalten.

Ich denke immer, dem Vater wird’s im Himmel sehr gut gefallen. Da ist er nie mehr krank, muss nicht husten, nicht bis in die Nacht hinein arbeiten.

Und weißt du, er hatte doch nichts lieber als schöne Bilder. Wenn ich mit ihm ging, haben wir oft so lange vor dem Laden gestanden, wo die großen Bilder aushängen. Da konnte er gar nicht wieder weg, besonders nicht von den schönen Christusbildern.

Wie froh wird er nun sein, wenn er den Heiland selber sieht und den lieben Gott und alle die schönen, glänzenden Engel.“

„Das ist wohl wahr“, entgegnete das Mädchen nachdenklich, „aber uns hilft das nichts. Wir bleiben doch arm und verlassen und haben keinen Vater mehr.“

»Aber Hannchen, wir haben ja den lieben Gott, der sorgt für uns! Und es ist so hübsch auf der Welt, und alle Leute sind so gut! Und zuletzt kommen wir ja auch in den Himmel, dann sind wir wieder beisammen.“

„Es ist doch wahr, was die Mutter sagt“, meinte Hannchen kopfschüttelnd, „du bist eben leichtsinnig!“

Unter diesem Gespräch waren die Kinder in ein großes Haus eingetreten und vier Treppen hinaufgestiegen. Sie öffneten eine der vielen Türen, die sich auf dem Flur befanden, und traten in eine freundliche Dachstube.

Hübsche weiße Vorhänge schmückten die hellen Fenster, die Möbel waren einfach, aber wohlerhalten, und an den Wänden hingen viele kleine Bilder.

Auf einem Tritt am Fenster saß eine ernste, blasse Frau, eifrig mit Sticken beschäftigt. Sie sah nur wenig von ihrem Rahmen auf, als die Kinder eintraten.

Rudolf aber sprang auf sie zu, umfasste sie mit beiden Armen und rief:

„Guten Tag, Mutterle; ich freu mich so, dass ich dich wiedersehe! Weißt du auch, was der Zeichenlehrer heute gesagt hat? Er hat gesagt, ich wär’ ein ganzer Kerl! Das ist sein allerhöchstes Lob.

Und, Mutterle, in sieben Wochen ist Weihnachten; wir haben’s uns in der Schule ausgerechnet. Nicht wahr, diesmal weinst du nicht mehr?“

Die Mutter duldete die Liebkosung des Knaben, jedoch ohne sie zu erwidern; dann aber sagte sie ernst:

„Rudolf, ich sage dir’s ein für allemal, sprich nicht vom Weihnachtsabend. Ich kann euch nichts bescheren; ich kann kaum genug verdienen, um Nahrung und Kleidung zu beschaffen. Seit der Vater tot ist, ist’s mit solchen Freuden für euch aus.“

Betrübt wandte sich der Knabe ab, wurde aber sogleich wieder erheitert durch den Anblick des Tisches, auf den Hannchen drei Tassen, Brot und ein Töpfchen mit Sirup gestellt hatte.

Eben nahm sie die tönerne Kaffeekanne aus der Ofenröhre, und alle drei setzten sich zum Vesperbrot nieder. Aber nur Rudolf genoss es mit sichtlichem Wohlbehagen; Hannchens Gesicht trug schon den sorgenvollen Ausdruck, der auf den Zügen der Mutter lag und doch so gar nicht für ein Kindergesicht passte. Fast vorwurfsvoll ruhten die Blicke der Mutter und Schwester auf dem fröhlichen, munteren Knaben, der es jedoch gar nicht zu bemerken schien.

Als das Mahl beendet und die Lampe angezündet war, holte die Mutter ihren Stickrahmen und Hannchen ihr Strickzeug herbei; Rudolf aber fing an zutraulich zu plaudern:

„Weißt du auch, Hannchen, warum ich vorhin ein Weihnachtslied sang?“

„Warum denn?“

„Wir hatten in der Schule so viel von Weihnachten geredet. Viele Jungen wollen nämlich Sachen machen und sie auf dem Christmarkt verkaufen. Du weißt doch, wie viele Kinder da immer an den Straßen sitzen mit kleinen Tischen vor sich und allerhand Sächelchen drauf, und abends ein buntes Laternchen dabei. 0, das hat mir immer so gefallen!

Und da dachte ich“, fuhr er zögernd fort, „ob wir das nicht dies Jahr auch machen könnten?

O, liebste Mutter, bitte, bitte, lass uns doch!“, rief er aufspringend, ganz begeistert für seine Idee.

Die Mutter antwortete nicht; sie blickte mit traurigen Augen auf die Kinder, und ein Kampf schien in ihrer Seele vorzugehen.

Diesmal aber unterstützte Hannchen den Bruder:

„Es ist auch wahr. Mutter, das solltest du uns tun lassen; wir könnten da gewiss viel Geld verdienen.“

Geld verdienen! Ach, das war das Zauberwort, um das sich alle Gedanken der Witwe drehten.

„So mögt ihr’s versuchen“, sagte sie mit einem Seufzer; „aber es wird euch schwerer ankommen, als ihr denkt. Ihr werdet frieren. Und wer weiß, ob es euch gelingen wird, Käufer anzulocken; ihr seid so etwas nicht gewöhnt.“

„O Mutter“, meinte Hannchen, „ich will schon hübsche Sachen machen: Pappenmützchen und wollene Kinderschuhchen, schöne Buchzeichen und Nadelkissen. Du hast ja so viel bunte Wolle und schöne Läppchen im Schrank. Aber was willst du machen, Rudolf? Pflaumenfeuerrüpel?“

„Nein, gewiss nicht, die sind mir zu hässlich.“

„Vielleicht Ruprechte?“

„Auch nicht, die machen den kleinen Kindern Angst. Ich will nur schöne Sachen machen: goldene Sterne und Kreuze und bunte Ketten an den Christbaum. Und alte Pappkästchen will ich mit bunten Bildchen und goldenen Borten bekleben; wir haben ja noch so viele schöne Sachen vom Vater her. 0, und vielleicht mache ich noch was Schöneres; das sag ich aber niemand.“

Die Kinder hatten noch viel zu sprechen über ihren großen Plan; selbst als sie zu Bett gegangen waren, hörte die Mutter noch lange die flüsternden Stimmen.

Endlich legte auch sie die Arbeit weg und trat in die Kammer. Der Lampenschein fiel auf Rudolfs Gesicht; sie blieb stehen und betrachtete lange den schlafenden Knaben.

Wie ähnlich war er doch seinem Vater! Ja, der war auch immer fröhlich und zufrieden gewesen und hatte noch von seinem bescheidenen Einkommen mit vollen Händen den Armen gegeben, wo er nur konnte.

Gewiss, er hatte fleißig gearbeitet und treu für alles gesorgt, solange er gesund war. Aber selbst als er kränklich wurde und nur noch wenig verdienen konnte, hatte ihn sein Frohsinn nicht verlassen. Als während seiner letzten Krankheit die kleinen Ersparnisse aufgezehrt wurden, sagte er oft zu der zagenden Frau:

„Lass doch Gott sorgen; der die Vöglein nährt und die Lilien kleidet, wird auch euch nicht verlassen!“

Und so war er gestorben; heiter und geduldig bis zuletzt, war er sanft eingeschlafen wie ein müdes Kind. Und der Junge? Ja, der hatte denselben Leichtsinn geerbt. Er merkte gar nicht, dass seit des Vaters Tode die Kost geringer, die Kleidung ärmlicher war. Er fand alles gut und schön.

Hannchen war ganz anders. Sie stimmte in die Klagen der Mutter ein, sie fühlte den Unterschied zwischen sonst und jetzt und sah ein, dass es aus war mit Freude und Lust, und nichts mehr übrig als Arbeit, Sorge und Entbehrung.

So dachte die arme Frau. Solange es ihr wohl ging an der Seite des frommen und fleißigen Mannes, war sie wohl auch äußerlich fromm gewesen, hatte mit ihm gebetet, war mit ihm zur Kirche gegangen; aber im Herzen hatte sie sich doch auf ihren eigenen Fleiß und ihre Rechtschaffenheit verlassen und nicht auf Gottes Gnade. Und nun, da sie allein zurückbleiben musste mit den Kindern, hatte sich ihr Herz in Bitterkeit verschlossen.

Von Natur zum Trübsinn geneigt, meinte sie nun allein für alles sorgen zu müssen, und dachte an nichts mehr als an Arbeit und Mühe, um das irdische Leben zu fristen. Sie hatte keine Zeit mehr, den Sonntag zu feiern; denn niemand sollte merken, dass sie arm war. Sie arbeitete von früh bis in die Nacht, um es zu verbergen.

Aber seit einiger Zeit fühlte sie sich matt, und die feine Arbeit schadete ihren Augen. Was sollte werden, wenn sie krank würde?

Darum hatte sie auch heute den Kindern ihre Bitte gewährt. Es wurde ihr schwer, dass sie sich öffentlich unter die Kinder der Armen mischen sollten; aber sie hoffte, es werde sie niemand kennen, und sie mussten doch bald anfangen, Geld zu verdienen.

 

Ein geschäftiges Treiben begann nur im Stübchen der Witwe; die Kinder benutzten jede freie Stunde zu ihren Arbeiten.

Unter Hannchens geschickten Händen entstanden eine Menge zierlicher Puppensachen, selbst Kindermützchen und kleine Strümpfchen. Ausdauernd und unverdrossen arbeitete das elfjährige Mädchen, ohne jedoch besondere Freude an den fertigen Sachen zu haben. Sie konnte sie ja doch nicht behalten, sie waren ja nur zum Verkauf bestimmt.

Ganz anders arbeitete Rudolf. Wenn er einen Stern oder ein buntes Kästchen fertig hatte, konnte er sich nicht satt daran sehen, beleuchtete und betrachtete es immer wieder und machte täglich neue und schönere Erfindungen.

Dazwischen sah er oft nachdenklich nach einem schönen Bilde in hübsch vergoldetem Rahmen, das über dem Sofa hing. Es stellte das Christuskind in der Krippe dar, umgeben von anbetenden Engeln. Der Vater hatte es einst am Weihnachtsabend mitgebracht, und jedes Jahr hatte es wieder unter dem Christbaum gestanden zum Entzücken der Kinder.

 

An einem Mittwochnachmittag, wo keine Schule war, befanden sich die Kinder allein zu Hause. Die Mutter war schon am Morgen ausgegangen, um den Tag über bei fremden Leuten zu nähen und auszubessern. Sie tat das selten und ungern; aber sie musste sich dazu entschließen, um ihre Augen nicht immer mit der feinen Stickarbeit anzustrengen.

An solchen Tagen versorgte Hannchen mit großer Wichtigkeit den kleinen Haushalt. Wenn sie dann den Reisbrei oder die Kartoffelsuppe auf den Tisch brachte, lobte Rudolf ihre Kochkunst so sehr und erzählte beim Essen so viel Lustiges aus der Schule, dass das kleine Mädchen selbst mit auftaute und man das muntere Lachen der beiden Kinder bis auf den Flur hören konnte.

Heute aber hatte er es sehr eilig, nur mit essen fertig zu werden, und konnte kaum erwarten, dass Hannchen den Tisch wieder abräumte.

„Ich will diesen Nachmittag recht benutzen“, sagte er, „und noch was Wunderschönes machen. Ich will das Christkind von dem Bild abmalen und alle die schönen Engel, jede Figur einzeln.

Dann will ich alles ausschneiden und auf ein Brettchen bauen. Dann leg ich Moos darum und mach eine Laube von Tannenzweigen darüber; das muss so schön werden, dass sich alle Menschen darüber freuen.“

„Das kannst du leichter haben“, meinte Hannchen; „es gibt ja Bilderbogen, wo das alles drauf ist, da brauchst du’s nicht erst zu malen.“

„Nein, das mag ich nicht. Auf dem Bilderbogen ist das Christkind ganz klein und gar nicht schön; ich will es aber so herrlich malen, ganz so, wie ich denke, dass es wirklich ausgesehen hat.“

Das klang ja wohl anmaßend von dem zehnjährigen Knaben; aber Gott hatte ihm eine Gabe gegeben, von der ...

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