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Vor Prozessbeginn

tredition


Ein Richter, ein Sachverständiger und der Angeklagte bereiten sich auf die Eröffnung des Strafprozesses vor. Grundlage ist das forensisch-psychologische Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten Ünsal, das den Tathergang und die Hintergründe des Beziehungsdramas zwischen Ünsal und Jari (Opfer) beleuchtet.

Krumer, der Richter, erwartet von dem Gutachten Hinweise auf urteilsrelevante Fragen und Antworten.

Ein Tötungsvorsatz lässt sich nicht finden. Weder aus den Umständen noch aus der Art der Tötung kann eine verminderte Schuldfähigkeit noch gar eine fehlende Schuld abgeleitet werden.

Ünsal stellt bei der Lektüre des über ihn erstatteten Gutachtens fest, dass er seine Erwartungen an einem Daueraufenthalt in Deutschland, seine familiären Beziehungen und das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber auf der Grundlage von Illusionen realisiert hatte. Er bekennt sich, Jari in dessen Auto erwürgt zu haben, weil dieser Garantien für die Rückzahlung eines erstattlichen Darlehens haben wollte. Ünsal war weder bereit, dieser Garantieforderung nachzukommen, noch hätte er gar Möglichkeiten gehabt, das Geld zurückzuzahlen. Ein homophiles Beziehungsverhältnis zwischen ihm und seinem Opfer wird von Ünsal nicht in Abrede gestellt.

Die Vorbereitungen des Sachverständigen beziehen sich auf die Rekonstruktion der psychologischen Untersuchungsbefunde und -bedingungen. Aus diesen Informationen eröffnet sich Ünsals Persönlichkeitsentwicklung vor dem Hintergrund seiner familiären und kulturellen Besonderheiten. Diese Reflexionen machen deutlich, dass Ünsal kein eiskalter Täter ist, sondern einerseits emotionale Wärme sucht und andererseits einen komfortablen Lebensstil zu verwirklichen sucht. Dieser Konflikt wird Ünsal letztlich zum Verhängnis, weil er dafür weder die materiellen Voraussetzungen hat noch die Aufrichtigkeit gegenüber seinen Bezugspersonen aufbringt.

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Für Anson trifft wohl am meisten zu, dass er sich gedanklich „zwischen den Welten“ bewegt: Er will verbinden und polarisiert. Er will Verständnis wecken und überzeichnet in seiner Darstellung. Er verfasst Expertisen bzw. Novellen und lässt sich auf einen Diskurs ein. Er schreibt Belletristik und vermittelt in seinen Texten, die deutliche Züge von Essays tragen, Faktisches sowie Denk- und Glaubensstrukturen gleichermaßen. Am ehesten kann man das aus seiner Feder Stammende als Bildungsliteratur begreifen.

Die wahrscheinlichste aller Erklärungen für

seine Themen und seinen Stil kann wohl darin gefunden werden, dass Anson in seinem Hauptberuf Wissenschaftler ist, der sich mit Störungen der Seele beschäftigt, also mit gesellschaftlichen Tabus und

ihrem individuellem Leiden daran. Darüber schreibt er. Das beschreibt er. Seine Art, die Themen anzugehen, die Analytik ihrer Bearbeitung und die Zwangsläufigkeit der Konsequenzen sind von einer solchen Schärfe, dass der Leser gelegentlich zurück

blättert und den Text nochmals nachliest. Er möchte in diese Auseinandersetzung zwischen Schuld und Milde eingreifen. Der Autor aber führt den Leser gleichsam wie ein Regisseur seine Akteure und macht

ihn – in Abhängigkeit von der jeweils eingenommenen Perspektive - mal zum Ankläger, dann zum Richter und nicht nur einmal zum Sachverständigen.

Das unterscheidet den 1941 geborenen Anson von anderen Autoren: Keine reißerischen Übergriffe, die Neugier oder Bedürfnis zur Imitation wecken; kein Klagen und kein Glorifizieren der Akteure,

Außenseiter zu sein; keine einseitigen Hirten- oder Richterattituden!

Der Autor greift Themen auf wie Suche nach einem Sinn, Glaube und Religion auf der einen Seite und gleichgeschlechtliche Zuneigung, Abwehr und Verachtung auf der anderen Seite. Lösungen zu suchen und zu finden überlässt der Autor seinen Lesern. Ihm obliegt es, ein Psychogramm auf verschiedenen Ebenen zu entwerfen.

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